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    <title>Christoph predigt</title>
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    <description>Predigten von Pfarrer Christoph Fischer, Gäufelden</description>
    <lastBuildDate>Wed, 03 Jun 2026 20:03:00 GMT</lastBuildDate>
    <pubDate>Wed, 03 Jun 2026 20:03:00 GMT</pubDate>
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      <title>Christoph predigt</title>
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    <language>de</language>
    <copyright>(c) Christoph Fischer</copyright>
    <managingEditor>chris@toph.de (Christoph Fischer)</managingEditor>
    <category>Religion &amp; Spirituality / Christianity</category>
    <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
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      <itunes:name>Christoph Fischer</itunes:name>
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      <category>Religion &amp; Spirituality</category>
    
      <category>Christianity</category>
    
    
      
      
      
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        <title>Nett</title>
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        <pubDate>Sun, 31 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>So viele Menschen erwarten einen strengen Gott. Der alte Segen Israels erzählt etwas ganz anderes. Er zeigt das Gesicht Gottes – freundlich, gnädig, zugewandt. Und in Jesus bekommt dieses Gesicht Konturen</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn.</p>
<p>So hatten sie sich das nicht vorgestellt: Jeden Tag dasselbe! &quot;Ba-Midbar&quot;, &quot;In der Wüste&quot;, heißt das Buch der Bibel, aus dem wir heute lesen. Es folgt als &quot;4. Mose&quot; auf die Erzählung von Gott, der sein Israel aus der Sklaverei befreit. Der das Meer für sie teilt und das Heer der Feinde schlägt. Der Wasser aus dem Felsen fließen lässt und seinem Volk am Sinai begegnet. Einen ewigen Bund verspricht er dort. Und &quot;ein Land, in dem Milch und Honig fließen.&quot; Dafür sind sie losgezogen. Im Vertrauen auf ihn, der Wolken- und Feuersäule seiner mächtigen Taten nach. Voll Hoffnung.</p>
<p>Und jetzt das. In der Wüste. Irgendwo sind sie falsch abgebogen. Nicht wörtlich, sondern in ihrer Nachfolge Gottes. Eine ganze Generation findet nicht Milch und Honig, sondern nur: Wüste. Jeden Tag. Immer dasselbe. Zermürbender Alltag.</p>
<p>Und die Frage: Wo ist Gott?</p>
<p>Oder besser: Wie ist Gott? Wie schaut er uns an, hier, auf unseren Wüstenwegen?</p>
<p>Aus dem Buch Numeri, &quot;Ba-Midbar&quot;, &quot;4. Mose&quot;, aus dem 6. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Gott sagte zu Mose:</p>
<p>Sag zu Aaron und zu seinen Söhnen:</p>
<p>So sollt ihr die Menschen von Israel segnen.</p>
<p>Sagt zu ihnen:</p>
<p>Der HERR segne dich.
Der HERR behüte dich.</p>
<p>Der HERR schaue dich freundlich an.
Der HERR sei gut zu dir.</p>
<p>Der HERR wende sich dir zu.
Der HERR schenke dir Frieden.</p>
<p>So sollen sie meinen Namen auf die Menschen von Israel legen.</p>
<p>Dann werde ich sie segnen.
(Numeri 6,22-27; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>So hattest du dir das nicht vorgestellt.</p>
<p>Den Alltag. Den Beruf. Die Ehe. Familienleben. Gesundheit. Die Welt. Die Zukunft.</p>
<p>So hattest du dir das nicht vorgestellt.</p>
<p>Du bist aufgebrochen mit Hoffnungen. Die Welt lag dir zu Füßen. Die Zukunft wartete. Große Versprechen.</p>
<p>Und irgendwann merkst du: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Realität fühlt sich ganz anders an.</p>
<p>Jeden Tag dasselbe. Wüste?</p>
<p>So fühlt es sich jedenfalls manchmal an.</p>
<p>Wüste.</p>
<p>Auch im Oberen Gäu.</p>
<p>Wüste. Und die Frage: Wo ist Gott?</p>
<p>Oder besser: Wie ist Gott?</p>
<p>Du gehst in die Kirche. Sagt dir das überhaupt noch etwas? Manche Predigt zieht an dir vorbei. Wieder nur Worte. Nichts davon greift wirklich.</p>
<p>Am Ende bleibt vielleicht nur das: Diese einfachen paar Sätze am Ende.</p>
<p>Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.</p>
<p>Nur das.</p>
<p>Vielleicht reicht das auch.</p>
<p>Wenn wir über Gott reden, dann fallen schnelle große Worte: Allmacht. Ewigkeit. Wir philosophieren über den, den wir nicht sehen. Den wir nicht einmal mit unseren Gedanken erfassen können. Unendlich. Ewig. Dreieinig. Spätestens da hört es auf.</p>
<p>Der Segen tut nichts davon. In ganz einfachen Worten tut er stattdessen etwas Unglaubliches: Er zeigt uns das Gesicht des unsichtbaren Gottes.</p>
<p>Gott schaut uns an.</p>
<p>Gott schaut dich an.</p>
<p>Beim Segen wird es ganz persönlich. &quot;Du&quot; stehst vor Gott. &quot;Du&quot; schaust in sein Angesicht. Nicht als Teil einer anonymen Masse. Beim Segen geht es um Gott und &quot;dich&quot;.</p>
<p>Gott schaut dich an.</p>
<p>Wie schaut er denn?</p>
<p>Manche erwarten jetzt den strengen Blick. Wenn vor Gottes Allwissenheit nichts verborgen bleibt. Wenn selbst das Geheimste ans Licht kommt. Das, was du nie jemandem zeigen würdest. Du kennst das aus Alpträumen, wenn die Maske fällt und du schutzlos vor allen stehst.</p>
<p>Gott schaut dich an.</p>
<p>Sicher bewertet er alles. Kontrolliert die Qualität deines Lebens. Ist er jetzt zornig? Mindestens doch enttäuscht. Er hätte mehr erwartet.</p>
<p>Manche erwarten gar nichts. Sie haben verlernt, sich Gott überhaupt irgendwie persönlich vorzustellen.</p>
<p>Gott schaut dich an.</p>
<p>Er schaut dich freundlich an.</p>
<p>Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.</p>
<p>So viele haben nie gelernt, Gott so zu sehen.</p>
<p>Freundlich.</p>
<p>Zugewandt.</p>
<p>Kannst du das glauben?</p>
<p>Gott ist nett!</p>
<p>Ich frage deshalb: Weil viele von uns gelernt haben, etwas anderes zu erwarten.</p>
<p>Auch mir fällt es nicht jeden Tag leicht, das anzunehmen.</p>
<p>Manchmal glaube ich gerade das Gegenteil.</p>
<p>Der Herr schaut dich freundlich an.</p>
<p>Er bleibt stehen. Er wendet sich dir zu. Er zeigt dir sein Gesicht.</p>
<p>Du siehst hin. Du siehst in an.</p>
<p>Offen. Freundlich. Interessiert an dir.</p>
<p>Gott ist nett!</p>
<p>Das ist es, was du entdecken darfst:</p>
<p>Gott segnet dich.</p>
<p>Er hält nicht zurück. Er gönnt dir das Leben. Er freut sich, wenn es dir gut geht. Gott ist für dich.</p>
<p>Er gibt nicht knausrig. Er gibt gerne.</p>
<p>Gott segnet dich.</p>
<p>Gott behütet dich.</p>
<p>Wie Eltern, die nachts aufstehen, weil ihr Kind weint. Wie eine Hand, die festhält, wenn jemand stolpert. Ein Arm, der sich um dich legt, damit du ruhig wirst.</p>
<p>Er lässt dich nicht fallen.</p>
<p>Gott behütet dich.</p>
<p>Gott schaut dich freundlich an.</p>
<p>Wenn du in ihn anschaust, siehst du nur Güte.</p>
<p>Und plötzlich erkennst du diese Züge.</p>
<p>Plötzlich weißt du, wo das schon gesehen hast.</p>
<p>In seinen Augen siehst du... Jesus.</p>
<p>Nie hat sich Gott deutlicher gezeigt als in ihm.</p>
<p>Er kommt zu uns. Der unendliche Gott macht sich ganz klein.</p>
<p>Er kommt auf Augenhöhe.</p>
<p>Er kniet sich hinein in seine Welt.</p>
<p>Er krempelt die Ärmel hoch und nimmt unser Leben auf sich.</p>
<p>Ein Mensch. Wie du.</p>
<p>Er ist sich nicht zu fein für all das Schwere.</p>
<p>Er trägt es alles.</p>
<p>Last. Angst. Schuld. Einsamkeit.</p>
<p>Selbst das Sterben.</p>
<p>Gottes Freundlichkeit ist teuer: Sie kostet ihn das Kreuz.</p>
<p>Er zeigt, ohne Grenzen und Einschränkungen:</p>
<p>Gott ist für dich.</p>
<p>Gott hat dich gern.</p>
<p>Schau auf Jesus.</p>
<p>Gott schaut dich freundlich an.</p>
<p>Er ist dir gnädig.</p>
<p>Gott lässt dich gelten.</p>
<p>Er rechnet nicht ab.</p>
<p>Er fragt nicht, ob du würdig bist. Was du geleistet hast. Was du darstellst.</p>
<p>Gott hält dir deine Schuld nicht ständig vor.</p>
<p>Du hast Fehler gemacht?</p>
<p>Gott schlägt sie dir nicht um die Ohren.</p>
<p>Du bist gescheitert?</p>
<p>Gott schreibt dich nicht ab.</p>
<p>Du musst vor Gott nicht perfekt sein.</p>
<p>Er ist gnädig.</p>
<p>Er schenkt. Gerne.</p>
<p>Und mehr, als du dir selbst geben kannst.</p>
<p>Er ist dir gnädig.</p>
<p>Er wendet sich dir zu.</p>
<p>Das ist mehr noch als ein Blick.</p>
<p>Man kann dich anschauen und trotzdem auf Distanz bleiben.</p>
<p>Schau auf Jesus.</p>
<p>Da siehst du Gottes Körpersprache.</p>
<p>Er kommt näher.</p>
<p>Er bleibt nicht auf Abstand.</p>
<p>Er lässt dich nicht allein.</p>
<p>Er bleibt nicht bei sich.</p>
<p>Er kommt dir entgegen.</p>
<p>Er nimmt Anteil.</p>
<p>Er hört zu.</p>
<p>Er bleibt.</p>
<p>Wenn du fällst, geht er nicht weiter.</p>
<p>Wenn du weinst, schaut er nicht weg.</p>
<p>Wenn du rufst, dreht er sich nicht um.</p>
<p>In Jesus siehst du Gottes offene Arme.</p>
<p>Er wendet sich dir zu.</p>
<p>Ganz.</p>
<p>Mit seiner ganzen Aufmerksamkeit.</p>
<p>Mit seinem ganzen Herzen.</p>
<p>Er wendet sich dir zu.</p>
<p>Er gibt dir Schalom.</p>
<p>Nicht nur &quot;Frieden&quot;.</p>
<p>Schalom.</p>
<p>Ein großes Wort.</p>
<p>Ein heiles Leben.</p>
<p>Ein Leben, das nicht ständig zerreißt.</p>
<p>Ein Leben im Einklang.</p>
<p>Mit Gott.</p>
<p>Mit anderen.</p>
<p>Mit dir selbst.</p>
<p>Schalom ist mehr als mein innerer Frieden.</p>
<p>Es ist Gottes Traum für diese Welt.</p>
<p>Er gibt dir Schalom.</p>
<p>Wenn Gott dich segnet.</p>
<p>Wenn Gott dich behütet.</p>
<p>Wenn Gott dich freundlich anschaut.</p>
<p>Wenn Gott dir gnädig ist.</p>
<p>Wenn Gott sich dir zuwendet.</p>
<p>Dann wächst etwas in deinem Leben.</p>
<p>Frieden.</p>
<p>Schalom.</p>
<p>Wo wir so angesehen werden,</p>
<p>können wir auch anders aufeinander schauen.</p>
<p>Nicht alles wird leicht.</p>
<p>Nicht alles wird gut.</p>
<p>Aber du bist nicht mehr allein.</p>
<p>Er gibt dir Schalom.</p>
<p>Menschen können Schalom nicht machen.</p>
<p>Das wächst, wo Gottes Freundlichkeit dir begegnet.</p>
<p>Gott gibt nicht einfach Frieden.</p>
<p>Er setzt Menschen in den Frieden hinein.</p>
<p>Wie eine Mutter ihr Kind auf den Arm nimnmt.</p>
<p>So setzt Gott dich in seinen Frieden hinein.</p>
<p>Schalom ist das, was entsteht, wenn Gott wirklich so ist, wie der Segen ihn beschreibt:</p>
<p>Für dich.</p>
<p>Freundlich.</p>
<p>Gnädig.</p>
<p>Zugewandt.</p>
<p>Die Wüste verschwindet nicht.</p>
<p>Manche Wüsten suchen wir uns nicht aus.</p>
<p>Israel war vierzig Jahre dort. Eine ganze Generation.</p>
<p>Auch wir bleiben in unseren offenen Fragen.</p>
<p>Doch hier wie dort leuchtet plötzlich etwas auf.</p>
<p>Keine großen Konzepte.</p>
<p>Keine leeren Worthülsen.</p>
<p>Keine komplizierten Erklärungen.</p>
<p>Sondern einfach: Ein nettes Gesicht.</p>
<p>Gott ist für dich.</p>
<p>Gott schaut dich freundlich an.</p>
<p>Gott wendet sich dir zu.</p>
<p>Gott setzt dich in seinen Frieden hinein.</p>
<p>Das ist eine Hoffnung, die der Realität standhält. Genau deshalb trägt dieser uralte Segen Menschen seit Jahrtausenden.</p>
<p>Denn am Ende heißt es nicht:</p>
<p>&quot;So sollen sie hoffen, dass ich sie segne.&quot;</p>
<p>Sondern:</p>
<p>&quot;Dann werde ich sie segnen.&quot;</p>
<p>Gott selbst verspricht es.</p>
<p>Sein Name steht dafür.</p>
<p>Wie ein Siegel wird er auf dich gelegt.</p>
<p>Das ist nämlich der Clou des Segnens:</p>
<p>Der Segen ist nicht bloß ein schönes Wort über Gott.</p>
<p>Er ist Gottes eigenes Wort an dich.</p>
<p>Wenn du ihn hörst, auch heute wieder, dann hörst du mehr als alte Worte.</p>
<p>Gott schaut dich an.</p>
<p>Wie schaut er denn?</p>
<p>Vielleicht kannst du das heute entdecken:</p>
<p>Freundlich.</p>
<p>Gnädig.</p>
<p>Zugewandt.</p>
<p>Nett.</p>
<p>Für dich.</p>
<p>Amen.</p>
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        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>So viele Menschen erwarten einen strengen Gott. Der alte Segen Israels erzählt etwas ganz anderes. Er zeigt das Gesicht Gottes – freundlich, gnädig, zugewandt. Und in Jesus bekommt dieses Gesicht Konturen</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wie Gott dich anschaut</itunes:subtitle>
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        <title>Atem Gottes</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/atem-gottes/</link>
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        <pubDate>Sun, 24 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Pfingsten klingt nach Sturm und Feuer. Doch das eigentliche Wunder geschieht anders: Menschen verstehen einander. Trotz aller Unterschiede. Trotz Angst und Sprachlosigkeit. Was geschieht, wenn Gottes Geist neue Worte, neuen Mut und neues Leben in diese Welt atmet?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn.</p>
<p>Geliebte Gottes, hört den Predigttext für den Pfingstsonntag. Wir hören ihn aus der Apostelgeschichte, aus dem 2. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Das Pfingstfest kam.
Alle Jünger:innen waren zusammen. An einem Ort.</p>
<p>Plötzlich kam vom Himmel ein starkes Geräusch. Wie ein heftiger Sturm. Das Geräusch erfüllte das ganze Haus. Dort saßen die Jünger:innen.</p>
<p>Sie sahen etwas wie Feuerflammen. Die Flammen verteilten sich. Auf jede Person setzte sich eine Flamme.</p>
<p>Gottes heilige Geistkraft erfüllte alle.
Sie fingen an, in anderen Sprachen zu reden.
Gottes Geistkraft gab ihnen die Worte.</p>
<p>In Jerusalem lebten jüdische Menschen.
Sie kamen aus der ganzen Welt.
Sie glaubten an Gott.</p>
<p>Viele Menschen hörten das Sturmgeräusch.
Sie kamen zusammen.
Sie wussten nicht, was sie denken sollten.
Jede Person hörte die Jünger:innen in der eigenen Sprache reden.</p>
<p>Die Menschen staunten.
Sie sagten:
„Alle diese Menschen kommen doch aus Galiläa?</p>
<p>Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.</p>
<p>Wir kommen aus vielen Ländern. Manche kommen aus Mesopotamien. Andere kommen aus Judäa. Andere aus Kappadozien. Aus Pontus. Aus der Provinz Asien.</p>
<p>Andere kommen aus Phrygien und Pamphylien. Andere aus Ägypten und Libyen bei Kyrene. Auch Menschen aus Rom sind hier.</p>
<p>Hier sind jüdische Menschen. Hier sind Menschen, die zum jüdischen Glauben gekommen sind. Leute aus Kreta. Und Araber. Wir hören die Jünger:innen in unseren eigenen Sprachen reden. Sie erzählen von den großen Taten Gottes.“</p>
<p>Alle staunten. Und sie wussten nicht weiter. Sie fragten sich: „Was soll das werden?“</p>
<p>Andere Menschen machten sich lustig.
Sie sagten: „Die sind betrunken.“</p>
<p>Petrus trat vor die Menschen.
Die elf anderen Apostel standen bei ihm.
Petrus rief laut:
„Jüdische Menschen! Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht.“</p>
<p>Petrus sagte:
Ihr denkt: Diese Menschen hier sind betrunken. Das sind sie nicht. Es ist doch erst früh am Morgen.</p>
<p>Nein! Jetzt geschieht das, was der Prophet Joel gesagt hat.</p>
<p>Gott sagt:
„Die letzten Tage kommen.
Ich gieße meine Geistkraft über alle Menschen aus.
Eure Kinder werden Propheten sein.
Junge Menschen werden Visionen haben.
Alte Menschen werden träumen.“</p>
<p>Gott sagt:
„Sogar über Sklav:innen gieße ich meine Geistkraft aus.
Auch sie reden prophetisch.“</p>
<p>Gott sagt:
„Ich zeige Wunder am Himmel.
Ich zeige Zeichen auf der Erde.
Man wird Blut sehen.
Feuer und Rauchwolken.“</p>
<p>Gott sagt:
„Die Sonne wird dunkel.
Der Mond wird rot wie Blut.
Dann kommt der Tag Gottes.
Ein großer Tag!
Ein herrlicher Tag!“</p>
<p>Gott sagt:
„Alle Menschen können meinen Namen anrufen.
Sie werden gerettet.“</p>
</blockquote>
<p>&quot;Was ist denn hier los?&quot;</p>
<p>&quot;Was soll das werden?&quot;</p>
<p>Der Sturm hat sie zusammengebracht. Der Sturm, der keiner war. Und doch war er überall zu hören. Er hat sie aus den Häusern gelockt. Auf die Straßen getrieben. Neugierige. Schaulustige.</p>
<p>Was ist da los?</p>
<p>Sie haben keinen Sturm gefunden. Doch das ist nicht das, worüber sie sich wundern.</p>
<p>Sie recken die Hälse. Sie drängen sich durch die Menge nach vorne.</p>
<p>&quot;Sei doch mal leise!&quot;</p>
<p>Da vorne reden welche. Es wird laut. Durcheinander. Ganz viele auf einmal. Wer soll denn da etwas verstehen?</p>
<p>Doch plötzlich... -- alles an Pfingsten ist plötzlich!</p>
<p>Plötzlich hörst du es:
Einer spricht deine Sprache.</p>
<p>Da spricht einer deinen Dialekt. Gäu-Schwäbisch. Oder aus dem Schwarzwald. Von der Alb. Plattdeutsch vielleicht. Oder Sächsisch. Ostpreußisch, wie es manche von den Großeltern noch kennen. Die Sprache deiner Eltern. Deiner Mutter. Die vertrauten Klänge, die dir direkt ins Herz reden. Französisch. Wallon. Litauisch. Persisch. Ukrainisch.</p>
<p>Wie kann das sein?</p>
<p>„Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.“</p>
<p>Das ist vielleicht der wichtigste Satz an Pfingsten.</p>
<p>Nicht das Sturmgeräusch.
Nicht die Feuerflammen.
Nicht das Spektakel.</p>
<p>Sondern das hier:</p>
<p>„Wir verstehen sie.“</p>
<p>Pfingsten beginnt mit einem Wunder des Verstehens.</p>
<p>Das ist gar nicht selbstverständlich.</p>
<p>Menschen reden ständig.
Aber Verstehen ist selten geworden.</p>
<p>Überall.</p>
<p>Das kann man zu Hause am Küchentisch erleben. Auf der Arbeit, in der Pause, im Gespräch mit Menschen, die man eigentlich mag. Der Nachbar vertritt plötzlich seltsame Ansichten. Die Kollegin hat Fragliches im Internet gelesen. Der Onkel meint immer, er weiß, wie sich die Welt verändern muss.</p>
<p>In den politischen Debatten hat jede Seite ihre ganz eigene Sprache. Eigene Begriffe. Eigene Wahrheiten. Wir verstehen uns nicht mehr. Nicht einmal mehr die Angst des anderen.</p>
<p>Auch die Kirche kennt das. Manche reden sehr fromm. Andere können mit dieser Sprache gar nichts anfangen. Worte prallen ab. Oder bleiben leer.</p>
<p>Und manchmal merken wir es sogar im eigenen Leben: Es gibt Dinge, für die uns selbst die Sprache fehlt.
Trauer.
Angst.
Einsamkeit.</p>
<p>Plötzlich...</p>
<p>Bei uns braust nichts. Kein Windrauschen. Keine Feuerflammen. Kein Sprachenwunder.</p>
<p>&quot;O, heil'ger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern...&quot;</p>
<p>Wenn es doch auch bei uns plötzlich brausen würde.</p>
<p>Wenn wir einander verstehen könnten!</p>
<p>„Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.“</p>
<p>Pfingsten.</p>
<p>Genau da beginnt es.</p>
<p>Mit ganz unterschiedlichen Menschen. Herkunft. Prägung. Positionen.</p>
<p>Verschiedene Geschichten.
Verschiedene Sprachen.
Verschiedene Erfahrungen.</p>
<p>Und plötzlich geschieht etwas.</p>
<p>Es braust. Es weht.</p>
<p>Was weht da denn?</p>
<p>Gottes Geistkraft ist am Wirken.</p>
<p>Gottes neue Schöpfung beginnt.</p>
<p>So kennen wir das schon vom Anfang der Bibel: Gott schafft den Menschen, heißt es dort. Und dann bläst er ihm seinen Atem ein.</p>
<p>Lebensatem.</p>
<p>Wind des Lebens.</p>
<p>Geistkraft. Das ist ganz wörtlich, was &quot;Geist&quot; in den alten Sprachen bedeutet.</p>
<p>Gottes Leben, in uns hineingeatmet.</p>
<p>Ein tiefer Luftzug.</p>
<p>Und da - plötzlich! - da ist es:</p>
<p>Unverfügbar, weil Gott selbst das tut.</p>
<p>Unkalkulierbar, weil nur Gott das kann.</p>
<p>Atem Gottes - in uns.</p>
<p>&quot;Was soll das werden?&quot;</p>
<p>&quot;Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht.&quot;</p>
<p>Petrus tritt vor die Menge. Schon hier geschieht etwas Neues, Unglaubliches. Hatten die Jünger:innen sich nicht eben noch versteckt?
Mutlos.
Verängstigt.
Zurückgezogen.
So kurz nach der Kreuzigung Jesu.</p>
<p>Plötzlich hat Gott geatmet.</p>
<p>Geisteskraft.</p>
<p>Auch Petrus atmet freier. Und die um ihn herum.</p>
<p>Geisteskraft.
Geistesmut.
Geistesfreiheit.</p>
<p>&quot;Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht.&quot;</p>
<p>&quot;Jetzt geschieht das, was der Prophet Joel gesagt hat. [...] Gott sagt: „Die letzten Tage kommen. Ich gieße meine Geistkraft über alle Menschen aus.&quot;</p>
<p>&quot;Die letzten Tage...&quot;, das klingt fast bedrohlich. Apokalyptisch. &quot;Das Ende der Welt ist nahe ...&quot;</p>
<p>Im Horizont von Gottes Verheißungen verändert sich der Klang. Die &quot;letzten Tage&quot; sind die, auf die alles hinausläuft. Das Ziel. Die Verwandlung. Die Herrlichkeit. &quot;Am Ende ist Gott alles in allem.&quot;</p>
<p>&quot;Jetzt... die letzten Tage...&quot; -- das heißt: Gottes neue Zeit beginnt. Gottes neues Reich ist angebrochen. Gottes neue Welt kommt ans Licht.
Nicht ohne Schmerzen. Nicht ohne Widerstand der alten Welt. Auch hier nicht ohne Rauch, Blut und Feuer.
Aber das alles überstrahlt der Anbruch des Neuen, das Gott schafft. &quot;Siehe, ich mache alles neu!&quot;
&quot;Die letzten Tage&quot;, das ist das neue Leben, im Licht des Ostermorgens.</p>
<p>Jetzt. Jetzt fängt es an.</p>
<p>Gott atmet seinen Schöpfungsatem neu.</p>
<p>Und er schafft: Neue Menschen.</p>
<p>Wir sagen oft: &quot;Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche.&quot;</p>
<p>Gott gründet keinen Oberkirchenrat. Gott beruft keine Synode ein. Gott startet keine Verwaltungsreform.</p>
<p>Neue Menschen entstehen. Erfüllt von seinem Lebensatem.</p>
<p>Geisteskraft.
Geistesmut.
Geistesfreiheit.</p>
<p>Das ist die Gemeinschaft, die wir &quot;Kirche&quot; nennen.</p>
<p>Gott startet keine Institution. Gott atmet neues Leben.</p>
<p>Sein Leben. Jesus, der Messias, der Auferstandene selbst ist es.
In uns gegenwärtig.</p>
<p>Gottes Hoffnung gewinnt Gestalt.</p>
<p>Plötzlich...
beginnen wir zu verstehen.</p>
<p>Nicht: Alle sprechen dieselbe Sprache.
Das wäre einfach.</p>
<p>Nein: Jede Person hört in der eigenen Sprache.
Das ist das Wunder.</p>
<p>Die Unterschiede verschwinden nicht.
Der Geist Gottes macht nicht alle gleich.</p>
<p>Pfingsten ist keine Gleichmacherei.</p>
<p>Die Menschen bleiben verschieden.
Manche hören Metal.
Andere die Fugen von Bach.
Und sie verstehen sich trotzdem.</p>
<p>Vielleicht ist genau das Gottes Zukunft für diese Welt.</p>
<p>Nicht Uniformität.
Nicht Gleichklang.
Nicht: Alle müssen denken wie ich.</p>
<p>Sondern:
Der andere bleibt anders.
Und wird trotzdem verstehbar.</p>
<p>Das wäre schon ein Wunder.</p>
<p>Der Geist Gottes übersetzt.</p>
<p>Nicht nur Worte.
Menschen.</p>
<p>Das machen wir nicht selbst. Es geschieht uns.
Gott selbst eröffnet diese neue Wirklichkeit.</p>
<p>Wo Menschen einander wieder verstehen können, beginnt bereits die neue Schöpfung.</p>
<p>Der Geist öffnet Räume, die längst verschlossen waren.</p>
<p>Da hört plötzlich jemand wirklich zu.
Da wird eine fremde Stimme nicht sofort zur Bedrohung.
Da muss ich nicht zuerst gewinnen.
Da wird Verständigung wichtiger als Rechthaben.</p>
<p>Da entsteht Gemeinschaft.</p>
<p>Nicht perfekte Harmonie.
Aber Verbindung.</p>
<p>Denn wirkliche Gemeinschaft entsteht nicht durch Organisation.
Nicht durch Plan und nicht durch Fusion.
Übrigens auch in Gäufelden nicht.</p>
<p>Wirkliche Gemeinschaft entsteht durch Gottes Geistkraft.</p>
<p>Dieser Geist kommt nicht nur zu den Starken.</p>
<p>Das ist Joel wichtig.</p>
<p>Kinder reden prophetisch.
Junge Menschen sehen Visionen.
Alte Menschen träumen.</p>
<p>Sogar Sklav:innen bekommen eine Stimme.</p>
<p>Was könnte noch geschehen in dieser Welt, wenn die gehört werden, die keine Stimme haben? In der Kirche? In der Gesellschaft? In der Politik?
Vielleicht ist genau das der Ort, wo es auch heute noch einmal Pfingsten werden kann.
Vielleicht beginnt genau dort Gottes neue Welt: Wo Menschen nicht länger klein gehalten werden.</p>
<p>Der Geist Gottes ist demokratisch.</p>
<p>Er gehört nicht religiösen Spezialist:innen.</p>
<p>Nicht nur denen mit Macht.
Nicht nur denen, die gelernt haben, wie man über Gott spricht--und, ja, das sage ich auch als Pfarrer.</p>
<p>Pfingsten heißt:
Gott spricht alle Sprachen.</p>
<p>Auch deine.</p>
<p>Die Sprache deiner Hoffnung.
Die Sprache deiner Müdigkeit.
Die Sprache deiner Zweifel.</p>
<p>Vielleicht ist das die tröstlichste Seite dieses Textes:
Du musst nicht erst lernen, religiös zu sprechen, damit Gott dich versteht.</p>
<p>Gott spricht deine Sprache längst.</p>
<p>Und vielleicht beginnt Glaube genau dort:
Wo Menschen erfahren:
Ich werde verstanden.</p>
<p>Wirklich verstanden.</p>
<p>Nicht bewertet.
Nicht vorsortiert.
Nicht aussortiert.</p>
<p>Nicht erst richtig.
Nicht erst würdig.
Angenommen.</p>
<p>Verstanden.</p>
<p>Jesus selbst war so ein Mensch.</p>
<p>Menschen, die sonst niemand verstand, saßen mit ihm am Tisch.</p>
<p>Kranke.
Einsame.
Schuldige.
Verzweifelte.</p>
<p>Jesus hörte zu.</p>
<p>Er sprach so, dass Menschen aufatmen konnten.</p>
<p>Er sprach Menschen nicht auf ihre Schuld fest.
Nicht auf ihre Herkunft.
Nicht auf ihr Scheitern.
Weil Gott selbst dem Verlorenen nicht fern bleibt.</p>
<p>So war Jesus. Ihm waren sie gefolgt.</p>
<p>Und nach Ostern bleibt genau das nicht Vergangenheit.</p>
<p>Der auferstandene Jesus, der Messias, schenkt seinen Geist.</p>
<p>Seinen Atem.</p>
<p>Seine Art zu hören.
Seine Art zu reden.
Seine Art, Menschen zusammenzubringen.</p>
<p>Der Gekreuzigte lebt.
Und sein Leben atmet weiter in diese Welt hinein.
Der Geist ist die Gegenwart der Zukunft des Messias.</p>
<p>Darum beginnt mit Pfingsten etwas Neues.</p>
<p>Nicht einfach die Kirche.</p>
<p>Sondern Gottes neue Welt mitten in dieser Welt.</p>
<p>Gottes Atem geht durch seine ganze Schöpfung.
Durch Menschen.
Durch alles, was lebt.
Durch alles, was nach Leben schreit.</p>
<p>Eine Welt, in der Verständigung stärker wird als Angst.
Eine Welt, in der Menschen nicht auf ihre Herkunft reduziert werden.
Eine Welt, in der Unterschiede nicht verschwinden müssen.
Eine Welt, in der Gottes Geist Verbindung schafft.</p>
<p>Vielleicht spüren wir manchmal etwas davon.</p>
<p>In einem Gespräch, das plötzlich ehrlich wird.
In einem Streit, der nicht eskaliert.
In einem Satz, der genau im richtigen Moment ankommt.
In einem Menschen, der sagt:
„Ich verstehe dich.“</p>
<p>Denn das ist Pfingsten:
Pfingsten ist Gottes Protest gegen eine Welt,
in der Menschen einander nicht mehr verstehen,
nicht mehr zuhören,
nicht mehr hoffen.</p>
<p>Und deshalb ist Pfingsten immer Hoffnung gegen die Angst.</p>
<p>Dann ist das mehr als nur ein schöner Moment.</p>
<p>Dann weht dort Gottes Geist.</p>
<p>Leise.</p>
<p>Aber wirklich.</p>
<p>Und wir atmen.
Er. In uns.</p>
<p>Hoffnung.
Geistkraft.
Geistesmut.
Geistesfreiheit.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Pfingsten klingt nach Sturm und Feuer. Doch das eigentliche Wunder geschieht anders: Menschen verstehen einander. Trotz aller Unterschiede. Trotz Angst und Sprachlosigkeit. Was geschieht, wenn Gottes Geist neue Worte, neuen Mut und neues Leben in diese Welt atmet?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Neues von Gott in der Welt</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Die Zeit kommt</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/die-zeit-kommt/</link>
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        <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Die Welt ist erschöpft. Nachrichten, Krisen, Unsicherheit. Nicht nur der Körper wird müde. Auch die Hoffnung. &quot;Seht, die Zeit kommt.&quot; Was heißt das zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Verheißung und Wirklichkeit? Eine Predigt über Gottes Zukunft mitten in einer verwundeten Welt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Es gibt Zeiten, die machen müde. Nicht nur körperlich. Tiefer.</p>
<p>Man steht morgens auf. Kaffee. Handy.</p>
<p>Noch bevor der Tag richtig beginnt, ist die Welt schon da.</p>
<p>Man sitzt am Küchentisch. Draußen wird es hell. Auf dem Bildschirm schon die nächsten schlechten Nachrichten.</p>
<p>Die Welt passt inzwischen in eine Hand. Und manchmal fühlt sie sich genau deshalb zu groß an.</p>
<p>Man macht weiter. Arbeit. Termine. Alltag.</p>
<p>Aber innerlich ist alles schwer. Zu vieles ist passiert. Zu vieles gleichzeitig.</p>
<p>Krisen, die nicht enden. Kriege. Unsicherheit. Veränderungen, die schneller kommen, als man mitkommt.</p>
<p>Diese Müdigkeit zeigt sich ja nicht nur in den Nachrichten.</p>
<p>Manchmal auch in Gesprächen.</p>
<p>Menschen sagen: „Man weiß ja gar nicht mehr, was man noch glauben soll.“</p>
<p>Oder: „Früher dachte ich, es wird Schritt für Schritt besser.“</p>
<p>Heute hoffen viele nur noch, dass es nicht völlig auseinanderfliegt.</p>
<p>Man gewöhnt sich daran, im Krisenmodus zu leben.</p>
<p>Das macht etwas mit Menschen.</p>
<p>Man wird vorsichtiger. Härter vielleicht.</p>
<p>Oder einfach müde.</p>
<p>Und irgendwann merkt man: Nicht nur die Kräfte werden weniger. Auch die Hoffnung.</p>
<p>Man erwartet gar nicht mehr viel. Hauptsache, es wird nicht noch schlimmer.</p>
<p>Man schützt sich lieber vor Enttäuschung, als noch einmal zu viel zu erwarten.</p>
<p>So ähnlich klingt die Welt, in die Jeremia spricht.</p>
<p>Jerusalem zerstört. Das Land traumatisiert. Menschen verschleppt. Die alten Gewissheiten zerbrochen.</p>
<p>Und über allem liegt eine Frage. Eine Frage, die kaum jemand laut ausspricht:</p>
<p>Hat Gott uns vergessen?</p>
<p>Geliebte Gottes, hört, aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 31. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Gott sagt:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Seht! Die Zeit kommt!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich schließe einen neuen Bund. Mit Israel. Mit Juda.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Der neue Bund wird anders sein.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht wie früher. Nicht wie bei den Vorfahren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Früher habe ich Israel an der Hand genommen. Ich habe Israel aus Ägypten geführt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich war ihr Herr.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber sie haben diesen Bund gebrochen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das ist es, was Gott sagt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott sagt:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich schließe einen Bund mit Israel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nach dieser Zeit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So wird dieser Bund sein:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich lege mein Wort in die Menschen hinein.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich schreibe mein Wort in ihr Herz.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich werde ihr Gott sein. Sie werden mein Volk sein.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand muss mehr andere belehren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand muss mehr sagen: „Lernt Gott kennen!“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle werden mich kennen. Die Kleinen und die Großen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich vergebe ihre Schuld. Ich denke nicht mehr an das, was sie falsch gemacht haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das ist es, was Gott sagt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jeremia 31,31-34; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Das hatten wir doch schon einmal: Gott schließt einen Bund.</p>
<p>Was ist denn eigentlich neu daran?</p>
<p>Beim ersten Mal hat das nicht so ganz geklappt. Die Menschen haben sich nicht an seinen Bund gehalten.</p>
<p>Gott--Gott ist treu. Er bleibt es auch. Die Menschen nicht.</p>
<p>Jetzt also: Alles neu?</p>
<p>Vielleicht war Gott am Anfang leichter zu erkennen.</p>
<p>Da war die Befreiung aus Ägypten. Die große Hoffnung. Die Geschichten von Feuer und Wolke. Der Weg durch das Meer.</p>
<p>Aber irgendwann kehrt Alltag ein.</p>
<p>Die Wunder liegen lange zurück.</p>
<p>Die Geschichten bleiben. Aber sie tragen nicht mehr automatisch.</p>
<p>Unendlich viele Stimmen. Aber nur wenig, worauf Menschen wirklich vertrauen.</p>
<p>Und ringsherum leben die anderen Völker scheinbar erfolgreich ohne diesen Gott.</p>
<p>Da wächst die Versuchung: Einfach zu werden wie alle anderen.</p>
<p>Sich anzupassen. Sich abzusichern.</p>
<p>Auch Hoffnung kann müde werden.</p>
<p>Irgendwann schützt man sich lieber vor Enttäuschung, als noch einmal zu viel zu erwarten.</p>
<p>Gott kommt jetzt nicht mit strengeren Regeln.</p>
<p>Kein neuer Mose, mit steinernen Tafeln vom Sinai. Diesmal vielleicht mit mehr Paragraphen.</p>
<p>Gott sagt jetzt nicht: Strengt euch in Zukunft mehr an.</p>
<p>Gott zieht jetzt nicht die Daumenschrauben an: Religion wird härter. Kontrollierter. Ernster.</p>
<p>Enger.</p>
<p>Nein. Gott geht tiefer.</p>
<p>Der alte Bund war ja nicht falsch. Gott hatte Israel an der Hand genommen. Befreiung. Nähe. Rettung.</p>
<p>Geliebt, wie seinen Augapfel.</p>
<p>Und trotzdem wurde dieser Bund gebrochen.</p>
<p>Der neue Bund bedeutet nicht: Der alte war Gott plötzlich egal.</p>
<p>Gott kündigt Israel nicht.</p>
<p>Gott sagt nicht: „Das hat nicht funktioniert. Dann eben etwas anderes.“</p>
<p>Gott bleibt treu.</p>
<p>Gerade das ist das Erstaunliche: Die Menschen brechen den Bund. Gott nicht.</p>
<p>Darum beginnt Gott neu. Nicht gegen sein Volk. Sondern für seine Menschen.</p>
<p>Gott ist Liebe. Seine Lösung heißt nicht: Mehr Druck.</p>
<p>Gott probiert nicht eine andere Strategie. Gott handelt, so wie er ist.</p>
<p>Neu ist: Gott kommt näher. Er bleibt nicht außen. Er schreibt sein Wort nicht nur auf steinerne Tafeln. Nicht nur in Bücher. Nicht nur in Ordnungen.</p>
<p>Gott schreibt sein Wort in Menschen hinein.</p>
<p>Sein Wort, das trägt. Das orientiert. Das Leben verändert.</p>
<p>Gott schreibt sein Wort in Menschen hinein.</p>
<p>In ihr Herz. Dorthin, wo Angst sitzt. Dorthin, wo Vertrauen wachsen kann. Dorthin, wo Entscheidungen reifen. Dorthin, wo Hoffnung müde wird.</p>
<p>Gott selbst will uns von innen her leiten.</p>
<p>Was heißt eigentlich: &quot;Ich schreibe mein Wort in ihr Herz?&quot;</p>
<p>Das Herz ist in der Bibel nicht nur das Gefühl.</p>
<p>Dort sitzt der Mensch selbst: Mut. Angst. Entscheidungen. Vertrauen. Sehnsucht.</p>
<p>Genau dorthin will Gott.</p>
<p>Nicht nur in Gottesdienste. Nicht nur in Bücher. Nicht nur in Traditionen oder in richtige Sätze.</p>
<p>Nicht nur in auswendig gelernte Gebete.</p>
<p>Sondern mitten hinein ins Leben.</p>
<p>Die &quot;neue Zeit&quot; beginnt nicht zuerst in den Verhältnissen außen. Sie beginnt mit Menschen, die anders hoffen lernen.</p>
<p>Wenn Gott sein Wort ins Herz schreibt, dann entsteht auch neue Gemeinschaft.</p>
<p>„Ich werde ihr Gott sein. Sie werden mein Volk sein.“</p>
<p>Hoffnung bleibt nicht privat. Sie verbindet Menschen. Sie macht sie empfindsam. Für Gott. Für andere. Für die Welt.</p>
<p>Gott kommt näher.</p>
<p>Gott geht tiefer.</p>
<p>Gott verbindet neu.</p>
<p>So neu spricht Gott. So weit geht seine Hoffnung.</p>
<p>&quot;Seht, die Zeit kommt.&quot;</p>
<p>Ein Satz gegen die Müdigkeit der Welt.</p>
<p>Ein Satz voller Zukunft.</p>
<p>Für Jeremia und viele seiner Zeit ist das ein Hoffnungswort.</p>
<p>Gott hat uns nicht verlassen. Gott hat uns nicht vergessen.</p>
<p>Die Hoffnung lohnt sich noch. Sie ist das Warten wert.</p>
<p>Wie lange, das weiß niemand.</p>
<p>Das kann ganz schön an den Nerven zehren -- diese lange Zwischenzeit.</p>
<p>Wir hören diese Worte heute anders.</p>
<p>Wir hören sie nach Ostern. Der Messias ist auferstanden.</p>
<p>Und wir hören sie auf Pfingsten hin.</p>
<p>Gott gibt seine Geistkraft allen Menschen.</p>
<p>Mit Jesus, dem Messias, hat eine neue Zeit begonnen. Gottes Zeit.</p>
<p>Sie ist gekommen.</p>
<p>Sie ist da.</p>
<p>Nicht plötzlich vollständig. Nicht fertig.</p>
<p>Noch nicht.</p>
<p>Aber wirklich.</p>
<p>Wir haben immer noch Zwischenzeit.</p>
<p>Als er Jesus, den Messias, vom Tod erweckt, zeigt Gott:</p>
<p>Der Tod hat nicht das letzte Wort.</p>
<p>Und an Pfingsten geschieht etwas Neues:</p>
<p>Gottes Geist lebt mitten unter uns Menschen.</p>
<p>Noch bleibt die Welt ja verwundet. Die Kriege hören nicht sofort auf. Menschen leiden weiter--besonders die, die wenig Schutz haben: Kinder. Kranke. Arme. Geflüchtete.</p>
<p>Die Welt bleibt verletzlich. Oft genug im Krisenmodus.</p>
<p>Die ganze Schöpfung seufzt. Wälder brennen. Arten verschwinden. Viele spüren: So kann es nicht ewig weitergehen.</p>
<p>Auch die ersten Christ:innen merken: Die neue Zeit Gottes ist da. Aber sie ist noch nicht vollendet. Wir leben dazwischen.</p>
<p>Zwischen Push-Nachrichten und Verheißung. Zwischen Daueralarm und Gottes Zukunft.</p>
<p>Zwischen Auferstehung und Vollendung. Zwischen Hoffnung und dem, was wir sehen.</p>
<p>Das ist Exaudi.</p>
<p>Da sind wir heute.</p>
<p>Menschen der Zwischenzeit.</p>
<p>Und doch: Die Zeit ist gekommen.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Und manchmal sehen wir schon etwas davon. Nicht vollständig. Aber wirklich.</p>
<p>Wo Menschen einander nicht aufgeben. Wo jemand vergibt. Wo Menschen weiter lieben, obwohl vieles schwerer geworden ist.</p>
<p>Wo Hoffnung stärker bleibt als der Zynismus.</p>
<p>Wo Menschen aufstehen gegen Angst und Hass.</p>
<p>Wo Menschen widersprechen, wenn andere klein gemacht werden.</p>
<p>Da blitzt etwas von Gottes neuer Zeit auf.</p>
<p>Nicht, weil alle plötzlich besser werden.</p>
<p>Sondern weil Gott selbst seine Welt nicht loslässt.</p>
<p>Manchmal sieht man das ganz unscheinbar:</p>
<p>Wenn Menschen nach Jahren wieder miteinander reden.</p>
<p>Wenn Nachbar:innen füreinander einkaufen, obwohl sie selbst kaum Kraft haben.</p>
<p>Wenn einer sagt: „Ich gebe dich nicht auf.“</p>
<p>Wenn jemand nach einer schlimmen Diagnose trotzdem weiter plant.</p>
<p>Nicht groß. Nicht spektakulär.</p>
<p>Aber vielleicht genau dort:</p>
<p>ein Aufblitzen von Gottes neuer Zeit.</p>
<p>Die Hoffnung wird sichtbar.</p>
<p>Nicht billiger Optimismus.</p>
<p>Nein!</p>
<p>Das Vertrauen:</p>
<p>Gott hat die Zukunft nicht aufgegeben.</p>
<p>Exaudi heißt: Wir warten noch.</p>
<p>Wir sind noch nicht endgültig dort.</p>
<p>Die Hoffnung hat noch Zukunft. Ein Ziel.</p>
<p>Seit Ostern hoffen wir: &quot;Am Ende ist Gott alles in allem.&quot;</p>
<p>Aber wir warten nicht leer.</p>
<p>Wir warten mit Gottes Geistkraft.</p>
<p>Wie Menschen, die im Dunkeln schon den ersten Luftzug des Morgens spüren.</p>
<p>Wie ein Atemzug Hoffnung.</p>
<p>Auch, wenn wir müde sind. Und die Welt um uns herum auch.</p>
<p>Wir sind Menschen der Zwischenzeit.</p>
<p>Und doch:</p>
<p>Die Zeit ist gekommen.</p>
<p>Gott hat die Zukunft nicht aufgegeben.</p>
<p>Gott hat uns nicht aufgegeben.</p>
<p>Darum tun wir es auch nicht.</p>
<p>Wir sehen noch nicht, was kommen wird.</p>
<p>Aber wir warten darauf.</p>
<p>&quot;Seht&quot;, sagt Gott.</p>
<p>&quot;Die Zeit kommt.&quot;</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Die Welt ist erschöpft. Nachrichten, Krisen, Unsicherheit. Nicht nur der Körper wird müde. Auch die Hoffnung. &quot;Seht, die Zeit kommt.&quot; Was heißt das zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Verheißung und Wirklichkeit? Eine Predigt über Gottes Zukunft mitten in einer verwundeten Welt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung in der müden Zwischenzeit</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Du bist nicht allein.</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/du-bist-nicht-allein/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/du-bist-nicht-allein/</guid>
        <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Manchmal fühlt sich das Leben an wie eine lange Zwischenzeit. Man wartet. Auf Antworten. Auf Frieden. Auf jemanden, der bleibt. Im Taufgottesdienst mit Ole hören wir eine alte Zusage Gottes: „Ich habe dich mit Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ Vielleicht ist das genau das, was Menschen brauchen — vom ersten Tag an.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>[CF] Ole, weißt du eigentlich, warum heute getauft wird?</p>
<p>[Ole] Klar. Weil Babys dreckig sind.</p>
<p>[CF] Ole!</p>
<p>[Ole] Was denn? Wasser hilft doch!</p>
<p>[CF] Also… ja… manchmal schon. Aber bei der Taufe geht’s um was anderes.</p>
<p>[Ole] Ach so. Spezialwasser?</p>
<p>[CF] Nein. Ganz normales Wasser.</p>
<p>[Ole] Das ist aber enttäuschend. Ich dachte jetzt wenigstens Glitzerwasser.</p>
<p>[CF] Nein, Ole. Kein Glitzerwasser.</p>
<p>[Ole] Schade. Jesus hätte Glitzer bestimmt gut gefunden.</p>
<p>[CF] Da bin ich nicht sicher.</p>
<p>[Ole] Aber warum macht man das dann mit Wasser?</p>
<p>[CF] Weil Wasser wichtig ist. Ohne Wasser kann niemand leben.</p>
<p>[Ole] Stimmt. Ohne Wasser keine Spaghetti.</p>
<p>[CF] Das stimmt tatsächlich.</p>
<p>[Ole] Siehst du.</p>
<p>[CF] Und bei der Taufe sagt Gott: Ich schenke dir Leben. Und ich gehe mit dir durchs Leben.</p>
<p>[Ole] Hm. Aber Mila und Elin merken sich das doch gar nicht.</p>
<p>[CF] Wahrscheinlich nicht.</p>
<p>[Ole] Ich merk mir ja nicht mal Mathe von letzter Woche.</p>
<p>[CF] Das überrascht mich jetzt nicht.</p>
<p>[Ole] Gemein.</p>
<p>[CF] Aber die Taufe bleibt trotzdem wichtig.</p>
<p>[Ole] Warum?</p>
<p>[CF] Weil Gott etwas verspricht.</p>
<p>[Ole] Was denn?</p>
<p>[CF] „Ich bin bei dir.“</p>
<p>[Ole] Immer?</p>
<p>[CF] Immer.</p>
<p>[Ole] Auch in der Schule?</p>
<p>[CF] Auch in der Schule.</p>
<p>[Ole] Auch bei Klassenarbeiten?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Das hätten meine Mathearbeiten gern früher gewusst.</p>
<p>[CF] Gott sagt: Ich lasse dich nicht allein.</p>
<p>[Ole] Auch wenn man Angst hat?</p>
<p>[CF] Gerade dann.</p>
<p>[Ole] Auch wenn man traurig ist?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Auch wenn andere blöd sind?</p>
<p>[CF] Auch dann.</p>
<p>[Ole] Aber… Jesus ist doch gar nicht mehr da.</p>
<p>[CF] Wie meinst du das?</p>
<p>[Ole] Naja. Ihr habt doch erzählt: Erst war Jesus da. Dann ist er in den Himmel gegangen. Und jetzt?</p>
<p>[CF] Jetzt?</p>
<p>[Ole] Jetzt ist doch irgendwie Zwischenzeit.</p>
<p>[CF] Das Wort hast du dir gemerkt?</p>
<p>[Ole] Klar. Ich bin schließlich gebildet.</p>
<p>[CF] Natürlich.</p>
<p>[Ole] Also: Wenn Jesus im Himmel ist — wer passt dann hier auf?</p>
<p>[CF] Gute Frage.</p>
<p>[Ole] Danke. Hab ich selbst erfunden.</p>
<p>[CF] Weißt du, solche Fragen hatten die Menschen damals auch. Die Freundinnen und Freunde von Jesus konnten ihn nicht mehr sehen.</p>
<p>[Ole] Das ist schwer.</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Und was hat Gott gemacht?</p>
<p>[CF] Gott hat gesagt: Ich lasse euch nicht allein.</p>
<p>[Ole] Wo denn?</p>
<p>[CF] In der Bibel steht: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“</p>
<p>[Ole] Echt jetzt? Gott kennt meinen Namen?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Auch den Nachnamen?</p>
<p>[CF] Auch den.</p>
<p>[Ole] Das ist schon beeindruckend.</p>
<p>[CF] Und Gott kennt auch Mila und Elin.</p>
<p>[Ole] Obwohl die noch gar nicht reden können?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Krass.</p>
<p>[CF] Bei der Taufe hören Menschen ihren Namen. Ganz laut. Und dazu Gottes Versprechen: Du gehörst zu mir. Ich gehe mit dir.</p>
<p>[Ole] Also nicht allein?</p>
<p>[CF] Nicht allein.</p>
<p>[Ole] Auch später nicht?</p>
<p>[CF] Auch später nicht.</p>
<p>[Ole] Wenn Mila und Elin groß sind?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Wenn sie mal Angst haben?</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Wenn sie Mist bauen?</p>
<p>[CF] Auch dann.</p>
<p>[Ole] Das ist eigentlich ziemlich schön.</p>
<p>[CF] Ja.</p>
<p>[Ole] Dann ist Taufe ja wie ein großes „Du bist nicht allein“.</p>
<p>[CF] Genau.</p>
<p>[Ole] Das hätte man auch kürzer sagen können.</p>
<p>[CF] Danke, Ole.</p>
<p>[Ole] Gern. Wenn ich dir nicht helfen würde, würdest du ja echt gar nix auf die Reihe kriegen...</p>
<hr>
<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<blockquote>
<p>Ich habe dich geschaffen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich gemacht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Hab keine Angst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich lasse dich nicht verloren gehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich mit Namen gerufen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du gehörst zu mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jesaja 43,1; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>[CF]</p>
<p>Vorhin hat Ole gefragt:</p>
<p>„Wenn Jesus im Himmel ist —</p>
<p>wer passt dann hier auf?“</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Das war eine richtig schlaue Frage, gell?</p>
<p>Kam ja auch von mir.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Das ist eigentlich eine große Frage.</p>
<p>Nicht nur für Handpuppen.</p>
<p>Manchmal fühlt sich das Leben wirklich so an:</p>
<p>als wäre man allein.</p>
<p>Man wartet.</p>
<p>Auf Hilfe.</p>
<p>Auf eine Antwort.</p>
<p>Auf jemanden, der da bleibt.</p>
<p>Heute ist Exaudi.</p>
<p>Ein Sonntag der Zwischenzeit.</p>
<p>Jesus ist nicht mehr sichtbar da.</p>
<p>Die Freundinnen und Freunde von Jesus warten.</p>
<p>Und sie fragen sich:</p>
<p>Wie geht es jetzt weiter?</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Und?</p>
<p>Wie geht’s weiter?</p>
<p>Willst du behaupten, du weißt das?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Mit einer Zusage.</p>
<p>Mit einem Versprechen Gottes.</p>
<p>Genau mit dem, das Mila und Elin gerade als Taufsegen gehört haben.</p>
<p>Ich finde, einer der schönsten Verse der Bibel:</p>
<blockquote>
<p>Ich habe dich geschaffen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich gemacht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Hab keine Angst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich lasse dich nicht verloren gehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich mit Namen gerufen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du gehörst zu mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jesaja 43,1; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>[CF]</p>
<p>Dieser Segen kommt aus einem alten Buch in der Bibel.</p>
<p>Der Prophet Jesaja spricht zu Menschen, die Angst haben.</p>
<p>Ihr Land ist zerstört.</p>
<p>Vieles ist verloren.</p>
<p>Sie wissen nicht:</p>
<p>Wie wird die Zukunft?</p>
<p>Manche fühlen sich vergessen.</p>
<p>Manche denken:</p>
<p>Gott ist weit weg.</p>
<p>Das kennen wir auch.</p>
<p>Manchmal fühlt man sich allein.</p>
<p>In der Schule.</p>
<p>Im Krankenhaus.</p>
<p>Zu Hause.</p>
<p>Oder nachts im Bett,</p>
<p>wenn die Gedanken laut werden.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Nachts sind Gedanken wirklich nervig.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Das stimmt.</p>
<p>Man liegt im Bett.</p>
<p>Eigentlich ist alles still.</p>
<p>Aber im Kopf wird es laut.</p>
<p>Man denkt an Streit.</p>
<p>An Sorgen.</p>
<p>An Dinge, die morgen kommen.</p>
<p>Oder an Sachen, die man falsch gemacht hat.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Ich denke nachts manchmal,</p>
<p>dass ich in Mathe plötzlich alles vergessen habe.</p>
<p>Sogar Plusrechnen.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Das wäre wirklich schlimm.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Sehr lustig.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Und Erwachsene kennen das auch.</p>
<p>Manche sorgen sich um ihre Gesundheit.</p>
<p>Andere um ihre Familie.</p>
<p>Oder um Geld.</p>
<p>Oder um die Nachrichten,</p>
<p>die jeden Tag schlechter werden.</p>
<p>Dann fühlt sich die Welt manchmal schwer an.</p>
<p>Und genau zu solchen Menschen sagt Gott:</p>
<blockquote>
<p>Ich habe dich geschaffen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich gemacht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Hab keine Angst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich lasse dich nicht verloren gehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich mit Namen gerufen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du gehörst zu mir.</p>
</blockquote>
<p>[Ole]</p>
<p>Aber wie macht Gott das denn?</p>
<p>Also…</p>
<p>nicht verloren gehen?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Nicht immer so,</p>
<p>dass sofort alles leicht wird.</p>
<p>Aber Menschen merken:</p>
<p>Da trägt mich etwas.</p>
<p>Da hält mich jemand fest.</p>
<p>Ich bin nicht egal.</p>
<p>Ich falle nicht ins Nichts.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Wie ein Sicherheitsgurt?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Vielleicht ein bisschen so.</p>
<p>Nur fürs ganze Leben.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Das wäre auch gut im Auto.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Definitiv.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Gott sagt nicht:</p>
<p>„Alles wird sofort gut.“</p>
<p>Er sagt:</p>
<p>„Ich bin da.“</p>
<p>Das ist etwas anderes.</p>
<p>Nicht jede Angst verschwindet sofort.</p>
<p>Nicht jede Krankheit.</p>
<p>Nicht jeder Streit.</p>
<p>Manchmal muss man trotzdem durch schwere Zeiten hindurch.</p>
<p>Aber Gott sagt: Ich gehe mit.</p>
<p>Niemand muss allein hindurchgehen.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Auch Mila und Elin nicht?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Auch Mila und Elin nicht.</p>
<p>Heute haben wir ihre Namen laut gehört.</p>
<p>Ganz bewusst.</p>
<p>Denn Gott kennt diese Namen schon lange.</p>
<p>Noch bevor die beiden laufen konnten.</p>
<p>Noch bevor sie sprechen konnten.</p>
<p>Gott sagt:</p>
<p>„Du gehörst zu mir.“</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Das ist eigentlich schön.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Sehr schön.</p>
<p>Und vielleicht brauchen Menschen genau das.</p>
<p>Nicht zuerst perfekte Antworten.</p>
<p>Sondern jemanden, der bleibt.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Wie ein richtig guter Freund?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Oder wie Licht,</p>
<p>wenn es dunkel wird.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Darum taufen wir mit Wasser.</p>
<p>Wasser kann man spüren.</p>
<p>Es läuft über den Kopf.</p>
<p>Manchmal erschrickt man kurz.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Ich würde erschrecken.</p>
<p>Sehr.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Das glaube ich sofort.</p>
<p>Aber das Wasser ist ein Zeichen:</p>
<p>Gott schenkt Leben.</p>
<p>Und Gott bleibt.</p>
<p>Die Taufe sagt:</p>
<p>Du gehst nicht allein durchs Leben.</p>
<p>Nicht in den guten Tagen.</p>
<p>Und nicht in den schweren.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Auch nicht bei Mathearbeiten?</p>
<p>[CF]</p>
<p>Auch da.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Dann brauche ich dringend mehr Taufe.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Die Taufe brauchst du nur einmal!</p>
<p>Gott gibt sein Versprechen und er hält es.</p>
<p>Er vergisst es nicht.</p>
<p>Man muss das nicht &quot;wieder auffrischen&quot;, damit es noch gilt.</p>
<p>Aber man darf sich daran erinnern.</p>
<p>Das ist das, was wir &quot;glauben&quot; nennen.</p>
<p>Die Taufe erinnert uns:</p>
<p>Du musst dein Leben nicht alleine tragen.</p>
<p>Es ist gut, wenn man andere Menschen hat, die mit gehen.</p>
<p>Familie.</p>
<p>Freundinnen und Freunde.</p>
<p>Aber, selbst wenn da niemand sonst wäre:</p>
<p>Gott ist immer da.</p>
<p>Ihn haben wir, selbst wenn wir keinen sonst haben!</p>
<p>Oder, besser gesagt: Er hat uns.</p>
<p>Das macht das Leben ganz besonders.</p>
<p>Es verändert etwas.</p>
<p>Wer getauft ist, ist nicht mehr ganz allein.</p>
<p>Wir gehören zusammen.</p>
<p>Und wir gehören zu Gott.</p>
<p>Darum feiern wir Taufe ja auch zusammen.</p>
<p>Nicht heimlich.</p>
<p>Sondern mitten in der Gemeinde.</p>
<p>Weil niemand allein glauben muss.</p>
<p>Darum brauchen wir einander:</p>
<p>Menschen, die mit hoffen. Die mittragen. Mit lachen.</p>
<p>Und manchmal auch mit weinen.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Vielleicht feiern wir ja deshalb Gottesdienst:</p>
<p>Damit man nicht allein warten muss.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Vielleicht genau deshalb.</p>
<p>Die Freundinnen und Freunde von Jesus mussten das erst lernen:</p>
<p>Jesus ist nicht sichtbar da.</p>
<p>Und trotzdem ist Gott nah.</p>
<p>Anders als vorher.</p>
<p>Aber nicht weg.</p>
<p>Jesus hat seine Menschen nicht vergessen.</p>
<p>Darum taufen wir.</p>
<p>Darum hoffen wir.</p>
<p>Das gilt bis heute.</p>
<p>Wir warten oft.</p>
<p>Auf Frieden.</p>
<p>Auf Heilung.</p>
<p>Auf gute Nachrichten.</p>
<p>Auf weniger Angst.</p>
<p>Vieles bleibt Zwischenzeit.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Zwischenzeiten mag ich nicht.</p>
<p>Da weiß man nie,</p>
<p>was passiert.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Ja.</p>
<p>Zwischenzeiten sind anstrengend.</p>
<p>Wenn man wartet.</p>
<p>Wenn man unsicher ist.</p>
<p>Wenn man nicht weiß,</p>
<p>wie es weitergeht.</p>
<p>Und trotzdem sagt Gott mitten hinein:</p>
<p>„Ich lasse dich nicht verloren gehen.“</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Das ist fast wie:</p>
<p>„Du bist nicht allein.“</p>
<p>[CF]</p>
<p>Genau.</p>
<p>Und manchmal ist das schon sehr viel.</p>
<p>[CF]</p>
<p>Vielleicht bleibt nicht immer ein großes Gefühl.</p>
<p>Vielleicht gibt es Tage,</p>
<p>an denen der Glaube ganz klein ist.</p>
<p>Oder Tage,</p>
<p>an denen man gar nicht richtig beten kann.</p>
<p>Aber manchmal reicht ein Satz.</p>
<p>Ein Satz,</p>
<p>den man mitnehmen kann.</p>
<p>In die Schule.</p>
<p>Ins Krankenhaus.</p>
<p>In schwere Zeiten.</p>
<p>In schöne Zeiten.</p>
<p>Für Mila.</p>
<p>Für Elin.</p>
<p>[Ole]</p>
<p>Für Ole!</p>
<p>[CF]</p>
<p>Für dich.</p>
<p>Für mich.</p>
<p>„Ich habe dich mit Namen gerufen.</p>
<p>Du gehörst zu mir.“</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Manchmal fühlt sich das Leben an wie eine lange Zwischenzeit. Man wartet. Auf Antworten. Auf Frieden. Auf jemanden, der bleibt. Im Taufgottesdienst mit Ole hören wir eine alte Zusage Gottes: „Ich habe dich mit Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ Vielleicht ist das genau das, was Menschen brauchen — vom ersten Tag an.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ein Taufdialog über Gottes Nähe</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>11:34</itunes:duration>
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      </item>
      
    
      
      
      
      <item>
        <title>Anders da</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/anders-da/</link>
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        <pubDate>Thu, 14 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Feuerwagen. Sturm. Himmel. Die Himmelfahrtsgeschichten der Bibel wirken fremd und gewaltig. Und doch erzählen sie von etwas, das wir alle kennen: Abschied, Verlust und die Frage, wie es weitergeht. Christi Himmelfahrt führt nicht weg aus der Welt. Sondern mitten hinein ins Leben. Gott ist da. Immer und überall.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Die Erzählung von der Himmelfahrt klingt seltsam für unsere Ohren. Nicht so für die Menschen der Antike. Die kannten das längst aus den Geschichten ihrer Kultur.</p>
<p>Herakles, der große Held wird nach seinem Tod zu den Göttern aufgenommen. Romulus, der Gründer Roms verschwindet plötzlich im Sturm. Danach heißt es: Er lebt nun bei den Göttern. Auch Kaiser Augustus bekommt nach seinem Tod eine Art Himmelfahrt zugesprochen. Auf Münzen sieht man ihn schon zwischen den Sternen.</p>
<p>In Israel denkt da fast jede Person sofort an Elija. Vielleicht der größte Prophet der hebräischen Bibel. Jedenfalls einer, von dem besonders eindrücklich erzählt wird. Eine wilde Figur. Ehrfurchtgebietend. Einer, der Feuer vom Himmel fallen lässt und von Raben ernährt wird. Einer, der sich mit Königen anlegt. Einer, der gegen Gewalt und Götzendienst aufsteht. Einer, der durch die Wüste zieht. Rau. Unbequem. Voller Leidenschaft.</p>
<p>Und dann endet seine Geschichte nicht mit einem Grab. Sondern mit einem Abschied im Sturm: Ein Wagen aus Feuer. Pferde aus Feuer. Ein Mantel, der zurückbleibt. Und ein Schüler, der hinterherschaut.</p>
<p>Die Geschichte klingt groß. Gewaltig. Fast wie ein Mythos. Und doch liegt ihr Mittelpunkt nicht oben im Himmel. Sondern unten am Jordan. Bei Elischa. Dem Zurückbleibenden.</p>
<p>Hört, aus dem 2. Königebuch, aus dem 2. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Gott wollte Elija im Sturm in den Himmel holen. Elija und Elischa gingen von Gilgal los.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich nach Bethel.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Also gingen sie nach Bethel. Die Prophetenschüler aus Bethel kamen zu Elischa. Sie fragten ihn: „Weißt du, dass Gott Elija heute von dir wegnehmen wird?“ Elischa sagte: „Ja. Ich weiß das selbst. Seid still.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich nach Jericho.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Also gingen sie nach Jericho. Die Prophetenschüler aus Jericho kamen zu Elischa. Sie fragten ihn: „Weißt du, dass Gott Elija heute von dir wegnehmen wird?“ Elischa sagte: „Ja. Ich weiß das selbst. Seid still.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich an den Jordan.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Dann gingen beide weiter. Fünfzig Prophetenschüler gingen ihnen nach. Sie blieben weit entfernt stehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Elija und Elischa standen am Jordan. Elija nahm seinen Mantel. Er rollte ihn zusammen und schlug auf das Wasser. Da teilte sich das Wasser nach beiden Seiten. Die beiden gingen durch den Fluss, ohne nass zu werden. Als sie auf der anderen Seite waren, sagte Elija zu Elischa: „Hast du noch einen Wunsch? Ich erfülle ihn dir, bevor Gott mich zu sich holt.“ Elischa sagte: „Ich möchte eine doppelte Portion von deiner Geistkraft.“ Elija sagte: „Das ist schwer. Vielleicht siehst du, wie Gott mich holt. Dann bekommst du es. Wenn nicht, dann nicht.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie gingen weiter. Sie redeten miteinander. Plötzlich kam ein Wagen aus Feuer. Mit Pferden aus Feuer. Der Wagen trennte die beiden voneinander. Elija fuhr im Sturm in den Himmel. Elischa sah es und schrie: „Mein Vater! Mein Vater! Du warst für Israel wie Pferde und Wagen!“ Dann konnte er Elija nicht mehr sehen. Da zerriss Elischa seine Kleider vor Trauer. Elijas Mantel blieb liegen. Elischa hob ihn auf. Er ging zurück. Er stellte sich an das Ufer des Jordan. Elischa nahm den Mantel von Elija. Er schlug damit auf das Wasser. Er rief: „Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?“ Da teilte sich das Wasser nach beiden Seiten. Elischa ging hindurch.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Prophetenschüler aus Jericho sahen Elischa von weitem. Sie sagten: „Die Geistkraft von Elija ist jetzt bei Elischa.“ Sie gingen auf ihn zu. Sie verneigten sich vor ihm.</p>
</blockquote>
<p>Das war ganz anders diese Woche bei Sonja. Viele Menschen standen an ihrem Grab. Mitten im Leben musste sie gehen. Viel zu früh. Kein Wagen aus Feuer kam. Kein Sturm vom Himmel. Da war ein Krankenzimmer. Erschöpfung. Hoffnung und Angst. Schwächer werden. Abschied auf Raten. Gemein ist das. Wenn ein Mensch langsam verschwindet. Wenn jemand, den man liebt, immer weniger wird. Und man nichts tun kann.</p>
<p>Es war kein feuriger Wagen, mit dem Werner die Firma verließ. Vierzig Jahre hat er dort gearbeitet. Frühschicht. Spätschicht. Überstunden. Und plötzlich war Schluss. Die Abteilung wird geschlossen. Der Spind leergeräumt. Ein Händedruck. Das war’s.</p>
<p>Es war kein spektakuläres Wunder, als Martinas Kinder auszogen. Erst stand das Zimmer noch offen. Dann blieben die Betten leer. Jetzt ist das Haus still geworden. Manchmal erschrickt sie selbst darüber, wie laut ein leerer Frühstückstisch sein kann.</p>
<p>Es war kein denkwürdiges Ereignis, mit dem Yasemins Freund:innen verschwanden. Das ging ganz langsam. Eine Krankheit. Ein Streit. Ein Umzug. Irgendwann blieb das Handy still. Und plötzlich merkt sie: Man kann einsam werden, obwohl die ganze Welt miteinander verbunden ist.</p>
<p>Und Dieters Kirche? Die Gemeinde als vertrauter Ort? Wann ging die eigentlich? Kein Sturm. Keine Feuerpferde. Nur immer weniger Menschen. Zusammengelegte Gemeinden. Abschiede. Vertraute Gesichter fehlen. Und manchmal sitzt er im Gottesdienst und denkt: Das hier war einmal anders.</p>
<p>Wir kennen das alle. Immer wieder erleben wir das. Die Himmelfahrtsgeschichten sind voll davon. Alle wissen irgendwie Bescheid. Niemand spricht es richtig aus. Man will nicht loslassen. Und muss doch. Andere reden darüber. Elischa sagt: &quot;Seid still.&quot;</p>
<p>So stehen wir am Jordan. Alle zusammen. Die Jünger Jesu mit dabei. Auch sie bleiben zurück, voller Fragen: Wie soll es jetzt denn weitergehen?</p>
<p>Menschen verschwinden. Sicherheiten brechen weg.</p>
<p>Zurück bleibt die Erinnerung. Der Klang vertrauter Stimmen. Lachen. Bekannte Wege. Und Sehnsucht nach den großen Zeiten: Als der Prophet ins Wasser schlug und sich die Wellen teilten. Als Jesus da war und Zeichen und Wunder geschahen. Als wir einander noch hatten, und die gute, vertraute Zeit.</p>
<p>Ist Gott jetzt eigentlich auch weg?</p>
<p>Zerrissene Kleider. Ein Zeichen der Klage. Den Mantel in der Hand -- das letzte, was noch blieb. Ein Erinnerungsstück. Wir gehen zurück zum Jordan. Zurück in den Alltag. Aber nichts ist mehr wie vorher.</p>
<p>Wo ist Gott jetzt?</p>
<p>&quot;Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?&quot;</p>
<p>Das ist vielleicht der ehrlichste Satz der ganzen Geschichte.</p>
<p>Das fragt kein Mensch auf der Höhe seines Glaubens.</p>
<p>Das fragt einer, der gerade jemanden verloren hat.</p>
<p>Einer, der jetzt allein weitergehen muss.</p>
<p>Einer, der nicht weiß, ob das alles noch trägt.</p>
<p>Und genau dort am Jordan, bei unseren zaghaften Schritten und unseren Zweifeln, da beginnt das Evangelium. Die frohe Botschaft dieser Himmelfahrtsgeschichte:</p>
<p>Der Große verschwindet nicht einfach. Und dann ist Ende.</p>
<p>Der Weg geht weiter. Nicht mit Feuerwagen. Schon gar nicht mit Elija.</p>
<p>Aber mit einem Mantel in der Hand. Mit einem Schritt ins Wasser.</p>
<p>Kann ich es wagen? Hoffnung, noch zaghaft vielleicht.</p>
<p>Ein Mensch, der trotzdem weitergeht. Und erlebt:</p>
<p>Gottes Geistkraft. Gottes Geist ist immer noch da. Anders. Auf ganz neue Weise.</p>
<p>Noch näher da. Bei dir.</p>
<p>In dir.</p>
<p>Näher geht es nicht mehr.</p>
<p>Das Evangelium beginnt draußen vor der Stadt. Bei den Nachfolger:innen Jesu, die in den Himmel starren. Ratlos. Wie Menschen am Grab. Wie Elischa am Jordan.</p>
<p>Jesus entzieht sich ihrem Blick. Aber nicht ihrer Welt. Seine Gegenwart wird nicht kleiner. Sie wird größer.</p>
<p>Er ist da wie nie zuvor. Nicht nur an einem Ort. Nicht nur bei wenigen Menschen. Nicht nur als Freund einer kleinen, ausgewählten Gruppe.</p>
<p>Der Auferstandene ist da: Mitten unter Menschen. Mitten im Leben. Mitten in Angst, in Zweifel und in Hoffnung.</p>
<p>In mir.</p>
<p>Näher geht es nicht mehr.</p>
<p>Da verbindet sich der Wochenspruch mit unserer Himmelfahrtsgeschichte:</p>
<p>&quot;Wenn ich erhöht werde von der Erde,&quot;, sagt Jesus, &quot;so will ich alle zu mir ziehen.&quot;</p>
<p>Himmelfahrt heißt nicht: Er entfernt sich. Sondern: Seine Gegenwart bei uns weitet sich.</p>
<p>Der Auferstandene lässt seine Menschen nicht allein.</p>
<p>Er ist nicht weg. Er ist nur anders da.</p>
<p>Immer und überall.</p>
<p>Immer wieder erleben wir solche Abschiede. Sie fühlen sich nie gut an. Es bleibt immer ein bitterer Geschmack.</p>
<p>In der Kirche, am Arbeitsplatz, ganz persönlich. Vertraute Formen verschwinden. Menschen sterben. Sicherheiten lösen sich auf.</p>
<p>Gott verschwindet nicht im Vergangenen. Der Jordan teilt sich noch einmal.</p>
<p>Er ist immer noch da.</p>
<p>Wie denn? Wo?</p>
<p>Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?</p>
<p>Vielleicht genau dort, wo Menschen trotzdem weitergehen.</p>
<p>Wo jemand noch einmal ans Wasser tritt.</p>
<p>Wo Trauernde morgens wieder aufstehen.</p>
<p>Wo eine leere Wohnung langsam wieder Leben atmet.</p>
<p>Wo Menschen sich nicht abfinden mit Einsamkeit und Unrecht. Wo jemand widerspricht, wenn andere klein gemacht werden.</p>
<p>Wo Kirche kleiner wird -- und trotzdem noch singt, betet, hofft.</p>
<p>Wo einer dem anderen Mut leiht.</p>
<p>Wo sich jemand neben eine Trauernde setzt und einfach bleibt.</p>
<p>Wo jemand sagt: &quot;Ich komme morgen wieder.&quot;</p>
<p>Wo jemand sagt: &quot;Ich lasse dich nicht allein.&quot;</p>
<p>Vielleicht genau dort wirkt Gottes Geistkraft weiter.</p>
<p>Nicht laut. Nicht spektakulär. Nicht mit Feuerwagen.</p>
<p>Aber tragfähig.</p>
<p>Lebendig.</p>
<p>Nah.</p>
<p>Die Jünger Jesu werden das erst langsam begreifen. Noch stehen sie da und schauen in den Himmel. Bald aber werden sie aufbrechen. Werden erzählen. Werden heilen. Trösten. Teilen. Hoffen.</p>
<p>Pfingsten beginnt schon genau dort.</p>
<p>Der Geist Gottes bleibt in Bewegung.</p>
<p>Und vielleicht ist das die eigentliche Himmelfahrtshoffnung:</p>
<p>Dass Christus gerade dort gegenwärtig ist, wo Menschen einander nicht fallen lassen.</p>
<p>Mitten unter uns.</p>
<p>Mitten im Leben.</p>
<p>Anders da.</p>
<p>Aber da.</p>
<p>Immer und überall.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Feuerwagen. Sturm. Himmel. Die Himmelfahrtsgeschichten der Bibel wirken fremd und gewaltig. Und doch erzählen sie von etwas, das wir alle kennen: Abschied, Verlust und die Frage, wie es weitergeht. Christi Himmelfahrt führt nicht weg aus der Welt. Sondern mitten hinein ins Leben. Gott ist da. Immer und überall.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Begleitet zwischen Abschied und Hoffnung</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>12:04</itunes:duration>
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      </item>
      
    
      
    
      
      
      
      <item>
        <title>Found</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/found/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/found/</guid>
        <pubDate>Sun, 19 Apr 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Lost ist, wenn alles sinnlos scheint. Dann kommt Jesus, der Messias. Du findest Hoffnung: Found ist, wenn Gott dich hält.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Von Gott geliebte,</p>
<p>Hört aus dem ersten Petrusbrief, aus dem 2. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Der Messias hat für euch gelitten. Er hat euch gezeigt, wie man leben kann.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wir haben das Ziel verfehlt. Er hat das auf sich genommen. Auf sein Leben. Er ist am Kreuz gestorben. Jetzt können wir ohne das Böse leben. Jetzt können wir für das Gute leben. Er wurde verletzt. Wir sind dadurch gesund geworden.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ihr wart wie Schafe. Verirrt. Verloren. Jetzt seid ihr zurückgekommen. Ihr seid wieder bei eurem Hirten. Er behütet euer Leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(1. Petrus 2,21b–25; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Du stehst da. Du schaust dich um. Wohin? Du weißt nicht mehr weiter. Alles fühlt sich an wie ein Kreis. Ohne Anfang. Ohne Ende. Ohne Ausgang. Du spürst es in den Beinen. Dieses Schwere. Dieses Nicht-mehr-weiter-Können. Du spürst es im Kopf. Wie dicker Nebel. Dieses Nicht-mehr-weiter-Wissen. Dein Herz pocht laut und immer schneller. Panik?</p>
<p>Lost.</p>
<p>So heißt das heute.</p>
<p>Lost.</p>
<p>Verloren. Verirrt.</p>
<p>Lost ist man in der fremden Großstadt, mitten im Trubel, im Verkehr. Wenn man im Dickicht der Kreuzungen den Weg nicht findet. Wenn man keinen Menschen kennt, der einem helfen könnte. Wen der Plan nicht zur sichtbaren Wirklichkeit zu passen scheint.</p>
<p>Verloren. Verirrt.</p>
<p>Lost kann man auch zu Hause sein, auf vertrautem Terrain. Wenn der Durchblick fehlt. Wenn man eine Sache absolut nicht versteht. In der Schule bei den Matheaufgaben. Bei der Steuererklärung. Bei der Verwendung eines neuen, verwirrenden Geräts, dessen Anleitung automatisch aus dem Chinesischen übersetzt wurde.</p>
<p>Verloren. Verirrt.</p>
<p>&quot;Wie Schafe&quot;, meint der Verfasser des Petrusbriefs. Für Menschen in einem wasserarmen Land ist das einleuchtend. Da wächst nicht an jeder Ecke saftiges Gras für die Schafe. Ziegen wissen sich da zu helfen. Die sind schlau und finden den Weg zum nächsten Grün. Schafe fressen an Ort und Stelle alles ab. Dann schauen sie dumm aus der Wäsche--äh, Wolle. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie laufen ziellos davon. Sie verenden in der Wüste.</p>
<p>Lost.</p>
<p>Wie Schafe ohne Hirten.</p>
<p>Lost kann man auch im Leben sein. Wenn sich kein Ausweg auftut. In einer Beziehung, die einen klein macht. Wenn man immer wieder hört: Du bist schuld. Du bist nicht gut genug. Wenn man sich fragt: Wer bin ich noch, wenn ich nur noch funktionieren soll?</p>
<p>Lost ist man, wenn man nur noch für andere lebt. Wenn man denkt: Ich muss es aushalten. sonst bricht alles zusammen. Wenn man merkt: Ich trage eine Last, die nicht meine ist.</p>
<p>Lost ist man, wenn man ausgegrenzt wird. Wenn die anderen über einen lästern. Wenn man sich fragt: Warum immer ich?</p>
<p>Lost ist man, wenn die Worte fehlen. Wenn man nicht mehr weiß, wie man es erklären soll. Wenn man schweigt, weil sowieso niemand zuhört.</p>
<p>Verloren. Verirrt. Wie Schafe ohne Hirten.</p>
<p>Genau an diese Menschen richtet sich dieser Petrusbrief. Der Verfasser schreibt an Sklav:innen, die unter ungerechten Bedingungen leiden. An Diener:innen, die sich ausgebeutet fühlen. An Ehefrauen in einem patriarchalischen System. Wo Männer die Macht haben. Er schreibt an Menschen, die &quot;lost&quot; sind in einem System, das sie unterdrückt und leiden lässt. Er schreibt... ein Danklied! Ein Danklied an Jesus, den Messias, der am Kreuz für diese Menschen starb.</p>
<p>Das kommt jetzt überraschend. Es passt in den Zusammenhang eines Briefs, der von der Hoffnung schreibt, die wir Christ:innen durch Jesus haben. Der nicht müde wird, davon zu erzählen, dass Gott auch im Leid Freude schenken kann.</p>
<p>Vielleicht doch nicht so lost?</p>
<p>Dabei löst der Text in mir erst einmal Widerstand aus. Was heißt denn das jetzt für Menschen, die Gewalt in einer Beziehung erleben? Für Schüler:innen, die gemobbt werden? Für alle, die keinen Ausweg aus einer hoffnungslosen Situation zu finden scheinen? &quot;Freu dich! Dir geht's wie Jesus. Nimm dir ein Beispiel an ihm. Er hat das alles ertragen. Also sei still. Ertrag dein Schicksal – und sei dankbar dafür.&quot;</p>
<p>Viel zu oft war genau das die Botschaft. Viel zu oft hat die Kirche genau solche Texte instrumentalisiert, um den Status quo zu rechtfertigen. Hat Unrecht und Unterdrückung legitimiert mit dem Verweis auf Christus, der ja auch gelitten hat.</p>
<p>Ist das Evangelium? In mir sträubt sich alles gegen so eine Lesart.</p>
<p>Doch dann lese ich den Text noch einmal. Und plötzlich sehe ich etwas anderes.</p>
<p>Theolog:innen wie Dorothee Sölle, Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler-Fiorenza haben gefragt: Was bedeutet dieser Text für Frauen, denen gleiche Teilhabe verwehrt wird? An der Seite der Armen in den Favelas, den Slums Lateinamerikas, haben Theolog:innen wie Leonardo Boff oder Gustavo Gutierrez versucht, diesen Text &quot;von unten&quot; zu lesen. Aus der Perspektive der Unterdrückten.</p>
<p>Dann steht da nicht mehr: &quot;Ertrag dein Leid.&quot; Sondern: &quot;Du bist nicht allein. Gott sieht dein Leid--und in Jesus, dem Messias, steht er auf der Seite der Unterdrückten.&quot;</p>
<p>Wie kann ein Text, der von Leiden handelt, gleichzeitig Hoffnung stiften – ohne das Leid zu verherrlichen?</p>
<p>&quot;Der Messias hat gelitten.&quot;, heißt es. &quot;Er hat uns gezeigt, wie man leben kann.&quot;</p>
<p>Aber was bedeutet das denn? Heißt das: Leid ist gut? Heißt das: Bleib still und ertrag es?</p>
<p>Nein.</p>
<p>Dieser Text ist kein Aufruf zur Passivität.</p>
<p>Er ist ein Aufruf, hinzusehen.</p>
<p>Denn der Messias hat nicht gesagt: „Leidet weiter.“</p>
<p>Er hat das Böse auf sich genommen.</p>
<p>Er hat es nicht gutgeheißen.</p>
<p>Er hat es getragen – um es zu überwinden.</p>
<p>Er hat sich selbst zu einem der Unterdrückten gemacht.</p>
<p>Das ist das Befreiende: Am Kreuz stellt sich Gott klar auf die Seite der Leidenden.</p>
<p>Und ich sehe: Jesus zeigt uns nicht nur, wo Gott steht. Ich sehe auch: Er zeigt mir, wie ich leben kann. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Rache. Sondern mit der Gewissheit, dass Gott gerecht richtet – und dass ich dieser Gerechtigkeit vertrauen darf.</p>
<p>Wie liest sich dieser Text, wenn man ihn nicht von oben herab betrachtet – sondern von unten?</p>
<p>Von den Sklav:innen aus, die unter der Peitsche ihrer Herren stöhnen. Von Arbeiter:innen, die ausgebeutet werden, bis nichts mehr übrig bleibt. Von den Frauen, denen man sagt: Schweig und füg dich. Von Gemobbten, Missbrauchten, Co-Abhängigen--von allem, was &quot;lost&quot; ist, her:</p>
<p>Plötzlich ist da kein Aufruf mehr, das Leid zu ertragen.</p>
<p>Sondern eine Zusage:</p>
<p>Du bist nicht allein. Gott sieht dein Leid. Und in Jesus, dem Messias, steht er auf deiner Seite.</p>
<p>Er hat nicht gesagt: „Halt aus.“ Er hat gesagt: „Ich halte mit dir aus.“ Er hat das Böse nicht romantisiert. Er hat es auf sich genommen – um es zu brechen.</p>
<p>Wo ist das Böse heute?</p>
<p>Wo wird es Menschen aufgebürdet?</p>
<p>Oft steckt es in Systemen, die wir kaum sehen – bis sie uns selbst treffen.</p>
<p>In den Fabriken, in denen unsere Kleidung genäht wird. Auf den Feldern, auf denen unser Essen wächst. In den Büros, in denen Menschen ausgebeutet werden, bis sie zusammenbrechen.</p>
<p>In einer Politik, die am liebsten bei den Schwächsten spart.</p>
<p>In den Familien, in denen Gewalt herrscht. In den Schulen, in denen Kinder gemobbt werden. In den Köpfen, in denen die Stimme sagt: Du bist nichts wert.</p>
<p>Das sind die, die „lost“ sind.</p>
<p>Die, die unter der Last zusammenbrechen. Die, die keinen Ausweg sehen. Die, die schreien – und niemand hört sie.</p>
<p>Die gibt es auch hier bei uns, in Gäufelden. Auch hier, heute, in den Reihen unseres Kirchraums.</p>
<p>Und hier, in unserer Mitte, wird unsere Hoffnung greifbar – wenn wir sie teilen:</p>
<p>Euch sagt dieser Text:</p>
<p>Ihr seid nicht allein. Gott sieht euer Leid. In Jesus, dem Messias, stellt er sich auf eure Seite.</p>
<p>Er sagt nicht: &quot;Halte durch.&quot; Sondern: &quot;Ich halte es mit dir aus.&quot;</p>
<p>Jesus hängt nicht nur am Kreuz von Golgatha.</p>
<p>Er sitzt mit am leeren Tisch der Alleinerziehenden. Er steht im Schulhof, wenn wieder gelästert wird. Er hört die Stimme, die flüstert: „Du bist nichts wert.“</p>
<p>Er geht freiwillig in das äußerste &quot;Lost-sein&quot; hinein. Gott selbst füllt die Verlorenheit.</p>
<p>Seine Wunden sind die Risse in unserem Leben.</p>
<p>Doch durch diese Risse bricht Licht ein: Gott ist hier. Nicht als Richter. Sondern als der, der mit uns leidet. Unfassbar nah – und doch ganz anders, als wir es erwarten.</p>
<p>Und als der, der uns auffordert, hinzusehen.</p>
<p>Uns, die wir vielleicht gar nicht Teil der Angesprochenen sind: Lost. Verloren. Hilflos unterdrückt.</p>
<p>Als reicher, weißer Mann in Baden-Württemberg ist das nicht unbedingt mein Schicksal. Nicht jeder darf sich in die Opferrolle hineinlesen. Nicht jeder ist ein Opfer.</p>
<p>Was bedeutet das für uns?</p>
<p>Für die, die nicht unter der Last zusammenbrechen. Für die, die Auswege sehen. Für die, die schreien – und gehört werden.</p>
<p>Wir gehören vielleicht nicht zu den „Lost“. Aber wenn wir wegschauen, wenn wir nicht hinhören, wenn wir sagen: „Das geht mich nichts an“ – dann sind wir nicht dort, wo sich Gott befindet.</p>
<p>Man kann auch auf der falschen Seite stehen. Papst Leo XIV. hat das kürzlich so gesagt: &quot;Gott hört nicht auf die Gebete derer, die Krieg führen.&quot; Was, wenn das auch für die gilt, die Unterdrückung rechtfertigen--statt sich zu den Schwachen zu stellen?</p>
<p>Gott stellt sich immer auf die Seite der Leidenden. Er ist immer an der Seite der Unterdrückten.</p>
<p>Wenn wir den Weg Jesu dorthin nicht mitgehen, dann sind vielleicht wir die, die wirklich lost sind.</p>
<p>Denn wo wir Jesus nicht auf diesem Weg folgen, wo wir die Risse nicht sehen wollen, da fehlt uns sein Licht. Da sind wir die, die den Weg verloren haben.</p>
<p>Dieser Text muss für uns ein Aufruf sein: Hinzusehen. Mitzugehen. Die Risse zu füllen – nicht mit Worten, sondern mit Präsenz.</p>
<p>Da, wo es in unserer Macht steht, etwas zu verändern, dürfen wir nicht still bleiben.</p>
<p>Nicht stumm ertragen, wo Unrecht geschieht.</p>
<p>Die Hoffnung, die wir haben, muss laut werden für die, denen die Hoffnung versagt wird.</p>
<p>Hoffnung, die schweigt, ist keine Hoffnung.</p>
<p>Unsere Hoffnung wird zum Aufstand der Barmherzigkeit.</p>
<p>Lasst uns also hingehen. Mitgehen. Und auch mal laut sein.</p>
<p>Denn: Veränderung ist möglich. In diesem Text, der von Gegensätzen lebt, wird das sehr deutlich.</p>
<p>Mehr noch: Veränderung, sagt der Text, ist bereits geschehen. Gott selbst hat das getan, durch Jesus, den Messias.</p>
<p>Vorher. Nachher. Früher. Jetzt.</p>
<p>Durch das, was Gott getan hat, wird das Leiden verwandelt.</p>
<p>Sein Tod war nicht das Ende. Sondern der Anfang von etwas Neuem – für uns alle.</p>
<p>Jetzt gibt es Hoffnung.</p>
<p>Jetzt gibt es Gott an unserer Seite.</p>
<p>Jetzt gibt es Grund zur Freude, zum Danklied gar, auch mitten im Leid.</p>
<p>Überall da, wo das Böse uns noch bedrängt, da hören wir:</p>
<p>Vielleicht sind wir doch nicht so lost.</p>
<p>Verloren. Verirrt. Wie Schafe ohne Hirten.</p>
<p>Wir haben doch ihn. Wir haben doch Gott, der unser Leben hält.</p>
<p>Wir sind nicht hilflos. Wir sind nicht allein.</p>
<p>Wir sind ... found.</p>
<p>Das müsste der Titel dieser Predigt sein.</p>
<p>Nicht lost -- verloren.</p>
<p>Found -- gefunden.</p>
<p>Du stehst da. Du schaust dich um. Wohin? Du weißt: Es gibt einen Weg. Alles fühlt sich an wie ein Kreis – aber einer, der sich öffnet. Du spürst es in den Beinen. Dieses Standhalten. Dieses Weiter-Können. Du spürst es im Kopf. Wie ein Riss, durch den Licht fällt. Dieses Nicht-mehr-allein-Wissen. Dein Herz schlägt – nicht mehr gegen dich. Sondern mit dir.</p>
<p>Found.</p>
<p>So heißt das heute.</p>
<p>Found--gefunden.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Lost ist, wenn alles sinnlos scheint. Dann kommt Jesus, der Messias. Du findest Hoffnung: Found ist, wenn Gott dich hält.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Nicht mehr verloren</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Alles in allem</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/alles-in-allem/</link>
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        <pubDate>Sun, 05 Apr 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was tot ist, ist tot. Das ist vernünftig. Das ist die Erfahrung. Ostern widerspricht. Laut. Unkaputtbar. Am Ende ist Gott alles in allem — und der Tod hat das letzte Wort verloren.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch, und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Auferstandenen, unserem Herrn!</p>
<p>Paulus, Apostel eben dieses Auferstandenen, schreibt an die von ihm gegründete Gemeinde in Korinth--und heute auch an uns, hier in Gäufelden. Hört, aus dem 1. Korintherbrief aus dem 15. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Wir sagen: Jesus, der Messias, ist auferstanden. Aber manche bei euch sagen: Die Toten stehen nicht auf. Wie passt das zusammen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Stell dir vor: Die Toten bleiben tot. Dann wurde auch der Messias nicht lebendig gemacht. Der Messias bleibt tot? Dann reden wir umsonst. Dann ist euer Glaube leer. Dann haben wir sogar über Gott gelogen. Wir haben gesagt: Gott hat den Messias lebendig gemacht. Aber das ist dann ja nicht wahr. Die Toten bleiben dann ja tot.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Also: Die Toten bleiben tot? Dann wurde auch der Messias nicht lebendig gemacht. Der Messias bleibt tot? Dann ist euer Glaube sinnlos. Dann seid ihr noch gefangen. Getrennt von Gott. Dann sind alle verloren. Auch die, die an den Messias geglaubt haben und gestorben sind. Wenn der Messias uns nur für dieses Leben Hoffnung gibt — dann sind wir die Ärmsten überhaupt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber jetzt ist es so: Gott hat den Messias lebendig gemacht. Als Ersten von allen, die gestorben sind. Schaut: Ein Mensch hat den Tod in die Welt gebracht. Und ein Mensch bringt das Leben zurück. Adam steht für alle Menschen. Deshalb sterben alle. Der Messias steht für alle Menschen. Deshalb werden alle lebendig gemacht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber es geht der Reihe nach. Zuerst der Messias. Dann, wenn er wiederkommt, alle, die zu ihm gehören. Dann kommt das Ende. Der Messias besiegt alles Mächtige. Alles, was über Menschen bestimmt. Alles, was Menschen Angst macht. Dann gibt er Gott, seinem Vater, die Kontrolle. So muss es nämlich sein: Der Messias herrscht, bis Gott alle seine Feinde besiegt hat. Der letzte Feind ist dann der Tod. Auch er wird vernichtet.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott hat dem Messias alles untergeordnet. Mit „alles&quot; ist Gott selbst natürlich nicht gemeint. Gott hat das alles möglich gemacht. Am Ende gibt der Messias alles an Gott zurück. Von Gott hat er alles bekommen. Am Ende ist Gott alles in allem. <em>(1. Korinther 15,12–28; von mir in Leichte Sprache übertragen)</em></p>
</blockquote>
<p>Sie haben ja recht: Der Tod ist das Ende. Was tot ist, ist tot. Stille. Gräber. Steine. Das ist es, was wir heute Morgen schon auf dem Nebringer Friedhof gesehen haben: Stille, Gräber und Steine. Vergänglichkeit und Ende. Was tot ist, ist tot und bleibt tot. Das ist doch vernünftig. Das ist es, was wir überall beobachten. Das ist es, was alle Fakten uns bestätigen. Was tot ist, ist tot. Das ist zu akzeptieren. Schlicht und einfach: Vernünftig. Wer das nicht sieht, verweigert sich der Realität.</p>
<p>Und ich stehe nicht hier, um das wegzureden.</p>
<p>&quot;Adam&quot; nennt die Bibel den, der für dieses Schicksal steht. Urbild des Menschen, der dem Tod unterworfen ist. Irgendwie sind wir alle Adam, oder?</p>
<p>Der Tod ist kein sanfter Einschläfer. Er ist der Feind. Wer das nicht kennt, hat Ostern noch nicht gebraucht.</p>
<p>Ostern drängt uns dazu, das anders zu sehen. Das ist nicht, was wir bezeugt haben heute Morgen auf dem Friedhof. Davon haben wir nicht gesungen. Ostern zeigt uns einen anderen Blick: Auch an den Gräbern geben wir die Hoffnung nicht auf. Wir übersehen Vergänglichkeit nicht. Wir sehen weiter. Das Ende liegt nicht auf dem Friedhof. Ostern drängt uns hin zum Ende--zum Ende aller Dinge. Man könnte auch sagen: zu ihrer Vollendung.</p>
<p>&quot;Am Ende ist Gott alles in allem&quot;, schreibt Paulus.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem. Alles in allem. Und alles in Gott. Das lässt keinen Raum mehr für den Tod. Keinen Raum mehr für Leiden. Für Krieg. Für Schmerzen und Weinen. Für Einsamkeit und Ablehnung. Für Verlust und das Klagen um die, die uns fehlen.</p>
<p>Da fehlt überhaupt nichts mehr.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Das lässt keinen Raum mehr für die Angst, die einen nachts wachhält. Für die Diagnose, die alles verändert hat. Für die Beziehung, die zerbrochen ist und nicht mehr gekittet wird. Für das Kind, um das man sich sorgt. Für den Vater, die Mutter, die man nicht mehr erreicht. Kennst du das? Ich schon.</p>
<p>Da bleibt kein Raum mehr für die Mächtigen, die über andere bestimmen als wäre Leben nichts wert. Für Möchtegern-Könige, egal welcher Haarfarbe. Für Diktatoren, die Grenzen verschieben. Für Bomben, die auf Wohnhäuser fallen. Für Gleichgültigkeit gegenüber denen, die im Mittelmeer ertrinken oder auf der Flucht sind, ohne Heimat. Für Systeme, die Menschen klein halten, damit andere groß bleiben können.</p>
<p>Da bleibt kein Raum mehr für missbrauchte Kinder, für überforderte Eltern, für abgeschobene Alte. Kein Raum für Ablehnung derer, die irgendwie anders sind.</p>
<p>Da bleibt kein Raum mehr für Krebsdiagnosen und Kindergräber, für Schreckensnachrichten und für qualvolles Leiden.</p>
<p>Kein Raum für Propaganda und Verführung.</p>
<p>Kein Raum mehr für alles, was Menschen beherrscht und knechtet. Was Angst macht und lähmt. Was trennt und zerstört.</p>
<p>Am Ende sind die Dinge so, wie sie sein sollten.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Das ist das Ende.</p>
<p>Nicht der Tod.</p>
<p>Denn der ist besiegt. Das ist es, was Ostern uns sagt: Der Tod ist überwunden. Der Tod ist ja nicht nur das Ende des Lebens. Er ist der Versuch, Gott das letzte Wort zu nehmen. Ostern sagt: Das gelingt ihm nicht.</p>
<p>Das sehen wir am leeren Grab: Christus ist auferstanden! Gott hat seinen Messias dem Tode entrissen. Und das ist kein Einzelfall. Für Paulus ist das &quot;Erstlingsfrucht.&quot; Der Beginn einer neuen Ernte. Wo der blüht, da kommt noch vieles nach. Wir kommen nach. Das ist die Verheißung von Ostern. Die Auferstehung des Gekreuzigten verändert die Wirklichkeit. Auch unser Tod wird nicht das Ende sein. Auch uns nimmt Gott mit hinein in das neue Leben.</p>
<p>Das meine ich, wenn ich immer wieder sage: &quot;Wir haben Hoffnung.&quot; Nicht eine Hoffnung, die sich mit dem arrangiert, was halt ist. Nicht eine Hoffnung, die sagt: Es wird schon irgendwie werden. Hoffnung ist unser Widerspruch zu dem, was hier so endgültig scheint. Hoffnung sagt: Der Tod ist besiegt, auch wenn jetzt noch Menschen sterben. Hoffnung weiß: Ostern hat alles verändert. Hoffnung hält sich gegen alles hier am Ende fest.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Macht. Gewalt. Dominanz. Unterdrückung. Tod.</p>
<p>Am Ende werden sie alle verloren haben.</p>
<p>Ostern sagt: Sie haben schon verloren. Mit dem auferstandenen Messias beginnt die neue Schöpfung Gottes. Wir sind schon ein Teil davon. Wir leben mittendrin--auch wenn es um uns herum noch ganz anders aussieht. Wir feiern nicht nur Ostern in einer zerrissenen Welt. Wir leben die neue Schöpfung schon. Jeden Tag. Wir sind Ostermenschen--viel besser als Osterhasen. Und das meine ich ernst!</p>
<p>Die Jahreslosung &quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot; ist für uns keine Zukunft mehr. &quot;Ich mache&quot;, das ist Gegenwart. Begonnen hat sie genau da: am leeren Grab. Am Ostermorgen. Mit dieser Botschaft: Christus ist auferstanden. Seither macht Gott alles neu. Durch Christus. Ostern drängt uns, die Augen aufzumachen: Wo macht Gott gerade alles neu? Hier. Bei uns. Heute.</p>
<p>Vielleicht schon in dem Gespräch, das heute nach dem Gottesdienst noch kommt. In der Hand, die jemand hält. Im Lied, das wir gemeinsam gesungen haben.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Ich denke an Hailey, die heute getauft wurde. Ein kleines Leben. Noch so am Anfang. Und Gott sagt: Dieses Leben gehört mir. Ich habe Hailey bei ihrem Namen gerufen. Ich bin dabei. Von Anfang an. Bis ans Ende. Und über das Ende hinaus.</p>
<p>Die Taufe ist mehr als ein Familienfest mit Kerze und weißem Kleid. Sie ist der Eintritt in die größte Geschichte, die es gibt. In die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung. In die Bewegung, die Paulus beschreibt: von Adam zum Messias. Vom Tod zum Leben. Von der alten Welt in die neue.</p>
<p>Hailey ist jetzt ein Ostermensch.</p>
<p>Gott hat sich entschieden. Für Hailey. Für dich. Für alle. Diese Entscheidung ist älter als die Welt und stärker als der Tod. Wenn wir alle irgendwie &quot;Adam&quot; sind — dann sind wir in der Taufe neu verortet. „In Christus&quot;, würde Paulus sagen. Nicht mehr nur Adams Kinder. Sondern Kinder des Auferstandenen.</p>
<p>Gott hat dem Messias das Leben zurückgegeben. Und in der Taufe gibt er es weiter. An Hailey. An uns alle, die wir getauft sind. Das ist kein frommer Wunsch. Das ist Wirklichkeit. Seit Ostern. Hoffnung weiß das. Hoffnung sieht das.</p>
<p>Auch Hailey wird einmal sterben. Das verschweigen wir nicht. Aber der Tod wird nicht das letzte Wort haben. Gott hat das letzte Wort. Und das lautet: Leben.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Aber — und das ist wichtig — diese neue Schöpfung ist nicht privat. Sie ist nicht nur für Hailey, für dich, für mich, für Einzelne. Sie ist nicht nur für uns, die wir heute hier sitzen. Paulus schreibt: „In Christus werden alle lebendig gemacht.&quot; Alle. Die ganze Schöpfung stöhnt und wartet, schreibt er an anderer Stelle. Nicht nur die Menschen. Die ganze Schöpfung wartet auf ihre Befreiung. Ostern ist kein Privatereignis. Ostern ist der Beginn der neuen Welt.</p>
<p>Nicht nur Hailey wartet auf ihre Vollendung. Der Wald wartet. Das Meer wartet. Die ganze Schöpfung wartet auf den Tag, an dem Gott alles in allem ist.</p>
<p>Die alte Welt hat's nämlich in sich. Die alte Welt ist voller Schrecken. Auschwitz. Butscha. Sterben in Tel Aviv, in Gaza und Beirut, in Teheran und im Donbass. &quot;Wo war da Gott?&quot; fragst du. Und du hast ja recht, das zu fragen. Eine Hoffnung, die darauf keine Antwort hat, ist keine christliche Hoffnung. Eine Auferstehung, die die Toten der Geschichte vergisst, ist nicht die Auferstehung, von der Paulus spricht.</p>
<p>Paulus spricht von der Auferstehung der Toten. Nicht: der Seelen. Nicht: der Gerechten. Der Toten. Aller Toten. Die Toten der Geschichte schweigen nicht. Sie schreien zu Gott. Und Gott hört. Auferstehung heißt: Gott gibt ihnen recht. Die Geschichte der Leiden, die Geschichte der Opfer, die Geschichte der Vergessenen — sie ist bei Gott nicht vergessen. Sie wird aufgehoben. Nicht ausgelöscht, sondern verwandelt.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Das ist die Hoffnung, für die ich lebe.</p>
<p>Auf die ich zulebe. An der ich mich festhalte.</p>
<p>Und von der ich nicht aufhören kann, zu reden.</p>
<p>Ich bin ein Ostermensch.</p>
<p>Einen Augenblick lang hat mich Paulus in Schrecken versetzt. Bei seinem Nachdenken über eine Welt ohne die Auferstehung wäre mir fast der Atem stehengeblieben. Ich glaube fast, so ging es ihm selbst auch: &quot;Wenn der Messias uns nur für dieses Leben Hoffnung gibt — dann sind wir die Ärmsten überhaupt.&quot;</p>
<p>Ostern schreit seinen Widerspruch in das, was wir als Realität wahrnehmen: &quot;Aber jetzt <em>ist</em> es so: Gott <em>hat</em> den Messias lebendig gemacht.&quot;</p>
<p>Da ist sie die Hoffnung. Laut. Unkaputtbar.</p>
<p>Wir sind nicht die Ärmsten überhaupt. Wir sind Ostermenschen. Menschen mit Hoffnung, die der Wirklichkeit nicht ausweicht, sondern ihr standhält.</p>
<p>Und sie verwandelt, bis alles neu wird.</p>
<p>Am Ende ist Gott alles in allem.</p>
<p>Frohe Ostern!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was tot ist, ist tot. Das ist vernünftig. Das ist die Erfahrung. Ostern widerspricht. Laut. Unkaputtbar. Am Ende ist Gott alles in allem — und der Tod hat das letzte Wort verloren.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ostermenschen mit Hoffnung</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Vertrauen. Exklusiv.</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/vertrauen-exklusiv/</link>
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        <pubDate>Sun, 29 Mar 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Sie war nicht eingeladen. Sie hat nichts gesagt. Sie hat einfach alles gegeben. Eine namenlose Frau in Betanien zeigt, was Vertrauen bedeutet – und wen sie damit meint.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Hört, Geliebte Gottes, aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 14. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>In zwei Tagen beginnt das Passa-Fest. Danach folgt das Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohepriester und die Schriftgelehrten beraten miteinander. Sie suchen einen Weg, Jesus heimlich festzunehmen. Sie wollen ihn töten. Sie sagen: Nicht während des Festes. Sonst gibt es Unruhe im Volk.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus war in Betanien. Er war zu Gast im Haus von Simon. Simon hatte früher Aussatz. Das ist eine schwere Hautkrankheit. Jesus saß am Tisch. Da kam eine Frau herein. Sie hatte ein Alabasterfläschchen dabei. In dem Fläschchen war sehr teures Nardenöl. Die Frau zerbrach das Fläschchen. Und sie goss das ganze Öl auf den Kopf von Jesus.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Einige Menschen wurden wütend. Sie redeten miteinander. Sie sagten: Warum diese Verschwendung? Man hätte das Öl verkaufen können. Für mehr als dreihundert Silbermünzen. Das ist viel Geld. Das Geld hätte man den Armen geben können. Und sie machten der Frau Vorwürfe.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagte: Lasst sie in Ruhe. Warum macht ihr das schwer für sie? Sie hat mir etwas Gutes getan. Die Armen sind immer bei euch. Ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht immer. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Körper schon jetzt mit Öl gesalbt. Das macht man sonst nach dem Tod. Sie hat mich schon für mein Begräbnis vorbereitet.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagt: Ich sage euch die Wahrheit. Überall auf der Welt wird man die gute Nachricht von Gott erzählen. Und überall wird man auch erzählen, was diese Frau getan hat. Man wird sie nicht vergessen. (Markus 14,1-9; von mir in leichte Sprache übertragen).</p>
</blockquote>
<p>Gelobt sei, der da kommt.</p>
<p>Die Straße ist voll. Die Erwartungen sind riesig. Und irgendwo mittendrin – eine Frau mit einer Flasche.</p>
<p>Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Die Masse tobt. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Endlich ist er da. Jesus zieht nach Jerusalem ein. Jetzt. Jetzt wird es passieren. Jetzt geht es los. Endlich erfüllen sich alle Sehnsüchte und Hoffnungen.</p>
<p>Da stehen sie am Straßenrand. Die Enttäuschten. Die Geschädigten. Die, die unter der römischen Besatzung leiden. Die Steuern sind erdrückend. Wer nicht zahlt, verliert alles. Die Römer bestimmen, wer Recht hat und wer nicht. Wer leben darf und wer nicht. Das eigene Land – besetzt. Die eigene Religion – geduldet, solange sie nicht stört. Die Würde – täglich verletzt.</p>
<p>Und dann sind da die anderen. Die, die sehen, wie der Glaube verkommt. Wie die Reichen sich mit den Mächtigen arrangieren. Wie die Hohepriester Rom den Gefallen tun, den Rom erwartet. Wie aus dem Tempel ein Geschäft geworden ist. Wie die Frommen nur noch nach außen fromm sind.</p>
<p>Und dann die Vielen, die einfach nichts mehr haben, woran sie sich festhalten können. Keine Sicherheit. Keine Zukunft. Keine Hoffnung.</p>
<p>Sie alle stehen am Straßenrand. Und sie jubeln. Sie verleihen ihrer Sehnsucht Ausdruck: Hier kommt die Hilfe. Gottes Messias. Auf ihn haben wir gewartet.</p>
<p>Er wird die Römer vertreiben. Er wird die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen. Er wird dem kleinen Mann endlich Recht verschaffen.</p>
<p>Er wird die Kriege beenden. Die Spritpreise senken. Der Gewalt ein Ende setzen. Schluss mit Politik, die sich im Kreis dreht! Schluss mit einer Schere in der Gesellschaft, die immer weiter aufgeht!</p>
<p>Auch wir würden jubeln, wenn einer käme, der das alles richtet. Der klare Worte spricht. Der Gerechtigkeit bringt. Der die Welt wieder in Ordnung bringt.</p>
<p>Hosianna.</p>
<p>Gelobt sei, der da kommt.</p>
<p>Die Straße ist voll mit Menschen die genau wissen, was jetzt passieren muss.</p>
<p>Eine Flasche zerbricht.</p>
<p>Hier, weit weg vom Getöse auf der Straße, lässt sie das erschrecken. Da sitzen sie, vor einem guten Essen. Gerade hat man noch geredet und gelacht. Jetzt starren sie die namenlose Frau an. Sie steht da, mitten im Raum. Was hat sie nur getan?</p>
<p>Zu denen, die da vor ihr sitzen, passt sie nicht. Eine Männerrunde, die über Gott und die Welt redet. Jesus mittendrin. Und dann kommt sie – eingeladen ist sie nicht. Frauen haben in dieser Gesellschaft bei so einer Runde nichts zu suchen. Aber plötzlich steht sie mittendrin.</p>
<p>Als sie das Fläschchen zerbricht, verstummen die Gespräche.</p>
<p>Nardenöl, importiert aus dem fernen Indien. Dreihundert Silbermünzen – das Jahresgehalt eines Arbeiters. Zwanzig-, dreißigtausend Euro wären das heute. Nicht eine von vielen Flaschen. Die eine. Und jetzt ist sie zerbrochen. Unwiederbringlich. Das Öl läuft ihr über die Hände, tropft auf Jesu Haare, rinnt herunter. Sie gießt alles aus. Den ganzen Inhalt. Nichts bleibt übrig.</p>
<p>Dann löst sich die Schockstarre. Unmut macht sich breit. Man redet – nicht mit ihr, sondern über sie. Verschwendung. Sinnlos. Das Geld hätte man den Armen geben können.</p>
<p>Die anderen wissen es immer besser. Von ihren bequemen Plätzen aus lässt sich alles beurteilen. Aber keiner von ihnen hilft gerade den Armen. Sie wissen es nur besser.</p>
<p>Bis Jesus die Diskussion unterbricht. Er spricht nicht über sie. Nicht mit ihr. Er spricht für sie.</p>
<p>Das ist nicht selbstverständlich. Menschen, die übergangen werden, die beurteilt werden, ohne gehört zu werden – die kennen diesen Moment nicht. Dass einer aufsteht und sagt: Lasst sie in Ruhe. Ich stehe hier.</p>
<p>Jesus sieht sie völlig anders als die anderen. Ein gutes Werk hat sie getan. Plötzlich wird ihr wieder warm ums Herz.</p>
<p>Vielleicht hat sie gezittert. Vielleicht hat sie die Luft angehalten, als die anderen über sie herzogen. Und dann: dieser eine Satz. Lasst sie in Ruhe. Tief durchatmen. Schultern runter. Er hat sie gesehen.</p>
<p>Nein, Jesus hat nichts gegen Hilfe für Arme. Aber jetzt sagt er etwas Merkwürdiges. Etwas, das sich erst beim zweiten Hören erschließt.</p>
<p>Mich habt ihr nicht immer.</p>
<p>Das ist ein Hinweis auf den Moment, in dem sie sich befinden. Zwei Tage noch bis zum Passa-Fest. Die Mächtigen planen im Verborgenen. Die Uhr läuft. Und diese Frau – sie spürt es. Sie spürt, dass dieser Mensch einmalig ist. Dass dieser Moment einmalig ist.</p>
<p>Sie hat erkannt, wer da ist.</p>
<p>Hat sie das selbst erkannt? Oder ist ihr das aufgegangen? Beides vielleicht. Erkenntnis, die so tief sitzt, dass sie durch die Hände geht – die ist selten nur selbst gemacht.</p>
<p>Sie bekennt ihr Vertrauen zu dem, den sie erkannt hat.</p>
<p>Nicht mit Worten. Nicht mit einem Bekenntnis. Nicht mit einem Hosianna-Ruf am Straßenrand. Sondern mit einem zerbrochenen Fläschchen und einem Duft, der den ganzen Raum füllt. Exklusiv und teuer.</p>
<p>Priester werden in Israel gesalbt. Könige auch. Und Tote, die man in Gottes Hand legt.</p>
<p>Sie salbt einen König. Den Messias – das bedeutet der Gesalbte. Den, auf den Israel gewartet hat. Den echten Hoffnungsträger.</p>
<p>Und sie tut es jetzt, solange er noch da ist. Bevor Tränen und Schweiß und Blut kommen. Bevor der Kopf, den sie jetzt mit duftendem Öl salbt, eine Dornenkrone tragen muss. Sie feiert ihn. Weil er da ist. Weil der Messias wirklich da ist.</p>
<p>Immanuel. Gott mit uns. Am Palmsonntag mischen sich adventliche Klänge mit in die Erzählung. Sind wir nicht alle immer noch Hoffende? Wartende?</p>
<p>Hier sitzen wir. In dieser Kirche. Auch wir mit unseren Sehnsüchten. Auch wir mit unseren Enttäuschungen. Auch wir, die wir nicht genau wissen, worauf wir eigentlich hoffen.</p>
<p>Das Haus in Betanien wird von einem kostbaren Duft durchzogen. Das, was man riecht, ist ihre Erkenntnis. Ihre Freude. Die hat sie nicht in Worte gefasst. Die hat sie getan. Es ist der Duft ihres Hoffens. Der Duft ihres Vertrauens auf den, der alles verändert. Es ist der Duft ihrer Liebe zu Gott, von dem sie sich geliebt weiß.</p>
<p>Und Jesus schützt sie. Er stellt sich vor sie. Er lässt nicht zu, dass dieser Moment zerredet wird.</p>
<p>Sie hat getan, was sie konnte.</p>
<p>Dieser Satz ist einer der schönsten im ganzen Markusevangelium. Keine Überforderung. Kein Maßstab, dem man nicht gerecht wird. Was sie hatte, hat sie gegeben. Vollständig. Ohne Rest. Ohne Sicherheitsgurt und Hinterausgang. Die Flasche ist zerbrochen. Es gibt kein Zurück. Nur ihn. Aber das reicht ihr. Alles auf eine Karte.</p>
<p>Würdest du das wagen?</p>
<p>Alles auf diesen einen zu setzen? Nicht auf ihn – und außerdem noch auf dein Erspartes, deine Gesundheit, die richtigen Leute, deine eigene Kraft. Nicht auf den eigenen Verstand und die eigene Pläne. Nicht auf irgendeines der Dinge, der Menschen, der Versprechen, die dich immer wieder enttäuschen. Sondern: auf ihn. Punkt. So wie sie.</p>
<p>Würdest du das auch tun?</p>
<p>...</p>
<p>Worauf setzt du deine Hoffnung?</p>
<p>...</p>
<p>Heute ist Palmsonntag 2026. Ganz viel Hosianna. Gelobt sei, der da kommt...</p>
<p>Hoffnungsträger ohne Ende. So viele haben uns schon enttäuscht.</p>
<p>Wir, in der Kirche, feiern einen, auf den Hoffnung nicht verschwendet ist.</p>
<p>Aber er ist kein Wunscherfüller. Das war er damals nicht. Und das ist er heute nicht.</p>
<p>Die Menge am Straßenrand wollte einen, der die Römer vertreibt. Sie bekamen einen, der stirbt. Die Jünger wollten einen, der siegt. Sie bekamen einen, der am Kreuz hängt. Selbst die Frau in Betanien – sie feiert ihn, während er schon vom Begräbnis redet. Sie salbt einen König. Und dieser König geht in den Tod.</p>
<p>Gott handelt. Aber nicht so, wie wir es erwarten. Nicht so, wie wir es planen würden. Er passt in kein Schema. Er erfüllt keine Wunschliste.</p>
<p>Er polarisiert. Er eckt an. Die Menge jubelt – und die Mächtigen planen im Verborgenen, wie sie ihn loswerden. Beide reagieren auf denselben Mann. Die einen mit Hosianna. Die anderen mit Todesurteil. Weil er so gar nicht passt. In keine Erwartung. In keinen Plan.</p>
<p>Er geht tiefer. Dorthin, wo selbst unsere Hoffnungen nicht hinreichen. In das Scheitern. In den Schmerz. In den Tod. Und genau dort – genau dort – fängt er an, alles zu verändern.</p>
<p>Karfreitag kommt noch.</p>
<p>Was heißt das für die, die wagen, auf ihn zu hoffen?</p>
<p>Es heißt nicht: Alles wird gut. Nicht sofort. Nicht so, wie wir es uns vorstellen.</p>
<p>Es heißt: Du bist nicht allein. In dem, was dich drückt. In dem, was dich müde macht. In dem, worüber du nicht sprechen kannst. Er geht mit. Nicht als der, der alles regelt. Nicht als der, der mit starker Hand deine Pläne umsetzt. Sondern als einer, der selbst durch das Dunkel gegangen ist. Bis ganz ans Ende. Und der auf der anderen Seite steht.</p>
<p>Karfreitag kommt noch. Aber Ostern auch. Und dieses Ostern ist keine ferne Vertröstung. Es ist eine Kraft, die schon jetzt wirkt. Tastend. Leise. Aber real. In jedem Tag, der trotzdem kommt.</p>
<p>Du sitzt am Morgen da und weißt nicht, wie der Tag werden soll. Und du sagst: Ich vertraue dir damit. Nicht dem Kalender. Nicht dem Kontostand. Dir.</p>
<p>Du verfolgst die Nachrichten. Krieg, der nicht endet. Eine Welt, die aus den Fugen gerät. Politiker, die versprechen und nicht halten. Und du sagst: Ich kann das nicht tragen. Du schon. Nicht die Mächtigen. Nicht meine Angst. Du.</p>
<p>Du liegst am Abend im Bett und machst dir Sorgen. Um deine Rente. Um deine Kinder. Um das, was noch kommt. Und du sagst: Ich lege das in deine Hände. Nicht weil ich aufgebe. Sondern weil du weitergehst, wo ich nicht weiterkomme. Auch wenn man das schon ein Leben lang versucht. Auch wenn man manchmal nicht mehr weiß, ob man noch kann. Er trägt auch die müde gewordene Hoffnung.</p>
<p>Du tust das Kleine, was du kannst. Für einen Menschen, der dich braucht. Ohne großes Aufheben. Ohne dass es jemand bemerkt. Sie hat getan, was sie konnte. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.</p>
<p>Überall auf der Welt wird man erzählen, was diese Frau getan hat. Keine Heldin. Kein Name. Keine Erklärung. Nur eine zerbrochene Flasche. Und ein Duft, der den Raum füllt.</p>
<p>Das gilt auch für dich. Was du gibst, was du wagst, was du im Stillen tust – er sieht das. Er vergisst das nicht.</p>
<p>Das riecht nach Nardenöl.</p>
<p>Das ist der Duft der Hoffnung. Der Duft des Vertrauens. Der Duft der Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt hat. Bevor wir etwas dafür getan haben. Bevor wir etwas dafür tun konnten. Das ist der Grund, warum Hoffnung auf ihn keine Verschwendung ist.</p>
<p>Vielleicht riecht es schon. In dem, was heute hier geschieht. In dem, dass ihr gekommen seid– manche vielleicht zum ersten Mal, manche nach langer Zeit, manche schon ihr ganzes Leben. In dem, dass jemand für euch gebetet hat, heute Morgen, bevor ihr aufgestanden seid. In den Erfahrungen, die ihr teilt, gleich nachher beim Kirchencafé. In dem, dass niemand allein nach Hause gehen muss.</p>
<p>Also: Lass sie duften, die Hoffnung. Auf ihn. Nur auf ihn.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Sie war nicht eingeladen. Sie hat nichts gesagt. Sie hat einfach alles gegeben. Eine namenlose Frau in Betanien zeigt, was Vertrauen bedeutet – und wen sie damit meint.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Alles auf Hoffnung gesetzt</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>14:47</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Hinter Jesus her</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/hinter-jesus-her/</link>
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        <pubDate>Sun, 08 Mar 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Du willst also Jesus folgen. Doch Nachfolge ist kein sicherer Ort. Sie stellt Fragen. Sie bringt Bewegung. Wer hinter Jesus hergeht, schaut nach vorne – und entdeckt: Gott beginnt etwas Neues.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Von Gott geliebte, hört, aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 9. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Jesus ist mit seinen Jüngerinnen und Jüngern unterwegs. Da sagt jemand zu Jesus: Ich will dir folgen. Egal, wohin du gehst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagt zu ihm: Füchse haben ihre Höhlen. Vögel haben ihre Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er seinen Kopf hinlegen kann.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Zu einem anderen sagt Jesus: Folge mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Der antwortet: Herr, lass mich zuerst gehen und meinen Vater begraben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagt zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben. Du geh und erzähle von Gottes Reich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ein anderer sagt: Herr, ich will dir folgen. Aber zuerst möchte ich mich von meiner Familie verabschieden.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagt zu ihm: Wer pflügen will und dabei zurückschaut, passt nicht zu Gottes Reich. (Lukas 9,57-62; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Du willst also Jesus begegnen. Wie hast du dir das denn vorgestellt?</p>
<p>Du stehst am Wegrand, mit den vielen anderen. Alle warten auf ihn. Publikum.</p>
<p>Manche strecken den Hals. Andere flüstern: &quot;Kommt er wirklich hier vorbei?&quot;</p>
<p>Bereit für ein Erlebnis. Wenn er kommt, dann passieren Dinge, hast du gehört.</p>
<p>Wenn er kommt, dann gibt es etwas zu erzählen.</p>
<p>Du stehst da und bist bereit. &quot;Ich will dir folgen. Egal wohin du gehst.&quot;</p>
<p>Das klingt mutig. Fast ein bisschen heroisch.</p>
<p>Bist du dir sicher, dass du weißt, was du da sagst?</p>
<p>Du willst also Jesus folgen. Deshalb der Weg. Begegnung mit Jesus ist ja nichts Stationäres. Nichts ewig Gesetztes, Vorhersagbares. Sie ist kein fester Punkt im Leben. Kein Ort, an dem alles bleibt, wie es ist. Der Glaube an Jesus ist nicht das Verlassen auf eine Konstante, keine sichere Bank. Er kommt und er zieht weiter. Er ist unterwegs. Das ist es, wozu er Menschen einlädt. Dich und mich. Wer ihm begegnet, bleibt nicht stehen. Der Blick geht nach vorne. Du begibst dich auf unsicheres Terrain mit ihm. Das ist kein Sonderweg für besonders Fromme. Keiner kann ahnen, wohin das führen wird. &quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Du willst also Jesus folgen. Kennst du das Risiko?</p>
<p>&quot;Füchse haben ihre Höhlen. Vögel haben ihre Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er seinen Kopf hinlegen kann.&quot;</p>
<p>Jesus zu folgen widerspricht unserer Sehnsucht nach Sicherheit. Der Glaube ist kein Schutzraum vor dem Leben. Vielleicht sind wir verwöhnt. Viele Jahrzehnte lang konnten wir es uns einrichten. Gemütlich. Behaglich. Sicher. Christ:in zu sein war nicht besonders herausfordernd. Man musste sich nicht rechtfertigen. Man musste sich nicht positionieren. Und das Leben war im großen Ganzen ein sicherer Ort.</p>
<p>Jetzt weht ein anderer Wind. Die Wirtschaft scheint zu wanken. Nicht jeder Arbeitsplatz ist mehr sicher. Viele haben Angst vor dem, was kommt. Rente. Pflege. Zukunft der Kinder. Krieg?</p>
<p>Heute wählen wir. Früher hätten wir dafür keine Banner an den Kirchturm gehängt. &quot;Menschenwürde. Nächstenliebe. Zusammenhalt.&quot; Wenn wir das sagen, beziehen wir Stellung. Wir machen uns angreifbar. Nicht allen gefällt das.</p>
<p>Risiko. Trotz Sehnsucht nach Sicherheit.</p>
<p>Jahrhunderte vorher sitzt Elia, der Prophet, in der Wüste. Erschöpft. Mutlos. Ausgebrannt. Der Weg nach vorne scheint unmöglich.</p>
<p>&quot;Es ist genug&quot;, sagt er.</p>
<p>Unter dem Ginsterstrauch in der Wüste begegnet ihm Gott.</p>
<p>Er wird gestärkt. Er kann aufstehen und weitergehen.</p>
<p>Sicherer ist sein Weg nicht geworden.</p>
<p>Aber sicher ist wieder, wer mit ihm geht.</p>
<p>Jesus verspricht keinen Rückzugsort. Er zeigt einen Weg durchs Leben. Er selbst geht voran. Wer ihm folgt, kommt vorwärts. &quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Dass es der richtige Weg ist, merkst du erst im Vertrauen. Und die Schritte fordern dich heraus.</p>
<p>Du stehst am Wegrand. Vielleicht stehst du da schon lange. Willst du Jesus wirklich folgen?</p>
<p>&quot;Folge mir&quot;, sagt er.</p>
<p>Er wartet nicht immer, bis du dich entscheidest.</p>
<p>Manchmal ruft <em>er</em> dich.</p>
<p>&quot;Folge mir&quot;, sagt er. &quot;Komm mit.&quot;</p>
<p>Bist du bereit, zu gehen?</p>
<p>&quot;Jesu geh voran, auf der Lebensbahn. Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen.&quot;</p>
<p>&quot;Herr, lass mich zuerst gehen und meinen Vater begraben.&quot;</p>
<p>Das ist ja alles schön und gut. Ich weiß ja auch, dass es wichtig ist. Ich würde ja auch gerne... Mehr Zeit für andere haben. Konsequenter Leben. Das große Ganze im Blick behalten. Meinen Werten folgen. Vertrauend vorwärts gehen.</p>
<p>Aber ich bin gebunden. Die Pflicht ruft.</p>
<p>Ich habe Verantwortung:</p>
<p>Für die Kinder. Für die Eltern.</p>
<p>Für den Anruf, den ich noch machen muss. Für den Termin morgen früh.</p>
<p>Für die Pflege von Angehörigen. Für Verpflichtungen in Familie und Beruf.</p>
<p>Ich lebe ja nicht im luftleeren Raum. Ich bin gar nicht frei in meinen Entscheidungen.</p>
<p>Ich bitte um Verständnis.</p>
<p>Jesu Ruf setzt mich unter Druck. Er legt den Konflikt meines Lebens offen. Ich bin Teil eines Systems. Eines, an dem ich selbst mitbaue.</p>
<p>Brutal: Seine Antwort.</p>
<p>&quot;Lass die Toten ihre Toten begraben.&quot;</p>
<p>Knallhart! Für meine Prioritäten scheint er keinen Platz zu lassen.</p>
<p>Jesus bringt auf den Punkt, was am Wichtigsten ist.</p>
<p>&quot;Folge mir.&quot;</p>
<p>&quot;Geh und erzähle vom Reich Gottes.&quot;</p>
<p>Dann verändert sich alles. Das ganze System gerät in Bewegung.</p>
<p>Du bist Teil eines ganz neuen Handelns Gottes.</p>
<p>Nicht weg aus dieser Welt. Sondern mitten hinein.</p>
<p>&quot;Folge mir.&quot;</p>
<p>&quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Bist du bereit, alles auf diese Karte zu setzen?</p>
<p>Jahrhunderte vorher sitzt Elia, der Prophet, in einer Höhle. Mehr Kraft hatte er nicht.</p>
<p>Ein Sturm kommt. Erdbeben. Feuer.</p>
<p>Aber Gott ist nicht in den wilden Elementen.</p>
<p>Die Dinge sind anders, als sie scheinen.</p>
<p>Gott ist ein Flüstern. Ein leiser Wind.</p>
<p>&quot;Geh weiter auf deinem Weg&quot;, sagt er.</p>
<p>Du stehst am Wegrand. Gleich wird er vorbei sein.</p>
<p>Traust du dich?</p>
<p>Dein Herz klopft schneller. Dein Mund wird trocken.</p>
<p>Du nimmst allen Mut zusammen. Trotz aller Vorbehalte.</p>
<p>Jetzt oder nie!</p>
<p>&quot;Herr, ich will dir folgen. Aber zuerst möchte ich mich von meiner Familie verabschieden.&quot;</p>
<p>&quot;Ich will dir folgen.&quot; &quot;Aber zuerst...&quot;</p>
<p>Du möchtest doch nur noch Abschied nehmen.</p>
<p>Noch einmal durch das Haus gehen. Noch einmal die vertrauten Stimmen hören.</p>
<p>War es nicht immer schön hier?</p>
<p>Früher war manches besser.</p>
<p>Hätte ich doch damals...</p>
<p>Warum ist es so gekommen?</p>
<p>Der Blick zurück.</p>
<p>Nostalgisch.</p>
<p>Manchmal schmerzhaft und voller Schuld.</p>
<p>Manchmal verklärt und träumerisch.</p>
<p>Du möchtest doch nur noch Abschied nehmen.</p>
<p>Jesus sagt:</p>
<p>„Wer pflügen will</p>
<p>und dabei zurückschaut,</p>
<p>passt nicht zu Gottes Reich.“</p>
<p>Wer pflügt, schaut nicht auf den Pflug.</p>
<p>Die Hände am Griff.</p>
<p>Die Furche vor dir.</p>
<p>Wer pflügt, schaut schon gar nicht nach hinten.</p>
<p>Er schaut nach vorne. Auf einen Baum am Feldrand vielleicht.</p>
<p>Auf einen Punkt am Horizont.</p>
<p>Für Jesus ist dieser Punkt klar.</p>
<p>„Siehe, ich mache alles neu.“</p>
<p>&quot;Folge mir.&quot;</p>
<p>Kann dein Leben noch einmal neu werden?</p>
<p>Gibt es Hoffnung?</p>
<p>Gibt es Zukunft?</p>
<p>„Siehe, ich mache alles neu.“</p>
<p>Gott bindet uns nicht an das Vergangene. Er öffnet Zukunft. Er geht voran.</p>
<p>Du darfst folgen. Und vertrauen.</p>
<p>Auch mit müden Füßen.</p>
<p>Nicht, weil du stark bist.</p>
<p>Sondern, weil er dich ruft.</p>
<p>Jesus selbst lebt es vor. Nur wenige Verse zuvor beschreibt das Lukasevangelium, wie er sich entschlossen nach Jerusalem wendet. Er weiß, was dort kommt. Er weiß um das Leiden und das Kreuz. Das hält ihn nicht auf. Er schaut nicht zurück. Er schaut mutig nach vorne. Über Kreuz und Sterben hinaus. Dort kommt dann Ostern. Auferstehung. Gottes Reich bricht an. Eine neue Welt. Mitten in dieser alten.</p>
<p>&quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Was ist dein nächster Schritt?</p>
<p>Vielleicht ein kleines Wort.</p>
<p>Vielleicht eine Nachricht, die du heute schreibst.</p>
<p>Vielleicht eine mutige Entscheidung.</p>
<p>Vielleicht bist du dir gerade gar nicht so sicher.</p>
<p>Die Spannung ist groß. Die Konflikte sind stark.</p>
<p>Schau:</p>
<p>Nachfolge bedeutet nicht perfekte Entschlossenheit.</p>
<p>Nachfolge bedeutet, den Blick nach vorne zu richten.</p>
<p>Mit dem Wind der Hoffnung um die Nase vorwärts zu gehen.</p>
<p>Ja, ins Unbekannte.</p>
<p>Aber nicht mit Unbekannten.</p>
<p>Ihm nach.</p>
<p>Hinter Jesus her.</p>
<p>Solange er da ist, darfst du vertrauen.</p>
<p>Und folgen.</p>
<p>Entdecken.</p>
<p>Und staunen.</p>
<p>Wer pflügt, schaut nach vorne.</p>
<p>Nicht, weil hinter ihm nichts wäre.</p>
<p>Sondern, weil vor ihm etwas wächst.</p>
<p>&quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Nimm mich mit, Jesus!</p>
<p>Ich will das sehen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Du willst also Jesus folgen. Doch Nachfolge ist kein sicherer Ort. Sie stellt Fragen. Sie bringt Bewegung. Wer hinter Jesus hergeht, schaut nach vorne – und entdeckt: Gott beginnt etwas Neues.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Nachfolge mit Blick nach vorne</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Sehhilfe</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/sehhilfe/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/sehhilfe/</guid>
        <pubDate>Sun, 15 Feb 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Glauben heißt nicht: alles verstehen. Glauben heißt: Jesus vertrauen – auch wenn sein Weg meinen Erwartungen widerspricht. Im Licht des Auferstandenen sehe ich klarer, was ich sonst oft nicht verstehe.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Jetzt muss ich erst einmal meine Brille putzen.</p>
<p>So.</p>
<p>Jetzt sehe ich besser.</p>
<p>Jetzt kann ich für euch lesen--aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 18. Kapitel. Hört auf die gute Nachricht von Jesus, dem Messias:</p>
<blockquote>
<p>Jesus nahm die zwölf Jünger zur Seite. Er sagte zu ihnen: Schaut: Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Schon die Propheten haben über den Menschensohn geschrieben. Alles, was sie geschrieben haben, wird dort geschehen. Er wird an Fremde ausgeliefert. Sie werden ihn verspotten. Sie werden ihn misshandeln. Sie werden ihn anspucken. Sie werden ihn auspeitschen. Sie werden ihn töten. Und am dritten Tag wird er auferstehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Jünger verstanden nichts davon. Sie konnten den Sinn nicht erkennen. Sie wussten nicht, was Jesus meinte.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, geschah etwas. Ein blinder Mann saß am Weg. Er bettelte. Der Mann hörte viele Menschen vorbeigehen. Er fragte: Was ist da los? Man sagte ihm: Jesus aus Nazaret geht vorbei. Da schrie der blinde Mann: Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Die Leute vorne in der Menge fuhren ihn an. Er sollte still sein. Aber er schrie noch viel lauter: Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen. Er ließ den Mann zu sich bringen. Als der Mann nahe bei ihm war, fragte Jesus ihn: Was willst du? Was soll ich für dich tun? Der Mann sagte: Herr, ich möchte sehen können. Jesus sagte zu ihm: Sieh! Dein Vertrauen hat dich gerettet. Sofort konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach. Er lobte Gott. Und alle, die das sahen, lobten Gott. (Lukas 18,31-43; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Es ist dunkel.</p>
<p>Nicht Abenddunkel. Nicht dieses weiche Licht, wenn der Tag langsam geht. Es ist einfach: nichts.</p>
<p>Ich halte die Augen offen. Oder geschlossen. Es macht keinen Unterschied.</p>
<p>Früher wusste ich, wo ich bin. Ich kannte die Wege. Die Ecken. Die Stufen vor der Tür. Jetzt stoße ich an. An Kanten. An Menschen. An Worte.</p>
<p>Man sagt mir, wo es langgeht.</p>
<p>„Hier entlang.“ „Pass auf.“ „Da vorne.“</p>
<p>Da vorne.</p>
<p>Ich höre Schritte. Ich höre Stimmen. Alle scheinen zu wissen, was geschieht. Nur ich nicht.</p>
<p>Ich frage: Was ist da los?</p>
<p>Man antwortet schnell. Mit Namen. Mit Erklärungen. Mit festen Sätzen. Aber ich verstehe nicht, was das für mich bedeutet.</p>
<p>Ich höre so viel. Ich weiß so wenig.</p>
<p>Und dann dieser Satz: Wir gehen nach Jerusalem.</p>
<p>Es klingt nach Ziel. Nach Höhe. Nach Erfüllung.</p>
<p>Aber was ich weiter höre, macht mir Angst.</p>
<p>Ausgeliefert. Verspottet. Misshandelt. Getötet.</p>
<p>So spricht man doch nicht von Hoffnung.</p>
<p>Ich hatte anderes erwartet. Klarheit. Kraft. Ein Zeichen, das alles verändert.</p>
<p>Wenn Gott handelt, dann sichtbar. Wenn er rettet, dann stark. Wenn er eingreift, dann so, dass niemand mehr zweifelt.</p>
<p>Aber dieser Weg klingt anders. Er klingt nach Verlust. Nach Scheitern. Nach Ende.</p>
<p>Die anderen gehen weiter. Vielleicht verstehen sie es. Vielleicht tun sie nur so.</p>
<p>Ich jedenfalls nicht.</p>
<p>Ich höre die Worte. Aber ich erkenne den Sinn nicht.</p>
<p>Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht sehe ich zu wenig. Vielleicht sehe ich nur das, was ich sehen will.</p>
<p>Ein Weg nach Jerusalem. Und ich frage mich: Warum gerade dieser Weg?</p>
<p>Ich versteh das nicht.</p>
<p>Im Lukasevangelium ist es nicht der Mann am Wegrand, dem der Durchblick fehlt.</p>
<p>Der Blinde sieht mehr als die Sehenden.</p>
<p>Wirklich blind sind die, die mit Jesus gehen.</p>
<p>Wie ich. Wie wir.</p>
<p>Dem Mann aus Nazareth hinterher. Seit Jahren vielleicht. Seit Kindertagen. Mit Liedern. Mit Gebeten. Mit vertrauten Worten.</p>
<p>&quot;Jesu, geh voran auf der Lebensbahn.&quot;</p>
<p>Und doch stehen wir manchmal da und verstehen Jesus nicht mehr.</p>
<p>Und denken: Das kann doch nicht Gottes Weg sein.</p>
<p>So kann Gott doch nicht handeln. So rettet Gott doch nicht.</p>
<p>Und wir fragen uns, ob unser Glaube überhaupt trägt.</p>
<p>Unsere Blindheit besteht nicht darin, dass wir nichts sehen. Sondern vielleicht darin, dass wir Gott nur in Stärke denken.</p>
<p>Der Weg nach Jerusalem entzieht sich unserem Sicherheitsbedürfnis.</p>
<p>Vielleicht sind wir nicht blind, weil wir nichts wissen. Sondern weil wir genau wissen, wie Gott handeln müsste.</p>
<p>Er müsste doch eingreifen. Klar. Sichtbar. Unübersehbar.</p>
<p>Wenn er der Menschensohn ist – dann doch mit Macht. Das wäre dann wirklich eine &quot;Erfüllung der Propheten&quot;. Macht. Herrschaft. Sichtbarer Sieg.</p>
<p>Und was sehen wir?</p>
<p>Einen, der ausgeliefert wird. Verspottet. Misshandelt. Getötet.</p>
<p>Einen, der sich auf die Seite der Schwachen stellt. Derer, die keinen Einfluss haben. Die am Rand sitzen und rufen.</p>
<p>Einen, der selbst zum Inbegriff der Schwäche wird.</p>
<p>Das passt nicht zu unserem Bild von Stärke.</p>
<p>Manchmal machen wir aus Jesus einen Garanten unserer Sicherheiten. Er soll unsere Welt stabil halten. Unsere Werte bestätigen. Unsere Ordnung verteidigen. Unsere Nation vor allen anderen segnen.</p>
<p>Dann sehen wir in ihm vor allem Bestätigung.</p>
<p>Manchmal machen wir aus ihm das Gegenteil. Einen sanften Begleiter. Einen, der niemandem weh tut. Der einfach gut tut.</p>
<p>Dann sehen wir in ihm vor allem Trost.</p>
<p>Und manchmal bleibt er einfach „Jesus aus Nazareth“. Ein Name. Eine Figur der Geschichte. Einer, der vorbeigeht.</p>
<p>Aber hören wir noch, was er von sich selbst sagt?</p>
<p>Menschensohn.</p>
<p>Nicht nur Macht. Sondern Gottes Zukunft. Und ein Weg, der durch Leiden geht.</p>
<p>Vielleicht sind wir blind, weil wir nur die Hälfte sehen wollen.</p>
<p>Die Herrlichkeit – ohne das Kreuz. Die Hoffnung – ohne den Weg dorthin. Die Auferstehung – ohne das Ausgeliefertsein.</p>
<p>Der Blinde am Weg sieht mehr.</p>
<p>Er ruft: &quot;Sohn Davids.&quot; Er reiht Jesus ein in die Geschichte Israels. In die Hoffnung auf einen gerechten König.</p>
<p>Er sieht das kommende Reich, auch wenn er von Jesus nicht einmal ein Gesicht erkennt. Er sieht mit dem Herzen.</p>
<p>Er ruft: &quot;Herr, erbarme dich.&quot; &quot;Kyrie, eleison.&quot; Ein Bittruf an einen Mächtigen. Wie bei einer Audienz am Königshof.</p>
<p>Er verlässt sich darauf, dass Jesus mehr ist, als der Augenschein der anderen hergibt. Er vertraut, bevor er versteht.</p>
<p>Wir dagegen hören „Menschensohn“ und denken vielleicht an Triumph.</p>
<p>Oder wir hören „Jesus aus Nazareth“ und denken: harmlos.</p>
<p>Und übersehen den Weg, den er wirklich geht.</p>
<p>Warum sieht der Blinde mehr?</p>
<p>Nicht, weil er klüger ist. Nicht, weil er die Schrift besser kennt.</p>
<p>Er hat nichts. Keinen Besitz. Keine Stellung. Keinen Überblick.</p>
<p>Er sitzt am Weg.</p>
<p>Und genau das ist vielleicht seine Stärke.</p>
<p>Kurz vorher erzählt Lukas von den Kindern.</p>
<p>Sie dürfen zu Jesus kommen. „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“</p>
<p>Ein Kind kommt nicht mit Ansprüchen. Nicht mit Sicherheiten. Nicht mit einem Plan.</p>
<p>Es kommt mit leeren Händen.</p>
<p>Der Blinde kommt auch mit leeren Händen.</p>
<p>Und kurz davor steht der reiche Mann. Er fragt nach dem ewigen Leben. Er hält die Gebote. Er weiß viel.</p>
<p>Aber er kann nicht loslassen.</p>
<p>Vielleicht macht Besitz blind. Nicht nur Geld. Auch Besitz an Vorstellungen. An Bildern von Gott. An Sicherheiten.</p>
<p>Der Blinde hat nichts festzuhalten. Also hält er sich an Jesus.</p>
<p>Er ruft. Er lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Er vertraut.</p>
<p>Er versteht nicht alles. Aber er traut Jesus alles zu.</p>
<p>Vielleicht beginnt Sehen genau dort.</p>
<p>Nicht im Durchblick. Sondern im Vertrauen.</p>
<p>Nicht in der Kontrolle. Sondern im Loslassen.</p>
<p>Vielleicht ist Vertrauen die erste Sehhilfe.</p>
<p>Der Blinde hat kein Konzept. Er hat nur eine Hoffnung.</p>
<p>„Herr, erbarme dich.“</p>
<p>Mehr nicht.</p>
<p>Und das genügt.</p>
<p>Genau da beginnt das, was Jesus Nachfolge nennt.</p>
<p>Aber selbst das heißt noch nicht, dass man schon alles versteht.</p>
<p>Die Jünger gehen mit. Sie haben ihre Netze verlassen. Ihre Häuser. Ihre Sicherheiten.</p>
<p>Und doch heißt es: Sie verstanden nichts davon. Der Sinn blieb ihnen verborgen.</p>
<p>Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung.</p>
<p>Sie konnten es noch nicht sehen.</p>
<p>Denn der Weg nach Jerusalem erschließt sich nicht von selbst. Er widerspricht allem, was wir unter Macht verstehen. Er widerspricht unserem Gefühl für Erfolg. Er widerspricht unserem Bild von göttlicher Herrschaft.</p>
<p>Erst später wird es hell.</p>
<p>Erst im Licht der Auferstehung bekommt dieser Weg Kontur.</p>
<p>„Und am dritten Tag wird er auferstehen.“</p>
<p>Das steht schon hier. Mitten zwischen Ausgeliefertsein und Tod.</p>
<p>Aber wie ein leiser Satz. Noch ohne Gewicht.</p>
<p>Erst Ostern wird ihn ausleuchten.</p>
<p>Erst dann wird sichtbar: Dieser Weg war kein Scheitern. Er war Gottes Weg.</p>
<p>Nicht die Niederlage Gottes. Sondern seine Art, zu herrschen.</p>
<p>Gott hat Jesus, seinen Messias nicht im Tod gelassen. Gott hat ihn ins Leben gerufen.</p>
<p>Der auferstandene Christus ist selbst unsere Sehhilfe.</p>
<p>Nicht ein Gedanke. Nicht eine Theorie.</p>
<p>Sondern er selbst.</p>
<p>In der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus, im Reden und Brotbrechen mit dem, der Gottes neues Leben hat--da geschieht es:</p>
<p>&quot;Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.&quot; (Lukas 24,31).</p>
<p>Paulus sagt es so:</p>
<p>„Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild.“</p>
<p>Jetzt erkennen wir Stückwerk.</p>
<p>Das gilt auch für die Jünger. Und es gilt für uns.</p>
<p>Wir sehen nicht alles. Wir verstehen nicht alles.</p>
<p>Aber wir gehen.</p>
<p>Wir vertrauen.</p>
<p>Und wir leben aus einer Hoffnung, die größer ist als unser Durchblick.</p>
<p>Vielleicht heißt Glauben nicht: alles erkennen. Sondern im Halbdunkel weitergehen.</p>
<p>Im Vertrauen darauf, dass Gott am Ende mehr sieht als wir.</p>
<p>Vielleicht heißt Glauben, im tastenden Suchen immer neu seine Nähe zu suchen.</p>
<p>Dort, wo er redet.</p>
<p>Dort, wo er das Brot mit uns bricht.</p>
<p>Dort, wo der Auferstandene selbst die Augen öffnet.</p>
<p>Wir leben zwischen Blindheit und Aufblick. Zwischen Kreuz und Auferstehung. Zwischen Stückwerk und Vollendung.</p>
<p>Der Weg nach Jerusalem bleibt eine Zumutung. Ganz viele Wege im Leben bleiben eine Zumutung für uns.</p>
<p>Wir verstehen manches nicht. Wir tasten uns oft nur vorsichtig vorwärts.</p>
<p>Aber wir dürfen bitten, dass uns die Augen geöffnet werden.</p>
<p>Nicht auf einmal. Aber Schritt für Schritt.</p>
<p>Am Anfang habe ich meine Brille geputzt.</p>
<p>Manchmal braucht es eine Brille.</p>
<p>Aber für diesen Weg braucht es mehr.</p>
<p>Der auferstandene Christus selbst ist unsere Sehhilfe.</p>
<p>Ihm vertrauen wir.</p>
<p>So bete ich, wie es bereits angeklungen ist:</p>
<p>Herr, öffne du mir die Augen. Herr, öffne du mir das Herz. Ich will dich sehen.</p>
<p>Ich will dich sehen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Glauben heißt nicht: alles verstehen. Glauben heißt: Jesus vertrauen – auch wenn sein Weg meinen Erwartungen widerspricht. Im Licht des Auferstandenen sehe ich klarer, was ich sonst oft nicht verstehe.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Vertrauen öffnet die Augen</itunes:subtitle>
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        <title>Kein Honigschlecken</title>
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        <pubDate>Sun, 08 Feb 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Honigsüße Worte haben Konjunktur. Sie trösten, bestätigen und versprechen einfache Lösungen. Gottes Wort klingt oft anders. Es widerspricht. Es fordert heraus. Es deckt auf – und schenkt gerade so neues Leben. Worauf hören wir wirklich? Und was geschieht, wenn wir Gottes Wort nicht nur hören, sondern an uns heranlassen – heute?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Ihr von Gott geliebten,</p>
<p>Hört auf sein Wort. Das ist ja heute Thema: Hört auf sein Wort aus dem Buch des Propheten Ezechiel, aus dem 2. und 3. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Gott sagt zu mir: Du Mensch, steh auf. Stell dich hin. Ich will mit dir reden. Während Gott mit mir redet, kommt seine Geistkraft in mich. Sie richtet mich auf. Ich stehe da. Und ich höre ihm zu.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott sagt zu mir: Du Mensch. Ich sende dich zu den Israeliten. Sie haben sich von mir abgewandt. Schon lange. Sie selbst und ihre Eltern bis heute. Die Menschen, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe. Ihre Herzen sind verschlossen. Zu ihnen sollst du sagen: So spricht Gott, der HERR. Ob sie zuhören oder nicht: Sie widersprechen mir ständig. Aber sie sollen merken: Ein Prophet war bei ihnen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du Mensch, hör mir zu. Widersprich mir nicht, wie dieses Volk mir widerspricht. Öffne deinen Mund. Iss, was ich dir gebe.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Da sehe ich: Eine Hand ist mir entgegengestreckt. In der Hand ist eine Schriftrolle. Er breitet die Schriftrolle vor mir aus. Sie ist vollgeschrieben. Vorne und hinten. Darauf stehen Worte von Klage, von Leid, von Weh.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott sagt zu mir: Du Mensch. Iss, was vor dir liegt. Iss diese Schriftrolle. Dann geh. Rede zu den Israeliten. Ich öffne meinen Mund. Er gibt mir die Schriftrolle zu essen. Gott sagt zu mir: Fülle deinen Bauch. Fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Ich esse sie. Und sie schmeckt in meinem Mund süß wie Honig. (Ezechiel 2,1-5.8-10;3,1-3; von mir in einfache Sprache übertragen.)</p>
</blockquote>
<p>Gott, lass dein Wort unsere Herzen erreichen. Lass es Wurzeln schlagen. Lass es Frucht bringen in unserem Leben.</p>
<p>Da braut sich etwas zusammen im Land. Überall hört man dieselben Sätze: „So kann es nicht weitergehen.“ „Wir lassen uns nicht bevormunden.“ „Unser Land zuerst.“</p>
<p>Das Land ist voll von sogenannten besorgten Bürgern. Sie reden über den Zustand des Landes, und ihr Urteil steht fest: runtergewirtschaftet, fehlgeleitet, fremd geworden. Zu viele Fremde. Andere Kulturen. Andere Religionen. „Da erkennt man sein eigenes Land ja nicht mehr wieder“, sagen sie. „Das ist doch nicht mehr mein Land.“</p>
<p>Aus dem einst großen Land ist ein drittklassiger Staat geworden, sagen sie. Unbedeutend. Abgehängt. Gedemütigt. Mitten in der Hauptstadt wird man täglich daran erinnert, dass man einem fremden Volk Tribut zahlt. Ein „Mahnmal der Schande“, das endlich verschwinden müsste. Gekränkt sind sie, die angeblich Auserwählten. Aber nicht mehr lange.</p>
<p>Jetzt ist ihre Zeit gekommen, heißt es. Jetzt wird aufgeräumt. Der kleine Mann gegen die Eliten. Und manche sagen das auch ganz offen: Man müsse „durchgreifen“. Man werde sie „jagen“. Raus aus dem Land. Irgendwohin. Hauptsache weg.</p>
<p>So spricht man heute. Und viele hören das gern.</p>
<p>Denn diese Worte sind honigsüß. Sie schmeicheln. Sie bestätigen. Sie geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Man appelliert an Stolz, an gekränkte Würde, an alte Bilder von Größe und Vergangenheit. „Früher war alles besser.“ „Da war noch Ordnung.“ „Da wussten wir, wer wir sind.“</p>
<p>Geschichte wird glattgezogen. Erinnerungen werden gesäubert. Schuld wird relativiert, verharmlost, kleingeredet. Die Fehler der Vergangenheit? Ein Vogelschiss. Nicht der Rede wert.</p>
<p>So klingt das. Und auf solche Worte hört man gern.</p>
<p>Haben sie denn nichts gelernt?</p>
<p>Einer hat das alles schon einmal erlebt. Einer kennt diese Worte, diese Stimmung, diese honigsüßen Sätze. Einer hat gesehen, wohin sie führen.</p>
<p>Dieser eine heißt Ezechiel. Er lebt in einer Zeit, in der das Land zerbrochen ist. Jerusalem ist gefallen. Der Tempel geplündert. Der König gefangen. Ein Teil der Menschen ist verschleppt worden, ins Exil, nach Babylon. Auch Ezechiel gehört dazu.</p>
<p>Aber nicht alle sind weg. Viele sind geblieben. Und genau unter ihnen werden sie wieder laut, die alten Parolen. Als hätte man nichts gelernt. „Nie wieder“, hätte man sagen müssen. Doch stattdessen hört man anderes.</p>
<p>Ein Gespenst geht um im Land. Wieder redet man von der Einzigartigkeit des Volkes. Von garantiertem himmlischen Beistand. Von Unverwundbarkeit. Man träumt sogar vom Endsieg über die Feinde. „Gott mit uns“, sagen sie. Was kann uns dann noch passieren?</p>
<p>Sie hören nicht auf die Katastrophe hinter ihnen. Sie hören lieber auf die Versprechen vor ihnen. Auf Worte, die trösten, statt zu erschrecken. Auf Worte, die Hoffnung versprechen, ohne Umkehr zu verlangen. Honigsüße Worte.</p>
<p>In diese Situation hinein spricht Gott. Und er spricht nicht zuerst zu allen. Er spricht zu einem. Zu Ezechiel.</p>
<p>Noch weiß keiner, was Ezechiel sagen wird. Noch weiß keiner, welche Worte Gott ihm in den Mund legt. Gott reicht ihm eine Schriftrolle. Ihren Inhalt erfahren wir zunächst nicht. Nur so viel wird klar: Diese Worte sollen nicht einfach weitergesagt werden. Sie sollen gegessen werden.</p>
<p>Nicht flüchtig gelesen. Nicht überflogen. Nicht zur Kenntnis genommen und dann beiseitegelegt. Ezechiel soll diese Worte essen. Sie sollen in ihn hinein. In seinen Bauch. In sein Inneres. Gottes Wort soll Teil von ihm werden.</p>
<p>Doch Gottes Wort ist harte Kost. Was auf dieser Schriftrolle steht, ist alles andere als ein Honigschlecken. Vollgeschrieben, vorne und hinten: Keine Durchhalteparolen. Keine Siegesversprechen. Keine beruhigenden Worte. Dort stehen Worte von Klage, von Leid, von Weh.</p>
<p>Das steht in scharfem Kontrast zu dem, was man sonst so hört. Zu den honigsüßen Worten der anderen. Zu den Worten, die trösten, ohne zu verändern. Die Hoffnung versprechen, ohne Wahrheit zu sagen. Die Stärke versprechen, ohne Schuld zu benennen.</p>
<p>Gottes Wort klingt anders. Es passt nicht zu den Parolen. Es bestätigt nicht. Es widerspricht. Es deckt auf. Es fordert Umkehr. Und es schützt die, die unter den honigsüßen Worten der Mächtigen leiden.</p>
<p>Wer hört so etwas schon gerne? Wenn wir an unsere Schuld erinnert werden, wenn unsere Versäumnisse aufgedeckt werden, wenn unsere Traumflüge hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, dann hat das die Tendenz, uns eher schwer im Magen zu liegen. Das stößt uns eher bitter auf.</p>
<p>Ihr Lieben,</p>
<p>Sind wir doch ehrlich: Was würdest du denn lieber hören? Honigsüße Worte, die dir schmeicheln, dich bestätigen und runtergehen wie Öl. Oder &quot;Klage, Ach und Weh&quot;, hartes Schwarzbrot, das mich hinterfragt, mich herausfordert, meine Schuld aufdeckt und Veränderung von mir verlangt? Worauf würdest du hören? Nicht irgendwann. Sondern heute. Heute hören heißt: heute anfangen, anders zu leben.</p>
<p>Gottes Reden war noch nie Schonkost. Schaut nur auf Jesus, wie der immer wieder aneckt mit seiner Botschaft. Manche meinen ja, das sei alles nur weichgespültes, in Zuckerwatte gepacktes Gesäusel, nach dem Motto: &quot;Piep, piep, piep. Wir haben uns alle lieb.&quot; Wenn du das auch denkst, dann lies einmal die Bergpredigt, im Matthäusevangelium, die Kapitel 5-7. Das wird dich schnell eines Besseren belehren. Gottes Reden war noch nie Schonkost.</p>
<p>Und doch: Ezechiel isst diese Worte. Er nimmt sie ganz in sich auf. Und dann geschieht etwas Unerwartetes. Diese Worte von Klage, Leid und Weh schmecken in seinem Mund süß wie Honig. Süß nicht, weil das Leid verschwindet, sondern weil Gottes Wort selbst im Leid Zukunft öffnet.</p>
<p>Auf einmal fühle ich mich gar nicht mehr so überlegen. Gottes Worte zu hören, zu bewahren und zu befolgen, ist keine einfache Aufgabe.</p>
<p>Feindesliebe. Nächstenliebe. &quot;Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.&quot; Fremde lieben. Gastfreundlich sein. Einander dienen. Und das alles im uneingeschränkten Vertrauen auf Gott und seine Verheißungen. Wer kann wirklich von sich sagen, dass ihm das alles immer leicht fällt?</p>
<p>Was Gott sagt, ist kein Honigschlecken. Auch für mich nicht. Und in den Herausforderungen einer Umgebung, die auf Gottes Reden wenig Wert legt, ist das noch viel mehr so.</p>
<p>Wenn Gott redet, kann man immer eines von zwei Dingen tun:</p>
<p>Erstens: Man kann ihn ignorieren. Lieber dort zuhören, wo es angenehmer klingt. Wo ich in meinem Tun und Denken bestätigt werde. Honigsüße Worte.</p>
<p>Oder zweitens: Man kann auf ihn hören. Seine Worte in sich aufnehmen. Verschlingen geradezu, wie Ezechiel mit seiner Schriftrolle. &quot;Du allein hast Worte des ewigen Lebens&quot;, sagen die Jünger. Aber keine leichte Kost. Worte, die mich herausfordern. Worte, die mich manchmal viel kosten. Worte, die mir schwer im Magen zu liegen drohen.</p>
<p>&quot;Du Mensch. Iss, was vor dir liegt. ... Fülle deinen Bauch. Fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe.&quot;, sagt Gott zu Ezechiel.</p>
<p>&quot;Ich esse sie. Und sie schmeckt in meinem Mund süß wie Honig.&quot;, berichtet Ezechiel. Gottes Reden tut mir am Ende gut. Aber das kann man erst wissen, wenn man sich darauf einlässt. Wenn ich höre, dann beginnt sein Wort zu wirken. Es wird mir zum Segen. Und durch mich vielleicht auch Anderen.</p>
<p>Worte des Lebens. Wirklich honigsüße Worte.</p>
<p>Möge Gott unser Hören und Denken, unseren Kopf und unser Herz, unser Reden und Tun mit seinem Reden füllen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Honigsüße Worte haben Konjunktur. Sie trösten, bestätigen und versprechen einfache Lösungen. Gottes Wort klingt oft anders. Es widerspricht. Es fordert heraus. Es deckt auf – und schenkt gerade so neues Leben. Worauf hören wir wirklich? Und was geschieht, wenn wir Gottes Wort nicht nur hören, sondern an uns heranlassen – heute?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gottes Wort hören</itunes:subtitle>
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        <title>Durchblick</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/durchblick/</link>
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        <pubDate>Sun, 01 Feb 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was wir für Wirklichkeit halten, ist nicht die letzte Wirklichkeit. Wer Christus sieht, sieht die Machtverhältnisse neu. Die Angst bleibt – aber sie hat nicht das letzte Wort. Darin liegt Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Brüder. Schwestern. Von Gott geliebte. Durch Jesus, den Messias, berufen in Gottes Reich. Hört sein Wort, seinen Zuspruch aus dem Buch der Offenbarung des Johannes, des Sehers, aus dem 1. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Ich, Johannes. Ich bin euer Bruder. Ich stehe wie ihr unter Druck, wegen Jesus. Ich gehöre wie ihr zu Gottes Reich, wegen Jesus. Ich halte wie ihr durch, um Jesu willen. Ich war auf der Insel Patmos. Ich war dort, weil ich Gottes Wort gesagt habe. Und weil ich von Jesus erzählt habe.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>An einem Sonntag hat mich Gottes Geist gepackt. Da hörte ich hinter mir eine laute Stimme. Sie klang wie eine Posaune. Die Stimme sagte: Schreib auf, was du siehst. Schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich drehte mich um. Ich wollte sehen, wer mit mir spricht. Da sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden. Er sah aus wie ein Mensch. Wie ein Menschensohn. Er trug ein langes Gewand. Um seine Brust trug er ein goldenes Band. Sein Kopf und sein Haar waren weiß. Wie Wolle. Wie Schnee. Seine Augen waren wie Feuer. Seine Füße glänzten. Wie glühendes Gold im Schmelzofen. Seine Stimme klang laut. Wie das Rauschen vieler Wasser. In seiner rechten Hand hielt er sieben Sterne. Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert. Wie ein zweischneidiges Schwert. Sein Gesicht leuchtete. Wie die Sonne mit ihrer Kraft.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Als ich ihn sah, fiel ich vor seinen Füßen nieder. Ich war wie tot. Er legte seine rechte Hand auf mich. Er sagte zu mir: Hab keine Angst. Ich bin der Erste. Und ich bin der Letzte. Ich bin der Lebendige. Ich war tot. Aber sieh: Ich lebe für immer und ewig. Ich habe die Macht über den Tod. Und über die Welt der Toten. (Offenbarung 1,9-18; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Eigentlich sollte es dieses Buch nicht geben.</p>
<p>Diesen Text zu schreiben, ist nicht klug.</p>
<p>Er hätte schweigen sollen, Johannes, der Seher.</p>
<p>Das wäre klug gewesen.</p>
<p>War es denn nicht genug, dass sie ihn verbannt hatten auf diese Insel?</p>
<p>Hat er denn nicht genug von dem Druck, dem alle ausgesetzt sind, die diesem Jesus, den sie Messias nennen, folgen?</p>
<p>Hat er denn nichts begriffen?</p>
<p>Hat er denn nicht schon genug gelitten?</p>
<p>Er hätte schweigen sollen. Sie wollen doch nichts mehr hören von diesem Jesus. Er passt so gar nicht in ihr System. Ein Gekreuzigter! Kann man denn wirklich seine ganze Hoffnung auf einen verurteilten Schwerverbrecher setzen? Er wird ihnen immer ein Rätsel bleiben!</p>
<p>Er hätte sich absichern sollen. So wie alle, die mit ihm diesem Nazarener folgen. Dem Anti-Helden aus der Provinz. Eine seltsame Sekte, die allein durch ihre Existenz das System in Frage stellt. Aufruhr gegen das Imperium! Was soll denn das heißen: Statt rauschender Götterfeste: Nachfolge? Statt Kaiserkult: ein Gekreuzigter? Statt Sieg der Starken: Demut? Statt Durchsetzen: Feindesliebe?</p>
<p>Er hätte sich absichern können. Leiser werden. Vorsichtiger formulieren. Den Konflikt meiden. Kompromisse schließen. Oder einfach still fromm werden, statt öffentlich.</p>
<p>Er sollte Angst haben. Das wäre realistisch. Klug. Schließlich hat er sich mit den Mächtigen angelegt. Was denkt er eigentlich, wer er ist? Schaut ihn doch an, dort, auf der steinigen Insel! Er muss doch froh sein, dass er noch am Leben ist.</p>
<p>Er sollte schweigen. Er sollte Angst haben.</p>
<p>Stattdessen schreibt er ein Buch!</p>
<p>&quot;Ich, Johannes. Ich bin euer Bruder.&quot;</p>
<p>Einer von ihnen. Einer von uns. Er teilt vieles mit ihnen, mit uns, was wir kennen.</p>
<p>Den Druck eines Systems, das oft alle Hoffnung auslöschen will. Johannes weiß, was Macht ist. Und er weiß, wie die Macht reagiert, wenn man sich gegen die Starken stellt.</p>
<p>Die Angst vor dem, was auf uns zukommt.</p>
<p>&quot;Ich stehe wie ihr unter Druck, wegen Jesus.&quot;</p>
<p>Der Druck ist real. Die Angst ist es auch. Schon Jesus wusste das: &quot;In der Welt, da habt ihr Angst.&quot;</p>
<p>Stimmt. Wer ehrlich ist, muss das zugeben. Oder geht es nur mir so?</p>
<p>Der Krieg in der Ukraine, in Europa, und das neue Hochrüsten -- das macht mir Angst.</p>
<p>Wenn ich sehe, wie in den USA Menschen von vermummten Schlägern im Namen des Staats auf der Straße erschossen werden -- das macht mir Angst.</p>
<p>Wenn ich lese, dass in meiner Generation und bei den Jüngeren so viele genau die Partei wählen würden, die das hier auch will -- macht mir das Angst.</p>
<p>Wenn ich die Prognosen für das Klima lese und mir überlege, wie die Welt aussehen wird, wenn ich alt bin -- und bei meinen Kindern und Enkel:innen -- dann macht mir das Angst.</p>
<p>Ich kann so tun, als sei das alles nicht so. Aber das ändert nichts daran.</p>
<p>&quot;In der Welt, da habt ihr Angst&quot;, weiß schon Jesus. Das ist real.</p>
<p>&quot;Ich stehe wie ihr unter Druck&quot;, sagt Johannes.</p>
<p>Und er weiß doch auch um das, was wir sonst noch teilen.</p>
<p>Hoffnung nämlich. Wir gehören zu Gottes Reich.</p>
<p>Und Geduld. Hoffentlich. Und bitte schnell.</p>
<p>Aha? Wirklich?</p>
<p>Johannes hat nämlich den Durchblick.</p>
<p>Nicht weil er schlauer ist, als die anderen.</p>
<p>Sondern, weil Gottes Geistkraft ihm etwas zeigt. Etwas, das man nicht sieht, wenn man sich in der Welt umschaut. Auch nicht, wenn man aufmerksam ist. Und gut informiert.</p>
<p>Johannes bekommt keinen Ausweg. Kein Ticket runter von der Insel. Keine Garantie, dass alles gut ausgeht.</p>
<p>Der Druck bleibt. Die Angst bleibt. Montagmorgen bleibt Montagmorgen. Und die Mächtigen bleiben mächtig.</p>
<p>Johannes sieht nicht, dass die Welt harmloser ist als gedacht. Nicht: Nur Ruhe! Alles halb so schlimm.</p>
<p>Aber Gottes Geistkraft hebt für Johannes ein kleines Stück den Vorhang. Er lässt ihn hinter die Kulissen sehen.</p>
<p>Johannes sieht die Welt, wie sie wirklich ist.</p>
<p>Nicht, weil er besonders genau hinschaut. Sondern weil Christus sich ihm zeigt.</p>
<p>Darum schreibt er. Auch wir sollen das wissen.</p>
<p>Johannes sieht Jesus. Jesus, den Messias.</p>
<p>Nicht so, wie man ihn kennt. Sondern so, wie er wirklich ist.</p>
<p>Was er hier schreibt, ist kein typischer Jesustext. Kein nahbarer Rabbi aus Galiläa. Kein freundlicher Lehrer mit einem guten Wort für alle.</p>
<p>Das ist kein &quot;netter Jesus&quot;, den Johannes uns beschreibt. Was für gewaltige Bilder! Majestät und Würde. Augen wie Feuer. Eine Stimme, die alles durchdringt. Sterne in seiner Hand -- wer kann das Universum so ergreifen?</p>
<p>„Wie ein Menschensohn“, sagt Johannes.</p>
<p>Und das ist kein Zufall.</p>
<p>Das ist die Gestalt, von der die alten Texte sprechen.</p>
<p>Einer, dem Gott Macht gibt.</p>
<p>Macht, die bleibt.</p>
<p>Ein Reich, das nicht vergeht. Selbst Johannes ist so beeindruckt von ihm, dass er &quot;wie tot&quot; zu Boden fällt.</p>
<p>Und dann:</p>
<p>Die Hand.</p>
<p>Die Berührung.</p>
<p>&quot;Hab keine Angst.&quot;</p>
<p>Und Johannes sagt nichts mehr.</p>
<p>Das ist nicht nur Trost.</p>
<p>Es ist ein Machtwort.</p>
<p>Gesprochen von dem, der wirklich Macht hat.</p>
<p>Johannes darf ihn anschauen.</p>
<p>Das ist der Durchblick.</p>
<p>Ein Geschenk, das Gott uns durch seine Geistkraft macht.</p>
<p>Auch dort, wo das Leben klein geworden ist.</p>
<p>Wenn man Jesus im Auge behält, entgegen allem anderen, was wir sonst sehen.</p>
<p>Das ist dann wirklich Epiphanias: &quot;Christ ist erschienen.&quot;</p>
<p>Begreift ihr, was das heißt?</p>
<p>Er ist der Erste. Nicht der Kaiser. Nicht die stärkste Armee. Nicht die, die am lautesten schreien. Nicht die, die am rücksichtlosesten ihre Ellenbogen einsetzen. Er.</p>
<p>Er ist vor allem. An ihm kommt keiner vorbei.</p>
<p>Er ist der Letzte. Nicht der Tod. Nicht die Gewalt. Nicht das Scheitern. Nicht das Vergessen. Nicht das, was du ahnst und was dir nachts den Schlaf raubt. Er.</p>
<p>Er ist das Ende, auf das alles hinausläuft.</p>
<p>Er ist die Hoffnung.</p>
<p>Er ist das Ziel.</p>
<p>Noch ist diese Welt nicht erlöst. Aber sie hat eine Richtung.</p>
<p>Er ist der, der am Ende alles in allem sein wird.</p>
<p>Der Erste und der Letzte.</p>
<p>Alles, was hier so mächtig scheint, steht zwischen &quot;ihm und ihm&quot;.</p>
<p>Die Mächte hier sind nicht Ursprung. Sie sind nicht Ziel. Sie sind nur eine vorübergehende Erscheinung.</p>
<p>Der Anfang und das Ende ist er.</p>
<p>Nur er.</p>
<p>Der Lebendige.</p>
<p>&quot;Ich lebe für immer und ewig.&quot;</p>
<p>Ich lebe. Hier und jetzt. Das ist nicht nur Vertröstung. Irgendwann mal. In einem undefinierten Jenseits.</p>
<p>Ich lebe. Das ist eine Aussage über die Gegenwart.</p>
<p>Weil er die Gegenwart ist und unsere Zukunft.</p>
<p>Er ist durch den Tod gegangen. Er kennt seine Macht. Und er hat sie gebrochen.</p>
<p>So widerspricht Gott allem, was wir für stark halten.</p>
<p>Der Lebendige.</p>
<p>Immer und ewig.</p>
<p>Das ist das &quot;in your face&quot; all den Mächten, die uns Angst machen entgegen.</p>
<p>&quot;Nimm das&quot;!</p>
<p>Die tun immer so, als seien sie unersetzlich. Alternativlos. Dauerhaft.</p>
<p>Aber sie haben eine Achillesferse. Sie können dem Tod nichts entgegensetzen.</p>
<p>Alle Macht dieser Welt endet am Grab.</p>
<p>Jesus, der Messias, kann das.</p>
<p>Und damit entlarvt er sie. Er reißt ihnen die Maske vom Gesicht.</p>
<p>Nicht mit Gewalt. Nicht mit Gegengewalt.</p>
<p>Sondern einfach dadurch, dass er lebt.</p>
<p>Das ist das eigentliche &quot;in your face&quot; der Offenbarung.</p>
<p>Wer das sieht -- wer ihn sieht, der hat den Durchblick.</p>
<p>Was ändert das für Menschen, die unter Druck stehen?</p>
<p>Nicht, dass der Druck verschwindet.</p>
<p>Nicht, dass die Angst sich einfach auflöst.</p>
<p>Aber es ändert, wer das letzte Wort hat.</p>
<p>Es ändert alles, wenn du der Angst ins Auge siehst--und hinter der Angst auf Christus schaust.</p>
<p>Der Erste. Der Letzte. Der Lebendige.</p>
<p>Es ändert alles, wenn du dich völlig überwältig fühlst--und hinter dem Druck auf Christus schaust.</p>
<p>Der Erste. Der Letzte. Der Lebendige.</p>
<p>Es ändert alles--das zeigt uns die Geschichte der alten Kirche--, wenn du bedrängt wirst, verfolgt, verhaftet und sogar den Löwen vorgeworfen. Und wenn du hinter denen, die dich höhnisch anlachen, ins Gesicht von Jesus schaust.</p>
<p>Der Erste. Der Letzte. Der Lebendige.</p>
<p>Es ändert alles – das merkt man, wenn man in die Nachrichten schaut</p>
<p>und nicht gleich wegzappt.</p>
<p>Wenn Menschen ihre Türen öffnen. Häuser. Kirchen.</p>
<p>Wenn sie sich zwischen Gewalt und Schutzlose stellen. Nicht laut. Nicht siegreich. Manchmal singend. Manchmal betend.</p>
<p>Wenn sie sich festnehmen lassen.</p>
<p>Die hatten sicher Angst. Sie haben gezittert.</p>
<p>Aber vielleicht hatten sie auch diesen Blick. Den Durchblick.</p>
<p>Auf ihn.</p>
<p>Den Ersten. Den Letzten. Den Lebendigen.</p>
<p>Der über allem steht. Und das gerade an der Seite der Schutzlosen.</p>
<p>Ich weiß nicht, was alles auf uns zukommt.</p>
<p>Manches macht mir ganz viel Hoffnung.</p>
<p>Anderes setzt mich unter Druck. Und macht mir Angst.</p>
<p>Aber ich halte mich daran fest: &quot;Christ ist erschienen&quot;.</p>
<p>Das will ich nie aus den Augen verlieren.</p>
<p>Ihn will ich nie aus den Augen verlieren.</p>
<p>Möge Gott uns allen so viel Durchblick schenken.</p>
<p>Und wenn er uns manchmal fehlt, dann vielleicht die Sehnsucht danach.</p>
<p>Und die Offenheit für seine Geistkraft.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was wir für Wirklichkeit halten, ist nicht die letzte Wirklichkeit. Wer Christus sieht, sieht die Machtverhältnisse neu. Die Angst bleibt – aber sie hat nicht das letzte Wort. Darin liegt Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Christus im Blick behalten</itunes:subtitle>
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        <title>Über alle Grenzen</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/ueber-alle-grenzen/</link>
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        <pubDate>Sun, 25 Jan 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Grenzen ordnen unser Leben. Sie geben Halt. Doch manchmal werden sie enger, als Gott sie gedacht hat. In der Begegnung von Petrus und Kornelius zeigt sich Gottes große Weite. Christus bringt Menschen neu zusammen. Über alle Grenzen hinweg.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Brüder! Schwestern! Von Gott Geliebte! Hört auf sein Wort, aus dem Buch der Apostelgeschichte, aus dem 10. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Petrus ging die Treppe hinunter. Er traf die Männer, die zu ihm geschickt worden waren. Er sagte: Ich bin der, den ihr sucht. Warum seid ihr gekommen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sagten: Ein römischer Hauptmann hat uns geschickt. Er heißt Kornelius. Er ist ein gerechter Mann. Er achtet Gott. Viele Menschen aus dem jüdischen Volk schätzen ihn. Ein Engel Gottes hat ihm gesagt: Er soll dich in sein Haus holen. Er soll hören, was du ihm sagst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Petrus bat die Männer herein. Er nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag ging Petrus los. Er ging mit den Männern. Einige Menschen aus der Gemeinde in Joppe gingen mit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Am folgenden Tag kamen sie nach Cäsarea. Kornelius wartete schon auf sie. Er hatte seine Verwandten und seine engen Freund:innen eingeladen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Als Petrus in das Haus kam, kam Kornelius ihm entgegen. Er fiel vor Petrus nieder. Petrus richtete ihn auf. Er sagte: Steh auf. Ich bin auch nur ein Mensch.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Während sie redeten, gingen sie ins Haus. Dort waren viele Menschen versammelt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Petrus sagte zu ihnen: Ihr wisst: Ich bin Jude. Das ist uns nicht erlaubt: zu Menschen aus anderen Ländern gehen und ihr Haus betreten. Aber Gott hat mir gezeigt: Ich soll keinen Menschen ausschließen. Darum bin ich gekommen, ohne zu widersprechen, als ihr mich gerufen habt. Jetzt frage ich euch: Warum habt ihr mich geholt?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Kornelius sagte: Vor vier Tagen habe ich gebetet. Zur gleichen Zeit wie jetzt. Ich war in meinem Haus. Da stand plötzlich ein Mann vor mir. Seine Kleidung leuchtete hell. Der Mann sagte: Kornelius, Gott hat dein Gebet gehört. Er hat gesehen, wie du den Armen hilfst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er sagte weiter: Schick jemanden nach Joppe. Lass Simon holen. Er wird Petrus genannt. Er wohnt bei Simon, dem Gerber. Sein Haus ist am Meer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe sofort nach dir schicken lassen. Gut, dass du gekommen bist! Jetzt sind wir alle hier vor Gott. Wir wollen hören, was Gott dir aufgetragen hat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Da begann Petrus zu reden. Er sagte: Jetzt verstehe ich es wirklich: So ist Gott nicht. Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen. Er nimmt alle an, die ihn achten und gerecht handeln.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Apostelgeschichte 10,21-35; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Grenzen gehören zum Leben. Sie ordnen unseren Alltag. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Man weiß, wo man hingehört. Wo man sitzt. Wie etwas läuft. Viele Grenzen merkt man gar nicht. Man bewegt sich sicher in ihnen. Man geht durch vertraute Türen. Man weiß, wie man sich verhält. Grenzen gehören zum Leben. Türen. Regeln. Abläufe. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Dass man sich zurechtfindet.</p>
<p>Und manchmal merkt man eine Grenze plötzlich. Nicht im Kopf. Sondern im Körper. Du bleibst einen Moment stehen. Du zögerst. Du fragst dich: Gehe ich jetzt wirklich weiter? Darf ich hier sein? Passt das noch?</p>
<p>Grenzen entstehen meist nicht aus bösem Willen. Sie entstehen aus Gewohnheit. Aus einem Sinn für Ordnung – gut schwäbisch eben. Alles hat seine Richtigkeit. Grenzen entstehen, weil du Gott oder dem Leben gerecht werden willst.</p>
<p>Die Geschichte, die wir gerade gehört haben, erzählt von solchen Grenzen. Von oben und unten. Von drinnen und draußen. Von erlaubt und nicht erlaubt.</p>
<p>Und sie erzählt von einem Mann, der diese Grenzen ernst nimmt. Nicht leichtfertig. Nicht aus Abgrenzung. Sondern weil er Gott nicht verfehlen will.</p>
<p>Petrus ist keiner von den Engstirnigen. Er ist keiner, der andere klein macht. Er ist einer, der Gott ernst nimmt. Er ist fromm. Er nimmt seinen Glauben ernst. Er hält sich an Regeln, weil sie ihm Orientierung geben, weil sie ihm sagen, wie er vor Gott leben kann. Petrus weiß, was erlaubt ist und was nicht. Und er hält das nicht für eine Kleinigkeit. Für ihn steht daran etwas auf dem Spiel.</p>
<p>Gerade deshalb ist diese Geschichte so unbequem. Nicht, weil Petrus zu eng denkt. Sondern weil seine Grenzen gute Gründe haben. Sie sind gewachsen. Sie sind religiös begründet. Sie gehören zu seiner Verantwortung.</p>
<p>Und genau da setzt Gott an. Nicht bei Gleichgültigkeit. Nicht bei Bosheit. Sondern bei einem Glauben, der es richtig machen will.</p>
<p>Gott zieht die Grenzen nicht, die wir ziehen.</p>
<p>Was tut Gott?</p>
<p>Er erklärt Petrus nichts. Er hält ihm keinen Vortrag. Er sagt nicht: Du liegst falsch. Gott greift diese Grenzen nicht mit Argumenten an. Er bringt Petrus in Situationen.</p>
<p>Alles beginnt harmlos. Fremde Männer stehen vor der Tür. Petrus geht die Treppe hinunter. Er hört zu. Er erfährt: Es geht um einen römischen Hauptmann. Um einen aus der Besatzungsmacht. Um jemanden, mit dem man eigentlich keinen Umgang hat. Und dann passiert das Erste, fast Unmerkliche: Petrus bittet diese Männer herein. Über die Schwelle. Er nimmt sie als Gäste auf. Über Nacht.</p>
<p>Noch ist nichts entschieden. Noch könnte man sagen: Gastfreundschaft gehört sich so. Noch bleibt alles im Rahmen.</p>
<p>Am nächsten Tag geht Petrus mit ihnen los. Er geht nicht allein. Andere gehen mit. Es ist kein Alleingang. Und doch führt der Weg genau dahin, wo seine Grenze verläuft. In ein fremdes Haus. In einen Raum, den er eigentlich nicht betreten darf.</p>
<p>Und dann diese Szene: Kornelius fällt vor ihm nieder. Eine klare Ordnung. Einer oben, einer unten. Petrus könnte das stehen lassen. Er tut es nicht. Er richtet ihn auf. &quot;Steh auf&quot;, sagt er. &quot;Ich bin auch nur ein Mensch.&quot; Eine Grenze fällt. Nicht theoretisch. Körperlich. Einer wird hochgezogen.</p>
<p>Und während sie reden, gehen sie weiter. Sie bleiben nicht an der Schwelle stehen. Sie gehen hinein. In das Haus. In die Situation. Und dort sind viele Menschen. Öffentlichkeit. Keine Hintertür mehr. Kein Rückzug.</p>
<p>Hier merkt man: Gott führt Petrus Schritt für Schritt an den Punkt, an dem seine guten, begründeten Grenzen nicht mehr tragen. Nicht, weil sie böse wären. Sondern weil sie zu klein werden für das, was Gott vorhat.</p>
<p>Petrus merkt das selbst. Er spricht es aus. Eigentlich darf ich das nicht. Eigentlich gehört sich das nicht. Eigentlich ist das verboten. Und genau dieses „eigentlich“ beginnt zu bröckeln. Nicht, weil Petrus nachlässig wird. Sondern weil Gott ihn anders handeln lässt, als er es sich selbst erlaubt hätte.</p>
<p>Dieses „eigentlich“ ist wichtig. Denn streng genommen steht dieses Verbot so gar nicht im jüdischen Gesetz. Diese Grenze ist enger geworden. Gewachsen aus Erfahrung. Aus Angst, sich zu verlieren. Aus dem Wunsch, das Eigene zu schützen.</p>
<p>Bis hierher ist das gar nicht aufgefallen. Die Grenze war einfach da. Sie hat funktioniert. Sie musste nicht begründet werden. Sie war Teil der Ordnung. Erst als Gott Petrus Schritt für Schritt an ihr entlangführt, wird sichtbar, wie eng sie geworden ist. Dass sie nicht einfach Gottes Grenze ist, sondern eine gewachsene, vertraute, selbstverständliche.</p>
<p>So ist das oft mit unseren Grenzen. Solange sie tragen, merken wir sie nicht. Solange sie Ordnung schaffen, wirken sie richtig. Man denkt nicht darüber nach, warum man an einer Stelle stehen bleibt und an einer anderen weitergeht. Es fühlt sich stimmig an. Normal. So macht man das eben.</p>
<p>Und genau deshalb wird es heikel, wenn Grenzen religiös aufgeladen werden. Wenn christlicher Glaube plötzlich dazu dient, Menschen auszusortieren. Wenn im Namen Gottes von Abwehr geredet wird. Wenn Ausgrenzung christlich begründet wird – irgendwo in der Welt, und manchmal auch ganz nah bei uns.</p>
<p>Wenn laut darüber nachgedacht wird, ob nicht schon genug Menschen mit Migrationshintergrund hier wohnen. Wenn Zugehörigkeit gezählt wird. Wenn Herkunft zum Maßstab wird. Das sind keine bösartigen Gedanken. Sie versprechen Ordnung. Übersicht. Sicherheit. Und oft schützen sie auch das, was wir besitzen oder zu verlieren fürchten.</p>
<p>Aber genau solche Grenzen müssen am Evangelium geprüft werden. An dem Gott, den Petrus hier neu kennenlernt. An einem Gott, der sagt: So bin ich nicht. Ich schließe niemanden aus.</p>
<p>Wir sind in guter Gesellschaft. Petrus, der erfahrene Apostel, hat nicht nur eine Vision gebraucht, sondern einen ganzen Weg, um es zu bemerken. Was brauchen wir, um die Linien zu sehen, die wir ziehen?</p>
<p>„Jetzt verstehe ich es wirklich.“</p>
<p>Verstehen können hätte man es hören können. Immer wieder. In den alten Geschichten. Bei Abraham. Bei Noah. In den Worten der Propheten. Und bei Jesus selbst, der mit Zolleinnehmern und Sünder:innen am Tisch sitzt.</p>
<p>Diese Spur ist da. Schon lange. Sie sagt: Gott denkt weiter als wir. Gott ordnet Menschen nicht in unsere Schubladen ein. Gott rechnet nicht in unseren Kategorien.</p>
<p>Und doch reicht es offenbar nicht, das zu wissen. Offenbar braucht es Situationen. Wege. Begegnungen. Momente, in denen Gott uns mitnimmt, damit aus Hören Verstehen wird.</p>
<blockquote>
<p>Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jetzt verstehe ich es wirklich. So ist Gott nicht.</p>
</blockquote>
<p>Und damit steht eine Frage im Raum:</p>
<p>Wo habe ich Gott so gedacht, dass er meine Grenzen schützt – statt sie zu überschreiten?</p>
<p>Diese Frage stellt sich nicht von selbst – sie wird uns von Gott selbst gestellt.</p>
<p>&quot;So ist Gott nicht.&quot;</p>
<p>Wie ist Gott denn?</p>
<p>Diese Frage lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Aber Petrus wagt einen Anfang.</p>
<blockquote>
<p>Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen.</p>
</blockquote>
<p>Wie ist Gott denn?</p>
<p>Diese Frage lässt sich letztlich nur mit einer Person beantworten. Jesus heißt sie. Jesus, der Messias. Der, den Petrus bezeugt – jetzt vor ganz anderen Menschen, an die er sich bisher nicht gewendet hätte. In ihm wird wahr, wer Gott ist – nicht als Idee, sondern als Wirklichkeit.</p>
<p>In Jesus überschreitet Gott selbst die bekannten Grenzen. Er, Gott, wird ein Mensch. Er geht zu denen, die nicht dazugehören. Er setzt sich an den Tisch mit denen, die draußen sind. Mit Zolleinnehmern und Sünder:innen. Mit Kranken. Mit Verachteten. Mit Menschen, für die es eigentlich keinen Platz gibt. Nicht aus Provokation. Sondern weil Gottes Nähe so ist. Und er bleibt bei ihnen – nicht von oben herab, sondern mitten unter ihnen.</p>
<p>In Jesus überschreitet Gott selbst die letzten Grenzen. Er stirbt. Er geht in die größte Gottesferne. Er nimmt jede, wirklich jede Lebenssituation für sich ein. Und er wird auferweckt. Selbst der Tod hält Gott nicht auf. In Jesus, dem Messias, bricht Gottes Reich in diese begrenzte Welt hinein. Und es öffnet eine Zukunft, die größer ist als unsere Gegenwart. Am Ende wird Gott wirklich &quot;alles in allem&quot; sein.</p>
<p>Als Teil dieses Reiches gibt Gott seinen Geist. Nicht sparsam. Nicht nach Rang. Nicht nach Herkunft. Nicht nach religiöser Vorbildung. Der Geist fällt auf alle, die da sind. Auf Juden und Heiden. Auf Fromme und Suchende. Auf Männer und Frauen. Ohne Ansehen der Person.</p>
<p>„Jetzt verstehe ich es wirklich!“</p>
<p>Petrus hat gesehen, was Gott tut. Gott überschreitet Grenzen. In Christus. Durch den Geist. Und er hört nicht damit auf.</p>
<p>Wenn Gott so ist, wie Petrus ihn hier erkennt, dann bleibt eine Frage offen. Nicht als Forderung. Sondern als leise Irritation:</p>
<p>Wo bringt Gott uns gerade in Bewegung, ohne dass wir es schon verstanden haben? Wo führt er uns an Grenzen entlang, die wir für selbstverständlich halten? Und wo ist er vielleicht schon längst weiter, während wir noch überlegen, ob wir überhaupt gehen dürfen?</p>
<p>„Jetzt verstehe ich es wirklich.“</p>
<p>Das will ich auch sagen können.</p>
<p>Jeden Tag ein wenig mehr.</p>
<p>Darüber staunen. Und leben.</p>
<p>Gott helfe uns dabei!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Grenzen ordnen unser Leben. Sie geben Halt. Doch manchmal werden sie enger, als Gott sie gedacht hat. In der Begegnung von Petrus und Kornelius zeigt sich Gottes große Weite. Christus bringt Menschen neu zusammen. Über alle Grenzen hinweg.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wie Christus Menschen neu zusammenbringt</itunes:subtitle>
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        <title>Du bist doch mitten unter uns</title>
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        <pubDate>Sun, 18 Jan 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was bleibt, wenn nichts mehr hilft? Vielleicht finden wir gerade in der Klage Glauben. Eine Predigt über Schuld, Hoffnung und den Gott, der mitten unter uns bleibt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Von Gott geliebte, hört sein Wort, aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 14. Kapitel.</p>
<blockquote>
<p>Das ist das Wort Gottes.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott spricht zu Jeremia.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es hat schon sehr lange nicht geregnet.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das Land Juda trauert.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>In den Städten sind die Menschen ohne Kraft.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle sind am Boden.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>In Jerusalem klagen sie laut.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Mächtigen schicken andere los.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sollen Wasser holen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie kommen zu den Brunnen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber sie finden kein Wasser.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie kommen mit leeren Gefäßen zurück.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie schämen sich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie senken den Kopf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auf den Feldern ist der Boden hart.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es regnet nicht im Land.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Bauern schämen sich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie senken den Kopf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sogar die Hirschkuh verlässt ihr Junges auf dem Feld.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es ist gerade erst geboren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber es gibt kein Gras.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Wildesel stehen auf den kahlen Hügeln.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie schnappen nach Luft, wie Tiere, die nichts mehr finden.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ihre Augen werden müde.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber es gibt kein Gras.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wir haben Schuld.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das schreit uns an.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>HERR, tu etwas.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Tu es, weil du Gott bist.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wir haben uns oft von dir abgewandt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wir sind unseren eigenen Weg gegangen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott, du bist unsere Hoffnung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du hilfst in der Not.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum bist du uns fremd?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum bist du nur kurz da, wie ein Mensch auf der Durchreise?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum wirkst du wie ein verzagter Mensch?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wie ein Held, der nicht helfen kann?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist doch mitten unter uns, HERR.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wir tragen deinen Namen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Verlass uns nicht.</p>
</blockquote>
<p>Verlass uns nicht!</p>
<p>Da ist nicht viel Hoffnung in diesem Text. Stattdessen: Trockenheit. Dürre. Leere. Und Klage. Ganz viel Klage.</p>
<p>Die Bilder nehmen uns mit hinein. Man muss nicht viel erklären, damit sie ihre Wirkung erfahren. Man leidet mit denen, von denen da erzählt wird. Man ringt mit den Wildeseln um Luft. Man möchte weinen um das kleine, neugeborene Hirschkitz, das die Mutter auf dem Feld zurücklässt. Hilflos. Dem Tod überlassen. Weil es zum Leben nicht mehr reicht.</p>
<p>Klage.</p>
<p>Sonst findet man kaum etwas hier. Keine Lösung. Keinen Ausweg. Nur unendliche Leere. Und Sinnlosigkeit.</p>
<p>Klage.</p>
<p>Da wird einem ganz anders in der Kirchenbank.</p>
<p>Wie soll man da denn feiern?</p>
<p>Man möchte raus aus diesen Bildern. Möchte weg. Abstand gewinnen.</p>
<p>Und merkt: Das geht nicht.</p>
<p>Die Klage hält uns fest.</p>
<p>Weil sie auch unsere ist.</p>
<p>Und keine Lösung in Sicht.</p>
<p>Wir kennen diese Bilder. Vielleicht nicht genau so. Aber wir kennen sie. Ausgetrocknete Felder. Flüsse mit niedrigem Pegel. Wälder, die brennen. Tiere, die verschwinden. Ernten, die unsicher werden. Eis, das schmilzt. Küsten, die nicht mehr halten.</p>
<p>Das ist nicht weit weg. Das ist nicht nur damals. Es ist jetzt.</p>
<p>Klage. Das ist alles was bleibt.</p>
<p>Aus der Hilflosigkeit heraus.</p>
<p>Die ganze Schöpfung schreit mit.</p>
<p>Und das Schreien klagt uns an.</p>
<p>Schuld ist ein Schlüsselwort in diesem Text. Davon hören wir nicht gern. Denn Schuld meint hier nicht: die ganz Schlimmen. Sondern: wir sind verstrickt. Die Klagenden im Alten Testament sagen: Das hier ist kein Zufall. Kein fremdverschuldetes Unglück. Kein willkürliches Gottesgericht. Das, was wir tun, trägt seine Folgen schon in sich.</p>
<p>Ist das bei uns denn nicht mehr so?</p>
<p>Wir leben, als gäbe es kein Morgen. Und wundern uns, dass uns die Luft ausgeht.</p>
<p>Das Schreien klagt uns an.</p>
<p>Und es bringt ja gar nichts, so zu tun, als sei da irgendjemand besser.</p>
<p>Als könne ich, oder sonst jemand, hier mit moralischer Überlegenheit und erhobenem Zeigefinger stehen und andere belehren, wie man es besser macht. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir stecken mittendrin, in der Misere und niemand kann einfach aussteigen aus dem System, das wir uns selbst gebaut haben.</p>
<p>Mir stockt der Atem, wenn ich das sage. Ich ringe nach Luft. Was bleibt uns denn?</p>
<blockquote>
<p>Die Wildesel stehen auf den kahlen Hügeln.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie schnappen nach Luft.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><strong>Wie Tiere, die nichts mehr finden.</strong></p>
</blockquote>
<p>So fühlt sich das an.</p>
<p>Klage.</p>
<p>Etwas anderes bleibt ja gar nicht mehr.</p>
<blockquote>
<p>Das ist das Wort Gottes.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott spricht zu Jeremia.</p>
</blockquote>
<p>Ist euch aufgefallen, dass Gott hier gar nicht redet?</p>
<p>Da hört man nur die Klage: Das Land klagt. Die Städte klagen. Die Menschen klagen. Die Tiere klagen. Die ganze Welt klagt.</p>
<p>Jeremia bringt seine Klage vor Gott. Und genau so wird sie zum Gotteswort.</p>
<p>Im Klagen findet er die Hoffnung, die ihn trägt.</p>
<p>Im Klagen findet er seinen Glauben.</p>
<p>Sein Text kennt keine schnellen Lösungen. Die hätten wir ja immer gerne.</p>
<p>Aber er weiß um den Gott, bei dem man klagen darf.</p>
<p>Das allein ist schon viel:</p>
<p>Gott hält das aus. Ich darf ihm klagen, was mir das Herz schwer macht. Ich darf ihm hinlegen, womit ich allein nicht fertig werde. Ich darf sagen, wie das sich anfühlt. Was ich vermisse. Wie sehr ich mir Veränderung wünsche.</p>
<p>So klingt Klage vor Gott:</p>
<blockquote>
<p>Gott, du bist unsere Hoffnung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du hilfst in der Not.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum bist du uns fremd?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum bist du nur kurz da, wie ein Mensch auf der Durchreise?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum wirkst du wie ein verzagter Mensch?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wie ein Held, der nicht helfen kann?</p>
</blockquote>
<p>Klage ist kein Mangel an Glauben. Klage ist Glaube, der sich im Ernstfall bewährt.</p>
<p>Wer klagt, der weiß, an wen er sich wenden darf. Wer klagt, nimmt Gottes Dasein ernst.</p>
<blockquote>
<p>Gott, du bist unsere Hoffnung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du hilfst in der Not.</p>
</blockquote>
<p>Wo es sonst keine Hoffnung mehr gibt, bleibt diese eine -- einzige:</p>
<p>Gott selbst ist meine Hoffnung.</p>
<p>Gott selbst ist die Hilfe in meiner Not.</p>
<blockquote>
<p>Du bist doch mitten unter uns, HERR.</p>
</blockquote>
<p>Das ist Evangelium. Kein lautes. Kein triumphales.</p>
<p>Sondern ein leises Versprechen: Gott ist da. Hier. Mitten unter uns.</p>
<p>Nicht über der Klage. Nicht jenseits der Not. Sondern darin.</p>
<p>Alles steckt in diesem Satz.</p>
<p>Was ich brauche. Was mich hält.</p>
<p>Meine ganze Hoffnung.</p>
<p>Das ist Weihnachten. Das ist das Leben Jesu. Das ist das Kreuz. Das ist Ostern: Gott geht unsere Wege mit.</p>
<p>Du bist doch mitten unter uns, Herr. Wir tragen deinen Namen.</p>
<p>Den Namen des Gottes, der sagt: Ich bin für euch da.</p>
<p>Du bist doch mitten unter uns, HERR.</p>
<p>Das heißt ja nicht: Jetzt ist alles gut. Jetzt wird alles leicht. Jetzt ist das Problem gelöst.</p>
<p>Jeremia weiß das. Und wir wissen das auch.</p>
<p>Gott ist hier kein Held, der einmal kurz eingreift und dann ist alles erledigt.</p>
<p>Aber Gott ist da. Und das verändert etwas.</p>
<p>Vielleicht ist das die Art, wie Gott Hoffnung schenkt.</p>
<p>Nicht laut.</p>
<p>Nicht als Held.</p>
<p>Sondern indem er bleibt, wo die Krüge leer sind.</p>
<p>Das ist Epiphanias. Gott zeigt sich nicht im Triumph, sondern im Bleiben. Im Mitgehen. Im Dabeisein.</p>
<p>Wo Gott da ist, da bleibe ich nicht allein mit meiner Klage. Mit meiner Schuld. Mit meiner Hilflosigkeit.</p>
<p>Auch dann nicht, wenn mir gerade die Worte fehlen.</p>
<p>Wo Gott da ist, da muss ich nicht mehr so tun, als hätte ich alles im Griff. Oder als wäre mir alles egal.</p>
<p>Da darf ich hinschauen. Da darf ich aushalten. Da darf ich anfangen.</p>
<p>Nicht groß. Nicht perfekt. Nicht als Lösung für alles.</p>
<p>Aber als ein Mensch, der nicht weggeht.</p>
<p>Vielleicht heißt das: zuhören. Teilen. Verzichten. Anders entscheiden, wo ich kann.</p>
<p>Nicht, weil ich die Welt rette. Sondern weil Gott sie nicht aufgegeben hat.</p>
<p>Du bist doch mitten unter uns, HERR.</p>
<p>Darauf hoffe ich.</p>
<p>Und von dieser Hoffnung her gehe ich weiter.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was bleibt, wenn nichts mehr hilft? Vielleicht finden wir gerade in der Klage Glauben. Eine Predigt über Schuld, Hoffnung und den Gott, der mitten unter uns bleibt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Klage, die Hoffnung findet</itunes:subtitle>
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        <title>Alles neu?</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/alles-neu-1/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2026/alles-neu-1/</guid>
        <pubDate>Sun, 11 Jan 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Erneuerung beginnt nicht mit Machen, sondern mit Hinsehen auf das, was Gott schon tut.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geschwister -- also: Brüder und Schwestern, Kinder Gottes und alle zusammen, nicht nur die Gewählten: seine Kirche...</p>
<p>Es hat etwas von einer Zeitenwende hier in Gäufelden. Gerade haben wir die Menschen verabschiedet, deren Einsatz es maßgeblich zu verdanken ist, dass aus drei ursprünglich eigenständigen Kirchengemeinden nicht nur ein gutes Miteinander gewachsen ist, sondern tatsächlich, vor einem Jahr, eine Kirchengemeinde wurde. Ich weiß, das manche das auch immer noch betrauern. Dass sich manche das anders gewünscht hätten. Aber ich würde auch sagen, die, die in diesem letzten Jahr am intensivsten in dieser neuen Struktur arbeiten mussten (oder: durften?) können bestätigen, dass sich um ein Erfolgsmodell handelt. Ein Modell mit Zukunft, für Gäufelden, und mit Sinn sowieso, weil wir alle schon immer Teil der einen Kirche Jesu Christi waren. Alle Unterteilungen davon sind ja nur unsere menschlichen Erfindungen und keineswegs das Maß aller Dinge.</p>
<p>Nun ist das also geschafft und zeitweise mehr als 20 Menschen haben ein Jahr lang miteinander getagt und geplant und gearbeitet und dürfen sich heute auch zurecht feiern lassen für das, was erreicht wurde. Und ein neues Gremium tritt an--mit Kontinuität bei den einen und Menschen, die sich neu haben rufen lassen auf der anderen Seite. Der erste von ganz Gäufelden gewählte Kirchengemeinderat. Eine Zeitenwende?</p>
<p>Wer weiß denn, was kommt, in dieser nächsten Zeit. Aufregend ist ja gerade nicht nur die große Weltlage, ob politisch, wirtschaftlich oder ökologisch. Aufregende Zeiten sind es auch für die Kirchen in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft. Schon seit zwei Jahren gehört erstmals die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht mehr zu einer Kirche. Und die Tendenzen gehen weiter. Bis 2060, so schätzen Statistiker, wird sich unsere Landeskirche noch einmal halbieren. Die Pfarrer:innen werden jetzt schon weniger und wir haben den Pfarrplan 2030, der auch für Gäufelden noch einmal Einschnitte bringt, noch gar nicht umgesetzt. Große Fragen liegen vor uns in diesen nächsten Jahren: Wie gehen wir mit diesen strukturellen Veränderungen um? Was machen wir mit unseren geringer werdenden Ressourcen? Welche Prioritäten setzen wir? Welche Einschnitte müssen wir noch machen? Wie gehen wir--das ist zum Beispiel ein großes Fragezeichen in unserer Landeskirche mit der aktuellen &quot;Oikos&quot;-Studie--mit unseren Gebäuden um? Wo bewahren wir das Erbe? Wo müssen wir neue Wege gehen? Spannend, liebe neue Kirchengemeinderät:innen, wird's auf jeden Fall.</p>
<p>Und mitten drin, heute, an diesem Wendepunkt, wo sich Abschied und Neuanfang begegnen, da trifft uns die neue Jahreslosung noch einmal nicht nur im persönlichen Umfeld, sondern als Kirche und Kirchengemeinde: &quot;Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.&quot; (Offb. 21,5)</p>
<p>Siehe, ich mache alles neu.</p>
<p>Für manche klingt das eher wie eine Drohung. Es klingt nach einer Abwertung des Alten. Als müsse man noch mehr Vertrautes und Geliebtes hergeben. Als würde alles (alles!) radikal umgekrempelt und man könne am Ende gar nichts mehr wiedererkennen. &quot;Das ist nicht mehr meine Kirche&quot;, sagen manche dann. Und andere, die bisher schon kritisch waren, fühlen sich bestätigt. Weg mit dem alten Krempel! Wenn überhaupt, dann muss radikal Neues her!</p>
<p>Siehe, ich mache alles neu.</p>
<p>Darüber ist schon manches gesagt worden in den ersten paar Tagen des neuen Jahres und wird es auch noch werden, bis dann unweigerlich spätestens im März irgendwann die Kurve abflacht und die Jahreslosung vielleicht doch eine Zweitmonatslosung bleibt. Wie hieß nochmal die vom letzten Jahr? Wie dem auch sei, gerade ist das Thema ganz aktuell und ich will mich daher auch auf drei Aspekte des Ganzen beschränken, die mir für diesen besonderen Termin heute relevant erscheinen.</p>
<p>Ich will heute nicht sagen, <em>wie</em> Kirche neu werden soll. Sondern ich will hinschauen auf das, was Gott selbst sagt. Und zwar Wort für Wort. Drei davon, zumindest. Das Jahr ist ja noch lang für den Rest. Drei Worte also:</p>
<p>Erstens: Ich.</p>
<p>Siehe, <em>ich</em> mache alles neu.</p>
<p>Das ist vielleicht das wichtigste von allem: Gott ist der Handelnde in diesem Satz: <em>Gott</em> macht alles neu.</p>
<p>Ich glaube, das ist eines der entlastendsten Dinge überhaupt, die man einer neuen KGR-Periode voranstellen kann. Das ist das, wovon wir singen: &quot;Die Sach' ist dein, Herr Jesu Christ, die Sach' an der wir stehn.&quot; Das ist das, was ihr Gewählten gleich wieder neu versprechen werdet: &quot;Im Aufsehen auf Jesus Christus, <em>den alleinigen Herrn der Kirche</em>, will ich <em>meinen Teil</em>dazu beitragen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und in den Bekenntnissen der Reformation bezeugt ist, aller Welt zu verkündigen...&quot; Stellt euch vor, diesen ersten Satzteil gebe es nicht! Stellt euch vor, das wäre alles unsere Aufgabe! Nein, stellt es euch lieber nicht vor. Das bringt euch nur Stress und schlaflose Nächte. Glaubt mir, es ist so viel besser, die Aufgaben, die vor uns liegen anzugehen mit dem Wissen, dass Gott selber der ist, der die Dinge -- und vor allem: die Kirche -- in seiner Hand hat. Und ich darf Teil von dem sein, was er tut. Ich trage Verantwortung, aber nicht allein.</p>
<p>Das ist vielleicht auch die eine Aussage, die es dir leichter macht, loszulassen, wenn dein Amt im Kirchengemeinderat mit dem heutigen Tag endet. Denn du weißt ja, was alles unvollendet bleibt. Miteinander haben wir bei unserer Schlussauswertung in Gedanken einen Spaziergang gemacht und wir blieben auch bei der Brache stehen -- beim unbeackerten Feld all der Dinge, die wir hätten machen wollen und sollen und die nicht geschehen sind (aus welchen Gründen auch immer). Und du weißt auch um viele Fragen, die noch kommen werden. Vielleicht fällt es dir gar nicht leicht, das alles jetzt in die Hand anderer zu legen -- gerade auch das, was <em>wir</em>gemeinsam erreicht haben. Was werden <em>die</em> jetzt daraus machen?</p>
<p>Gott sagt: Siehe, <em>ich</em> mache alles neu. Das hat sich nicht verändert. Er hat sich nicht verändert. Und wir alle, auch als die Institution seiner Kirche, sind und bleiben in seiner Hand. Du durftest sein Werkzeug sein. Nicht der Eigentümer. Und das war immer gut so. Das bleibt es auch.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, <em>ich</em> mache alles neu.</p>
<p>Vielleicht ist das auch eine Aussage, die gut tut für alle die, die heute weder anfangen noch aufhören, sondern uns lediglich begleiten in diesem Moment. Kirche sind wir alle miteinander. Und jede Wahl heißt ja auch, anderen <em>stellvertretend</em>Dinge anzuvertrauen, die mir lieb und wichtig sind. Du darfst vertrauen, statt nur kritisch abzuwarten. Auf <em>ihn</em> vertrauen--nicht auf uns. Das ist doch das, was Glauben ausmacht!</p>
<p>Ich bin glücklich über die elf Personen, die sich haben wählen lassen. Aber noch unendlich viel glücklicher bin ich über den Einen, der das sagt:</p>
<p><em>Ich</em> mache alles neu.</p>
<p>Ich bin froh und glücklich, dass die Zukunft der Kirche und unserer Gemeinde hier in Gäufelden nicht in der Hand von Gremien und Komitees liegt, nicht beim Oberkirchenrat oder der Synode, nicht bei Gesprächskreisen oder Berater:innen – und auch nicht in meiner Hand.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, <em>ich</em> mache alles neu.</p>
<p>Manches von dem, was kommt, kann ich ahnen, vielleicht sogar erhoffen. Anderes weiß ich noch nicht. Aber ich bin unendlich erleichtert, dass das, was kommt, nicht aus Reformdebatten und Strukturpapieren entsteht, nicht aus kirchlichem Aktionismus und nicht von SPI oder PriceWaterhouseCooper, die unsere Verwaltungsreform geplant haben.</p>
<p>Kirche erneuert sich nicht selbst. Sie wird erneuert. Und Gott lässt sich dabei nicht festlegen – weder durch unsere Konzepte noch durch unsere besten Absichten. Er handelt frei. Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu. Und ihr glaubt nicht, wie viel Hoffnung mir das gibt. Wenn ich in all den Jahren eines gelernt habe, dann das: Kirche lebt nicht davon, dass <em>wir</em>alles im Griff haben, sondern davon, dass <em>Gott</em>uns nicht loslässt.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu.</p>
<p>Zweitens: Mache.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich <em>mache</em> alles neu.</p>
<p>Ist euch aufgefallen, dass dieser Satz im Präsens steht? Nicht: &quot;Ich werde alles neu machen.&quot; Sondern: &quot;Ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Bibelkenner:innen werden wissen, wo dieser Satz hingehört. In einer großen Vision am Ende der Bibel zeigt Gott dem Seher Johannes mitten in einer schrecklich turbulenten Zeit, wie das Ende aussieht: &quot;Ich mache alles neu.&quot; Dann sieht er Gott, der selbst bei den Menschen wohnt. Der alle Tränen abwischt. Allem Leid ein Ende macht &quot;und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!&quot; (Offb. 21,4b-5a). Im nächsten Kapitel folgt dann das &quot;himmlische Jerusalem&quot;, das perfekte Gottesreich, mit Frieden und Ruhe und Leben für alle.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich <em>mache</em> alles neu.</p>
<p>Wir sind es gewohnt, darüber in einer weit entfernten &quot;Hoffnungszukunft&quot; zu denken. Ist euch klar, dass Gott damit längst begonnen hat?</p>
<p>Das ist doch jetzt eine super Nachricht für alle, die bisher im Kirchengemeinderat waren! Für alle, die schon lange dabei sind, auch die Vorgänger:innen und die Vor-Vorgänger:innen und für alle, die sich auch sonst schon einmal irgendwo eingebracht haben in das große Ganze der Kirche Jesu Christi: Das &quot;Neue&quot; beginnt nicht erst jetzt. Die elf Gewählten, die gleich vor euch stehen, sind nicht die Superheld:innen, auf die Gäufelden und die Kirche immer gewartet haben. Die, die endlich das Ruder herumreißen, weil ja bisher alles nur schief gelaufen ist. Nein! Ihr alle seid schon lange--immer schon--Teil der großen Erneuerung.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich <em>mache</em> alles neu.</p>
<p>Vor zweitausend Jahren. Zum Seher Johannes. Er malt ein Zukunftsbild, von dem wir heute, zweitausend Jahre später, mit Sicherheit sagen können, dass der Weg dahin etwas länger ist, als Johannes sich das vermutlich vorgestellt hat. Und doch spricht Gott damals schon im Präsens. Siehe, ich <em>mache</em> alles neu.</p>
<p>Das Neuwerden liegt nicht in einer fernen Zukunft (und auch nicht in einer neuen KGR-Periode), sondern es hat schon begonnen, während wir hier unterwegs sind.</p>
<p>Weil Gott immer schon dabei ist,--seit er die Welt geschaffen hat--zum Heil der Menschen zu wirken. Weil er in Jesus, dem Messias, damals Mensch geworden ist und das Reich Gottes anbrach unter uns. Weil in der Aufweckung des Gekreuzigten das ewige Heilsreich Gottes seinen Anfang nahm. Ja, &quot;klein wie ein Senfkorn&quot;, sagt Jesus selbst. Aber seither wächst es &quot;zu einem großen Baum&quot;.</p>
<p>Auch wenn es manchmal noch ganz anders aussieht: Gottes Neuwerden geschieht nicht ohne Kreuz und Anfechtung. Gott macht neu, nicht indem er Leid überspringt, sondern indem er mitten hindurchgeht – durch Scheitern, Zweifel und das, was uns selbst unvollendet bleibt. Wo Gott Tränen abwischt, da ist er heute schon bei denen, die unter Ungerechtigkeit, Einsamkeit oder Armut leiden. Vielleicht ganz nah: bei denen, die sich hier im Ort abgehängt fühlen, bei denen, die still geworden sind, oder bei denen, die kaum noch jemand besucht. Dort beginnt sein Neuwerden oft zuerst.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich <em>mache</em> alles neu. Christ:innen sind immer schon Teil dieses Wegs. Unsere Hoffnung ist nicht nur ein vager Wunsch nach einer fernen Zukunft, sondern ein Wahrnehmen dessen, was auf uns zukommt. Der auf uns zukommt. Und der mitbringt, was Gott selbst für uns bereit hat. Wir werden es gleich singen: &quot;Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.&quot;</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich <em>mache</em> alles neu.</p>
<p>Das sind wunderbare Startbedingungen für die, die sich jetzt auf eine neue Periode einlassen. Ihr müsst &quot;es&quot; gar nicht &quot;reißen&quot;. Ihr startet nicht bei Null. Ihr steht nicht vor der riesigen (unlösbaren) Aufgabe, jetzt irgendwie in allem die Wende zu schaffen. Nein! Ihr reiht euch ein in die große Schar derer, die mit Gott unterwegs sind in der Erneuerung, die <em>er</em>macht*.*Seine Zukunft hat schon Gegenwartsform.</p>
<p>Gott sagt: Siehe, ich machealles neu.</p>
<p>Deshalb, drittens: Siehe.</p>
<p><em>Siehe</em>, ich machealles neu.</p>
<p>Siehe--das ist so ein Kirchenwort. Irgendwie gibt's das nur in der Lutherbibel. Kein Mensch sagt heutzutage &quot;siehe&quot; im Alltag. Man bekommt den Eindruck: So redet Gott halt. Irgendwie schafft der es nie, etwas zu sagen, ohne mit &quot;Siehe&quot; zu beginnen. &quot;Siehe&quot; klingt für uns wie eine Art himmlisches Anführungszeichen. Hört eigentlich noch jemand auf das Wort selbst?</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Liebe Kirchengemeinderät:innen, das ist vielleicht die kürzeste Definition eurer Aufgabe für die kommenden sechs Jahre. Es ist genau das, wozu ihr euch heute verpflichtet: &quot;<em>Im Aufsehen auf Jesus Christus</em>, den alleinigen Herrn der Kirche...&quot;. Wenn ihr euch eine Sache merken wollt, von heute, dann diese: Eure Aufgabe ist es gar nicht zuerst, zu <em>machen</em>. Eure Aufgabe ist, hinzuschauen. Zu sehen, zu entdecken, was Gott tut, der schon längst am Werk ist. Eure Aufgabe ist nicht, Türen und Fenster aufzureißen, sondern zu schauen, wo Gott Türen auftut und ihm dorthin zu folgen. Eure Aufgabe ist nicht, neue oder alte Aktivitäten zu betreiben, sondern zu schauen, was Gott tut und dabei mitzumachen. Eure Aufgabe ist es nicht, Traditionen zu pflegen, wie man es schon immer gemacht hat. Eure Aufgabe ist es auch nicht, alles anders zu machen. Eure Aufgabe ist es, zu sehen, was Gott macht. &quot;Was Christum treibet&quot;, würde Martin Luther sagen. Und dann zu sehen, wie ihr euch -- und unsere ganze Kirchengemeinde -- darin einbringen könnt. Denn dann --aber erst dann-- heißt Hinsehen auch, sich rufen zu lassen und Schritte gehen, die oft auch etwas kosten.</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Das muss sich jeder von uns immer wieder sagen lassen. Es gäbe ja auch so viel anderes zu sehen: Die Meinung der Leute. Das &quot;Erfolgsrezept&quot; irgendwelcher anderen Gemeinden. Den neuesten Artikel in irgendeiner schlauen Zeitschrift oder einen Post im Internet. Wenn wir darauf schauen, dann sind wir am Ende wie Schafe, die in den Penny-Markt rennen, statt ihrem Hirten zu folgen.</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Es ist immer gut, auf die Fakten zu schauen. Auf die Menschen. Auf die Zeichen der Zeit. Vielleicht sehen wir Gottes Spuren zuerst dort, wo Menschen sonst übersehen werden. Darum lohnt es sich, gerade auf diese Stimmen zu hören. Es ist gut, nichts davon aus dem Blick zu verlieren. Aber das Wichtigste ist, <em>ihn</em> nicht aus dem Blick zu verlieren! Wer ihm folgt in seiner Mission der Liebe zu den Menschen, der wird mit Sicherheit nicht auf Abwege geraten. Der ist zuversichtlich unterwegs in die Zukunft des Reiches Gottes.</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Vielleicht ist das am Ende die Pointe der ganzen Jahreslosung. Wie würdet ihr die denn zusammenfassen? Viele würden sagen: &quot;Alles neu.&quot; Das bleibt irgendwie hängen, am Ende des Satzes. Ich glaube, dass das Entscheidende vorne steht. &quot;Schaut!&quot;</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache...&quot; Fangen wir doch damit einfach mal an: im eigenen Leben, an unserem Ort, im KGR und eigentlich überall. &quot;Schaut! Seht doch: Gott macht...&quot;. Das &quot;alles neu&quot; kann man am Ende vielleicht noch gar nicht gut beschreiben. Schließlich ist es &quot;neu&quot; und nicht längst bekannt. Vielleicht wird es uns an vielen Stellen noch überraschen. Das können wir ja dann entdecken, wenn wir seinen Spuren folgen.</p>
<p>Hoffnung heißt nicht, dass wir das Neue immer schon sehen. Oft sehen wir zuerst das Alte, das Schwergewordene. Gerade dort hält Gott seine Verheißung offen – gegen den Augenschein.</p>
<p>&quot;Schaut!&quot;, sagt Gott. &quot;Seht doch: Ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Erneuerung beginnt nicht mit Machen, sondern mit Hinsehen auf das, was Gott schon tut.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung auf den Spuren Gottes</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Hier und Jetzt</title>
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        <pubDate>Wed, 31 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ein Jahr geht zu Ende. Vieles bleibt offen. Zwischen gestern und morgen stehen wir hier und jetzt. Was gibt uns Halt? Was trägt uns vorwärts? Am Schnittpunkt von Gestern und Morgen begegnet uns Christus an seinem Tisch.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Sie stehen da. Verunsichert. Ernüchtert.</p>
<p>So viel Ermahnung hatten sie nicht erwartet. Sie hätten sich mehr Ermutigung gewünscht. Jetzt. Mitten in der Krise.</p>
<p>Dass es mit dem Glauben nicht immer leicht werden würde, das wussten sie. Aber dass es so ernst wird – das hatten sie nicht gedacht. Manche müssen um Leib und Leben fürchten. Einfach nur, weil sie an Jesus, den Messias, glauben.</p>
<p>Ist es das wirklich wert?</p>
<p>Früher – da war ja nicht alles falsch. Damals, bevor sie Jesus als den Messias bekannten. Sie glaubten an Gott. Sie lebten nach seinen Geboten. So gut sie es konnten. Sie ehrten ihn – und ihn allein.</p>
<p>War das alles nichts wert?</p>
<p>Manche überlegen, ob es nicht einfacher wäre, zurückzugehen. Zu dem, was sie kennen. Zu dem, was sicherer war. Als das Leben überschaubarer war. Und ungefährlicher.</p>
<p>Ein Brief erreicht die Gemeinde. Mit Spannung wird er geöffnet. Werden sie hier Antworten finden?</p>
<p>Sie finden vor allem Ermahnung.</p>
<p>„Besser“ – das ist eines der großen Worte dieses Briefes. Jesus, der Messias, ist besser als alles andere. Wer ihn erkannt hat, kann nicht einfach zurück.</p>
<p>So viel Ermahnung hatten sie nicht erwartet. Und dann führt der Brief ihnen auch noch all die Glaubenden vor Augen, die vor ihnen gelebt haben. Eine lange Reihe von Namen. Von früher bis in ihre Gegenwart.</p>
<p>Wenn sie durchgehalten haben – dann könnt ihr das doch auch!</p>
<p>Haltet fest! Gebt den Glauben nicht auf!</p>
<p>Ja. Wenn das so einfach wäre.</p>
<p>Du stehst heute auch an so einer Stelle. Zwischen gestern und morgen. Da liegt ein Jahr hinter dir. Nicht nur Kalender. Auch Sätze, die du noch mit dir herumträgst. Dinge, die nicht gut wurden. Gespräche, die du aufgeschoben hast. Abschiede. Vielleicht auch Erleichterung. Und irgendwo in dir die Frage: Was nehme ich mit? Und was lasse ich endlich liegen?</p>
<p>Dazu kommen viele Stimmen. Von außen und von innen. Was du noch schaffen solltest. Was du falsch gemacht hast. Was andere erwarten. Was die Nachrichten dir zumuten. Und diese leise Angst: Wenn ich jetzt loslasse, falle ich.</p>
<p>Manchmal wirkt das Alte einfacher. Nicht unbedingt besser. Aber vertrauter. Du weißt, wie du darin funktionierst. Du kennst die Rollen. Du kennst die Wege. Und das Neue? Das kostet Mut. Das macht verletzlich. Wer Angst hat, sucht schnell den Rückwärtsgang.</p>
<p>Kennst du das? Dann ist dieser Text für dich. Denn mitten hinein in diese Lage spricht ein kurzer Satz aus dem Hebräerbrief, ganz am Ende, im 13. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, war gestern derselbe. Er ist heute noch der Gleiche. Und er bleibt gleich für immer. Lasst euch nicht von vielen fremden Stimmen und Meinungen verwirren. Es ist gut, wenn das Herz durch Gnade festen Halt bekommt. (Hebräer 13,8–9; von mir in einfacher Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Gestern. Heute. Und für immer.</p>
<p>Gestern. Heute. Und für immer.</p>
<ol start="31">
<li>
<p>Dezember. Du schaust zurück. Nicht nur auf Termine. Auf all das, was dieses Jahr von dir verlangt hat. Auf Monate, in denen du funktioniert hast. In denen du da warst für andere. In denen du dich gekümmert hast. In der Familie. Im Beruf. In der Nachbarschaft. Auf Nachrichten, die dich müde gemacht haben. Krieg. Bilder von Zerstörung. Menschen auf der Flucht. Kein Frieden in Sicht. Und das Gefühl: Es hört einfach nicht auf. Auf Diskussionen, die härter geworden sind. Worte, die verletzen. Fronten, die sich verhärten. Rechtsextreme Parolen, die plötzlich laut werden. Auch hier. Auch bei uns. Auf Sorgen um den Arbeitsplatz. Um die eigene Existenz. Steigende Preise. Unsichere Perspektiven. Die Frage: Reicht das noch? Trägt das noch? Auf die Klimakrise, die nicht verschwindet. Hitzesommer. Hochwasser. Dürren. Und das nagende Gefühl, dass wir zu langsam sind. Dass vieles schon zu spät sein könnte. Und mittendrin dein eigenes Leben. Krankheiten. Abschiede. Konflikte, die nicht gelöst wurden. Gespräche, die du aufgeschoben hast. Entscheidungen, die vertagt wurden. Manches hast du geschafft. Manches ist liegen geblieben. Und manches hängt dir immer noch nach. Du merkst: Da ist Müdigkeit. Tief. Nicht nur im Körper. Auch im Inneren.</p>
</li>
<li>
<p>Dezember. Zum Jahreswechsel schaust du nach vorne. Nicht weit. Aber weit genug, um ein Ziehen im Bauch zu spüren. Was kommt da auf uns zu? Politisch. Gesellschaftlich. Persönlich. Werden die Kriege weiter eskalieren? Wird der Frieden noch weiter in die Ferne rücken? Wie stabil bleibt unsere Demokratie? Wie laut werden die, die einfache Antworten versprechen und Menschen gegeneinander ausspielen? Was passiert mit unserer Welt? Mit dem Klima? Mit der Schöpfung? Mit den Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkelkinder? Und ganz nah: Wie geht es weiter mit deiner Arbeit? Mit deiner Gesundheit? Mit den Menschen, für die du Verantwortung trägst? Was wird von dir erwartet? Was kannst du leisten? Und wo sind deine Grenzen? Die Zukunft fühlt sich nicht leer an. Sie fühlt sich voll an. Zu voll. Mit Fragen. Mit Sorgen. Mit Unsicherheit.</p>
</li>
<li>
<p>Dezember. Hier und jetzt. Du stehst da. Zwischen dem, was war. Und dem, was kommt. Du hältst fest. An Bekanntem. An Routinen. An dem, was sich wenigstens vertraut anfühlt. Nicht nur, weil es gut ist. Sondern weil Loslassen Angst macht. Und weitergehen? Das fühlt sich gerade genauso schwer an. Weil du nicht weißt, wohin. Und ob du gehalten wirst. Du bist mittendrin. Zwischen Erschöpfung und Sorge. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mittendrin. Und weißt gerade nicht, wie der nächste Schritt aussehen soll.</p>
</li>
</ol>
<p>Gestern. Heute. Und für immer.</p>
<p>Gestern. Heute. Und für immer.</p>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, war gestern derselbe. Er ist heute noch der Gleiche. Und er bleibt gleich für immer.</p>
</blockquote>
<p>Das klingt so einfach! Fast wie ein frommer Merksatz: &quot;Gestern Jesus. Heute Jesus. Morgen immer noch derselbe Jesus. Er ist der Einzige, den du brauchst.&quot;</p>
<ol start="31">
<li>Dezember. Der 365. Tag in diesem Jahr, an dem er dabei ist. Nicht spektakulär. Nicht laut. Aber verlässlich. Immanuel. Gott mit uns. Mitten in all dem, was dich müde gemacht hat. In den Tagen, an denen du funktioniert hast. In den Nächten, in denen du wach gelegen bist. In den Momenten, in denen du gezweifelt hast, ob das alles noch Sinn hat. Er war da. Nicht als Erklärung. Nicht als schnelle Lösung. Sondern als Gegenwart. Als einer, der bleibt. Der nicht gegangen ist, als es anstrengend wurde. Der nicht aufgehört hat, mitzugehen, als die Welt unübersichtlich wurde.</li>
</ol>
<p>Jesus, der Messias, war gestern derselbe.</p>
<p>Gestern – das ist mehr als dieses eine Jahr.</p>
<p>Gestern – das ist dein ganzes Leben.</p>
<p>Seit du denken kannst, war er dabei. In den Tagen, an die du dich erinnerst. Und in denen, die dir entfallen sind. In den hellen Momenten. Und in denen, die du lieber vergessen würdest. Jesus, der Messias, war da. Nicht erst, als du an ihn gedacht hast. Sondern auch dann, als du ihn aus dem Blick verloren hast.</p>
<p>Gestern – das reicht noch weiter zurück.</p>
<p>Zurück zu dem Tag, an dem dir ein Versprechen zugesagt wurde. In der Taufe. Vielleicht kannst du dich nicht erinnern. Aber Gott erinnert sich. Da wurde dein Name genannt. Da wurde dir zugesagt: Du gehörst dazu. Dein Leben steht unter einem guten Wort. Unter einer Treue, die nicht von deiner Stärke abhängt.</p>
<p>Gestern – das reicht weiter als dein eigenes Leben.</p>
<p>Zurück zu dem Punkt, an dem Gott selbst sich auf den Weg gemacht hat. Als er Mensch wurde. Verwundbar. Angreifbar. Sterblich. In Jesus, dem Messias. Er ist den Weg gegangen, vor dem wir Angst haben. Bis ans Kreuz. Und Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Auferweckt. Ins Leben gerufen. Für uns. Für diese Welt.</p>
<p>Gestern – das reicht bis an den Anfang von allem.</p>
<p>Zurück zur Schöpfung. Zu dem ersten Atemzug. Zu dem Moment, in dem Gott gesagt hat: Es ist gut. Dein Leben ist kein Zufall. Diese Welt ist kein Versehen. Alles steht seitdem in Gottes Hand.</p>
<p>Gestern.</p>
<p>Meine Zeit steht in deinen Händen.</p>
<p>Gestern. Heute. Und morgen.</p>
<p>Morgen – das ist zunächst einmal ganz konkret. Der Januar 2026. Ein neues Jahr. Mit einem Kalender, der sich füllt. Mit Aufgaben, die warten. Mit Nachrichten, die kommen werden. Mit Entscheidungen, die anstehen. Morgen ist dein Alltag. Deine Arbeit. Deine Familie. Deine Verantwortung. Deine Grenzen. Morgen ist diese Welt, wie sie ist. Unruhig. Gefährdet. Angefochten. Und genau deshalb fühlt sich dieses Morgen für viele nicht leicht an. Eher wie eine Strecke, die man erst einmal aushalten muss.</p>
<p>Aber dieses Morgen ist nicht ohne Christus. Es läuft nicht auf eine hoffnungslose Dystopie zu. Es ist kein Weg ins Leere.</p>
<p>Denn dieses Morgen steht unter einer größeren Verheißung. Unter Gottes Zusage: &quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot; Nicht irgendwann jenseits der Zeit. Sondern als Ziel, auf das diese Welt zugeht. Das Reich Gottes ist nicht Fluchtpunkt aus der Geschichte. Es ist ihre Zukunft. Morgen hat eigentlich schon gestern begonnen -- an dem Morgen aller Morgen: am Ostermorgen. Seit Gott seinen Messias vom Tod auferweckt hat, leben wir im Licht des anbrechenden Reiches Gottes. Sein Gestern sichert dein Morgen. Auch wenn es unsicher bleibt, was noch alles kommt, ist doch schon ganz gewiss, wer auf uns zukommt.</p>
<p>Darum ist auch das kommende Jahr mehr als nur eine Abfolge von Tagen. Es ist Zeit, die Gott sich nicht hat nehmen lassen. Zeit, in der Christus derselbe bleibt. Zeit, in der Hoffnung wachsen darf – nicht aus Verdrängung, sondern aus Vertrauen.</p>
<p>Wir wissen nicht, wie dieses Jahr wird. Aber wir wissen, worauf es zugeht. Nicht auf den Untergang. Sondern auf die Fülle dessen, was Gott verheißen hat. Auf die Zeit, in der Gott alles in allem sein wird.</p>
<p>Dieses große Morgen Gottes nimmt dem kleinen Morgen nicht die Mühe. Aber es nimmt ihm die Aussichtslosigkeit. &quot;Die Zukunft ist sein Land.&quot; Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Meine Zeit steht in deinen Händen.</p>
<p>Gestern. Morgen. Und heute.</p>
<p>Heute. 31. Dezember. Hier und jetzt. Da stehst du nun. Am Ankerpunkt. Da, wo sich Vergangenheit und Zukunft berühren. Du stehst mitten drin. Mit Hoffnung im Herzen. Und doch zaghaft und fragend. Wird die Brücke halten? Wird die Hoffnung tragen? Zögernd hebst du den Fuß. Tastest dich vor. Wie gerne wärst du stark und mutig. Unberührt von den Stimmen um dich. Von den Meinungen. Von den Zukunftsängsten der anderen. Aber das bist du nicht. Du bist dem ausgesetzt. Und du hast nur heute. Nur hier und jetzt.</p>
<p>Heute. 31. Dezember. Jesus, der Messias. Der Retter des Gestern. Am Kreuz gestorben für dich. Von Gott vom Tod auferweckt. Jesus, der Messias, Begleiter und Träger deines Gestern, deines ganzen Lebens. Jesus, der Messias, er kommt dir entgegen aus Gottes Morgen. Aus der Zukunft, auf die es sich zu hoffen lohnt. Und er trifft dich hier. Jetzt. Wo denn sonst?</p>
<p>Heute. 31. Dezember. Hier und jetzt steht ein Tisch. Jesus, der Messias, ist selbst der, der dich einlädt.</p>
<p>Es ist gut, wenn das Herz durch Gnade festen Halt bekommt.</p>
<p>Den Frieden für dein zitterndes Herz kannst du nicht machen. Du kannst ihn dir nicht selbst zusprechen. Du kannst ihn dir nicht gegenseitig zuschieben.</p>
<p>Den Frieden für dein zitterndes Herz kannst du dir nur schenken lassen. Gnade. Ein Geschenk von ihm.</p>
<p>Dazu ist er hier. Dazu steht dieser Tisch hier. Heute.</p>
<p>Und Jesus, der Messias, steht am Tisch. Er kommt zu dir. Kommt er? Ist er nicht immer da gewesen?</p>
<p>Gestern. Heute. Und für immer.</p>
<p>Hier steht der Gekreuzigte. Für dich gestorben.</p>
<p>Hier steht der, durch den Gott jede noch so gottlose Ecke des Daseins füllt.</p>
<p>Hier steht der Auferstandene. Der Anfang des neuen Lebens.</p>
<p>Hier steht der Herr deiner Zukunft. Der Vollender all dessen, was Gott versprochen hat.</p>
<p>Hier steht dein Gastgeber. Dein Freund. Dein Begleiter.</p>
<p>Wenn du hier Brot und Traubensaft empfängst, nimmst du aus seiner Hand Leben und Gnade.</p>
<p>Damit dein Herz festen Halt bekommt.</p>
<p>Du musst nicht selbst furchtlos in die Zukunft gehen. Nur hierher. An seinen Tisch. Wo er selbst dir begegnet.</p>
<p>Wenn du dann weitergehst, dann zittern dir vielleicht immer noch die Knie.</p>
<p>Du hebst den Fuß. Du wagst den Schritt. Du weißt, wer mit dir geht.</p>
<p>Egal, was kommt: Er ist derselbe. Auf ihn kannst du dich immer verlassen.</p>
<p>Gestern. Heute. Und an jedem neuen Morgen wieder.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ein Jahr geht zu Ende. Vieles bleibt offen. Zwischen gestern und morgen stehen wir hier und jetzt. Was gibt uns Halt? Was trägt uns vorwärts? Am Schnittpunkt von Gestern und Morgen begegnet uns Christus an seinem Tisch.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gnade, die Halt gibt</itunes:subtitle>
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        <title>Mitbewohner</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/mitbewohner/</link>
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        <pubDate>Wed, 24 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Weihnachten ist mehr als ein kurzer Besuch: Gott kommt und bleibt – mitten in unserem Leben. Ein neuer Mitbewohner, der alles verändert.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>&quot;Pst! Sie schläft noch.&quot; Pia ist ganz aufgeregt. Vor ein paar Monaten ist Emma, ihre zweite Schwester, nun auch zum Studieren weggezogen. Pia vermisst die beiden Großen ganz schön. Aber jetzt ist ja Weihnachten und alle kommen nach Hause. Super! Pia freut sich total. Nur kommt Emmas Zug so spät abends an, dass Pia schon schläft, als sie nach Hause kommt. Das ist schon enttäuschend! Dafür ist Pia dann aber ganz früh morgens wach. Wo ist denn jetzt Emma? Wie, die schläft noch? Wann sehe ich sie denn endlich? ...</p>
<p>Geliebte Gottes, hört, aus dem Buch des Propheten Ezechiel, aus dem 37. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Mein Diener David ist König über mein Volk. Alle haben einen Hirten. Die Menschen hören auf mich. Sie halten meine Gebote. Sie leben danach. Sie wohnen in dem Land, das ich ihnen gegeben habe. Schon ihre Vorfahren haben dort gelebt. Sie bleiben dort. Ihre Kinder und Enkelkinder auch. David ist ihr König. Er bleibt es für immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich schließe einen Bund mit ihnen. Es ist ein Bund des Friedens. Dieser Bund gilt für immer. Ich gebe ihnen festen Halt. Ich lasse sie wachsen. Meine heilige Wohnung ist mitten unter ihnen. Sie bleibt dort für immer. Ich wohne bei ihnen. Ich bin ihr Gott. Sie sind mein Volk. Dann sehen alle Völker: Ich bin der HERR. Ich mache mein Volk heilig. Meine heilige Wohnung ist für immer mitten unter ihnen. (Ezechiel 37,24-28; von mir in leichte Sprache übertragen).</p>
</blockquote>
<p>Wann kommt er denn endlich? Die Hoffnung ist so alt, wie die Worte, aus denen sie stammt. Zur Zeit des ersten Weihnachten, als Jesus in Bethlehem geboren wird, sind das schon einige hundert Jahre. Die Spannung ist längst kaum mehr auszuhalten. Die Erwartung ist ins unermessliche gestiegen--oder bei manchen längst verloren gegangen.</p>
<p>Wann kommt er denn endlich? Die Worte des alten Prophetenbuchs stammen aus einer anderen Zeit. Es gab einmal Könige in Israel, wissen sie noch. Lange ist es her, da war das Land unabhängig und geeint unter dem legendären König David. Anschließend, so meinen viele, ging es eigentlich nur noch abwärts. Spaltung im eigenen Land, dann die vielen Kriege. Übermächtige Feinde, die immer mehr Land und Kontrolle an sich reißen. Und dann: Das ganz große Trauma: Invasion. Eroberung. Exil. Gefangenschaft weit weg von zu Hause. Die Heimat, die Städte, die Häuser -- zerstört. Und mit ihnen, das ist vielleicht das Schlimmste, auch der Tempel. Die Wohnung Gottes bei seinem Volk. Daran hatte man sich immer festgehalten: Gott ist da. Er ist bei uns. Auf ihn kann man sich verlassen. Und jetzt? Gott ist weg. So hat sich das angefühlt. Allein. Im Stich gelassen. Keine Hoffnung mehr.</p>
<p>Ezechiel ist nur einer der vielen, die davon reden und schreiben. Aber am Ende seines Buchs ändern sich die Texte plötzlich. Das Blatt beginnt sich zu wenden. Es gibt wieder Hoffnung. Erwartung, die bis ins Unendliche steigen wird. Gott kommt zurück, sagt der Prophet. Er wird wieder bei euch sein. Er wird euch zurückgeben, was euch jetzt fehlt.</p>
<p>Wann kommt er denn endlich?</p>
<p>Damals hat man diese Worte durchaus politisch gelesen. Man hat sich die Rückkehr der Unabhängigkeit gewünscht, ein neues, geeintes Reich unter einem davidischen König. Sicherheit, Wachstum und Blüte, gesicherter Friede, Wohlstand. &quot;Schalom&quot; heißt das auf Hebräisch dann.</p>
<p>Wann kommt er denn endlich?</p>
<p>Das kennen wir doch auch! Was steht auf deinem Wunschzettel der großen Hoffnungen? Frieden vielleicht. In der Ukraine. Im Nahen Osten. Im Sudan. Überall, wo es brodelt auf dieser Welt. Friede, auch dort wo die Spannungen steigen. Friede, gesicherter Friede, auch bleibend hier bei uns. Einen sicheren Arbeitsplatz wünschen sich die einen. Und eine sichere Rente für die Zukunft. Eine stabile Regierung. Klarheit in den großen Fragen. Sichtbare Fortschritte in der Bewahrung der Schöpfung, des Klimas, unserer Mitwelt. Ein Ende der Ungerechtigkeit. Kein Grund zur Flucht mehr. Heimat für die, die ihr Zuhause verlassen mussten. Gerechtigkeit für die Opfer von Gewalt. Schutz für die Wehrlosen. Nähe für die Einsamen. Heilung für die Kranken. Die Wunschliste ist lang, fast unaufhörlich. Die Sehnsucht unendlich groß.</p>
<p>Wann kommt er denn endlich? Wann passiert denn etwas?</p>
<blockquote>
<p>Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. (Lukas 2,10b-11)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Er ist da!&quot;, sagt der Weihnachtsengel. Er ist gekommen--die Antwort auf alle eure Gebete. Die Erfüllung eurer Sehnsüchte. Das Ziel eurer Hoffnungen. Jetzt ist er gekommen.</p>
<p>Halleluja! Endlich!</p>
<p>&quot;Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.&quot;</p>
<p>Äh...</p>
<p>Moment mal?</p>
<p>Ein Kind? In einer Krippe?</p>
<p>Damit hatten wir nicht gerechnet. Das ist nicht das, was wir erwartet haben.</p>
<p>Das ist nicht das, was...</p>
<p>Wir blättern zurück zu den alten Worten. Wie war die Verheißung noch einmal genau?</p>
<p>In den Zeilen des alten Propheten entdecken wir, dass wir vielleicht zu oberflächlich gelesen haben. Dass Gottes Versprechen noch viel tiefer geht, als wir das dachten. Da geht es nicht nur um politische und gesellschaftliche Strukturen. Da geht es nicht um die Wiederherstellung von alter Größe. Da geht es um eine grundsätzliche Neuordnung der Beziehung Gottes zu den Menschen. &quot;Meine heilige Wohnung ist mitten unter ihnen.&quot; Gott lässt sich nicht mehr in einem zentralen Heiligtum verorten. Er will nicht mehr nur in religiösen Riten und Institutionen präsent sein. &quot;Ich wohne bei ihnen.&quot; Er zieht direkt bei den Menschen ein. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Stell dir vor, du kommst nach diesem schönen Weihnachtsgottesdienst nach Hause. Im Wohnzimmer leuchtet der Weihnachtsbaum. Die Päckchen warten. Gleich wird es gutes Essen geben und einen schönen Abend mit der Familie. Du schließt die Haustür auf. Du trittst ins Wohnzimmer. Gott hat die Füße auf dem Sofa hochgelegt. Ein Glas Wein steht neben ihm. Ein gutes Buch hat er in der Hand. &quot;Schön, dass ihr kommt!&quot;, sagt er. &quot;Ich habe auf euch gewartet.&quot; Ein Mitbewohner.</p>
<p>Stell dir vor, du kommst aus der hell erleuchteten Kirche heim, in deine einsame Wohnung. Still ist sie geworden, seit die Kinder aus dem Haus sind. Seit der Partner, die Partnerin nicht mehr da ist. Still. Und leer. Aber nicht heute Abend. Du blinzelst, als du ins Warme, Helle trittst. Aus der Küche duftet es verlockend. &quot;Du kommst genau richtig&quot;, sagt Jesus. &quot;Setz dich doch schonmal an den Tisch. Das Essen ist gleich fertig.&quot; Ein Mitbewohner.</p>
<p>Vielleicht bist du auch einfach nur genervt von dem ganzen Weihnachten. Alle tun so, als wäre alles gut. Alle erwarten, dass du dich freust. Aber in dir ist vieles durcheinander. Fragen ohne Antwort. Druck. Unsicherheit. Vielleicht auch Wut. Oder Leere. Du ziehst dich zurück auf dein Zimmer. Kopfhörer auf. Handy in der Hand. Bloß keine großen Gespräche. Bloß keine frommen Worte. Du machst die Tür zu. Und merkst: Du bist nicht allein. Jesus sitzt da. Nicht predigend. Nicht belehrend. Einfach da. „Ich weiß“, sagt er. „Du musst gerade nichts erklären. Du musst nichts fühlen, was du nicht fühlst. Ich halte das mit dir aus.“ Ein Mitbewohner.</p>
<p>Gott wohnt besonders dort, wo Leben schwer geworden ist. Nicht nur bei den Perfekten, sondern bei allen, die leben. Gott wohnt zuerst dort, wo Menschen keinen Halt mehr finden.</p>
<p>&quot;Ich wohne bei ihnen. Ich bin ihr Gott. Sie sind mein Volk.&quot;</p>
<p>Wahrscheinlich ist das genau das, was wir am dringendsten brauchen. Vielleicht haben wir das nur nicht gewusst.</p>
<p>Ein Mitbewohner.</p>
<p>Kein Gast, wohlgemerkt. Niemand, für den du etwas darstellen musst. Ständig putzen, gut kochen, dein bestes Verhalten zeigen. Gott kommt nicht für die Harmonie am Weihnachtsabend. Er kommt als Mitbewohner des echten Lebens. Wo du die Haare runterlässt. Wo du im Schlafanzug rumgammelst und die Socken rumliegen lässt. Wo du im Stress bist und statt guter Küche nur schnell was Ungesundes reinschiebst. Mitten im ganz normalen Alltagswahnsinn. Genau dort beginnt Gottes Geschichte mit uns: Ein Mitbewohner.</p>
<p>Er kommt als Mitbewohner dahin, wo sonst keiner hinkommt. Oder wo andere nicht bleiben wollen. Wo Beziehungen nur auf Zeit halten. Wo Unterstützung irgendwann endet. Wo Nähe an Bedingungen geknüpft wird. Oder wo einfach niemand mehr da ist, mit dem man das Leben teilen kann. Gott nimmt auf deinem Sofa Platz. Gott ist bereit dein Leben zu teilen -- auch wenn es unaufgeräumt und planlos ist. Oder einsam und leer. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Gott braucht kein Heiligtum, um dort zu wohnen. Er sucht sich nicht nur die guten Plätze aus. Er wohnt in dem, was da ist. In Familien im Trubel, bei Menschen die allein sind. Er sitzt auf der Eckbank, wo sonst immer jemand gefehlt hat. Er kommt in Wohnungen voller Erinnerungen. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Gott kommt und wohnt bei uns. Er ist verlässlich anwesend. Nicht aufdringlich. Es gibt ja Menschen, mit denen würde man nicht zusammen wohnen wollen. Gott redet nicht ständig auf dich ein. Gott weiß nicht immer alles besser und erklärt dir die Welt. Gott drängt sich nicht auf. Er ist da: leise, treu und nah. Eine Nähe, die nicht fordert. Ein Dasein, das nicht bewertet. Eine Gegenwart, die trägt. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Gott kommt. Und wohnt. Und bleibt. Ein Gast ist auf Zeit da. Gott immer. Raum und Zeit, Alltag und Sorgen, teilt er mit dir. Deine dunklen Nächte. Deine Hoffnungen. Deine großen Momente. Gott ist da. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Und Gott verändert den Raum. Er räumt nicht gleich die Möbel um. Aber man beginnt zu sehen, dass er hier wohnt. Dinge bekommen einen neuen Platz. Manches wird heller. Anderes muss neu sortiert werden. Neue Erinnerungen kommen zu den alten dazu. In Abschieden und Neuanfängen, in Umbrüchen und Veränderungen, die du dir nicht ausgesucht hast--Gott ist da. Seine Gegenwart verändert das Leben langsam von innen. Nicht sofort. Nicht laut. Aber dauerhaft. Ein Mitbewohner.</p>
<p>Kein Bild reicht ganz--aber dieses trägt uns heute: Ein Mitbewohner.</p>
<p><em>Mein</em>Mitbewohner.</p>
<blockquote>
<p>Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.</p>
</blockquote>
<p>So ist es: So wohnt Gott bei uns: in Jesus Christus.</p>
<p>Die Welt wird sich nicht über Nacht verändern. Und doch hat sich in dieser Nacht alles verändert. Gott ist da. Er wohnt bei uns.</p>
<p>Vielleicht sieht morgen früh noch alles aus wie gestern. Die gleichen Sorgen. Die gleichen Fragen. Die gleichen Räume. Aber du gehst nicht mehr allein hinein.</p>
<p>Gott bleibt. Er wohnt bei dir. Nicht, weil du es richtig machst, sondern weil Gott es so will.</p>
<p>Gott bleibt. Er wohnt bei dir. Und weil Gott bei dir wohnt, ist deine Zukunft nicht mehr leer.</p>
<p>Dein Zuhause muss kein Heiligtum werden. Es ist es schon. Weil Gott dort wohnt. Und wo Gott wohnt, wird die Welt selbst zum Raum des Lebens.</p>
<p>„Ich wohne bei ihnen“, sagt Gott. „Sie sind mein Volk.“</p>
<p>Das ist die große Freude dieser Nacht. Heute. Für dich.</p>
<p>Das darfst du feiern. Mit uns. Und mit Gott, deinem Mitbewohner.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Weihnachten ist mehr als ein kurzer Besuch: Gott kommt und bleibt – mitten in unserem Leben. Ein neuer Mitbewohner, der alles verändert.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wenn Gott kommt und bleibt</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Ja und Amen</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/ja-und-amen/</link>
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        <pubDate>Sun, 21 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Hält Gott seine Versprechen – oder sind sie längst verblasst? Mitten in einer müde gewordenen Hoffnung, zwischen alten Verheißungen und neuen Fragen, hören wir auf Paulus und auf Maria. Nicht alles wird gut. Die Krisen bleiben. Und doch sagt Gott in Jesus sein klares Ja.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes, hört, aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem ersten Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Auf Gott kann man sich verlassen. Darum ist das, was wir euch sagen, nicht mal Ja und mal Nein. Denn wir haben euch von Jesus erzählt. Von Jesus, dem Messias, dem Sohn Gottes. Silvanus, Timotheus und ich. Jesus, der Messias, ist nicht mal Ja und mal Nein. Er <em>ist</em>Gottes Ja. In Jesus sagt Gott zu allen seinen Versprechen: Ja. Darum antworten wir: Amen. Das heißt: Ja, so ist es. So ehren wir Gott. Jesus, der Messias, ist von Gott beauftragt. In ihm gibt Gott uns und euch Halt. Und in ihm gibt Gott auch uns diesen Auftrag. Gott hat ein Zeichen gesetzt: Wir gehören zu ihm. Gott hat uns jetzt schon seine Geistkraft gegeben. Er ist in unseren Herzen. Das zeigt: Gott wird sein Versprechen erfüllen. (2. Korinther 1,18-22; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Die Hoffnung ist alt. Ganz abgewetzt ist sie schon. Abgenutzt. Immer und immer wieder hervorgeholt. Zitiert. Weitererzählt. Zärtlich gestreichelt in schweren Zeiten. Die Hoffnung ist alt wie die Versprechen von denen sie lebt. Lange ist es her, dass die Prophet:innen geredet haben. Lange hat man keine Worte mehr von Gott gehört. Nur die alten immer wiederverwendet. Jeder kann sie auswendig. Aber tragen sie noch?</p>
<p>Die Hoffnung ist leiser geworden. Zu oft hat man davon geredet. Zu oft hat man gewartet. Hat die Zeichen der Zeit zu lesen versucht. Ist es das? Jetzt? Geschieht es jetzt? Passiert endlich etwas? Zu oft ist man enttäuscht worden. Manche haben die Hoffnung längst begraben.</p>
<p>Vielleicht liegt diese Müdigkeit nicht nur an der Welt um uns herum. Vielleicht auch daran, dass wir uns selbst immer wieder tragen wollen – und daran scheitern. Vielleicht liegt unsere Erschöpfung nicht nur an den Umständen. Vielleicht auch daran, dass wir uns selbst Halt geben wollen – und merken, dass wir das nicht können.</p>
<p>Gott schaut die Niedrigen an. Die, die übersehen werden. Die, die klein gemacht werden.</p>
<p>Gott stößt die Mächtigen vom Thron. Die, die sich groß fühlen. Die, die meinen, alles im Griff zu haben.</p>
<p>Gott richtet die auf, die am Boden liegen. Er macht Mut. Er gibt Würde zurück.</p>
<p>Gott füllt die Hungrigen mit Gutem. Die, denen etwas fehlt. Brot. Gerechtigkeit. Zukunft.</p>
<p>Und die Reichen? Die, die genug haben und nichts teilen wollen? Die gehen leer aus.</p>
<p>Gott vergisst sein Volk nicht. Er hält fest an seinem Versprechen. So hat er es Abraham zugesagt. So hat er es seinen Kindern versprochen.</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>Oder hat er uns längst vergessen?</p>
<p>Wie mag das wohl gewesen sein, für ein junges Mädchen aus Nazaret? Ein Kind noch, in unseren Augen, kaum ein Teenager. Damals schon auf der Schwelle zum Erwachsensein. Bald würde sie heiraten, ausziehen aus dem Elternhaus, hinein in die Großfamilie des Mannes, den die Eltern für sie ausgesucht hatten. Für uns ein erschreckender Gedanke, für sie damals--ein wenig Halt, Gewissheit in einer sonst ungewissen Zeit?</p>
<p>Ein Dorf. Eine einfache Familie. Arm. Ohne Einfluss. Ohne Stimme. Die Welt um sie herum ist hart. Die Römer herrschen. Die Steuern drücken. Viele haben zu wenig. Manche haben gar nichts. Gott? Von ihm hört man nur noch in alten Geschichten. Aus der Schrift. Aus den Liedern. Aus den Gebeten der Älteren. Die großen Versprechen klingen fern: Befreiung. Gerechtigkeit. Frieden. Sie gehören eher zur verklärten Vergangenheit. Nicht zum Alltag eines Mädchens aus Nazaret. Maria wartet nicht auf ein Wunder. Sie rechnet nicht mit einer großen Wende. Sie lebt ihr Leben, still und unauffällig.</p>
<p>Maria steht für viele. Für Frauen damals. Und für viele Menschen bis heute, deren Leben von anderen bestimmt wird.</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>Da ist eine, die arbeitet viel. Sie sorgt für andere. Für Kinder. Für Eltern. Für Menschen, die Hilfe brauchen. Sie funktioniert. Tag für Tag. Früher hat sie geglaubt, dass es einmal leichter wird. Dass Treue sich lohnt. Dass Gerechtigkeit wächst. Heute ist sie sich nicht mehr sicher.</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>Da ist einer, der hat sein Leben lang gearbeitet. Er hat getan, was man von ihm erwartet hat. Pflicht. Verantwortung. Durchhalten. Jetzt ist vieles anders. Der Körper macht nicht mehr mit. Der Alltag ist stiller geworden. Und die Frage taucht auf, die lange keinen Platz hatte: War das alles?</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>Da ist jemand, der morgens Nachrichten hört und abends nicht mehr abschalten kann. Kriege. Hass. Zerstörung. Die Welt wirkt aus den Fugen. Frieden. Gerechtigkeit. Bewahrung der Schöpfung. Das klang einmal nach großen Hoffnungen. Heute klingt es wie eine ferne Sprache aus einer anderen Zeit.</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>Da ist eine junge Person. Am Anfang des Lebens. Mit vielen Möglichkeiten. Und vielen Ängsten. Was wird tragen? Was bleibt? Worauf kann man bauen? Von Gott hat sie gehört. Irgendwann. Vielleicht in der Schule. Vielleicht bei einer Taufe. Aber ob das heute noch etwas bedeutet?</p>
<p>Hält Gott seine Versprechen? Weiß er noch davon? Denkt er noch an uns?</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen&quot;, schreibt Paulus nach Korinth.</p>
<p>Da ist nicht &quot;mal ja, mal nein.&quot;</p>
<p>„Auf Gott kann man sich verlassen“, schreibt Paulus. Da ist kein Zögern. Kein Vielleicht. Kein Schweigen Gottes. Und Paulus schreibt das nicht aus einer heilen Welt heraus. Auch in Korinth gibt es Streit, Enttäuschung und Misstrauen. Auch dort fragen Menschen: Kann man diesem Gott wirklich trauen?</p>
<p>Paulus antwortet nicht mit Erklärungen. Nicht mit Beweisen. Er zeigt auf eine Person. Auf Jesus. Jesus ist Gottes Ja. Nicht ein Teil der Antwort. Nicht ein neuer Versuch. Sondern Gottes klares Ja zu all seinen Versprechen. Zu den alten Worten. Zu Maria. Zu den Wartenden. Zu den Müden. Zu denen, die kaum noch hoffen. In Jesus sagt Gott: Ich stehe zu dem, was ich versprochen habe. Ich nehme es nicht zurück. Ich lasse es nicht fallen.</p>
<p>Jesus ist Gottes Ja. Dieses Ja sagt nicht nur etwas über Gott. Es sagt auch etwas Neues über uns – wer wir sind und wozu wir leben.</p>
<p>Du scheinst zu zweifeln: Das alles in einem Kind? In diesem kleinen Kind--von dem Mädchen aus Nazaret? In der Krippe an Weihnachten?</p>
<p>Maria würde sagen: Genau darin liegt der Clou. Gott zeigt, dass er es ernst mit uns meint. Dass er nicht nur allgemein redet: in großen politischen Phrasen. Ohne konkrete Auswirkungen. Nein! Er kommt gerade zu den Bedürftigen. Er kommt zu denen, die klein und machtlos sind. Wenn es Hoffnung auf Veränderung gibt, dann liegt sie genau in diesem kleinen Jesus. &quot;Immanuel&quot;. Gott mit uns. Mit uns. Auch wenn wir uns klein und hilflos fühlen. Mit uns. Und mit den vielen, die noch viel ärmer dran sind als wir.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Jesus, der Messias, das Kind aus der Krippe, ist selbst Gottes &quot;Ja&quot;. Unüberhörbar: &quot;Ja&quot;. Unumgänglich: &quot;Ja.&quot; Immer und überall: &quot;Ja.&quot;</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Das tun wir dann. Auch wenn sich die Krise nicht auf einen Schlag auflöst. Die Römer sind ja nicht plötzlich aus Marias Land verschwunden. Es hat nicht Geld vom Himmel geregnet, um die Armut zu beenden. Der Krisenmodus begleitet die Menschheit bis heute. Wir sind doch mittendrin! Das ist die Herausforderung dieses &quot;Advent&quot;, in dem wir auch heute noch stehen: Das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, ist mit ihm zu uns gekommen. Und doch ist es nicht in Fülle da. Das auszuhalten bereitet uns ganz viel Mühe! Wir müssen es immer wieder hören:</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Daran halten wir uns fest.</p>
<p>&quot;Amen.&quot;, sagen wir, schreibt Paulus. &quot;Amen.&quot; &quot;So ist es.&quot; Wir sind gewiss, auch in ungewissen Zeiten. Wir schauen auf Jesus. Wir haben Hoffnung. Diese Hoffnung machen wir nicht selbst. Sie kommt zu uns. Gott spricht sie uns zu – gegen alles, was dagegen spricht. Wir halten uns an ihm fest. Fester Halt. Auch wenn alle anderen Gewissheiten schwanken.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Wir haben Hoffnung. Wir haben Jesus.</p>
<p>Und Jesus hat uns:</p>
<p>In den deutschen Übersetzungen hört man es kaum heraus, dass da das gleiche Wort verwendet wird für Jesus, den &quot;Christus&quot;, den Messias -- und für das, was Gott durch ihn mit uns macht. Ich habe den Text hier so übersetzt, damit das hörbarer wird:</p>
<p>&quot;Jesus, der Messias, ist von Gott beauftragt. ... Und in ihm gibt Gott auch uns diesen Auftrag.&quot;</p>
<p>Im Urtext ist da von &quot;Salbung&quot; die Rede. Das war dieses Ritual bei der Einsetzung eines Königs, zum Beispiel. Oder bei der Beauftragung eines Propheten. Da wurde duftendes Öl über den Kopf der Person gegossen. Ein Symbol für den Segen. Ein Zeichen: Gott ist bei dir. Du bist in seinem Namen unterwegs. Er steht hinter dir. Er geht mit dir. Auf ihn kannst du dich verlassen.</p>
<p>Jesus, der &quot;Christus&quot; (auf griechisch/lateinisch), der &quot;Messias&quot; (auf hebräisch) ist Gottes Gesalbter. Gesegnet, gestärkt, beauftragt und begleitet. Wir sind auch Gesalbte Gottes, schreibt Paulus. Gesegnet, gestärkt, beauftragt und begleitet. Das &quot;Messianische&quot;, die Hoffnung auf das, was Gott tut, gehört durch Jesus auch uns. Wir haben Hoffnung. Wir haben Jesus. Und Jesus hat uns.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>&quot;Gott hat ein Zeichen gesetzt:&quot;, schreibt Paulus. &quot;Wir gehören zu ihm. Gott hat uns jetzt schon seine Geistkraft gegeben. Er ist in unseren Herzen.&quot;</p>
<p>Ein Zeichen gesetzt. Uns ein Siegel aufgedrückt, steht da wörtlich. Ein Zeichen: Das gehört jemandem. Eigentum. Zugehörigkeit. Wir gehören zu Gott. Das ist gewiss. &quot;Ja&quot;, hat er dazu in Jesus gesagt. Ein Zeichen: Das ist echt. Da steht nicht nur &quot;Christ:in&quot; drauf, da ist auch wirklich &quot;Christus&quot; drin. &quot;Jesus, der Messias. Ein Zeichen: Das ist geschützt. Gott mit uns. In uns, durch seine Geistkraft. &quot;Immanuel&quot;. Gott mit uns. In unserer Gemeinschaft und ganz persönlich, in unseren Herzen.</p>
<p>Dieser Geist macht uns nicht unempfindlich. Er macht uns empfindsam – für Gott und füreinander.</p>
<p>Ein Siegel. Ein Zeichen. Gewissheit.</p>
<p>Wir haben Jesus. Und Jesus hat uns.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>&quot;Gott hat uns <em>jetzt schon</em> seine Geistkraft gegeben.&quot;, schreibt Paulus.</p>
<p>&quot;Jetzt schon&quot;. Im Griechischen ist da von einer Anzahlung die Rede. Eine &quot;Sicherheitsleistung&quot;, würden wir heute sagen. Wo Gott in uns wohnt, in unseren Herzen, da gibt er uns sein &quot;Ja&quot; für den ganzen Rest. Wir haben Jesus. Und Jesus hat uns. Deshalb haben wir Hoffnung.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Das [alles] zeigt: &quot;Gott <em>wird</em> seine Versprechen erfüllen.&quot;</p>
<p>Maria singt.</p>
<p>&quot;Meine Seele lobt Gott. Mein Herz freut sich über Gott, meinen Retter. ... Gott hat Großes an mir getan!&quot;</p>
<p>Maria singt. Da hat sie alles noch vor sich. Das Tuscheln. Den Dorftratsch. Den Knatsch mit Josef. Die beschwerliche Reise nach Betlehem. Die Geburt an einem Ort, wo es keinen Platz für sie gibt. Und sie ahnt noch gar nichts von dem, was kommt, wenn das Kind einmal groß ist. Wenn ihr Sohn dann durch das Land zieht und polarisiert. Wenn sie mit ansehen muss, wie sie ihn ans Kreuz nageln.</p>
<p>Die Krise ist noch lange nicht überwunden.</p>
<p>&quot;Meine Seele lobt Gott. Mein Herz freut sich über Gott, meinen Retter. ... Gott hat Großes an mir getan!&quot;</p>
<p>Maria singt. Und wir singen mit.</p>
<p>Auch wenn 2.000 Jahre später ein Ende der Krisen immer noch nicht absehbar ist.</p>
<p>Wir singen, weil wir Halt haben. Weil Gott uns Gewissheit gibt. Sein &quot;Ja&quot; können wir nicht mehr überhören. Sein Zeichen können wir nicht mehr übersehen.</p>
<p>Wir haben Jesus. Und Jesus hat uns.</p>
<p>&quot;Auf Gott kann man sich verlassen.&quot;</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Wir leben Hoffnung: Wir freuen uns. Diese Freude macht uns nicht ruhig. Sie hält die Sehnsucht wach nach einer Welt, die Gott gerecht machen wird. Diese Hoffnung lässt uns nicht stillhalten, wo Menschen klein gemacht werden. Sie hält die Sehnsucht wach nach Gerechtigkeit. Hoffnung heißt dann nicht, wegzusehen. Sondern hinzusehen. Und das Leiden anderer an uns heranzulassen.</p>
<p>Aber auch hier und jetzt schon: Wir schauen über die Krisen hinaus. Wir haben Grund zur Freude.</p>
<blockquote>
<p>Meine Seele lobt Gott. Mein Herz freut sich über Gott, meinen Retter. Denn Gott hat mich gesehen. Mich, einen einfachen Menschen. Klein in den Augen der Welt. Und doch schaut Gott mich an.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Von jetzt an werden Menschen sagen: Gott hat Großes an mir getan. Nicht, weil ich besonders bin. Sondern weil Gott gut ist.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott ist heilig. Und er ist barmherzig. Von Generation zu Generation. Für alle, die ihm vertrauen.</p>
</blockquote>
<p>Ja. JA! Amen! So ist es!</p>
<p>Darauf will ich mich verlassen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Hält Gott seine Versprechen – oder sind sie längst verblasst? Mitten in einer müde gewordenen Hoffnung, zwischen alten Verheißungen und neuen Fragen, hören wir auf Paulus und auf Maria. Nicht alles wird gut. Die Krisen bleiben. Und doch sagt Gott in Jesus sein klares Ja.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Auf Gott kann man sich verlassen</itunes:subtitle>
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        <title>Was sollen wir tun?</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/was-sollen-wir-tun/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/was-sollen-wir-tun/</guid>
        <pubDate>Sun, 14 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Advent: Sehnsucht nach Gottes Kommen. Johannes ruft zur Umkehr. Die Menschen fragen: „Was sollen wir tun?“ Die Antwort ist überraschend konkret: Alltag. Teilen. Gerecht handeln. Schritt für Schritt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes, hört, aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem dritten Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Johannes ging durch die ganze Gegend am Jordan. Er rief den Menschen zu: Ändert euer Leben. Lasst euch taufen. So wird Schuld vergeben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So steht es im Buch des Propheten Jesaja: Eine Stimme ruft in der Wüste: Macht den Weg bereit für den Herrn. Macht seine Wege gerade. Füllt alle Täler auf. Macht alle Berge und Hügel niedrig. Macht krumme Wege gerade. Macht holprige Wege eben. Alle Menschen werden sehen: So rettet Gott.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Viele Menschen kamen zu Johannes. Sie wollten sich taufen lassen. Johannes sagte zu ihnen: Ihr jungen Vipern! Wer hat euch gesagt: Ihr könnt dem Gericht entkommen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bringt Früchte. Man muss es sehen können: Ihr habt euer Leben geändert. Sagt nicht: Wir stammen von Abraham ab. Ich sage euch: Gott kann sogar aus diesen Steinen Kinder von Abraham machen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Axt ist schon angesetzt. Bäume ohne gute Früchte werden umgehauen. Sie kommen ins Feuer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Menschen fragten Johannes: Was sollen wir tun?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Johannes sagte: Hast du zwei Hemden? Gib eines davon ab. Gib es einem, der kein Hemd hat. Hast du zu essen? Dann teile.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch Menschen, die Steuern eintreiben, kamen zu Johannes. Sie wollten sich taufen lassen. Sie fragten ihn: Was sollen wir tun? Johannes sagte: Nehmt nicht mehr Geld, als euch zusteht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch Soldaten fragten: Was sollen wir tun? Johannes sagte: Tut niemandem Gewalt an. Erpresst niemanden. Seid zufrieden mit eurem Lohn.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Johannes sagte noch vieles andere. Er mahnte die Menschen. Er machte Mut. So brachte er ihnen die Gute Nachricht. (Lukas 3,3-14.18; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Es ist Advent. Ich reihe mich ein in die Gemeinschaft der Wartenden. Hoffnung steht in unseren Augen. Ankunft. &quot;Er kommt.&quot; Gott will uns ganz nahe sein.</p>
<p>Hoffnung hat große Erwartungen. Sie will Teil sein der alten Verheißungen. Wir wollen doch sehen, was die Propheten von Alters her angekündigt haben: Er kommt. Gott kommt. Dann wird alles anders. &quot;Alle Menschen werden sehen: So rettet Gott.&quot;</p>
<p>So stehen wir da. In der Wüste. Am Jordan. Weit draußen, wo es sonst nichts gibt. Nur einen Prediger. Einen, der auf das kommende Heil hinweist. Der ahnen lässt, dass jetzt etwas passiert.</p>
<p>Eine staubige Wüstenstraße. Wir sind unterwegs, aber noch nicht angekommen.</p>
<p>Unterwegs -- zwischen Arbeit und Ruhestand. Zwischen Kraft und Erschöpfung. Zwischen, dem, was war und dem, was kommt. Müde und hoffend zugleich.</p>
<p>Unsere Wüste ist kein Sand. Es ist dieses Dazwischen. Noch ist nichts entschieden. Aber so, wie es ist, kann es auch nicht bleiben.</p>
<p>So stehen wir da. Um uns nur Leere. Die Zukunftsfragen sind laut. Sorge um die Gesundheit. Unsicherheit in Familie und Beruf. Die Welt, die sich immer schneller verändert.</p>
<p>Uns fehlen die Worte. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.</p>
<p>Wir warten. Wir hoffen.</p>
<p>So stehen wir da. Die Wüste hat nichts für uns. Es mangelt an allem: Zeit, Kraft. Beziehungen. Sinn. Am Ende mangelt vielleicht sogar die Hoffnung?</p>
<p>So stehen wir da: Durstig in der Hitze.</p>
<p>Wir sehen uns. Unfair ist die Welt, hart und ungerecht. Wir fühlen uns ohnmächtig ausgeliefert.</p>
<p>Wir spüren: So, wie es läuft, ist es nicht richtig.</p>
<p>Es müsste anders sein. Gerechter. Menschlicher.</p>
<p>Alle Menschen werden sehen: So rettet Gott.</p>
<p>Das ist es, was wir sehen wollen.</p>
<p>Spektakulär muss das sein: Er kommt.</p>
<p>Die Täler aufgefüllt. Die Hügel eingeebnet.</p>
<p>Auf krummen Wegen schreibt Gott gerade Geschichte.</p>
<p>Die Holperstrecken des Lebens werden smooth wie die neue Öschelbronner Ortsdurchfahrt.</p>
<p>Alle Menschen werden es sehen: So rettet Gott.</p>
<p>Deshalb stehen wir hier. Im Advent.</p>
<p>Er ist die Hoffnung, die uns bleibt.</p>
<p>Wir hören die Stimme, die ruft in der Wüste: &quot;Macht den Weg bereit für den Herrn!&quot;</p>
<p>Ein Adventslied, in das wir einstimmen: &quot;Wie soll ich dich empfangen und wie begeg'n ich dir?&quot;</p>
<p>Wir drängen nach vorne. Ihm entgegen.</p>
<p>Alle Menschen werden sehen: So rettet Gott.</p>
<p>Wir sind bereit. Wir sehnen uns.</p>
<p>&quot;Ihr jungen Vipern!&quot;</p>
<p>Ein jäher Missklang zerstört die Harmonie unserer Adventslieder.</p>
<p>&quot;Ihr jungen Vipern!&quot;</p>
<p>Die kurzen kräftigen Levante-Ottern findet man überall im Jordantal. Ein starkes, gefährliches Tier. Hochgiftig. Eine Gefahr von unten. Bedrohung, die man nicht sofort sieht. Von den jungen Vipern glaubte man im Altertum, sie fräßen sich beim Schlüpfen durch den Leib ihrer Mutter. Biologisch ist das falsch, war aber damals gängige Erzählung.</p>
<p>&quot;Ihr jungen Vipern!&quot;, schleudert uns der Prediger entgegen. Ihr merkt nicht einmal, wie schädlich euer Leben geworden ist. Für euch. Und für andere.</p>
<p>&quot;Wer hat euch gesagt: Ihr könnt dem Gericht entkommen?&quot;</p>
<p>Gericht. Zorn. Urteil. Strafe.</p>
<p>Das ist nicht das, was wir uns ersehnen. Dafür sind wir nicht hergekommen.</p>
<p>Soll das das Evangelium sein?</p>
<p>Ist das das Ende der Hoffnung?</p>
<p>Geht unsere Sehnsucht leer aus?</p>
<p>&quot;Verlasst euch nicht auf Äußerlichkeiten&quot;, hören wir. Abstammung. Kirchenzugehörigkeit. Taufurkunde.</p>
<p>Veränderung geschieht, wo das Evangelium Konsequenz in eurem Leben hat.</p>
<p>Man muss es sehen können: Ihr habt euer Leben geändert.</p>
<p>Sonst bleibt statt Obstbäumen nur noch Feuerholz.</p>
<p>Die Adventshoffnung scheint vor unseren Augen zu zerbröseln.</p>
<p>&quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>&quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>Was dann kommt, klingt ganz einfach: Alltag, nicht große Heldentaten. Teilt aus eurem Überfluss. Helft da, wo Mangel ist.</p>
<p>Der Gott, von dem Johannes redet, erwartet keine großen religiösen Riten. Keine Zeichenhandlungen. Keine übermenschliche Anstrengung.</p>
<p>Er erwartet Leben, geleitet von seinem Maßstab. Unterwegs sein mit seinem Blick.</p>
<p>&quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>Wer lebt, wie Johannes vorschlägt, ruht sich nicht aus auf der Taufe. Sie wird für ihn zum Beginn des Wegs. Das &quot;Ja&quot;, das Gott zu mir sagt, übersetze ich in meinen Alltag.</p>
<p>Nicht, weil ich es schon kann. Sondern weil Gott mir dieses &quot;Ja&quot; längst zugesprochen hat. Auch da, wo ich es nicht schaffe.</p>
<p>Genau so beginnt ja Taufe. Nicht mit Können. Sondern mit Gottes &quot;Ja&quot;.</p>
<p>Auch Oliver, der heute getauft wird, beginnt seinen Weg nicht allein. Auch ihm sagt Gott sein &quot;Ja&quot; zuerst.</p>
<p>Es wird zum &quot;Ja&quot; für das Leben. Zu meinem. Und zu dem der anderen.</p>
<p>Gott kommt zu mir. Wer darauf vertraut, kann Liebe wagen.</p>
<p>Nicht, weil ich so stark bin. Sondern, weil Gott mir zutraut, was ich mir selbst oft nicht zutraue.</p>
<p>&quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>Was Johannes hier sagt, lässt sich in meinem Alltag leben. Gott verlangt mir nicht Unmögliches ab. Er lädt mich ein, Hand in Hand mit ihm zu handeln.</p>
<p>In meinen Begegnungen. In meiner Familie. In meinen ganz normalen Kreisen.</p>
<p>&quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>Johannes spricht uns auch in unseren Rollen an. Dort, wo wir unseren Platz haben in der Gesellschaft. Schon in den Versen vor unserem Predigttext hat Lukas sein Auftreten in den Zusammenhang der großen Weltpolitik eingeschrieben. Gottes Rettung bleibt nicht privat. Sie will sichtbar werden, mitten im Leben.</p>
<p>Ganz konkret wendet der Prediger sich an die, die dort ihre Aufgaben haben. Steuereintreiber. Soldaten. Räder im Getriebe der Gesellschaft. Niemand ist nur Zuschauer:in. Niemand bleibt neutral.</p>
<p>Auch dort muss er gehört werden, in diesem Advent. In der Verwaltung. In unseren Bildungseinrichtungen. In Pflege, Wirtschaft und Politik. In Parteien, besonders, wenn sie Regierungsverantwortung tragen. Und ein &quot;C&quot; im Namen. In der Kirche selbst. Wir sind nicht nur prophetische Mahner für die anderen, sondern immer auch selbst die Angesprochenen: Nutzt eure Macht nicht auf Kosten anderer. Seid gerecht. Bleibt maßvoll. Lebt transparent.</p>
<p>Das sollen wir tun.</p>
<p>Denn wo wir beginnen, so zu leben, da wird Umkehr sichtbar. Umkehr und Veränderung. Auch wenn wir nicht gerne gemahnt werden: Das ist Evangelium. Gute Nachricht. Mahnend und mutmachend zugleich.</p>
<p>Gott nimmt dein Leben ernst. Gott traut dir Veränderung zu. Gottes Rettung beginnt genau hier--nicht erst irgendwo, später, in der sehnsüchtig erwarteten Zukunft.</p>
<p>Alle Menschen werden es sehen: So rettet Gott.</p>
<p>Das beginnt bei uns: Hier in der Wüste.</p>
<p>Dieser Text fragt nicht zuallererst: Was tut Gott, wenn er kommt? Er fragt, was Gottes Kommen mit unserem Leben macht.</p>
<p>Johannes hängt nicht einfach Lametta in unsere ungerechte Welt.</p>
<p>Wo Gott kommt, bleibt nichts abstrakt. Da zeigt sich Veränderung, aus dem Vertrauen auf ihn, im Alltag.</p>
<p>In dem, was wir leben, wächst Gottes Reich. Schritte. Ein Anfang. Spuren der Hoffnung.</p>
<p>Ein Weg in der Wüste. Ein Zeichen von dem, was Gott selbst noch vollenden wird.</p>
<p>Alle Menschen werden es sehen: So rettet Gott.</p>
<p>So stehen wir hier. Die Wüste um uns. Die Sehnsucht im Herzen.</p>
<p>Die Hoffnung: Er kommt.</p>
<p>&quot;Wie soll ich dich empfangen und wie begeg'n ich dir.&quot; Oder einfach: &quot;Was sollen wir tun?&quot;</p>
<p>Vertrauen. Leben. Lieben. Teilen.</p>
<p>Genau da beginnt die Veränderung. Die gute Nachricht.</p>
<p>Da werden Gräben aufgefüllt.</p>
<p>Da wird eingeebnet, was uns trennt.</p>
<p>Da wird für die Menschen um uns die Holperstrecke des Lebens barrierefrei.</p>
<p>Auf krummen Wegen schreibt Gott gerade weiter.</p>
<p>Und alle Menschen sehen: So rettet Gott.</p>
<p>So.</p>
<p>Wenn der, der kommt, in unserem Leben sichtbar da ist.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Advent: Sehnsucht nach Gottes Kommen. Johannes ruft zur Umkehr. Die Menschen fragen: „Was sollen wir tun?“ Die Antwort ist überraschend konkret: Alltag. Teilen. Gerecht handeln. Schritt für Schritt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Advent zwischen Zusage und Veränderung</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Zeitzeichen</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/zeitzeichen/</link>
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        <pubDate>Sun, 07 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn die Welt uns unruhig macht und vieles uns Angst einjagt, sagt Jesus: „Hebt den Kopf! Eure Erlösung kommt.“ Adventliche Zeitzeichen für die Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn.</p>
<p>Geliebte Gottes, hört, aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 21. Kapitel. Worte von Jesus, dem Messias:</p>
<blockquote>
<p>Zeichen werden sichtbar: an der Sonne, am Mond und an den Sternen. Auf der Erde bekommen die Menschen große Angst. Die Völker wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Das Meer rauscht laut, und die Wellen schlagen heftig. Menschen vergehen vor Angst. Sie erwarten Schlimmes, das über die ganze Welt kommt. Die Kräfte im Himmel geraten durcheinander.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann sehen alle den Menschensohn. Er kommt auf einer Wolke. Er kommt mit großer Macht und großer Herrlichkeit. Wenn das alles beginnt, dann schaut nach oben. Hebt den Kopf. Denn eure Erlösung kommt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus erzählt ein Beispiel. Er sagt: Schaut auf den Feigenbaum und auf alle anderen Bäume. Wenn ihr die ersten neuen Triebe seht, dann wisst ihr: Der Sommer ist nahe. Genauso ist es bei euch: Wenn ihr das alles passieren seht, dann wisst ihr: Gottes Reich ist nahe. Darauf könnt ihr euch verlassen: Das wird noch geschehen, während diese Generation lebt. Der Himmel vergeht. Die Erde vergeht. Aber was ich sage, bleibt für immer. (Lukas 21,25-33; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Zeichen werden sichtbar. Zeichen. Viele Menschen suchen nach Zeichen. Früher. Und heute auch.</p>
<p>Früher hat man da gerne an den Himmel geschaut. Aufmerksam hat man die Bewegungen der Himmelskörper beobachtet. Schon aus diesem Grund hat das Altertum hervorragende Astronomen, Sternkundige, hervorgebracht. Naturphänomene--auch hier unten--die man nicht verstand, wurden schnell als göttliche Eingriffe ausgelegt. Das Meer, mit seinen unberechenbaren Stürmen, seinen Wellen, seiner Wut, wurde zum Sinnbild der zerstörerischen Kräfte des Chaos. Zeichen. Was kommt da auf uns zu?</p>
<p>Heute schaut man dazu eher auf andere Dinge. Russische Truppenbewegungen. Klimatische Veränderungen. Späte Posts des amerikanischen Präsidenten. Tageszeitungen. Talkshows. Wirre Nachrichten auf Tiktok und Telegram. Zeichen. Jede Person deutet sie anders. Aber das Muster bleibt gleich. Wir suchen Orientierung. Wir wollen verstehen, was passiert. Wir wollen uns zurechtfinden in einer Welt, die sich schnell verändert. Viel zu schnell, zu vernetzt und zu komplex. Wir kommen gar nicht mehr mit! Was kommt da auf uns zu?</p>
<p>Damals wie heute sind die Zukunftsbilder dunkel. Pessimismus breitet sich aus. Als Lukas seinen Bericht über Jesus schreibt, liegt die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 noch ganz nah. Die Stadt liegt in Trümmern. Der Tempel ist zerstört. Das Volk ist auseinandergerissen. Alle gewohnten Sicherheiten sind weg. Für viele sah das wie das Ende aus.</p>
<blockquote>
<p>Auf der Erde bekommen die Menschen große Angst. Die Völker wissen nicht mehr, was sie tun sollen.</p>
</blockquote>
<p>&quot;O Heiland, reiß die Himmel auf!&quot;</p>
<p>Wie gut wäre Hoffnung! Gerade jetzt.</p>
<p>Es ist Advent. Ankunft. Aber noch nicht da. Sehnsuchtszeit. Zeit des &quot;Da fehlt etwas!&quot; Zeit des &quot;O komm, o komm, du Morgenstern!&quot; Wir sitzen im Dunkeln und suchen nach Licht.</p>
<p>&quot;O Heiland, reiß die Himmel auf!&quot;</p>
<p>Komm doch, Gott! Komm, und hilf uns! Komm, greif ein! Komm, tröste uns!</p>
<blockquote>
<p>Menschen vergehen vor Angst. Sie erwarten Schlimmes, das über die ganze Welt kommt. Die Kräfte im Himmel geraten durcheinander.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn das alles beginnt, dann schaut nach oben.</p>
</blockquote>
<p>Mitten in Schrecken, Furcht und Angst malt Jesus ein Hoffnungsbild: Lasst den Kopf nicht hängen! Schaut nicht nur nach unten, auf das, was euch Angst macht! Kopf hoch! Eure Erlösung kommt!</p>
<p>Hoffnung. Licht im Dunkeln.</p>
<p>Drei Dinge malt Jesus an den Horizont: Hoffnung für die, die nach oben schauen. Die auf Gott hoffen. Mit ihm sieht alles anders aus.</p>
<p>Drei Dinge. Erstens: Der &quot;Menschensohn&quot;.</p>
<blockquote>
<p>Dann sehen alle den Menschensohn. Er kommt auf einer Wolke. Er kommt mit großer Macht und großer Herrlichkeit.</p>
</blockquote>
<p>Wer Jesus kennt, weiß, dass er von sich selbst redet. &quot;Der Menschensohn&quot;, so nennt er sich oft. &quot;Der Menschensohn&quot; -- ein Mensch. Einer von uns. Einer wie wir. Gott ist uns ganz nahe gekommen. Näher, als wir es je geglaubt hätten. Ein Kind. In der Krippe. Ein Mensch. Gottes Sohn. Immanuel. &quot;Gott mit uns&quot;, heißt das.</p>
<p>&quot;Der Menschensohn&quot;. Was wir heute hören, ist nur ein Teil dieses vielschichtigen Bilds. &quot;Der Menschensohn&quot; war ein Begriff, den die Leute kannten. Jesus hat ihn nicht erfunden. &quot;Der Menschensohn&quot; stammt aus den alten Texten. Hoffnung, für die Zukunft. Der Prophet Daniel, lange vor Jesus, hat das so formuliert:</p>
<blockquote>
<p>Ich sah etwas in einem Traum in der Nacht. Da kam einer, der aussah wie ein Menschensohn. Er kam mit den Wolken des Himmels. Er ging zu Gott, dem ewigen Herrscher. Man führte ihn zu Gott.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott gab ihm Macht. Gott gab ihm Würde. Gott gab ihm ein Reich. Alle Völker dienen ihm. Menschen aus allen Ländern und Sprachen achten ihn. Seine Herrschaft hört nie auf. Sein Reich wird nie zerstört. (Daniel 7,13-14; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Der Menschensohn&quot;--Gottes König. Für immer. Der, der ein Ende macht mit dem Chaos der Welt. Das Friedensreich Gottes beginnt mit ihm. Hoffnung auf eine bessere Zukunft.</p>
<p>In Jesus, dem Messias, kommen die beiden Bilder zusammen. Der mächtige König, auf den viele warten, ist er. Gottes Sohn--ein Mensch geworden. Einer von uns. Einer bei uns. Einer, der ganz anders kommt, als es alle erwartet haben. Und genau deshalb macht er alles anders. Genau deshalb gibt es Hoffnung. &quot;Der Menschensohn&quot; ist nicht ein Superheld, der noch stärker draufschlägt als die Mächtigen in unserer Welt. &quot;Der Menschensohn&quot; kommt mit Friede, Gnade und Gerechtigkeit.</p>
<p>Er ist der Menschensohn, der den Weg der Liebe gegangen ist--bis ans Kreuz. Dort hat er die Mächte des Bösen entmachtet. Dort hat er getragen, was uns niederdrückt. Und Gott hat ihn auferweckt -- nehmt das als Zeichen, wenn ihr Zeichen sucht! Die Dunkelheit des Todes selbst ist hell geworden. Der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Er ist der, der kommt.</p>
<p>Licht im Dunkeln. Hoffnungsbilder.</p>
<p>Zweitens: &quot;Erlösung&quot;.</p>
<p>Erlösung heißt: Gott lässt uns nicht allein. Gott befreit. Gott macht neu. Gott schafft einen Weg, wo wir keinen mehr sehen.</p>
<p>„Eure Erlösung kommt“, sagt Jesus. Nicht: Vielleicht. Nicht: Irgendwann. Sondern: Sie kommt. Ihr müsst nur in die richtige Richtung schauen. Nicht nach unten. Nicht auf das, was ihr für Zeichen haltet. Nicht auf eure Angst. Schaut nach oben! Kopf hoch! Gott ist der, auf den ihr euch verlassen könnt. Ihr dürft hoffen. Wir haben Hoffnung!</p>
<p>&quot;Eure Erlösung kommt.&quot;</p>
<p>Erlösung ist ein großes Wort. Ein starkes Wort. Ein Wort, das viele Bilder weckt. Für manche klingt es fremd. Aber die Sehnsucht dahinter kennen wir alle.</p>
<p>Erlösung heißt: Ich muss meine Angst nicht allein tragen. Ich muss mich nicht selbst retten. Da ist einer, der kommt mir entgegen. Da ist einer, der mich sieht. Da ist einer, der sagt: „Du gehörst mir. Ich lasse dich nicht fallen.“</p>
<p>Jesus, der Messias, hat das Lösegeld bezahlt. Mit seinem Leben. Er hat sich hingegeben. Er ist der, der uns frei macht: durch sein Kreuz und seine Auferstehung.</p>
<p>Erlösung heißt ganz wörtlich: Gefangene werden befreit. Sklav:innen werden freigekauft. Jemand anders bezahlt, damit du frei sein darfst. Damals war das ein bekannter Begriff. Man kannte Geschichten, wo das tatsächlich geschehen sein sollte. Man hatte gehört, es gäbe... Die Realität sah meistens anders aus. Wenige sind bereit, so viel für andere zu geben. Aber die Hoffnung blieb, in vielen aussichtlosen Situationen: Wenn doch jemand mich so liebte... Wenn doch jemand sich über mich erbarmte...</p>
<p>Hoffnung. Erlösung.</p>
<p>&quot;Eure Erlösung kommt&quot;, sagt Jesus. Ganz gewiss. Darauf könnt ihr euch verlassen.</p>
<p>Erlösung heißt: Gott holt uns heraus aus dem Dunkel. Gott richtet uns auf. Gott schenkt Zukunft.</p>
<p>Im Advent üben wir diese Sehnsucht ein. Wir warten nicht passiv. Wir warten hoffend. Wir warten auf den, der kommt. Den &quot;Menschensohn&quot;. Den &quot;kommenden Erlöser&quot;-- so heißt dieser zweite Adventssonntag. Der kommt gewiss. Auch wenn jetzt noch so vieles dunkel ist.</p>
<p>&quot;Eure Erlösung kommt.&quot;</p>
<p>Licht im Dunkeln. Hoffnungsbilder.</p>
<p>Drittens. &quot;Reich Gottes&quot;.</p>
<blockquote>
<p>Wenn ihr das alles passieren seht, dann wisst ihr: Gottes Reich ist nahe.</p>
</blockquote>
<p>Das „Reich Gottes“ ist kein Ort. Es ist keine Burg. Es ist kein Landstrich mit Grenzen. „Reich Gottes“ meint: Gott handelt. Gott regiert. Gott setzt sich durch – mit Liebe, mit Gerechtigkeit, mit Frieden. Gottes Wirklichkeit bricht durch in unsere Welt. Mitten hinein. Auch wenn vieles dagegensteht.</p>
<p>„Gottes Reich ist nahe.“</p>
<p>Das heißt: Gott ist nicht weit weg. Gott kommt uns entgegen. Gott will diese Welt erneuern. Nicht von oben herab. Nicht mit Gewalt. Sondern so, wie Jesus es gezeigt hat: mit Güte, mit Barmherzigkeit, mit einem offenen Herzen für alle.</p>
<p>&quot;Gottes Reich ist nahe.&quot;</p>
<p>Und doch scheint es vielen, wie eine unendlich ferne Traumwelt. Schon damals: Lebte man doch in einem ganz anderen Reich: &quot;Imperium Romanum&quot;. Zwar rühmten die Mächtigen den &quot;römischen Frieden&quot;. Aber gegründet war der auf Gewalt und Unterdrückung. Keine Freiheit. Keine Chancen. Keine Gerechtigkeit. Keine Hoffnung?</p>
<p>&quot;Gottes Reich ist nahe.&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Das Reich Gottes wächst manchmal leise. Fast unsichtbar. Wie der Sommer, der kommt, wenn die ersten kleinen Triebe an den Bäumen erscheinen. Man sieht nur wenig. Aber es ist schon da. Es wächst. Es breitet sich aus. Schritt für Schritt.</p>
<p>Wenn Jesus sagt: „Gottes Reich ist nahe“, dann sagt er: Achtet auf das, was wächst. Achtet auf das Gute, das Gott tut. Achtet auf die Zeichen seiner Liebe. Selbst in schweren Zeiten.</p>
<p>Gott lässt sein Reich wachsen--gerade da, wo Menschen aus Hoffnung leben: Wo wir Frieden stiften. Wo wir einander helfen. Wo wir Gerechtigkeit suchen. Hoffnung bewegt etwas. Hoffnung verändert die Welt.</p>
<p>Selbst in einer Welt voller Angst. Gottes Reich kommt. Ganz sicher.</p>
<p>Schaut genau hin! Schaut mit Gottes Blick! Schaut auf Gottes Spuren: Kleine Lichter, mitten im Dunkel.</p>
<p>Vielleicht seht ihr es im Alltag: in einem freundlichen Wort, in einer Umarmung, in einem Besuch, der gut tut. Kleine Lichter. Aber sie wärmen das Herz.</p>
<p>Manchmal ist es gar nicht viel: jemand hört dir zu, jemand entschuldigt sich, jemand macht den ersten Schritt zum Frieden. So wächst Gottes Reich – leise, aber spürbar.</p>
<p>Schaut! &quot;Gottes Reich ist nahe.&quot;</p>
<p>Manchmal sehen wir nur das Schwere. Manchmal sehen wir nur Chaos. Aber Gott ist schon da. Gott wirkt schon. Gottes Reich fällt nicht. Gottes Reich vergeht nicht. Alles andere wankt. Aber was Gott beginnt, bleibt.</p>
<p>Schaut! &quot;Gottes Reich ist nahe.&quot;</p>
<p>Kopf hoch!</p>
<p>Und wenn du gerade kaum den Kopf heben kannst: Auch dann hält Gott dich. Auch dann kommt er zu dir.</p>
<p>Und wenn dir die Kraft fehlt, aufzuschauen: Dann kommt das Licht zu dir. Gott findet dich auch im Dunkeln.</p>
<p>&quot;Gottes Reich ist nahe.&quot;</p>
<p>Licht im Dunkeln. Hoffnungsbilder.</p>
<p>Sehnsucht.</p>
<p>&quot;O Heiland, reiß die Himmel auf!&quot;</p>
<p>Hoffnungsbilder. In Lukas' Text bricht dieses Sehnen hervor. So stark ist es geworden, dass man es kaum noch aushalten kann. Die Hoffenden glauben sich schon fast am Ziel: &quot;Das wird noch geschehen, während diese Generation lebt.&quot;</p>
<p>Heute, fast 2.000 Jahre später, klingt das seltsam. So vieles ist seither passiert. So viel Zeit vergangen. So viele Schreckensahnungen wurden wahr. So viele Angstbilder passen auch heute noch. Haben wir wirklich noch Hoffnung?</p>
<p>Advent heißt, diese Spannung auszuhalten. Advent braucht einen langen Atem. Sehr lange. Länger, als wir es uns wünschen.</p>
<p>Wie hält man das durch?</p>
<p>&quot;Kopf hoch&quot;, sagt Jesus. Nur so kann das gehen.</p>
<p>Schaut: Eure Erlösung kommt. Der Menschensohn steht vor der Tür. Das Reich Gottes ist ganz nahe. Es ist schon hier. Und es wächst. Jeden Tag.</p>
<p>Seht ihr das?</p>
<p>Was sind die Bilder, die deine Weltsicht prägen? Was sind die Zeitzeichen, die du zu erkennen glaubst?</p>
<blockquote>
<p>Der Himmel vergeht. Die Erde vergeht. Aber was ich sage, bleibt für immer.</p>
</blockquote>
<p>Wer darauf hört, der bleibt. Wer diese Zeichen sieht, der ist zuversichtlich.</p>
<p>Kopf hoch!</p>
<p>Wir kennen den Menschensohn. Unsere Erlösung kommt. Das Reich Gottes wächst -- hier bei uns.</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Lass das deine Zeitzeichen sein.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn die Welt uns unruhig macht und vieles uns Angst einjagt, sagt Jesus: „Hebt den Kopf! Eure Erlösung kommt.“ Adventliche Zeitzeichen für die Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung für eine ungewisse Zukunft</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Verlasst euch darauf</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/verlasst-euch-darauf/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/verlasst-euch-darauf/</guid>
        <pubDate>Sun, 23 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Der Tod reißt Löcher in unser Leben. Zurück bleiben Stille, Fragen und ein Schmerz, der oft lange bleibt. Jesus spricht Worte die tragen – jetzt schon. Sie öffnen einen Weg vom Tod zum Leben. Hoffnung, mitten in der Trauer.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade sei bei euch. Friede sei bei euch. Von Gott, unserem Vater. Von Jesus, dem Messias. Er ist unser Herr.</p>
<p>Hört, von Gott geliebte: Worte von Jesus. Wir hören sie aus dem Evangelium nach Johannes, aus dem 5. Kapitel. Jesus sagt:</p>
<blockquote>
<p>Verlasst euch darauf: Ihr hört mein Wort? Ihr vertraut auf Gott, der mich gesandt hat? Dann habt ihr das ewige Leben. Ihr kommt nicht ins Gericht. Ihr seid jetzt schon vom Tod zum Leben hinübergegangen. Verlasst euch darauf: Gottes neue Zeit kommt. Sie ist jetzt schon da. Die Toten werden die Stimme von Gottes Sohn hören. Alle, die hören, werden leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott, der Vater, hat Leben in sich selbst. Er gibt auch seinem Sohn dieses Leben. Der Sohn hat Leben in sich selbst. Gott gibt dem Sohn Macht. Er kann über die Menschen urteilen. Denn der Sohn ist der Menschensohn.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wundert euch nicht darüber: Die Zeit kommt. Dann werden alle Menschen in den Gräbern seine Stimme hören. Dann kommen alle Menschen aus den Gräbern. Menschen, die Gutes getan haben, bekommen Leben. Menschen, die Böses getan haben, kommen ins Gericht. (Johannes 5,24-29)</p>
</blockquote>
<p>Das Grab ist längst zugeschaufelt. Aber das Loch im Herzen ist immer noch da.</p>
<p>Auf manchem Grab wachsen längst Blumen. Angepflanzt, gegossen, gepflegt--aus Liebe und Verbundenheit. Auf anderen Gräbern ist Gras gewachsen. Das Loch im Leben wächst nicht so schnell zu. Nicht, wenn immer noch alles an die Person erinnert, die du verloren hast. Nicht, wenn du nach Hause kommst in eine leere Wohnung. Nicht, wenn dir Gegenstände in die Hand fallen, die dich erinnern. Wenn im Kalender Tage stehen, die ihr gemeinsam gefeiert hättet. Wenn du vor Aufgaben stehst, die sonst immer der andere erledigt hat. Du machst einen Schrank auf, eine alte Kiste und der vertraute Geruch steigt dir in die Nase.</p>
<p>Hier sitzen heute manche, für die ist die Wunde noch ganz frisch. Hier sitzen andere, die leben schon lange damit. Auch wenn es schon Jahre her ist: Manchmal ist es doch, als wäre es gestern gewesen. Mit dem Tod eines nahen Menschen schließt man nicht einfach ab. Nicht nach Monaten, nicht nach Jahren. So eng gehören wir zusammen. So tief sind die Verbindungen zwischen uns. Der andere fehlt immer.</p>
<p>Manche machen irgendwann kurzen Prozess. Sie räumen den Schrank aus. Sie bringen die Erinnerungen weg. Vielleicht schafft das an manchen Stellen Platz für Neues. Aber die Spuren eines mit uns verbundenen Lebens kann man nicht auf den Wertstoffhof bringen oder zum Altkleidercontainer. Wir sind miteinander verbunden. Jetzt und für immer.</p>
<p>Gerade deshalb reißt der Tod ja so tiefe Löcher in unser Leben. Deshalb bleiben da so viele offene Fragen. Deshalb tut es so sehr weh.</p>
<p>Immer noch.</p>
<p>Es ist, als wäre nicht nur der andere gestorben. Auch in dir selbst fühlt sich etwas tot an. Der Tod eines Menschen raubt auch denen, die da bleiben, ein Stück vom Leben. Ein bisschen bist du mitgestorben. Und du bist noch dabei--noch lange--, das, was da fehlt zu begraben.</p>
<p>Eines Tages kam einer, der war anders. Gottes Sohn ist Mensch geworden. Wir wissen: Er spürt unseren Schmerz. Er hat ihn selbst erlebt. Er hat ihn selbst durchlitten.</p>
<p>Eines Tages kam einer: Jesus, der Messias. Und sein Kommen hat alles verändert. &quot;Verlasst euch darauf&quot;, sagt er. Und er trifft schon da den wunden Punkt. Wo ich mich doch auf nichts mehr verlassen kann, seit der Tod so wild in das Leben eingegriffen hat. Seit da jemand weggerissen wurde, auf den ich mich verlassen habe. Jetzt <em>bin</em>ich höchstens noch verlassen.</p>
<p>&quot;Verlasst euch darauf&quot;, sagt Jesus. &quot;Ihr hört mein Wort? Ihr vertraut auf Gott, der mich gesandt hat. Dann habt ihr das ewige Leben. Ihr kommt nicht ins Gericht. Ihr seid schon jetzt vom Tod zum Leben hinübergegangen.&quot;</p>
<p>Das fühlt sich aber nicht so an, Jesus.</p>
<p>Wie kannst du so etwas sagen?</p>
<p>&quot;Verlasst euch darauf&quot;, sagt Jesus. &quot;Gottes neue Zeit kommt. Sie ist jetzt schon da. Die Toten werden die Stimme von Gottes Sohn hören. Alle, die ihn hören, werden leben.&quot;</p>
<p>Du hörst das. Und vielleicht merkst du: Diese Worte treffen etwas in dir. Sie berühren eine Stelle, die gerade wund ist. Sie gehen genau dorthin, wo du kaum noch Halt spürst. Worte wie ein warmer Hauch, der durch die Kälte dringt. Worte, die gegen das Schweigen sprechen, das oft so schwer auf dir liegt.</p>
<p>Denn du kennst dieses Schweigen. Es ist das Schweigen nach dem Tod. Erst reden viele Menschen. Sie sagen warmherzige Worte. Sie meinen es gut. Andere stammeln nur, weil ihnen nichts einfällt, was die Lage irgendwie verbessern könnte. &quot;Herzliches Beileid&quot; klingt irgendwie leer. Und irgendwann verstummt alles. Alle gehen wieder in ihren Alltag zurück. Nur du nicht. Du bleibst mit der Stille zurück. Mit der Leere. Mit diesem Riss in deinem Leben.</p>
<p>In diese Stille hinein spricht Jesus. Keine Floskel. Kein billiger Trost. Seine Worte sind wie ein Ruf. Wie ein Ruf, der dich findet. Wie ein Ruf, der genau weiß, wo du stehst. Wie ein Ruf, der durch alles Dunkel hindurchgeht: durch den Nebel, durch die Nacht, durch die Kälte der Trauer. Ein Ruf, der dich meint. Ein Ruf, der Kraft hat.</p>
<p>So war es schon am Anfang der Welt. Du kennst die Worte. Die Bibel erzählt es gleich am Anfang: Die Welt war leer, dunkel, kalt. Nichts war da. Nur Chaos. Und Gott sprach. Gott sagte: „Es werde Licht.“ Und es wurde Licht. Eine neue Welt begann. Alles wurde lebendig, weil Gott sprach. Gott hat gerufen – und Leben entstand.</p>
<p>Dieser Ruf geht weiter. Er verstummt nicht. Jesus ruft in dein Leben hinein. Er ruft in dein Dunkel. Er ruft über die Grenze des Todes hinweg. Er ruft sogar in die Gräber hinein. Er ruft dich. Und er ruft die Menschen, die du vermisst. Die Menschen, deren Namen wir heute lesen. Menschen, die du geliebt hast. Menschen, ohne die du weiterlebst, aber nicht ohne Schmerz.</p>
<p>Jesus sagt: „Wundert euch nicht darüber: Die Zeit kommt. Dann werden alle Menschen in den Gräbern seine Stimme hören. Dann kommen alle Menschen aus den Gräbern. Menschen, die Gutes getan haben, bekommen Leben. Menschen, die Böses getan haben, kommen ins Gericht.“</p>
<p>Das klingt groß. Vielleicht sogar zu groß für dich heute. Vielleicht denkst du: Ich kann das kaum glauben. Ich kann das kaum fassen. Es tut ja immer noch weh. Es fühlt sich nicht wie neues Leben an. Es fühlt sich an wie Verlust. Wie ein langer Winter ohne Ende.</p>
<p>Aber genau da setzt Jesus an. Er sagt nicht: „Warte, bis es dir wieder gut geht.“ Er sagt: <strong>„Jetzt schon.“</strong> Jetzt schon habt ihr Leben. Jetzt schon geht ihr vom Tod zum Leben hinüber. Jetzt schon beginnt etwas Neues. Nicht erst morgen. Nicht erst am Ende. Jetzt. Und er meint damit: Damals schon. Mit ihm selbst beginnt das Neue. Dazu ist Gott schließlich Mensch geworden. Nicht, um alles beim Alten zu lassen.</p>
<p>Der Jesus, der das sagt, wird bald darauf selbst sterben. Sein Tod reißt dasselbe unendliche schwarze Loch ins Leben der Menschen, die ihm nahe sind. Alles zu Ende!</p>
<p>Bis am Ostermorgen die Sonne aufgeht. Und mit ihr die Hoffnung. Die herrliche Gewissheit: Bei Gott ist Leben, auch wenn hier keines mehr ist. Gott gibt Leben, auch da wo keines mehr ist. Neues Leben, wo das alte sein Ende fand. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Was damals noch niemand hörte, am Ostermorgen: Gott ruft seinen Messias aus dem Tod ins Leben. Bald werden sie es überall erzählen: Er ist auferstanden! Wirklich auferstanden! Er lebt. Gottes Rufen findet auch im Tod Gehör. Sein Wort schafft neues Leben, wie damals am Anfang.</p>
<p>&quot;Jetzt schon&quot;, sagt Jesus. Vor zweitausend Jahren schon. Gottes neue Zeit hat schon begonnen. Der Tod hat schon verloren. Auch wenn es noch nicht so aussieht. Dein geliebter Mensch liegt noch im Grab.</p>
<p>&quot;Jetzt schon.&quot;, sagt Jesus.</p>
<blockquote>
<p>Gottes neue Zeit kommt. Sie ist jetzt schon da. Die Toten werden die Stimme von Gottes Sohn hören. Alle, die ihn hören, werden leben.</p>
</blockquote>
<p>Vielleicht spürst du das nicht. Vielleicht fühlt es sich gar nicht so an. Aber Jesus sagt: „Verlasst euch darauf.“ Er sagt nicht: „Fühlt es.“ Er sagt: „Verlasst euch darauf.“ Das bedeutet: Sein Wort trägt dich, auch wenn deine eigene Kraft nicht reicht. Auch wenn dein Gefühl nicht hinterherkommt. Auch wenn du gerade nur Nebel siehst. Genau das ist übrigens das, was Glaube bedeutet: Sich auf Gottes Anrede zu stützen, auch dann, wenn ich nichts sehe und nichts fühle. An vielen Gräbern haben wir genau davon gesungen: &quot;Wenn ich auch gleich nichts fühle, von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.&quot; &quot;Verlasst euch darauf!&quot;</p>
<p>Du darfst heute hören: Jesus ruft dich ins Leben. Er ruft dich, weil er dich kennt. Er ruft dich, weil du ihm nicht egal bist. Er ruft dich, weil seine Liebe tiefer geht als dein Schmerz. Und er ruft auch die Menschen, die du vermisst. Er ruft sie mit derselben Liebe. Mit derselben Kraft. Mit derselben Stimme, die Licht ins Dunkel ruft.</p>
<p>Wenn wir gleich die Namen hören, dann ist das nicht nur Erinnerung. Es ist ein Moment der Liebe. Ein Moment der Nähe. Und es ist ein Moment der Hoffnung. Denn diese Namen sind bei Gott nicht verklungen. Sie sind nicht verloren. Sie stehen in Gottes Herz geschrieben. Jesus ruft sie beim Namen. Und wenn er ruft, dann ist Leben stärker als Tod.</p>
<p>Verlasst euch darauf.</p>
<p>&quot;Wundert euch nicht darüber.&quot;</p>
<p>Wer Jesus, den Messias kennt, den wundert nichts mehr. Wie könnte es auch? Wo Gottes neue Zeit in unsere Welt hereinbricht, da wird alles anders, als wir es bisher kennen. Da gelten die alten Regeln nicht mehr. Der Tod ist nicht mehr das Ende. Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt. Sie stirbt gar nicht mehr. Sie ist mit dem Messias auferstanden.</p>
<blockquote>
<p>Wundert euch nicht darüber: Die Zeit kommt. Dann werden alle Menschen in den Gräbern seine Stimme hören. Dann kommen alle Menschen aus den Gräbern. Menschen, die Gutes getan haben, bekommen Leben. Menschen, die Böses getan haben, kommen ins Gericht.</p>
</blockquote>
<p>Ich glaube, es braucht auch diesen letzten Satz. Vom Gericht. Auch wenn wir da nicht so gerne darüber reden.</p>
<p>Der Abbruch, den der Tod ins Leben bringt, hat ja auch manches unvollständig gelassen. Enttäuschung ist an vielen Stellen geblieben. Vergebung konnte nicht mehr ausgesprochen werden. Dinge konnten nicht mehr in Ordnung gebracht werden. Der Tod raubt uns auch die Chance, das gut zu machen, was bisher gescheitert ist. Der Tod entzieht auch manchen der Gerechtigkeit. Wir bleiben auf dem bitteren Nachgeschmack so manchen Übels sitzen.</p>
<p>Gott lässt das nicht so stehen.</p>
<p>Nein, Gott nicht. Er will doch Gutes. Er will doch Frieden. Er will doch Gerechtigkeit. Er will, dass Leben blüht und gedeiht.</p>
<p>Nein, Gott wird das nie so stehen lassen.</p>
<p>Deshalb braucht es diesen Satz. Nicht als Drohung. Sondern als <strong>Trost</strong>. Als Zusage, dass Gott hinsieht. Dass er nichts übersieht. Dass er nichts unter den Teppich kehrt. Dass er sich allem stellt, was unerledigt geblieben ist.</p>
<p>Gottes Gericht ist nicht die Fortsetzung unserer Angst. Gottes Gericht ist die Vollendung seiner Liebe. Es ist der Moment, in dem alles ans Licht kommt. Auch das, was dir wehgetan hat. Auch das, was kaputtgegangen ist. Auch das, was schiefgelaufen ist. Auch das, was du nie wieder gutmachen konntest. Da kommt alles zur Sprache – und Gott spricht Wahrheit. Eine Wahrheit, die heilt. Und eine Wahrheit, die zurechtbringt, was wir nicht mehr in Ordnung bringen konnten. Gott macht alles heil, was zerbrochen ist.</p>
<p>Darum steht der letzte Satz dieses Predigttextes nicht gegen dich. Er steht <strong>für</strong> dich. Er sagt dir: Gott lässt dich nicht allein mit dem Unrecht, das dir geschehen ist. Gott lässt dich nicht allein mit dem Unrecht, das du anderen angetan hast. Gott bringt Licht in das Dunkel. Und das Licht ist gut. Das Licht ist Leben.</p>
<p>Deshalb darfst du Hoffnung haben. Auch heute. Wie die Adventskerzen, die wir ab nächsten Sonntag anzünden. Mitten im Dunkel. Auch mitten in der Trauer. Auch mitten in allem, was noch nicht gut ist. Die neue Zeit von Gott ist nicht nur fern. Sie ist jetzt schon da. Und sie wird kommen – ganz. Voll. Sichtbar.</p>
<p>Wenn wir gleich die Namen der Menschen hören, die im vergangenen Jahr gestorben sind, dann tust du das nicht allein. Gott hört jeden Namen. Gott kennt jede Geschichte. Gott kennt jeden Schmerz. Und er kennt jede Liebe, die in dir lebt und die dich heute hierher gebracht hat.</p>
<p>Und wenn er ruft, dann ist das stärker als der Tod.</p>
<p>Du darfst hören:</p>
<blockquote>
<p><strong>Verlass dich darauf. Die Zeit kommt. Und sie ist jetzt schon da.</strong></p>
</blockquote>
<p>Gott ruft.</p>
<p>Er ruft dich.</p>
<p>Er ruft die, die du vermisst.</p>
<p>Er ruft ins Leben.</p>
<p>Und wer ihn hört, wird leben.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Der Tod reißt Löcher in unser Leben. Zurück bleiben Stille, Fragen und ein Schmerz, der oft lange bleibt. Jesus spricht Worte die tragen – jetzt schon. Sie öffnen einen Weg vom Tod zum Leben. Hoffnung, mitten in der Trauer.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gottes Antwort auf den Tod</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Alles kommt ans Licht</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/alles-kommt-ans-licht/</link>
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        <pubDate>Sun, 16 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn alles ans Licht kommt, kann das Angst machen. Aber was passiert, wenn dieser Blick Gottes der Blick Christi ist? Eine Predigt über Wahrheit, Gericht – und überraschende Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Von Gott geliebte, hört, aus der Hiobdichtung, aus dem 14. Kapitel des Hiobbuchs. Der, der redet, ist Hiob, der Leidende, im Gespräch mit seinen Freunden, die versuchen, sein Leiden zu erklären und ihn zu trösten. Hört, was er sagt:</p>
<blockquote>
<p>Jeder Mensch kommt als vergängliches Wesen zur Welt. Er lebt nur kurze Zeit. Sein Leben ist voller Sorgen. Jeder Mensch ist wie eine Blume. Er blüht kurz und verwelkt. Er ist wie ein Schatten. Er bleibt nicht lange. Gott, du schaust genau auf den Menschen. Du hältst Gericht über mich. Wer kann aus Schmutz etwas Sauberes machen? Niemand kann das.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott, du hast die Lebenszeit des Menschen bestimmt. Du hast sein Lebensalter begrenzt. Er kann es nicht überschreiten. Gott, schau weg von ihm. Lass ihn in Ruhe. Er soll sich auf sein Lebensende freuen können – wie ein Arbeiter auf den Feierabend.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich wünschte: Du versteckst mich in der Welt der Toten. Du hältst mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist. Und wenn dein Zorn vorbei ist, denkst du an mich. Du wirst mich rufen. Ich werde dir antworten. Du wirst Sehnsucht nach mir haben. Du hast mich gemacht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich wünschte: Jetzt überwachst du jeden Schritt. Aber du beachtest meine Fehltritte nicht. Ich wünschte: Du packst meine Fehler weg. Du versteckst meine Schuld. (Hiob 14,1-6.13.15-17; von mir in leichte Sprache übertragen).</p>
</blockquote>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.&quot;</p>
<p>Offenbar. Aufgedeckt. Was verborgen war, wird sichtbar. Auch die kleinsten Details. Alles kommt ans Licht. Schonungslos.</p>
<p>Der leidende Hiob weiß, wer er ist. Er kennt sich ja. Ein vergänglicher Mensch. Klein und unbedeutend. Weit weg von Vollkommenheit. Fehlerhaft. Vergänglich. Jeder Fehltritt ist ihm schmerzlich bewusst.</p>
<p>&quot;Gott sieht alles&quot;--das ist kein Trost in seinem Leid. &quot;Gott sieht alles&quot;--das scheint ihm geradezu der Kern seiner Not zu sein. Gott weiß um deine Fehler. Gott weiß um dein Versagen. Gottes Blick auf dich sieht auch die kleinsten Details. Ein greller Scheinwerfer auf das, was du lieber versteckt halten würdest.</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl...&quot;</p>
<p>Hiob fühlt sich ausgeliefert. Nackt und hilflos vor Gottes Blick. Ein Richter, der streng hinschaut und nichts übersieht, was schiefgeht.</p>
<p>Es ist ein Blick, der keinen Abstand lässt. Ein Blick, der alles durchdringt. Ein Blick, der nicht müde wird. Nicht freundlich. Nicht weich. Nicht tröstlich. Für Hiob fühlt sich dieser Blick an wie ein Messer. Er schneidet durch alle Schichten hindurch. Er zeigt, was er selbst nicht mehr sehen will. Seine Müdigkeit. Seine Wut. Seine Zweifel. Seine Schuld. Der Blick Gottes trifft ihn genau dort, wo er am verletzlichsten ist. Er spürt: <em>„Ich kann nichts verstecken. Ich kann nichts retten. Ich kann mich nicht verteidigen.“</em></p>
<p>Gerichtsangst.</p>
<p>So fühlt sich das für Hiob an. Wie ein Gericht, das längst begonnen hat. Noch bevor ein Wort gesprochen wurde. Noch bevor irgendetwas erklärt ist.</p>
<p>Es ist, als ob jemand das Tagebuch seines Lebens aufschlägt. Jede Seite. Jeden Eintrag. Jedes Wort, das er unbedacht gesagt hat. Jede Entscheidung, die falsch war. Jede Versäumnis. Jeder Moment, in dem er nicht genug war.</p>
<p>Hiob denkt: <em>„Gott sieht mich. Gott kennt mich. Gott hält mir alles vor.“</em> Dieser Gedanke macht ihn klein. Er drückt ihn zu Boden. Er nimmt ihm die Luft.</p>
<p>Gerichtsangst heißt: Du stehst im Licht. Keine Schatten mehr. Keine Ausreden mehr. Kein Ausweg.</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl...&quot;</p>
<p>Vielleicht sitzt du heute hier mit einem schlechten Gewissen, weil du jemanden verletzt hast, weil du etwas versäumt hast oder weil du nicht da warst, als dich jemand brauchte – und dann trifft dich dieser Satz vom Richterstuhl Christi wie ein Schlag, weil du denkst: Gott hat das alles gesehen, und ich kann nichts mehr verstecken.</p>
<p>Vielleicht gehörst du zu denen, die eigene Fehler nicht loslassen können, obwohl andere längst vergeben haben, und du trägst ein inneres Archiv mit Momenten, die dir peinlich sind oder die du bereust – und der Gedanke an Gottes Blick macht dir Angst, weil du dich fragst, ob Gott dich mit diesen alten Lasten überhaupt wollen kann.</p>
<p>Vielleicht spürst du die Angst vor dem Älterwerden, vor Krankheit oder dem Ende des Lebens, und du merkst, wie Kräfte schwinden und Wege kürzer werden – und der Satz vom Offenbarwerden trifft dich ins Herz, weil du dich fragst, wie Gott dich sieht, wenn du schwächer wirst und nichts mehr leisten kannst.</p>
<p>Gerichtsangst.</p>
<p>Fehler, Versagen. Zu kurz gekommen sein.</p>
<p>Gott sieht alles. Was sieht er bei mir?</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl...&quot;</p>
<p>Hiob würde sich am liebsten verstecken. Im Totenreich, so stellt er sich das vor. An einem Ort, ganz weit weg, wo nicht einmal Gott hinkommt. Eine Pause, eine Auszeit von diesem Blick. Vielleicht kennst du das auch, wenn du am liebsten ein Loch graben würdest unter deinem Stuhl und dich drin verstecken.</p>
<p>Wenn doch nur irgendwann sein Blick vorüberginge.</p>
<p>Von Gott geliebte Menschen in Gäufelden, wir kommen da nicht drum herum: Wir sind vergänglich. Wir sind verletzlich. Wir sind unvollkommen. Wir machen Fehler. Wir sind nicht fertig, nicht perfekt. Das kann man nicht wegdichten. Nicht wegreden--auch nicht mit einem schnellen Sprung hinein ins Happy End, ins Evangelium. Wir müssen es aushalten, dass das Leben so ist. Unser Leben. Mein Leben. Wir müssen es aushalten, dass die Wahrheit nicht schön ist. Gerade heute, an diesem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, wenn nachher allerorts die Gedenkfeiern sind zum Volkstrauertag. Wenn wir sehen, wozu Menschen fähig sind. Was wir anrichten, mit den Fehltritten unseres Lebens. Mit gut gemeint und schlecht gemacht. Mit der Konzentration auf das Eigene, auf das, was mir jetzt am Nächsten liegt, was ich zu brauchen glaube.</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden...&quot;</p>
<p>Das tut weh.</p>
<p>&quot;Ich wünschte: Du packst meine Fehler weg. Du versteckst meine Schuld.&quot;</p>
<p>Diese Sehnsucht ist ehrlich. Und sie ist alt. Sie zieht sich durch die ganze Bibel. Auch Psalm 50 spricht davon. Da tritt Gott selbst auf. Als Richter. Da redet Gott mit kräftiger Stimme. Nicht weichgespült. Nicht harmlos. Gott sagt: Ich bin nicht blind. Ich bin nicht stumm. Ich sehe, was ihr tut. Ich sehe das Gute. Ich sehe das Schlechte. Ich sehe, wenn ihr einander weh tut. Ich sehe, wenn ihr euch selbst etwas vormacht. Ich sehe, wenn der Schein größer ist als die Wahrheit.</p>
<p>Das tut weh. Weil wir uns darin wiederfinden.</p>
<p>Gott hält uns einen Spiegel vor. Um uns wachzurütteln. „Ich rede mit euch, weil ihr mir nicht egal seid.“ Gott will Wahrheit. Keine Opfer. Keine frommen Sprüche. Kein Alibi. Sondern ein ehrliches Herz. Ein Leben, das sich nicht versteckt. Ein Leben, das sich wieder zu Gott hinwendet.</p>
<p>&quot;Rufe mich an in der Not.&quot;</p>
<p>Kein Urteilsspruch. Eine Einladung.</p>
<p>Gott ruft uns ins Licht – nicht um uns zu vernichten. Sondern um uns zu retten. Gottes Gerichtsblick ist ein Blick, der zur Wahrheit führt. Und Wahrheit ist nicht gegen uns. Wahrheit ist der Ort, an dem Heilung beginnt.</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl...&quot;</p>
<p>...Christi!</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!&quot;</p>
<p>Die Hiobdichtung kommt mitten aus dem Leben. Da bleiben die großen Fragen oft unbeantwortet. Da bleibt die Spannung unaufgelöst stehen. Es gibt kein einfaches Happy End--vielleicht auch gut so. Das wird der Realität ja nicht gerecht.</p>
<p>Und doch muss ich als Christ heute weiter schauen. Muss suchen, wie Luther meint, &quot;was Christum treibet&quot;. Ohne Evangelium bleiben wir trostlos.</p>
<p>Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.</p>
<p>Ist das am Ende gar eine gute Nachricht?</p>
<p>Ja – wenn wir auf das letzte Wort hören.</p>
<p>Denn der Richter, vor dem wir offenbar werden, hat einen Namen: <strong>Christus</strong>. Das ändert alles!</p>
<p>Der, der uns anschaut, ist Gott selbst, der doch in Christus unseren Platz einnahm--hier, auf der Seite des unvollkommenen Lebens. Hier, in all unserer Fehlerhaftigkeit, in Vergänglichkeit, in unserer Schuld.</p>
<p>Das ändert alles.</p>
<p>Der, der uns ansieht, ist nicht ein unbarmherziger Richter. Der, der uns ansieht, ist derselbe, der Menschen geheilt hat. Der dieselben müden Augen gesehen hat wie Hiob. Der dieselbe Scham gespürt hat, dieselben Tränen, dieselbe Angst vor Versagen. Der sich zu Menschen gesetzt hat, die sich selbst aufgegeben hatten. Der niemanden weggeschickt hat, der ehrlich zu ihm kam.</p>
<p>Der, der uns ansieht, ist der, der hier vom Kreuz herunterblickt. Der gebetet hat, &quot;Vater, vergib ihnen.&quot; Das ist sein Urteil über die Welt. Nicht: &quot;Du Versager!&quot;. Sondern: &quot;Mein Leben, für dich!&quot;</p>
<p>Der, der uns anschaut, ist doch der, der unsere Vergänglichkeit auf sich nahm. Der unseren Tod starb. Der hinabstieg in das Totenreich, um zu zeigen: Du kannst dich nicht verstecken vor Gott. Du musst dich nicht verstecken vor Gott! Es ist kein Ort, kein Zustand, kein Lebensumstand mehr ohne Gott, weil er sich hineinbegibt in Christus selbst in die gottverlassensten Ecken unserer Existenz, nicht um uns fertigzumachen--sondern: Um uns heil zu machen. Um uns Leben zu bringen!</p>
<p>Der Richter, vor dem wir offenbar werden, ist der, der uns beim Namen ruft – wie Maria am Ostermorgen. Der, der den verlorenen Sohn nicht zur Rechenschaft zieht, sondern in die Arme nimmt. Der Petrus nicht auf seine Fehler festlegt, sondern ihm neue Verantwortung gibt. Der Thomas nicht ausschließt, sondern seine Zweifel berührt. Der die Frau am Jakobsbrunnen nicht beschämt, sondern ihr neues Leben zuspricht.</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!&quot;</p>
<p>So sieht Christus dich an. So sieht Christus mich an. So sieht Christus uns an: mit einem Blick, der nicht vernichtet, sondern verwandelt.</p>
<p>Ich glaube, vor Christus kommt alles ans Licht. Da siehst du dich genau. Wer du bist. Was du getan, gedacht und versäumt hast. Alles. &quot;Offenbar werden.&quot; Ich glaube, da kommt ans Licht, wer du sein könntest. Was in dir drin steckt. Welches Potential da wäre, wenn Gottes Schöpfung in dir sich entfaltet, Leben gewinnt, ans Licht kommt und blüht. Die Wahrheit ist: Da sieht man dann auch alles, was nicht so ist, wie es sein sollte.</p>
<p>Und Gott--nimmt dich trotzdem an. Durch Christus. DAS ist Evangelium.</p>
<p>Gericht heißt bei Christus nicht Abrechnung, sondern Wahrheit in Liebe. Heilende Wahrheit. Befreiende Wahrheit. Wahrheit, die sagt: <strong>Du musst dich nicht mehr verstecken. Ich kenne dich – und ich lasse dich nicht.</strong></p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!&quot;</p>
<p>Gericht beginnt da, wo du ans Licht kommst. Da sieht man, wer du bist. Und wer du sein kannst. Und dann wirst du &quot;gerichtet&quot;. Krummes wird gerade. Flecken werden sauber. Dunkles wird hell.</p>
<p>Gott schenkt dir Leben. So, wie er es versprochen hat. Christus in dir!</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!&quot;</p>
<p>Und das letzte Wort, das Urteil, ist schon gesprochen: Habt ihr denn sein &quot;Ja&quot; in der Taufe vergessen? Habt ihr denn nicht mehr im Ohr, dass er in Christus längst gesagt hat, wie er es mit uns hält?</p>
<p>&quot;Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!&quot;</p>
<p>Aber wir werden offenbar vor dem, dessen Herz weit genug ist, alles auszuhalten, was wir sind. Vor dem, der unsere Schuld nicht festhält, sondern trägt. Vor dem, der unsere Vergänglichkeit teilt und unser Leben erneuert. Vor dem, der uns ansieht wie Menschen, nach denen Gott – wie Hiob sagt – Sehnsucht hat.</p>
<p>Darum kann sein Blick auf uns nicht der Grund der Angst sein – sondern der Anfang der Hoffnung.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn alles ans Licht kommt, kann das Angst machen. Aber was passiert, wenn dieser Blick Gottes der Blick Christi ist? Eine Predigt über Wahrheit, Gericht – und überraschende Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Leben im Blick Gottes</itunes:subtitle>
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        <title>...so ich dir</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/so-ich-dir/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/so-ich-dir/</guid>
        <pubDate>Sun, 09 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wie du mir, so ich dir. Dieser Satz richtet viel Unheil an. Wie Gott mir, so ich dir: Gottes Reich beginnt da, wo menschliche Logik endet. Aus dem Kreislauf der Vergeltung wird der Sieg der Barmherzigkeit.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Hört zu, ihr, die Gott liebt–Worte von Jesus Christus, aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 6. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Hört mir gut zu. Ich sage euch: Wenn ihr Feind:innen habt, liebt sie. Wenn Menschen euch hassen, tut ihnen Gutes. Wenn Menschen euch verfluchen, segnet sie. Wenn Menschen euch schlecht behandeln, betet für sie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn dir jemand eine Ohrfeige gibt, halt auch die andere Backe hin. Wenn dir jemand den Mantel wegnimmt, gib ihm auch das, was du drunter hast. Wenn dich jemand um etwas bittet, gib es. Wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Stellt euch vor: Ihr liebt nur die, die euch auch lieben. Ist das etwas Besonderes? Das tun Menschen auch ohne Gott. Stellt euch vor: Ihr tut nur denen Gutes, die euch auch Gutes tun. Ist das etwas Besonderes? Das tun Menschen auch ohne Gott. Stellt euch vor: Ihr leiht nur denen etwas, von denen ihr auch etwas wollt. Ist das etwas Besonderes? Auch ohne Gott behandeln Menschen einander so.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber liebt eure Feind:innen. Tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erwarten. Dann werdet ihr reich belohnt. Gott, der Höchste, macht euch zu seinen Kindern. Wenn Menschen undankbar oder böse sind, bleibt Gott selbst freundlich zu ihnen. Gott, euer Vater, ist barmherzig. Werdet auch barmherzig – so wie er.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Verurteilt niemanden. Dann wird Gott euch auch nicht verurteilen. Sucht nicht die Schuld bei den anderen. Dann wird Gott auch bei euch keine Schuld suchen. Vergebt anderen. Dann wird Gott euch auch vergeben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gebt. Dann gibt Gott euch auch. Er gibt euch reichlich, großzügig und viel. Denn Gott geht mit euch so um, wie ihr mit anderen umgeht. (Lukas 6,27-38; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Anna unterrichtet mit Herzblut. Aber ihre Kollegin Frau Meier kritisiert ständig Kleinigkeiten. Eines Tages denkt Anna: Na gut, dann sag ich eben auch mal, was mir bei ihr nicht passt. Seitdem reden sie nur noch das Nötigste miteinander. Die Stimmung im Lehrerzimmer kippt.</p>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Herr Brenner parkt wieder halb auf Frau Schmidts Grundstück. Sie schiebt am nächsten Tag die Mülltonne genau vor seine Einfahrt. Er beschwert sich lautstark, sie ruft zurück – und so wächst aus zwei kleinen Gesten ein richtiger Zaun zwischen ihnen, unsichtbar, aber spürbar.</p>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Thomas arbeitet im Büro. Sein Chef meckert ständig über Nebensächlichkeiten. Thomas denkt: Wenn der so mit mir redet, geb ich mir halt keine Mühe mehr. Die Fehler häufen sich, der Chef wird noch gereizter. Ein stiller Kreislauf beginnt.</p>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Sabrina wartet darauf, dass ihr Mann ihr endlich wieder mal zuhört. Er sagt: Du bist doch selbst ständig am Handy. Sie zieht sich zurück, redet weniger – und er versteht erst recht nicht, was los ist.</p>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Online schreibt jemand unter Markus’ Beitrag einen bissigen Kommentar. Markus antwortet sarkastisch, der andere legt nach. Innerhalb von Minuten ist aus einer Meinungsverschiedenheit ein Schlagabtausch geworden, der niemandem guttut.</p>
<p>Wie du mir, so ich dir.</p>
<p>Das ist ein Reflex, den wir alle kennen. Hilfreich ist er nicht. Er richtet viel Schaden an. Er friert Beziehungen ein.</p>
<p>Am Ende haben wir... Feind:innen.</p>
<p>&quot;Stimmt doch gar nicht&quot;, denkst du. &quot;Feind:innen habe ich keine.&quot;</p>
<p>Aber wenn man genauer hinsieht, steckt hinter Jesu Worten nicht unbedingt die Vorstellung eines <em>Kriegsgegners</em> oder <em>Todfeindes</em>, sondern das, was Beziehungen zerstört: Abgrenzung. Groll. Verachtung. Kälte. Misstrauen. Verletzung.</p>
<p>Wenn du keine &quot;Feind:innen&quot; hast, kennst du vielleicht trotzdem Menschen, mit denen du nicht mehr reden kannst. Menschen, die dir etwas angetan haben – oder die du meidest, weil sie dich nerven oder dir wehgetan haben. Menschen, bei denen der Kontakt abgebrochen ist. Menschen, bei denen du denkst: Mit denen kann man einfach nicht mehr. Oder auch „Gruppen“: politische Gegner:innen, Nachbar:innen, Kolleg:innen, ganze Menschengruppen, auf die du herabschaust oder die du für „die anderen“ hältst.</p>
<p>Wenn Jesus von &quot;Feind:innen&quot; redet, weitet sich mein Blick. Er konfrontiert mich mit der Tendenz, andere aus meinem Herzen auszuschließen.</p>
<p>Vielleicht hast du keine Feind:innen im großen Sinn. Aber du kennst Menschen, die dir schwerfallen. Menschen, bei denen du innerlich zumachst. Genau da will Jesus ansetzen.</p>
<p>&quot;Wie du mir, so ich dir&quot; hilft da nicht.</p>
<p>Im Gegenteil: Es macht alles noch schlimmer.</p>
<p>&quot;Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.&quot;</p>
<p>Wie ich es von dir erwarte, so ich dir.</p>
<p>Das nennen wir die goldene Regel. Die ist stark. Das ist, positiv formuliert, mehr als nur &quot;Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu.&quot; Positiv formuliert: Es beginnt mit meinem Handeln. Ich vermeide nicht nur Dinge, die ich auch nicht will. Ich warte auch nicht das Handeln der Anderen ab. Ich gehe von mir aus auf sie zu.</p>
<p>Das ist stark. Das könnte die Welt verändern.</p>
<p>&quot;Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.&quot;</p>
<p>Die goldene Regel.</p>
<p>Anna unterrichtet mit Herzblut. Sie weiß, dass Frau Meier oft nörgelt. Trotzdem lobt sie sie bei der Teamsitzung für eine gute Idee im Unterricht. Frau Meier lächelt überrascht – und bleibt an diesem Tag still.</p>
<p>Herr Brenner parkt oft schief. Frau Schmidt weiß das und stellt ihre Mülltonnen am Abend extra so, dass er besser rangieren kann. Am nächsten Morgen grüßt er freundlich über den Zaun.</p>
<p>Thomas arbeitet im Büro. Er bringt seinem Chef morgens einen Kaffee mit, einfach so. Der Chef sagt tatsächlich „Danke“ – und meckert den ganzen Tag kein einziges Mal.</p>
<p>Sabrina weiß, dass ihr Mann oft müde heimkommt. Sie deckt den Tisch, macht das Handy aus und hört ihm zu, bevor sie etwas von sich erzählt. Der Abend wird ruhig und gut.</p>
<p>Markus schreibt regelmäßig freundlich unter die Beiträge anderer, auch wenn er nicht einer Meinung ist. Wenn er selbst etwas postet, bekommt er fast immer faire, ehrliche Antworten.</p>
<p>So entsteht die Haltung der goldenen Regel: Nicht warten, bis etwas schiefläuft. Sondern tun, was ich mir selbst wünsche. Vorher. Freiwillig. Von mir aus.</p>
<p>&quot;Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.&quot;</p>
<p>Das ist keine neue Erfindung. Matthäus zitiert Jesus, der das als Zusammenfassung des ganzen Gesetzes Israels sieht: &quot;... denn das ist das Gesetz und die Propheten.&quot; (Mt 7,12). Überall auf der Welt sind Menschen mit etwas Nachdenken darauf gekommen, dass unser Zusammenleben so besser funktioniert. &quot;&quot;Keiner von euch ist ein gläubiger Muslim, bis er für seinen Bruder das Gleiche wünscht, was er sich selbst wünscht.&quot;, heißt es im Islam. „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.“ im Talmud (Talmud, Schabbat 31a). Konfuzius wusste: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an.“ (Gespräche 15,23). Ähnliche Gedanken finden sich im Buddhismus – Lehren, die dazu einladen, anderen nicht zu schaden und sich dieser Haltung ein Leben lang anzunähern.</p>
<p>&quot;Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.&quot;</p>
<p>Wie ich es von dir erwarte, so ich dir.</p>
<p>Das ist stark. Das ist logisch.</p>
<p>Die Welt wird besser, wenn das alle tun.</p>
<p>Und wenn nicht?</p>
<p>&quot;Hört mir gut zu.&quot;, sagt Jesus. &quot;Wenn ihr Feind:innen habt, liebt sie. Wenn Menschen euch hassen, tut ihnen Gutes. Wenn Menschen euch verfluchen, segnet sie. Wenn Menschen euch schlecht behandeln, betet für sie.&quot;</p>
<blockquote>
<p>Wenn dir jemand eine Ohrfeige gibt, halt auch die andere Backe hin. Wenn dir jemand den Mantel wegnimmt, gib ihm auch das, was du drunter hast. Wenn dich jemand um etwas bittet, gib es. Wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Stellt euch vor: Ihr liebt nur die, die euch auch lieben. Ist das etwas Besonderes? Das tun Menschen auch ohne Gott. Stellt euch vor: Ihr tut nur denen Gutes, die euch auch Gutes tun. Ist das etwas Besonderes? Das tun Menschen auch ohne Gott. Stellt euch vor: Ihr leiht nur denen etwas, von denen ihr auch etwas wollt. Ist das etwas Besonderes? Auch ohne Gott behandeln Menschen einander so.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber liebt eure Feind:innen. Tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erwarten. Dann werdet ihr reich belohnt. Gott, der Höchste, macht euch zu seinen Kindern. Wenn Menschen undankbar oder böse sind, bleibt Gott selbst freundlich zu ihnen. Gott, euer Vater, ist barmherzig. Werdet auch barmherzig – so wie er.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Verurteilt niemanden. Dann wird Gott euch auch nicht verurteilen. Sucht nicht die Schuld bei den anderen. Dann wird Gott auch bei euch keine Schuld suchen. Vergebt anderen. Dann wird Gott euch auch vergeben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gebt. Dann gibt Gott euch auch. Er gibt euch reichlich, großzügig und viel. Denn Gott geht mit euch so um, wie ihr mit anderen umgeht. (Lukas 6,27-38; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Hier wird es radikal. Jesus fordert mich auf, auch dann liebevoll zu handeln, wenn andere das nicht tun. Wenn sich daraus keine realistische Erwartung auf eine Besserung ergibt. Jesus fordert mich auf, es besser zu machen als die, die mir schaden. Das Reich Gottes beginnt, wo menschliche Logik aufhört.</p>
<p>&quot;Liebt eure Feind:innen.&quot;</p>
<p>In den Händen der falschen Menschen wird dieser Satz zur gefährlichen Waffe. Ein Satz, der die Opfer zwingt, sich den Täter:innen zu beugen.</p>
<p>Das wäre zynisch. Wenn man von den Opfern des 9. November verlangt, ihre Feind:innen zu lieben, macht man die Täter:innen noch einmal mächtig. Man verschiebt die Schuld. Es wäre, als müsste eine jüdische Familie den Nazis vergeben, die ihre Synagoge niedergebrannt und ihre Angehörigen ermordet haben. Als läge die Verantwortung für Versöhnung bei denen, die gelitten haben. Das wäre nicht Liebe, sondern Gewalt in frommen Worten. Jesu Satz ist kein Appell an die Opfer, sondern eine Zumutung an die Täter:innen – und an alle, die nicht selbst leiden, sondern handeln können.</p>
<p>&quot;Liebt eure Feind:innen.&quot;</p>
<p>Dieser Satz hat nur seinen Platz, wenn er freiwillig aus der Mitte der Opfer kommt. Jesus kann das sagen, weil er selbst zu den Opfern gehört. Er spricht nicht von oben herab, nicht als moralischer Lehrer in Sicherheit, sondern als einer, der selbst unterdrückt wird. Das Land, in dem er lebt, steht unter römischer Besatzung. Soldaten kontrollieren die Straßen, steuern das Volk aus der Ferne, nehmen sich, was sie wollen. Viele Menschen leben in Angst, unter Gewalt und Ausbeutung. Wenn Jesus in so einer Situation sagt: „Liebt eure Feind:innen“, dann redet er nicht den Mächtigen das Wort. Er stellt sich auf die Seite der Ohnmächtigen. Er nimmt ihre Erfahrung ernst – und verwandelt sie. Er zeigt einen Weg, der die Gewalt nicht fortsetzt. Er selbst geht diesen Weg bis zum Kreuz. Dort wird er nicht zum Täter, sondern bleibt Liebe – auch im Leiden. Darum darf er das sagen. Nur darum.</p>
<p>&quot;Liebt eure Feind:innen.&quot;</p>
<p>Ist das denn überhaupt zumutbar? Machbar? Können Menschen das schaffen?</p>
<p>&quot;Gott, euer Vater, ist barmherzig.&quot;, sagt Jesus. &quot;Werdet auch barmherzig – so wie er.&quot;</p>
<p>Das ist der Schlüsselsatz in dem Ganzen. Ohne den bekomme ich das nicht hin. Nur wer sich von Gott bedingungslos angenommen, geliebt, wertgeschätzt und beschenkt weiß; nur wer Gottes Erbarmen an sich selbst unverdient erlebt hat, der kann diese Haltung auch an andere weitergeben.</p>
<p>&quot;Gott, euer Vater, ist barmherzig.&quot;, sagt Jesus. &quot;Werdet auch barmherzig – so wie er.&quot;</p>
<p>&quot;Liebt eure Feind:innen.&quot;</p>
<p>Wie Gott mir, so ich dir.</p>
<p>Anna unterrichtet mit Herzblut. Frau Meier kritisiert sie weiter – in der Konferenz, auf dem Flur, manchmal sogar vor den Schüler:innen. Anna atmet tief durch. Sie beschließt, ihr am nächsten Tag einen Kaffee mitzubringen. Kein Kommentar, kein Vorwurf, einfach eine freundliche Geste. Frau Meier schaut irritiert, sagt aber leise „Danke“. Es ist kein Frieden, aber ein Anfang.</p>
<p>Herr Brenner parkt wieder halb auf Frau Schmidts Grundstück. Sie könnte jetzt wieder die Mülltonne vor seine Einfahrt stellen. Stattdessen bringt sie ihm die Post, die der Wind in seinen Garten geweht hat, und sagt freundlich: „Ich hab’s zufällig gesehen.“ Er nickt kurz, etwas verlegen. In ihr ist Ruhe.</p>
<p>Thomas sitzt im Büro. Der Chef meckert, wie immer. Thomas weiß, dass der Mann unter Druck steht. Er antwortet ruhig: „Ich verstehe, dass das gerade viel ist.“ Später bringt er ihm den Bericht trotzdem pünktlich – ohne Trotz, ohne stille Rache. Es ist nicht gerecht, aber es ist gut.</p>
<p>Sabrina hat sich vorgenommen, die Kälte zwischen ihr und ihrem Mann nicht weiterwachsen zu lassen. Als er abends müde heimkommt und wieder kaum redet, legt sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich bin da“, sagt sie nur. Er hebt kurz den Blick. Kein großes Gespräch, aber etwas taut auf.</p>
<p>Markus bekommt wieder einen spöttischen Kommentar unter seinem Beitrag. Diesmal schreibt er nicht zurück. Stattdessen klickt er auf das Profil des anderen – und sieht, dass dieser vor kurzem einen schweren Verlust geteilt hat. Markus schreibt ihm eine persönliche Nachricht: „Ich wünsche dir Kraft. Das klang schwer.“ Einen Tag später kommt ein einfaches „Danke“.</p>
<p>&quot;Liebt eure Feind:innen.&quot;</p>
<p>Wie Gott mir, so ich dir.</p>
<p>Diese Geschichten sind keine Held:innengeschichten. Niemand wird dabei stark, niemand gewinnt. Aber genau das ist das Wunder: Liebe, die nicht aus der eigenen Kraft kommt, sondern aus Gottes Erbarmen. Sie rechnet nicht auf, sie erwartet nichts zurück. Sie lässt sich nicht vom Verhalten der anderen bestimmen. Sie trägt Spuren von Gottes Reich in unsere Welt hinein – leise, unscheinbar, aber echt. So beginnt das Neue: Wo jemand den Kreislauf des „Wie du mir, so ich dir“ unterbricht, weil Gott ihn oder sie zuerst geliebt hat.</p>
<p>Wie Gott mir, so ich dir.</p>
<p>Das kann die Welt verändern.</p>
<p>Darin zeigt sich unsere trotzige Hoffnung.</p>
<p>Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wie du mir, so ich dir. Dieser Satz richtet viel Unheil an. Wie Gott mir, so ich dir: Gottes Reich beginnt da, wo menschliche Logik endet. Aus dem Kreislauf der Vergeltung wird der Sieg der Barmherzigkeit.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Vom Kreislauf der Vergeltung zur Kraft der Barmherzigkeit</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>14:40</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Re-Formatio</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/re-formatio/</link>
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        <pubDate>Fri, 31 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Stell dir vor: Das Evangelium ist die Form, die unser Leben prägt. Wo Glaube das Leben immer und überall durchdringt, da verändern sich Menschen, Kirche und Welt zum Guten.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Hört, von Gott Geliebte, aus dem Deuteronomiumbuch -- wir nennen es auch &quot;5. Mose&quot; -- aus dem 6. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Höre, Israel! Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR. Der HERR ist dein Gott. Liebe ihn mit deinem ganzen Herzen. Liebe ihn mit deiner ganzen Seele. Liebe ihn mit aller Kraft. Diese Worte gebe ich dir heute. Behalte sie in deinem Herzen. Denke oft daran. Lehre deine Kinder diese Worte. Rede davon, wenn du zu Hause bist. Rede davon, wenn du unterwegs bist. Rede davon, wenn du dich hinlegst. Rede davon, wenn du aufstehst. Binde diese Worte an deine Hand. Dann denkst du daran, was du tust. Trage sie auf deiner Stirn. Dann denkst du daran, was richtig ist. Schreibe diese Worte an deine Haustür. Schreibe sie auch an die Stadttore. Dann weißt du überall: Der HERR ist dein Gott. (Dt 6,4-9; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Was heißt denn eigentlich &quot;Reformation&quot;? Ganz wörtlich steckt da die &quot;Form&quot; drin. Es geht um ein Neu-Formen. Das &quot;Re-&quot; ist rückwärts gewandt. Ein &quot;Wieder-Formen&quot;, ein &quot;Wieder-Neu-Formen&quot;, eine Wiederherstellung einer ursprünglichen Gestalt also. Martin Luther selbst war der Begriff eher fremd. Erst Philipp Melanchthon und die nach ihm sprachen regelmäßig von der *reformatio ecclesiae,*der evangelischen Erneuerung der Kirche. Martin Luther verstand sich nicht als &quot;Reformator&quot;, sondern einfach als Prediger des Evangeliums. Er wollte keine neue Kirche gründen, sondern das &quot;alte Evangelium&quot; wieder ins Zentrum rücken -- wieder zur &quot;Form&quot; der Kirche machen. Prägend. Lebensstiftend. Verändernd.</p>
<p>&quot;Höre Israel!&quot; „Höre, Israel“ – so beginnt einer der wichtigsten Sätze der Bibel. Für unsere jüdischen Geschwister ist er bis heute Glaubensbekenntnis. Ein Satz, der alles zusammenfasst, worauf Glaube gegründet ist. Kein: &quot;Tu das!&quot; – kein: &quot;Glaube jenes!&quot; Sondern: &quot;Höre!&quot; Höre, weil Glaube nicht aus uns selbst entsteht, sondern weil Gott redet. Weil er uns anspricht – mitten im Alltag, in unseren Sorgen, Fragen, Hoffnungen.</p>
<p>„Höre, Israel! Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.“Das ist das Herzstück des Glaubens Israels – und zugleich die Mitte der Reformation. Denn auch Martin Luther hat neu entdeckt: Es gibt nur einen Grund, der trägt. Nur einen, der das Herz frei macht. Nur einen, auf den wir bauen können: Jesus Christus. Einen andern Grund kann niemand legen.</p>
<p>Darum feiern wir Reformation nicht als Rückblick, sondern als Einladung zum Heute: zum neuen Hören auf Gottes Wort, zum neuen Vertrauen, zum neuen Leben aus diesem einen Grund.</p>
<p>&quot;Höre, Gäufelden!&quot;, also.</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot; Als ob man das noch sagen müsste. Wir leben ja schließlich nicht im alten Orient, mit einem ganzen Pantheon, einer Vielgötterwelt. Oder?</p>
<p>Muss Gott sich seinen Platz in meinem Herzen nicht doch immer wieder neu erkämpfen? -- gegen Geld und Besitz, gegen Erfolg und Leistung, gegen Selbstdarstellung und Aufmerksamkeit, gegen Wissen, Technik und Kontrolle; gegen Beziehungen, die mir gut tun oder auch nicht; gegen Macht, Einfluss und Ideologien, gegen Bequemlichkeit und Konsum, gegen Traditionen und Gewohnheiten. Ja, am Ende vielleicht einfach gegen mich, der ich mich selbst so gerne als unabhängige Größe in den Mittelpunkt stelle?</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot; Das ist Glaube, der darauf vertraut, dass ich mich nicht selbst erlösen muss. Das tut gut, denn das könnte ich auch nicht.</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot; Das ist Glaube, der weiß, woran ich mich halten kann, wenn alles andere fällt. Das ist Glaube, der mir zeigt: Du bist wertvoll, weil Gott dich liebt. Nicht, weil du irgendetwas leistest. Das ist Glaube der Identität stiftet, ohne dazu erst eine große Bühne zu brauchen. Du bist gesehen--von Gott. Das ist Glaube, der anerkennt: Wissen ist gut--aber Weisheit beginnt mit Ehrfurcht vor Gott. Das ist Glaube, der erinnert: Kein Reich ist Gottes Reich, außer dem Seinen. Glaube, der zur Freiheit einlädt, statt zum Dauerkonsum.</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot; Das ist Glaube, der formt und verändert: &quot;Liebe ihn mit deinem ganzen Herzen. Liebe ihn mit deiner ganzen Seele. Liebe ihn mit aller Kraft.&quot; Da könnte man lange drüber nachdenken, was Herz und Seele und Kraft jetzt ausmacht. Aber eigentlich geht das gegen den Text. In der hebräischen Denkweise stehen diese Teile nämlich vor allem für das Ganze: &quot;Liebe ihn mit allem, was du bist. Ohne Ausnahme.&quot;</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot; Das ist Glaube, der das ganze Leben ergreifen soll. Und verändern.</p>
<blockquote>
<p>Diese Worte gebe ich dir heute. Behalte sie in deinem Herzen. Denke oft daran. Lehre deine Kinder diese Worte. Rede davon, wenn du zu Hause bist. Rede davon, wenn du unterwegs bist. Rede davon, wenn du dich hinlegst. Rede davon, wenn du aufstehst.</p>
</blockquote>
<p>Rede davon. Lebe davon. Lass dich formen davon. Immer und überall.</p>
<p>Dieser Glaube muss das Herz durchdringen. Er verändert, wie ich auf das Leben schaue und wie ich fühle. Glaube verändert, wie ich rede und kommuniziere: wertschätzend, wahrhaftig, zur Versöhnung bereit. Glaube verändert Gedanken und Maßstäbe, wenn ich mich an Gottes Maßstäben orientiere, statt an Angst oder Druck. Glaube verändert meine Arbeit, mein Engagement in Beruf, Schule und Ehrenamt. Glaube fragt: Tue ich, was dem Leben dient? Handle ich gerecht und verlässlich? Dieser Glaube verändert Familie und Beziehungen, wenn ich lerne, in Liebe, Geduld und gegenseitigem Respekt zu leben. Dieser Glaube kann unsere Gesellschaft verändern, wenn wir lernen, dass aus &quot;Anderen&quot; &quot;Nächste&quot; werden. Stellt euch vor, dieser Glaube verändert unseren Umgang mit Besitz und Geld; mit unserer Mit-Welt und Mit-Schöpfung. Stellt euch vor, wir lebten diesen Glauben auch online, in Medien und der digitalen Welt, wahrhaftig, respektvoll und achtsam...</p>
<p>&quot;Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.&quot;</p>
<p>Re-Formatio. Da verändert etwas seine Form. Dieser Glaube kann die Welt verändern.</p>
<p>Rede davon. Lebe davon. Lass dich formen davon. Immer und überall.</p>
<blockquote>
<p>Binde diese Worte an deine Hand. Dann denkst du daran, was du tust. Trage sie auf deiner Stirn. Dann denkst du daran, was richtig ist. Schreibe diese Worte an deine Haustür. Schreibe sie auch an die Stadttore.</p>
</blockquote>
<p>Die jüdische Gebetstradition nimmt das ganz wörtlich. Der Betende bindet sich diese Worte auf Arm und Stirn. Die Mesusa am Türrahmen trägt sie in sich. Aber die Idee des Textes geht viel weiter:</p>
<p>Hand, Stirn und Tür: Handeln, Denken und die Orte unserer Gemeinschaft--alle sollen durchdrungen werden von diesem Glaubensbekenntnis.</p>
<p>Die Hand steht für das, was wir tun: Arbeit, Hilfe, Handwerk, Pflege, Schreiben, Gesten.</p>
<p>Heute wären das vielleicht unsere Arbeitsplätze, Werkstätten, Pflegezimmer, Computer-Tastaturen, Smartphones, Gartengeräte – überall, wo unser Tun sichtbar wird. Glauben an der Hand heißt: Was ich tue, soll von Liebe, Gerechtigkeit und Respekt geprägt sein. Oder, reformatorisch gesagt: Glaube zeigt sich in der Tat – aber sie ist Frucht, nicht Voraussetzung der Gnade.</p>
<p>Die Stirn ist der Ort des Denkens, des Erinnerns und Entscheidens. Heute wäre das unser Kopf voller Gedanken – unsere Bildschirme, Zeitungsartikel, Podcasts, Diskussionen, Schul- oder Studienstuben. Glauben an der Stirn heißt: Ich lasse mich von Gottes Wort leiten, wenn ich urteile, rede, bewerte. Im reformatorischen Sinn: „Nimm das Wort in deinen Sinn, dass es dich verändert“ – sola scriptura.</p>
<p>Die Türpfosten markieren den Übergang von drinnen nach draußen, von Familie zu Gesellschaft. Heute sind das unsere Wohnungen, Familien, Küchentische, WhatsApp-Gruppen, Schulhöfe, Vereine – Orte, wo unser Glaube sichtbar wird, wo Kinder Fragen stellen, Nachbar:innen uns erleben. Glauben an den Türpfosten heißt: Hier wohnt jemand, der sich an Gott erinnert. Nicht durch fromme Sprüche an der Wand, sondern durch gelebte Güte, Verlässlichkeit, Versöhnungsbereitschaft.</p>
<blockquote>
<p>Dann weißt du überall: Der HERR ist dein Gott.</p>
</blockquote>
<p>Immer und überall. Glaube verändert die Welt. Das wäre was. Denn die Welt ist -- wie die Kirche, das wussten unsere Reformatoren -- *semper reformanda:*Immer aufs neue zu reformieren.</p>
<p>Re-Formatio. Alles verändert sich. Die Dinge werden wieder, wie sie sein sollen. Durchdrungen von Gottes Liebe. Geprägt vom Evangelium. Angefangen bei uns.</p>
<p>Re-Formatio. Ein Wunschtraum?</p>
<p>Ich denke nicht. Das Evangelium hat die Kraft, alles zu verändern. Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Beginnen wird das immer gleich. Glaube, das hat Martin Luther mit Paulus immer wieder betont, kommt aus dem Hören des Evangeliums.</p>
<p>Höre, Israel!</p>
<p>Höre, Gäufelden!</p>
<p>Hört, von Gott geliebte Menschen!</p>
<p>Hört und redet davon und lasst euch davon prägen und verändern.</p>
<p>Lasst dies euren Trost im Leben und im Sterben sein:</p>
<blockquote>
<p>Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(aus dem &quot;Heidelberger Katechismus&quot;)</p>
</blockquote>
<p>Höre, Israel! Unser Gott ist der HERR. Einzig und allein der HERR.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Stell dir vor: Das Evangelium ist die Form, die unser Leben prägt. Wo Glaube das Leben immer und überall durchdringt, da verändern sich Menschen, Kirche und Welt zum Guten.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wenn Glaube überall Form gewinnt</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Herzstillstand</title>
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        <pubDate>Sun, 19 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Zwischen Abraham, Rahab und dem Nebringer Gemeindehaus geht es um den Herzschlag des Glaubens – um Vertrauen, das nicht stehen bleibt, sondern handelt. Bip. Bip. Bip. Bip. – Der Glaube lebt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Hört, ihr, die Gott liebt: Worte aus dem Jakobusbrief, aus dem 2. Kapitel:</p>
<p>Was hilft es, wenn jemand sagt: „Ich glaube an Gott“, aber nichts tut? Kann dieser Glaube sie retten?</p>
<blockquote>
<p>Liebe Schwestern und Brüder, stellt euch vor: Jemand sagt: »Ich glaube an Gott.« Aber diese Person tut nichts Gutes. Dann frage ich euch: Was bringt dieser Glaube? Kann ein solcher Glaube retten?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Stellt euch vor: An eurem Ort lebt jemand, dem es sehr schlecht geht. Diese Person hat keine warmen Kleider und nicht genug zu essen. Dann sagt jemand aus eurer Kirchengemeinde: »Geh in Frieden. Ich wünsche dir, dass dir warm ist und du satt wirst.« Aber er hilft nicht. Er gibt nichts von dem, was gebraucht wird. Was nützt das?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So ist es auch mit dem Glauben: Wenn der Glaube nichts tut, ist er tot. Ein Glaube ohne Handeln lebt nicht wirklich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber jemand könnte sagen: »Du glaubst an Gott. Und ich tue gute Dinge. Zeig mir deinen Glauben – ganz ohne gute Taten! Ich zeige dir meinen Glauben durch das, was ich tue.«</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du sagst: »Ich glaube an den einen Gott.« Das ist nett. Aber sogar die bösen Geister glauben das – und es macht ihnen Angst. Du verstehst es immer noch nicht! Ein Glaube, der nichts tut, ist wertlos.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Denk an Abraham, unseren Vorfahren. Gott hat ihn gerecht genannt, weil er Gott gehorchte. Er war bereit, seinen Sohn Isaak auf den Altar zu legen. Daran kannst du sehen: Abrahams Glaube und sein Handeln gehörten zusammen. Erst durch das, was er tat, wurde sein Glaube ganz und stark. So ist das wahr geworden, was in der Bibel steht: Abraham glaubte Gott, und Gott fand ihn gut und richtig. Darum nennt die Bibel ihn einen Freund Gottes. Daran könnt ihr sehen: Ein Mensch wird bei Gott gut und richtig, wenn er handelt – und nicht nur glaubt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So war es auch bei Rahab. Sie war eine Frau, über die man schlecht redete. Sie nahm die Boten auf und half ihnen, heimlich auf einem anderen Weg zu fliehen. Weil sie das tat, fand Gott sie gut und richtig.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ein Körper ohne Atem ist tot. So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er nichts tut, ist er tot.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jakobus 2,14-26; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Er liegt im Bett, umgeben von Schläuchen. Maschinen und Bildschirme um ihn herum. Man erkennt ihn kaum noch.</p>
<p>Bip. Bip bip. ... Bip ... Bip ... Biiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.</p>
<p>Ein Alarm. Pfleger:innen kommen gerannt. Eine Ärztin. Es wird hektisch.</p>
<p>Biiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.</p>
<p>Irgendwann ist da nur noch dieser Ton. Bis jemand auf dem Schalter drückt. Dann: Stille.</p>
<p>Die Brust hebt und senkt sich nicht mehr.</p>
<p>&quot;Todeszeitpunkt...&quot;. Die Ärztin notiert.</p>
<p>Schweigend verlassen sie den Raum. Einer nach dem anderen.</p>
<p>Das Leben hat ihn zuerst verlassen.</p>
<p>Tot.</p>
<p>Drei Buchstaben.</p>
<p>Gar nichts mehr.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Irgendwo in der Levante. Ein heißer Tag. Der alte Patriarch sitzt vor dem Zelt. Er genießt die Kühle des Morgens. Er freut sich an seiner Umgebung. An dem Segen Gottes. An der Familie. Unglaubliches hat er erlebt. Den Auszug aus der Heimat. Das versprochene Land. Der langerwartete Sohn, endlich, als niemand mehr damit rechnen konnte. Gott meint es gut mit ihm.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Sein Glaube ist stark und fest. Wie sollte er auch nicht?</p>
<p>Bip. Bip. ... Bip bip. Bip. Bip.</p>
<p>Einen Moment lang hat sein Herzschlag ausgesetzt. Er hört von Gott, wie schon so oft. Aber er denkt, er hört nicht recht. &quot;Isaak? Mein Sohn?&quot;</p>
<p>Der Rest ist Geschichte. Wie er sich aufmacht, mit seinem Sohn. Obwohl es ihm schier das Herz zerreißt. Wie er den Altar baut. Das Feuerholz bereit legt. Wie Gott ihn stoppt, im letzten Moment -- er, bereit, den Sohn zu opfern für einen Gott, den er nicht versteht in diesem Moment. Was bleibt ihm denn noch, wen er Isaak hergibt?</p>
<p>Bip. Bip. ... Bip bip. Bip bip. Bip. Bip.</p>
<p>Zitternd. Flatternd. Aber er ist da: Der Herzschlag seines Glaubens. Das Vertrauen auf Gott, gestärkt durch die vielen Jahre des Wanderns mit Gott.</p>
<p>Und er wird nicht enttäuscht an diesem Tag. Alles wird gut. Gott ist doch der, den er kennt. Auf den er sich verlassen kann.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Jahre später. Jericho. Die Festungsstadt, an der Grenze. Im Schutz der mächtigen Mauern brummt das Leben. Auch bei ihr, im Haus an der Mauer. Rahab heißt sie. Als unverheiratete Frau ist sie etwas Ungewöhnliches in ihrer Kultur und ihrer Zeit. Die Erzählung legt nahe, dass es wohl eine Herberge gab bei ihr. Fremde Männer, eine alleinstehende Frau. Da gibt es schnell Gerüchte. Vielleicht sind sie ja auch wahr. Ohne den Mann, der Geld verdient, ist das damals oft das Einzige, was Frauen wie ihr bleibt.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Das hätte niemand zu hören geglaubt. An diesem Ort. Glaube? An den einen Gott, unbekannt bei ihren Leuten? An den Schöpfer des Himmels und der Erde?</p>
<p>Gehört hat man von ihnen, von dem Volk in der Wüste, das umherzieht, in der Hoffnung, Gott selbst ginge ihnen voran. Der ihnen ein Land versprochen hat. Jericho auch? Noch fühlt man sich sicher hinter den dicken Mauern. Lass sie doch kommen mit ihrem Wüstengott! Aber manche haben schon ein flaues Gefühl im Magen.</p>
<p>Die Männer, die jetzt bei Rahab einkehren, gehören wohl zu ihnen. Hätte man sie erwischt, dann ginge es ihnen an den Kragen.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Da vertraut jemand auf Gott, hier, an unerwarteter Stelle. Für die Kundschafter der israelitischen Armee wird sie zur Rettung. Für Generationen nach ihr wird sie zum Beispiel des Glaubens: Rahab. Die Frau aus Jericho.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Ihr Glaube lebt.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Ein grauer Vormittag in Nebringen. Die Sonne kämpft sich mühsam durch den Nebel. An der Mauer vor dem Gemeindehaus lehnt jemand. Eine alte Jacke, abgewetzt. Die Hände rot vor Kälte. Eine Plastiktüte mit ein paar Sachen.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Leute kommen vorbei. Manche nicken kurz. Andere schauen weg. Drinnen im Saal läuft die Vorbereitung für den Mittagstisch. Eine Ehrenamtliche sieht die Person draußen. Sie lächelt, winkt kurz. „Grüß Gott! Bleiben Sie warm, gell?“ Dann eilt sie weiter, in der Hand den großen Topf mit Suppe.</p>
<p>Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Ein anderer bleibt stehen. Kirchengemeinderat. „Wir beten für Menschen, die in Not sind.“, sagt er freundlich. Dann klingelt sein Handy. Er hebt ab. „Ich bin gleich da.“</p>
<p>Bip. ... Bip ...</p>
<p>Niemand fragt, ob die Person draußen etwas zu essen braucht. Niemand sagt: „Kommen Sie doch rein.“</p>
<p>Bip ...</p>
<p>Die Suppe duftet drinnen. Draußen sitzt jemand und friert.</p>
<p>Biiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.</p>
<p>Der Herzschlag des Glaubens – steht still.</p>
<p>Es ist alles da: Gemeindehaus, warme Suppe, gute Worte.</p>
<p>Aber das Leben – fehlt.</p>
<p>&quot;Stellt euch vor:&quot;, schreibt Jakobus. &quot;Ein Mensch bei euch hat keine warmen Kleider und nicht genug zu essen. Und jemand von euch sagt zu dieser Person: „Geh in Frieden, halt dich warm und iss genug!“ – aber ihr helft nicht, ihr gebt nichts von dem, was sie braucht. Was hilft das? So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er nichts tut, ist er tot.&quot;</p>
<p>Martin Luther hat sich furchtbar aufgeregt. So ein blöder Text! Eine &quot;stroherne Epistel&quot;, heißt das in gutem Lutherdeutsch, &quot;weil sie doch keine evangelische Art an sich hat.&quot; Am liebsten hätte er diese Worte ganz aus der Bibel geworfen. Ersatzweise reihte er sie deutlich weiter hinten in die Abfolge der Bücher ein. Vielleicht hat er gehofft, dass keiner so weit liest?</p>
<p>Der Glaube, ohne Handeln -- tot?</p>
<p>&quot;Sola fide&quot;, allein durch den Glauben, ist doch das Grundmotiv der reformatorischen Einsichten. Ist nicht das das Evangelium, dass Gott uns allein um Jesu Christi willen, &quot;sola gratia&quot;, aus lauter [unverdienter] Gnade -- denn nichts anderes heißt Gnade ja, als &quot;unverdient&quot; -- seine Gerechtigkeit zuspricht. Dass Gott uns für &quot;gut und richtig&quot; befindet, obwohl wir das gar nicht sind--einfach weil er aus Liebe auf Christus schaut, statt auf uns? Dass wir, die wir nichts *tun können,*um bei Gott gut dazustehen, auch nichts <em>tun müssen</em>, weil Christus schon alles dafür <em>getan hat</em>? Dass wir also -- Achtung! Passt auf! Haltet euch fest! Da kommt's! -- nur auf Christus <em>vertrauen müssen</em> (in anderen Worten: &quot;glauben&quot;) und unser Leben als von Gott Beschenkte leben?</p>
<p>Der Glaube, ohne Handeln -- tot?</p>
<p>Hat Jakobus denn nicht bei Paulus nachgelesen, wie es sich mit dem Glauben verhält?</p>
<p>&quot;Wir sind sicher:&quot;, Römer 3,28, &quot;Ein Mensch steht gut und richtig vor Gott, wenn er glaubt – nicht, weil er nach irgendwelchen Regeln handelt.&quot;</p>
<p>Der Glaube, ohne Handeln -- tot?</p>
<p>Puh. Durchatmen. Erst mal runterkommen.</p>
<p>Ich glaube, das widerspricht sich gar nicht.</p>
<p>Auch ein Jakobus wird nicht behaupten, dass man sich Gottes Zuwendung verdienen muss.</p>
<p>Nein: Umgekehrt wird ein Schuh draus. Versuchen wir's mal Schritt für Schritt.</p>
<p>Was ist denn &quot;Glaube&quot; noch mal ganz genau?</p>
<p>&quot;Zeig mir deinen Glauben!&quot;, lässt Jakobus einen fiktiven Gesprächspartner sagen. Und dann, ohne vorzeigbare Handlungen, wird es leicht ironisch: &quot;Du sagst: »Ich glaube an den einen Gott.« Das ist nett. Aber sogar die bösen Geister glauben das – und es macht ihnen Angst.&quot;</p>
<p>Viel zu viele halten Glauben für eine Zustimmung, ein Für-Wahr-Halten von irgendwelchen theologischen Lehrsätzen. &quot;Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen&quot;, heißt doch nicht, &quot;Ich halte es für richtig, dass es Gott gibt, den Vater, den Allmächtigen.&quot; Schaut, selbst wer Gott ablehnt, meint Jakobus, muss ja erst einmal davon ausgehen, dass es einen Gott gibt, den man ablehnen kann. Soll das Glaube sein?</p>
<p>Glaube--das kann man nicht genug betonen--ist zuallererst ganz anders: Ein Vertrauen auf Gott. Auf ihn kann ich mich verlassen. Immer und überall. Was er mir versprochen hat, gilt. Aus dieser Gewissheit zu leben--das ist Glaube.</p>
<p>&quot;Zeig mir deinen Glauben!&quot;, fordert der fiktive Gesprächspartner und Jakobus fragt zurecht: Was bringt denn meine Gewissheit, mein Vertrauen auf Gott, wenn es nicht im Leben irgendwo konkret wird?</p>
<p>Nein, ich muss mir Gottes Zuwendung nicht verdienen. Kann ich nicht. Muss ich nicht. Die hängt allein an Jesus Christus. Gott schenkt sie mir. Aus Gnade. Darauf kann ich mich verlassen.</p>
<p>Aber was heißt denn, &quot;darauf verlasse ich mich&quot;, ganz konkret, da, wo ich lebe.</p>
<p>Jakobus--und da ist er nicht allein--sagt: Das prägt dein Handeln. Das formt, was du tust und was nicht.</p>
<p>Dass Gott an deiner Seite ist, gibt dir Freiheit und Mut, wenn es drauf ankommt.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Schau, Glaube ist nämlich mehr als ein warmes Gefühl tief in dir drin. Glaube ist mehr als irgendwie ein bisschen Zuversicht.</p>
<p>Glaube beweist und bewährt sich genau, wenn es ernst wird. &quot;Where the rubber meets the road&quot;, sagt man auf Englisch. Wo das Gummi vom Reifen den Boden berührt.</p>
<p>Wenn die Kundschafter an die Tür klopfen. Wenn du vor Unmöglichem stehst. Wenn du Menschen begegnest, denen fehlt, was du hast.</p>
<p>&quot;Das ist gefährlich&quot;, denkt Rahab, als sie die Türe einen Spalt weit öffnet.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Ihr Gottvertrauen lebt. Und sie macht die Tür weit auf.</p>
<p>&quot;Das kann doch nicht sein&quot;, denkt Abraham, als er Gottes Stimme hört.</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Sein Glaube ist stark und fest. Er zögert. Er atmet. Und er macht sich auf den Weg.</p>
<p>&quot;Man kann ja nicht jedem helfen&quot;, denkt die Ehrenamtliche am Gemeindehaus. &quot;Und außerdem wird die Suppe kalt.&quot;</p>
<p>Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>Zum Glück habe ich die nur erfunden--nach einer Vorlage von Jakobus. Denn auch in Nebringen findet sich ja lebendiger Glaube. Worin wird deiner sich zeigen?</p>
<p>Bip. Bip. ... Bip Bip. ... Bip Bip.</p>
<p>Nicht immer ist Glaube nur stark und fest. Manchmal gerät er ins Schleudern. Manchmal fühlt man seinen Puls fast nicht mehr.</p>
<p>Was dann?</p>
<p>Glaube ist ein Geschenk. Bitte Gott, ihn dir neu zu schenken.</p>
<p>&quot;Glaube kommt aus dem Hören des Evangeliums&quot;, sagt Paulus. Hör neu hin, was Gott dir verspricht.</p>
<p>Und dann...</p>
<p>Bip Bip. Bip Bip. Bip. Bip. Bip. Bip.</p>
<p>... kann dein Glaube wieder aufleben. Und Leben verschenken. Mit vollen Händen. Im Vertrauen auf Gott, der dir gerne immer wieder gibt.</p>
<p>Das &quot;Bip. Bip. Bip. Bip.&quot; hört man in ganz Nebringen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Zwischen Abraham, Rahab und dem Nebringer Gemeindehaus geht es um den Herzschlag des Glaubens – um Vertrauen, das nicht stehen bleibt, sondern handelt. Bip. Bip. Bip. Bip. – Der Glaube lebt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wie Glaube (wieder) lebt</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>14:16</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Blühende Landschaften</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/bluehende-landschaften/</link>
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        <pubDate>Sun, 05 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was macht unsere Welt heil? Mehr Wohlstand? Mehr Regeln? Jesaja sagt: mit Teilen beginnt alles – mit Brot, mit Nähe, mit offenem Herzen. Und manchmal mit einem Stück Erdbeerkuchen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Von Gott geliebte Menschen, hört, aus dem Jesajabuch, aus dem 58. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nimm Menschen in dein Haus auf, die kein Zuhause haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gib Kleidung den Menschen, die frieren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sei für deine Verwandten da.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann geht dein Licht auf wie die Sonne am Morgen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deine Wunden heilen schnell.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deine Gerechtigkeit geht vor dir her.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Herrlichkeit von Gott folgt dir nach.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann rufst du zu Gott, und Gott antwortet dir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du schreist um Hilfe, und Gott sagt: Hier bin ich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn du aufhörst, Menschen zu unterdrücken.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn du aufhörst, mit dem Finger auf andere zu zeigen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn du aufhörst, böse Worte zu reden.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn du dein Leben mit Menschen teilst, die Hunger haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Wenn du Menschen hilfst, die in Not sind.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann strahlt dein Licht in der Dunkelheit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann wird es um dich hell wie am Mittag.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott führt dich immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch in der Wüste gibt er dir genug zu essen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er macht dich stark.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist wie ein Garten mit viel Wasser.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist wie eine Quelle, die niemals austrocknet.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Menschen aus deinem Volk bauen die alten Ruinen wieder auf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du stellst die Häuser und Mauern wieder her, die schon viele Generationen alt sind.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Man wird dich „Mauerbauer“ nennen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Man wird dich „Wegebauer“ nennen, der die Wege wieder zum Leben bringt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jesaja 58,7-12, von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Stell dir vor: Eine Demo.</p>
<p>Die Straßen sind voll von Menschen. Manche tragen bunte Fahnen, andere halten Pappschilder in die Höhe. Auf den Transparenten steht: <em>„Wohnen ist Menschenrecht“</em>, <em>„Kein Kind soll hungrig sein“</em>, <em>„Arbeit muss zum Leben reichen“</em>. Lautstark fordern sie: <em>„Solidarität statt Spaltung“</em>, <em>„Frieden jetzt – keine Aufrüstung“</em>. Trommeln geben den Takt vor, Rufe hallen durch die Stadt: <em>„Wir sind viele, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“</em>.</p>
<p>Neben ihnen laufen Gruppen junger Menschen mit Plakaten: <em>„Rettet das Klima“</em>, <em>„Hört auf die Wissenschaft“</em>, <em>„Es gibt keinen Planet B“</em>. Andere Schilder mahnen: <em>„Heizung, Essen, Wohnung – für alle bezahlbar“</em>, <em>„Kälte tötet“</em>, <em>„Stoppt die Ungerechtigkeit“</em>. Die Menge ist bunt gemischt: Familien mit Kindern, Rentner:innen mit Trillerpfeifen. Manche wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, zu hungern, zu frieren, keine Wohnung zu finden. Alle eint der Ruf: Es muss sich etwas ändern.</p>
<p>Die Unzufriedenheit ist groß in unserem Land. Die Unzufriedenheit gab es immer. Schon damals.</p>
<p>Stell dir vor: Eine Demo.</p>
<p>Die Menschen sind zurück in ihrer Heimat. Ich muss kurz ausholen. Das Jesajabuch der Bibel sammelt die Worte von mindestens 3 Propheten. Wir nennen die heute Proto-, Deutero- und Tritojesaja. Also sowas wie Jesaja I, II und III. Am Anfang finden sich Gerichtspredigten. Jesaja I ruft zur Umkehr, zum Leben nach Gottes Geboten. Sonst droht Schlimmes, mahnt er. Unheil. Krieg. Gefangenschaft im Exil. Und genauso kommt es: Babylon, die riesige Weltmacht, fällt im kleinen Staat Juda, dem Süden Israels ein und erobert das ganze Land. Zerstörung. Ruinen. Exil in der Ferne. Alles am Ende. Nein, nicht alles. Gott ist ja treu, auch wenn wir es nicht sind. Jesaja II spricht zu den Menschen im babylonischen Exil: Gott hat euch nicht vergessen. Gott bringt euch zurück in euer Land. Gott macht euch wieder heil. 70 Jahre vergehen. Dann geschieht das Wunder. Rückkehr. Ein neuer Anfang. Aber viele sind enttäuscht. Was sie vorfinden, entspricht nicht den romantischen Erinnerungen an früher. Entspricht schon gar nicht den Wunschträumen, den Hoffnungen, die sie in der Gefangenschaft hegten. Die Unzufriedenheit macht sich breit.</p>
<p>Sie hatten gehofft: Jetzt wird alles gut. Doch die Stadt liegt noch voller Trümmer. Die Felder bringen nicht genug hervor. Viele sind hungrig, viele haben kein Dach über dem Kopf.</p>
<p>Stell dir vor: eine Demo. Sie tragen einfache Schilder aus Holz und Stoff: <em>„Gott, warum siehst du uns nicht?“</em>, <em>„Wir fasten und beten – aber du antwortest nicht!“</em>. Die Menge ruft: <em>„Wo bleibt deine Gerechtigkeit?“</em>, <em>„Wir warten – und du schweigst“</em>.</p>
<p>Es sind Frauen mit Kindern, Männer mit müden Gesichtern, Alte, die schon den Weg ins Exil mitgemacht haben. Sie beklagen die Ungleichheit, die Härte, den Streit im Volk. Manche drängen und stoßen sich, andere schreien laut ihren Frust heraus. Sie sind enttäuscht: vom Leben, von der Gesellschaft, von Gott. Sie hatten sich eine neue Zeit erträumt – aber das Land ist nicht das verheißene Paradies. Es ist hart, ungerecht und voller Streit.</p>
<p>Auftritt Prophet. Jesaja III. Eine Antwort von Gott, die braucht es ja.</p>
<p>Der will gar kein Fasten, scheint es. Darauf kommt es Gott nicht an. Die Lösung sieht ganz anders aus, sagt Jesaja III (also &quot;Tritojesaja&quot;):</p>
<blockquote>
<p>So ein Fasten will Gott: Löst die Fesseln von Menschen, die Unrecht leiden. Nehmt den Menschen die Last von den Schultern. Lasst die Unterdrückten frei. Macht jede Art von Zwang zu Ende.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Jesaja 58,6; von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Befreiung. Entlastung. Ein Ende von Zwang und Unterdrückung.</p>
<p>Die Zuhörer:innen nicken sich zu. Klar, da können sie mit. Darauf können sich alle einigen. Sollen die mal machen, &quot;da oben&quot;.</p>
<p>Befreiung. Entlastung. Ein Ende von Zwang und Unterdrückung.</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot;</p>
<p>Da wird es ganz persönlich. Es ist einfach, alles auf &quot;die da oben&quot; zu schieben. Veränderung, weiß Jesaja III, fängt im Kleinen an. Unten. Bei uns.</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot;</p>
<p>Ob das auch für uns die Lösung sein könnte?</p>
<p>Ich persönlich bin ja gar kein großer Brotesser. Ich esse morgens Müsli mit Joghurt. Mittag was Warmes, gerne auch selbst gekocht, wenn die Zeit reicht. Abend schaue ich dann nochmal in die Töpfe, ob da nicht noch ein Rest drin ist. Oder ich mache mir noch ein paar Nudeln. Das klassische &quot;Vesperbrot&quot;, wie ich es aus meiner Jugend kenne, gibt es bei mir nur noch ganz selten.</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot;</p>
<p>Gestern war Pia Brot kaufen, mit Rebecca, meiner Frau. Das haben sie zumindest gesagt, als sie los gingen. Kurz darauf kam ein Foto, per WhatsApp, aus der Bäckerei. Pia, strahlend vor einem Stück Erdbeerkuchen. Erdbeerkuchen statt Brot. Das haben wir nämlich in unserem Land.</p>
<p>&quot;Wenn die Menschen kein Brot haben,&quot;, meinte Marie Antoinette kurz vor Beginn der französischen Revolution, als die arme Bevölkerung gegen den Hunger protestierte, &quot;warum essen sie dann keinen Kuchen?&quot;</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot;</p>
<p>Der Satz kommt aus einer anderen Zeit. Da war Brot das Grundnahrungsmittel Nummer eins. Da gab es jeden Tag Brot. Zu jedem Essen. Und nicht die dicken Laibe, die unser Bäcker heute bäckt. Ganz dünne Fladen, gebacken aus frisch gemahlenem Mehl auf dem heißen Stein. Eine Menge Arbeit für wenig Essen. Ein paar Oliven dazu vielleicht. Ein bisschen Ziegenkäse. Feigen. Datteln. Wenn man die hatte. Sonst eben nur Brot. Und manchmal nicht mal das. Die meisten lebten von Tag zu Tag, von der Hand in den Mund.</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot;, heißt nicht nur: &quot;Teile dein Brot.&quot; Du selbst kannst ja noch den Erdbeerkuchen essen. Es heißt: &quot;Teile, was du zum Leben hast.&quot; Teile das, was dir zur Verfügung steht. Alles. Ohne Einschränkung. Auch den Erdbeerkuchen. Die nächsten Sätze machen das klar:</p>
<blockquote>
<p>Nimm Menschen in dein Haus auf, die kein Zuhause haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gib Kleidung den Menschen, die frieren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sei für deine Verwandten da.</p>
</blockquote>
<p>Man könnte sagen: Sei bereit, dein Leben mit anderen zu teilen. Leb nicht nur für dich. Lebe in der Verbundenheit mit anderen.</p>
<blockquote>
<p>Dann geht dein Licht auf wie die Sonne am Morgen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deine Wunden heilen schnell.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deine Gerechtigkeit geht vor dir her.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Herrlichkeit von Gott folgt dir nach.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann rufst du zu Gott, und Gott antwortet dir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du schreist um Hilfe, und Gott sagt: Hier bin ich.</p>
</blockquote>
<p>...</p>
<blockquote>
<p>Dann strahlt dein Licht in der Dunkelheit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann wird es um dich hell wie am Mittag.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott führt dich immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch in der Wüste gibt er dir genug zu essen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er macht dich stark.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist wie ein Garten mit viel Wasser.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist wie eine Quelle, die niemals austrocknet.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Menschen aus deinem Volk bauen die alten Ruinen wieder auf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du stellst die Häuser und Mauern wieder her, die schon viele Generationen alt sind.</p>
</blockquote>
<p>Die Segensbilder in diesem Text sind reich. Sie malen uns vor Augen, wie es sein könnte. Ein Leben, eine Gemeinschaft, wie man sie sich wünscht. &quot;Schalom&quot; würde man das auf Hebräisch nennen. Und &quot;Friede&quot; übersetzt dieses Wort wirklich nur sehr unzureichend. Ein vollumfängliches Wohlergehen in der Fülle des Lebens, die Gott schenkt.</p>
<p>Irgendwie kamen sie mir auch bekannt vor, diese Bilder. Vor allem, als wir vorgestern 35 Jahre deutsche Einheit gefeiert haben. Da fiel mir ein, wo ich so etwas schon mal gehört hatte. Wer so alt ist, wie ich, der wird sich daran vielleicht noch erinnern. Ich zitiere es euch. Aus einer Fernsehansprache zu einem Festakt, am 1. Juli 1990, wenige Monate vor der Einheit. An dem Tag trat die Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der noch bestehenden DDR in Kraft. Die D-Mark galt jetzt überall. Ein strahlender Bundeskanzler Helmut Kohl wandte sich an alle, die ihm zuhören wollten: &quot;Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen,&quot;, versprach er, &quot;Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg; Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.&quot;</p>
<p>Blühende Landschaften. &quot;Du bist wie ein Garten mit viel Wasser. Du bist wie eine Quelle, die niemals austrocknet.&quot; Die Menschen bauen Ruinen wieder auf. Und so weiter. Immer wieder dieser alte Wunsch.</p>
<p>&quot;Teile dein Brot mit Menschen, die Hunger haben.&quot; Lebensmittel, Kleidung, Wohnung. Teilt das ganze Leben. Lebt es miteinander. Ihr gehört doch zusammen. Niemand ist alleine hier.</p>
<p>Vielleicht ist es das, was uns in den letzten 35 Jahren nur unzureichend gelungen ist?</p>
<p>&quot;Wenn du aufhörst, Menschen zu unterdrücken. Wenn du aufhörst, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wenn du aufhörst, böse Worte zu reden. Wenn du dein Leben mit Menschen teilst, die Hunger haben. Wenn du Menschen hilfst, die in Not sind. Dann strahlt dein Licht in der Dunkelheit.&quot;, sagt Gott durch Jesaja III. &quot;Dann wird es um dich hell wie am Mittag.&quot;</p>
<p>Mein Blick fällt hier vorne auf die reichen Erntegaben. &quot;Typisch Gott&quot;, denke ich. Der stellt gar nicht nur Bedingungen. Segen gibt es nicht nur am Ende, wenn wir alles richtig gemacht haben. Gott geht in Vorleistung. Er versorgt uns. Wie Jesus, der seinen Jüngern das Brot reicht, das sie an Tausende austeilen. Bei aller Unzufriedenheit haben wir wirklich nicht nur Grund, zu meckern, sondern erst einmal ganz viel Grund, zu danken. Uns geht es gut. Wir leben in einem der reichsten, sichersten, wohlhabendsten, besten Länder der Welt und es gab kaum jemals eine Zeit, in der es Menschen so gut ging wie uns hier heute.</p>
<p>Konsumiert das nicht nur allein, will uns Jesaja III zurufen. Lebt mit dieser Fülle als Menschen, die mit anderen verbunden sind. Nicht nur: &quot;Mein Haus, mein Auto, mein Erdbeerkuchen&quot;. Nehmt wahr, dass wir zusammengehören. Darin liegt erst der eigentliche Segen. Nicht in dem was wir haben. In dem, was wir gemeinsam sind. In dem, wie wir miteinander leben.</p>
<p>Du. Deine Familie. Deine Nachbarn. Dein Land.</p>
<p>Jesaja III wird noch für etwas ganz Revolutionäres bekannt werden. Über das bisherige Reden vom Bund Gottes mit Israel hinaus erweitert er das Heilsversprechen Gottes auf alle Menschen auf der ganzen Welt. Alle gehören dazu.</p>
<p>Du. Deine Familie. Deine Nachbarn. Dein Land. Dein Welt.</p>
<p>Dein Reichtum, deine Fülle, das, wofür du dankbar sein kannst, werden zum Segen für alle.</p>
<p>Wo es Menschen besser geht, sind wir alle gesegnet.</p>
<p>Könnte das dein &quot;Danke&quot; sein -- und der Anfang der Heilung unserer Gesellschaft, unserer Welt?</p>
<p>Stell dir vor: Keine Demo.</p>
<p>Ein Fest stattdessen, in einem blühenden Garten, einer blühenden Landschaft, einer besseren Welt. Ein Fest. Erntedank. Ein riesiger Tisch. Du teilst deinen Erdbeerkuchen und probierst vom Couscous deiner syrischen Nachbarin. Der Junge da drüben sieht gut aus in der Jeans, die mal bei dir im Schrank hing. Der Duft vom frisch gebackenen Brot liegt in der Luft und die Farben von Tomaten, Gurken, Kürbis und Zitronen. Überall hört man Lachen im Garten. Frieden, so plastisch, dass man ihn fast greifen kann.</p>
<p>Blühende Landschaften.</p>
<p>Sie beginnen mit einem Stück Brot. Oder Erdbeerkuchen. Einer Jeans aus deinem Schrank. Mit Zeit füreinander. Mit dem Abbau von Zäunen und dem Aufstellen von Tischen. Weil Segen gemeinsam viel besser schmeckt.</p>
<p>Segen ist nämlich das, was am Ende blüht.</p>
<p>Gott sei Dank dafür.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was macht unsere Welt heil? Mehr Wohlstand? Mehr Regeln? Jesaja sagt: mit Teilen beginnt alles – mit Brot, mit Nähe, mit offenem Herzen. Und manchmal mit einem Stück Erdbeerkuchen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Segen beginnt mit Brot und Erdbeerkuchen</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Löwengebrüll</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/loewengebruell/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/loewengebruell/</guid>
        <pubDate>Sun, 28 Sep 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Das Böse brüllt uns an – laut wie ein Löwe. Die Gefahr liegt auf der Hand. Aber das Böse hat nicht das letzte Wort. Wir haben nämlich Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede, von Gott dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>Hört mir zu, ihr, die Gott liebt: Worte aus dem 1. Petrusbrief in der Bibel, aus dem 5. Kapitel...</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Seid alle freundlich zueinander. Und seid bescheiden. Denn in der Bibel steht: Gott stellt sich gegen die Stolzen. Aber den Bescheidenen schenkt er seine Gnade.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deshalb: Seid bescheiden und ordnet euch Gott unter. Das heißt: Überlasst Gott eure Sorgen. Werft sie ihm hin. Er sorgt ja für euch. Zur richtigen Zeit richtet er euch auf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bleibt klar im Kopf. Passt gut auf! Der Teufel, euer Feind, ist wie ein brüllender Löwe. Er streift umher. Er sucht ein Opfer, das er auffressen kann.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Leistet ihm Widerstand. Bleibt fest im Glauben. Denkt daran: Andere Christ:innen in der Welt leiden genauso.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott schenkt alle Gnade. Er hat euch durch Christus gerufen. Ihr sollt zu seiner wunderbaren neuen Welt gehören. Die hört nie wieder auf. Jetzt leidet ihr eine kurze Zeit. Gott selbst richtet euch wieder auf. Er macht euch stark. Er gibt euch Kraft. Er stellt euch auf festen Grund.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott hat alle Macht – immer und ohne Ende.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Amen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(1. Petrus 5,5b-11; von mir in einfache Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Wenn ein Löwe und eine Tigerin ein Kind bekommen, ist das ein &quot;Liger&quot;. Andersherum heißt es &quot;Töwe&quot;. &quot;Wissen das die Welt nicht braucht&quot;, Folge 381. Habe ich zumindest gestern gelernt.</p>
<p>Töwe. Und Liger.</p>
<p>Irgendwie klingt das niedlich, finde ich. Und ich stelle mir so kleine flauschige Ligerkätzchen vor in der Wilhelma. Alle drängen sich vor dem Töwengehege, um die niedlichen kleinen Dinger zu sehen. Und zu fotografieren natürlich. &quot;Sind die süß&quot;, rufen alle. Am liebsten möchte man sie nach Hause nehmen. Und auf dem Wohnzimmerteppich mit ihnen spielen.</p>
<p>Einen ausgewachsenen Löwen möchte niemand im Wohnzimmer. Auch wenn die Haare noch so schön zottelig aussehen -- so richtig zum wuscheln. Wenn du ihn brüllen hörst, dann weißt du, was die Stunde geschlagen hat. Nichts mit Wuscheln! Rette sich, wer kann.</p>
<p>Im alten Orient, wo der Petrusbrief geschrieben wurde, kennt man die Löwen. Und fürchtet sie. Als gefährliche Einzelgänger, die hungrig nach Beute suchen. Wer ihnen zu nahe kommt, fällt ihnen zum Opfer. Ganze Dörfer machen sich auf zur Jagd, wenn ein Löwe die Gegend bedroht. Man braucht eine große Überzahl, um das Raubtier zu besiegen. Oft genug sind nicht alle von der Jagd nach Hause gekommen. Und im Kolosseum, dem großen Stadion in Rom, lässt man zur Belustigung der Menschen hungrige Löwen auf wehrlose Gefangene los: ein schauriges Schauspiel, und trotzdem sehen alle hin. Sensationslüstern.</p>
<p>Niemand will selbst einem Löwen begegnen.</p>
<p>&quot;Passt gut auf&quot;, schreibt Petrus.</p>
<p>&quot;Der Teufel, euer Feind, ist wie ein brüllender Löwe. Er streift umher. Er sucht ein Opfer, das er auffressen kann.&quot;</p>
<p>&quot;Glaubst du denn an den Teufel?&quot;, höre ich euch fragen. Nicht laut, aber leise vielleicht. Ich kann euch denken hören.</p>
<p>&quot;Glaubst du an den Teufel?&quot; Das ist die völlig falsche Frage. Haben wir doch heute schon unseren Glauben miteinander bekannt. Ich glaube an Gott, den Vater. Ich glaube an Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn -- als Mensch gekommen, für uns gestorben und von Gott zu neuem Leben auferweckt. Ich glaube an den Heiligen Geist, Gott in uns, der Gemeinschaft schafft und uns auch neues Leben gibt.</p>
<p>&quot;Glauben an&quot;, das hat doch eine ganz bestimmte Bedeutung. &quot;Ich glaube an...&quot; heißt: &quot;Ich lebe aus dem Grundvertrauen auf...&quot;. Natürlich glaube ich nicht an den Teufel.</p>
<p>&quot;Glaubst du, das es den Teufel gibt?&quot;, fragst du also. Um es kurz zu machen: Wenn du damit eine seltsame Gestalt mit Hörnern und Dreizack und spitzem Schwanz in rotem Gewand meinst, der gerne Feuer legt und nach Schwefel stinkt: Nein. Den kann ich hier nirgends wahrnehmen. Ich glaube aber gar nicht, dass das so persönlich gemeint ist. Dass &quot;das Böse&quot; nämlich die Welt mächtig im Griff hat und gewaltigen Schaden anrichtet, das sieht doch jeder, der bereit ist die Augen aufzumachen. Das ist doch keine Glaubensfrage, sondern schlicht und einfach die Realität: &quot;Unterschätzt nicht die Macht des Bösen!&quot;, höre ich Petrus sagen. &quot;Gefährlich wie ein hungriger Löwe auf der Suche nach Beute. Wer nicht aufpasst, verliert sein Leben!&quot;</p>
<p>Nein, das Böse ist nicht flauschig-niedlich. Das erlebt man viel zu oft in dieser Welt und nicht nur in schaurigen Geschichten aus der Ferne. &quot;Diabolos&quot;, so heißt der &quot;Teufel&quot; ursprünglich auf Griechisch, ist wörtlich der &quot;Durcheinanderbringer&quot;. Der &quot;Durcheinanderwerfer&quot; sogar.</p>
<p>Stell dir ein Puzzle vor, an dem du fleißig gearbeitet hast. 5.000 Teile, komplizierter Zuschnitt. Allein die Blautöne für den Himmel im Hintergrund! Stunden hast du damit zugebracht. Jetzt bist du fast fertig. Nur eine Handvoll Teile ist noch übrig. Da kommt einer und fegt dein ganzes Werk vom Tisch. Das schöne Kunstwerk liegt am Boden -- in tausend, nein, in 5.000 Teilen! Und während du entsetzt aufschreist und am Boden kniest und versuchst zu retten, was zu retten ist, zu ordnen, zu sortieren, wiederherzustellen, da kommt er wieder und tritt mitten hinein.</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Wo das Böse herrscht, wird Gottes schöne Welt zum Scherbenhaufen. Wo Menschen gut miteinander leben könnten, wo Harmonie und Frieden herrschen könnten in den Beziehungen, ist nur noch Chaos und Hass und Zerstörung. Ein Trümmerfeld. Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Wo das Böse regiert, bleibt am Ende nur Zerstörung.</p>
<p>Ein brüllender Löwe. Er streift umher. Er sucht ein Opfer, das er auffressen kann.</p>
<p>&quot;Leistet ihm Widerstand!&quot;, sagt Petrus. Der hat gut reden! Wie soll das denn gehen?</p>
<p>Jeder kann Faxen machen vor dem Löwenkäfig. Im Raubtierhaus in der Wilhelma klopfen manche übermütig an die Scheiben.</p>
<p>Aber: Wehe dem, den keine schützende Scheibe, kein Gitter, von der Macht des Bösen trennt!</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Vor einer Woche hat meine Kollegin Annette Behnken über ihn geredet, spät Abends, im &quot;Wort zum Sonntag&quot;. Sie hat den Diabolos hier in unserer Welt verortet, hat Hass und Häme im Internet und anderswo, Fake News und Rassismus, Sexismus und all die anderen &quot;-ismen&quot;, die &quot;Vergiftung der Seelen&quot;, klar beim Namen benannt. Ein paar ihrer Sätze haben es in rechte Medien geschafft. Sensationslüsterne Hetzseiten wie NIUS haben ihre Aussagen aus dem Kontext gerissen. Eine unglaubliche Welle des Hasses ergoss sich in den Kommentarspalten des Internets über sie. Wer sich auf ihre Seite stellte, wurde sozusagen gleich &quot;mit verhaftet&quot;. Mich hat es auch ein wenig erwischt. Als &quot;Terrorist&quot; bin ich diese Woche schon bezeichnet worden, als &quot;Mörder&quot; und als &quot;Antichrist&quot;, als &quot;Sargnagel der Kirche&quot;, der die Austritte noch befeuert und noch feiert, wenn evangelische Kirchen in Moscheen umgewandelt werden.</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Ich bin da noch harmlos davon gekommen. Wenn Petrus daran erinnert, dass Christ:innen anderswo genauso leiden, weiß ich, dass es vielen davon unendlich viel schlimmer ergeht als mir, der ich ein paar wüste Kommentare im Internet melden musste.</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Ist das die Welt, die wir Nola und Lilo, die wir unseren Kindern zumuten wollen?</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Was tun wir eigentlich, wenn das Böse entfesselt scheint?</p>
<p>&quot;Gott hat euch durch Christus gerufen&quot;, schreibt Petrus. &quot;Gott schenkt euch alle Gnade&quot;. &quot;Widerstand leisten&quot; heißt für ihn nämlich &quot;bleibt fest im Glauben&quot;. Also &quot;vertraut unbeirrbar auf Gott&quot;.</p>
<p>Denn, schaut, auch angesichts der Gewalt des Bösen glauben wir ja immer noch nicht an den Teufel. Wir glauben an Gott, der sich uns in Liebe zuwendet. Wir glauben an Jesus Christus, in dem Gott Mensch geworden ist. Gott hat sich hineinbegeben mitten in dieses Chaos, das das Böse anrichtet in seiner Schöpfung, seiner Welt. Gott hat es auf sich selbst genommen. Am Kreuz hat er in Christus all die Trümmer getragen. Er hat sich selbst zertrümmern lassen. Als Christus stirbt, am Kreuz, da findet Gott sich in den grausamsten Konsequenzen des Bösen mitten drin. Er zeigt uns: Es gibt keinen Raum, keinen Ort, keinen Zustand, in dem ich euch allein lasse. Ich bin da, angesichts der größten Finsternis. Es gibt keinen gottlosen Ort im Universum! Durch Christus hat Gott überall Einzug gehalten. Und dann hat er alles verwandelt. Denn Christus ist auferstanden. Wir sehen: Das Böse gewinnt nicht! Im Gegenteil: Es ist schon besiegt. Es ist schon gerichtet. Gott hat schon begonnen, alles neu zu machen. In Christus, so schreibt uns Paulus, hat er die kaputte, durcheinandergebrachte Welt mit sich versöhnt. In Christus schenkt er uns Zukunft. Am Ende wird er alles in allem sein. Kein Platz mehr für das Böse. Ich nehme die Jahreslosung des kommenden Jahres vorweg: &quot;Siehe, ich mache alles neu.&quot;</p>
<p>Wenn also der Löwe brüllt... Wenn ich dem Bösen ins Angesicht schaue, und sei es nur auf dem Bildschirm, im Internet... Wenn mich die Angst packen will und mir die Knie weich werden, wenn sich mein Magen umdrehen will und die Panik mir kalte Schauer über den Rücken jagt -- dann mache ich, was Petrus mir rät. Ich kann nicht die Welt retten. Muss ich auch nicht. Ich werfe es Gott hin. Ich überlasse es ihm. &quot;Er wird's wohl machen.&quot; Im Angesicht von Chaos und Hass schaue ich auf Christus, auf Gottes ausgestreckte Hand zu mir. Ich höre auf sein Versprechen, schon in der Taufe. Ich sehe auf das Kreuz, auf die Auferstehung, wo Hölle, Tod und Teufel besiegt sind. Ich beginne, seine Zukunft zu ahnen. Meine Zukunft. Unauslöschliches, unbegrenztes Leben, das kein Böses je zerstören kann.</p>
<p>&quot;Radikale Hoffnung&quot; nennt Annette Behnken das. Ich kann ihr nur zustimmen. Wir haben Hoffnung. Wir haben diese Hoffnung.</p>
<p>&quot;Radikale Hoffnung&quot;, das darf nicht nur ein Hashtag bleiben--ein Schlagwort ohne Inhalt. Es darf mein Leben verändern. &quot;Jetzt leidet ihr eine kurze Zeit&quot;, schreibt Petrus. Aber wer radikal auf Gott hofft, der erlebt das, wenn der Löwe brüllt:</p>
<blockquote>
<p>Gott selbst richtet euch wieder auf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er macht euch stark.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er gibt euch Kraft.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er stellt euch auf festen Grund.</p>
</blockquote>
<p>Vier Sätze. Als hätte einer nicht gereicht. Bam. Bam. Bam. Bam. Als wolle er es einhämmern, unauslöschlich, in mein zaghaftes Hirn: Bam. Bam. Bam. Bam. Wir haben Hoffnung.</p>
<p>&quot;Gott selbst richtet euch wieder auf.&quot; Wenn ihr gefallen seid, hebt er euch hoch. Er lässt euch nicht am Boden liegen.</p>
<p>&quot;Er macht euch stark.&quot; Er gibt euch Mut. Ihr könnt wieder weitergehen.</p>
<p>&quot;Er gibt euch Kraft.&quot; Ihr haltet aus, was schwer ist. Ihr bleibt nicht schwach.</p>
<p>&quot;Er stellt euch auf festen Grund.&quot; Er gibt euch sicheren Halt. Ihr wackelt nicht hin und her.</p>
<p>Das Böse kann euch nicht aus den Latschen hauen. Der Löwe kann euch nicht fressen. Wo ihr ihn hört, denkt ihr: &quot;Gut gebrüllt, Löwe. Aber ich höre nicht auf dich.&quot;</p>
<p>Ihr habt Hoffnung. Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Das Böse wird nie ein niedliches Kuscheltier sein. Aber es wird eines Tages gar nicht mehr sein. Was uns durch Christus blüht, was Gott uns verspricht, ist herrliches, echtes Leben dagegen.</p>
<blockquote>
<p>Haltet euch daran fest: &quot;Gott hat alle Macht – immer und ohne Ende.&quot;</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Amen.</p>
</blockquote>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Das Böse brüllt uns an – laut wie ein Löwe. Die Gefahr liegt auf der Hand. Aber das Böse hat nicht das letzte Wort. Wir haben nämlich Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Radikale Hoffnung im Angesicht des Löwen</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Unten an der Himmelsleiter</title>
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        <pubDate>Sun, 21 Sep 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Das Leben ist ein hartes Pflaster. Aber wer die Augen aufmacht, entdeckt den offenen Himmel – und Gott, der uns nicht im Stich lässt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>So erzählt das Genesisbuch, der ganz erste Teil der Bibel, den wir oft &quot;1. Mose&quot; nennen, im 28. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Jakob verließ die Stadt Beerscheba. Er ging nach Haran. Als die Sonne untergegangen war, kam er an einen Ort. Dort wollte er übernachten. Er nahm einen Stein. Er legte den Stein unter seinen Kopf. Dann legte er sich schlafen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jakob hatte einen Traum. Er sah eine Leiter. Die Leiter stand auf der Erde. Die Spitze der Leiter berührte den Himmel. Auf der Leiter gingen die Engel Gottes hinauf und hinunter.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Oben stand Gott selbst. Er sagte: „Ich bin der Herr. Ich bin der Gott deines Großvaters Abraham. Ich bin auch der Gott deines Vaters Isaak. Das Land, auf dem du liegst, gebe ich dir und deinen Nachkommen. Deine Nachkommen werden so viele sein, dass niemand sie zählen kann – so wie die Staubkörner auf der Erde. Sie werden sich überall ausbreiten. Durch euch sollen alle Menschen auf der ganzen Welt Segen erfahren – Gottes gute Geschenke.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich bin bei dir. Ich beschütze dich überall, wo du hingehst. Ich bringe dich wieder in dieses Land zurück. Ich verlasse dich nicht, bis ich alles getan habe, was ich dir versprochen habe.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Da wachte Jakob auf. Er sagte: „Wirklich – Gott ist an diesem Ort. Ich wusste das gar nicht!“ Und erschrocken: „Wow! Was für ein Ort! Gott wohnt hier. Hier ist der Himmel offen.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Am nächsten Morgen stand Jakob früh auf. Er nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte. Er stellte ihn als Erinnerung auf. Dann goss er Öl darüber (das war ein Zeichen: Dieser Stein gehört zu Gott). Er nannte den Ort Bet-El. Das heißt: „Gottes Haus.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Genesis 28,10-19a, von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Vermutlich hätte er sich ein weiches Kissen gewünscht. So ein Premium-Supra-Deluxe-Therapiekissen, das sich jeder Lebenslage ergonomisch anpasst. Mit Anti-Schnarch-Funktion und <em>Memory Foam</em> und dem Versprechen unbeschwerter Träume. Massagefunktion vielleicht sogar! Eine Stütze für den verspannten Nacken, gezeichnet vom Stress und den Sorgen der letzten Tage.</p>
<p>Ja, den hat er sich selbst zuzuschreiben: durch Lug und Betrug, durch Eigennutz und falsche Prioritäten im Leben. Nicht immer, wenn dich die Sorgen plagen, bist du nur das unschuldige Opfer. Manchmal hast du auch einfach dumme Entscheidungen getroffen.</p>
<p>Aber, egal, was dich letztlich an diesen Ort gebracht hat: Jetzt liegst du da, erschöpft und verspannt, nach anstrengenden Tagen und durchwachten Nächten. Du bräuchtest einfach nur Ruhe. Die Kräfte sammeln. Die Gedanken ordnen.</p>
<p>Ein weiches Kissen wäre schon viel: Weich und warm, gefüllt mit Daunen--nicht nur für den Kopf, sondern für die Seele. &quot;Hier bist du sicher. Hier kannst du zur Ruhe kommen.&quot; Frieden mit den anderen, mit der Familie und dir selbst. &quot;Morgen geht es schon besser. Nicht alles bleibt hart.&quot; Gestützt und getragen, einschlafen in Gottes Armen. Ein Kissen wäre perfekt gewesen.</p>
<p>Stattdessen findet er nur einen Stein.</p>
<p>Harte Realität statt weicher Geborgenheit.</p>
<p>Was wird das nur für eine Nacht?</p>
<p>Wen nimmt es denn wunder, dass er seltsame Träume hat?</p>
<p>Unruhig wälzt er sich auf seiner harten Unterlage. Unruhig ist alles in ihm. Kopf und Herz finden keine Ruhe.</p>
<p>Ob er es überhaupt merkt, dass er eingedöst ist? Wahrscheinlich geht die unruhige Realität direkt in die Traumwelt über. Der Steingrund (unter dem Mandelbaum?) wird zur Fundamentplatte für die Himmelsleiter, die plötzlich vor ihm steht. Engel steigen hinauf und hinab. Gott selbst erscheint. Ganz oben. Natürlich. Von oben ab spricht er in das aufgewühlte Leben hinein.</p>
<p>&quot;Ich bin der Herr...&quot;</p>
<p>Dir stockt der Atem.</p>
<p>Oben. Auf der Leiter. Von höchster Stelle, in deine vermurkste Lebenssituation hinein.</p>
<p>&quot;Ich bin der Herr.&quot;</p>
<p>Die deutschen Bibeln haben unterschiedliche Methoden gefunden, dieses Wort abzudrucken. &quot;Ich bin der Herr&quot; steht hier nämlich eigentlich wörtlich gar nicht. &quot;Adonaj&quot;, &quot;der Herr&quot;, wird hier nur beim Lesen gesprochen, nach jüdischer Tradition, aus Respekt, aus Ehrfurcht, um das Heilige nicht aussprechen zu müssen, das hier steht. &quot;Ich bin Jahwe&quot;, steht da. Der Gottesname. Ein Eintrag der Erzählenden aus einer ganz anderen Geschichte, viel später erst in der Tora. Eine andere Begegnung mit demselben Gott, als Mose vor dem brennenden Dornbusch steht. &quot;Jahwe&quot;, der &quot;Ich bin&quot;, als der sich Gott vorstellt. Nur ganz schwer zu übersetzen. Der Gott der &quot;ist&quot;, in der Zuwendung zu uns: &quot;Ich bin für euch da.&quot; Der Gott, der später Sklav:innen aus Ägypten befreit.</p>
<p>&quot;Ich bin der Gott, der für euch da ist.&quot;</p>
<p>Das klingt ganz anders, von oben auf der Leiter.</p>
<p>Zuwendung. Zuspruch. Verheißung:</p>
<p>&quot;Ich bin der Gott deines Großvaters Abraham. Ich bin auch der Gott deines Vaters Isaak. Das Land, auf dem du liegst, gebe ich dir und deinen Nachkommen. Deine Nachkommen werden so viele sein, dass niemand sie zählen kann – so wie die Staubkörner auf der Erde. Sie werden sich überall ausbreiten. Durch euch sollen alle Menschen auf der ganzen Welt Segen erfahren – Gottes gute Geschenke.&quot;</p>
<p>Alt-bekannte Worte. Sie sind quasi Jakobs Familiengeschichte. Die Worte des Abrahambunds. Nachkommen, Land, Segen und Gottes Treue.</p>
<p>&quot;Ich bin der Gott, der für euch da ist.&quot;</p>
<p>Von den Alten hat er das immer gehört. Vom Vater und vom Großvater. Er selbst hat mit eigenen Tricks versucht, sich in diese Segensreihe einzureihen. Gut gegangen ist das nicht: Jetzt flieht er um sein Leben.</p>
<p>&quot;Ich bin der Gott, der für dich da ist.&quot;</p>
<p>Dein Gott. Bei dir. Immer und überall.</p>
<p>Ich halte meine Versprechen.</p>
<p>Da wachst du verändert auf.</p>
<p>Der Ort, der Stein, die Mandelbäume. Alles um ihn herum sieht noch gleich aus. Sein Kissen ist immer noch so hart wie vorher. Der Nacken spannt noch schlimmer als am Abend und er ist immer noch auf der Flucht. Der Traum -- wie Träume halt so sind, ist plötzlich weg. Wie eine Seifenblase, die platzt. Und doch fragst du dich, ob das jetzt wirklich war. Und du meinst fast, die Abdrücke der Leiter noch im Boden zu sehen.</p>
<p>Jakob hat &quot;Gottes Spuren festgestellt&quot;, wie wir es in einem Lied singen.</p>
<p>Und das verändert alles.</p>
<p>&quot;Wow! Was für ein Ort!&quot;. Ich wünschte, ich könnte das Wortspiel im Hebräischen besser wiedergeben, das Staunen, Angst und Verwunderung zugleich ausdrückt.</p>
<p>„Wirklich – Gott ist an diesem Ort. Ich wusste das gar nicht!“ Und erschrocken: „Wow! Was für ein Ort! Gott wohnt hier. Hier ist der Himmel offen.“</p>
<p>Na ja: Der Ort ist immer noch derselbe. Historisch dürfte das Beitin sein, im heutigen Westjordanland, ein Vorort quasi von Ramallah. Von dort auf dem Hügel hat man einen schönen Blick ins Jordantal. &quot;Lus&quot; hieß der Ort damals, erzählt die Genesis. Übersetzt heißt das &quot;Mandelholz&quot;. Deshalb stelle ich mir dort Bäume vor. Ein ganz unspektakulärer Ort eigentlich. Mitten im Alltag eben. &quot;Normal&quot;, würden wir sagen. Die harte Realität.</p>
<p>Aber Gott hat Jakob die Augen geöffnet. Als er sich den Schlaf aus den Augen reibt, kann er die Himmelsleiter noch vor sich sehen. Hier berührt der Himmel die Erde.</p>
<p>Hier. Mitten im &quot;normalen&quot; Leben.</p>
<p>Hier. Wo es nicht nur die Härte des Steins war, die dir keine Ruhe ließ.</p>
<p>Hier. Wo du bist. Wo das Leben dich hingetrieben hat. Und, ja, vielleicht warst du selbst auch mit dran schuld.</p>
<p>Hier berührt der Himmel die Erde.</p>
<p>Hier lässt Gott seine Leiter herunter.</p>
<p>Er kann sie noch vor sich sehen, die Engel, die hier auf und nieder gehen.</p>
<p>Auf und nieder -- ist dir das aufgefallen? Die kommen ja nicht erst jetzt herunter. Jetzt, wo du schon so weit heruntergekommen bist. Quasi als letzte Rettung zu dir, hier auf deinem harten Stein. Wo man sich fragen könnte: Warum sind sie denn nicht schon früher gekommen?</p>
<p>Auf und ab steigen die Engel.</p>
<p>Auf erst. Die waren schon da, hier unten, bei dir. Auf dem harten Boden deiner Realität. Hier. In all dem Schlamassel, in dem du steckst.</p>
<p>Auf und ab steigen die Engel.</p>
<p>Die waren schon da in deinem Leben und tragen es hoch zu Gott, was dich bewegt. Hoch zu ihm.</p>
<p>Und sie kommen herunter. Gestärkt vielleicht? Beschenkt? Gesandt und beauftragt, hin zu dir?</p>
<p>Was für ein Ort! Hier ist der Himmel offen.</p>
<p>Da wacht man sicher ganz anders auf.</p>
<p>Auch wenn der Stein noch im Nacken drückt. Und die Mandelbäume noch dieselben sind.</p>
<p>Da wacht man ganz sicher ganz anders auf!</p>
<p>Für Jakob hat sich der Ort verändert.</p>
<p>Aus Lus, dem Mandelgehölz, wird &quot;Bet-El&quot;, das &quot;Haus Gottes&quot;. Der &quot;Ort, wo Gott wohnt&quot;.</p>
<p>Weil Gott da ist. Auch auf dem harten Stein.</p>
<p>Weil dort die Abdrücke der Himmelsleiter sind. Jakob kann sie noch sehen.</p>
<p>O, wenn wir doch auch viel öfter die Spuren Gottes hier bei uns entdeckten!</p>
<p>Stell dir vor, dein Wohnzimmer würde zum &quot;Ort, wo ich mit Gott reden kann&quot;.</p>
<p>Dein Arbeitsplatz zum &quot;Ort, wo Gott an meiner Seite steht&quot;.</p>
<p>Dein Krankenzimmer zum &quot;Ort, wo Gott mir Kraft schenkt&quot;.</p>
<p>Dein Klassenzimmer zum &quot;Ort, wo Gott mir Mut gibt&quot;.</p>
<p>Dein Auto zum &quot;Ort, wo mich Gott begleitet&quot;.</p>
<p>Dein Handy zum &quot;Ort, wo Gott mir gute Nachrichten schenkt&quot;.</p>
<p>Dein Chat zum &quot;Ort, wo Gott durch andere Menschen zu mir spricht&quot;.</p>
<p>Dein Streit mit den Nachbarn zum &quot;Ort, wo Gott Versöhnung schenkt&quot;.</p>
<p>Die Trauerfeier zum &quot;Ort, wo mir Gottes Hoffnung begegnet&quot;.</p>
<p>Wo du dich schlaflos auf der Matratze wälzt, wäre dann der &quot;Ort, wo Gott mir Frieden schenkt&quot;.</p>
<p>Dein ganzer Alltag ein &quot;Ort, wo der Himmel offen ist&quot;.</p>
<p>&quot;Bet-El&quot;. &quot;Gottes Haus&quot;. &quot;Gott ist an diesem Ort. Das wusste ich gar nicht!&quot;</p>
<p>O, wenn wir das doch mehr wüssten! Wenn wir's uns merken könnten!</p>
<p>O, dass dir Gott die Augen öffne (und mir auch) für seine Spuren,</p>
<p>da, wo wir sie am wenigsten vermuten!</p>
<p>Und unsere Lebensorte zu Begegnungen mit dem Himmel werden.</p>
<p>Mit Engeln an unserer Seite.</p>
<p>Und wenn du sie entdeckst, die Spuren...</p>
<p>Wenn Gott deine Augen öffnet für seine Engel um sich her...</p>
<p>Wenn du Abdrücke ahnst von Himmelsleitern und offenen Himmelstüren...</p>
<p>... dann mache es wie Jakob und stell einen Stein auf.</p>
<p>Schlag einen Pflock ein.</p>
<p>Markiere den Ort.</p>
<p>Mache die Erinnerung fest.</p>
<p>Setze ein Zeichen der Dankbarkeit, genau da, wo dir Gott nahe ist.</p>
<p>Schreib es in dein Tagebuch.</p>
<p>Mach ein Foto.</p>
<p>Hänge einen Zettel an deinen Kühlschrank.</p>
<p>Stelle es in deine Story.</p>
<p>Erzähl deinen Kolleg:innen davon, oder den Nachbar:innen, oder sonst wem.</p>
<p>Warum nicht hier in der Kirche?</p>
<p>Bring deine Dankbarkeit zum Ausdruck</p>
<p>und setze Hoffnungsanker.</p>
<p>Jakob hat immer wieder nach Bet-El zurückgeschaut.</p>
<p>Israel hat dort ein Heiligtum gebaut zu Gottes Ehre.</p>
<p>Du kannst dir Orte bauen, die dich erinnern (und andere),</p>
<p>dass Gott dich (dass Gott uns) nicht verlässt.</p>
<p>Hat er das nicht versprochen?</p>
<p>&quot;Ich bin bei dir. Ich beschütze dich überall, wo du hingehst. ... Ich verlasse dich nicht, bis ich alles getan habe, was ich dir versprochen habe.&quot;</p>
<p>Selbst in der härtesten Krise steht dir sein Himmel offen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Das Leben ist ein hartes Pflaster. Aber wer die Augen aufmacht, entdeckt den offenen Himmel – und Gott, der uns nicht im Stich lässt.</itunes:summary>
        
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        <title>Gelassenheit</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/gelassenheit/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/gelassenheit/</guid>
        <pubDate>Sun, 24 Aug 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>„Macht euch keine Sorgen!“, sagt Jesus. Nicht nur am Strand, sondern auch im echten Leben? Gelassenheit braucht Übung – und Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Predigten wie diese sollte man immer am Strand schreiben. Ich liege bequem im Liegestuhl und schaue in die Ferne. Weil ich an der Nordsee liege und nicht am Mittelmeer, lässt sich die Hitze gut aushalten. Das sanfte Rauschen der Wellen ist die Hintergrundmusik. Alle Sorgen des Alltags sind so weit weg wie der Horizont über dem unendlichen Blau. Möwen kreischen, Kinder lachen, der Sand ist warm, aber nicht zu heiß. Es ist Urlaub. Entspannung pur. Schon diese Szene – sie ist eine kleine Predigt über Gelassenheit. Ohne Worte. Nur da sein. Nur atmen. Nur sein dürfen.</p>
<p>Leider kann ich euch nicht mitnehmen in meinen Liegestuhl. Der ist auch längst wieder zugeklappt. Aber vielleicht klappt es ja auch heute hier mit der Entspannung und dann zu Hause mit der Gelassenheit. Eine &quot;Rückenschule&quot; hatten wir ja angekündigt. Also steht doch bitte mal auf, wenn ihr könnt.</p>
<p>Stellt euch locker hin. Die Füße etwa hüftbreit auseinander.</p>
<p>Die Arme hängen locker. Der Blick ist entspannt.</p>
<p>Jetzt spannen wir einmal bewusst den Körper an.</p>
<p>Die Hände zu Fäusten. Die Schultern hochziehen.</p>
<p>Das Gesicht anspannen. Alles ganz fest machen –</p>
<p>so, wie sich das manchmal anfühlt, wenn Sorgen da sind.</p>
<p>Und jetzt – beim Ausatmen – lassen wir alles los.</p>
<p>Hände öffnen. Schultern fallen lassen. Gesicht entspannen.</p>
<p>Noch einmal: Einatmen – anspannen. Alles fest.</p>
<p>Kurz halten.</p>
<p>Und beim Ausatmen: loslassen. Locker lassen.</p>
<p>Einfach so.</p>
<p>Ein drittes Mal, in eurem eigenen Atemrhythmus.</p>
<p>Anspannen. Halten. Loslassen.</p>
<p>Und jetzt einfach ruhig stehen bleiben.</p>
<p>Spüren, wie sich das anfühlt.</p>
<p>Gelassen. Wach. Offen.</p>
<p>Danke – ihr dürft euch wieder setzen.</p>
<p>Seid ihr entspannt? Bleibt ihr gelassen? Dann kommt jetzt ein Jesustext für euch. Teil der Guten Nachricht, wie sie Matthäus aufgeschrieben hat. Aus dem Text, den wir die &quot;Bergpredigt&quot; nennen. Aus dem 6. Kapitel von Matthäus' Buch.</p>
<blockquote>
<p>Macht euch keine Sorgen!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht um euer Leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht darum, was ihr essen oder trinken sollt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht um euren Körper.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht darum, was ihr anziehen sollt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das Leben ist wichtiger als das Essen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Der Körper ist wichtiger als die Kleidung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Schaut die Vögel am Himmel an!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie säen kein Getreide.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie ernten nichts.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sammeln keine Vorräte.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Und trotzdem versorgt Gott sie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ihr seid Gott doch viel wichtiger als die Vögel – ganz sicher!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gibt es jemanden von euch,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>der durch Sorgen sein Leben auch nur ein kleines Stück länger machen kann?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Eine Stunde länger vielleicht?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nein. Das kann niemand.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sorgen helfen nicht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Warum macht ihr euch Sorgen,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>was ihr anziehen sollt?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Schaut die Blumen auf dem Feld an!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie wachsen einfach.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie arbeiten nicht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie nähen sich keine Anziehsachen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich sage euch:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nicht einmal König Salomo,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>der so prachtvoll gekleidet war,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>hatte so schöne Sachen an</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>wie eine einzige dieser Blumen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott macht sogar das Gras schön.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das Gras wächst heute.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Morgen ist es schon weg.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann wird es verbrannt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber Gott kümmert sich trotzdem darum.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Meint ihr nicht:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott kümmert sich noch viel mehr um euch?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Vertraut ihm doch!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ihr habt so wenig Vertrauen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Macht euch also keine Sorgen!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Fragt nicht:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Was sollen wir essen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Was sollen wir trinken?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Was sollen wir anziehen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Menschen, die Gott nicht kennen,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>machen sich Sorgen um das alles.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber Gott, euer Vater im Himmel,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>weiß genau, was ihr braucht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sucht zuerst das Reich Gottes.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Tut das, was Gott richtig findet.</p>
</blockquote>
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<p>Dann wird Gott euch alles schenken,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>was ihr zum Leben braucht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Macht euch keine Sorgen um morgen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Morgen kümmert sich um sich selbst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Heute reicht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Heute hat genug Sorgen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Matthäus 6,25-34; von mir in leichte Sprache übertragen).</p>
</blockquote>
<p>Seid ihr entspannt? Bleibt ihr gelassen?</p>
<p>Bei Jesus klingt das alles ganz einfach. Und wenn man im Liegestuhl am Strand liegt und diese Worte hört, mit ruhiger Stimme gesprochen, während die Augen in die blaue Weite schweifen, auch.</p>
<p>Doch jetzt ist der Sonnenschirm zu und der Liegestuhl eingeklappt. Vom Urlaub zeugen nur noch die Wäscheberge und der Sand in Schuhen und Reisetaschen. Das Haus ist heiß, der Schlaf zu kurz und der fern geglaubte Alltag war schneller wieder da, als du die Haustür öffnen konntest. Auf dem Tisch stapelt sich die Post, die bearbeitet werden will. Es sind nicht weniger Rechnungen als vor dem Urlaub. Der Kühlschrank ist leer. Die Schulferien sind zwar noch lang, aber das Kind braucht dringend neue Schuhe. Der Pflegedienst hat angerufen. Ein Gespräch beim Arbeitgeber steht an. Der Zahnarzttermin ist überfällig. Die Pflege der Eltern oder der nächste Arztbesuch drängen sich ins Bewusstsein. Oder du weißt einfach nicht, wie du in diesem Herbst alles schaffen sollst – emotional, organisatorisch oder finanziell.</p>
<p>Für die, die noch zur Schule gehen oder studieren, sieht es auch nicht viel besser aus: Die Ferien sind zwar schön, aber im Hinterkopf lauern schon die nächsten Prüfungen, Hausarbeiten oder Nachprüfungen. Vielleicht musst du für einen Nebenjob früh aufstehen, während andere ausschlafen. Vielleicht weißt du noch gar nicht genau, wie es nach dem Abschluss weitergehen soll – Ausbildung, Studium, irgendwas mit Sinn, aber auch mit Sicherheit? Vielleicht fühlst du dich überfordert, weil alle anderen so zielstrebig wirken – und du einfach nur müde bist. Gelassenheit klingt da eher nach Ausrede als nach Lösung.</p>
<p>Und auch im Ruhestand ist nicht alles ruhig. Vielleicht macht dir dein Körper zu schaffen – das Herz, die Gelenke, der Schlaf. Vielleicht hast du Arzttermine, die dich mehr beschäftigen, als du zugeben willst. Vielleicht vermisst du Menschen, die nicht mehr da sind. Oder du fühlst dich allein, weil sich der Alltag verändert hat: Die Kinder haben ihr eigenes Leben, das Haus ist stiller geworden, und manches geht einfach nicht mehr so wie früher. Auch das kann Sorgen machen – leise, aber anhaltend.</p>
<p>Seid ihr noch locker? Alles entspannt? Bleibt ihr gelassen?</p>
<p>So unterschiedlich unser Leben auch ist –ob im vollen Beruf, im Studium, in der Schule oder im Ruhestand – die Sorgen kennen wir alle. Sie sind treue Begleiter. Manchmal laut, manchmal leise.</p>
<p>Sie wandern in den Körper. Sie setzen sich fest – in den Schultern, im Nacken, im Rücken. Der Kiefer ist angespannt, die Stirn gerunzelt. Der Atem wird flach, der Blick eng. Manchmal merkst du gar nicht, wie sehr du dich verspannst – bis du plötzlich Kopfschmerzen bekommst. Oder Rückenschmerzen. Oder Herzklopfen. Sorge ist wie ein unsichtbarer Rucksack, den du immer mit dir herumträgst. Manchmal leicht, manchmal bleischwer. Weil du ihn auch nachts trägst, schläfst du schlecht und wachst schon auf, als wärst du gerade einen Marathon gelaufen.</p>
<p>Locker? Entspannt? Gelassen?</p>
<p>&quot;Macht euch keine Sorgen!&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>&quot;Schaut die Vögel an.&quot; Ich denke an die Möwen vom belgischen Badestrand. Die bekommen wahrlich genug zu fressen--sogar belgische Pommes (die einzig wahren!) und Waffeln, mit Vanilleeis. Jeden Tag sind da neue Tourist:innen, die hertragen und dalassen, was die Möwen sich dann schmecken lassen. Dann ziehen sie ihre Runden im endlosen Blau des Strandhimmels. So lässt das Leben sich aushalten. Von Sorgen keine Spur.</p>
<p>&quot;Macht euch keine Sorgen! Schaut die Vögel an&quot;, sagt Jesus, &quot;und die Blumen.&quot;</p>
<p>Ich denke an die Blumen in den Dünen--Dünenrosen, Strand-Wolfsmilch und Strand-Tausengüldenkraut. Sie wachsen nicht auf fettem Boden. Der Wind pfeift ihnen um die Blüten, der Sand kratzt an ihren Blättern, manche liegen schief, vom Wetter gebogen. Und doch leuchten sie, zartrosa, gelb und blauviolett. Sie ducken sich nicht, sie jammern nicht. Sie blühen einfach – leicht und stolz, sorglos in der Sonne. Als wollten sie sagen: „Heute bin ich da. Und das reicht.“ Gelassenheit pur.</p>
<p>Ach, wenn ich eine Möwe wäre, die dem Alltag davonfliegen kann. Oder ein europäischer Meersenf, der selbst in krassen Herausforderungen stolz überlebt.</p>
<p>Mein Endgegner ist die Amygdala. Der etwa Mandelkern-grosse Teil meines Gehirns ist so etwas wie mein inneres Frühwarnsystem. Sie schlägt Alarm, wenn Gefahr droht--in nur 30 Millisekunden. Sie aktiviert Reflexe: Kämpfen oder fliehen – <em>fight or flight</em>. Das war früher sicher hilfreich, wenn der Säbelzahntiger kam. Heute reagiert mein Körper genauso – wenn eine Mail reinkommt, die Sorgen macht. Oder wenn ein Streit bevorsteht. Oder eine Diagnose: Die Muskeln spannen sich an, der Puls geht hoch, der Kopf kreist. Sorge ist Stress. Sorge ist Alarm.</p>
<p>&quot;Macht euch keine Sorgen.&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Ob der keine Amygdala hat?</p>
<p>&quot;Macht euch keine Sorgen!&quot;, sagt Jesus. &quot;Die Menschen, die Gott nicht kennen, machen sich Sorgen um das alles.&quot;</p>
<p>Könnte das für Christ:innen also anders sein?</p>
<p>&quot;Sucht zuerst das Reich Gottes. Tut das, was Gott richtig findet. Dann wird Gott euch alles schenken, was ihr zum Leben braucht.&quot;</p>
<p>Entspannung kann man tatsächlich üben. Gelassenheit kann man lernen. Die blitzschnelle Bewertung einer Situation und das, was sie mit mir macht, in Kopf und Körper, sieht ganz anders aus, wenn sich das Bild erweitert. Wenn nicht nur ein Problem zu sehen ist.</p>
<p>&quot;Sucht zuerst das Reich Gottes.&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Was suche ich denn da?</p>
<p>Das Reich Gottes ist Gottes neue Welt. Eine Welt voller Leben, Gerechtigkeit und Freude. Eine Welt ohne Angst, ohne Leid und ohne Tod. Eine Umgebung, noch schöner als der Strand im Urlaub. Ruhe, Gelassenheit. Frieden. &quot;Schalom&quot;, heißt das auf Hebräisch dann. Das kann man gar nicht mit nur einem Wort übersetzen. Völliges Wohlergehen aus der Geborgenheit bei Gott heraus.</p>
<p>Das Reich Gottes ist Gottes neue Welt. Das &quot;Suchen danach&quot; lenkt den Blick darauf, dass das jetzt nicht nur Jenseits-Vertröstung ist. &quot;Klar geht es euch hier schlecht, aber am Ende wird alles gut.&quot; Oder so.</p>
<p>Das Reich Gottes ist Gottes neue Welt. Diese Welt beginnt mit Jesus. Und sie kommt ganz, wenn Gott alles neu macht. Wer an Jesus glaubt, gehört schon heute dazu. Wir leben in dieser Welt – mitten im Alten – mit Hoffnung, mit Mut und mit Vertrauen. Auch wenn Gottes Reich noch nicht komplett da ist, hat es mit Jesus bereits angefangen. Seine Auferstehung an Ostern war der Beginn eines neuen Zeitalters. Alles wird anders.</p>
<p>&quot;Sucht zuerst das Reich Gottes.&quot;, sagt Jesus. Das Reich Gottes ist die Zukunft, die Gott verheißt – und die mit Jesus schon begonnen hat.</p>
<p>Ob ich es wohl finden kann?</p>
<p>Mit Jesus mache ich mich auf die Suche. Nicht am Strand, auf dem Liegestuhl, unter blauem Himmel, sondern hier. In meinem Alltag. Und du in deinem. Kannst du entdecken, dass Gott bei dir ist?</p>
<p>Du kannst es entdecken, wenn du jemandem begegnest, der zuhört, ohne zu urteilen. Wenn du selbst einmal nicht genervt reagierst, sondern freundlich bleibst – obwohl du müde bist. Wenn du einem Menschen hilfst, obwohl du selbst viel um die Ohren hast. Wenn du einen Moment innehältst, bevor du weitermachst – und merkst: Ich bin da. Gott ist da. Das ist genug.</p>
<p>Gottes Reich zeigt sich in Gesprächen, in Blicken, in Gesten. In Menschen, die sich versöhnen. In Nachbar:innen, die sich helfen. In Gemeinden, die nicht nur Gottesdienste feiern, sondern füreinander da sind. In Pflegekräften, die einen Menschen berühren, als wäre es Jesus selbst. In Eltern, die ihre Kinder segnen, obwohl sie sich gerade nur nach Ruhe sehnen. In Schüler:innen, die füreinander da sind. In Rentner:innen, die Zeit und Weisheit teilen.</p>
<p>Gottes Reich leuchtet auf – immer dann, wenn Liebe stärker ist als Angst. Immer dann, wenn Vertrauen wächst, wo vorher nur Sorgen waren. Immer dann, wenn du spürst: Ich bin nicht allein.</p>
<p>Gottes Reich kannst du auch hier spüren, heute morgen--und immer wieder neu, in der Kirche. In Liedern und Gebeten, die dir Hoffnung zusprechen. Im Segen, der dich begleiten wird. Im Abendmahl lädt Gott dich ein, sich an seinem Leben zu stärken. &quot;Ich bin immer bei dir.&quot; Das ist es, was er dir verspricht.</p>
<p>&quot;Macht euch keine Sorgen!&quot;, sagt Jesus. &quot;Die Menschen, die Gott nicht kennen, machen sich Sorgen um das alles. Aber Gott, euer Vater im Himmel, weiß genau, was ihr braucht.&quot;</p>
<p>Ich merke es in meinem Körper. Mein Puls wird langsamer. Meine Schultern sinken ein Stück tiefer. Meine Stirn glättet sich. Mein Atem wird ruhiger, tiefer. Meine Gedanken hören auf, im Kreis zu rennen. Die Welt ist nicht perfekt – aber ich bin da. Und das reicht. Mein Herz schlägt nicht mehr im Alarmtakt. Meine Hände sind offen, nicht verkrampft. Mein Blick wird weiter. Mein Kiefer ist locker. Meine Zunge liegt ruhig im Mund. Ich muss nichts festhalten, nichts bekämpfen, nichts beweisen.</p>
<p>Gelassenheit ist: Gott meint es gut mit mir. Ich darf leben – heute. Und das ist genug.</p>
<p>Seit vielen Jahren beten Menschen dazu ein Gebet. Reinhard Niebuhr hat es in den frühen 1940er-Jahren verfasst:</p>
<p>„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“</p>
<p>Ich mag das Gelassenheitsgebet. Es ist klug. Und manchmal tut es einfach gut. Aber ich glaube: Jesus will mehr. Nicht nur hinnehmen – sondern hoffen. Nicht nur unterscheiden – sondern verändern. Die Vögel, die Blumen, das Reich Gottes: Das ist keine Anleitung zum Stillhalten. Das ist eine Einladung zum Vertrauen – und zum Handeln.</p>
<p>Gelassenheit ist nicht, die Augen zu schließen und sich den Liegestuhl einzubilden, das Meeresrauschen und das Kreischen der Möwen. Gelassenheit macht die Augen auf. Da gibt es viel zu entdecken. Gottes neue Welt schon jetzt zu sehen. Hier, bei mir. Ich muss nur hinschauen. Dann entdecke ich den, der mir aus seiner Zukunft entgegenkommt.</p>
<p>Hoffnung kann unglaublich gelassen machen.</p>
<blockquote>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)</p>
</blockquote>
<p>Das ist die beste Entspannungsübung.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>„Macht euch keine Sorgen!“, sagt Jesus. Nicht nur am Strand, sondern auch im echten Leben? Gelassenheit braucht Übung – und Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Eine entspannende Hoffnungsübung</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Hoffnungssommer</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/hoffnungssommer/</link>
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        <pubDate>Sun, 20 Jul 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Der Sommer ist heiß, die Welt voller Krisen – und viele Menschen suchen nach Halt. Jesus sieht das. Und er tut etwas: Er sendet Menschen los, die Hoffnung bringen. Auch heute. Auch uns. Eine Predigt über kaputte Felder, verlorene Schafe – und über die Kraft, die uns bewegt, aufzustehen und loszugehen. Jetzt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Buch des Matthäus. Gute Nachricht von Jesus, dem Messias, dem von Gott gesandten. Matthäus schreibt davon im 9. und 10. Kapitel seines Buchs:</p>
<blockquote>
<p>Jesus ging in viele Städte und Dörfer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er sprach mit den Menschen in den Versammlungs-Häusern, den Synagogen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er erzählte ihnen die gute Nachricht vom Himmelreich.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er heilte viele kranke Menschen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sah die vielen Menschen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Da bekam er Mitleid mit ihnen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Denn sie waren erschöpft und hilflos.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand kümmerte sich um sie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So wie Schafe ohne Hirten.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus sagte zu den Menschen, die von ihm lernen wollten:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>„Die Menschen sind bereit, Gottes gute Nachricht zu hören.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es ist wie mit einem Feld voller reifem Getreide:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Die Ernte ist groß.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber es gibt nur wenige Helfer:innen, die sie einbringen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Deshalb:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bittet Gott, dem die Ernte gehört.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er soll Helfer:innen schicken.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sollen zu den Menschen gehen,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>die bereit sind für Gottes gute Nachricht.&quot;</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann rief Jesus die zwölf Menschen zu sich, die ihm besonders nahe waren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sollten in seinem Namen handeln.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus gab ihnen Kraft.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie konnten böse Geister vertreiben und kranke Menschen gesund machen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus schickte diese zwölf Menschen los.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er sagte zu ihnen:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>„Geht nicht zu Menschen aus fremden Völkern.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Geht auch nicht in die Städte, in denen Samariter leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Geht lieber zu den Menschen aus dem Volk Israel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie sind wie Schafe, die nicht mehr wissen, wohin sie gehen sollen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie brauchen jemanden, der sich um sie kümmert.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Geht los und erzählt den Menschen:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das Himmelreich, Gottes neue Welt, ist ganz nah.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Macht kranke Menschen gesund.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Weckt Tote auf.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Macht Menschen gesund, die eine gefährliche Hautkrankheit haben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So können sie wieder zur Gemeinschaft gehören.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Vertreibt die Macht des Bösen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ihr habt das alles geschenkt bekommen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gebt es auch als Geschenk weiter.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nehmt kein Geld mit auf den Weg.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nehmt weder Gold noch Silber noch Kupfermünzen mit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Vertraut darauf: Gott wird für euch sorgen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nehmt keine Tasche mit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nehmt keine Ersatzkleidung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Nehmt keine Sandalen und keinen Wanderstock.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Denn: Wer für Gott arbeitet, darf erwarten, dass er versorgt wird.“</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(Matthäus 9,35–38 und 10,1.5–10, von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Es war der Sommer als die Bauern und die Bäuerinnen mit ihren Familien in den Urlaub fuhren. Zufrieden lagen sie in Malle und auf den Kanaren am Strand und bräunten sich in der Sonne. Unter ihren Sonnenschirmen sippten sie kühle Cocktails. Um sie herum bauten ihre Kinder Sandburgen. Sie quietschten vor Freude, wenn die Wellen die wieder einrissen. In der Kühle des Abends saßen sie auf der Terasse vor ihrer Finca oder in einer Bar am Ballermann. Oder sie hüpften noch einmal in den Pool. Es war ein wunderbarer Sommer.</p>
<p>Zuhause wogte das reife Getreide sich goldgelb auf den Feldern. Die Sonne schien aus einem strahlend blauen Himmel. Es war ein wunderschöner Sommer. Ein Gedicht. Kein Mähdrescher dröhnte die Stille kaputt und verbreitete überall Staubwolken. Es war still. Und schön. Sommer, Sonne und goldgelbes Getreide. Unter blauem Himmel. Schön.</p>
<p>Bis die goldenen Ähren braun wurden. Und einknickten. Die Körner fingen an zu faulen. Die Vögel pickten, was sie fanden. Regen kam. Und Wind. Was nicht verfaulte, flog davon. Das gute Getreide ging verloren. Alles umsonst.</p>
<p>Im Supermarkt waren die Regale bald leer. Kein Mehl mehr. Kein Brot. Keine Nudeln. Die Menschen wunderten sich. Einige wurden wütend. Andere hatten Angst. Sie fragten: &quot;Was sollen wir jetzt essen?&quot;</p>
<p>Auch in anderen Ländern fiel die Ernte aus. Denn niemand hatte geerntet. Das gute Korn lag auf dem Feld. Aber es kam nicht auf den Tisch. Nicht bei uns. Nicht anderswo. Menschen litten Hunger. Nur wenige konnten sich noch ein gutes Essen leisten. Einige starben sogar.</p>
<p>Dabei war doch alles da. Sonne. Regen. Fruchtbare Erde. Blauer Himmel und goldgelbe Frucht. Nur keiner, der sie einbrachte. Bauer und Bäuerin sonnten sich glücklich im Süden am Strand.</p>
<p>Es war der Sommer, als die Schäfer:innen auf der Alb auch mal Urlaub machten. Sie hatten es sich verdient, sagten sie. Sie buchten eine Kreuzfahrt. Vom Mittelmeer bis ans Nordkap. Mit Blick auf Fjorde, Eismeer und die Lofoten. Sie standen am Bug und ließen sich den Wind ins Gesicht wehen. Sie tranken Cappuccino an Deck und staunten über Mitternachtssonne. Abends saßen sie im Whirlpool. Im Hintergrund spielten Musiker sanfte Lieder. Sie dachten an nichts. Nur an sich. Es war ein Sommer zum Genießen.</p>
<p>Zuhause räkelten sich wollige Schafe im satten Grün der Wiesen. Es war ein bequemer Sommer. Ganz ohne Hund und lästiges Laufen. Sie hatten sich schon gewundert, als keiner kam, um sie anzutreiben. Aber eigentlich war das Leben auch so ganz schön. Schafe trinken keinen Cappuccino. Sie liegen auch nicht im Liegestuhl. Aber sie halten es schon auch gemütlich an einer Stelle aus. Grüne Wiese und ein blauer Sommerhimmel. Ein Genuss.</p>
<p>Bis die Wiese abgegrast war. Kurz und stoppelig, nur noch grün und braun. Die Schafe wunderten sich. Und als keiner kam, zogen sie alleine los. Jedes dahin, wo es irgendwo Grün witterte. Sie gingen durch Hecken, über Straßen, über schroffe Hänge. Manche blieben im Gebüsch hängen. Ihr Fell verfilzte und verfing sich in den Dornen. Einige stolperten in Gräben. Ein Lamm fiel in einen Bach und kam nicht mehr heraus. Keiner hörte das klägliche Blöken. Ein anderes wurde von einem Auto erfasst. Keines wusste, wohin es ging. Keines wusste, wo die anderen waren. Sie riefen. Aber niemand antwortete. Der Sommer wurde lang. Und einsam. Und gefährlich.</p>
<p>Die Schäfer:innen posteten Urlaubsbilder auf Instagram. #Fjordliebe #AlbLammaufSee und #UrlaubOhneHerde. Sie wussten nicht, was zu Hause los war. Die Alb war so weit weg.</p>
<p>Es war der Sommer, als Jesus durchs Land zog. Nicht über Alb und Gäu, sondern dort, wo seine Landsleute wohnten. Mit der besten Nachricht der Welt im Gepäck: Gott ist ganz nahe. Seine neue Welt beginnt jetzt. Hier. Bei euch. Wer ihm begegnete, sah meistens etwas davon. Blinde konnten sehen. Lahme konnten gehen. Taube Ohren öffneten sich. Zeichen, dass hier etwas Neues geschah. Wer ihm begegnete, blieb selten unberührt. Alles veränderte sich mit diesem Jesus. Und aus den Augen leuchtete die Hoffnung.</p>
<p>Unter dem offenen Himmel, mit Gott ganz nahe, sah Jesus Dinge, die ganz anders aussahen: Er sah kranke Körper. Er sah müde Augen. Er sah Menschen, die sich aufgegeben hatten. Menschen, die von einem Ort zum anderen liefen, aber nicht wussten, wohin mit ihrem Leben. Verloren in Sorgen. Gefangen in Schuld. Zermürbt von den Erwartungen der anderen. Erschöpft vom ständigen Strampeln und Kämpfen. Jesus sah, wie sie sich sehnten nach jemandem, der sie wirklich sieht. Nach einem Wort, das trägt. Nach einem Blick, der wärmt. Nach einer Hand, die hält. Nach einem Herz, das schlägt – für sie.</p>
<p>Da wurde es ihm schwer ums Herz. So sagt es die Bibel. Wörtlich: Es drehte ihm das Herz um. Nicht vor Ekel. Sondern vor Mitleid. Vor echter, tiefer, durchdringender Liebe. Eine Liebe, die nicht zusehen kann, wie jemand verloren geht.</p>
<p>Wie sollte die Hoffnung zu all diesen Menschen kommen?</p>
<p>Simon, der jetzt Petrus heißt. Andreas, sein Bruder. Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus. Philippus, Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner. Jakobus, der Sohn von Alphäus und Taddäus, Simon von Kanaan und Judas, der Iskariotes -- Jesus ist ihnen begegnet und hat ihr Leben verändert. Für ihn haben sie alles zurückgelassen. Sie wollten mehr hören. Mehr lernen über diese neue Welt Gottes. &quot;Die fängt jetzt gerade bei euch an&quot;, sagte Jesus. Und er tat wundersame Dinge, die nur in der neuen Welt Gottes geschehen können. Hier und jetzt. Simon, Andreas, Jakobus und Johannes, Philippus, Bartholomäus und viele andere mit ihnen haben Hoffnung gefunden. Gott ist da. Ganz nahe bei uns. Etwas ganz Neues beginnt.</p>
<p>Die Menschen um sie herum wissen nichts davon. Das muss sich ändern, sagt Jesus. Das kann er nicht alleine machen. Also schickt er sie los, die Zwölf. Nicht an den Strand. Nicht auf eine Kreuzfahrt. Mitten ins Abenteuer. Und keiner wusste, was ihn dort erwartet. &quot;Nehmt nichts mit&quot;, sagte Jesus. Nicht erst ein Vesper schmieren. Keine Regenjacke einpacken und kein Blasenpflaster. Schließt nicht erst eine Reiserücktrittsversicherung ab. &quot;Geht einfach los und vertraut auf Gott&quot;, sagt Jesus. So wichtig ist das nämlich: Die Hoffnung muss zu den Menschen!</p>
<p>Es war der heißeste Sommer in Deutschland--seit Beginn der Aufzeichnungen. Im ersten Regierungsjahr von Friedrich Merz. Die Menschen stöhnten unter der Hitze. Sie sorgten sich wegen des Kriegs in der Ukraine. Der hatte immer noch kein Ende gefunden. Auch im Nahen Osten flogen Raketen.</p>
<p>Das Wasser wurde knapp. Der Rhein führte Niedrigstand. Felder verdorrten. Wälder brannten. In unsozialen Medien wurde gestritten, wer schuld ist. Die einen schrien nach strengeren Regeln. Die anderen wollten ihre Freiheit behalten. Dazwischen: Schweigen. Oder Ratlosigkeit.</p>
<p>In den Familien war keine Zeit mehr für Gespräche. Die Kinder hingen an ihren Bildschirmen. Die Eltern an ihren Sorgen. Viele dachten: So kann das nicht weitergehen. Aber keiner wusste, wie. Manche suchten Halt in Verschwörungserzählungen. Andere lenkten sich mit Serien, Konsum oder Diättrends ab. Hoffnung war selten geworden. Vertrauen auch.</p>
<p>Die Kirchen hatten weniger Besucher:innen als je zuvor. Viele fühlten sich dort nicht mehr angesprochen. Oder nicht mehr willkommen. Die alten Worte klangen hohl in den neuen Ohren. Und die neuen Worte kamen zu selten an. Die meisten gingen einfach nicht mehr hin.</p>
<p>Die Menschen sehnten sich nach etwas, das trägt. Aber sie wussten ja nicht, wo sie suchen sollten.</p>
<p>Jetzt hätte man Jesus gebraucht. Gerade jetzt müsste man das doch wieder neu hören: &quot;Gott ist euch ganz nah! Seine neue Welt hat schon begonnen. Vertraut auf ihn. Sucht Hoffnung und Hilfe bei dem, der euch unendlich lieb hat. Wer ihm begegnet, bleibt selten unberührt. Alles verändert sich mit Gottes Messias, Jesus!&quot; O, wenn die Augen doch wieder vor Hoffnung leuchteten!</p>
<p>Aber Simon, der Petrus heißt, Johannes und Jakobus, Philippus und Bartholomäus und all die anderen... sind tot. Schon lange. Sie tragen keine Hoffnung mehr durchs Land.</p>
<p>Eine verzweifelte Schafherde. Eine verrottende Ernte.</p>
<p>&quot;Gott, dem die Ernte gehört, sende Helfer:innen! Menschen, die zu denen gehen, die bereit sind für Gottes gute Nachricht.&quot;</p>
<p>Am Ende sind wir die Gebetserhörung.</p>
<p>Denn die Hoffnung ist nicht tot. Sie lebt. Weil Gott noch immer nahe ist. Weil das Himmelreich nicht nur damals begann – sondern auch heute wächst. Unsichtbar oft. Still. Wie ein Same, der im Boden keimt. Wie ein Funke, der springt.</p>
<p>Es beginnt dort, wo einer zuhört, ohne gleich zu urteilen. Wo eine den Mut hat, auf Versöhnung zuzugehen. Wo jemand Zeit schenkt, obwohl er selbst nicht viel hat. Wo eine Frau sagt: „Ich bete für dich.“ Und es auch wirklich tut. Wo einer den Schmerz des anderen aushält. Und nicht wegläuft. Überall dort, wo Menschen -- wo wir(!) -- zu einem Zeiger auf Jesus hin werden.</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Gottes neue Welt ist doch schon angebrochen. Wir sind ein Teil davon.</p>
<p>Das Himmelreich ist kein Ort mit goldenen Straßen. Es ist ein Leben mit Gott – hier und jetzt. Eine andere Art, auf die Welt zu schauen. Und auf sich selbst. Eine andere Art, zu hoffen. Zu handeln. Zu lieben. Und andere damit anzustecken.</p>
<p>Christ:innen sind nicht die besseren Menschen. Aber Menschen, die eine bessere Hoffnung haben. Nicht: Wir schaffen das. Sondern: Gott ist da. Und mit ihm beginnt etwas Neues. Etwas Gutes. Etwas Heilsames. Für dich. Und für andere durch dich.</p>
<p>Deshalb: Hör auf, auf irgendetwas zu warten. Geh los!</p>
<p>Geh hin. Sprich. Lebe. Liebe. Bete. Und bring Hoffnung dahin, wo sie fehlt. So viele warten darauf. Die Ernte ist groß.</p>
<p>Du wirst gebraucht. Du hast etwas zu geben. Weil Gott es dir schon gibt.</p>
<p>Geh los. Vertrau ihm einfach.</p>
<p>Dann wird es Hoffnungssommer.</p>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Der Sommer ist heiß, die Welt voller Krisen – und viele Menschen suchen nach Halt. Jesus sieht das. Und er tut etwas: Er sendet Menschen los, die Hoffnung bringen. Auch heute. Auch uns. Eine Predigt über kaputte Felder, verlorene Schafe – und über die Kraft, die uns bewegt, aufzustehen und loszugehen. Jetzt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Warum es gerade jetzt uns braucht</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Deine Geschichte</title>
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        <pubDate>Sun, 06 Jul 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Im Taufgottesdienst für Lilli geht es um Geschichten, die schiefgehen – und trotzdem gut enden können. Um das Erbarmen Gottes, das keinen Menschen aufgibt. „Gnade ist deine Geschichte – von Anfang an.“</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>New York City. 1950er Jahre. Nicht das New York der glitzernden Lichter – sondern ein Moloch aus Elend und Gewalt. Ganze Straßenzüge sind fest in der Hand von Jugendbanden. Kinder wachsen auf in Armut, ohne Schutz, ohne Liebe. Kinder gehen mit Messern zur Schule. Wer überleben will, muss hart sein. Brutal sein. Einer dieser Jungen ist Nicky. Vom Vater verprügelt. Von der Mutter &quot;Kind des Teufels&quot; genannt. Mit 15 Jahren haut er zu Hause ab. Er wird Teil einer Gang. Mit 17 ist er Boss einer gefürchteten Bande, brutal und eiskalt. Er selbst sagt es so: &quot;Mein Herz war ein Grab.&quot;</p>
<p>Für einen wie Nicky gibt es keine Chancen. Keine Aufstiegsmöglichkeiten. Keinen &quot;American Dream&quot; vom Tellerwäscher zum Millionär. Es gibt nur die Straße. Um ihn herum sterben Freunde in den Kämpfen verfeindeter Gangs. Jeder weiß: So wird er auch enden.</p>
<p>Und dann begegnet ihm einer. An der Straßenecke steht ein junger Mann mit der Bibel in der Hand. Er redet von Jesus. &quot;Jesus liebt dich, Nicky.&quot;</p>
<p>Nicky spuckt ihn an. Droht ihm mit dem Tod, sollte er noch einmal auftauchen. Der Fremde bleibt ruhig: &quot;Du kannst mich schlagen,&quot; sagt er. &quot;Du kannst mich töten. Aber Jesus wird nicht aufhören, dich zu lieben.&quot;</p>
<p>In Nicky bricht etwas auf. Zum ersten Mal weint er. Mit Gott neu anzufangen wird nicht einfach. Heute predigt Nicky selbst. Nicht als Star. Sondern als einer, der gefunden wurde.</p>
<p>Und genau darum geht es heute: Um Gnade. Um Menschen, die verloren sind--und von Gott gefunden werden. Nicky ist einer davon.</p>
<p>Saul auch. Seine Geschichte ist ganz anders. Und doch irgendwie ähnlich.</p>
<p>Jerusalem. Ein paar Jahre nach Jesu Tod. Die Stadt ist laut, voll, religiös aufgeladen. Im Tempel wird gebetet, geopfert, gelehrt. Und mittendrin ein junger Mann: Saul, aus Tarsus. Gebildet. Leidenschaftlich. Ehrgeizig. Sein Kopf: voll mit der Heiligen Schrift. Sein Herz: erfüllt vom Wunsch, Gott zu dienen – kompromisslos.</p>
<p>Saul ist der Stolz seiner Eltern. Benannt nach Israels erstem König. Fromm erzogen. Er hat das Zeug dazu, einer der ganz Großen zu werden: ein Lehrer des Gesetzes. Ein Verteidiger des Glaubens. Und er meint es ernst.</p>
<p>Dann hört er von diesen Leuten, die behaupten, Jesus von Nazareth sei der Messias -- das heißt: &quot;der Retter, den Gott schickt&quot;. Jesus--ein Mann, der am Kreuz gestorben ist! Der als Verbrecher verurteilt und bestraft wurde. „Das ist Gotteslästerung!“, denkt Saul. Das kann nicht Gottes Wille sein. Diese Sekte muss gestoppt werden.</p>
<p>Saul diskutiert nicht – er handelt. Er verfolgt. Er holt sich Vollmachten. Er durchsucht Häuser. Er bringt Männer und Frauen ins Gefängnis – weil sie an diesen Jesus glauben. Er sieht, wie der erste Christ gesteinigt wird – Stephanus – und er steht dabei. Schweigend. Zustimmend. Überzeugt, das Richtige zu tun.</p>
<p>Saul ist kein Verbrecher wie Nicky. Er lebt sogar religiös. Aber er ist trotzdem verloren.</p>
<p>Verloren – in seinem Stolz. Verloren – in seiner Wut. Verloren – in seiner Überzeugung, dass man sich Gottes Liebe verdienen muss.</p>
<p>Verloren – und Gott findet ihn. Trotzdem.</p>
<p>Jahre später, in einem Brief an einen Freund, hört sich das so an:</p>
<blockquote>
<p>Ich danke Jesus, dem Messias.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus bestimmt unser Leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus hat mir Kraft gegeben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er hat mir vertraut.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er hat mir eine wichtige Aufgabe gegeben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dabei war ich früher schlecht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe Gott beleidigt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich war voller Hass.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich hasste Menschen, die Jesus vertrauten.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich verfolgte sie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich tat ihnen Gewalt an.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber Gott hatte Erbarmen mit mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Denn ich wusste nicht, was ich tat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Mir fehlte ja das Vertrauen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, war unendlich gut zu mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er liebt mich grenzenlos.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er hat mir Glauben geschenkt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich kann ihm jetzt vertrauen,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>durch Jesus, den Messias.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das ist ein ganz wichtiger Satz.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle sollen ihn hören und ihm vertrauen:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, kam in die Welt,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>um Menschen zu retten, die ohne Gott leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich war einer von ihnen –</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>der Schlimmste sogar.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gerade deshalb hat Gott sich erbarmt:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, ist geduldig.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>An mir sieht man, wie geduldig.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>So werde ich zu einem Beispiel für alle.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle sollen auch anfangen, auf Gott zu vertrauen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dann gehören sie für immer zu Gott.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott bestimmt alles – für immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er stirbt nie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er vergeht nie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand kann ihn sehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand kann ihn begreifen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es gibt keinen Gott außer ihm.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er ist einzigartig.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich kann gar nicht anders:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich muss ihn einfach ehren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich muss ihm einfach danken.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich kann damit gar nicht aufhören.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle Ehre gehört ihm. Für immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Amen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>(1. Timotheus 1,12-17, von mir in leichte Sprache übertragen)</p>
</blockquote>
<p>Zwei Männer. Zwei Welten. Zwei Geschichten. Und Gott, der niemanden aufgibt. Gnade ist nicht für die Guten. Gnade ist für die Verlorenen.</p>
<p>In ein paar Jahrzehnten, liebe Lilli, wird vielleicht einmal jemand deine Geschichte erzählen. Heute können wir das noch nicht. Wir wissen ja noch gar nicht viel davon. Wir lernen dich gerade erst kennen.</p>
<p>Was wir heute haben, sind unsere guten Wünsche für dich. Wir wünschen dir Liebe – nicht nur die Liebe deiner Familie, sondern auch die Liebe Gottes, die dich immer begleitet. Auch dann, wenn du dich mal selbst nicht liebst.</p>
<p>Wir wünschen dir Mut – Mut, du selbst zu sein. Auch wenn andere dich anders haben wollen. Mut, Fehler zu machen. Und wieder aufzustehen.</p>
<p>Wir wünschen dir Hoffnung – die Art Hoffnung, die Saul, der sich selbst jetzt Paul nennt (&quot;der Kleine&quot;), getragen hat. Die Hoffnung, dass Gott mit dir etwas vorhat, selbst wenn du dich mal verlaufen solltest.</p>
<p>Und wir wünschen dir Glauben –nicht als Leistung, sondern als Geschenk. So wie heute. Heute haben nicht wir dich zu Gott gebracht – er hat dich längst gefunden. Noch bevor du ihn überhaupt kennst, sagt er schon: „Du bist mein. Du gehörst zu mir.“</p>
<p>Mit anderen Worten: Wir wünschen dir ein reiches, erfülltes Leben. Wir wünschen dir Segen und Erfolge und Höhepunkte. Wir wünschen dir Kraft und Frieden.</p>
<p>Darum beten wir ja heute auch.</p>
<p>Was aus diesen Wünschen werden wird, wissen wir nicht. Viele von uns hier haben schon lange Erfahrung gesammelt, mit diesem Leben. Wir wissen, dass nicht jeder Wunsch Wirklichkeit wird. Wir haben erlebt, dass gute Absichten oft nicht genügen. Wir haben erfahren, dass wir selbst oft an unseren Idealen scheitern. Dass wir Fehler machen. Dumme Entscheidungen treffen. Die falschen Dinge für wichtig halten. Die wirklich wichtigen Dinge übersehen. Unser Bild vom guten Leben hat Sprünge, Risse und Dellen bekommen. Wir haben uns selbst in manche Sackgassen manövriert. Manchmal finden wir gar nicht mehr heraus.</p>
<p>Wahrscheinlich wird es dir an manchen Punkten ähnlich gehen. &quot;Irren ist menschlich&quot;, sagt man nicht ohne Grund. Du wärst die erste, die ihren Weg immer unbeirrt geht.</p>
<p>Aber weißt du, Lilli: Gerade dann wird das, was heute in deiner Taufe sichtbar geworden ist, umso wichtiger. Dass Gottes Liebe nicht an deine Leistung gebunden ist. Dass er dich nicht nur sieht, wenn du alles richtig machst – sondern gerade dann, wenn du dich verirrt hast. Wenn du dich selbst nicht mehr findest. Wenn du dich vielleicht sogar selbst aufgibst. Gott gibt dich nicht auf.</p>
<p>Von Saul, der jetzt Paul heißt -- wir kennen ihn lateinisch als &quot;Paulus&quot; -- gibt es etwas mitzunehmen:</p>
<blockquote>
<p>Das ist ein ganz wichtiger Satz. Alle sollen ihn hören und ihm vertrauen:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jesus, der Messias, kam in die Welt, um Menschen zu retten, die sich von Gott entfernt haben.</p>
</blockquote>
<p>Gott gibt nicht auf. Er hat &quot;Erbarmen&quot; mit denen, die es selbst nicht besser können.</p>
<p>Er sucht, bis er findet. Er lässt nicht locker.</p>
<p>Wen er gefunden hat, den beschenkt er:</p>
<p>Mit Liebe ohne Grenzen. Die macht wieder heil, was im Leben zerbrochen ist.</p>
<p>Mit Vertrauen, das trägt. &quot;Glaube&quot; nennen wir das. Das muss man nicht selbst können. Gott ist es, der dieses Vertrauen schenkt.</p>
<p>Mit Leben, das besser ist: Anders als das verbeulte, verkratzte Leben, das wir selbst fabrizieren. Gott schenkt reiches, volles, heiles Leben. Und das ohne Ende.</p>
<p>Dieser Satz gilt dir, Lilli. Und mir. Und allen, die heute hier sind und die Dellen und Beulen schon an sich tragen:</p>
<p>Jesus, der Messias, kam in die Welt, um Menschen zu retten, die nicht mehr mit Gott rechnen.</p>
<p>Jesus, der Messias, kam in die Welt -- für uns.</p>
<p>Für dich und für mich.</p>
<p>Nicky ist ihm begegnet. Saul hat er total verändert.</p>
<p>Dir und mir hat er versprochen, uns nie allein zu lassen.</p>
<p>Das ist es, was uns trägt. Darauf kannst du dich verlassen.</p>
<p>Und das ist es, was wir dir wünschen:</p>
<p>Nicht ein perfektes Leben, sondern ein getragenes.</p>
<p>Nicht ein fehlerloses Leben, sondern ein gefundenes.</p>
<p>Mit uns gehörst du, liebe Lilli, nun zu den Getauften.</p>
<p>Und das heißt:</p>
<p>Gnade ist deine Geschichte -- von Anfang an.</p>
<p>Gottes Erbarmen mit dir hat kein Ende.</p>
<p>Seine Güte ist jeden Morgen neu für dich.</p>
<p>Vielleicht kannst du eines Tages mitbeten, mit Nicky und Paul, mit mir und unzähligen anderen Getauften.</p>
<p>Mitbeten und mitsingen. Miterzählen, deine Geschichte.</p>
<p>Im Grunde geht die so:</p>
<blockquote>
<p>Gott bestimmt alles – für immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er stirbt nie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er vergeht nie.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand kann ihn sehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Niemand kann ihn begreifen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Es gibt keinen Gott außer ihm.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er ist einzigartig.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich kann gar nicht anders:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich muss ihn einfach ehren.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich muss ihm einfach danken.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich kann damit gar nicht aufhören.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle Ehre gehört ihm. Für immer.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Amen.</p>
</blockquote>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Im Taufgottesdienst für Lilli geht es um Geschichten, die schiefgehen – und trotzdem gut enden können. Um das Erbarmen Gottes, das keinen Menschen aufgibt. „Gnade ist deine Geschichte – von Anfang an.“</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Vom Erbarmen, das keinen Menschen aufgibt</itunes:subtitle>
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        <title>Komm zu Jesus!</title>
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        <pubDate>Sun, 22 Jun 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Zwei Wunder in einem Gottesdienst--und dann erschreckt uns Jesus! Wer sich von ihm hinterfragen lässt (und einladen), wer zu ihm kommt, findet alles bei ihm: Leben, Liebe und tragendes Vertrauen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Schon zweimal haben wir heute ein Wunder erlebt. Zwei Kinder haben wir heute getauft hier im Gottesdienst: Louis, gerade mal ein Jahr alt. Es ist so schön, dass wir mit ihm zu Gott kommen dürfen, in einem Alter, wo Louis noch nichts getan hat, um das zu verdienen. Wo er das selbst noch gar nicht begreift, noch gar nicht verlangen kann. Gott schaut auf das alles nicht. In der Taufe macht er Louis ein Geschenk. Einfach, weil er ihn lieb hat. Ohne Vorbedingung. &quot;Gnade&quot; nennen wir das. Und die kann man gar nicht genug feiern. Klara ist bald 13. Sie hat sich selbst für die Taufe entschieden. Sie wollte unbedingt noch vor Beginn der Konfizeit getauft werden. Sie hat heute selbst ihr &quot;Ja&quot; dazu gesagt und davon sogar ein Solo gesungen: &quot;Ich lass mich taufen&quot;.</p>
<p>Zweimal haben wir hier ein Wunder erlebt: Bei der Taufe kommen wir zu Gott und Gott kommt zu uns. Er selbst tut das Entscheidende: Er gibt sein &quot;Ja&quot; -- &quot;Du gehörst zu mir.&quot; Er gibt sein Versprechen -- &quot;Ich bin immer bei dir.&quot; Er verschenkt alles, ja, sich selbst, wenn Gott uns in der Taufe mit hinein nimmt in das Leben und Sterben, in die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. Er gibt sein Leben. &quot;Leben&quot;, das müssen wir gleich im Hinterkopf behalten, wenn wir den Predigttext für heute lesen, das noch einmal eine ganz andere Qualität hat als das, was wir kennen. Es ist ja das Leben des Auferstandenen! Neues Leben, das den Tod überwunden hat! Etwas ganz besonderes. Im Johannesevangelium, aus dem wir gleich lesen werden, geht es bei dem Begriff &quot;ewiges Leben&quot; nicht um die Zukunft, oder um eine unendliche Länge. &quot;Ewiges Leben&quot; ist hier und jetzt, wenn ein Mensch von Gott erneuert wird. Beschenkt mit einer Art von Leben, das nur von der Ewigkeit, von Gott her, kommen kann. Man lebt anders, wenn man mit Gott lebt. Hier und jetzt, nicht erst in einer unbestimmten Ewigkeit. Ein großartiges Versprechen! Genau das, was wir Louis und Klara wünschen--und uns selbst doch auch!</p>
<p>Eigentlich haben wir nicht nur zweimal ein Wunder erlebt heute morgen. Die Taufe eines Kindes erinnert uns jedes Mal neu daran, dass auch wir dieses Geschenk Gottes haben. Leben. Sein Leben. Dass auch zu uns Gott gekommen ist--und wir jetzt zu ihm kommen dürfen, als seine geliebten Kinder.</p>
<p>Tun wir das also. Kommen wir zu Gott! Hören wir auf Jesus, in den Worten des Johannesevangeliums, aus dem 5. Kapitel. Dann hören wir das:</p>
<blockquote>
<p>39 Ihr erforscht die Heilige Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge. 40 Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um das ewige Leben zu haben. 41 Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden. 42 Vielmehr kenne ich euch und weiß, dass ihr keine Liebe zu Gott in euch habt. 43 Ich bin im Auftrag meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Auftrag kommt, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr überhaupt zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer vom anderen geehrt wird! Aber ihr strebt nicht nach der Ehre, die nur der einzige Gott schenkt. 45 Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46 Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben. Denn von mir hat er geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?« (Johannes 5,39-47)</p>
</blockquote>
<p>Moment mal? Habe ich da richtig gehört? War das vielleicht der falsche Text für heute? Harte Worte sind das. Man hätte sie Jesus fast gar nicht zugetraut. Harte Worte und ein großer Vorwurf: &quot;Ihr wollt [gar] nicht zu mir kommen.&quot;</p>
<p>Wie bitte?</p>
<p>Und dann atme ich erleichtert auf, dass es doch gar nicht um mich geht. Angesprochen sind doch ganz andere. &quot;Die Juden&quot; heißt es ganz allgemein in der Übersetzung von Martin Luther. &quot;Die jüdischen Behörden&quot;, also die Führer des jüdischen Volkes, erklärt es die Basisbibel, aus der ich gelesen habe. Dann kann ich mich ja zurücklehnen... oder?</p>
<p>Jesus spricht hier mit Menschen, die damals sehr gläubig waren. Sie kannten die Heiligen Schriften gut. Sie wollten Gott dienen. Und doch sagt Jesus: „Ihr wollt nicht zu mir kommen.“</p>
<p>Diese Worte wirken hart. Und sie wurden später oft missbraucht. Viele Christ:innen haben daraus geschlossen: Die Juden hätten Jesus abgelehnt – und deswegen sei der christliche Glaube besser. So wurde über Jahrhunderte Antisemitismus gerechtfertigt. Das war falsch. Und das ist Sünde.</p>
<p>Jesus war selbst Jude. Er sprach zu Menschen aus seinem eigenen Glauben. Seine Kritik richtet sich nicht gegen ein Volk, sondern gegen eine Haltung: die Haltung, Gott genau zu kennen – und doch das Herz zu verschließen.</p>
<p>Deshalb geht es heute nicht um ein Urteil über andere – sondern um eine Frage an uns: Wollen wir wirklich zu Jesus kommen? Oder reden wir lieber nur über ihn?</p>
<p>Diese Frage ist unbequem. Aber sie ist heilsam. Denn Jesus fragt nicht, um zu verletzen – sondern um Wege zu öffnen. Wege zum Leben.</p>
<p>Wer sich zu denen zählt, die glaubend leben und Gottes Wort ernst nehmen, der muss sich Jesu Anfragen stellen. Vielleicht treffen sie uns öfters, als wir das zugeben wollen. Schauen wir mal:</p>
<p><strong>Jesus sagt: &quot;Ihr erforscht die Heilige Schrift -- aber ihr wollt nicht zu mir kommen.&quot;</strong></p>
<p>Geliebte Gottes, Wissen ersetzt Vertrauen nicht. Du kannst viele Bibelstellen kennen. Am besten sogar auswendig. Aber kommen sie im Alltag wirklich zur Anwendung? Lebst du das, was du weißt? Wir können viel über Kirche diskutieren. Über die besten Formen, über das, was sich ändern muss (oder nicht ändern darf). Aber fragen wir wirklich danach, was Christus von seiner Kirche will? Du kannst Andachten lesen, Predigten hören, dir ständig neu geistlichen Input holen. Aber führst du dein Leben echt im Gespräch mit Jesus?</p>
<p>Geliebte Gottes, könnte es sein, dass wir manchmal lieber über den Glauben reden, als ihn wirklich zu leben?</p>
<p><strong>Jesus sagt: &quot;Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden.&quot;</strong></p>
<p>Können wir das auch von uns sagen? Privat, als Einzelne, und als Kirche? Achten wir nicht auch sehr darauf, wie wir dastehen--als Kirche, als Christ:in, als Pfarrer:in? Wir zeigen gerne öffentlich unser Engagement--aber was passiert im Verborgenen? Passt das zu einander? Wir suchen Lösungen in Sitzungen, erarbeiten Konzepte, diskutieren--aber suchen wir wirklich Gottes Willen?</p>
<p>Geliebte Gottes, könnte es sein, dass unser Tun manchmal eher dem Image dient, als dem Reich Gottes?</p>
<p><strong>Jesus sagt: &quot;Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch&quot;.</strong></p>
<p>Man kann nämlich sehr religiös sein und trotzdem lieblos. Knallharte Debatten werden auch in kirchlichen Gremien oder in der Kirchengemeinde geführt. Wir sagen: &quot;Jede:r ist willkommen.&quot; Und trotzdem fühlen sich Menschen auch bei uns ausgeschlossen. Sie hören, auch zwischen den Zeilen: &quot;...passt nicht zu uns.&quot; &quot;...gehört nicht hierher.&quot; Wir können die schönste Liturgie feiern, ohne echtes Interesse an unserem Gegenüber zu zeigen.</p>
<p>Geliebte Gottes, könnte es sein, dass die Liebe manchmal bei den anderen nicht ankommt?</p>
<p>Wenn Jesus also heute nicht zu &quot;den Bösen da draußen&quot;, sondern zu den Engagierten, Frommen, Interessierten -- also zu uns - redet, dann fragt er vielleicht:</p>
<p>&quot;Willst du wirklich zu mir kommen – oder reicht es dir, über mich zu reden? Suchst du meine Ehre – oder die Anerkennung der anderen? Ist mein Wort für dich Leben – oder nur ein schöner Text?&quot;</p>
<p>Womit wir wieder beim Leben wären...</p>
<p>War das nicht unser Wunsch--für Louis, für Klara und für uns alle? War das nicht das, was wir hören wollten: &quot;Wege zum Leben&quot;?</p>
<p>Schaut doch einmal, wie viele Versprechen sich allein in diesem kritischen(!) Text finden lassen.</p>
<p><strong>Jesus verspricht ewiges Leben</strong>. &quot;Ihr meint, in der Heiligen Schrift das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge.&quot; Nein, das Lesen allein gibt kein Leben. Aber Jesus. Zu ihm führt das Lesen der Bibel hin. Wer zu ihm kommt, empfängt Leben in Fülle, &quot;ewiges Leben&quot;, von einer ganz anderen Art und Qualität: nicht nur Wissen über Gott, sondern das tragende Vertrauen auf den Gott, der immer bei mir ist.</p>
<p><strong>Jesus nimmt mich an.</strong>&quot;Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an...&quot; Da kann man dann die Einleitung des Johannesevangeliums dagegen setzen: &quot;So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu heißen.&quot;, und schon sind wir wieder bei der Taufe. Wer Jesus annimmt, wer auf ihn vertraut, der wird nicht abgewiesen. &quot;Du gehörst zu mir&quot;, sagt er. Und: &quot;Ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende.&quot;</p>
<p><strong>Gott erkennt mich an</strong>. &quot;Wie könnt ihr glauben, wenn ihr die Ehre voneinander sucht und nicht die Ehre, die von dem alleinigen Gott kommt?&quot; Die gibt es nämlich auch: Gottes Anerkennung. Und die muss ich nicht erst suchen, und mir erarbeiten, sondern ich bekomme sie geschenkt. &quot;Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.&quot; Wer sich nicht nur nach menschlichen Maßstäben messen will, der merkt vielleicht, dass es nach Gottes Versprechen gar keine anderen Maßstäbe mehr braucht.</p>
<p><strong>Liebe wird möglich</strong>. &quot;Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch&quot;, heißt ja auch im Umkehrschluss, dass man die in sich haben kann. Wer zu Jesus kommt, der trifft sie persönlich. &quot;Gott ist Liebe&quot;, haben wir heute schon gelesen. Und diese Liebe trifft mich mitten ins Herz--nicht als Forderung, sondern als Geschenk. Und sie verwandelt mich: Wer sich lieben lässt, kann selbst Liebe weitergeben.</p>
<p><strong>Glaube wächst.</strong>&quot; Wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben.&quot; Wer zu Jesus kommt, wer Gott in ihm begegnet, in dem wächst das Vertrauen, das wir &quot;Glaube&quot; nennen. Glaube ist nicht etwas, was man &quot;haben muss&quot;--so wie ein Nachweis oder ein Punktestand. &quot;High score des Lebens&quot;, sozusagen. Glaube ist eine Frucht des Lebens mit Christus. Bei ihm höre ich immer wieder die befreiende Botschaft: &quot;Gott mag dich. Du gehörst zu ihm.&quot; Daraus entsteht Glaube--ein Geschenk!</p>
<p>So viel Versprechen--selbst in diesem harschen Text. Man kann also Wege zum Leben finden, wie wir sie Louis, Klara und uns wünschen. &quot;Wissen statt Vertrauen&quot;, Ehre von Menschen, Religiosität ohne Liebe und das Reden über Gott statt einer vertrauensvollen Beziehung zu ihm halten uns fern von ihm. Wenn wir zu ihm kommen, werden wir beschenkt: Ewiges Leben, Annahme, Liebe und tragendes Vertrauen blühen uns dann.</p>
<p>So wird dieser Text zur Einladung--zu der, die wir hören müssen (Louis! Klara! Wir alle!), immer wieder, an jedem Tag:</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;, das heißt, &quot;Lies die Bibel&quot;; aber nicht als Wissensbuch, sondern als Zeugnis, als Wegweiser zu dem, der dir begegnen will. Lesen und fragen: &quot;Was sagt Jesus mir hier? Wo ruft er mich in seine Nachfolge?&quot; Zu Jesus kommen heißt, sich von der Schrift treffen, bewegen und rufen zu lassen.</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;, das heißt, &quot;ihn annehmen, der mich annimmt.&quot; Jesus will nicht nur Gegenstand des Interesses oder der Diskussion sein, sondern mein Gegenüber, dem ich mein Vertrauen schenke. „Ich will mich dir öffnen, Jesus. Ich nehme dich ernst. Ich nehme dich an – als Herrn meines Lebens.“ Zu Jesus kommen heißt: ihm das Herz öffnen.</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;, das heißt, mich frei machen vom ständigen Bedürfnis, gut dazustehen – vor anderen, in der Gemeinde, in der Familie. &quot;Was denkt Gott über mich? Wo will er mich haben? Wie spricht er mich an?“ Zu Jesus kommen heißt: sich ausrichten auf Gott – nicht auf den Applaus.</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;, heißt hörbereit sein statt rechthaberisch; Gottes Anerkennung suchen, nicht menschlichen Beifall; mich lieben lassen, statt mich selbst zu rechtfertigen.</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;</p>
<p>Das ist es, was ich euch mitgeben möchte. Louis. Klara. Euch allen.</p>
<p>&quot;Komm zu Jesus!&quot;</p>
<p>Wenn du dich aufmachst zu ihm, musst du nicht weit gehen. Du wirst ihn finden, ganz nah bei dir. Da zu sein, hat er ja versprochen. Bei deiner Taufe. Und daran wird nichts etwas ändern.</p>
<p>Ganz viel Wunder haben wir heute schon erlebt. Wir haben zwei Menschen getauft. Damit sagen wir als Gemeinde: &quot;Wir wollen nicht nur über Gott sprechen. Wir wollen zu Jesus kommen.&quot; Denn bei ihm gibt es Leben. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Bei ihm zählt nicht, wie fromm wir wirken – sondern ob wir ihm vertrauen. Der Weg zum Leben.</p>
<p>Und seine Liebe – sie ist schon da.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Zwei Wunder in einem Gottesdienst--und dann erschreckt uns Jesus! Wer sich von ihm hinterfragen lässt (und einladen), wer zu ihm kommt, findet alles bei ihm: Leben, Liebe und tragendes Vertrauen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wege zum Leben</itunes:subtitle>
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        <title>Zwischenzeit</title>
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        <pubDate>Sun, 01 Jun 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wir stehen da wie die Jünger:innen an Himmelfahrt:  voller Sehnsucht, mit offenen Fragen – und manchmal mit leerem Blick zum Himmel. Was trägt uns in dieser Zwischenzeit? Wie gibt uns Gott Kraft für das Hier und Jetzt? Eine alte Bitte wird unser Gebet für heute.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden!</p>
<p>„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ (Apostelgeschichte 1,11)</p>
<p>Diese Frage steht am Ende des Himmelfahrtsberichts in der Apostelgeschichte. Himmelfahrt – das haben wir vor ein paar Tagen miteinander gefeiert. Jesus, der vom Himmel gekommen ist, der für uns am Kreuz gestorben ist, wurde von Gott auferweckt. Als der Lebendige, als Sieger über Sünde, Tod und alles Böse, kehrt er zurück zu Gott. Er sitzt jetzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Auf dem Thron. Als Herr. Die Mission ist erfüllt: Er kam für uns. Er starb für uns. Er ist wirklich auferstanden. Und er regiert – jetzt und für immer.</p>
<p>Und wir stehen auch heute, an einem der letzten Sonntage in der Österlichen Freudenzeit, noch staunend da. Staunend über die Größe Gottes. Staunend über Jesus, den Auferstandenen. Staunend über die Hoffnung, die er uns gibt. Staunend über das, was er für uns getan hat. Und während unser Blick nach oben geht, zum Himmel, wo er zur Rechten Gottes sitzt, staunen wir auch über das, was uns für die Zukunft noch versprochen ist.</p>
<p>„Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1,11) Das bekennen wir auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Und unsere Hoffnung malt uns schon aus, was das heißt: Gerecht gesprochen werden im Gericht – allein aus Gnade, allein durch Glauben, durch Jesus Christus, der unsere Gerechtigkeit ist. „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Unsere Herzen sehnen sich nach dem Moment, wenn er wiederkommt, wenn Gott alle Tränen abwischt, wenn kein Leid und kein Tod mehr sein wird und wir für immer bei Gott sein werden.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich nach Frieden, nach einem Ende der Kriege und der Gewalt, überall auf der Welt.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich nach Gerechtigkeit – danach, dass Menschen fair behandelt werden, dass niemand ausgeschlossen, unterdrückt oder vergessen wird.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich danach, dass niemand mehr hungern muss, dass jedes Kind in Sicherheit aufwachsen kann.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich nach Heilung, dort wo Menschen krank sind oder innerlich verletzt.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich nach Versöhnung, dort wo Beziehungen zerbrochen sind.</p>
<p>Unsere Herzen sehnen sich nach einem Leben, das gelingt, nach Freude, nach Hoffnung, nach Liebe, die bleibt.</p>
<p>Aber bis dahin bleibt diese Zwischenzeit. Zwischenzeit ist Sehnsuchtszeit.</p>
<p>An Himmelfahrt geht unser Blick nach oben, nach vorne, auf das, was noch kommt. Und dann werden wir ganz schnell wieder zurückgeholt – auf den Boden der Tatsachen. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kein langer Ausflug in die Wolken, sondern wieder zurück ins Hier und Jetzt. Wir leben aus der Hoffnung. Wir haben eine Gewissheit für die Zukunft. Und diese Hoffnung trägt uns – manchmal ist sie das Einzige, was uns bleibt, besonders in schwierigen Zeiten. Aber unsere Berufung ist nicht, im Himmel zu schweben. Unsere Berufung ist das Leben hier und jetzt. Die konkrete Realität – unser Alltag. Wir haben kein anderes Leben als dieses.</p>
<p>„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kommt zurück! Lebt im Hier und Heute! Dazu hat Gott uns gerufen. Das ist auch die Botschaft von Himmelfahrt: Jesus entzieht sich unseren Augen, aber nicht unserer Welt. „Himmel“ – das ist nicht einfach ein anderer Ort irgendwo weit weg. In der Bibel bedeutet Himmel: Gottes Gegenwart, Gottes Wirklichkeit. Jesus ist nicht mehr sichtbar da, aber Gott bleibt uns ganz nahe. Und wir? Wir leben mit einer Hoffnung, die bleibt, mit einem festen Erbe und mit einer Zukunft, die uns sicher ist. Aber wir leben weiterhin im Alltag, im ganz normalen Leben. Und doch dürfen wir wissen: Gott bleibt uns nahe – mitten in unserem Leben, auch wenn wir ihn nicht sehen.</p>
<p>Schade eigentlich. Es war ein schöner Ausflug, nach oben zu schauen. Ich wäre gern einfach hinterhergeflogen. Aber jetzt bin ich wieder hier.</p>
<p>Die Hoffnung, die wir haben, kann uns niemand nehmen. Die Zukunft, die Gott uns verspricht, ist uns gewiss. Gottes Reich ist mit Jesus schon angebrochen. Wie ein Senfkorn – ganz klein fängt es an, wächst und beginnt zu blühen. Aber wir warten noch auf die ganze Erfüllung. Wir warten noch auf den großen Baum, der aus dem Senfkorn wächst. Wir sind noch hier. Es ist noch Zwischenzeit. Neues ist schon da, aber noch nicht vollendet. Zwischenzeit. Hier bei uns, wo das Leben stattfindet. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“</p>
<p>Mitten in diese Zwischenzeit hören wir heute den Predigttext aus dem dritten Kapitel des Epheserbriefs. Es ist ein Gebet. Ein Gebet für Menschen in der Zwischenzeit, für alle, die sehnsüchtig zum Himmel schauen und trotzdem noch hier auf der Erde leben. Hören wir die Worte aus Epheser 3,14-21:</p>
<blockquote>
<p>14 Deshalb beuge ich vor dem Vater meine Knie. 15 Jeder Stamm und jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm. 16 Er soll euch so ausstatten, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht: Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen. 17 Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben. 18 So könnt ihr sie zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen. 19 Ihr werdet auch in der Lage sein, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Auf diese Weise werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes. Sie wird euer Leben ganz erfüllen. 20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles, was wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt. 21 Er regiert in Herrlichkeit in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig. Amen. (Epheser 3,14-21)</p>
</blockquote>
<p>Was soll man dazu noch sagen – außer Amen? Genau das könnte unser Gebet sein, heute an Exaudi. Oder an jedem Tag dieser Zwischenzeit. Genau das brauchen wir.</p>
<p>Der Betende beschreibt, welche Menschen es braucht in dieser Zwischenzeit, auf dem Weg zum Himmel, der uns versprochen ist, der aber noch nicht da ist:</p>
<p>Es braucht Menschen, die innerlich Kraft haben in dieser Zwischenzeit. Wer auf die letzten zweitausend Jahre Kirchengeschichte schaut, sieht: Es gab viele schwere Zeiten, dunkle Täler, viele Herausforderungen. Niemand bleibt davon verschont. Es gibt Stimmen, die sagen, als Christ:in sei alles leichter – Sorgen, Ängste, Probleme verschwinden, wenn man nur genug glaubt. Aber geerdete Christ:innen merken schnell: Das Leben sieht meistens anders aus. Wie im Psalm 23 gibt es nicht nur grüne Auen und frisches Wasser, sondern auch viele dunkle Täler – auch im Leben von Glaubenden. Deshalb braucht es Menschen mit innerer Kraft. Durchhaltevermögen. Stärke. Genug Widerstandskraft, um nicht unterzugehen in den Wellen der Zwischenzeit.</p>
<p>Es braucht Menschen, in deren Leben Christus wohnt, in dieser Zwischenzeit. Menschen, bei denen sichtbar wird, dass Jesus, der „Gott mit uns“, nicht einfach an Himmelfahrt verschwunden ist und uns allein zurücklässt. Dass „Christus in uns“ nicht nur ein schöner Gedanke für die Zukunft ist, sondern Realität im Hier und Jetzt. Dass seine Zusage gilt: „Ich bin bei euch, alle Tage.“ Geerdete Christ:innen leben im Bewusstsein, dass Jesus da ist. Dass alles, was sie tun, vor Gottes Augen geschieht. Wo Gott gegenwärtig ist, verändert sich etwas. Menschen verändern sich. Die Welt verändert sich. Das Reich Gottes wächst – der kleine Trieb von damals wird größer und stärker, wo Christus in Menschen wohnt. Deshalb braucht es solche Menschen in dieser Zwischenzeit.</p>
<p>Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt und gegründet sind. Daran erkennt man die Menschen im Reich Gottes, sagt Jesus selbst. Seine Nachfolger:innen, die, bei denen er wohnt. Das Erkennungszeichen ist nicht Frömmigkeit oder besondere Gesten, sondern die Liebe. Menschen, die von Gott geliebt sind und andere lieben. Wo sich diese Liebe ausbreitet, da wächst Gottes Reich. Da werden andere berührt, da bekommt das Evangelium Hände und Füße. Wo wir uns von Gottes Liebe erfassen lassen, verändert sich auch in uns etwas: Wer Gott finden will, braucht keine gewaltigen Visionen. Es reicht, in seiner Liebe verwurzelt zu sein, um ein bisschen zu begreifen, wie groß Gottes Liebe ist – breiter, länger, höher, tiefer als alles, was wir verstehen können. Wo die Liebe ist, da ist Gott. Wenn wir Gott entdecken wollen, braucht es Menschen, die in seiner Liebe verwurzelt und gegründet sind, hier in der Zwischenzeit.</p>
<p>Jetzt könnte der Predigende sagen: „Merkt euch das und lebt danach. Seid stark und unerschütterlich! Lebt, als wäre Christus bei euch. Seid verwurzelt in Gottes Liebe!“</p>
<p>Aber sobald wir überlegen, wie das konkret im Alltag funktionieren soll, merken wir schnell: Das ist gar nicht so einfach.</p>
<p>Wer von uns kann ehrlich sagen, dass ihn nichts erschüttert? Dass er oder sie immer standhaft bleibt? Vielleicht ist das Leben bisher auch einfach gnädig gewesen. Wenn ich sehe, was andere Menschen erleben müssen, in all den Extremen, dann kann ich nicht behaupten, dass ich immer mutig und stark wäre. Es braucht Menschen mit innerer Kraft – aber bin ich wirklich so jemand?</p>
<p>Wer kann sagen, dass Christus immer im Herzen wohnt? Dass nie Zweifel kommen? Nie Angst? Nie Einsamkeit? Dass jedes Denken, Reden und Handeln so passiert, dass es vor Gott bestehen könnte? Ich kann das nicht immer. Es braucht Menschen, in denen Christus wohnt. Aber das kann ich nicht einfach selbst machen. Da braucht es mehr, als ich geben kann.</p>
<p>Wer kann sagen, dass die Liebe Gottes alles im eigenen Leben durchdringt? Dass alles Denken, Reden, Handeln immer aus Liebe geschieht? Dass andere immer etwas von Gottes Liebe spüren, wenn sie mir begegnen? Ich freue mich über viele liebevolle Momente, aber ich kenne auch die anderen Seiten in mir. Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt sind. Aber wie soll ich das schaffen?</p>
<p>„Können wir das schaffen?“, fragt Bob der Baumeister. „Yes, we can“, sagt Barack Obama. „Wir schaffen das“, ruft Angela Merkel. Ich selbst bin mir da nicht so sicher.</p>
<p>Wer bereit ist, ehrlich in den Spiegel zu schauen, merkt schnell: Wenn wir jetzt einfach mit „Seid stark!“, „Lebt in Gottes Gegenwart!“, „Liebt bedingungslos!“ nach Hause gehen, bleibt das nur eine weitere Moralpredigt. Sie macht vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber bringt wenig Veränderung.</p>
<p>Denn echte Veränderung kann man nicht einfach machen. Nicht mit noch so vielen Bibelversen als Motivation. Nicht mit der besten Predigt im Ohr. Nicht mit guten Vorsätzen. Veränderung scheitert oft an uns selbst.</p>
<p>Wirklich verändern kann nur Gott. Deshalb ist dieser Text aus dem Epheserbrief auch keine Liste von Aufforderungen. Es ist ein Gebet. Dieser Text richtet sich an den einen, der etwas tun kann, wenn es um starke, von Christus erfüllte, liebende Menschen geht. Dieser Text ist eine Bitte an den Vater, von dem alles Leben kommt. Er wird gebeten, uns zu stärken, uns zu erfüllen, in uns zu wirken.</p>
<p>Alles ist Gebet:</p>
<p>„… dass er euch Kraft gibt nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit.“</p>
<p>„… gestärkt zu werden durch seinen Geist.“</p>
<p>„… dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt.“</p>
<p>Nur so kann es geschehen. Ich kann das nicht. Aber Gott kann das.</p>
<p>„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“</p>
<p>Vielleicht braucht gerade geerdetes Christ:sein in dieser Zwischenzeit immer wieder neu den Blick dafür, dass es nur in der Verbindung zu Gott gelingt. Wir warten – so wie die Jünger:innen damals gewartet haben. Wir stehen in der Zwischenzeit, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir wissen: Wir können uns nicht selbst verändern. Wir brauchen Gottes Kraft. Wir brauchen Gottes Geist.</p>
<p>Wir sehnen uns danach, dass Gottes Geist in uns lebt, uns Mut macht, uns Kraft gibt und unsere Herzen erfüllt. Wir warten, dass Gott uns bewegt, tröstet, belebt – hier, in unserem Alltag, in unserer Gemeinde, in unserer Welt.</p>
<p>Deshalb bleibt uns am Ende nur, offen zu werden für Gottes Geist. So wie damals die Jünger:innen gebetet und gewartet haben. So wie wir jetzt singen: „Atme in uns, Heiliger Geist.“</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wir stehen da wie die Jünger:innen an Himmelfahrt:  voller Sehnsucht, mit offenen Fragen – und manchmal mit leerem Blick zum Himmel. Was trägt uns in dieser Zwischenzeit? Wie gibt uns Gott Kraft für das Hier und Jetzt? Eine alte Bitte wird unser Gebet für heute.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Geerdetes Christsein zwischen Himmel und Alltag</itunes:subtitle>
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        <title>Lebend&#39;ger Fisch</title>
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        <pubDate>Sun, 25 May 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Das Thema &quot;Fisch&quot; zur Konfirmation verweist auf Jesus Christus: Mit ihm, nach ihm und zu ihm zu schwimmen lohnt sich immer -- auch gegen den Strom.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>[Fischer] Weit weg von hier, im kalten Norden, an der Küste Westgrönlands, schwimmt ein junger Lachs durch die Tiefen des Atlantik. Er fühlt sich wohl da. Das ist sein Zuhause. Hier findet er alles, was er zum Leben braucht.</p>
<p>[] Geboren ist er hier nicht. Erst eine weite Reise hat ihn hierher gebracht. Und nächstes Jahr (wenn ihn vorher niemand gefischt hat), wird er sich wieder auf die Reise machen. Tausende Kilometer weit. Mit erstaunlicher Präzision wird er genau dahin zurückkehren, wo er einst geboren wurde: In den Oberrhein, irgendwo zwischen Basel und Freiburg. Also hier bei uns, in Süddeutschland.</p>
<p>[] Dann – eines Tages, wenn das Wasser wärmer wird und etwas in seinem Inneren erwacht – dreht der junge Lachs um. Ein unsichtbarer Ruf zieht ihn heimwärts. Er verlässt die endlose Weite des Nordatlantiks, verlässt die kühlen Strömungen vor Grönland und macht sich auf den langen Weg zurück nach Europa--ein echtes Abenteuer. Hunderte Kilometer durch offenes Meer, gegen Strömungen, vorbei an hungrigen Raubfischen, an Schiffsschrauben, durch Sturm und hohe Wellen und schließlich: den Rhein hinauf. Kilometer um Kilometer gegen die starke Strömung. Das Wasser drückt ihn immer wieder zurück. Der Lachs springt, er schüttelt sich durch Stromschnellen. Er meistert Hindernisse, die für viele andere Fische unüberwindbar wären. Manchmal muss er sogar kleine Wasserfälle und Wehre überwinden – und jedes Mal wächst die Anstrengung.</p>
<p>[] Über 10 Meter Höhenunterschied sind es an der Rheinsperre im Gambsheim. Beim Aufstauen des Rheins hat man dort eine der größten Fischtreppen in Europa gebaut. Durch die Fenster im Besucherzentrum kann man den Fischen bei ihrer unglaublichen Leistung zuschauen: Das Wasser rauscht, die Strömung ist stark. Aber der Lachs kämpft sich nach oben. Es sind die letzten Meter auf seiner langen Reise durch halb Europa. Nach Hause.</p>
<p>[Holweger] Auf seinem weiten Weg sind dem Lachs viele andere Fische begegnet. Die meisten von ihnen waren nicht auf der Reise. Sie lebten befreit im offenen Meer oder beschaulich in einer ruhigen Seitenbucht des Rheins. Manche von ihnen schwammen auch schon größere Strecken. Während der junge Lachs sich jedenfalls gegen die Strömung aufwärts kämpfte, gibt es deutlich angenehmere Arten zu reisen: Wer lieber flussabwärts will, braucht sich eigentlich nur treiben lassen. Wer mit dem Strom schwimmt, muss sich kaum anstrengen. Nur wer gegen den Strom will, braucht Mut und Kraft.</p>
<p>[] Liebe Konfis, ihr habt euch für heute den Fisch als Thema gewählt. Den alten Jungscharschlager, den viele von euch noch gar nicht kannten, haben wir dazu gelegt: &quot;Sei ein lebendiger Fisch&quot;. Denn das ist es, was wir euch für eure Zukunft wünschen: eine Lebensreise, die euch zum Ziel führt. Leider kann euch jeder hier, der schon ein Stück dieser Reise hinter sich hat, bezeugen, dass das auch nicht immer einfach ist. Dass es da oft große Strömungswiderstände gibt: Dinge, die dich in ihren Sog ziehen wollen. Die dich aus der Bahn bringen wollen. Die es schwer machen, die gerade Linie zum Ziel weiter zu verfolgen. Hier ist es nicht Wasser, mit dem du zu kämpfen hast. Es ist vielleicht der Druck der Gruppe, der Mehrheit um dich herum, die dich mitziehen will. Die Sorge, ausgelacht oder ausgeschlossen zu sein. Die Rückschläge, die drohen, wenn du nicht auf Linie bist. Manchmal wird der Druck auch sehr sichtbar ausgeübt. Du wirst ausgegrenzt oder gemobbt, man droht dir, wenn du nicht spurst.</p>
<p>[Fischer] Es ist nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen. Aber das ist genau das, was unsere Welt gerade ganz dringend braucht: Menschen, die sich nicht mitziehen lassen, bei dem Spiel &quot;wir gegen die&quot;. Die nicht mitmachen bei der Gerüchteküche von Fake News, auch wenn sie noch so faszinierend daherkommt. Die sich nicht verleiten lassen von der Suche nach Sündenböcken, egal welcher Hautfarbe, Nationalität oder Sexualität. Auch dann nicht, wenn sie mit hochglänzenden Influencer:innen in perfekt gestylten TicToc-Videos viral geht. Menschen, die festhalten an Werten und Prinzipien, die nicht mehr selbstverständlich sind, wie &quot;Man lässt keine Menschen ertrinken.&quot; Oder: &quot;Jeder Mensch ist im Bild Gottes geschaffen und unendlich viel wert.&quot; Oder: &quot;Gott liebt alle Menschen.&quot; Die nicht mit einstimmen in das ach so logisch klingende &quot;Zuerst-an-sich-selbst-Denken&quot;, sondern beharrlich weiterschwimmen im &quot;Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.&quot;</p>
<p>[Holweger] Liebe Konfis, ihr habt euch den Fisch ausgesucht für eure Konfirmation, und dieser Fisch ist Programm, Unterstützung und Ziel in einem. Weil der Fisch ja weit über sich selbst hinausweist. Ihr habt ihn euch ausgesucht, nachdem wir euch erzählt haben vom Fisch als dem uralten Erkennungszeichen der Christ:innen, aus Tagen von Verfolgung und Not, als die Eingeweihten sich am Fischsymbol erkannten, der für ein Bekenntnis stand. Ein Glaubensbekenntnis. Für das, wozu ihr heute euer &quot;Ja&quot; sagt. Und der Fisch steht für noch mehr: Die Buchstaben des griechischen Wortes für Fisch, ICHTHYS -- das habt ihr von uns gelernt -- bilden für die, die Bescheid wissen, einen ganzen Satz. Sie verweisen auf eine Person: &quot;Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter&quot;.</p>
<p>[] Programm. Unterstützung. Und Ziel.</p>
<p>[Fischer] Programm deshalb, weil Jesus, der Christus, uns vorlebt, wie das mit dem &quot;lebend'gen Fisch&quot; geht. Wenn Gott an Christus sichtbar wird, dann ist er ein Gegen-den-Strom-Schwimmer wie kein anderer. Schaut ihn doch an: Er bleibt nicht nur nett in einer häufig feindseligen Umgebung. &quot;Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.&quot; Er geht noch viel weiter: &quot;Liebt eure Feinde. Segnet, die euch fluchen.&quot; Das ist radikal gegen den Strom. Und er belässt es nicht bei Worten. &quot;Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde&quot;, sagt er -- und tut's im nächsten Moment. Er stirbt. Für seine Freunde. Für uns. Das, ihr Lieben, ist gegen den Strom! Aber das ist ja noch gar nicht alles. Der, der am Kreuz noch für seine Widersacher betet -- &quot;Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun&quot; -- der lässt sich auch vom Tod nicht überwältigen. Da wo der Widerstand am allergrößten wird, wo die Strömung das Leben selbst wegreißt, da stemmt sich Gott mit Macht gegen die Flut. Aus dem tosenden Strudel des Todes, wo alle Hoffnung untergeht, da springt er plötzlich, lebendig und frei: Christus ist auferstanden! Wahrhaftig auferstanden. So haben wir's in der Osternacht miteinander gefeiert.</p>
<p>[] Liebe Konfis, ich wünsche, euch, dass ihr nie wieder einen Fisch ansehen könnt, ohne an ihn zu denken: Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Nie, ohne euch mitnehmen zu lassen in seine Richtung--in Gottes grenzenlose Liebe für diese ganze Welt.</p>
<p>[] Programm. Unterstützung. Und Ziel.</p>
<p>[Holweger] Unterstützung deshalb, weil ihr euch im Gegensatz zu unserem kleinen Lachs ja nicht allein gegen die Wellen stemmen müsst. Wir Christ:innen-Fische sind Schwarmtiere. Teil einer Gemeinschaft, die die Welt und die Zeit umspannt. Teil aller derer, die begriffen haben, was Gott in Christus für uns tut. Teil derer, die sich rufen lassen haben, MIT ihm zu schwimmen. Und darin steckt ja das ganze Geheimnis dessen, was uns immer wieder aus dem Strudel reißt: <em>mit</em> ihm. Den er schwimmt ja selbst an eurer Seite. Ihr seid Teil der Gemeinschaft derer, die in der Taufe sein Versprechen gehört haben: Du gehörst zu mir. Ich bin immer bei dir. Und überall. Bis an das Ende der Welt.</p>
<p>[] Liebe Konfis, ich wünsche euch, dass ihr nie wieder einen Fisch ansehen könnt, ohne daran erinnert zu werden, dass ihr nicht alleine seid. Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Er ist immer da für euch.</p>
<p>[] Programm. Unterstützung. Und Ziel.</p>
<p>[Fischer] Ein junger Lachs lässt sich gemütlich treiben. Er hat den weiten Weg hinter sich. Schiffschrauben und Stürme, Wellen und Strudel, Stufen und selbst Gambsheim konnten ihm nichts anhaben. Er ist angekommen. An einer ruhigen Stelle hinter ein paar Steinen, irgendwo in Süddeutschland oder der Schweiz, hat er hunderte von Eiern abgelegt. Auch wenn ein Lachs kein Philosoph ist, weiß er: Das musste so sein. Dazu bin ich hier.</p>
<p>[] Unser Ziel sieht anders aus. Unser Ziel ist nicht das, was uns die Werbung als attraktiv vorgaukelt. Unser Ziel ist nicht das, was einflussreiche Menschen uns als Ideal vorgeben. Unser Ziel ist nicht das, was unser Bauchgefühl für richtig hält. Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Er ist uns nicht nur Vorbild und Beistand. Er ist auch das Ziel, zu dem wir unterwegs sind. In ihm haben wir die Hoffnung auf ein sinnerfülltes Leben. In ihm haben wir die Gewissheit auf ein behütetes Sterben. In ihm haben wir die Hoffnung auf Gottes ganze unendliche Geschichte, weit über unsere Vorstellungskraft hinaus.</p>
<p>[] Liebe Konfis, ich wünsche euch, dass ihr nie wieder einen Fisch ansehen könnt, ohne diese Hoffnung in euch zu spüren: Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Für ihn, mit ihm, zu ihm lohnt es sich zu schwimmen. Auch gegen den Strom.</p>
<p>[] Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Das Thema &quot;Fisch&quot; zur Konfirmation verweist auf Jesus Christus: Mit ihm, nach ihm und zu ihm zu schwimmen lohnt sich immer -- auch gegen den Strom.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Mit Christus gegen den Strom</itunes:subtitle>
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        <title>Tanz der Weisheit</title>
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        <pubDate>Sun, 11 May 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ein herrlicher Morgen. Die Welt ist schön. Gott ist da. Die Weisheit tanzt. Grund zum Jubeln! Oder nicht? Wo dunkle Wolken aufziehen, haben wir Hoffnung: Gottes neue Schöpfung hat bereits begonnen. Und wir sind ein Teil davon.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Ein Bibeltext. Ein Gedicht. Ein Lied. Das Lied der Weisheit, aus dem Sprüchebuch, aus dem 8. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>22 Der HERR hat mich, die Weisheit, am Anfang seiner Schöpfung erschaffen. Ich war das erste seiner Werke vor aller Zeit. 23 In längst vergangenen Tagen wurde ich geschaffen, am Anfang der Erde, vor unvorstellbar langer Zeit. 24 Ich wurde geboren, als es noch keine Meere gab und kein Wasser aus den Quellen der Tiefe strömte. 25 Bevor die Berge in der Erde verankert wurden und die Hügel entstanden, kam ich zur Welt. 26 Gott hatte das Land noch nicht geschaffen und auch nichts anderes. Nicht einmal Staub gab es auf der Erde. 27 Ich war dabei, als er das Dach des Himmels baute, als er den Horizont über dem Meer bildete. 28 Ich war dabei, als er die Wolken oben festmachte und die Quellen unten aus der Tiefe sprudeln ließ. 29 Ich war dabei, als er dem Meer eine Grenze setzte und dem Wasser verbot, sie zu überschreiten. Als er dann die Fundamente der Erde legte, 30 stand ich ihm als Handwerkerin zur Seite. Tag für Tag war es für mich eine Freude, die ganze Zeit lachte ich an seiner Seite. 31 Ich war fröhlich, dass es den Erdkreis gab, und hatte meine Freude an den Menschen. 32 Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich! Glücklich zu preisen sind alle, die mir folgen. 33 Hört genau hin, damit ihr klug werdet! Schlagt die Erziehung nicht in den Wind! 34 Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört – der Tag für Tag an meiner Haustür wacht und am Türpfosten auf mich wartet. 35 Wer mich findet, hat Leben gefunden, und der HERR hat Gefallen an ihm gefunden. 36 Wer mich aber verfehlt, schadet sich selbst. Alle, die mich hassen, lieben den Tod. (Sprüche 8,22-36)</p>
</blockquote>
<p>Ah! Dieser erste Morgen -- am Anfang der Erde, vor unvorstellbar langer Zeit. Die Sonne geht auf, leuchtend und prächtig. In tausend Tautropfen spiegelt sich ihr Licht mitten im satten Grün einer neuen Erde. Ein Garten, Paradies, wunderbar und schön. Ein leichter Wind bringt die Blätter zum Raschen. Blüten öffnen sich und wiegen sich in der Brise, der Sonne entgegen. Neugierige Ameisen erkunden die Umgebung. Ein Specht klopft, eine Amsel singt. Ein Hase hoppelt übermütig über das Feld.</p>
<p>Im warmen Licht des Morgens kräuselt sich das Wasser eines kleinen Sees. Libellen tanzen über der Oberfläche. Ein Fisch springt. Das Schilf wiegt sich sacht. Moos bedeckt sanfte Felsen. Farne entrollen sich, zart und frisch. In einem Baum recken sich junge Zweige dem Licht entgegen. Die Luft ist klar. Alles atmet Ruhe. Kein Laut ist zu viel. Kein Blatt zu viel.</p>
<p>Ein Reh tritt aus dem Wald, bleibt stehen. Ein Vogel flattert auf.</p>
<p>Alles hat seinen Platz. Alles beginnt gerade erst.</p>
<p>Und Gott ist mittendrin. Seine Schöpferkraft, seine unendliche Kreativität entfaltet sich in mehr Schönheit, als wir je gesehen haben. Er tanzt durch seinen Garten. Er schafft, er pflanzt, er hat Ideen, er probiert sich aus. Farben, Formen, Leben in allen Varianten.</p>
<p>Wie viel Spaß muss er gehabt haben als er das Schnabeltier schuf. Den Riesentukan und das Pfauenauge. Wer außer Gott hätte sich den Kuhfisch ausdenken können, den Glasfrosch, Manati und Dugong, Spiegeleiqualle und Streifentenrek? Seine ganze Fantasie, Ideenreichtum und Leidenschaft, seine ganze Liebe zum Schaffen, zu seiner Schöpfung, investiert er in die Welt, die uns umgibt. Wunderschön, prächtig, zauberhaft und herrlich, traumhaft, glanzvoll, strahlend und märchenhaft präsentiert sich seine hinreißende Schöpfung im Licht ihres ersten Morgens.</p>
<p>Jubilate! Freut euch! Welche Anmut, welches Wunder!</p>
<p>Gott mittendrin: Das ist das beste Feature. Der Kern der Schöpfung. Alles, was Gott schafft, ist (wie er selbst) auf Gemeinschaft hin geschaffen. Auf Teilhabe. Auf Ergänzung. Auf ein Miteinander-Leben mitten in diesem bunten Paradiesgarten.</p>
<p>Und bevor auch nur einer, nur eine von uns diesen Garten betritt, ist er selbst da. Seine Weisheit ist hineingewebt in das große Ganze. Sie ist da. Man kann ihre Spuren entdecken. Im alten Gedicht, im Lied, wird die Weisheit selbst zur Person. Sie tanzt durch den Garten. Sie spielt. Sie singt. Sie entfaltet unbändige Freude über das Wunder, das Gott hier schafft. Eine Offenbarung des Himmels. Sie hüpft und sie tanzt und sie jubelt.</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Die Weisheit ist da. Sie singt und sie ruft, sie lockt, als wir nun die sind, die den Garten zuletzt betreten -- Menschen, geschaffen in Gottes Ebenbild, männlich und weiblich, als seine Kinder, als Höhepunkt seiner Schaffenskraft, ein Wunderwerk beseelt von seinem Lebensatem. Die Weisheit ruft: &quot;Hört!&quot;, &quot;Glücklich zu preisen, sind alle, die mir folgen! ... Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört!&quot;</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Hier ist alles, was es braucht zum Leben. Hier ist alles, was es braucht zum Glücklichsein.</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Hat dich die Sonne mit ihren Strahlen an der Nase gekitzelt, als du die Augen aufgeschlagen hast heute morgen? Hast du durchs offene Fenster das Singen der Vögel gehört? Hast du tief eingeatmet, den Duft des Frühlings gerochen? Hast du vor Freude einen Purzelbaum aus dem Bett geschlagen? Hast du gesungen unter der Dusche und bist ein Teil geworden des großen Schöpfungsjubels, des Staunens über Gottes Kreativität, über das Geheimnis seiner Größe, das er hier mit uns teilt? Hast du getanzt und dich gefreut an seinem größten Geschenk -- deinem Leben? Und hast du den Lockruf seiner Weisheit gehört?</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Einige schauen mich zweifelnd an.</p>
<p>Vielleicht war es einfach noch zu früh, vor der ersten Tasse Kaffee am Morgen. Vielleicht war die Nacht zu kurz oder die Matratze zu hart oder die Sorgen von gestern stecken dir noch in den Gliedern. Vielleicht war dir gar nicht nach Singen an diesem Morgen und das einzige, was du durchs offene Fenster gehört hast, war das Brummen der Autos auf der Bundesstraße oder den lauten Streit der Nachbarn, schon früh am Sonntagmorgen.</p>
<p>Vielleicht hast du auch einfach zu früh dein Handy eingeschaltet und der erste dumme Kommentar auf WhatsApp oder Telegram oder irgendwo in den Kommentarspalten hat dir sofort den Tag verdorben. Vielleicht hast du die Zeitung aufgeschlagen und festgestellt, das die Welt nicht besser geworden ist über Nacht, dass immer noch Bomben fallen in der Ukraine und geschossen wird in Gaza und im Sudan, und dass du jetzt in einem Land lebst, in das man Menschen, die Hilfe brauchen, gar nicht erst reinlässt, sondern schon an der Grenze zur Umkehr zwingt. Dass Margot Friedländer, eine der großen erinnernden Stimmen für den Frieden gestorben ist. Dass man anderswo das Ende des Krieges vor 80 Jahren meint, am besten dadurch zu feiern, dass man möglichst viele Vernichtungswaffen zeigt. Und dass &quot;schönes Wetter&quot; und strahlende Sonne, so schön sie ist, eigentlich das letzte ist, was wir jetzt brauchen -- während unsere Böden austrocknen und Zeugen sind einer Welt, in der sich das Klima verändert. Was ist das für eine Zukunft, die wir haben? Unsere Kinder und Enkel? Und Luca, der heute in Nebringen getauft wird?</p>
<p>Vielleicht war dir gar nicht nach Jubeln. Und du hast keinen Grund zur Freude entdeckt?</p>
<p>In die überbordende Freude der tanzenden Weisheit mischen sich bedenkliche Töne: Man kann den Weg zum Glück auch verfehlen. Was, wenn die Menschheit nicht auf Gottes Weisheit hört? &quot;Wer mich ... verfehlt, schadet sich selbst. Alle, die mich hassen, lieben den Tod.&quot;</p>
<p>Und da ist es, als habe eine dunkle Wolke sich vor die warme Morgensonne geschoben. Ein eiskalter Windstoß zerfleddert die leuchtenden Blüten. Das Singen der Amsel ist verstummt. Plötzlich ist der Tod im Bild. Dahinter steckt ein großer Gedanke der antiken Weisheit: Wer den Weg zum Lebensglück, den Weg der Weisheit verfehlt, der stirbt nicht sofort an den Folgen. Aber er lebt hier und jetzt gewissermaßen schon so, als sei der Tod Teil seines Lebens. Er fällt schon im Leben dem Tod anheim.</p>
<p>Gruselig. Da bleibt dir das &quot;Jubilate&quot; im Hals stecken.</p>
<p>Was machen wir denn jetzt mit einer Welt, in der ganz offensichtlich die Wege der Weisheit nicht immer begangen wurden? Was machen wir denn jetzt mit unserem Leben, das auch nicht immer nur tanzende Glückseligkeit war, weil wir -- ach so schlau und weise -- immer die besten und weisesten Lebensentscheidungen treffen (nicht!). Was machen wir denn jetzt, wo Zerstörung und Tod, Streit und Einsamkeit, Vergänglichkeit und Zerfall dunkle Wolken und Sturm über Gottes Garten gebracht haben?</p>
<p>Gott sei Dank ist das nicht das Ende!</p>
<p>Nicht das Ende der Geschichte. Nicht das Ende unseres Glücks.</p>
<p>Denn Gott hat sich nicht abgewandt. Er hat nicht aufgegeben, was er mit so viel Freude und Hingabe geschaffen hat. Er hat nicht weggesehen, als der Garten verwilderte, als sich der Tod in das Leben fraß.</p>
<p><strong>Wir haben Hoffnung.</strong></p>
<p>Nicht weil wir alles im Griff hätten. Nicht weil wir die Kurve noch kriegen. Sondern weil Gott selbst neu anfängt. Weil er einen neuen Morgen schenkt: Eine neue Schöpfung!</p>
<p>Nicht nur irgendwann, irgendwo, sondern ganz konkret: in einem Garten. Noch einmal. An einem frühen Morgen. Noch einmal</p>
<p>Ein Grab ist leer. Ein Name wird gesprochen. Ein toter Mensch steht auf – Christus.</p>
<p>Er ist der Erste der neuen Schöpfung.</p>
<p>Die Weisheit, die bei Gott war, sie ist Mensch geworden. Sie hat unter uns gewohnt, gelitten, geliebt, gelebt – und ist auferstanden.</p>
<p>Die Sonne geht auf. Ein neuer Tag beginnt. Und dieses Mal – hat der Tod nicht mehr das letzte Wort.</p>
<p>„Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor 5,17)</p>
<p>In der Taufe beginnt das. In diesem Wasser beginnt etwas, das nicht vergeht. Nicht verwelkt. Nicht kaputtgeht. Ein neues Leben. Ein ewiges Leben.</p>
<p>Und diese Kraft ist nicht fern. Nicht jenseitig, nicht vertröstend. Sondern jetzt. In dir. In mir. In jedem Menschen, der zu Christus gehört.</p>
<p>Der Weinstock trägt neue Frucht. Die Schöpfung beginnt neu – mitten in dieser alten Welt.</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Und was Gott anpackt, das wird etwas werden -- schöner noch als beim ersten Mal. Was dort schon leuchtete in unbeschreiblicher Pracht -- wie wird es erst sein, wenn Gott es vollendet hat in Herrlichkeit? Dann werden noch viel mehr Farben blühen. Da wird das Leben noch saftiger grünen. Da wird kein Reh und kein Luchs und kein einziger Mensch sich mehr verstecken aus Angst vor dem, was passieren könnte. Da werden wir miteinander leben, mit Gott in unserer Mitte, völlig ohne Scheu und ohne Scham. Da wird keiner mehr einsam sein und keiner mehr leiden müssen und aller Schmerz und selbst der Tod werden ein Ende haben. Da wird Gott selbst das Leben sein und seine Weisheit wird uns umtanzen und seine Nähe ist das, aus dem wir endlos Kraft schöpfen und Glück. Er selbst wird zur Quelle, die uns alles gibt.</p>
<p>Und wir werden die sein, die singen und tanzen und jauchzen:</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Weil es nur noch Grund zur Freude gibt!</p>
<p>Jubilate! Halleluja!</p>
<p>Nein, es ist noch nicht jetzt, dass wir das alles so erleben. Wir verschließen nicht die Augen vor der Realität der Welt, in der wir leben. Es ist uns schmerzlich bewusst, wie viel Unheil uns noch umgibt.</p>
<p>Aber: Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Denn es hat schon begonnen. In Christus ist die neue Welt Gottes hereingebrochen in das Alte, das vergeht -- das vollendet aufgehen wird in Gottes Herrlichkeit. Wir selbst sind Zeugen davon. Wir sind Teil der neuen Schöpfung. Neue Kreatur. &quot;Das Alte ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!&quot;</p>
<p>Noch sind wir auf dem Weg dorthin. Noch seufzt, mit Paulus gesprochen, die Schöpfung um uns im Warten auf das, was noch kommt. Noch ist es an uns, täglich neu zu hören auf den Ruf der Weisheit Gottes, auf den Ruf des Schöpfers der neuen Welt, der uns lockt, ihm zu folgen hin zum Glück:</p>
<p>&quot;Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich! Glücklich zu preisen sind alle, die mir folgen. Hört genau hin, damit ihr klug werdet! ... Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört... Wer mich findet, hat Leben gefunden, und der HERR hat Gefallen an ihm gefunden.&quot;</p>
<p>Und wo wir ihn hören, den Ruf, und wo wir ihm folgen, da weht uns die frische Brise der neuen Schöpfung, des Ostermorgens, um die Nase.</p>
<p>Da blüht es auf: Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Da können wir tanzen:</p>
<p>Jubilate! Freut euch!</p>
<p>Halleluja.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ein herrlicher Morgen. Die Welt ist schön. Gott ist da. Die Weisheit tanzt. Grund zum Jubeln! Oder nicht? Wo dunkle Wolken aufziehen, haben wir Hoffnung: Gottes neue Schöpfung hat bereits begonnen. Und wir sind ein Teil davon.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Jubel einer neuen Schöpfung</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>14:14</itunes:duration>
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        <title>Begegnung im Garten</title>
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        <pubDate>Sun, 20 Apr 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Tränen. Dunkelheit. Alles ist verloren. Und dann: Ein Wort. Ein Name. Christus ist auferstanden! Neues beginnt. Wir haben Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Hört das Osterevangelium, in den Worten des Johannesevangeliums, aus dem 20. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>11 Maria blieb draußen vor dem Grab stehen und weinte. Mit Tränen in den Augen beugte sie sich vor und schaute in die Grabkammer hinein. 12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewänder dort sitzen, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte. Einer saß am Kopfende, der andere am Fußende. 13 Die Engel fragten Maria: »Frau, warum weinst du?« Maria antwortete: »Sie haben meinen Herrn weggenommen. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!« 14 Nach diesen Worten drehte sie sich um und sah Jesus dastehen. Sie wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus fragte sie: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?« Maria dachte: Er ist der Gärtner. Darum sagte sie zu ihm: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, dann sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Ich will ihn zurückholen!« 16 Jesus sagte zu ihr: »Maria!« Sie wandte sich ihm zu und sagte auf Hebräisch: »Rabbuni!« – Das heißt: »Lehrer«. 17 Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht hinaufgegangen zum Vater. Aber geh zu meinen Brüdern und Schwestern und richte ihnen von mir aus: ›Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.‹« 18 Maria aus Magdala ging zu den Jüngern. Sie verkündete ihnen: »Ich habe den Herrn gesehen!« Und sie erzählte, was er zu ihr gesagt hatte. (Johannes 20,11-18)</p>
</blockquote>
<p>Die Nacht ist nicht einfach vergangen. Sie hat kein Auge zugetan. Zu viel Schmerz. Zu viele Bilder im Kopf. Der Tod hat sich eingeprägt – in ihre Erinnerung, in ihren Körper. Sie trägt ihn mit sich. Nicht als Gedanke, sondern als Schwere. Maria geht. Weil sie nicht anders kann. Sie muss noch einmal hin. Zum Grab. Sie sucht Nähe, wo keine mehr ist. Vielleicht ein letzter Dienst. Ein letzter Blick. Ein Ort für ihre Tränen.</p>
<p>Das Johannesevangelium erzählt gerne von Einzelpersonen und ihren Begegnungen mit Jesus. Wo die anderen Evangelien von mehreren Frauen berichten, konzentriert sich der Erzähler hier auf Maria. Es ist, als wolle er die Kamera auf sie und ihren Schmerz scharf stellen. Und auf das, was dann passiert. Aber soweit sind wir ja noch nicht.</p>
<p>Zuerst ist einfach nur der Stein weg. In der Erzählung des Johannesevangeliums schaut Maria sich nicht einmal weiter um. Sie macht kehrt und holt Simon Petrus und einen anderen Jünger zur Hilfe. Die sind genauso ratlos. Sie können das alles noch gar nicht einordnen. Wie sollten sie auch? So unbegreiflich ist das Ganze. Nur einer schaut ins Grab hinein und glaubt. Mehr berichtet das Evangelium dazu nicht. Dann verschwinden die beiden wieder von der Bildfläche.</p>
<p>Maria bleibt zurück. Ratlos. Verstört. Man hat ihr alles genommen. Den Freund. Die Hoffnung. Und jetzt auch noch das Letzte, woran sie sich hätte festhalten können. Das Grab ist leer.</p>
<p>Maria steht mit ihrer Sehnsucht, ihrer Trauer, ihrer Suche nicht allein. In Kiew, im Sudan, in Myanmar, in Gäufelden. Auch heute weinen Menschen um das, was ihnen genommen wurde – und wissen nicht, wo sie noch Hoffnung finden können.</p>
<p>Für die eine ist es der langjährige Ehepartner, der plötzlich nicht mehr da ist--und du bist ganz allein. Für den anderen ist es der Scherbenhaufen einer zerbrochenen Beziehung. Für die Menschen in der Ukraine vielleicht die Ruine ihres Hauses. Im Sudan die Verzweiflung über den unendlichen Terror. Für junge Menschen die Frage, wie es weitergeht in einer Welt, in der die Tyrannen gewählt werden und das Kriegsgeschrei anschwillt; in einer Welt, die sich weigert zusammenzurücken und genug für eine lebenswerte Zukunft zu tun.</p>
<p>Manchmal ist es nicht früh am Morgen, aber in der Nacht des Lebens. Und wir stehen wie Maria – mit Tränen in den Augen – vor einem leeren Grab: das Herz leer, die Hoffnung zerbrochen.</p>
<p>Maria weint. Das ist alles, was ihr bleibt. Die ganze Verzweiflung bricht aus ihr heraus.</p>
<p>Sie beugt sich noch einmal zum Grab. Vielleicht um sicherzugehen. Vielleicht, weil sie nichts anderes tun kann.</p>
<p>Und dann – zwei Gestalten. Engel. Sie fragen sie: <em>„Frau, warum weinst du?“</em> Als wäre das nicht offensichtlich. Als wüssten sie nicht, was passiert ist. Oder vielleicht: Als würden sie <em>mehr</em> wissen als sie.</p>
<p>Wie oft haben Engel schon zu dir geredet?</p>
<p>Maria merkt nicht einmal, was da gerade geschieht. Was Gott da tut, vor ihren Augen. Wenn du verzweifelt bist, dann lässt du dich nicht von Wundern blenden. Dann dringen die Hoffnungsworte oft gar nicht mehr durch. Wenn du verzweifelt bist, dann ist das, was von außen offensichtlich scheint, für dich am Ende unsichtbar. Maria wendet sich ab. Für sie gibt es hier nichts mehr.</p>
<p>Für sie gibt es hier nichts mehr. Kein Trost, kein Zeichen, kein Wunder. Sie dreht sich um – weg vom Grab, weg vom Schmerz. Und da steht jemand.</p>
<p>Ein Mann.</p>
<p>Ein Unbekannter.</p>
<p>Auch er stellt eine Frage: <em>„Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“</em></p>
<p>Es ist die gleiche Frage. Aber sie kommt anders an. Direkter. Näher. Persönlicher. Maria erkennt ihn nicht. Wie auch? Ihre Augen sind voller Tränen. Ihr Herz ist woanders – bei einem Toten. Nicht bei dem, der lebt.</p>
<p>Sie denkt: Er ist der Gärtner. Der, der hier arbeitet. Der vielleicht Ordnung hält in dieser Unordnung aus Tod und Trauer. Also spricht sie ihn an: <em>„Herr, wenn du ihn weggebracht hast…“</em></p>
<p>Ihre letztes Quäntchen Hoffnung richtet sich auf den Falschen. Oder besser gesagt: auf den Richtigen – den sie für den Falschen hält.</p>
<p>Ist sie denn so blind geworden? Hat die Dunkelheit wirklich alles ausgelöscht?</p>
<p>Nein. Da muss ich Maria in Schutz nehmen. Das tut der Evangelist gewissermaßen auch. Zu groß ist das Wunder, das vor Maria steht. Der auferstandene Christus ist anders als der, der vorher mit Schmerzensschreien am Kreuz starb. Auferstehung verändert. Auferstehung ist nicht einfach nur die Wiederaufnahme, die Fortsetzung dessen, was vorher war. &quot;Play&quot;, nach &quot;Pause&quot;, wenn du schon dachtest, es wäre &quot;Stop&quot; gewesen. Als Gott seinen Christus auferweckt von den Toten, da tut er etwas Neues. Er schafft Leben, noch einmal neu.</p>
<p>Nicht umsonst erzählt das Johannesevangelium diese Begegnung in einem Garten. &quot;Im Anfang&quot;, so hat Johannes' Erzählung von Jesus begonnen in Kapitel 1. &quot;Im Anfang&quot;, so wie die Schöpfungsgeschichte beginnt. Theologisch meisterhaft gesponnene Fäden. Gott knüpft an an das, was er schon immer mit den Menschen tat. Und jetzt sind wir wieder mitten drin. Im Garten.</p>
<p>Der erste Garten war das Paradies. Dort begann alles – mit Nähe, mit Vertrauen, mit Leben. Da bliess Gott seinen Atem in seinen Menschen hinein. Da schenkte Gott ihm Leben inmitten einer perfekten Umgebung. Da ließ es sich leben in ständiger Begegnung mit Gott.</p>
<p>Der erste Garten war das Paradies. Der Ort, an dem alles begann.</p>
<p>Und dann kam der Riss. Der Bruch. Die Trennung.</p>
<p>Und nun – ein anderer Garten.</p>
<p>Wieder ein Mensch. Wieder Gott in der Nähe. Wieder das Leben. Maria steht da – mitten im neuen Anfang. Mitten in Gottes Neuschöpfung. Was um sie blüht, das sind nicht nur Frühlingsblüten, die sich der Morgensonne öffnen. Was um sie leuchtet, sind nicht nur die Sonnenstrahlen eines neu beginnenden Tages. Vor ihr steht das Leben selbst. Das neue Leben. Das ewige Leben. Christus ist auferstanden! Wahrhaftig auferstanden! Der Tod ist besiegt! Die Hoffnung leuchtet! Die Zukunft ist offen! Ein neuer Anfang für jedes Ende, für alles Vergängliche, für alle zerstörten Träume und niedergeschlagenen Gedanken. Für alles, was das Böse und das Leid kaputtgeschlagen haben. Christus ist auferstanden! Ha! Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Vor dem, der da steht, verblassen alle menschlichen Herrlichkeiten. Gegen das, was hier leuchtet, wird alles andere klein und unwichtig. Hier steht das Leben! Hier steht die Hoffnung! Hier steht das Heil! Hier steht der auferstande Christus!</p>
<p>Aber Maria erkennt ihn noch nicht.</p>
<p>Bis…</p>
<p>Ein Wort.</p>
<p>Ein Name.</p>
<p>„Maria.“</p>
<p>Wenn du verzweifelt bist, dann helfen keine großen Erklärungen. Verzweiflung kann man nicht wegargumentieren. Man kann sie nicht wegbeweisen -- nicht einmal mit Engelserscheinungen. Wenn du noch im Karsamstag festhängst, wenn dich Leid und Sorge fest im Griff haben, dann trotzen auch die frohsten Osterlieder dir kein Lächeln ab. Verzweiflung macht dich taub und blind für alles, was um dich herum blüht.</p>
<p>Bis…</p>
<p>Ein Wort.</p>
<p>Ein Name.</p>
<p>&quot;Maria.&quot;</p>
<p>Keine Erklärung. Keine große Offenbarung. Ein Name. Gesprochen in der Stimme, die sie kennt.</p>
<p>Gott wird ganz persönlich. Ganz nahe. Er spricht hinein in das dunkle Chaos ihres Herzens.</p>
<p>Beziehung dringt durch. Der Schleier der Verzweiflung hebt sich. Der Nebel weicht und die Dunkelheit.</p>
<p>„Maria.“</p>
<p>Und mit einem Mal ist alles anders. Sie sieht. Sie erkennt. Sie glaubt. Weil sie gehört wird. Weil sie angesprochen wird. Weil sie gemeint ist.</p>
<p>&quot;Maria.&quot;</p>
<p>Ihre Augen werden groß wie Untertassen. Es verschlägt ihr den Atem. Ihre Unterlippe zittert. Nein, ihr ganzer Körper. Es wird ihr heiß, nein, kalt, nein, alles gleichzeitig. Ihr Herz schlägt so wild, als wolle es durch die Rippen bersten. Sie kann es nicht fassen, was sie jetzt endlich sieht.</p>
<p>&quot;Rabbuni?&quot;</p>
<p>&quot;Rabbuni!&quot;</p>
<p>&quot;Maria.&quot;</p>
<p>Christus ist auferstanden! Wahrhaftig auferstanden!</p>
<p>Mit einem Mal ist Ostern ganz persönlich.</p>
<p>Wie ist dein Ostern? 2025?</p>
<p>Was bringst du mit in den Garten?</p>
<p>Vielleicht ist da auch ganz viel Nebel und Dunkelheit. Bei dir. Bei anderen in deiner Umgebung. Ganz sicher in der Welt, in der wir leben.</p>
<p>Horch: Christus ist auferstanden. Er lebt. Er spricht. Du kannst ihm begegnen.</p>
<p>&quot;Christoph&quot; ruft er. &quot;<Name>&quot;. Und &quot;<Name>&quot;. Und &quot;Leon&quot;, heute sowieso. Dem spricht er ja gerade heute in der Taufe alles zu. Sein Auferstehungsleben.</p>
<p>Er ruft auch dich beim Namen. Nicht abstrakt. Nicht pauschal. Persönlich. Nah. Vertraut. Und wenn er ruft – dann kann sich alles ändern. Wenn er ruft, dann beginnt Ostern – mitten in deinem Leben. Da schafft Gott Neues: Grund zur Hoffnung.</p>
<p>Hörst du ihn schon? Siehst du ihn schon?</p>
<p>Er steht vor dir. Er ist bei dir. Ganz nahe. Immer. Das hat er versprochen. Nicht einmal der Tod kann ihn von dir fernhalten.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Christus ist auferstanden!</p>
<p>Am liebsten hätte Maria ihn nie wieder losgelassen!</p>
<p>Doch dann geht sie: &quot;Maria aus Magdala ging zu den Jüngern.&quot;</p>
<p>Sorry, lieber Johannes, das nehme ich dir nicht ab.</p>
<p>Maria ging zu den Jüngern?</p>
<p>Ach was! Gerannt ist sie sicher. Gehüpft und gesprungen. Am liebsten hätte sie Räder geschlagen im Gras des Gartens, noch frisch mit Morgentau.</p>
<p>Maria ging zu den Jüngern? Kannst du sie rennen sehen, vor deinem Auge, rennen und hüpfen und jauchzen und rufen, ganz außer Atem -- aber nichts kann sie zum Schweigen bringen!</p>
<p>&quot;Ich habe den Herrn gesehen!&quot;</p>
<p>Er hat mich angesprochen. Das Leben ist mir begegnet. Die Hoffnung strahlt. Die Zukunft blüht.</p>
<p>Das Leid ist verblasst. Der Tod überwunden.</p>
<p>Christus ist auferstanden!</p>
<p>Wahrhaftig auferstanden!</p>
<p>Komm, wir singen einfach mit!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Tränen. Dunkelheit. Alles ist verloren. Und dann: Ein Wort. Ein Name. Christus ist auferstanden! Neues beginnt. Wir haben Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wenn Hoffnung plötzlich wieder blüht</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>13:30</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Tischgemeinschaft</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/tischgemeinschaft/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/tischgemeinschaft/</guid>
        <pubDate>Thu, 17 Apr 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ein uraltes Geheimnis. Ein unverständliches Leiden. Eine scheinbar unmögliche Gemeinschaft. Christus selbst ist es, der uns einlädt, stärkt und verwandelt. Wir sind seine Tischgemeinschaft.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 11. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24 dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. 25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. 26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. (1. Korinther 11,23-26)</p>
</blockquote>
<p>Da sitzen sie nun: Die hitzköpfigen Söhne des Zebedäus. Der Fischer, der seinen Mund nicht halten kann. Der Revolutionsbegeisterte, der Jesus folgt, weil er sich Freiheit erhofft. Der Bibelkenner aus Kapernaum. Da sitzt auch der stille Träumer, der lieber fragt als behauptet. Der Skeptiker, der sehen will, um glauben zu können. Der Zöllner, der einst in römischen Diensten stand und jetzt dem Himmel dient. Da ist der Unscheinbare, den kaum jemand kennt, aber der da ist, treu und still. Der andere, der alles mitträgt, ohne Spuren zu hinterlassen. Der junge Jünger, der mit staunenden Augen auf Jesus blickt. Und der, der den Geldbeutel trägt. Die Silbermünzen für seinen Verrat brennen ihm in der Tasche.</p>
<p>Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der ihnen die Füße wäscht. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.</p>
<p>Sie sind eingeladen.</p>
<p>Da sitzen sie nun: Die wohlhabende Händlerin mit ihren eigenen Hausangestellten. Der Tagelöhner, der nicht weiß, ob morgen genug Arbeit für ihn da ist. Die Sklavin, die in der Gemeinde einen Namen hat, aber draußen nur eine Nummer ist. Der römische Beamte, der heimlich gekommen ist, weil sein Glaube nicht in den Dienstplan passt. Die Hafenstadt Korinth ist bunt und vielfältig. Da sitzt der griechische Philosoph, der noch immer Fragen stellt. Der Seemann, dem noch der Salzgeruch in den Kleidern hängt. Die junge Frau, die im Tempel gearbeitet hat und jetzt einen neuen Weg sucht. Der Jude aus der Synagoge, der von Jesus, dem Messias, fasziniert ist. Da ist der ehemalige Tempeldiener, der immer noch den Rhythmus der Opfer kennt. Die verwitwete Mutter mit zwei Kindern, die mit leerem Blick, aber offenem Herzen dasitzt. Der Handwerker, der stolz auf seine Schwielen ist – und auf seinen Glauben. Die Fremde aus Afrika, deren Sprache kaum jemand versteht, aber deren Lächeln alles sagt.</p>
<p>Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der sie verbindet. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.</p>
<p>Sie sind eingeladen.</p>
<p>Hier sitzt ihr nun. Wer ist denn heute da? Vielleicht die Witwe, die noch weiß, wie man mit bloßen Händen Kartoffeln ausgräbt. Der Rentner, der früher bei Mercedes am Band stand. Der Architekt aus dem Iran, der hier keine Arbeit findet. Der Senior, der aus einem pietistischen Elternhaus kommt und jeden Vers auswendig kennt. Schaut euch mal um: Wen seht ihr da? Vielleicht sitzt da die Mutter aus der Neubausiedlung, die oft zu spät kommt, aber immer dabei ist. Der ehemalige Landwirt, der seinen Hof längst verpachtet hat, aber sonntags pünktlich auf seiner Bank sitzt. Die Lehrerin, die im Ort aufgewachsen ist und jetzt ihre Kinder im Gottesdienst neben sich hat. Der Mann aus der Ukraine, der den Krieg im Blick trägt, aber den Frieden in der Kirche sucht. Vielleicht ist da die Ehrenamtliche, die im Besuchsdienst war, solange sie laufen konnte. Der stille Nachbar, der nie singt, aber jedes Mal zuhört. Die Jugendliche, die eigentlich nicht wollte, aber von ihrer Oma mitgebracht wurde. Die Frau mit Rollator, die sich von nichts und niemandem vom Kirchgang abhalten lässt. Und die Konfis, die noch einen Punkt brauchen.</p>
<p>Auf jeden Fall bist du da. Mit deinen Gedanken, deinen Fragen, deinem Glauben oder deinem Zweifel.</p>
<p>Ihr seid gekommen. In unsere Kirche. Zusammen an einem Tisch. Mit einem, der euch Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.</p>
<p>Ja, der ist auch da. Ihn seht ihr nicht, und doch hat er den Ehrenplatz. Er selbst hat eingeladen. Er selbst teilt aus. Wir leihen ihm nur unsere Stimmen und unsere Hände.</p>
<p>Er selbst ist da und wie damals ist er es, um den sich alles dreht. Er spricht uns an. Er beschenkt uns. Er gibt uns alles, was er hat: &quot;Das ist mein Leib. Für euch. Das ist mein Leben.&quot; (Dafür steht ja das Blut.) &quot;Für euch.&quot;</p>
<p>Was damals geschah, wird hier unter uns real, weil er selbst da ist, mit uns am Tisch. Über die Zeiten hinweg, über Sprachgrenzen und Kulturbarrieren ist er derselbe. Christus. Der Herr.</p>
<p>Das ist mein Leib.</p>
<p>Er selbst bricht das Brot mit uns.</p>
<p>Das ungesäuerte Matzah-Brot ist hart. Es knackt, wenn man es zerbricht, um es zu teilen. Das berstende Geräusch klingt hart, so wie das, was nach dem Mahl folgen wird.</p>
<p>Das ist mein Leib.</p>
<p>Das ist ja erst der Anfang des Abends, der mit Festnahme und Hohn, mit falschen Zeugen und harten Schlägen enden wird. Und der sich im Morgengrauen fortsetzt, bis dort hin ans Kreuz.</p>
<p>Die, die da sitzen, starren ihn an. Sie verstehen vieles von dem, was er sagt noch nicht. Von dem, was dann folgt, werden sie noch weniger verstehen. Kann man das sinnlose Grauen, die Zerstörung eines Unschuldigen, das Zerbersten all ihrer Hoffnungen, das Leiden des Gottessohns denn wirklich verstehen?</p>
<p>Verstehen wir es denn wirklich besser? Seit 2.000 Jahren ringt seine Kirche mit dem leidenden Christus und in all unseren Erklärungen merken wir nur immer wieder neu, wie sehr wir an der Oberfläche kratzen. Wie wenig es sich überhaupt in Worte fassen lässt, was dort geschieht, wo Gott selbst sich in Gottverlassenheit und Tod begibt.</p>
<p>Schaut doch hinauf! Lasst euch nicht von barocken Schnitzereien verzaubern. Begreift ihr's denn wirklich, sein Kreuz und sein Leiden?</p>
<p>Das ist mein Leib.</p>
<p>Das Brot und der Kelch werden zur Auslegung des Geschehens. Noch haben sie's nicht verstanden. Erst später wird es ihnen dämmern, wie uns und wenn das Brot wieder gebrochen wird, in Emmaus und Jerusalem, in Korinth und Gäufelden, dann brennen die Herzen derer am Tisch. Sie erfahren, viel mehr als Worte erzählen können. Viel mehr als Erinnerungen transportieren können. Sie erfahren ihn selbst. Den Christus, der sich mit ihnen teilt. Mit uns.</p>
<p>Das ist mein Leib. Für euch. Das tut zu meinem Gedächtnis.</p>
<p>Denn jedes Mal wenn ihr das tut, &quot;verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.&quot;</p>
<p>Im Nehmen, im Essen, im Kauen, im Trinken, werden wir miteinander eine Verkündigungsgemeinschaft. Nicht nur in dem, was gesprochen wird. Wir stehen im Kreis. Wir schauen uns an. Wir sehen einander empfangen, danken, teilhaben an dem, was Gott schenkt. Jeder Bissen, jeder Schluck wird zu einer ganzen Predigt: Seht, welche Liebe Gott uns gezeigt hat. Das hat er für uns getan. Er hat sich für uns gegeben. Für uns.</p>
<p>Es liegt mir auf der Zunge, das jetzt noch einmal herunterzubrechen. Für uns. Für dich. Ganz persönlich. In einer Welt, die den Einzelnen, das Individuum, betont ist das ein gewohnter Gedanke. Aber das steht da ja gar nicht. Das ist nicht das, was Jesus sagt. Er macht keine tiefgründige Pause vor jedem Einzelnen, schaut dem Petrus ins Auge, dann dem Johannes, dem Jakobus, und sogar dem Judas, von dem er weiß, dass er ihn verraten wird: &quot;Das ist mein Leib. Für dich.&quot;</p>
<p>Man kann das Abendmahl nicht alleine feiern. Man kann sich nicht selbst, alleine, den Zuspruch des Evangeliums sagen. Das Wunder, das hier geschieht, ist größer als jede:r Einzelne. Es macht uns, die wir von Gott getrennt waren, zum Teil einer eingeladenen Tischgemeinschaft.</p>
<p>Das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Zu oft ist das, was uns verbindet, nur noch Zweckgemeinschaft. Damit sind wir in guter Gesellschaft. Das fing schon damals an, in Korinth. Das ist ja der Grund, warum Paulus dorthin über das Abendmahl schreibt. Auch dort schon zeigt sich, dass Einzelne nicht an das Ganze zu denken gewohnt sind. Die Einen sind noch gar nicht da, da beginnen die Anderen schon mit dem Mahl. Die Einen schlagen sich die Bäuche voll, die Anderen gehen hungrig nach Hause. Der Apostel ist entsetzt: Leute, das ist doch nicht die Verkündigung dessen, der uns durch seinen Tod verbindet!</p>
<p>Schaut euch hier um: Wer sitzt in euren Reihen? Mit wem würdet ihr sonst zu Abend essen? Wir sind so unterschiedlich: Jung und alt. Laut und leise. Schon lange dabei und gerade erst gekommen. Aus dem Dorf, aus der Stadt, aus einem anderen Land. Mit klarem Glauben oder mit vielen Fragen. Stellt euch vor, jemand käme von außen und suchte nach unserer Gemeinsamkeit. Würde er etwas finden? Hobbies? Musikgeschmack? Lebensphilosophie? Hintergrund? Traditionen? Das wird noch krasser, wenn wir daran denken, mit wem auf der Welt wir heute im Abendmahl verbunden sind. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner? Was würde uns an einen Tisch bringen, wenn nicht er es wäre, der uns vereint?</p>
<p>Er schenkt uns sein Leben. Er gibt sich uns selbst. Das ist es, was uns verbindet.</p>
<p>Wir stehen im Kreis. Wir brechen das Brot und teilen den Saft.</p>
<p>Wir singen von unserer Hoffnung. Wir danken ihm, der uns einlädt.</p>
<p>Wir kauen und schlucken. Wir verkündigen. Ihn, der uns eingeladen hat.</p>
<p>Wir stehen im Kreis und wir reichen uns die Hände. Sein Wort macht uns Mut für die nächsten Schritte.</p>
<p>&quot;Geht in seinem Frieden.&quot;</p>
<p>Und das tun wir. Wir gehen: hinaus in eine Welt, die wir viel zu oft nicht verstehen. Vielleicht wie die Jünger, mit Lobgesang auf den Lippen: &quot;Meine Hoffnung und meine Freude.&quot; Mit dem Geschmack von Brot und Traubensaft auf der Zunge. Mit Hoffnung im Herzen. Wir gehen hinaus und an der Tür, da trennen sich unsere Wege -- und doch nicht, denn wir bleiben verbunden, weltweit verbunden sogar, als diese eine Gemeinschaft, die man nicht machen kann, sondern die nur geschenkt werden kann, von ihm selbst. Wir sind die Seinen. Wir tragen sein Leben an uns. Wir haben seine Hoffnung. Wir folgen seinen Wegen.</p>
<p>Wir gehören zusammen. Eine Gemeinde. Seine Gemeinde.</p>
<p>Teuer bezahlt.</p>
<p>Das ist mein Leib. Für euch.</p>
<p>Das ist der neue Bund in meinem Blut. Für euch.</p>
<p>Das war's ihm wert. Wir sind es ihm wert.</p>
<p>Wir sind seine Tischgemeinschaft.</p>
<p>Das ist es, was wir verkündigen -- heute und bis er kommt.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ein uraltes Geheimnis. Ein unverständliches Leiden. Eine scheinbar unmögliche Gemeinschaft. Christus selbst ist es, der uns einlädt, stärkt und verwandelt. Wir sind seine Tischgemeinschaft.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Eingeladen zu einem Wunder</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Wahrheit</title>
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        <pubDate>Sun, 06 Apr 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>In der Stille, die du kaum aushältst, starrt dir die Wahrheit unverhüllt ins Gesicht. Was siehst du? Was hörst du? Was ist Wahrheit? Eine Begegnung mit dir selbst und mit Christus, der an deine Stelle trat.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Aus dem Johannesevangelium, aus dem 18. und hinein ins 19. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>28 Die Vertreter der jüdischen Behörden brachten Jesus von Kaiphas zum Sitz des römischen Statthalters, dem sogenannten Prätorium. Es war früh am Morgen. Sie selbst gingen nicht ins Prätorium hinein, um nicht gegen die Reinheitsvorschriften zu verstoßen. Sie wollten ja bald darauf am Passamahl teilnehmen. 29 Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: »Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?« 30 Sie gaben ihm zur Antwort: »Wenn er kein Verbrecher wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert!« 31 Pilatus entgegnete ihnen: »Nehmt ihr ihn doch und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz.« Da sagten die Vertreter der jüdischen Behörden: »Wir dürfen aber niemanden hinrichten!« 32 So ging das Wort in Erfüllung, mit dem Jesus vorausgesagt hatte, welchen Tod er sterben musste. 33 Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein. Er ließ Jesus rufen und fragte ihn: »Bist du der König der Juden?« 34 Jesus antwortete: »Fragst du das von dir aus oder haben andere dir das über mich gesagt?« 35 Pilatus erwiderte: »Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die führenden Priester haben dich zu mir gebracht. Was hast du getan?« 36 Jesus antwortete: »Das Reich, dessen König ich bin, stammt nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Leute für mich gekämpft. Dann wäre ich jetzt nicht in den Händen der jüdischen Behörden. Aber mein Reich stammt eben nicht von dieser Welt.« 37 Pilatus fragte weiter: »Also bist du doch ein König?« Jesus antwortete: »Du sagst es: Ich bin ein König! Das ist der Grund, warum ich geboren wurde und in die Welt gekommen bin: Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten. Jeder, der selbst von der Wahrheit ergriffen ist, hört auf das, was ich sage.« 38 Da fragte Pilatus ihn: »Wahrheit – was ist das?« Nach diesen Worten ging Pilatus wieder zu den Vertretern der jüdischen Behörde hinaus. Er sagte: »Ich halte ihn für unschuldig. 39 Es ist aber üblich, dass ich euch zum Passafest einen Gefangenen freigebe. Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse?« 40 Da schrien sie: »Nein, nicht den, sondern Barabbas!« Barabbas war aber ein Verbrecher. 1 Daraufhin ließ Pilatus Jesus abführen und auspeitschen. 2 Die Soldaten flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf den Kopf. Sie hängten ihm einen purpurroten Mantel um. 3 Dann stellten sie sich vor ihn hin und riefen: »Hoch lebe der König der Juden!« Dabei schlugen sie ihm ins Gesicht. 4 Pilatus ging wieder zu den Leuten hinaus und sagte: »Ich lasse ihn zu euch herausbringen. Ihr sollt wissen, dass ich ihn für unschuldig halte.« 5 Jesus kam heraus. Er trug die Krone aus Dornenzweigen und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu den Leuten: »Seht her! Da ist der Mensch!« (Johannes 18,28-19,5)</p>
</blockquote>
<p><em>Stille. Ganz lange Stille.</em></p>
<p>Was hörst du?</p>
<p><em>Stille.</em></p>
<p>An was denkst du jetzt?</p>
<p><em>Stille.</em></p>
<p>Was beschäftigt dich, wenn es still wird? Was starrt dir ins Gesicht? Was lässt dich unruhig auf deinem Sitz hin- und her rutschen? Warum ist Stille so unangenehm?</p>
<p><em>Stille.</em></p>
<p>Was ist Wahrheit?</p>
<p><em>Stille.</em></p>
<p>Wahrscheinlich ist es ein ganz normaler Tag beim Prokurator. Die üblichen, nicht besonders wichtigen Geschäfte in der noch nicht ganz so drückenden Frühjahrshitze in Jerusalem. Ein leichter Wind aus Westen, der alles noch ein wenig angenehmer macht. Schreibkram. Kleinigkeiten. Die 10. Legion hat wieder irgendeine Beschwerde. Die Geldeintreiber haben die üblichen Ausreden, warum sie bisher nur einen kleinen Teil des jährlich an Caesar abzuliefernden Steueraufkommens abgeliefert haben. Immer das gleiche hier in der Provinz. Ein frisch angekommener Offizier liefert den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt. Nachrichten von militärischen Erfolgen in der Ferne. Irgendein Tüftler hat einen aberwitzigen Plan, wie man die Wasserversorgung Jerusalems durch ein Aquädukt sicherstellen könnte. In einem der eng bebauten Vororte ist eine Seuche ausgebrochen. Ein paar Schlägereien gab es in der Nacht auch. Ein paar Hitzköpfe durften jetzt über Nacht in einer Zelle abkühlen. Das Übliche eben. Schon am Sonntag gab es ja Scherereien drunten am Tor. Wieder so ein Möchtegern-Revolutionär, der sich für die Wiedergeburt König Davids hält. Ein paar Idioten lassen sich immer hinreißen, das zu glauben und für die Hand Gottes zu halten.</p>
<p>Pilatus seufzt. Er hat die Juden noch nie verstanden. Wie kann man an einen Gott glauben -- einen unsichtbaren, noch dazu! --, der die Geschichte der Welt in der Hand hält. Jetzt, wo es doch jedem auf den ersten Blick klar sein muss, dass dieses &quot;Volk Gottes&quot; längst unter die Räder der Geschichte gekommen ist. Pilatus zuckt mit den Schultern. Er glaubt an Recht und Ordnung. Das bevorstehende Fest wird sowieso schon genügend Schwierigkeiten mit sich bringen. Die Pläne für die Wachen liegen noch auf seinem Tisch. Vielleicht sollte er die Schichten doch noch einmal verdoppeln?</p>
<p>Es könnte ein ganz normaler Tag bleiben. Eine banale Sache nach der anderen. Langweilig. Wahrscheinlich sind Pilatus' Gedanken längst abgeschweift. Vielleicht denkt er ans Mittagessen. Kalte Hühnerbrust, Brot. Oliven aus Galiläa. Dazu ein römisches Bier. Oder er denkt an die Zeit nach der Arbeit, an den Ruhestand, der nicht mehr so weit weg sein kann. Ein Landhaus in Ostia vielleicht, an der Küste, an der Adria, und doch nicht zu weit weg vom blühenden kulturellen Leben der Hauptstadt. Weit weg von dieser stinkenden Provinz, in die man ihn gesteckt hat. Zeit und Muße. Vielleicht würden sie sich sogar als Ehepaar wieder etwas näher kommen.</p>
<p>Pilatus wird jäh aus seinen Tagträumen gerissen. Da haben sie ihm einen angeschleift. Darauf hat er jetzt wirklich gar keine Lust. &quot;Nehmt ihn doch, und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz!&quot; Aber die jüdischen Anführer wollen offenbar sichergehen, um den Schwarzen Peter am Ende an Caesar abschieben zu können. &quot;Revolution&quot; lautet die Anklage. Hochverrat. Damit muss sich der römische Staatsapparat befassen. Unter den wachsamen Augen des Bilds von Tiberius Caesar an der Wand muss Pilatus nun eben doch den Vorschriften genüge tun. Er seufzt noch einmal. &quot;Du bist also der König der Juden?&quot; Innerlich verdreht er die Augen. &quot;Du, und fünftausend andere. Haben die eigentlich nichts besseres zu tun?&quot;</p>
<p>Der Mann steht vor ihm, die Hände auf den Rücken gefesselt. Man sieht im an, dass sie grob mit ihm umgesprungen sind. Dass er heute Nacht kein Auge zu getan hat. Er riecht auch so. Seine Füße sind barfuß. Der Dreck der Straße klebt daran. Er steht da, leicht gebeugt, einen Riss im Obergewand, ein geschwollenes Auge. Wären sie jetzt allein hier, dann hätte Pilatus vermutlich einfach Mitleid mit ihm und würde ihn seiner Wege schicken, diesen Möchtegern-Heiland, der einfach nicht sieht, wie chancenlos er ist. &quot;Du sagst es: Ich bin ein König.&quot;</p>
<p>&quot;Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten.&quot;</p>
<p>Pilatus horcht auf. Ist da ein bitterer Unterton in seiner Stimme? Ein zynisch-sarkastischer? Oder macht er sich einfach nur lustig?</p>
<p>&quot;Wahrheit -- was ist das?&quot;</p>
<p><em>Stille</em>.</p>
<p>Stille.</p>
<p>Was ist Wahrheit?</p>
<p>Keine Antwort.</p>
<p>Stille.</p>
<p>Die Stille starrt Pilatus ins Gesicht.</p>
<p>Die Wahrheit starrt Pilatus ins Gesicht.</p>
<p><em>Stille</em>.</p>
<p>Vielleicht kann man die Wahrheit gar nicht aussprechen.</p>
<p>Vielleicht kann man sie nur in der Stille hören.</p>
<p><em>Stille</em>.</p>
<p>Wahrheiten kann man aussprechen. Leben ist besser als tot sein. Liebe ist besser als Hass. Draußen scheint die Sonne. Wasser ist chemisch H₂O und der DAX schloss am Freitag mit 20.641 Punkten -- übrigens ein Minus von 4,95%.</p>
<p>Wahrheiten kann man besprechen. Es hätte eine anregende Diskussion werden können, über Sokrates und Platon, über Aristoteles: &quot;Zu sagen, dass das ist, was ist, und dass das nicht ist, was nicht ist, das ist wahr.&quot; Über Pyrrhon, den alten Skeptiker oder Epikur, über Cicero und Seneca den Älteren. Wahrscheinlich hätte er gut mithalten können, der kulturell bewanderte Römer und am Ende sogar lachen über diesen galiläischen Bauern, der sich ernsthaft einbildet, in der Oberliga mitspielen zu können. Völlig überfordert. Das ist echt drei Nummern zu groß für ihn.</p>
<p>Wahrheiten kann man besprechen. Das könnten wir heute auch. Wir könnten über Weltpolitik reden, über Trumps Zölle, über die Ukraine, über Israel und Gaza, über Merz und die Schuldenbremse, über das Klima oder die Frage, ob Deutschland wieder in die Atomenergie einsteigen sollte. Wir könnten diskutieren, welches Auto man sich am besten kauft oder ob es sich gerade lohnt, in Aktien zu investieren. Wir könnten über den Zustand der Kirche diskutieren, über Pfarrpläne und Verwaltungsreform und über unsere Gebäude und das, was für die Zukunft, auch hier in Gäufelden, die beste Strategie sein könnte. Wir könnten uns gegenseitig mit Fakten informieren, denn die kann man aussprechen, gemütlich, bei einer Tasse Kaffee nach dem Gottesdienst, oder sich hitzig an den Kopf werfen oder gar um die Ohren hauen.</p>
<p>Wahrheiten kann man aussprechen. Manchmal vielfach und bunt und so unterschiedlich, &quot;divergent&quot;, dass man sich am Ende fragt -- gerade im Zeitalter der KI -- ob wir es hier schon mit den berühmten &quot;alternativen Fakten&quot; zu tun haben.</p>
<p>Wahrheiten kann man aussprechen.</p>
<p>Was ist <em>die</em>Wahrheit?</p>
<p><em>Stille</em>.</p>
<p>In der Stille starrt sie ihm ins Gesicht--und mir auch, und dir, denn wir sind doch alle Pilatus. Wir sind doch alle hier und lassen uns gerne ablenken mit banalen oder auch weniger banalen Fragen zu Wahrheiten, über die man nachdenken und diskutieren kann. Aber wenn uns die unangenehme Stille den Spiegel vorhält, dann drängt sich nach vorne, was wir lieber weiter verdrängt hätten. Im Spiegel starren wir selbst uns ins Gesicht.</p>
<p>Und im Gesicht dieses Mannes mit den bloßen Füßen und dem verhärmten Gesicht, vielleicht mit geschwollenem Auge und dem Geruch einer geraubten Nacht -- kann da nicht auch ein Pilatus sich selbst sehen: Seine Fragen. Sein Versagen. Seine Enttäuschungen. Seine zerplatzten Träume. Seine immer weiter aufgeschobenen Pläne. Was hätte sein können. Was wirklich war. Was nie sein wird. Die eigenen schlaflosen Nächte. Das, was dich schwitzend auf deiner Matratze herumwälzen lässt, wenn du ins Dunkel starrst und dir den Schlaf herbeiwünschst, der nicht kommen will. Deine unerfüllten Sehnsüchte, die du immer noch vor dir herträgst und die, die du längst fallen lassen hast. Das innere Kind in dir, das nach Hilfe schreit. Deine Selbstzweifel. Dein Gefühl, von den Erwartungen erdrückt zu werden. Und vor allem: Diese unendliche, gottverdammte Leere in dir!</p>
<p>Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht in dieser Stillepause und du wirst sie nicht losbekommen, selbst wenn du die Augen schließt. Du kannst sie nicht ausschließen, selbst wenn du dir die Ohren zuhältst.</p>
<p>Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und du kannst sie nicht zum Schweigen bringen, indem du die Sache herunterspielst, Pilatus, wenn du sagst &quot;Ich halte ihn für unschuldig&quot; und vergeblich versuchst, ihn gegen Barabbas zu tauschen.</p>
<p>Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und sie wird es weiter tun, wenn er dort am Kreuz hängt. Es ist dein tiefes Leid an seinem Körper. Es ist deine unsägliche Gottverlassenheit, die er von allen hörbar in die Welt hinausschreit.</p>
<p>Es ist dein Tod, den er stirbt.</p>
<p>Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und sie hat ein Gesicht: Seines. Das Evangelium, die gute Nachricht, beginnt mit dem Schocker dieser Wahrheit. Sie muss ankommen, auch wenn man sie nicht aushalten kann, damit ankommt, dass man sie nicht aushalten muss, weil er sie ausgehalten hat. Die Begegnung mit dir selbst wird zur Begegnung mit ihm, der an deine Stelle trat.</p>
<p>Wer sich der Wahrheit aussetzt, wer sich ihm aussetzt, ihm, der Wahrheit in Person, der entdeckt in ihm, dass sein Reich wirklich nicht von dieser Welt ist. Dass da, wo alle unsere Wahrheiten uns immer nur noch hilfloser und noch kleiner und noch verängstigter und verzweifelter zurücklassen, sein Reich dem allem etwas entgegensetzt, was keine Macht dieser Erde jemals anzubieten hätte. Der findet bei ihm Frieden und Gerechtigkeit und Hoffnung und Leben und Freude im Heiligen Geist.</p>
<p>&quot;Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben.&quot;, sagt er von sich selbst (Johannes 14,6) und wer sich dieser Wahrheit aussetzt, dem steht die Tür zu Gott, dem Vater, offen.</p>
<p>Wer ihn sucht und anschaut, in der Stille, wer ihm zuhört, der Wahrheit, in der Stille, der hört dort auch das alte Lied vom Gottesknecht:</p>
<p>Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jesaja 53, 4-5 LUT)</p>
<p>Das ist Wahrheit.</p>
<p>Das ist gute Nachricht. Evangelium.</p>
<p>Das ist Hoffnung und Leben.</p>
<p>Das ist er, Christus, unser Heiland.</p>
<p>Ihn will ich in der Stille hören.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>In der Stille, die du kaum aushältst, starrt dir die Wahrheit unverhüllt ins Gesicht. Was siehst du? Was hörst du? Was ist Wahrheit? Eine Begegnung mit dir selbst und mit Christus, der an deine Stelle trat.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Krasse Stille und eine Begegnung</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Anders vorgestellt</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/anders-vorgestellt/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/anders-vorgestellt/</guid>
        <pubDate>Sun, 23 Mar 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Manchmal wird einfach alles zu viel. Dann solltest du das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren: Gott ist bei dir. Er tut alles für dich. Er lässt dich nie allein. Vielleicht sieht dann manches schon wieder anders aus.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 20. Kapitel.</p>
<blockquote>
<p>7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist für mich zu stark geworden und hast gewonnen. So bin ich jeden Tag zum Gespött geworden, alle lachen mich aus. 8 Immer wenn ich reden will, schreie ich es heraus. »Gewalt und Zerstörung!« muss ich rufen. Das Wort des HERRN ist mir eine Last geworden. Den ganzen Tag bringt es mir nur Hohn und Spott. 9 Ich fasste für mich den Entschluss: Ich denke einfach nicht mehr an ihn. Nie wieder werde ich in seinem Namen reden. Doch da brannte es in meinem Herzen wie Feuer, eingeschlossen in meinem Inneren. Ich versuchte es auszuhalten, schaffte es aber nicht. 10 Ich hörte das ganze üble Gerede: »Er verbreitet um sich herum nur Schrecken! Zeigt ihn an!« – »Ja, lasst ihn uns anzeigen!« Selbst alle, die mir nahestehen, warten nur, dass ich stürze: »Vielleicht schaffen wir es, ihn vorzuführen. Dann können wir ihn packen und uns rächen.« 11 Doch der HERR ist bei mir. Er beschützt mich wie ein starker Held. Deshalb werden meine Verfolger zu Fall kommen und keinen Erfolg haben. Sie werden sich schämen, weil es ihnen nicht gelingt. Für immer wird ihre Schande unvergessen sein. (Jeremia 20,7-11a)</p>
</blockquote>
<p>Das habe ich mir ganz anders vorgestellt, Herr.</p>
<p>Ich dachte, dein Auftrag wäre leicht. Ich war stolz, dass du mich ausgewählt hast. Ich fühlte mich besonders, weil du zu mir gesprochen hast. Du hast gesagt, ich soll ein Prophet sein. Du hast mir versprochen, bei mir zu sein. Ich dachte, alle würden mir zuhören. Ich dachte, sie würden deine Worte annehmen.</p>
<p>Aber jetzt fühle ich mich überfordert. Alle sind gegen mich. Sie lachen mich aus. Sie wollen deine Botschaft nicht hören. Ich bin müde und erschöpft. Es ist, als wäre ich in einer Falle. Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Herr, warum hast du mich ausgewählt? Ich bin doch nur ein einfacher Mensch. Deine Worte brennen in mir. Ich kann sie nicht zurückhalten. Aber die Menschen hören nicht zu. Sie wollen mich klein machen.</p>
<p>Hilf mir, Herr. Zeig mir den Weg. Gib mir Kraft. Lass mich nicht allein.</p>
<p>Das habe ich mir ganz anders vorgestellt, Herr.</p>
<p>Ich dachte, mein Weg wäre einfach. Ich war stolz auf meine Pläne und Ziele. Ich fühlte mich stark und bereit. Ich dachte, ich könnte alles schaffen. Ich dachte, alle würden mich unterstützen.</p>
<p>Aber jetzt fühle ich mich überfordert. Die Herausforderungen sind groß. Alle erwarten viel von mir. Sie verstehen nicht, wie schwer es ist. Ich bin müde und erschöpft. Es ist, als wäre ich in einer Falle. Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Herr, warum ist das so schwer? Ich bin doch nur ein Mensch. Meine Aufgaben sind schwer. Ich kann sie nicht alleine tragen. Aber die Menschen sehen das nicht. Sie wollen mich nicht verstehen.</p>
<p>Hilf mir, Herr. Zeig mir den Weg. Gib mir Kraft. Lass mich nicht allein.</p>
<p>Das habe ich mir ganz anders vorgestellt, Herr.</p>
<p>Ich dachte, meine Verantwortung wäre leicht zu tragen. Ich war stolz, dass man mir vertraut. Ich fühlte mich stark und bereit. Ich dachte, ich könnte alles meistern. Ich dachte, alle würden mich unterstützen.</p>
<p>Aber jetzt fühle ich mich überfordert. Die Verantwortung ist groß. Alle verlassen sich auf mich. Sie sehen nicht, wie schwer es ist. Ich bin müde und erschöpft. Es ist, als wäre ich in einer Falle. Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Herr, warum ist das so schwer? Ich bin doch nur ein Mensch. Meine Pflichten sind schwer. Ich kann sie nicht alleine tragen. Aber die Menschen sehen das nicht. Sie wollen mich nicht verstehen.</p>
<p>Hilf mir, Herr. Zeig mir den Weg. Gib mir Kraft. Lass mich nicht allein.</p>
<p>Das habe ich mir ganz anders vorgestellt, Herr.</p>
<p>Ich dachte, ich würde dazugehören. Ich war stolz auf meine Überzeugungen. Ich fühlte mich stark und sicher. Ich dachte, die Menschen würden mich verstehen. Ich dachte, sie würden mich unterstützen.</p>
<p>Aber jetzt fühle ich mich isoliert. Der Druck ist groß. Alle erwarten, dass ich mich anpasse. Sie verstehen meine Überzeugungen nicht. Ich bin müde und erschöpft. Es ist, als wäre ich allein. Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Herr, warum ist das so schwer? Ich bin doch nur ein Mensch. Der Druck ist zu groß. Ich kann ihn nicht alleine tragen. Aber die Menschen sehen das nicht. Sie wollen mich nicht verstehen.</p>
<p>Hilf mir, Herr. Zeig mir den Weg. Gib mir Kraft. Lass mich nicht allein.</p>
<p>Das habe ich mir ganz anders vorgestellt, Herr.</p>
<p>Ich dachte, mein Glaube wäre stark. Ich war stolz auf meine Überzeugungen. Ich fühlte mich sicher und verbunden. Ich dachte, ich würde immer an dich glauben. Ich dachte, du wärst immer bei mir.</p>
<p>Aber jetzt habe ich Zweifel. Mein Glaube fühlt sich schwach an. Ich frage mich, ob du wirklich da bist. Ich bin müde und erschöpft. Es ist, als wäre ich allein. Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Herr, warum ist das so schwer? Ich bin doch nur ein Mensch. Meine Zweifel sind groß. Ich kann sie nicht alleine tragen. Aber ich will an dich glauben. Hilf mir, den Weg zu finden.</p>
<p>Hilf mir, Herr. Zeig mir den Weg. Gib mir Kraft. Lass mich nicht allein.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Das stimmt so ja gar nicht.</p>
<p>Meistens sehe ich alles, nur ihn nicht. Meine Augen sind niedergeschlagen. Meine Augen sind auf Probleme gerichtet. Meine Augen suchen verzweifelt nach Auswegen und Lösungen. Meine Augen sehen nur die Bedrohung. Meine Augen sind müde. Manchmal verschwimmt alles vor meinen Augen. Manchmal scheint alles nur noch dunkel zu sein.</p>
<p>Ich will meine Augen schließen. Dann sehe ich das Elend wenigstens nicht.</p>
<p>Könnte Glauben nicht einfacher sein? Ein Leben, das stets von Freude und Zuversicht geprägt ist, frei von Problemen und Sorgen. Ein Weg, der nur von Sonnenschein und Wohlstand begleitet wird, wo jeder Schritt leichtfüßig und unbeschwert ist. Ein Glaube, der mich mit einer Fülle des Segens überschüttet, ohne jemals Zweifel oder Schwierigkeiten zu kennen. Ein Gott, der mir jeden Wunsch erfüllt und meine Probleme im Handumdrehen löst. Ein Gott, der Krankheiten sofort heilt und mich stets mit bester Gesundheit segnet. Ein Gott, der mir Reichtum und Erfolg schenkt, ohne dass ich dafür arbeiten muss. Ein Gott, der mich vor jeder Unannehmlichkeit bewahrt und immer für einen freien Parkplatz in der ersten Reihe sorgt.</p>
<p>Aber: Nein. Nada. Nix. Niente.</p>
<p>Ich will meine Augen schließen. Dann sehe ich das Elend wenigstens nicht.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Was würde ich denn sehen, wenn ich dort hinschaute?</p>
<p>&quot;Der Herr ist bei mir.&quot;, sehe ich. Eigentlich sollte mich das nicht überraschen. Ist das nicht genau das, was du, Herr, mir schon damals gesagt hast. Jung war ich damals. Vielleicht auch ein wenig naiv. Aber meine Grenzen habe ich dir damals schon vorgehalten. &quot;Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zum predigen.&quot; Widersprochen hast du mir damals. Den Blick geweitet, weil es doch gar nicht auf mich ankommt. Weil du bei mir bist. Weil du es bist, der seine Worte in meinen Mund legt. Weil du es bist, der Auftrag und Ziel in einem ist. Dein Zuspruch, Herr, war das, was mich damals zum Weitergehen bewegte:</p>
<blockquote>
<p>Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten. ... Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. (Jer 1,5.7-9 [BB])</p>
</blockquote>
<p>Lange ist es her, dass ich diese Worte hörte. Lange genug, dass all das andere Geschrei dein Versprechen übertönte. Ich muss es neu hören. Muss mich erinnern lassen. Muss meine Augen, meine Ohren, mein Herz und meinen Verstand wieder neu ausrichten auf dich, Herr. Du bist ja immer noch derselbe.</p>
<p>&quot;Der Herr ist bei mir.&quot; Das habe ich schon einmal gehört. Es war bei meiner Taufe. Damals habe ich das Versprechen erhalten: &quot;Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!&quot; (Jesaja 43,1).</p>
<p>Ich war jung und voller Hoffnung. Ich glaubte fest daran, dass Gott bei mir ist. Dass er mich nie verlässt. Dass er mich durch alle Stürme des Lebens führt. Doch im Laufe der Zeit habe ich dieses Versprechen oft vergessen. Die Sorgen des Alltags, die Herausforderungen und Zweifel haben es übertönt. Ich habe mich gefragt, ob Gott wirklich bei mir ist. Ob er mich wirklich kennt und liebt.</p>
<p>Aber dann erinnere ich mich an die Worte Jesu: &quot;Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.&quot; (Matthäus 28,20). Ich muss mich daran erinnern, dass Gottes Versprechen beständig ist. Dass er mich nie verlässt, auch wenn ich ihn nicht immer spüre. Dass er bei mir ist, in guten wie in schweren Zeiten. Ich muss das neu hören, neu entdecken. Muss mich erinnern lassen. Muss meine Augen, meine Ohren, mein Herz und meinen Verstand wieder neu ausrichten auf dich, Herr. Du bist ja immer noch derselbe.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Was würde ich denn sehen, wenn ich dort hinschaute?</p>
<p>Ich sehe &quot;einen starken Helden.&quot; Wunderbar! Genau das, was ich brauche.</p>
<p>Einen Riesen Goliat, der den empörten Schreiern um mich herum das Maul stopft. Bleich sollen sie werden, wenn sie ihn sehen. Die Knie sollen ihnen zittern, wenn er kommt und an meiner Seite steht.</p>
<p>Einen Captain America, der mit seinem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit an meiner Seite steht. Er erinnert mich daran, dass es sich lohnt, für das Richtige einzustehen, auch wenn es schwer ist. Mit seinem Schild wehrt er alle Zweifel ab und gibt mir die Kraft, meine Verantwortung zu tragen.</p>
<p>Eine Wonder Woman, die mit ihrer unerschütterlichen Stärke und ihrem Mitgefühl die Mauern der Isolation durchbricht. Sie zeigt mir, dass wahre Stärke darin liegt, zu sich selbst zu stehen, auch wenn die Gesellschaft Druck ausübt. Mit ihrem Lasso der Wahrheit entlarvt sie die Lügen und gibt mir den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen.</p>
<p>Einen Spider-Man, der mit seiner unerschütterlichen Entschlossenheit und seinem Sinn für Humor die Dunkelheit meiner Zweifel vertreibt. Er zeigt mir, dass auch in den schwierigsten Zeiten Hoffnung besteht. Mit seinen Netzen fängt er mich auf, wenn ich falle, und gibt mir die Kraft, wieder aufzustehen und weiterzumachen.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Der Held an meiner Seite sieht ganz anders aus. Um ihn drängen sich noch viel mehr, die böse schreien. Er hat Feinde, die ihm wirklich nach dem Leben trachten. Er geht hinauf nach Jerusalem. Die mit ihm gehen, sind bange, was da wohl geschehen wird. Ominöse Andeutungen hat er genug gemacht. Er betet und ringt mit Gott in Schweiß und Tränen. Er wird verhaftet, verspottet, verprügelt, verurteilt. Er taumelt durch Jerusalem, das schwere Kreuz auf den geschundenen Schultern. Er hängt dort, ein Bild der Schande, der Niederlage, ein Gott-verlassenes Elend. Er stirbt dort, schreiend, allein.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Hast du dir das nicht auch anders vorgestellt, Jesus? Als du von Gott erzähltest wie kein anderer. Als Zeichen und Wunder deine göttliche Sendung bestätigten. Als Blinde sehen konnten und Lahme gehen und taube Ohren sich öffneten? Als Gottes Geist sichtbar auf dein Leben herabkam? Als sie dich feierten bei deinem Einzug, wie einen König. Hast du dir das alles nicht anders vorgestellt?</p>
<p>&quot;Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen&quot;, hast du im Garten gebetet. Jeremias Klage, meine Beschwerden: Sollten das nicht deine Worte sein?</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Wenn ich dich ansehe, Jesus -- wenn ich dein Leiden bedenke, von deinen Schmerzen höre, wenn ich dein Abbild hier hängen sehe am Kreuz, da begreife ich plötzlich, wer der Held an meiner Seite wirklich ist.</p>
<p>Dir ist es nicht zuviel geworden. Du hast nicht jammernd aufgegeben. Du hast das alles ertragen, bis zum Ende, ja bis zum Tod. &quot;Für dich&quot;, höre ich, wenn wir an deinem Tisch stehen und deine Gäste sind, zu deinem Gedächtnis. &quot;Für dich&quot; höre ich, wenn ich die Zeugnisse der Menschen lese, die dir vertrauend nachgefolgt sind auf diesem herausfordernden Weg. &quot;Für dich&quot;, das wird mir &quot;Evangelium&quot;, gute Nachricht. &quot;Für mich&quot; hast du das alles getan.</p>
<p>Wenn ich dich ansehe, Jesus -- dann verstehe ich endlich, wie ernst es dir ist mit dem &quot;bei euch alle Tage&quot;. Dann sehe ich staunend, dass es keine Schwierigkeit und keine Not, kein Leid und kein Leiden gibt, das davon ausgeklammert ist. Dann weiß ich, du bist wirklich immer da. In allem, was mir begegnet. Auch, wenn ich daran zu verzweifeln drohe. Du lässt mich nicht allein.</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Ich richte meine Augen wieder neu auf dich. Bei mir. Mein starker Held.</p>
<p>Stärker als deine Liebe geht es gar nicht.</p>
<p>Wo ich auf dich schaue, werden die Stimmen der Schreier leiser. Die bedrohlichen Dinge verschwimmen unscharf hinter der Liebe, die mir in dir entgegen strahlt.</p>
<p>Wo ich auf dich schaue, Jesus, werden die beruflichen Herausforderungen nicht kleiner. Aber die Last auf meinen Schultern fühlt sich leichter an. Deine Liebe gibt mir die Kraft, weiterzumachen, auch wenn der Weg steinig ist. Du zeigst mir, dass ich nicht allein bin in meinen Aufgaben. Du bist bei mir, in jedem Schritt, den ich gehe.</p>
<p>Wo ich auf dich schaue, Jesus, sehe ich, dass meine Verantwortung nicht nur eine Bürde ist, sondern eine Gelegenheit, zu dienen. Deine Liebe erinnert mich daran, dass ich nicht perfekt sein muss, sondern treu. Du gibst mir den Mut, meine Pflichten anzunehmen und sie mit Freude zu erfüllen. Du bist bei mir, in jeder Entscheidung, die ich treffe.</p>
<p>Wo ich auf dich schaue, Jesus, verblassen die Stimmen der Kritiker. Der gesellschaftliche Druck verliert seine Macht über mich. Deine Liebe zeigt mir, dass ich wertvoll bin, so wie ich bin. Du gibst mir die Stärke, zu meinen Überzeugungen zu stehen, auch wenn ich mich allein fühle. Du bist bei mir, in jeder Herausforderung, der ich begegne.</p>
<p>Wo ich auf dich schaue, Jesus, werden meine Zweifel kleiner. Die Dunkelheit weicht dem Licht deiner Liebe. Du erinnerst mich daran, dass mein Glaube nicht auf meinen Gefühlen basiert, sondern auf deiner Treue. Du bist bei mir, in jedem Moment des Zweifels, und gibst mir die Hoffnung, weiterzumachen.</p>
<p>Und deshalb bleibt mir nur eins, im Tosen der Herausforderungen meines Lebens:</p>
<p>Oculi mei semper ad Dominum.</p>
<p>Meine Augen sehen stets auf den Herrn.</p>
<p>Er ist bei mir.</p>
<p>Er beschützt mich wie ein starker Held.</p>
<p>Ihn will ich nie aus den Augen verlieren.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Manchmal wird einfach alles zu viel. Dann solltest du das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren: Gott ist bei dir. Er tut alles für dich. Er lässt dich nie allein. Vielleicht sieht dann manches schon wieder anders aus.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Was ich sehe, wenn mir alles zu viel wird</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>16:17</itunes:duration>
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      <item>
        <title>0800 111 0 111</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/0800-111-0-111/</link>
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        <pubDate>Sun, 16 Mar 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn die Nacht am Dunkelsten ist, braucht es Erinnerung an die Hoffnung. Es braucht eine Stimme, die Wege aus der Dunkelheit zeigt. Es braucht einen netten Gott, der uns seine Liebe zeigt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<blockquote>
<p>14 Es ist wie damals bei Mose, als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat. 16 Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. 17 Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, ist schon verurteilt. Denn er hat nicht an den geglaubt, der Gottes einziger Sohn ist. 19 So geschieht die Verurteilung: Das Licht ist in die Welt gekommen. Aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht. Denn ihr ganzes Tun war böse. 20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht. Er tritt nicht ins Licht, damit seine Taten nicht herauskommen. 21 Wer sich bei dem, was er tut, nach der Wahrheit richtet, tritt ins Licht. Seine Taten sollen bekannt werden, denn Gott selbst bestimmt sein Handeln.« (Johannes 3,14-21)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem Johannesevangelium. Aus dem dritten Kapitel.</p>
<p>Es ist Nacht. Die Hektik des Tages ist vergangen. Die Arbeit (hoffentlich) getan. Stille legt sich über das Land. Nach und nach verlöschen die Lichter in den Häusern. Die Menschen legen sich zur Ruhe. Sie betten sich weich, um den angestrengten Körpern Entspannung zu verschaffen. Sie schließen die Augen, um dem angestrengten Geist Erholung zu geben. Vielleicht noch ein stilles Gebet: &quot;Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.&quot; (Psalm 4,9). Amen.</p>
<p>Nicht jeder kann ruhig schlafen in dieser Nacht. Unruhig wälzt er sich hin und her. Die Gedanken hören nicht auf zu kreisen. Die Probleme, die der Lärm des Alltags noch übertönen konnte, werden plötzlich laut und unausweichlich. Auf seiner Matratze ist er damit ganz allein. Kein banales Gespräch, das ablenken kann von dem, was ihm keine Ruhe lässt. Niemand, der ihm zuhört. Niemand, bei dem er abladen kann. Die Schatten der Nacht legen sich über das Bett, wie die Schatten des Vergangenen über das Leben. Im Dunkeln wird alles noch viel deutlicher. Wenn er die Augen schließt, sieht er nicht schwarz, sondern Bilder. Schreckliche Bilder.</p>
<p>Es ist die dunkle Nacht der Seele. In dieser Nacht fühlt er sich verloren und allein. Die Dunkelheit scheint seine Ängste und Zweifel zu verstärken. Er fragt sich, ob es jemals wieder hell wird.</p>
<p>Am Ende ist das vielleicht sogar besser so. Wenn es hell wird, dann kommt ja alles ans Licht. Dann erfahren alle von seinen Versäumnissen. Von seinem Versagen, da wo er Verantwortung übernehmen sollen hätte. Von seinen dunklen Gedanken, die er niemals laut aussprechen würde. Im Licht sehen alle, wer er wirklich ist. Schonungslos liegt dann alles offen. Und dann ist alles vorbei. Dann ist er ruiniert. Vielleicht ist es ja wirklich besser im Dunkeln.</p>
<p>Er hält es nicht mehr aus. Er kann so nicht bleiben. Wenn es doch nur einen Ausweg gäbe. Ein Neuanfang--ist so etwas möglich? Auch noch in seinem Alter? Wenn ihm doch nur einer helfen würde! Wenn ich doch nur jemand verstehen könnte.</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Irgendwo in Tübingen brennt noch Licht. In einem kleinen Büro nimmt jemand den Hörer ab. &quot;Telefonseelsorge Neckar-Alb. Guten Abend.&quot; Etwa dreißig Mal am Tag klingelt das Telefon. Das sind die, die durchkommen. Manchmal werden sie auch weitergeleitet, als &quot;Überlauf&quot;, aus Stuttgart oder Ravensburg. Oder umgekehrt, wenn hier belegt ist. Die Anliegen sind ganz unterschiedlich. Am größten ist die Not in der Nacht.</p>
<blockquote>
<p>Sie kennen mich doch. Ich kann schon wieder nicht mit der S-Bahn fahren. Die Angst ist wieder da.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich liege die ganze Nacht wach und denke darüber nach, was der Sinn des Lebens ist.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich werde in der Schule so gemobbt. Meine Eltern kann ich nichts erzählen, und meine Vertrauenslehrerin ... ist nicht cool.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich spüre nichts mehr. Ich kann nicht mal mehr weinen. Warum kann Gott so etwas zulassen?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gut, dass ich endlich bei Ihnen durchkomme. Ich habe seit drei Jahren mit niemandem mehr geredet, und mit meiner ganzen Umgebung spricht auch keiner mehr mit mir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich bin so froh, dass Sie mir glauben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ist das hier schon anonym?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich bin so traurig. Keiner kümmert sich um mich. Sie müssen mich nur trösten.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich hatte noch nie eine Beziehung. Ich weiß gar nicht, wie ich jemanden kennenlernen soll.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Heute geht es mal wieder um eine Wohnung.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jetzt kommen ständig Leute in meine Wohnung. Ich habe die Tür verklebt, aber die kommen trotzdem irgendwie rein.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe Angst, dass ich eine schlimme Diagnose kriege, aber ich gehe keinesfalls zum Arzt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>[Stimmen aus einem Video der Telefonseelsorge München, https://www.youtube.com/watch?v=z54_KHTiG78]</p>
</blockquote>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Nikodemus hat kein Telefon. Er geht direkt, nicht anonym, in der Nacht zu Jesus. Wie viel Überwindung ihn das wohl gekostet hat? Heute verleihen 60 Ehrenamtliche am Tübinger Telefon Jesus ihre Stimme. 15 weitere werden demnächst mit der Ausbildung fertig. Und das sind immer noch nicht genug für alle, die jemanden zum Reden brauchen. Die Telefonseelsorge sucht aktuell wieder Menschen für einen neuen Ausbildungsgang.</p>
<blockquote>
<p>Eigentlich hatte ich schon als Kind Angst vor Gott.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe so viel Schuld auf mich geladen. Werde ich dafür bestraft?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Können Sie mit mir beten?</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>[Stimmen aus einem Video der Telefonseelsorge München, https://www.youtube.com/watch?v=z54_KHTiG78]</p>
</blockquote>
<p>&quot;Wie soll das zugehen, das ein Mensch in meinem Alter eine neue Chance bekommt?&quot;</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Jemand hört zu. Ruhig. Offen. Ohne dich anzuzweifeln. Mitfühlend. Und bei der Telefonseelsorge sogar anonym.</p>
<p>Die ersten verzweifelten Sätze überschlagen sich oft fast. Manchmal gibt es Pausen, weil die Worte fehlen. Dann &quot;muss man nochmal ein Pöttchen weinen&quot;, erzählte mir eine Mitarbeiterin aus Tübingen. Das darf man auch.</p>
<p>Vielleicht kehrt irgendwann Ruhe ein ins Gespräch. Das Gegenüber, das bisher fast nur zugehört hat, stellt ein paar Fragen. Miteinander sucht man nach dem, was jetzt hält. Was schon da ist an Gutem. Worauf man sich in der eigenen Umgebung stützen kann. Was jetzt Hoffnung gibt. Von außen ist manches davon fast offensichtlich. In der dunklen Nacht der Seele muss einen daran manchmal jemand anders erinnern.</p>
<p>&quot;Erinnere dich.&quot; &quot;Gedenke&quot;, wie man am Sonntag Reminiszere sagt.</p>
<p>Für Nikodemus ist das eine der alten Geschichten seines Volkes. Eine, die er schon lange kennt. Sicher hat er sie schon von Kindertagen an immer wieder gehört. Jetzt, hier, gewinnt sie plötzlich ganz neu Bedeutung: eine Geschichte aus der Wüstenwanderzeit, als Israel unterwegs war, Gott nach, heraus aus der Sklaverei in Ägypten, hin in ein verheißenes Land. Ungeduldig waren sie damals. Unzufrieden mit dem langen Weg hin zu dem, was versprochen, aber immer noch nicht sichtbar war. Irgendwann brach es aus ihnen heraus, das Klagen gegen Gott, der sie in diese Situation gebracht hatte. Und dann waren da plötzlich überall Schlangen. Giftige Schlangen. Schmerzhafte Bisse. Viele starben daran. Und dann kommt Mose, der Anführer, Gottes Sprachrohr zu seinem Volk. Er trägt eine Stange, mit einer Schlange aus Metall. Ein Symbol. Ein Zeichen Gottes. Wer auf sein Zeichen schaut, der wird gerettet vor der Schlangenplage. Wer vertraut und Hoffnung fasst im Blick auf Gottes Zeichen, der wird geheilt von seinen Bissen.</p>
<p>Nikodemus kennt die Geschichte. Nikodemus erinnert sich. Im Gespräch in dieser Nacht lernt er: Das ist nicht nur eine Sage aus längst vergangenen Zeiten. Es gibt wieder so ein Hoffnungszeichen. Ein Zeichen, das sagt: Gott hat uns nicht vergessen. Gott lässt uns nicht allein in unserer Nacht und Not. Gott mag mich. Gott ist nett. Gott selbst tut alles dafür, dass ich nicht der Nacht erliege. Gott schenkt mir einen Neuanfang, eine neue Chance zum Leben. Auf Gott kann ich mich verlassen.</p>
<p>Das Hoffnungszeichen in der Nacht des Nikodemus ist Gott selbst, gekommen in seinem Sohn: &quot;Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten.&quot;</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Was ist dein Anliegen? Was drückt dich in der unruhigen Nacht?</p>
<p>Das Hoffnungszeichen hat sich nicht verändert. Gott selbst hat es aufgerichtet in Jesus, dem Christus, der für uns ans Kreuz geht. Der alles gibt, damit wir leben können. In ihm zeigt Gott sich an unserer Seite, zeigt Gott sich &quot;für uns&quot; bis hinein in die dunkelste Nacht der Seele, bis hinein in die Gottverlassenheit selbst.</p>
<p>Wer es wagt, auch in der Not den Kopf zu heben und auf ihn zu schauen, den Christus vom Kreuz, der erkennt: Auf Gott kann ich mich verlassen. Ihm kann ich mich anvertrauen. Bei ihm muss ich keine Angst haben, was da alles ans Licht kommt. Gott ist mir nicht nahe, um mich zu überwachen und zu richten. Gott ist nett. Er will das beste für mich. Er will Rettung aus der Nacht und Leben. Wer sich daran erinnert, auch in der Bedrängnis, wer daraus Gelassenheit, Vertrauen und Hoffnung schöpft, der hat das Leben gefunden. Wer sich daran erinnert, dem öffnet sich der Neuanfang ins Leben. Ein erneuertes Leben. Eins mit Ewigkeitsqualität.</p>
<p>Traumatische Vorstellungen vom Weltgericht, die Menschen bis in den Schlaf hinein verfolgen, verlieren ihren angsteinflößenden Schatten für den, der sich erinnert, dass Gott nicht der Richter ist. Vielmehr erklärt Jesus dem verwunderten Nikodemus, ist doch das das schlimmste Urteil, wenn das Vertrauen fehlt, das Gelassenheit, Hoffnung und Leben schenkt. Gott ist nicht der, der das will. Gott, der seine Menschen liebt, will das Gegenteil. Dafür ist Jesus gekommen. Wer sich daran erinnert, muss keine Angst haben. Auch nicht vor dem Licht.</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Wenn dich die dunkle Nacht der Seele packt, dann ist es an dir, dich zu erinnern. Kopf hoch! Schau auf das Hoffnungszeichen, das dir Gott in Jesus setzt.</p>
<p>Wenn dich die dunkle Nacht der Seele packt, dann ist das gar nicht immer einfach. Aber sei getrost: Du bist nicht allein. Du musst da nicht alleine durch.</p>
<p>Manchmal reicht ein Wort, ein Wort Gottes, das dich rausholt, dich erinnert. Ein Wort, dass dich nicht vergessen lässt, worauf du dich jetzt verlassen kannst. Vielleicht legst du dir zu Hause ein Lesezeichen in deine Bibel. Und dann nimmst du sie zur Hand und schlägst auf, Johannesevangelium, Kapitel 3. Das ist es, was du das lesen kannst. Eine Erinnerung an das, was du jetzt hören musst in der Nacht:</p>
<blockquote>
<p>16 Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. 17 Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. (Johannes 3,16-18a)</p>
</blockquote>
<p>Erinnere dich. Gedenke.</p>
<p>Vielleicht schaffst du auch das nicht so einfach in der unruhigen Nacht. Vielleicht brauchst du Zuspruch von außen. Dann ist dir Gott ganz nahe. Bei ihm kann man immer &quot;anrufen&quot;, auch ohne Strom und Telefon. Bei ihm ist nie belegt. Bei ihm kommst du immer durch. Gott, der dich liebt, ist immer da für dich. Er hört dir zu. Er erinnert dich an seine Güte. Er kann dir neu das Vertrauen schenken, das durchs Leben trägt.</p>
<p>Erinnere dich. Gedenke.</p>
<p>Und wenn die Nacht ganz dunkel ist, wenn du allein nicht mehr weiterkommst, wenn dir selbst die Worte zum Beten fehlen, dann erinnerst du dich vielleicht nach dieser Predigt heute an diese Nummer, die ich bewusst so oft wiederholt habe:</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Wenn nicht, kannst du sie googeln und sie steht im Telefonbuch.</p>
<p>0800 111 0 111.</p>
<p>Können Sie mit mir beten?</p>
<p>&quot;Können Sie mir helfen, mich daran zu erinnern, was mir jetzt hilft in meiner dunklen Nacht? Können Sie Jesus für mich ihre Stimme leihen?&quot;</p>
<blockquote>
<p>16 Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. 17 Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. (Johannes 3,16-18a)</p>
</blockquote>
<p>0800 111 0 111.</p>
<blockquote>
<p>Heute will ich Ihnen mal was Schönes erzählen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie haben mir so geholfen. Danke.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Jetzt haben Sie mich [sogar] zum Lachen gebracht.</p>
</blockquote>
<p>Möge das auch in deiner Nacht geschehen.</p>
<p>Damit du wieder Leben findest.</p>
<p>Erinnere dich:</p>
<p>Gott will dich gerne damit beschenken.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn die Nacht am Dunkelsten ist, braucht es Erinnerung an die Hoffnung. Es braucht eine Stimme, die Wege aus der Dunkelheit zeigt. Es braucht einen netten Gott, der uns seine Liebe zeigt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Nachtgespräch mit einem netten Gott</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>15:02</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Auf Herz und Nieren</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/auf-herz-und-nieren/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/auf-herz-und-nieren/</guid>
        <pubDate>Sun, 09 Mar 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Prüfung? Nein danke! Aber was, wenn Prüfungen uns helfen, das Gute in unserem Leben zu entdecken und zu bewahren? Wenn sie uns ermutigen, unnötigen Ballast loszulassen und Gottes Gnade zu erfahren? Wäre es das nicht wert?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Weil heute in Nebringen der Kirchenchor zur Jahreslosung singt, weiche ich an diesem Sonntag Invokavit, in Württemberg auch Landesbußtag, vom gewohnten Predigtplan ab und denke mit euch noch einmal über die Jahreslosung nach. Kennt ihr die noch? Ja, Januar ist schon wieder so lange her, nicht wahr? Es tut also vielleicht auch gut, diesen Vers, der uns ja eigentlich das ganze Jahr über begleiten soll, im März noch einmal zum Thema zu machen. Damit das Ganze nicht so schnell in Vergessenheit gerät.</p>
<p>Das ist auch für den Prediger herausfordernd. Schließlich handelt es sich um einen einzigen Satz, über den ich vor gerade einmal 2 Monaten schon einmal gepredigt habe. Nein, ich werde nicht dieselbe Predigt einfach noch einmal halten. Wer die Predigt vom Neujahrstag noch einmal hören oder lesen möchte, findet sie im Internet auf meiner Seite christoph-fischer.de. &quot;Orange Plakette&quot; war damals der Titel.</p>
<p>Für alle, die immer noch rätseln: Die Jahreslosung 2025 steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, im 5. Kapitel. Dort ist es der 21. Vers.</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Unsere neue Jahreslosung stammt aus dem allerersten Teil des Neuen Testaments, der niedergeschrieben wurde. In Thessaloniki in Griechenland machte Paulus auf seiner zweiten Missionsreise Station. Wie es seine Gewohnheit war, suchte er zunächst die jüdische Synagoge auf. Bei drei Sabbatfeiern hatte er dort Gelegenheit, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Einige waren sofort überzeugt. Anderen gefiel die Botschaft des Paulus gar nicht. Vor den Stadtoberen machte man Stimmung gegen ihn: &quot;Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen.&quot; (Apostelgeschichte, 17,6). Bei Nacht und Nebel muss Paulus die Stadt verlassen. Zurück bleibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Evangelium gehört und im Glauben ergriffen haben. Die Zeit vergeht. Der Alltag geht weiter. Dinge ereignen sich, die Fragen aufwerfen. Die kleine Gruppe weiß nur, was Paulus in drei Wochen erzählen konnte. Nicht jede Frage kann dadurch beantwortet werden. Zum Glück wirkt Gottes Geist unter ihnen. Antworten werden gefunden. Meinungen entstehen. Nicht jede ist richtig. Nicht jede ist von Gottes Geist inspiriert. Was ist Geist? Was ist Meinung? Worauf kann man sich verlassen?</p>
<p>Aus Korinth schreibt Paulus einen Brief. Er bejaht das Wirken des Heiligen Geistes. Er betont den Wert prophetischer Stimmen, die in den Alltag der Menschen hineinsprechen. Propheten haben immer auch unangenehme Fragen gestellt. Und das ist gut so! Aber nicht jeder, der eine Meinung hat, ist ein Prophet. Manche haben nur keine Ahnung--aber davon ziemlich viel. &quot;Prüfet alles und behaltet das Gute&quot;, sagt Paulus.</p>
<p>&quot;Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken&quot;, beginnt der dazu gehörige Song von Gottfried Heinzmann und Hans-Joachim Eißler. &quot;Behaltet das Gute&quot; lädt ja auch ein, über das Gute im eigenen Leben, in der Familie und der Umgebung, im Berufsleben und Alltag oder in der eigenen, frisch fusionierten Kirchengemeinde nachzudenken. Und da gibt es mit Sicherheit viel, an dem man sich freuen und für das man Gott loben kann!</p>
<p>Wenn da nur nicht dieser erste Teilsatz wäre. Ich habe schon seit dem Herbst, als die diversen Materialien zur Jahreslosung erschienen, den Verdacht, dass viele ganz schnell beim &quot;behaltet das Gute&quot; landen und die erste Hälfte heimlich, still und leise unter den Tisch fallen lassen. Ist ja auch viel schöner, das Gute zu feiern, als sich dieser Prozedur zu unterziehen: &quot;Prüfet alles.&quot;</p>
<p>Mal Hand hoch: Wer von euch wird gerne geprüft?</p>
<p>Meine denkwürdigste Prüfung war irgendwann im fünften Studienjahr im Fach &quot;Theologie des Alten Testamentes.&quot; Mündliche Prüfung, 20 Minuten Vorbereitungszeit zu einer Frage, dann 20 Minuten Prüfungsgespräch. Alles durchgetaktet -- wir saßen auf der Bank vor dem Büro des Professors und zitterten gemeinsam. Es gab ganz schön viel Stoff zu lernen! Dann war ich dran. Rein ins Büro, zum Professor. Das Gespräch begann mit einer relativ einfachen Einstiegsfrage. Wir redeten ein paar Minuten, dann klingelte das Telefon. Der Professor blickte aufs Display, schaute etwas verlegen drein und entschuldigte sich: &quot;Meine Tochter ist heute allein zu Hause. Das müsste ich kurz annehmen.&quot; In der Tat war die Tochter am Telefon. Sie hatte versucht, sich etwas zu essen zu kochen, kam aber mit der Sicherheitsabschaltung des Gasherds ins Gehege. Offensichtlich war die auch ziemlich kompliziert, denn mein Professor brauchte schon einige Zeit, um ihr das Nötige zu erklären. Als in der Professorenwohnung schließlich der Herd funktionierte, war meine Prüfungszeit beinahe abgelaufen. Wir griffen noch einmal kurz den Faden vom Anfang auf. Dann war's das. &quot;Das war doch alles ganz gut&quot;, meinte der Professor noch zum Abschied. Puh! Gut gelaufen!</p>
<p>Nicht jede Prüfung geht so locker ab. Das wissen nicht nur die, die studiert haben. Auch alle anderen kennen die Momente, wenn der Zahnarzt bei der Kontrolle plötzlich stutzig wird und &quot;o oh&quot; sagt. Wenn die Heizungsinstallateurin bei der Wartung deiner dreißig Jahre alten Heizung meint, &quot;Wir müssen reden.&quot; Wenn die Werkstatt anruft, weil dein Auto so nicht durch den TÜV gekommen ist. Wenn deine Hausärztin die Cholesterinwerte sieht und die Augenbraue hochzieht. Wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt und mit dem Finger über die nicht abgestaubte Oberfläche wischt. Wenn das Finanzamt anruft und zur Steuererklärung noch ein paar Fragen hat. Wenn deine Zunge schneller war als dein Hirn und dir die Blicke der anderen sagen, dass du jetzt gerade eine gute Chance verpasst hast, um zu schweigen.</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Prüfungen, egal ob an der Uni, beim Zahnarzt oder in der Werkstatt, sind selten angenehm. Da wird gedehnt und gebogen, gedrückt und komprimiert, belastet und gemessen. Manchmal wird Material entnommen. Manchen wird ein Auge abgeklebt. Du bist tagelang mit einem Messgerät unterwegs, musst in Becher pinkeln oder im Labor übernachten. Und darüber, was bei einer Darmspiegelung passiert, reden wir jetzt hier lieber nicht. Die wenigsten Prüfungen sind vergnügungssteuerpflichtig.</p>
<p>Deshalb nochmal: Wer von euch wird gerne geprüft?</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Trotzdem würde kaum jemand von uns auf die Idee kommen, all die unangenehmen Prüfungen einfach abschaffen zu wollen. Schließlich sind wir doch ganz froh, wenn uns auf der Straße keine Autos mit kaputten Bremsen entgegenkommen. Wenn der Zahnarzt ein Loch entdeckt oder der Hausarzt einen auffälligen Pickel, dann ist es uns recht, wenn das behandelt wird, bevor es zu Schlimmerem kommt. Wenn die Heizung repariert werden muss, dann freuen wir uns zwar nicht, sind aber trotzdem froh, das zu erfahren, bevor sie im Winter plötzlich versagt. Wer sich nach viel Arbeit, Vorbereitung und Zittern nach der Prüfung &quot;staatlich geprüfte:r&quot; Erzieher:in, Techniker:in, Informatiker:in, Sozialassistent:in, Betriebswirt:in (oder was auch immer) nennen darf, ist zurecht stolz auf das Qualitätsmerkmal, das darin steckt. Und dass meine Ärztin studiert hat und am Ende die Prüfung bestand, macht es mir auch irgendwie leichter, mich ihr anzuvertrauen. Prüfungen haben den Erfolg, das Gute, Bleibenswerte hervorzuheben und das Schlechte, das wir ja gar nicht wollen, auszusieben.</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Eine Prüfung ganz anderer Art fand diese Woche im Gemeindehaus Nebringen statt. Der Bauausschuss war vor Ort. Wir haben nämlich--das ist die gute Nachricht--ab 1. April eine Vikarin in unserer Kirchengemeinde. Die braucht nun allerdings ein Arbeitszimmer, das wir ihr im Untergeschoss des Gemeindehauses einrichten werden. Dazu gab es erst einmal eine Bestandsaufnahme: Was ist schon da? Was muss gemacht werden? Was muss raus? Es war der letzte Punkt, der am meisten Arbeit bedeutete. Wie wahrscheinlich in jedem Gebäude hat sich halt auch in unseren Räumen im Lauf der Zeit so manches angesammelt. Da muss man erst einmal genau hinschauen. &quot;Prüfen&quot;. Manches muss unbedingt aufbewahrt werden. Manches hat bleibenden Erinnerungswert. Anderes hätte schon längst entsorgt werden sollen. Mit einem großen Anhänger zum Wertstoffhof fahren--das hat auch etwas Befreiendes. Wir schleppen so vielen unnützen Ballast mit. Dinge, die die Räume zustellen und im Weg stehen. Dinge, die das Leben anfüllen und uns daran hindern, uns zu entfalten. Der &quot;Landesbußtag&quot; heute ist Gelegenheit, auch da mal wieder kritisch hinzuschauen. Braucht es auch bei mir eine Entrümpelungsaktion?</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Lebe ich meinen Glauben im Alltag? Und, wenn ja: Wie? Nehme ich mir Zeit für das Gebet und die Stille mit Gott? Lese und höre ich Gottes Wort regelmäßig? Wie behandele ich meine Mitmenschen? Kann ich anderen vergeben und um Vergebung bitten? Bin ich dankbar für das, was ich habe? Übe ich Geduld in schwierigen Situationen? Bin ich ehrlich zu mir selbst und zu anderen? Kann ich meine Fehler eingestehen und daraus lernen? Trage ich zum Frieden in meiner Familie und Gemeinde bei? Setze ich mich für Gerechtigkeit und Fairness ein? Lebe ich bescheiden und teile ich mit anderen? Vertraue ich auf Gottes Führung, auch in schweren Zeiten? Pflege ich meine Beziehungen und bin ich für andere da? Übernehme ich Verantwortung für mein Handeln?</p>
<p>Trage ich Dinge mit mir herum, die mich belasten und vom Wesentlichen ablenken? Lässt mich der ständige Drang, perfekt zu sein, nicht zur Ruhe kommen? Machen alter Groll oder unverarbeitete Enttäuschungen mein Herz schwer? Häufe ich materielle Dinge an, obwohl sie mich nicht glücklicher machen? Lähmt mich die Angst vor der Zukunft oder das Festhalten an vergangenen Fehlern? Vergleiche ich mich ständig mit anderen und verliere dabei meine eigenen Ziele aus den Augen? Vertraue ich darauf, dass Gott mich führt, oder muss ich ständig die Kontrolle über alles haben?</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Unser vorher chaotisch voll gestellter Abstellraum im Gemeindehaus ist jetzt übersichtlich sortiert. Natürlich haben wir nicht alles weggeworfen. Im Gegenteil: Das Gute, das sich dort findet, kommt jetzt wieder ganz neu zur Geltung. Wir wissen, was wir haben. Wir finden, was wir suchen.</p>
<p>Stell dir vor, das könnte im Leben auch so sein: Das Gute bekommt neu Raum, sich zu entfalten!</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Vielleicht liegt ja aber genau an dieser Stelle auch der Haken. Wir wissen doch alle, dass eine kritische Bestandsaufnahme eben nicht nur Gutes zu Tage fördern wird. Dass kein Proband die Prüfung mit wehenden Fahnen und 100 von 100 Punkten besteht. Es sind die Prozente die fehlen, die kleinen Dinge, die auftauchen, die uns das Ganze so schwer machen. Kratzer in der Fassade unseres Selbstbilds. Sie stellen uns in Frage. Sie zeigen, dass wir nicht vollkommen sind. Und wenn das einmal anfängt, wo wird es aufhören? Sind wir noch im grünen Bereich? Sind wir schon bei &quot;knapp vorbei ist auch daneben&quot;? Werden wir am Ende gar durchfallen bei dieser Prüfung? Alles vermasselt, für immer vergeigt--Versager:innen vor uns selbst, vor den anderen und vor Gott?</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>An einer ehrlichen Prüfung führt nichts vorbei. Nicht, wenn wir das Gute wirklich wollen--und den Rest eher nicht. Zu unserem Glück sind die biblischen Texte da ausreichend schonungslos, wenn es darum geht, uns den Spiegel vorzuhalten. Besonders, wenn Christus selbst dieser Prüfspiegel ist. In seinem Licht lässt sich kein Kratzer, kein dunkler Fleck, mehr verstecken. Am Ende ist das Prüfergebnis eindeutig: &quot;Wir alle sind Sünder und ermangeln des Ruhmes vor Gott&quot; (Römer 3,23), so formuliert es der Apostel Paulus.</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Gibt es denn da noch irgendetwas Gutes zu behalten? Aber ja! Gerade da, wo wir bereit sind, unsere eigene Fehlerhaftigkeit einzugestehen, da leuchtet Gottes Gnade umso mehr auf. Denn das ist doch der Kern der guten Nachricht: Dass Gott, mit prüfendem Blick, beschlossen hat, nicht auf unsere Leistung, sondern auf Christus zu sehen. Dass er uns Christi Gerechtigkeit als unsere anrechnet. Dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt! Dass wir in seinem Prüflicht am Ende so dastehen, wie es nur Christus kann: als Begnadete. Als gerecht gesprochene. Als von Gott angenommene. Als mit seinem Geist beschenkte. Als Kinder. Als Erben. Als Menschen mit Hoffnung.</p>
<p>Das ist es, was uns Christus heute morgen, auch und besonders in Brot und Wein, wieder zuspricht.</p>
<p>&quot;Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken...&quot;. Da werden wir lange zu entdecken haben. Ein ganzes Leben könnte gerade die richtige Zeitspanne dafür sein.</p>
<p>&quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Am Ende ist Gott der, der das Gute schenkt, wo wir bereit sind, uns auch dem Nachteiligen in unserem Leben zu stellen. Wo er sein Gutes, seine Gnade, hineinlegt, da trennt sich die Spreu vom Weizen. Da wird sichtbar, was bleiben kann und was gehen muss. Wo Gott selbst mit uns, in uns, entrümpelt, da entstehen neue Freiräume um das Gute, was auch jetzt schon vorhanden ist, zur Entfaltung zu bringen. Denn hinter all unseren Unzulänglichkeiten verstecken sich doch wunderbare Menschen, die Gott geschaffen hat, einzigartig, begnadet und geliebt. Die Welt wäre ärmer, ohne die Person, als die Gott dich gemacht hat. Das ist das Gute, das wir auf keinen Fall verlieren wollen. Wenn dafür anderes weichen muss, damit Gottes Licht umso klarer leuchtet, dann soll es eben so sein.</p>
<p>Deshalb: &quot;Prüfet aber alles und behaltet das Gute.&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
<p>Damit wir uns am Ende miteinander freuen können.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Prüfung? Nein danke! Aber was, wenn Prüfungen uns helfen, das Gute in unserem Leben zu entdecken und zu bewahren? Wenn sie uns ermutigen, unnötigen Ballast loszulassen und Gottes Gnade zu erfahren? Wäre es das nicht wert?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ich auf dem Prüfstand</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Luft holen</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/luft-holen/</link>
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        <pubDate>Sun, 02 Mar 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wir hetzen durch den Alltag, jonglieren Aufgaben und haben das Gefühl, dass alles an uns hängt. Aber Jesus lädt uns ein: Halt einen Moment an, hol Luft – nur eines ist wirklich notwendig.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn,</p>
<p>38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau als Gast bei sich auf. Ihr Name war Marta. 39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. 40 Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Aber der Herr antwortete: »Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. 42 Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.« (Lukas 10,38-42)</p>
<p>Aus dem Lukasevangelium, aus dem 10. Kapitel.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Ich eile durch das Haus. Die Schürze ist voller Mehl, meine Hände kleben vom Teig. Der Ofen glüht, und ich spüre die Hitze auf meinen Wangen. Der Krug mit Wasser ist schwer, doch ich trage ihn eilig zum Tisch. Meine Gedanken springen von einer Aufgabe zur nächsten. Brot, Öl, Oliven – habe ich alles? Fehlt noch etwas? Die Stimmen aus dem Nebenraum dringen gedämpft zu mir. Ich höre Jesu Stimme, ruhig und klar. Aber ich habe keine Zeit, um hinzuhören. Ich muss mich beeilen. Die Gäste sind da, und es soll an nichts fehlen. Ich schiebe eine Schüssel zurecht, rücke die Kissen am Tisch gerade. Ein Becher steht schief – ich richte ihn aus. Alles muss stimmen. Meine Arme tun weh vom Tragen der schweren Schalen. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Stirn, ein Streifen Mehl bleibt zurück. Die Hitze des Feuers, die Hitze der Arbeit – sie füllt meinen Kopf. Noch ein Brot, noch ein Krug Wasser, noch ein Blick, ob alles bereit ist. Aus dem anderen Raum klingt leises Lachen. Eine Frage, eine Antwort. Eine Pause. Dann wieder Jesu Stimme. Ich halte kurz inne. Nur einen Moment. Mein Blick wandert zur Tür. Aber meine Hände sind voller Arbeit. Ich reiße mich los. Jetzt nicht. Es gibt noch so viel zu tun.</p>
<p>Ich bin Martha.</p>
<p>Ich sage es frei heraus, auch wenn mich 2.000 Jahre, Sprache, Kultur, Geschlecht und gesellschaftlicher Status von ihr trennen: In dieser kurzen Lukaserzählung war ich schon immer auf Marthas Seite. Und Maria habe ich noch nie so wirklich verstanden. Deshalb wird das hier heute auch keine belehrende Predigt, in der ich, der Experte, euch sage, wie man es richtig macht. Eher so ein Ringen um Verständnis. Vielleicht auch ein gemeinsames Suchen nach einer besseren Lösung, die ich selbst noch lange nicht &quot;ergriffen habe&quot;, wie es Paulus vielleicht formulieren würde.</p>
<p>Ich bin eine Martha.</p>
<p>Der Kalender ist voll. Der Kopf auch. Das Telefon klingelt zu jeder Zeit. Die E-Mails kommen wie ein ständiger Strom. Lieder für den Gottesdienst. Schule vorbereiten. Passen die Abkündigungen für Sonntag? Der Drucker funktioniert nicht. Kann man das Gemeindehaus mieten? Konfi vorbereiten. Ein Sterbefall. Noch einer. Trauergespräche. Taufgespräche. Besprechung mit den Kollegen. Geburtstag. Orgelreinigung. Der Architekt. Frühjahrssynode. Datagroup. Dienstbesprechung, Goldene Hochzeit und die evangelische Regionalverwaltung. Protokoll, Aktenplan. Neue Vikarin. Scheckübergabe. Pressegespräch. Gibt es schon den Jahresplan für die neuen Konfis? Gemeindefreizeit. Gottesdienst. Nächster Sonntag...</p>
<p>Im Pfarrhaus ist es nie langweilig. Ich habe den schönsten Beruf der Welt gewählt, ganz nah am Leben -- und voller Herausforderungen, immer wieder neu und ohne Ende. Beruf? Berufung. Familie gibt's auch noch. Das sagen die auch (zum Glück), wenn ich es selbst nicht merke. 1.000 Projekte im Kopf. Alle gut. Alle wichtig. Dringend? Was ist dringend? Zum Krank sein habe ich keine Zeit!</p>
<p>Ich bin eine Martha.</p>
<p>Und nicht die Einzige hier, zum Glück nicht. Das muss auch mal gesagt werden: Ohne Marthas gäbe es die Kirche längst nicht mehr. Keinen Gottesdienst und keine Seelsorge, keine Kinderkirche und keinen Seniorenkreis, keine Musik, keine geraden Stuhlreihen und kein Klopapier in den WCs. Die meisten bekommen nur einen Bruchteil davon mit, wie viele Marthas hier Woche für Woche durch die Gänge huschen und das Ding am Laufen halten, wie viele Ehrenamtliche sich aufopfern, wie viele unbezahlte Überstunden Hauptamtliche nicht einreichen, wie viele Urlaubstage verfallen, weil sie gar nicht erst genommen werden.</p>
<p>Ohne Martha läuft hier gar nichts.</p>
<p>Hier und anderswo.</p>
<p>Ohne Martha hätte Jesus kein Abendessen, keine geheiztes Wohnzimmer, in dem er sitzen kann, kein Dach über dem Kopf, kein Bett für die Nacht. Zum Glück--nein: Gott sei Dank!-- gibt es sie, die Menschen mit dem Blick für das, was jetzt getan werden muss. Die Menschen mit der Checkliste im Kopf. Die, die keine Ruhe haben, wenn nicht alles erledigt ist.</p>
<p>Ich bin Martha und vielleicht bist du es auch.</p>
<p>Wir haben keine Ruhe.</p>
<p>Wir rennen. Wir planen. Wir organisieren. Die Listen sind lang, die Tage zu kurz. Noch ein Anruf, noch eine Mail, noch eine Aufgabe, die niemand sonst sieht. Wir jonglieren Kalender, schieben Termine, füllen Lücken, bevor sie jemand bemerkt. Es muss doch gehen, irgendwie. Also gehen wir – immer weiter.</p>
<p>Wir stemmen, wir schieben, wir halten zusammen. Und doch: Manchmal fühlt es sich an, als wären wir allein. Sieht jemand, was wir tun? Bemerkt jemand die Stunden, die in den Hintergrund fließen? Den Tisch, der gedeckt ist, die Heizung, die läuft, den Gottesdienst, der vorbereitet ist? Sieht jemand die schlaflosen Nächte, die wir damit verbringen, alles zusammenzuhalten? Wir wollen doch nichts verpassen. Wir wollen dabeisein, zuhören, teilhaben. Aber die Hände sind voll, die Verantwortung drückt. Da bleibt keine Zeit, um innezuhalten. Vielleicht später. Vielleicht irgendwann.</p>
<p>Wir sehnen uns nach einem Wort, das sagt: „Gut gemacht.“ Nach einem Zeichen, dass es sich lohnt. Nach der Bestätigung, dass unser Tun wichtig ist. Wir geben unser Bestes – ist es genug? Wir wissen, was zu tun ist. Wir sehen, was fehlt. Wir haben den Blick für das Dringende, für das Notwendige, für das, was sonst keiner merkt. Wir können nicht einfach sitzen bleiben, wenn die Arbeit ruft.</p>
<p>Wir sind Martha.</p>
<p>Und wir haben keine Ruhe.</p>
<p>Die Welt um uns herum ist nicht geeignet, uns in Ruhe zu lassen. Sie wird ja selbst immer komplexer, immer hektischer und schneller. Wenn wir abends erschöpft auf unser Sofa sinken, sind die Nachrichten nicht dazu geeignet, unseren Puls zu beruhigen. Die Welt brennt, und wir können es nicht ignorieren. Krisen stapeln sich, Konflikte flammen auf, Katastrophen überrollen uns, noch bevor wir die letzte verarbeitet haben. Wir wollen helfen, verstehen, einen Unterschied machen – aber manchmal fühlt es sich an, als würden wir nur hinterherrennen. Wo soll das noch enden?</p>
<p>Wie sollen wir das bewältigen?</p>
<p>Wer soll denn das alles schaffen?</p>
<p>Hilft mir denn keiner?</p>
<p>&quot;Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um vieles.&quot;</p>
<p>Einer hat mich gesehen. Jesus selbst hat mich bemerkt. Er weiß offensichtlich wie es mir geht. Er kennt den Wirbelwind meiner Gedanken und die Turbulenzen in meiner To-Do-Liste.</p>
<p>&quot;Marta,... Christoph, Christoph! Du bist so besorgt.&quot;</p>
<p>Du bist nicht alleine. Du musst das nicht alles schaffen. Du musst nicht die Welt retten.</p>
<p>Christoph, Christoph. Ich bin bei dir.</p>
<p>Halt einen Moment an.</p>
<p>Schau mich an.</p>
<p>Atme.</p>
<p>Tief und ruhig.</p>
<p>Ich bin da.</p>
<p>Halte dich an mich.</p>
<p>Werde still.</p>
<p>Setz dich einen Augenblick.</p>
<p>Sei einfach da.</p>
<p>Atme.</p>
<p>Höre.</p>
<p>Schweige.</p>
<p>Konzentriere dich ganz auf mich.</p>
<p>Vermutlich hat in genau dem Moment der Timer vom Backofen geklingelt. Oder war's das Telefon? WhatsApp? Teams? Ein kurzer Blick auf meine E-Mails -- schon wieder drei neue.</p>
<p>&quot;Herr, ich muss doch...&quot;</p>
<p>Martha. Christoph.</p>
<p>&quot;Nur eines ist notwendig.&quot;</p>
<p>Ah, ja, klar. Prioritäten setzen. Das sehe ich ein. Das Dringende vom Wichtigen unterscheiden. Die Dinge nach Wichtigkeit abarbeiten. Und wenn's gar nicht mehr anders geht und sowie schon die Hälfte gar nicht mehr zu schaffen ist: &quot;Triage&quot;. Notentscheidungen, was unbedingt gemacht werden muss und was zur Not auch auf der Strecke bleibt. Bei Pfarrern sind das oft, das gebe ich zu, die Geburtstagsbesuche.</p>
<p>&quot;Das mache ich doch schon, Herr. Schau, und dann klicke ich hier und setze so ein Fähnchen, damit die Sache nicht in Vergessenheit gerät...&quot;</p>
<p>Martha. Christoph.</p>
<p>&quot;Nur eines ist notwendig. Maria...&quot;</p>
<p>Ach ja, Maria. Das war ja das, was mich so entsetzt hat. Sieht die denn nicht, was hier los ist? Wie dringend man hier mit anpacken müsste? Dass wir dringend Leute brauchen, hier in der Küche und beim Kirchkaffee, bei der Jungschar oder im Redaktionsteam des Gemeindebriefs. Wenn die nur auch...</p>
<p>&quot;Maria hat das Bessere gewählt.&quot;</p>
<p>Und dann noch... Warte!</p>
<p>&quot;Maria hat das Bessere gewählt.&quot;</p>
<p>Marthas wie ich verstehen diesen Satz nicht.</p>
<p>Maria sitzt schließlich nur und tut... nichts!</p>
<p>Es scheint ihr egal zu sein, was alles unerledigt bleibt! Merkt sie überhaupt, dass alles den Bach runtergehen würde, wenn wir anderen das auch so machen würden?</p>
<p>&quot;Maria hat das Bessere gewählt.&quot;</p>
<p>Was hat sie denn überhaupt gewählt? Was macht sie denn bitte, außer sitzen, hören und schweigen?</p>
<p>Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.</p>
<p>Sitzen. Hören. Und schweigen.</p>
<p>Das habe ich noch nie kapiert.</p>
<p>Wenn wir beim Abendgebet in die Stille gehen, dann ist das für mein Hirn eine Steilvorlage, um loszurasen.</p>
<p>Was war heute? Habe ich alles erledigt? Muss ich nachher schnell noch...? Was darf ich morgen nicht vergessen?</p>
<p>Wenn wir uns bei einer Bibelbetrachtung Zeit für den Text nehmen, dann rast mein Hirn genau so. Ich habe den Text sowieso dreimal schneller gelesen als alle anderen. Vor meinem geistigen Auge baut sich eine Struktur auf:</p>
<p>Zusammenhänge. Check.</p>
<p>Wichtigste Stichworte. Check.</p>
<p>Bezug zu den Zuhörern. Check.</p>
<p>Uff. Erledigt.</p>
<p>Die anderen sind noch still. Auch gut. Ich sollte ja sowieso noch... Und wo ich gerade dran denke: Ich muss nachher unbedingt noch...</p>
<p>Martha. Christoph.</p>
<p>&quot;Nur eines ist notwendig.&quot;</p>
<p>Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.</p>
<p>Es gibt nichts, was wir dringender lernen müssten als das.</p>
<p>Luft holen!</p>
<p>Die Welt abschalten.</p>
<p>Und Jesus an.</p>
<p>Ich lasse mich in den Stuhl sinken. Die Schultern sind noch hochgezogen, der Nacken verspannt. Mein Kopf will weiterrattern, aber ich halte dagegen. Ein tiefer Atemzug. Dann noch einer. Langsam füllt sich meine Lunge, hebt den Brustkorb, dehnt die Rippen. Und dann – die Luft strömt aus. Mit ihr ein Stück Anspannung. Die Schultern sacken ein wenig nach unten. Mein Herz schlägt noch schnell, aber mit jedem Atemzug wird es ruhiger. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, meine Hände auf meinen Knien. Noch ein Atemzug. Noch einer. Es dauert ein paar Momente, bis mein Körper begreift: Ich muss nicht hetzen. Ich darf einfach <em>sein</em>.</p>
<p>&quot;Luft holen!&quot;</p>
<p>Am Mittwoch beginnt die Passionszeit. Seit langem ist das für viele Menschen ein wichtiger Moment, um einmal einen Gang -- oder gleich ein paar Gänge -- runterzuschalten. Sich in Vorbereitung auf Ostern zu fragen, was wirklich wichtig ist im Leben. &quot;Luft holen&quot; gehört auf jeden Fall dazu. &quot;7 Wochen ohne Panik&quot;, schlägt die Fastenaktion 2025 unter diesem Titel vor: &quot;Luft holen.&quot; Und ich glaube, in dieser wahnsinnig schnelldrehenden Welt unserer Tage könnte uns nichts besseres passieren:</p>
<p>Sieben Wochen ohne Panik. Sieben Wochen ohne das Herzrasen, wenn das Handy vibriert. Ohne den Schweiß auf der Stirn, wenn die To-Do-Liste wächst. Ohne das lähmende Gefühl, dass alles an uns hängt. Sieben Wochen, in denen wir nicht jedem Impuls nachjagen, nicht alles gleichzeitig erledigen, nicht dauernd auf Alarm geschaltet sind. Sieben Wochen, in denen wir üben, durchzuatmen. Loszulassen. Still zu werden. Sieben Wochen, um uns neu zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Was trägt – auch wenn nicht alles fertig wird? Sieben Wochen, um zu hören: <em>Nur eines ist notwendig.</em></p>
<p>Ist das wirklich zu schaffen--sieben Wochen lang? Oder, was noch viel schöner wäre: Jeden Tag?</p>
<p>Ich glaube nicht, dass man das einfach jetzt so entscheiden und dann &quot;halt machen&quot; kann. Ich glaube nicht, dass ich das könnte und durchhalten würde.</p>
<p>Aber ich kann anfangen.</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Einen Atemzug. Einen Moment. Eine Minute, eine Stunde, einen Tag. Eine Woche und dann sieben:</p>
<p>Ich muss nicht die Welt retten. Du auch nicht. Du und ich, an uns hängt nicht alles.</p>
<p>Wir werden die Welt nicht retten. Das hat ein anderer schon getan.</p>
<p>An ihm hängt alles.</p>
<p>Und er ist hier. Bei uns. Das hat er versprochen.</p>
<p>Bei jedem Atemzug. In jedem Moment, in jeder Minute, Stunde, an jedem Tag. Eine Woche und dann sieben und dann bis an der Welt Ende.</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Die Welt abschalten.</p>
<p>Und Jesus an.</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,</p>
<p>dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not.</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Du stellst meine Füße auf weiten Raum.</p>
<p>Luft holen.</p>
<p>Maria hat das bessere Teil erwählt.</p>
<p>Maria hört auf Jesus.</p>
<p>Was hört sie da eigentlich?</p>
<p>Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das ja gar nicht weiß.</p>
<p>Die Geschichte schweigt darüber.</p>
<p>So geht es uns, den Marthas wie mir.</p>
<p>Vielleicht ist es das, was sich ändern muss.</p>
<p>Schließlich hat er doch Worte des ewigen Lebens.</p>
<p>Die will ich hören.</p>
<p>Die muss ich hören.</p>
<p>Die will ich behalten.</p>
<p>Die will ich mit mir tragen, auch wenn ich dann -- vielleicht deutlich langsamer -- wieder anfange, etwas zu tun. Es ist ja schließlich auch gut, wenn etwas geschieht.</p>
<p>Solange er der ist, der die Welt rettet.</p>
<p>Und ich noch Raum habe,</p>
<p>zum &quot;Luft holen.&quot;</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wir hetzen durch den Alltag, jonglieren Aufgaben und haben das Gefühl, dass alles an uns hängt. Aber Jesus lädt uns ein: Halt einen Moment an, hol Luft – nur eines ist wirklich notwendig.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Die Welt abschalten. Und Jesus an.</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      </item>
      
    
      
      
      
      <item>
        <title>Honigsüße Worte (II)</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/honigsuesse-worte-ii/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/honigsuesse-worte-ii/</guid>
        <pubDate>Sun, 23 Feb 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn Gott redet, bin ich herausgefordert. Denn sein Reden ist nicht immer leichte Kost. Im Gegenteil: Es hinterfragt mich. Es fordert mich heraus. Es droht, mir schwer im Magen zu liegen. Was mache ich mit seinem Reden?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,</p>
<p>Weil ich eigentlich krank bin dieser Tage, stand ich vor der Herausforderung, überhaupt ein Predigt vorzubereiten. Schließlich habe ich mich entschieden, vom regulären Predigttext für heute abzuweichen und eine Neubearbeitung einer Predigt zu einem der anderen Texte des Sonntags Sexagesimae zu halten. 2020 habe ich bereits in ähnlicher Form darüber gepredigt. Ich war beim Zurückschauen an manchen Stellen erschrocken, wie aktuell viele Aussagen von damals immer noch sind. Und vielleicht passt es ja zum Thema des heutigen Sonntags, dass letztlich nicht die Wahl meiner Worte das Entscheidende ist, sondern das Hören auf Gott, der zu uns redet. Oder vielmehr um die Frage, wie wir mit seinem Wort umgehen. Gelegenheit, das zu erproben, haben wir gleich von Anfang an: Gott will nämlich zu uns reden, wenn wir die Texte der Bibel lesen, hören und verstehen. Schauen wir also, was er heute zu uns spricht. Ich lese aus dem Buch des Propheten Hesekiel, aus dem zweiten Kapitel und bis hinein in den Anfang des dritten Kapitels:</p>
<blockquote>
<p>Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: &quot;So spricht Gott der HERR!&quot;</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sie gehorchen oder lassen es - denn sie sind ein Haus des Widerspruchs -, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Hesekiel 2,1-5.8-10;3,1-3)</p>
</blockquote>
<p>Möge Gottes Wort durch unsere Ohren in unsere Herzen dringen und dort Wurzeln schlagen und Früchte tragen in unserem Leben.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Da braut sich etwas zusammen im Land. Überall hört man sie diskutieren. &quot;So kann es nicht weitergehen.&quot; &quot;Wir lassen uns nicht bevormunden.&quot; &quot;Unser Land zuerst.&quot; Das Land ist voll von besorgten Bürgern. Sie analysieren die Zustände im Land und das Ergebnis ist vernichtend. Runtergewirtschaftet. Fehlgeleitet. Das ganze Land ist voll mit Fremden, mit einer anderen Kultur, einer anderen Religion. Aus dem einst großen Reich ist ein drittklassiger Vasallenstaat geworden. Unbedeutend im Gefüge der Weltmächte. Gekränkt sind sie, die Auserwählten unter den Völkern. Aber nicht mehr lange. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Jetzt werden Sie den Aufstand proben. Der kleine Mann gegen die mächtigen Eliten. Und manch einer hat schon große Fantasien: &quot;Wir werden sie jagen... raus aus unserem Land. Irgendwo im Osten entsorgen, auf Nimmerwiedersehen!&quot;</p>
<p>Mit geschickter Propaganda hat man die Menschen eingefangen. Mit honigsüßen Worten: Man hat an ihren Ehrgeiz appelliert, an ihren Nationalstolz. Dem kleinen Mann das Gefühl gegeben, einmal groß rauskommen zu können. Unabhängig. Heldenhaft gar. Man hat den unterschwelligen Neid angefacht, auf andere, denen es besser geht. Man hat mit den Ängsten der Menschen gespielt, mit der Überforderung durch all die großen Veränderungen der letzten Jahre. &quot;Da erkennt man ja sein Land nicht mehr wieder. Ist das noch unsere Heimat?&quot; Man hat Erinnerungen wachgerufen an eine großartige Vergangenheit, hat die Geschichte umgeschrieben, gesäubert und immer mehr glorifiziert, so dass die Menschen sich zurücksehnen zu den besseren Zeiten von Früher. Früher. Vor der Katastrophe. Vor der Schmach, der großen Niederlage -- damals, als der Führer des Volkes in die Hand der Feinde fiel. Im Herzen der Hauptstadt erinnert das große Mahnmal der Schande daran, dass man einem fremden Volk Tribut zollt.</p>
<p>Lange genug! Aber nicht mehr länger. Da braut sich etwas zusammen im Land! Haben sie denn nichts aus der Geschichte gelernt?</p>
<p>Natürlich kann man die Fehler der Vergangenheit nicht verleugnen. Man kann nicht ungeschehen machen, was für alle sichtbar war: dass man Gottes Wege verlassen hatte. Die Sünde schrie zum Himmel. So groß ist die Schuld! Man kann sie nicht verstecken. Aber klein reden kann man sie: Die Fehler unserer Väter sind doch nicht mehr als ein Vogelschiss in der langen Erfolgsgeschichte eines ganz besonderen Volkes!</p>
<p>Haben sie denn nichts gelernt?</p>
<p>Einer hat alles miterlebt. Jahre des Abfalls von Gott. Den Krieg. Die Übermacht der Feinde. Die Zerstörung. Die Niederlage.</p>
<p>Einer kann sich daran noch gut erinnern. Es ist ja erst fünf Jahre her, dass Babylon in Israel einfiel und den König und seine Männer gefangen wegführte. Sein Name ist Hesekiel. Und er ist einer von Gottes Propheten.</p>
<p>Einer der Stimmen hört. Zu dem Gott selbst spricht. Durch den Gott reden will. Damit es alle hören. Ein Sprachrohr Gottes, sozusagen.</p>
<p>Hesekiel hat sich das nicht ausgesucht. Im Gegenteil: Er ahnte nichts, als er ganz plötzlich von Gott berufen wurde. Die &quot;Hand des Herrn kam über ihn&quot;, erzählt er (Hes. 1,3) und dann sah er plötzlich eine große Vision. Mitten hinein in die unbeschreibliche Herrlichkeit Gottes darf er blicken. Hesekiel ringt förmlich um Worte, um das Unerzählbare zu beschreiben, dass er da sah. Und dann spricht Gott. &quot;Du Menschenkind. Ich will mit dir reden.&quot;</p>
<p>Propheten gibt es wie Sand am Meer. Jedes Land hat seine eigenen. Die meisten davon sind Berufspropheten. Ihr Platz ist am Hof, im Auftrag des Königs. Was sie so von sich geben, könnte man im Grunde schon vorhersagen. Eine gleichgeschaltete Masse, die genau das prophezeit, was ihr Auftraggeber hören möchte. Wer nur auf sie hört, hat jeden Bezug zur Realität verloren. Eine Filterblase würde man das heute nennen. Je öfter eine Lüge wiederholt wird, desto mehr Menschen beginnen, sie zu glauben. Und manchen hört man eben lieber zu als anderen: Was sie sagen, bestätigt die eigene Position. Es schmeichelt dem Ego. Und es streichelt die eigenen, unerreichten Träume. Honigsüße Worte eben. Auf die hört man gerne.</p>
<p>Die wahren Propheten, Gottes Gesandte, sind da ganz anders. Die Propheten der Bibel gehen den Mächtigen gegen den Strich. Sie nehmen selten ein Blatt vor den Mund und haben noch seltener die Sympathien des Mainstreams auf ihrer Seite. Sie ecken an mit ihrer Botschaft. Sie sind unangenehm. Sie decken Schuld auf, erinnern an Versäumnisse und haben es nicht nötig, irgendjemand Honig um den Bart zu schmieren.</p>
<p>Hesekiel ist da keine Ausnahme -- auch wenn er in unserem heutigen Text gerade erst berufen wird und noch wenig darüber weiß, was er eigentlich in Gottes Namen sagen soll. Hier redet Gott ja noch nicht zu seinem Volk. Hier redet er zunächst einmal zu seinem Propheten. Und schon was der zu hören bekommt, ist harte Kost: Ein widerspenstiges Publikum sagt Gott ihm voraus. Harte Köpfe und verstockte Herzen. &quot;Lügenprophet!&quot; werden sie schreien, wenn er kommt. Und lieber denen zuhören, die ihnen angenehmere Dinge sagen: Honigsüße Worte. Auf die hört man gerne.</p>
<p>Fünf Jahre vorher hatte das seine Konsequenzen. Jahrhundertelang hatte Gott sein Volk durch Propheten ermahnt, doch zurückzukehren zu ihm. Jahrhundertelang hatte man deren Worte in den Wind geschlagen. Höhnisch mit den Achseln gezuckt. Über die Gutmenschen mit ihren veralteten Werten gelacht und dann gelebt, wie man es selbst wollte. Gottes Wort verhallte ungehört. Die Worte der anderen waren immer süßer. Und auf die hörte man gerne.</p>
<p>Dann kam der Tag, an dem das alles ein Ende hatte. Jetzt war das Gericht nicht mehr nur eine Drohung. Eine Weltmacht aus dem Nordosten, die Babylonier, überrollte das kleine Land Juda förmlich. Politische Allianzen, an die man sich klammerte, mit starken Nachbarn wie Ägypten, halfen da auch nicht mehr. Eine Schlacht um die andere ging verloren. Jerusalem fiel in die Hände der Feinde. Der Tempelschatz wurde geplündert. Der König und seine treuen Gefolgsleute -- die ganze Oberschicht des Landes -- mussten als Gefangene ins Exil gehen. In die Fremde. Der neue König war nur eine Marionette der Babylonier, die für die Zukunft nicht nur untertänige Treue, sondern auch Unsummen an jährlichen Tributzahlungen forderten. Mit einem Schlag waren alle Träume Judas ausgeträumt: vom davidischen Großreich, auf dem Königsthron bis in Ewigkeit. Von der besonderen Erwählung des Volkes, als unantastbarer Augapfel Gottes. Von der Heiligkeit seines Tempels, mitten unter den Menschen. Aus. Der. Traum.</p>
<p>Eigentlich hätte man da doch lernen müssen. Eigentlich wäre das doch der Zeitpunkt für Einsicht gewesen. Für Umkehr. Für eine Bußbewegung. &quot;Nie wieder&quot;, hätte das Schlagwort der Stunde werden müssen. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt.</p>
<p>Vielleicht war das auch am Anfang so. Aber lange hat es nicht ausgehalten. &quot;Die Geschichte lehrt die Menschen, daß die Geschichte die Menschen nichts lehrt.&quot;, soll Mahatma Ghandi gesagt haben. &quot;Wohl wahr&quot;, würde Hesekiel vielleicht seufzen.</p>
<p>Denn schon regen sich die alten Geister wieder. Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber die alten Parolen sind wieder zum Leben erwacht. Ein Gespenst geht um in Juda: Wieder redet man von der Einzigartigkeit des Volkes; von garantiertem himmlischen Beistand; gar vom Endsieg über die Feinde. Wieder ist man sich seiner Unverwundbarkeit so sicher, dass man glaubt, alle Warnungen in den Wind schlagen zu können. &quot;Gott mit uns&quot;, so meint man sich sicher zu wissen. Was kann uns dann noch passieren? Honigsüße Worte. Balsam auf die Seele eines niedergeschlagenen Volkes. Auf die hört man gerne. Haben sie denn nichts gelernt?</p>
<p>Jetzt wird Gott wieder reden. Hesekiel ist der Mann der Stunde. Sein Bote, mitten hinein in diese Situation.</p>
<p>Noch weiß keiner, was er sagen wird. Eine Schriftrolle reicht ihm Gott. Deren Inhalt bleibt uns verborgen. Essen soll er sie, die Worte Gottes. Nicht nur flüchtig überfliegen. Nicht nur lesen, zur Kenntnis nehmen und irgendwo im Hinterkopf behalten. Essen. Verinnerlichen. Geradezu verschlingen, sozusagen.</p>
<p>Doch Gottes Wort ist harte Kost. Vor allem im Vergleich zu den honigsüßen Worten der anderen. &quot;Klage, Ach und Weh&quot;, sagt Hesekiel. Wer hört so etwas schon gerne? Wenn wir an unsere Schuld erinnert werden, wenn unsere Versäumnisse aufgedeckt werden, wenn unsere Traumflüge hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, dann hat das die Tendenz, uns eher schwer im Magen zu liegen. Das stößt uns eher bitter auf.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Sind wir doch ehrlich: Was würdest du denn lieber hören? Honigsüße Worte, die dir schmeicheln, dich bestätigen und runtergehen wie Öl. Oder &quot;Klage, Ach und Weh&quot;, hartes Schwarzbrot, das mich hinterfragt, mich herausfordert, meine Schuld aufdeckt und Veränderung von mir verlangt? Worauf würdest du hören?</p>
<p>Auf Gott zu hören war noch nie Schonkost. Wie weit das gehen kann, daran werden wir uns dieses Jahr zum Beispiel am 9. April wieder erinnern. 80 Jahre nach dem Tag, an dem Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Mit Schrecken sehen wir, dass das Hören auf Gottes Wort schon manchen alles gekostet hat. Sogar Kopf und Kragen.</p>
<p>Nirgends gibt es ein Versprechen, dass es immer ein Vergnügen sein wird, auf Gott zu hören. Schaut nur auf Jesus, wie der immer wieder aneckt mit seiner Botschaft. Manche meinen ja, das sei alles nur weichgespültes, in Zuckerwatte gepacktes Gesäusel, nach dem Motto: &quot;Piep, piep, piep. Wir haben uns alle lieb.&quot; Wenn du das auch denkst, dann lies einmal die Bergpredigt in Matthäus 5-7. Das wird dich schnell eines Besseren belehren.</p>
<p>&quot;Nächstenliebe. Menschenwürde. Zusammenhalt.&quot; Das haben wir in den Tagen vor der Bundestagswahl draußen an unsere Kirchtürme gehängt. Dafür bekommt man immer noch Beifall in der Kirche und außerhalb. Und Kritik. Auch das eckt an. Offensichtlich trifft es einen Nerv, wenn man auf diese grundlegenden Werte des christlichen Glaubens verweist.</p>
<p>&quot;Nächstenliebe. Menschenwürde. Zusammenhalt.&quot; Kirchtürme waren schon immer ein Fingerzeig zum Himmel. Mit den großen Bannern draußen weisen sie nun deutlich auf Inhalte hin, die wir nicht aufgeben wollen.</p>
<p>Und doch ist das kein moralisch überlegen erhobener Zeigefinger. &quot;Nächstenliebe. Menschenwürde. Zusammenhalt.&quot; Diese Schlagworte fassen eine Jesusbotschaft zusammen, die zuallererst uns selbst gilt.</p>
<p>&quot;Nächstenliebe. Menschenwürde. Zusammenhalt.&quot; Wenn ich draußen am Banner vorbeilaufe und den Fingerzeig vom Kirchturm lese, dann fühle ich mich, wenn ich ehrlich bin, gar nicht mehr so überlegen. Gottes Worte zu hören, zu bewahren und zu befolgen, ist keine einfache Aufgabe.</p>
<p>Feindesliebe. Nächstenliebe. &quot;Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.&quot; Fremde lieben. Gastfreundlich sein. Einander dienen. Und das alles im uneingeschränkten Vertrauen auf Gott und seine Verheißungen. Wer kann wirklich von sich sagen, dass ihm das alles immer leicht fällt?</p>
<p>Was Gott sagt ist kein Honigschlecken. Auch für mich nicht. Und in den Herausforderungen einer Umgebung, die auf Gottes Reden wenig Wert legt, ist das noch viel mehr so.</p>
<p>Wenn Gott redet, kann man immer eines von zwei Dingen tun:</p>
<p>Erstens: Man kann ihn ignorieren. Lieber dort zuhören, wo es angenehmer klingt. Wo ich in meinem Tun und Denken bestätigt werde. Honigsüße Worte.</p>
<p>Oder zweitens: Man kann auf ihn hören. Seine Worte in sich aufnehmen. Verschlingen geradezu, wie Hesekiel mit seiner Schriftrolle. &quot;Du allein hast Worte des ewigen Lebens&quot;, sagen die Jünger. Aber keine leichte Kost. Worte, die mich herausfordern. Worte, die mich manchmal viel kosten. Worte, die mir schwer im Magen zu liegen drohen.</p>
<p>Gottes Wort anzunehmen und zu leben hat seinen Preis, bei Hesekiel damals und bei uns heute. Es fordert mich heraus, die einfachen Wege hinter mir zu lassen. Klare Kante zu zeigen. Anders zu leben. Für andere zu leben.</p>
<p>Was das konkret heißt, im alltäglichen Umgang, das wird sich in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sicher an vielen Stellen von dem unterscheiden, was es im alten Orient bedeutete. Was es konkret heißt, im alltäglichen Umgang, das muss jeder und jede immer wieder neu in Verantwortung vor Gott für sich durchbuchstabieren. Auch, aber lange nicht nur, heute in der Wahlkabine. Damit &quot;Nächstenliebe&quot;, &quot;Menschenwürde&quot; und &quot;Zusammenhalt&quot; nicht nur Worte bleiben. Sondern zu Leben werden.</p>
<p>&quot;Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe.&quot;, sagt Gott zu Hesekiel.</p>
<p>&quot;Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.&quot;, berichtet Hesekiel. Gottes Reden tut mir am Ende gut. Aber das kann man erst wissen, wenn man sich darauf einlässt. Wenn ich höre, dann beginnt sein Wort zu wirken. Es wird mir zum Segen. Und durch mich vielleicht auch Anderen.</p>
<p>Worte des Lebens. Wirklich honigsüße Worte.</p>
<p>Möge Gott unser Hören und Denken, unseren Kopf und unser Herz, unser Reden und Tun -- und unsere Wahlentscheidungen heute -- mit seinem Reden füllen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn Gott redet, bin ich herausgefordert. Denn sein Reden ist nicht immer leichte Kost. Im Gegenteil: Es hinterfragt mich. Es fordert mich heraus. Es droht, mir schwer im Magen zu liegen. Was mache ich mit seinem Reden?</itunes:summary>
        
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        <title>Sturmbezwinger</title>
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        <pubDate>Sun, 09 Feb 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Es wird duster. Der Wind bläst uns um die Ohren. Ist das jetzt unser Untergang? Jetzt kann uns nur noch ein starker Retter helfen. Einer, der mal so richtig durchgreift.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Markusevangelium, aus dem vierten Kapitel.</p>
<blockquote>
<p>35 Am Abend dieses Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wir wollen ans andere Ufer fahren.« 36 Sie ließen die Volksmenge zurück und fuhren mit dem Boot los, in dem er saß. Auch andere Boote fuhren mit. 37 Da kam ein starker Sturm auf. Die Wellen schlugen ins Boot hinein, sodass es schon volllief. 38 Jesus schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Seine Jünger weckten ihn und riefen: »Lehrer! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?« 39 Jesus stand auf, bedrohte den Wind und sagte zum See: »Werde ruhig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. 40 Jesus fragte die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?« 41 Aber die Jünger überkam große Furcht. Sie fragten sich: »Wer ist er eigentlich? Sogar der Wind und die Wellen gehorchen ihm!« (Markus 4,35-41)</p>
</blockquote>
<p>Der Sturm hat sie eiskalt erwischt. So geht das auf dem See Genezareth--ganz plötzlich und schnell. Der See liegt tief unten im Jordantal, eigentlich Teil des ostafrikanischen Grabens. Weil die Lufttemperatur über dem See oft deutlich höher ist als in den umliegenden Bergen, können sich plötzliche Fallwinde bilden. Die tief eingeschnittenen Täler an der Westseite wirken wie Trichter, die den Effekt verstärken. So kommt es völlig unvorhersehbar zum Sturm. Und zu was für einem! Selbst die erfahrenen Berufsfischer aus Kapernaum sind plötzlich ratlos.</p>
<p>Der Sturm hat sie eiskalt erwischt. Der Himmel ist nur noch schwarz-grau. Die Wellen türmen sich haushoch auf dem See. Das kleine, flache Fischerboot schlingert unkontrolliert hin und her. Die Jünger sind hilflos. Die Wellen schlagen über das Boot. Es schwankt immer wieder. Der Wind heult. Der Regen peitscht in ihre Gesichter. Das Wasser dringt unaufhaltsam ins Boot. Die Jünger kämpfen verzweifelt, um das Boot über Wasser zu halten.</p>
<p>Ihre Angst wächst. Ihre Herzen schlagen schneller. Der Atem geht flach. Die Angst vor dem Ertrinken schnürt ihnen die Kehle zu. In ihren Köpfen taucht die Frage auf, ob sie sterben werden. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Sie sind den Kräften der Natur hilflos ausgeliefert.</p>
<p>Die Angst greift in die Körper der Jünger. Als die Wellen gegen das Boot schlagen, zieht sich der Magen zusammen. Es fühlt sich an, als ob der Bauch in einen harten Knoten gezogen wird. Ihr Herz schlägt schneller. Jeder Schlag fühlt sich druckvoller an, als wolle es aus der Brust springen. Der Atem wird flach und unregelmäßig. Die Lungen bekommen kaum genug Luft. Manchmal halten sie den Atem an, wenn eine große Welle das Boot fast zum Kentern bringt.</p>
<p>Ihre Hände werden kalt und feucht. Das greifende, schwitzige Festhalten an den Rändern des Bootes fühlt sich unangenehm und angespannt an. Ihre Muskeln sind verkrampft. Der ganze Körper wartet auf den nächsten Schlag der Wellen. Sie sind erschöpft, als hätten sie ihre ganze Energie verbraucht, um gegen den Sturm zu kämpfen.</p>
<p>In der Angst fällt es schwer, klar zu denken. Alles, was sie hören, ist das Heulen des Windes und das Peitschen der Wellen. Ihr Atem ist hektisch. Der Blick der Jünger ist wild, verzweifelt auf der Suche nach einer Lösung. Der Boden unter ihren Füßen fühlt sich unsicher an, als ob er jeden Moment verschwinden könnte. Der ganze Körper wird hin- und hergerissen, wie das Boot vom Sturm.</p>
<p>Sie haben versucht, Ruhe zu bewahren. Sie haben versucht, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Sich selbst und das Boot. Sie rudern kräftig, jeder Schlag ein Versuch, dem Sturm zu entkommen. Sie schöpfen das Wasser aus dem Boot, so schnell es geht, aber es läuft immer wieder nach. Sie sichern das Ruder, versuchen das Boot auf Kurs zu halten. Sie sehen sich an, suchen nach einer Lösung, aber die Wellen kommen immer wieder, unaufhörlich. Die Luft ist schwer, der Wind reißt an allem. Sie versuchen, sich gegenseitig zu helfen, doch ihre Kräfte schwinden.</p>
<p>Wenn das so weitergeht, werden sie kläglich untergehen. Nicht alle von ihnen können schwimmen. Sie sehen das Ende schon vor sich. Und schließlich fällt auch den Profis aus Kapernaum keine Lösung mehr ein.</p>
<p>Kennst du das?</p>
<p>Der Sturm hat dich eiskalt erwischt. Du hattest nicht damit gerechnet, dass alles plötzlich kippt. Die Sorgen über deine Zukunft steigen wie Wellen, die immer höher werden. Du versuchst, das Steuer noch zu halten, schaukelst dich durch den Alltag. Doch der Druck wird immer stärker. Du kämpfst gegen die Strömung der Ungewissheit, aber je mehr du versuchst, desto mehr fühlst du dich wie ein Boot ohne Ruder. Es scheint kein Entkommen zu geben.</p>
<p>Der Sturm hat dich eiskalt erwischt. Die Rechnungen stapeln sich, und du kannst keine Lösung finden. Dein Blick bleibt an den Wellen hängen, die dir immer wieder das Gefühl geben, du versinkst. Du greifst nach allem, was dir Halt gibt, versuchst, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen, doch es hilft nichts. Du kämpfst gegen die finanziellen Wogen, doch sie überrollen dich immer wieder. Der Boden unter dir fühlt sich instabil an, und du weißt nicht, wie lange du noch durchhältst.</p>
<p>Der Sturm hat dich eiskalt erwischt. Deine Beziehung steckt in einer Krise, und du kannst keinen Kurs mehr finden. Die Gespräche drehen sich im Kreis, und du spürst, wie die Wellen der Entfremdung höher schlagen. Du versuchst, alles zu richten, suchst nach Lösungen, doch je mehr du kämpfst, desto mehr entfernt sich dein Partner. Dein Herz pocht laut, der Atem wird schwer. Du weißt nicht, ob du noch einen sicheren Hafen finden kannst.</p>
<p>Der Sturm hat dich eiskalt erwischt. Dein Job ist in Gefahr, und du siehst die Wellen der Unsicherheit immer näher kommen. Du versuchst, das Ruder in der Hand zu behalten, deinen Platz zu behaupten, aber der Wind wird stärker. Die Angst vor dem Verlust nagt an dir. Du versuchst, ruhig zu bleiben, aber der Sturm lässt keine Ruhe zu. Die Zukunft ist ungewiss, und du weißt nicht, wie du dem gewaltigen Druck standhalten sollst.</p>
<p>Manche sehen nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern gleich uns alle. Die Bilder unserer Zeit gleichen oft genug dem Boot auf dem stürmischen See. Da ist von der &quot;Flüchtlingswelle&quot; die Rede. Kriegsgefahr, Inflation und Unsicherheit scheinen sich wie die dunklen Wolken eines Orkans zusammenzuballen. Der Wirtschaft, heißt es, pfeift ein kalter Wind um die Ohren. Und die Menschen hier im Land, besonders die Familien mit den kleinen und mittleren Einkommen, müssen sich warm anziehen, wenn sie da durchkommen wollen. Gehen wir jetzt alle unter?</p>
<p>Die Angst überrollt dich, wie eine Welle, die plötzlich auf dich zurast. Dein Herz schlägt schneller, als wollte es aus der Brust springen. Deine Hände sind feucht, und die Luft scheint immer dünner zu werden. Dein Atem wird flach und unregelmäßig. Es fühlt sich an, als würde dir die Luft aus den Lungen gepresst. Du versuchst, ruhig zu bleiben, doch deine Muskeln sind angespannt, dein Körper schwer. Die Sorgen drücken dich, wie das Gewicht eines Bootes, das immer weiter sinkt. Du hast das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, als würde der Boden unter dir immer instabiler werden. Deine Gedanken rasen, doch es fällt dir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles scheint sich zu überschlagen, und du fragst dich, wie lange wir noch durchhalten können, bevor unser Boot versinkt.</p>
<p>Hilf uns! Wir sind verloren!</p>
<p>In der Not handeln wir so, wie die verzweifelten Jünger auf dem See: Jetzt kann uns nur noch ein Wunder retten! Jetzt brauchen wir einen, der eingreift. Der durchgreift. Jetzt brauchen wir einen, der dem Sturm die Stirn bieten kann, bevor wir alle weggeblasen werden. Einen der aufsteht, im Auge des Sturms. Einen, der den Arm ausstreckt und die Stimme erhebt: &quot;Sei still!&quot; Einen, der Wind und Wellen gebieten kann.</p>
<p>Wir brauchen einen Retter, einen Starken, eine Helden. Einen, der uns mit sicherer Hand aus dem Schlamassel zieht.</p>
<p>Hilf uns! Wir sind verloren!</p>
<p>Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?</p>
<p>SOS, Mayday, die Zeit wird knapp. Wir brauchen Hilfe!</p>
<p>Ich habe gehört, sie haben die Hilfe gefunden. Ich habe gehört, es gibt da jemand, der unsere Rettung ist. Wenn du dich umhörst, wenn du hinschaust, in den Medien und im Netz, in der Zeitung, auf den Straßen, in der Kantine und beim Gespräch am Gartenzaun, dann wirst du merken, dass viele, die aus vollem Hals um Hilfe schreien, jetzt sagen, sie haben sie entdeckt.</p>
<p>Wenn du dann ruderst und schreist, wenn du wild mit den Armen fuchtelst, weil dir selbst das Wasser schon im Boot stehst, wenn du rufst nach der Hilfe, dann stellen sie sie dir vor. Die einfachen Lösungen. Die markigen Worte. Die Wunderrezepte: &quot;Du musst nur&quot;, die ja auch dem Bruder des Onkels der Nachbarin von meinem Hundefriseur geholfen haben. Sie stellen sie dir vor die starken Helden, die Männer (und Frauen), die die Stürme der Welt stillen werden. Einen Krieg in 24 Stunden beenden. Jahrzehntelange Konflikte mit einfachen Handstreichen beilegen. Frieden, Sicherheit und Wohlstand für alle schaffen mit klaren Feindbildern und 5-Punkte-Plänen. Mit einer To-Do-Liste für den ersten Tag nach der Wahl, an dem endlich alles anders wird. Die Trumps und die Putins, die Xis und die Bolsonaros, die Melonis und die Weidels dieser Welt--sind sie nicht genau das, was uns so vorschwebt? Die Führer:innengestalten, die durchgreifen und den Tag retten, und das eine Boot, in dem wir sitzen und durchgerüttelt werden?</p>
<p>Starke Personen. Starke Worte. Starke Taten. Ist das nicht Hoffnung, wenn dein Boot zu kentern droht?</p>
<p>Hilf uns! Wir sind verloren!</p>
<p>Im Boot auf dem Kinneret, dem &quot;Harfensee&quot; in Nordisrael, da hört man sie schreien.</p>
<p>Hilf uns! Wir sind verloren!</p>
<p>Und dann redet er. Durch das Tosen des Sturms, durch das Peitschen der Gischt und dann durch die Stille eines plötzlich glasklaren Sees hören wir seine Stimme.</p>
<p>Er redet. Er sagt die entscheidenden Worte. Das eine, was wir jetzt hören müssen.</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Wie bitte? Was hat er gesagt?</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Da klappt dir die Kinnlade runter! Was für eine Frage? Hast du nicht gesehen, wie der Sturm uns fast zerreißt? Hast du nicht gemerkt, wie das Wasser ins Boot schwappt und wir schon mitten im Chaos stecken? Wie können wir jetzt ruhig bleiben? Die Worte Jesu treffen wie ein Schlag. Sie zwingen dich, innezuhalten. Du bleibst einen Moment lang sprachlos. Haben wir nicht alles richtig gemacht? Haben wir nicht den Richtigen um Hilfe gebeten? Merkst du gar nicht, wie viel Glauben man braucht, um als Fischer im Sturm das Ruder an den Sohn eines Zimmermanns zu übergeben?</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Am Ende macht sich die Kritik Jesu an der abschließenden Feststellung der Jünger fest: &quot;Wer ist er eigentlich? Sogar der Wind und die Wellen gehorchen ihm!&quot;</p>
<p>Am Ende steckt genau da alles drin. Wer ist er eigentlich? Hätten sie sich das früher gefragt, dann hätte es keinen Grund zu Angst gegeben.</p>
<p>Hätten sie sich bewusst gemacht, wer da in ihrem Boot liegt, dann hätten sie doch wissen müssen, dass am Ende alles gut wird: Gott lässt doch seinen Messias nicht im Kinneret ersaufen!</p>
<p>Hätten sie wahrgenommen, dass der bei ihnen ist, der Wind und Wellen gebietet, dann wäre doch der Ausgang der Geschichte allen klar gewesen!</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Sitzt er denn nicht auch in unserem Boot?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Ist er denn nicht an unserer Seite?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Haben wir ihn denn nicht bei uns, alle Tage, bis an der Welt Ende?</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Wir brauchen doch keine andere Hilfe.</p>
<p>Wir brauchen doch keine andere Rettung.</p>
<p>Wir brauchen doch keinen anderen Helden.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Unsere Vertrauen richtet sich nicht auf Fünf-Punkte-Pläne.</p>
<p>Unsere Hilfe kommt nicht aus Wahlprogrammen.</p>
<p>Unsere Rettung kann niemals mit rechtsextremen Parolen erreicht werden.</p>
<p>Die Antwort auf das, was uns Angst macht, findet sich nicht in Parolen und einfachen Lösungen.</p>
<p>Der Ausweg aus dem, was uns bedrückt, liegt nicht im Suchen von Schuldigen.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Wir haben Jesus im Boot.</p>
<p>Wir haben Gott an unserer Seite.</p>
<p>Wir haben Grund zur Zuversicht.</p>
<p>Wir haben Kapazität zur Nächstenliebe.</p>
<p>Wir können uns Solidarität leisten.</p>
<p>Wir werden Menschenwürde und alle anderen christlichen Werte nicht im gefühlten Sturm über Bord werfen!</p>
<p>Wir. Haben. Jesus. Im Boot.</p>
<p>Und: Ja, das schwankt manchmal. Da weht uns der Wind ganz schön um die Nase. Da macht uns manche plötzliche Woge auch mal unerwartet nass.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Wenn man im Boot sitzt, ist mit dem allem zu rechnen.</p>
<p>Aber:</p>
<p>Wir haben Jesus im Boot.</p>
<p>Warum habt ihr solche Angst?</p>
<p>&quot;In der Welt habt ihr Angst;&quot;, weiß auch unser Jesus, &quot;aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.&quot; (Johannes 16,33 [BB])</p>
<p>Habt ihr immer noch keinen Glauben?</p>
<p>Doch.</p>
<p>Haben wir.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Wir haben Jesus.</p>
<p>Antwort. Rettung. Hoffnung.</p>
<p>Fester Stand. Zuversicht. Zukunft.</p>
<p>Jesus.</p>
<p>Amen.</p>
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        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Es wird duster. Der Wind bläst uns um die Ohren. Ist das jetzt unser Untergang? Jetzt kann uns nur noch ein starker Retter helfen. Einer, der mal so richtig durchgreift.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Starke Rettung vor dem Untergang</itunes:subtitle>
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        <title>Barfuß</title>
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        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/barfuss/</guid>
        <pubDate>Sun, 02 Feb 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn man in Gottes Gegenwart die Schuhe auszieht, müssten wir alle barfuß sein. Er ist doch immer bei uns! Aber wer darüber nachdenkt, was das heißt, der findet vielleicht andere Wege, bewusst in Gottes Gegenwart zu leben</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus unserem Herrn.</p>
<p>Aus dem Exodusbuch (auch 2. Mose genannt), aus dem 3. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Mose hütete die Herde seines Schwiegervaters Jitro. Jitro war der Priester von Midian. Einmal trieb Mose die Herde über die Steppe hinaus. So kam er an den Berg Gottes, den Horeb. 2 Da erschien ihm ein Engel des HERRN: Eine Flamme schlug aus einem Dornbusch. Mose bemerkte, dass der Dornbusch in Flammen stand und trotzdem nicht verbrannte. 3 Mose sagte sich: »Ich will hingehen und mir diese auffallende Erscheinung ansehen. Warum verbrennt der Dornbusch nicht?« 4 Der HERR sah, dass Mose vom Weg abbog und sich die Erscheinung ansehen wollte. Da rief ihn Gott mitten aus dem Dornbusch: »Mose, Mose!« Er antwortete: »Hier bin ich!« 5 Gott sprach: »Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus! Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.« 6 Weiter sprach er: »Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« Da verhüllte Mose sein Gesicht. Er hatte Angst davor, Gott zu sehen. 7 Der HERR sprach: »Ich habe die Not meines Volks in Ägypten gesehen. Die Klage über ihre Unterdrücker habe ich gehört. Ich weiß, was sie erdulden müssen. 8a Deshalb bin ich herabgekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu befreien. Ich will mein Volk aus diesem Land führen. Es soll in ein gutes und weites Land kommen, in dem Milch und Honig fließen. 10 Nun geh! Ich sende dich zum Pharao. Du sollst mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen.« 13 Mose antwortete Gott: »Ich werde zu den Israeliten gehen und ihnen sagen: ›Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch.‹ Was ist, wenn sie mich fragen: ›Wie heißt er?‹ Was soll ich ihnen dann sagen?« 14 Da sprach Gott zu Mose: »›Ich werde sein, der ich sein werde.‹ Das sollst du den Israeliten sagen: Der ›Ich-werde-sein‹ hat mich zu euch geschickt.« (Exodus 3,1-8a.10.13-14)</p>
</blockquote>
<p>Eigentlich müssten wir alle barfuß sein. Wo Gott ist, da ist ein heiliger Ort. Da zieht man dann wohl die Schuhe aus. Das ist kein Ausdruck von Bequemlichkeit, wie man zu Hause die Straßenschuhe auszieht und dann sockig auf dem Sofa vielleicht sogar die Füße hochlegt. Es ist ein Ausdruck von tiefem Respekt. Das verlangt dir einiges ab--besonders in der Wüste. Wer schon einmal an einem heißen Sommertag barfuß über den Sandstrand gelaufen ist, weiß, wie sich das anfühlt. Wer schon einmal mit nackten Füßen einen geschotterten Weg gelaufen ist, der kann die steinige Wüste am Horeb gut nachempfinden. Nicht Bequemlichkeit: Wer vor Gott die Schuhe auszieht, signalisiert Ehrerbietung und Demut. Er lässt symbolisch den Staub und den Schmutz des alltäglichen Lebens zurück. Er macht sich verletzlich und zeigt damit seine Bereitschaft, sich Gott ohne Schutz und Barrieren zu nähern. Er verzichtet auf den eigenen sicheren Stand, auf Rechte und Ansprüche und unterwirft sich Gottes Autorität. Er begibt sich in den Status eines Sklaven, eines Dieners, bereit, Gott zu gehorchen und seinen Anweisungen zu folgen.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Eigentlich müssten wir alle barfuß sein. Wenn Gottes Gegenwart verlangt, die Schuhe auszuziehen, dann bräuchten wir gar nicht erst welche kaufen. Ist er denn nicht immer bei uns? Hat er denn nicht versprochen, schon in der Taufe und dann immer wieder, unser untrennbarer Begleiter zu sein in jeder Lage, an jedem Ort, an allen Tagen &quot;bis an der Welt Ende&quot; (Matthäus 28,20)? Bist du dir eigentlich bewusst, dass dein ganzes Leben, dein Sein, dein Denken und Handeln, deine Höhen und deine Tiefen, deine Träume und deine Zweifel--dass das alles in der Gegenwart Gottes stattfindet?</p>
<p>Ziehst du jetzt deine Schuhe aus?</p>
<p>Wirfst du jetzt alle deine Schuhe weg?</p>
<p>Wahrscheinlich nicht. Es gibt ja auch andere Wege, seine Haltung Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen--dem Gott gegenüber, der auf Schritt und Tritt mit mir geht. Aber ein wenig mehr Bewusstsein dafür, dass er da ist, würde uns--glaube ich--allen nicht schaden.</p>
<p>Was heißt das denn, in Gottes Gegenwart zu leben?</p>
<p>Das stellt ja dann notwendigerweise die Frage, wer dieser Gott eigentlich ist, den du Tag und Nacht um dich glaubst. Wer ist er denn, der, der dich überall hin begleitet? Was macht das denn aus, ihn an seiner Seite zu haben? Auf diese Frage kommt eigentlich alles immer wieder zurück: Wer ist denn Gott überhaupt?</p>
<p>Für meine Viertklässler habe ich den Gott-Sucher-Koffer gepackt. Den habe ich in jeder Relistunde dabei und wir überlegen miteinander ein Stück weiter, wie Gott ist--und vor allem, wie man das herausfinden könnte. Am Anfang waren im Koffer: Eine Lupe, um in den kleinen Dingen zu suchen. Eine Kerze, deren Licht uns an die Gegenwart des Unsichtbaren erinnert. Eine Krone für den König, ein Klangstab, ein Massageball--weil Gott uns gut tut. Ein Edelstein und ein Herz. &quot;Darf man sich Gott überhaupt vorstellen?&quot;, stand auf einem der Fragekärtchen im Koffer. Wir haben festgestellt: Man kann gar nicht anders. Jeder von uns hat seine Vorstellung von Gott. Nur: Welche davon ist richtig? Und welche völlig falsch?</p>
<p>Inzwischen haben wir über Martin Luther geredet. Seither findet sich auch die Bibel in meinem Koffer. Dass wir in unserer Sprache lesen können, wie Gott Menschen begegnet ist, das finden wir großartig! Wir haben nämlich herausgefunden: Gott ist zwar unsichtbar, aber er zeigt sich uns Menschen immer wieder. Wir Erwachsenen würden sagen: Er offenbart sich. Er &quot;legt sich offen&quot;. Am allereindrücklichsten hat er das getan, in dem er Mensch wurde. Deshalb gehört das heute auch in die Epiphaniaszeit, die sich mit der Frage beschäftigt: Was heißt das, &quot;Jesus ist kommen&quot;? Besser als irgendwo sonst sieht man an ihm, dem menschgewordenen Gottessohn, wie Gott wirklich ist.</p>
<p>Der Hebräerbrief im Neuen Testament beschreibt das in seinen ersten Sätzen ganz eindrücklich so: &quot;Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.&quot; (Hebräer 1,1-3 [BB]) An Jesus Christus sehen wir am allerbesten, wie Gott ist.</p>
<p>Aber auch schon vorher ist er ja den Menschen begegnet. Abraham, Isaak und Jakob können ihre Geschichten davon erzählen. Und Mose, hier, am brennenden Busch.</p>
<p>Die hatten natürlich auch alle ihre Vorstellungen, wie Gott sein müsste. Pardon, wahrscheinlich eher: Wie Götter sein müssen. Denn in ihrer Zeit, in ihrem Umfeld, war es völlig selbstverständlich, an eine Vielzahl von Göttern zu glauben. Alle taten das, überall. Jeder hatte das von Klein auf gelernt. Ra, Osiris und Anubis, Baal, Aschera und Astarte, Marduk, Dagon, Moloch, Ischtar, Tammuz, Chemosh, Amun, Horus, Thoth, Ptah, Set und Hathor. Diese Götter repräsentierten verschiedene Aspekte des Lebens, der Natur und der menschlichen Erfahrung in den Kulturen des alten Nahen Ostens zur Zeit des Mose. Man glaubte sie in den Sternen zu sehen und in der Natur, in den prächtigen Standbildern der großen Tempel. Man erzählte fabelhafte Geschichten von ihrem Wirken. Die Götterwelt des alten Orient war fantasiereich und bunt.</p>
<p>Alle diese unterschiedlichen Göttervorstellungen hatten vieles gemeinsam: Götter begegneten den Menschen schon, aber bestimmt nicht allen Menschen. Je reicher, mächtiger und einflussreicher man war, desto näher war man auch an Gott. Vom ägyptischen Pharao, dem Mose bald begegnen sollte, meinte man, er sei ein Sohn des Sonnengottes selbst. Zeigte nicht all seine Macht und sein Reichtum, dass er den größten Gott auf seiner Seite haben musste? Die Götter waren immer auf der Seite der Großen und Starken. Man begegnete ihnen im Zentrum der Macht, in den ehrfurchtgebietenden Tempeln der reichen Hauptstädte.</p>
<p>Was hier am brennenden Busch geschieht, das stellt das alles auf den Kopf. Niemand hätte sich ausdenken können, dass Gott einem einfachen Schafhirten quasi am Ende der Welt, in der einsamen Wüste, begegnen würde. Niemand hätte sich ausdenken können, dass Gott gerade zu einem aus dem Sklavenvolk redet, aus der untersten Schicht im ägyptischen Reich. Niemand hätte ahnen können, was hier gesagt wird: Gott ist nicht an Orte oder Naturphänomene gebunden. Er ist der ewig Seiende, einfach da, weil er da ist. Aber eben: Da. Da, wo seine Menschen sind. Da, wo er ihnen nahe sein möchte. Da &quot;für euch&quot; übersetzen die Theolog:innen heute diese Beziehung Gottes, der sich hier zeigt.</p>
<p>Wäre Mose nicht schon barfuß, das hätte ihm die Schuhe ausgezogen! Jetzt verhüllt er eben aus Ehrfurcht sein Gesicht.</p>
<p>Hört doch, schaut doch, wie Gott sich selbst vorstellt:</p>
<p><strong>&quot;Ich bin der Gott deiner Väter, Abrahams, Isaaks und Jakobs.&quot;</strong>, sagt er. Ich bin der, der schon immer bei euch war. Ich halte zu euch. Ich habe euch nicht vergessen. Auf mich kann man sich verlassen. Mir kann man vertrauen. Bei mir muss man nicht befürchten, am Ende doch reingelegt zu werden. Ich suche nicht nur meinen eigenen Vorteil. Ich war bei Abraham. Ich war bei Isaak. Ich war bei Jakob. Ich bin auch bei euch. Ich ändere mich doch nicht.</p>
<p>&quot;Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.&quot; Damit haben wir am Neujahrstag gemeinsam das Jahr begonnen. Das ist es, was uns Hoffnung gibt, auch wenn sich vieles um uns her verändert. Auch wenn uns viele Dinge Sorgen machen. Auf Gott ist Verlass. Bei ihm weiß ich, woran ich bin. Seine Treue hat kein Ende. Seine Güte ist jeden Morgen neu. Und: &quot;welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.&quot;</p>
<p><strong>&quot;Ich habe die Not ... gesehen.&quot;</strong>, sagt Gott. Und weil er ja Derselbe, der Treue ist, kennt er die Not auch heute. Er sieht nicht nur die in den schicken Häusern, sondern auch die, die sich keine Wohnung leisten können. Er schaut in die Elendsviertel dieser Welt. Er kennt die Menschen, die aus unserem Müll noch versuchen zu leben. Er kennt die, die sich auf den Weg machen, weil sie zuhause nicht mehr überleben können. Er weiß um die, die ihre zerbombten Häuser verlassen mussten. Er sieht die, die wegen ihrer Meinung, wegen ihres Glaubens, wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität, Verfolgung, Gefängnis, Folter oder gar den Tod fürchten müssen. Gott schaut hinein in die grausamen Lager in Libyen, er sieht die manövrierunfähigen Schlauchboote auf dem Mittelmeer, er kennt die menschenunwürdigen Zustände in unseren Lagern wie Moria. Gott ist auch heute noch der, der die Not sieht. Gott ist auch heute noch der, dem kein Mensch egal ist. Das ist es, wer er ist.</p>
<p><strong>&quot;Die Klage über ihre Unterdrücker habe ich gehört.&quot;</strong>, sagt Gott. **&quot;Ich weiß, was sie erdulden müssen.&quot;**Wer hätte gedacht, dass sich Gott für die hebräischen Sklaven in Ägypten interessiert? Und wer sieht ihn heute auf der Seite der Rechtlosen, der Geflüchteten, der Armen, derer die nichts haben. Wer sieht ihn als den, der sich bewusst, zuerst und vor allem anderen an den Rand stellt, wo nur Ohnmacht herrscht?</p>
<p>Mir ist bewusst, dass man für den Gott, der die Not sieht, auch viele andere Beispiele hätte finden können. O, ich bin Gott unendlich dankbar, dass er persönliche Nöte sein Leben berühren, die vielleicht in ihrer Tragweite viel weniger schwerwiegend sind, als die, die ich gerade beschrieben habe. O, was bin ich ihm dankbar, dass auch ich, einer der privilegiertesten Menschen dieser Welt, ein weißer, deutscher, gebildeter, Cis-Mann aus der Mittelschicht, zu ihm kommen darf mit dem, was mich bewegt. Aber, ihr Lieben, wer Gott nur noch auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten sieht; wer Gott nur zum therapeutischen Wunscherfüller für gutsituierte Mitteleuropäer macht, der ignoriert ja seine Selbstvorstellung komplett. Der hat nicht verstanden, wer Gott ist. Und der steht am Ende auch nicht da, wo Gott steht. Gott ist der, der die Klage der Unterdrückten hört.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden, egal wie schlecht die Populisten unser angeblich so kaputtes Land reden: &quot;Die Unterdrückten&quot; dieser Welt, das sind nicht wir!</p>
<p><strong>&quot;Deshalb bin ich herabgekommen, um sie ... zu befreien.&quot;</strong>, sagt Gott. Das ist es nämlich, wofür er steht: Freiheit für die Unterdrückten. Luft zum Atmen für die, die bisher keine hatten. Weite, neues Land, Hoffnung und Zukunft für die, die bisher ums nackte Überleben kämpften. Das ist es, wer er ist: Wegebner für die Sklaven auf dem Weg in die Freiheit. Wundervollbringer für die, die keine Chance haben. Worteinhalter für die, die alle im Stich lassen. Lichtstrahl im Dunkel, wo es keine Hoffnung, nur Verzweiflung gibt.</p>
<p>Glaubt ihr wirklich, er würde Menschen in Lager stecken?</p>
<p>Glaubt ihr wirklich, er würde Schutzsuchenden die Tür vor der Nase zuschlagen?</p>
<p>Glaubt ihr wirklich, er würde Menschen ausschließen oder herabsetzen wegen ihres Geburtsortes, ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer Hautfarbe?</p>
<p>Glaubt ihr, es ist in seinem Sinn, wenn schreckliche Tragödien wie die Morde in Aschaffenburg, Taten eines psychisch kranken Menschen, instrumentalisiert werden, um Stimmung gegen andere zu machen?</p>
<p>&quot;Ich bin herabgekommen, um sie ... zu befreien&quot; -- was denkt ihr denn, wie Gott-gemäßes Handeln hier aussieht?</p>
<p>&quot;Was ist, wenn sie mich fragen: ›Wie heißt er?‹ Was soll ich ihnen dann sagen?&quot;</p>
<p>Von ihm zu reden, auf ihn zu zeigen, Antworten auf diese Frage zu geben -- &quot;Evangelium&quot;, gute Nachricht -- das ist unsere Aufgabe!</p>
<p>Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin da. Für euch.</p>
<p>Ich bin der treue Gott. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.</p>
<p>Ich bin der Gott der Unterdrückten und der Außenseiter.</p>
<p>Ich bin der Gott, der die Not sieht.</p>
<p>Ich bin der Gott, der die Klagen hört.</p>
<p>Ich bin der Gott, der für Freiheit steht.</p>
<p>Ich bin da.</p>
<p>Ihr Lieben,</p>
<p>Eigentlich müssten wir alle barfuß sein. Wir leben, jeden Augenblick, in seiner Gegenwart.</p>
<p>Barfuß sein ist ein nettes Symbol dafür. Es geht aber auch anders.</p>
<p>Statt barfuß zu gehen könnten wir schauen, wie wir reden. Unsere Worte sagen ganz viel über uns aus -- und über den Gott, den wir an unserer Seite glauben. Oft merken es viele gar nicht mehr, wie sehr Sprache ausgrenzen und entmenschlichen kann. &quot;Zustrombegrenzungsgesetz&quot; -- das ist doch kein &quot;Strom&quot;. Das sind Menschen! Jeder Einzelne von Gott gesehen und geliebt.</p>
<p>Statt barfuß zu gehen könnten wir den Mund aufmachen gegen Ausgrenzung und Hass, gegen infame Behauptungen und Rassismus, gegen Gewalt und Hetze. Ich bin so froh, dass so viele das machen in diesen Tagen. Auch die großen Kirchen als Institutionen haben sich immer wieder deutlich geäußert. Lasst uns die Stimme des Gottes, der Sklaven befreit, hörbar machen!</p>
<p>Statt barfuß zu gehen sollten wir überlegen, was wir in drei Wochen in der Wahlkabine tun. Auch dein Kreuz dort setzst du in der Gegenwart Gottes. Wirst du das mit bedenken? Wer meint, die Wahl von rechtsextremen Parteien sei damit vereinbar, der kennt nicht denselben Gott, den ich kenne. Seine Worte, seine Selbstvorstellung, am brennenden Busch und in Jesus Christus, sprechen eine andere Sprache.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Behaltet eure Schuhe an.</p>
<p>Es braucht keine solchen Symbole. Es braucht Menschen, die sich bewusst sind, dass sie in Gottes Gegenwart leben. Menschen, an denen man sehen kann, wie er ist:</p>
<p>Wegebner. Wundervollbringer. Worteinhalter. Lichtstrahl im Dunkeln.</p>
<p>Das ist, wer er ist.</p>
<p>Und er ist da. Bei uns.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn man in Gottes Gegenwart die Schuhe auszieht, müssten wir alle barfuß sein. Er ist doch immer bei uns! Aber wer darüber nachdenkt, was das heißt, der findet vielleicht andere Wege, bewusst in Gottes Gegenwart zu leben</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Bewusst in Gottes Gegenwart leben</itunes:subtitle>
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        <title>Résistance</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/resistance/</link>
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        <pubDate>Mon, 27 Jan 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Unter der Herrschaft des Unrechts haben Menschen hier, in unserer doch so schönen Heimat unendliche Qual und Pein erfahren. Nicht alle von ihnen waren stumme Opfer. In diesem Jahr erinnern wir ganz besonders an die von ihnen, die aktiv im Widerstand, in der Résistance, gegen das Unrechtsregime der Nazis waren.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Lesung aus dem 94. Psalm, aus dem 16. Vers:</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>Da klagt einer.</p>
<p>Aus gutem Grund: Das Unrecht schreit zum Himmel. Unvernunft ist an der Tagesordnung. Ungerechtigkeit regiert. Die Schwachen werden unterdrückt und ausgebeutet. So überwältigend, so greifbar ist das Böse, dass man sich fast körperlich bedrückt fühlt. &quot;Sie zertreten dein Volk, Herr.&quot;</p>
<p>Da klagt einer.</p>
<p>Aber klagen allein hilft ja nicht. Es muss etwas geschehen. Es muss sich etwas ändern. Das Böse darf nicht die Oberhand behalten.</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>Wie dankbar kann die Welt sein für Menschen, die angesichts von Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht nur wegsehen. Das ist ja die einfache Lösung, solange es nur andere betrifft. Wegsehen. Mund halten. Weg ducken. Nicht auffallen, damit es einen nicht selber trifft.</p>
<p>Gott bewahre, ich will kein Urteil fällen über viele, die lieber geschwiegen haben. Lieber nichts gewusst, nichts geahnt hatten. Ich bin ja nicht in ihren Schuhen. Ich weiß nicht, was sie für Familie und Freunde, für Haus und Hof, für Leib und Leben zu befürchten hatten. Die unsäglichen Geschichten der Opfer von Tailfingen-Hailfingen und so vieler Tausend anderer lassen es mich ahnen. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wäre ich gefragt gewesen. Ich weiß nur, was ich mir wünsche, ich würde es an ihrer Stelle tun.</p>
<p>Gott sei Dank für die Menschen, die nicht schweigen. Die dem Bösen widerstehen, nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um der anderen Willen. Gerade für die, die sich selbst nicht wehren können. Widerstand. Résistance.</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>In der Theorie sind sich da schnell alle einig. Aber Widerstand hat immer seinen Preis. Actio gleich reactio, das gilt nicht nur in der Physik. Wer widersteht, muss damit rechnen, bald selbst auch betroffen zu sein. Dietrich Bonhoeffers berühmtes Bild vom Rad spricht eine deutliche Sprache davon: Man müsse, schreibt er im April 1933 in seinem Aufsatz &quot;Die Kirche und die Judenfrage&quot;, &quot;nicht nur die Opfer unter dem Rad [zu] verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen [zu] fallen.&quot; Wer schon einmal seine Hand in die Speichen eines Fahrrads gebracht hat, weiß, wie schmerzhaft das ist. Man muss es gar nicht ausprobieren, um das zu verstehen. Widerstand gegen das Böse hat seinen Preis.</p>
<p>Wenn wir heute in der Kirche davon reden, dann ist kein geringerer als Jesus Christus selbst das beste Beispiel davon. Sein Widerstand gegen das Böse hat ihn auf grausame Weise das Leben gekostet. Und denen, die er in seine Nachfolge ruft -- also auch uns -- sagt er sehr deutlich, man müsse dazu &quot;sein Kreuz auf sich nehmen.&quot;</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>Es reicht nämlich nicht, liebe Brüder und Schwestern, an die Opfer derer vor uns zu erinnern, die der Widerstand gegen das Böse so viel gekostet hat. Nicht, wenn wir nicht selbst auch die Frage an uns, an unsere Zeit hören: Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN) Denn auch wenn wir nicht verantwortlich für die Schrecken der Vergangenheit sind, nehmen sie uns in die Verantwortung, jeden auch noch so kleinen Ansatz einer Wiederholung dieser Schrecken zu verhindern.</p>
<p>Weil mit dem Fall eines bösen Regimes und dem Abbau der Lager das Böse ja nicht einfach verschwunden ist aus dieser Welt, muss uns das vor die Frage stellen: Wo ist heute, hier bei uns, Widerstand nötig? Wo sind wir gefragt, uns gegen das Böse zu erheben und den Übeltätern entgegen zu treten? Und: Was lassen wir uns das kosten</p>
<p>Ich möchte einen kleinen Moment innehalten, um das gerade erwähnte Bonhoeffer-Zitat korrekt zu verorten. Das ist nötig, ganz besonders in einer Zeit, in der dieses Zitat viel zu oft in ganz falschen Zusammenhängen auftaucht. Wenn die Unzufriedenen, die Selbstbezogenenen, die rückwärts gewandten Menschenverächter heute meinen, man müsse dem demokratischen Rechtsstaat &quot;in die Speichen fallen&quot;, wenn Bonhoeffer als rechtspatriotischer Held verklärt wird wie in der auch hierzulande gut verkauften Biografie von Eric Metaxas, dann ist schon das ein Punkt, wo Widerstand nötig ist. Manchmal reicht ja dazu ein <em>fact check</em> noch aus. Bei Bonhoeffer geht es schon 1933 um den &quot;rechtlosen Staat&quot;. Dem gegenüber sieht er die Kirche (wohlgemerkt: die Kirche) in der Pflicht, erstens, die Legitimität staatlichen Unrechtshandelns zu hinterfragen und, zweitens, den Opfern solchen Unrechtshandelns beizustehen. Es geht also nicht um irgendeinen Widerstand, sondern um den Widerstand der Gemeinschaft der Christen gegen das Böse. Erst die dritte Option ist für Bonhoeffer das berühmte &quot;dem Rad in die Speichen fallen.&quot; &quot;Solches Handeln&quot;, merkt er an, &quot;wäre unmittelbar politisches Handeln [der Kirche] und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d.h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht.&quot;</p>
<p>Ich danke Gott von ganzem Herzen, das dies nicht den Ist-Zustand in unserem Land beschreibt!</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>Heißt das, Widerstand ist für uns kein Thema? Im Gegenteil: Gerade weil wir noch in einem freien Rechtsstaat leben, ist es ja noch ein vergleichbar Leichtes, sich Entwicklungen hin zu Unrecht und Unterdrückung zu widersetzen. Wir brauchen dazu ja zum Glück keine Guerillataktiken, keine Attentate auf Machthaber, keine unter Lebensgefahr aufgebauten geheimen Netzwerke. Wir müssen auch nicht um unser Leben fürchten. Uns geht es doch gut. Aus einer äußerst privilegierten Position heraus haben wir die Freiheit, in Wort und umarmend-entwaffender Tat aufzustehen für das Gute und gegen alle Tendenzen zum Bösen. Wir müssen so gut wie nichts dafür befürchten.</p>
<p>Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)</p>
<p>Wer, wenn nicht wir, hier und heute? In Gesprächen, durch unser Dasein, durch Widerspruch und Fakten, durch Zeichen von Liebe, Annahme und Gemeinschaft, durch trotziges Reden von der Hoffnung, durch geduldiges Wiederholen von Fakten, durch Zuhören und Hinterfragen und durch Kreuze in der Wahlkabine -- wo immer wir Gelegenheit dazu finden oder Gelegenheit dazu schaffen können, lasst uns das tun.</p>
<p>Brüder und Schwestern,</p>
<p>Lasst das unser Gedenken an die Opfer eines grausamen Regime sein -- und heute ganz besonders an die, die für ihren Widerstand teuer bezahlten: Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass es sich nie wiederholt, was an ihnen geschehen ist! Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass das Gute, die Hoffnung, Solidarität und Gemeinschaft, Friede und Verständigung wachsen und blühen in unserer Mitte. Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung hoffen, glauben und leben, dass &quot;we shall overcome&quot;, dass das Böse mit Gottes Hilfe und mit Gutem überwunden werden kann.</p>
<p>Dann sind wir echte Nachfolger des Menschenfreundes Jesus.</p>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Unter der Herrschaft des Unrechts haben Menschen hier, in unserer doch so schönen Heimat unendliche Qual und Pein erfahren. Nicht alle von ihnen waren stumme Opfer. In diesem Jahr erinnern wir ganz besonders an die von ihnen, die aktiv im Widerstand, in der Résistance, gegen das Unrechtsregime der Nazis waren.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gedenken an die Opfer der KZ-Außenstelle Hailfingen/Tailfingen aus der Résistance</itunes:subtitle>
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        <title>Lebenswasser</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/lebenswasser/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/lebenswasser/</guid>
        <pubDate>Sun, 26 Jan 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn es keine Hoffnung mehr gibt... Wenn nichts die Sehnsucht stillt... Wenn alles nur noch leer und verzweifelt scheint... dann brauchst du eine Begegnung mit dem, der lebendiges Wasser verspricht.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Johannesevangelium, aus dem 4. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>5 Unterwegs kam [Jesus] nach Sychar, einem Ort in Samarien. In seiner Nähe liegt das Grundstück, das Jakob einst seinem Sohn Josef vererbt hatte. 6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von dem langen Weg und setzte sich an den Brunnen. Es war um die sechste Stunde. 7 Da kam eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus bat sie: »Gib mir etwas zu trinken.« 8 Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 9 Da sagte die Samariterin zu ihm: »Du bist ein Jude, und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten?« Denn die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern. 10 Jesus antwortete: »Wenn du wüsstest, was für ein Geschenk Gott den Menschen macht und wer dich hier bittet: ›Gib mir etwas zu trinken‹! – dann würdest du ihn bitten, und er würde dir lebendiges Wasser geben!« 11 Die Frau erwiderte: »Herr, du hast nichts, um Wasser zu schöpfen, und der Brunnen ist tief. Woher hast du denn dieses lebendige Wasser? 12 Bist du etwa mehr als unser Stammvater Jakob? Er hat uns diesen Brunnen hinterlassen. Er selbst hat daraus getrunken, ebenso seine Söhne und sein Vieh.« 13 Darauf antwortete Jesus: »Wer von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder Durst bekommen. 14 Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.« (Johannes 4,5-14)</p>
</blockquote>
<p>Ich gehe am Mittag zum Brunnen. Es ist heiß. Schon der leere Krug drückt unangenehm auf meine Schulter. Der raue Stoff meines Obergewands reibt sich an meiner verschwitzten Haut.</p>
<p>Ich gehe allein zum Brunnen. Am Mittag, in der größten Hitze, wenn die anderen längst nicht mehr da sind. Kein vernünftiger Mensch geht raus um diese Zeit. Im Sommer ist es am besten, man ruht sich aus in diesen Stunden, bis man am kühler werdenden Spätnachmittag weiterarbeiten kann.</p>
<p>Ich gehe jetzt. Ich will sie gar nicht sehen. Ich halte sie nicht mehr aus.</p>
<p>Ich kann es nicht mehr ertragen, wie sie mich anstarren. In ihrem Blick liegt alle ihre Verachtung.</p>
<p>Ich kann es nicht mehr ertragen, diese bohrenden Blicke, immer nur ganz kurz, denn dann schauen sie weg. Sie tun, als hätten sie mich gar nicht gesehen. Als wäre ich gar nicht mehr da. Ich gehöre nicht mehr zu ihnen. Nicht, nach allem was war. Nach all den Fehlschlägen und Enttäuschungen. Irgendjemand muss ja schuld sein an meiner Misere. Sie wissen es ganz sicher, dass es an mir liegen muss.</p>
<p>Ich kann es nicht mehr ertragen, wie sie tuscheln, wenn ich weggehe. Hinter vorgehaltener Hand tauschen sie Gemeinheiten über mich aus. Sie fühlen sich sicher gut dabei. Gemessen an mir ist jede von ihnen eine Heilige. Und wer sich noch besser fühlen will, der tuschelt etwas lauter. So, dass ich es auch noch hören kann, was gesagt wird. Und das klar ist, wer hier das Sagen hat. Wer hier das moralische Urteil fällen darf.</p>
<p>Ich kann es nicht mehr ertragen. Und deshalb gehe ich allein. Ich habe niemanden, der mit mir geht. Keine fröhliche Unterhaltung, die die Zeit bei der Arbeit schneller vergehen lässt. Niemand, der sich meine Sorgen anhört. Niemand, der mit mir weint. Niemand, der mich wieder aufzurichten versucht mit tröstenden Worten der Hoffnung.</p>
<p>Mir egal. Ich brauche sie nicht. Ich brauche niemanden.</p>
<p>Was sollen sie mir schon geben?</p>
<p>Wasser brauche ich, sonst nichts.</p>
<p>Ich will allein sein.</p>
<p>Allein sein ist auch nicht immer angenehm. Man braucht ja gar keine anderen, um sich schlecht zu fühlen. Das kann ich schon ganz alleine.</p>
<p>Still ist es um mich, mittags am Brunnen. Nur der Wind und das Plätschern des Wassers.</p>
<p>In mir ist es nicht still.</p>
<p>Die Fragen sind unendlich laut.</p>
<p>Die Zweifel geben keine Ruhe.</p>
<p>Die Bilder, die Erinnerungen sind immer da. Gute Zeiten, Hoffnungen, längst vorbei, jäh zerstört. Falsche Entscheidungen, schicksalhafte Wendungen. Gewalt. Leid. Einsamkeit. Tränen.</p>
<p>Am Schlimmsten sind die Schuldzuweisungen. Nicht die von den anderen. Ich bin mir selbst die strengste Richterin.</p>
<p>Ich kann es nicht mehr ertragen, diesen Lärm in mir.</p>
<p>Vor anderen kann ich weglaufen.</p>
<p>Vor mir selbst nicht.</p>
<p>Ich will endlich Ruhe.</p>
<p>Frieden.</p>
<p>Stille.</p>
<p>Ist das zu viel verlangt?</p>
<p>Da sitzt einer. Was will der denn hier?</p>
<p>Kann man nicht einmal mehr allein sein?</p>
<p>Da sitzt einer. Ein Mann. Auch das noch!</p>
<p>Nein, auf Männer bin ich oft genug reingefallen.</p>
<p>Da sitzt einer. Ein Jude. Wie kommt der hier her?</p>
<p>Die gehen doch sonst gar nie durch unser Land, die feinen Herrschaften. Lieber machen sie einen großen Umweg. Halten sich für etwas besseres, weil sie den einen wahren Gott anbeten, in ihrem feinen Tempel in Jerusalem. Dass wir zum gleichen Gott beten, von den gleichen Vätern abstammen, ist ihnen nicht gut genug. Bis zum letzten Krieg hatten wir auch einen Tempel. Gleich hier in der Nähe, auf dem Garizim, dem heiligen Berg, von dem Gottes Segnungen herabgerufen wurden, damals, als Israel mit Mose durch die Wüste zog. Als die Feinde uns den Tempel nahmen, haben sie nur hämisch gelacht. Seither lassen sie keine Gemeinheit aus, um uns zu schaden.</p>
<p>Muss der da jetzt sitzen?</p>
<p>Ich will doch nur Ruhe.</p>
<p>Ruhe und ein bisschen Wasser.</p>
<p>Ist das zu viel verlangt?</p>
<p>Gib mir etwas zu trinken.</p>
<p>Jetzt will er auch noch etwas von mir.</p>
<p>Er!</p>
<p>Von mir!</p>
<p>Alle wollten immer etwas von mir. Immer sollte ich nur geben. Ausgenutzt haben sie mich. Was ich will, was ich brauche, danach fragt keiner. Ausgenutzt und weggeworfen. Leer. Nutzlos. Ausgebrannt. Ausgeraubt. Ein Opfer, aber das will ja keiner wissen. Für sie bin ich ja schuld an allem.</p>
<p>Jetzt will keiner mehr etwas von mir.</p>
<p>Doch: Er.</p>
<p>Gib mir etwas zu trinken.</p>
<p>Wasser will er?</p>
<p>Von mir?</p>
<p>Ich verstehe das nicht.</p>
<p>Von mir?</p>
<p>Wenn du wüsstest, was für ein Geschenk Gott den Menschen macht und wer dich hier bittet: ›Gib mir etwas zu trinken‹! – dann würdest du ihn bitten, und er würde dir lebendiges Wasser geben!</p>
<p>Ach so!</p>
<p>Die Tour kenne ich.</p>
<p>Jetzt soll ich ihn bitten. Jetzt hat er etwas zu geben. Natürlich etwas Besseres. Etwas, das alles gut macht. Alle Probleme wegnimmt. Alle Schmerzen lindert. Alle Verletzungen heilt. Alle Sehnsüchte stillt.</p>
<p>Das tollste Produkt überhaupt und natürlich kennt nur er das Geheimnis!</p>
<p>Als ob ich das nicht schon alles gehört hätte.</p>
<p>Irgendjemand hat immer DIE Lösung.</p>
<p>Irgendjemand macht dir immer noch Hoffnung.</p>
<p>Am Ende sind sie doch alle gleich.</p>
<p>Schaut ihn doch an. Was hat er denn?</p>
<p>Sitzt hier müde am Brunnen, mit nicht einmal einer Schöpfkelle und redet von Wasser.</p>
<p>Sitzt hier nicht einfach nur an irgendeinem Brunnen. Ich will ja nicht angeben, aber den Brunnen hier hat Jakob selbst gebaut, damals, vor Zeiten. Es ist ein guter Brunnen, hier, in einem trockenen Land. Er hat für Jakob gereicht und für seine Söhne. Ganze Viehherden konnten daraus trinken. Nicht nur ein kleines Rinnsal. Und er fließt immer noch. Unser Brunnen ist gut!</p>
<p>Meint der Fremde denn, er hätte etwas besseres?</p>
<p>Wer von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder Durst bekommen.</p>
<p>Ja, stell dir vor! Überraschung!</p>
<p>Ist das nicht die ganze menschliche Misere in einem Satz?</p>
<p>Ich trinke und trinke und bekomme immer wieder Durst.</p>
<p>Ich schöpfe und trinke und mache, ich plane und sorge vor, ich bin fleißig und sparsam, ich versuche klug und weise und rücksichtsvoll zu handeln. Ich übernehme Verantwortung. Ich handle nach bestem Wissen und Gewissen. Und am Ende habe ich wieder Durst. Am Ende hilft doch alles nichts.</p>
<p>Ich mühe mich und bekomme keine Anerkennung.</p>
<p>Ich arbeite, untadelig und mit Überstunden, und werde trotzdem entlassen.</p>
<p>Ich achte auf mein Gewicht und auf meine Gesundheit. Ich habe mache Sport. Ich ernähre mich gesund. Ich rauche und trinke nicht. Und am Ende bekomme ich trotzdem einen Herzinfarkt.</p>
<p>Ich liebe und meine Liebe findet keine Erwiderung.</p>
<p>Ich bringe mich ein und finde keine Beachtung.</p>
<p>Ich hoffe und werde enttäuscht.</p>
<p>Am Ende habe ich immer Durst.</p>
<p>Sehnsucht.</p>
<p>Ich will doch nur ein kleines Bisschen... Frieden. Liebe. Dazugehören. Zufrieden sein. Ein kleines bisschen Glück.</p>
<p>Ist das denn zu viel verlangt?</p>
<p>Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.</p>
<p>Heute.</p>
<p>Am Mittag.</p>
<p>In der unbarmherzigen Hitze am Brunnen vor dem Dorf.</p>
<p>Heute, nach all den Jahren, habe ich einen getroffen, der meinen Durst stillt.</p>
<p>Heute hat mich einer gesehen.</p>
<p>Heute hat zum ersten Mal einer gefragt, was ich brauche. Hat gesehen, was mir fehlt.</p>
<p>Heute hatte zum ersten Mal einer die Antwort darauf.</p>
<p>Lebendiges Wasser.</p>
<p>Gottes Zuwendung zu mir. Zu mir! Obwohl ich doch... Lassen wir das! Gott mag mich trotzdem, habe ich heute erfahren.</p>
<p>Heute ist er mir begegnet.</p>
<p>Heute hat er mir sein Leben geschenkt, wo mein Leben nur verzweifelt und leer war.</p>
<p>Heute hat er meinen Durst gestillt.</p>
<p>Heute.</p>
<p>Am Mittag.</p>
<p>In der unbarmherzigen Hitze am Brunnen vor dem Dorf.</p>
<p>Und morgen?</p>
<p>Der Reisende zieht weiter. Aber Gott wird auch morgen noch bei mir sein. Bei mir! Könnt ihr das glauben? Bei mir!</p>
<p>Morgen gehe ich wieder zum Brunnen.</p>
<p>Nicht am Mittag. Viel zu heiß!</p>
<p>Morgen gehe ich gleich in der Frühe. Wenn es kühl ist, laufe ich hin. Mein Schritt wird beschwingt sein.</p>
<p>Morgen am Brunnen bin ich die, die redet. Ich bin die, die etwas zu erzählen hat. Die werden Augen machen!</p>
<p>Gott ist bei mir! Gott mag mich! Gott hat mich gesehen! Meinen Durst hat er gestillt!</p>
<p>Ich habe Hoffnung!</p>
<p>Bei dir ist die Quelle des Lebens.</p>
<p>In deinem Lichte sehe ich das Licht.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Ihr versteht das nicht. Ihr geht ja nicht zum Brunnen. Ihr dreht einfach den Hahn auf, wenn ihr Wasser braucht.</p>
<p>Ihr habt meine Probleme nicht, meine Fragen und meine Zweifel. Ihr hört nicht die schreienden Anklagen meiner selbst in mir und die der anderen.</p>
<p>Ihr müsst nicht allein mit all dem fertig werden.</p>
<p>Ihr habt alles.</p>
<p>Oder nicht?</p>
<p>Was sind denn eure ungestillten Sehnsüchte? Was ist das, was euch einsam an den Brunnen treibt? Was ist das, was euch immer wieder durstig zurücklässt? Womit werdet ihr nicht fertig?</p>
<p>Vielleicht versteht ihr mich doch?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Mir ist da einer begegnet. Ich konnte es selbst nicht glauben, aber er hat mein Leben verändert. Ich habe nicht plötzlich alle Lösungen, aber ich habe ihn! Aus ihm, mit ihm, lebe ich Tag für Tag. Ich bin niemals mehr allein. Ich bleibe nie durstig auf der Strecke. Bei ihm ist die Quelle des Lebens und in seinem Lichte sehe ich das Licht. Jeden Tag.</p>
<p>Kennt ihr ihn schon? Trinkt ihr schon von seinem Wasser? Lebt ihr schon aus ihm?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Vielleicht versteht ihr auch das nicht: Er ist zu mir gekommen. Zu mir!</p>
<p>Für euch baut man Wasserwerke. Ihr habt das beste Trinkwasser, das man sich vorstellen kann.</p>
<p>Für mich gab es das alles nicht. Ich war die einsame, verachtete Samariterfrau am Brunnen.</p>
<p>Ihr habt alle Privilegien. Euch geht es gut.</p>
<p>Dass heute ein weißer Mann aus Deutschland, aus der bürgerlichen Schicht, mit gutem Gehalt und angesehen, für mich die Stimme erhebt, ist eigentlich der Hohn. Wisst ihr denn eigentlich, wie reich beschenkt ihr seid?</p>
<p>Mir ist da einer begegnet, dem waren solche Kategorien egal. Der Clou meiner Geschichte ist doch gerade auch der, dass der zu mir kommt. Er stellt nicht den sowieso gut Versorgten noch einen weiteren Kasten Wasser hin.</p>
<p>Er ist zu mir gekommen. Zur unwahrscheinlichsten Person überhaupt. Er hat das alles gewusst. Gesehen hat er meinen Durst.</p>
<p>Den hat er gestillt.</p>
<p>Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)</p>
<p>Ich bin eine von ihnen. Wer hätte das gedacht?</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Gibt es Menschen in eurem Umfeld, die in der Hitze des Lebens Durst haben?</p>
<p>Vielleicht gibt es Durstige wie mich ja auch um euch herum. In eurem Land, an euren Orten. Vielleicht habt ihr sie bisher ja gar nicht gesehen. Er sieht sie ganz sicher!</p>
<p>Bei ihm wird niemand ausgegrenzt.</p>
<p>Bei ihm fließt Lebenswasser in Fülle. Es ist genug für alle da.</p>
<p>Werdet ihr das hören? Werdet ihr so leben?</p>
<p>Werdet ihr sie mit zum Brunnen bringen, damit auch ihr Durst gestillt wird?</p>
<p>Damit wir alle von ihm, aus ihm leben können?</p>
<p>Bei dir ist die Quelle des Lebens.</p>
<p>In deinem Lichte sehen wir das Licht.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn es keine Hoffnung mehr gibt... Wenn nichts die Sehnsucht stillt... Wenn alles nur noch leer und verzweifelt scheint... dann brauchst du eine Begegnung mit dem, der lebendiges Wasser verspricht.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Von unstillbarem Durst und der Begegnung mit Jesus</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Platsch!</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2025/platsch/</link>
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        <pubDate>Sun, 12 Jan 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Auf dem Weg zu neuen Ufern treibt uns nicht nur Vorfreude vorwärts. Oft halten uns auch Fragen, Zweifel und Sorgen zurück. Der erste Schritt ist immer der schwerste. Was hilft uns, vertrauend, mutig und mit trotziger Hoffnung weiter zu gehen? Gott selbst ist an unserer Seite!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Josuabuch, aus dem 3. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>5 Dann sagte Josua zum Volk: »Sorgt dafür, dass ihr heilig seid! Denn morgen wird der HERR unter euch Wunder tun.« 6 Und zu den Priestern sagte er: »Hebt die Bundeslade hoch und zieht vor dem Volk her!« Da hoben sie die Bundeslade hoch und gingen voraus. 7 Der HERR aber sprach zu Josua: »Heute will ich beginnen, dich vor den Augen aller Israeliten groß zu machen. Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin. 8 Du selbst sollst nun den Befehl geben und zu den Priestern, die die Bundeslade tragen, sagen: Wenn ihr am Wasser des Jordan angekommen seid, dann bleibt dort stehen!« 9 Schließlich wandte sich Josua an die Israeliten: »Kommt hierher und hört, was der HERR, euer Gott, zu sagen hat!« 10 Dann sagte Josua: »Daran sollt ihr erkennen, dass ihr einen lebendigen Gott in eurer Mitte habt: Er wird vor euren Augen die Kanaaniter vertreiben, die Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und die Jebusiter. 11 Seht auf die Bundeslade! Der Herrscher über die ganze Welt wird vor euren Augen durch den Jordan ziehen. 12 Wählt aus den Stämmen Israels zwölf Männer aus, jeweils einen aus jedem Stamm. 13 Dann schaut auf die Priester, die die Lade des HERRN tragen, des Herrschers über die ganze Welt. Wenn sie das Flussbett des Jordan betreten und mit ihren Füßen im Wasser stehen, wird das Fließen des Jordan unterbrochen. Das Wasser, das sonst immer weiter fließt, wird sich aufstauen wie bei einem Damm.« 14 Inzwischen hatte das Volk seine Zelte abgebrochen und machte sich auf den Weg, den Jordan zu überqueren. Die Priester trugen die Bundeslade vor dem Volk her. 15 Dann kamen die Träger der Lade an den Jordan. Der Jordan aber war damals über die Ufer getreten, schon während der gesamten Erntezeit. Als nun die Priester ihre Füße ins Wasser setzten, 16 floss das Wasser nicht mehr weiter. Es türmte sich auf wie bei einem Damm. Es staute sich weiter oben bei der Stadt Adam, die neben Zaretan liegt. Und wo der Jordan weiter unten ins Tote Meer mündet, hatte es ganz zu fließen aufgehört. Dazwischen, ungefähr auf der Höhe von Jericho, durchzog das Volk den Fluss. 17 Die Priester, die die Bundeslade des HERRN trugen, blieben im trockenen Flussbett des Jordan stehen. So kamen alle Israeliten trockenen Fußes hinüber, bis der Durchzug durch den Jordan abgeschlossen war. (Josua 3,5-17)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Kommt mit mir an den Jordan...</p>
<p>Es ist der Traum einer ganzen Generation. Jahrzehnte haben sie darauf hin gefiebert. Ihre ganze Hoffnung haben sie darauf gesetzt. Sie sind die, die in der Wüste geboren wurden. Kinder Israels, nach dem Auszug aus Ägypten. Ihr ganzes Leben bisher drehte sich um eines: Gott bringt uns ins gelobte Land. Mit diesem Versprechen sind sie aufgewachsen. Ihre Eltern müssen immer und immer wieder erzählt haben vom Gott, der die Sklav:innen aus Ägypten befreit. Vom Gott, der mächtiger ist als der große Pharao. Von Gott, der das rote Meer teilt. Immer wieder erzählt, die gleichen Geschichten. 40 Jahre lang. 40 Jahre lang warten. 40 Jahre lang hoffen. 40 Jahre lang sind sie Schritt für Schritt, durch Sand, Steine und trockene Wüste, durch Kämpfe und Entbehrungen -- Schritt für Schritt -- diesem Moment näher gekommen. Die Erwartung ist ins Unermessliche gestiegen. 40 Jahre: Eine ganze Generation haben sie in der Wüste begraben. Sie sind die Nachfolger. Die, die ankommen. Die, die jetzt an der Schwelle stehen in eine ganz neue Phase: Gott bringt uns ins gelobte Land! Der Jordan ist die Grenze. Nur noch über den Jordan...</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Man könnte meinen, sie seien plötzlich festgefroren. &quot;Morgen&quot;, sagt Josua zum Volk. Er hat ja am allerlängsten von allen gewartet. Nur Kaleb und er sind noch übrig von der Vätergeneration, die Ägypten verlassen hatte. Wie lange haben sie diesen Moment ersehnt? Nur noch über den Jordan... &quot;Morgen&quot;, sagt Josua. &quot;Morgen wird der Herr unter euch Wunder tun.&quot;</p>
<p>Der Morgen kommt. Josua spricht mit den Priestern. Der Herr spricht mit Josua. Josua hält eine Rede. Und immer noch hat kein einziger auch nur einen Zeh ins Wasser getaucht.</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Kennst du den Jordan? Bist du auch schon da gestanden?</p>
<p>Am ersten Schultag vielleicht – voller Spannung und Neugier, aber auch der Unsicherheit, ob man neue Freunde finden und den Anforderungen gerecht werden kann.</p>
<p>Oder du hast geheiratet -- den Partner, die Partnerin deiner Träume. Aber der erste Schritt ins gemeinsame Leben kommt auch mit Fragen daher: &quot;Wird es gelingen? Können wir Krisen gemeinsam meistern?&quot;</p>
<p>Eine neue Arbeitsstelle: Der erste Tag im Job – geprägt von dem Wunsch, sich zu beweisen, und der Sorge, ob man die Erwartungen erfüllen wird.</p>
<p>Ein Umzug in eine neue Stadt: Alles neu – Menschen, Orte, Routinen. Die Hoffnung auf einen Neuanfang, aber auch das Gefühl, plötzlich fremd zu sein.</p>
<p>Die Geburt deines Kindes: Ein Traum wird wahr, doch gleichzeitig verändert sich das ganze Leben. Freude und Verantwortung treffen aufeinander. &quot;Werden wir diesem jungen Leben gerecht werden? Kann ich das -- ein guter Vater, eine gute Mutter sein?&quot;</p>
<p>Vielleicht warst du lange weg. Die Sehnsucht nach der Heimat war groß. Jetzt bist du auf dem Heimweg. Du freust dich auf die vertrauten Gesichter, auf Familie und Freunde. Und gleichzeitig nagt an dir die Frage: &quot;Wie wird es jetzt sein, nach all der Zeit?&quot;</p>
<p>Dann kommt eines Tages der Ruhestand. Endlich nicht mehr arbeiten müssen. Aber was dann? Was jetzt? Wer bist du, wenn du nicht auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitest? Wenn du vielleicht gar nicht mehr das Gefühl haben wirst, gebraucht zu werden?</p>
<p>Oder deine Kirchengemeinde fusioniert mit zwei anderen. Du hast die Reden gehört, dass das alles gar nicht zu befürchten sei und sogar Hoffnung mache für die Zukunft. Das klingt alles nachvollziehbar. Aber wie wird es denn nun wirklich? Wirst du am Ende das verlieren, was dir Heimat gibt, was du kennst und liebst, woran du dich immer festhalten konntest?</p>
<p>Da liegt er vor dir, der Jordan. Am anderen Ufer: das Neue mit seinen Hoffnungen und Versprechen. Zum Greifen nahe. Nur noch über den Jordan...</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Kennst du den Jordan?</p>
<p>Der Jordan ist kein besonders reißender Fluss. Er ist weder sehr tief noch extrem breit. Zu fast allen Jahreszeiten kann man ihn an der richtigen Stelle gut überqueren. Da braucht es kein besonderes Wunder -- schon gar nicht für die krisenerfahrenen Wüstenwanderer. Aber der Jordan steht für viel mehr als ein bisschen Wasser. Er steht für die Fragen, die die Wüstengeneration mit sich bringt. Wird das wirklich alles wie erwartet? Ist Gott wirklich bei uns, wie wir es immer gehört haben? Sind die alten Geschichten unserer Eltern vertrauenswürdig? Und sind wir, ihre Erben, ihrer würdig -- derer, die vor uns ausgezogen sind aus Ägypten?</p>
<p>&quot;Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.&quot;, sagt Gott zu Josua.</p>
<p>Noch hat kein einziger den Zeh ins kalte Wasser getaucht.</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Was wohl die Priester in der ersten Reihe gedacht haben? Ganz vorne dran--aller Augen erwartungsvoll auf sie gerichtet.</p>
<p>Langsam nähern sie sich dem Ufer, die Bundeslade, Zeichen der Anwesenheit Gottes bei seinem Volk, auf ihren Schultern. Sie bahnen sich einen Weg durch das Schilf. Der feuchte Boden schmatzt unter ihren Sandalen bei jedem Schritt. Nur noch wenige Meter. Schritte nur noch. Zentimeter. Da stehen sie. Man kann schon einzelne Spritzer auf den nackten Unterschenkeln spüren. Drüben leuchtet die Weite des versprochenen Landes.</p>
<p>Nur noch über den Jordan...</p>
<p>Was sie da wohl gedacht haben?</p>
<p>Der Exodus, der Auszug aus Ägypten, ist die identitätsstiftende Geschichte Israels schlechthin. Wir sind die, die Gott befreit hat. Wir sind die, die Gott sich erwählt hat. Wir sind die, bei denen Gott wohnt.</p>
<p>Am Höhepunkt der Geschichte fand sich Israel schon einmal am Ufer. Hinten die nahende Armee eines wütenden Pharao. Vorne die gewaltigen Wassermassen des Meeres. Sie alle kennen die Geschichte. Sie haben sie tausendfach gehört. Die Worte sind tief in ihrem Gedächtnis, ja in ihrem Selbstverständnis eingeprägt.</p>
<blockquote>
<p>Und der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen. Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, dass die Israeliten hineingehen, mitten durch das Meer auf dem Trockenen. Siehe, ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie hinter ihnen herziehen, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, an seinen Wagen und Reitern. Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der Herr bin, wenn ich meine Herrlichkeit erweise an dem Pharao und an seinen Wagen und Reitern. Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. (Exodus 14,15-22 [BB])</p>
</blockquote>
<p>Vierzig Jahre später stehen sie hier. Ohne Mose, wohlgemerkt.</p>
<p>Eine neue Generation. Ein neues Ufer.</p>
<p>Aber derselbe Gott.</p>
<p>&quot;Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.&quot;, sagt Gott zu Josua.</p>
<p>Wird er wirklich bei uns sein?</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Auch deine Geschichte kennt ein Wasserwunder. Heute im Evangelium haben wir von Jesu Taufe gehört. Gottes Versprechen über ihm. Gottes Geist in seinem Leben. &quot;Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.&quot; (Matthäus 3, 17 [BB])</p>
<p>Das könnte deine Geschichte sein. Das ist deine Geschichte. Hat Gott dir nicht dasselbe versprochen? Ist er nicht auch dir begegnet? &quot;Ich habe dich erlöst.&quot; &quot;Du bist mein.&quot; Und: &quot;Ich bin bei dir alle Tage.&quot;</p>
<p>Eine neue Generation. Aber derselbe Gott.</p>
<p>Wann werden wir erkennen, dass Gott mit uns ist, wie er mit Christus gewesen ist?</p>
<p>Die Identifikation mit Christus, mit seinem Leben, das Gott dir schenkt, ist Zentrum des christlichen Taufversprechens.</p>
<p>Auch deine Geschichte kennt ein Wasserwunder. Auch dir ist Gott dir begegnet.</p>
<p>Und wenn du am Jordan stehst, ist er immer noch bei dir.</p>
<p>Eine neue Generation. Ein neues Ufer.</p>
<p>Aber derselbe Gott.</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste.</p>
<p>Er braucht Vertrauen, Mut, trotzige Hoffnung. Gewissheit, dass Gott der ist, der er immer war.</p>
<p>Platsch.</p>
<p>Der Priester vorne links hat den Fuß gehoben. Seine Hoffnung ist trotzig. Jetzt gilt es. Jetzt wird es sich zeigen. Er setzt alles auf eine Karte.</p>
<p>Der große Zeh wird nass.</p>
<p>Der Fuß taucht ins Wasser. Angenehm kühl nach der Wüste.</p>
<p>Er spürt die Strömung, den Druck nach flussabwärts.</p>
<p>Er taucht ein, tiefer, vielleicht bis zur Mitte des Unterschenkels.</p>
<p>Platsch.</p>
<p>Sein Nachbar hat es ihm nachgetan.</p>
<p>Platsch. Platsch. Platsch.</p>
<p>Los marschieren sie. Den Blick stur nach vorne gerichtet. Man kann nur mutmaßen, was in ihren Köpfen vorgeht.</p>
<p>Vertrauen. Mut. Trotzige Hoffnung.</p>
<p>Und dann stehen sie drin.</p>
<p>Es gibt wohl kaum jemand, der euch erzählen könnte, wie sich das angefühlt hat. Kaum jemand hat das je so erlebt.</p>
<p>Sie stehen. Sie stehen auf trockenem Boden.</p>
<p>Mit einem Schlag ist die frische Kühle des Wassers wieder weg. Der laue Wüstenwind bläst um ihre nassen Schenkel.</p>
<p>Mit einem Schlag ist das Wasser weg. Ein letztes Rinnsal noch fließt nach Süden, dem toten Meer zu. Auf trockenem Grund. Der Rest staut sich irgendwo flussaufwärts.</p>
<p>Mit einem Schlag ist die Ungewissheit weg. Die Fragen. Die Zweifel, ob Gottes Versprechen wirklich belastbar sind.</p>
<p>Mit einem Schlag stehen sie auf sicherem Grund. Sie haben's kapiert. Ungläubiges Lachen leuchtet über ihr Gesicht. Hoffen. Glauben. Vertrauen.</p>
<p>Das Volk jubelt. Es gibt kein Halten mehr.</p>
<p>Gott ist wahrhaftig bei uns.</p>
<p>&quot;Ich habe dich erlöst.&quot;</p>
<p>&quot;Du bist mein.&quot;</p>
<p>&quot;Ich bin bei dir alle Tage.&quot;</p>
<p>An neuen Ufern, bei jeder neuen Generation, bis heute, hier in Gäufelden bei dir:</p>
<p>Der Gott, der das versprochen hat -- auch bei deiner Taufe -- ist derselbe.</p>
<p>Er hält sein Wort.</p>
<p>Man kann sich auf ihn verlassen.</p>
<p>Was er zusagt, das ist gewiss.</p>
<p>Alles was du tun must, ist, loszugehen.</p>
<p>Platsch.</p>
<p>Mit Vertrauen, Mut und trotziger Hoffnung.</p>
<p>Der erste Schritt ist immer der schwerste. Aber er lohnt sich.</p>
<p>Heb deinen Fuß und tauche ihn voll Glauben ins Wasser.</p>
<p>Platsch.</p>
<p>Nur noch über den Jordan. Zu neuen Ufern.</p>
<p>Und dann sieh, und staune, was möglich ist mit Gott an deiner Seite.</p>
<p>&quot;Ich habe dich erlöst.&quot;</p>
<p>&quot;Du bist mein.&quot;</p>
<p>&quot;Ich bin bei dir alle Tage.&quot;</p>
<p>&quot;Sie werden erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.&quot;</p>
<p>&quot;Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Freude.&quot;</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Auf dem Weg zu neuen Ufern treibt uns nicht nur Vorfreude vorwärts. Oft halten uns auch Fragen, Zweifel und Sorgen zurück. Der erste Schritt ist immer der schwerste. Was hilft uns, vertrauend, mutig und mit trotziger Hoffnung weiter zu gehen? Gott selbst ist an unserer Seite!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Vertrauen, Mut und trotzige Hoffnung</itunes:subtitle>
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        <title>Orange Plakette</title>
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        <pubDate>Wed, 01 Jan 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>&quot;Prüfet alles und behaltet das Gute&quot;--die Jahreslosung stellt uns mitten in den Herausforderungen unserer Zeit vor eine Aufgabe, die Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit vor uns selbst brauchen wird. Ein Programm für 2025, mit Entdecken, Behalten und Lassen. Alles in allem: Eine gute Nachricht.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Orange ist die entscheidende Farbe. Wenn du heute mit dem Auto gekommen bist, dann solltest du nachher auf dem Parkplatz gleich einmal nachschauen. Eine orange Plakette auf deinem Kennzeichen bedeutet: Dein Fahrzeug muss dieses Jahr zur Hauptuntersuchung. Dort werden alle wichtigen Funktionen getestet -- und das ist gut so. Ich denke, wir sind alle froh, wenn uns draußen auf der Straße keine Autos mit defekten Bremsen oder ohne Beleuchtung entgegen kommen.</p>
<p>Was ich nicht empfehlen kann, ist, es dem Fahrer aus dem Landkreis Stadthagen gleich zu tun, den die Polizei erwischt hat, nachdem er vierzehn Jahre lang mit selbst gebastelten Plaketten durch die Gegend gefahren war. Nur echt ist gültig. Die Prüfung ist keine Wahlmöglichkeit, falls du Lust dazu hast.</p>
<p>Für das Leben gibt es keine orange Plakette.</p>
<p>Dabei würde es in manchen Bereichen vielleicht schon gut tun, wieder einmal etwas genauer hinzuschauen.</p>
<blockquote>
<p>&quot;Prüfet aber alles und das Gute behaltet&quot; (1. Thessalonicher 5,21).</p>
</blockquote>
<p>Die Jahreslosung 2025 lädt uns dazu ein. Vielleicht ist sie die fehlende Plakette, die wir brauchen, um längst fällige Fragen endlich ehrlich zu stellen?</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Mit etwas Glück hast du noch rechtzeitig deinen Versicherungsvertrag geprüft. Da sind die Prämien nämlich ganz schön gestiegen. Oft lohnt es sich, zum Jahresende zu kündigen, um nachher deutlich günstiger da zu stehen. Wie sieht es in den den anderen Bereichen deines Lebens aus?</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Vielleicht ist das neue Jahr ein guter Anlass, deinen Lebensstil einmal kritisch und ehrlich anzuschauen. Wir leben in einer Welt, in der sich vieles verändert--zum Teil auch rasant. Nicht alles, was sich bisher richtig anfühlte, passt noch in diese veränderte Welt:</p>
<ul>
<li>Wir werden mit Fake News regelmäßig überschüttet. Gerüchte, die man früher als haarsträubend abgetan hätte, lassen sich heute als &quot;alternative Wahrheit&quot; verkaufen. Ganze Industrien sind aus dem Verbreiten von Fehlinformationen entstanden. Fremde Länder versuchen auf diese Weise, die Meinungen auch in Deutschland zu beeinflussen. Wem kann man noch glauben? Auf welche Quellen kann man sich verlassen? Prüfst du, was du hörst und liest? Oder gibst du jeden Aufreger weiter, ohne dich um die Hintergründe zu kümmern? Im Netz, in den sozialen Medien, auf WhatsApp, aber auch am Wohnzimmertisch und in der Schlange beim Bäcker geht das ganz schnell. Prüfet alles...</li>
<li>Die Digitalisierung und seit Neustem auch &quot;künstliche Intelligenz&quot; durchdringen unseren Alltag immer mehr. Neue Technologien eröffnen faszinierende neue Möglichkeiten. Gleichzeitig sorgen sie auch an Stellen für Probleme, an denen wir bisher vielleicht noch gar keine hatten. Wo machst du mit? Wo nicht? Was ist hilfreich und wo ist Vorsicht geboten? Worauf lässt du dich ein? Prüfet alles...</li>
<li>Das Klima verändert sich. Auch wenn es viele immer noch nicht wahrhaben wollen: 2024 war zum wiederholten Mal ein Jahr, das weltweit die bisherigen Wärmerekorde gebrochen hat. Längst sind die Auswirkungen des Klimawandels überall angekommen--und das ist erst der Anfang. Unsere Kinder und Enkel werden sie in ganz anderem Maße zu spüren bekommen. Nicht alles lässt sich noch aufhalten, aber manches schon. Wo übernimmst du Verantwortung? Wo gestaltest du deinen Alltag nachhaltiger? Wo veränderst du deinen Konsum? Wie verändert sich deine Mobilität? Was darf die Zukunft für deine Kinder und Enkel dich heute vielleicht auch schon kosten? Prüfet alles....</li>
<li>Wie sieht es mit deinen Beziehungen aus? Was tut dir gut? Wer tut dir gut? Wer oder was nicht? Was besteht auch für 2025 den Test? Worin willst du dich investieren? Wo vielleicht auch zurücknehmen? Welche Prioritäten setzt du bei deiner Zeit, bei deinem Geld, bei deiner Energie im neuen Jahr? Bist du beruflich noch an der richtigen Stelle? Prüfet alles...</li>
<li>Wahrscheinlich geht es dir wie mir und du wirst auch 2025 jeden Tag ein wenig älter. Ich habe am letzten Tag des alten Jahres meine erste Gleitsichtbrille bekommen. Manches, was früher selbstverständlich war, geht nicht mehr so leicht. Körper, Geist und Seele brauchen vielleicht mehr Aufmerksamkeit und Pflege als früher. Wie gehst du mit diesen Veränderungen um? Was tust du für deine Gesundheit – für Bewegung, Ernährung, Erholung? Was lässt du vielleicht schleifen, obwohl du weißt, wie wichtig es ist? Und was gibst du ab, weil es zu einer anderen Lebensphase gehört? Prüfst du, welche Aufgaben, Beziehungen und Hobbys dir guttun und welche dich eher belasten? Wo lernst du, loszulassen, und wo setzt du neue Akzente, um mit Freude älter zu werden? Prüfet alles...</li>
<li>Ganz kurzfristig steht eine Bundestagswahl vor der Tür. Versprechen hörst du viele, von allen Seiten. Was soll man tun? Wen wirst du wählen--und vor allem: warum? Welche Veränderungen sind notwendig, um unser Zusammenleben gerechter zu gestalten? Und welche Werte sollen dabei im Mittelpunkt stehen? Wer sind die Schwachen, deren Stimmen überhört werden? Welche Kompromisse gehst du ein, und wo ziehst du Grenzen? Prüfst du, ob du zu einer Gesellschaft beiträgst, die Gott ehrt? Oder bleibst du bequem, wo es eigentlich unbequem werden sollte? Prüfet alles...</li>
<li>In der Hektik des Alltags bleibt oft wenig Zeit für Stille und Besinnung. Wann und wie findest du Raum, Gott zu begegnen? Welche Gewohnheiten helfen dir, in Verbindung mit ihm zu bleiben? Was belastet dich, und was schenkt dir Freude und Kraft? Ist dein Herz offen für Gottes Wirken? Oder haben Sorgen, Stress oder Resignation bereits zu viel Raum eingenommen? Prüfet alles...</li>
</ul>
<p>&quot;Moment mal&quot;, höre ich dich denken. &quot;Mutest du diesem einen Satz aus der Bibel nicht ganz schön viel zu? Ist das wirklich das, was Paulus im Sinn hatte, als er diesen ersten Brief an die Thessalonicher schrieb?&quot;</p>
<p>Wenn du das tatsächlich dachtest: Gut so. &quot;Prüfet alles!&quot; Du bist auf dem richtigen Weg.</p>
<p>Hier also noch einmal die Jahreslosung im näheren Zusammenhang:</p>
<blockquote>
<p>19 Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes. 20 Missachtet die prophetische Rede nicht. 21 Prüft aber alles und behaltet das Gute. (1. Thessalonicher 5,19-21)</p>
</blockquote>
<p>Unsere neue Jahreslosung stammt aus dem allerersten Teil des Neuen Testament, der niedergeschrieben wurde. In Thessaloniki in Griechenland machte Paulus auf seiner zweiten Missionsreise Station. Wie es seine Gewohnheit war, suchte er zunächst die jüdische Synagoge auf. Bei drei Sabbatfeiern hatte er dort Gelegenheit, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Einige waren sofort überzeugt. Anderen gefiel die Botschaft des Paulus gar nicht. Vor den Stadtoberen machte man Stimmung gegen ihn: &quot;Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen.&quot; (Apostelgeschichte, 17,6). Bei Nacht und Nebel muss Paulus die Stadt verlassen. Zurück bleibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Evangelium gehört und im Glauben ergriffen haben. Die Zeit vergeht. Der Alltag geht weiter. Dinge ereignen sich, die Fragen aufwerfen. Die kleine Gruppe weiß nur, was Paulus in drei Wochen erzählen konnten. Nicht jede Frage kann dadurch beantwortet werden. Zum Glück wirkt Gottes Geist unter ihnen. Antworten werden gefunden. Meinungen entstehen. Nicht jede ist richtig. Nicht jede ist von Gottes Geist inspiriert. Was ist Geist? Was ist Meinung? Worauf kann man sich verlassen?</p>
<p>Aus Korinth schreibt Paulus einen Brief. Er bejaht das Wirken des Heiligen Geistes. Er betont den Wert, prophetischer Stimmen, die in den Alltag der Menschen hineinsprechen. Propheten haben immer auch unangenehme Fragen gestellt. Und das ist gut so! Aber nicht jeder, der eine Meinung hat, ist ein Prophet. Manche haben nur keine Ahnung--aber davon ziemlich viel. &quot;Prüfet alles und behaltet das Gute&quot;, sagt Paulus.</p>
<p>Wir sind nicht im Thessaloniki des ersten Jahrhunderts. Aber die Fragen an uns sind dieselben, wie sie damals waren: Welche Stimmen lässt du zu dir sprechen? Wem vertraust du? Was lässt du dir sagen? Was ist es wert, gehört zu werden? Woraus solltest du Konsequenzen ziehen? Das passt auch in all die zuvor genannten Alltagsbereiche.</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>So einfach kommen wir also nicht davon. Prüfen, das ist Arbeit. Das verlangt Gewissenhaftigkeit und genaues Hinsehen. Das verlangt es, vor sich selbst schonungslos ehrlich zu sein und auch die unangenehmen Anfragen zu hören.</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Wir haben also ganz schön Arbeit vor uns in diesem neuen Jahr. &quot;Wir&quot;, das sage ich ganz bewusst, weil diese Aufgabe nicht nur auf den/die Einzelne:n beschränkt bleibt. Auch als Kirchengemeinde, auch als Kirche, kommt da noch manches auf uns zu.</p>
<p>Schwindende Mitgliederzahlen, finanzielle Engpässe und die Frage, wie die frohe Botschaft heute Menschen erreicht: Wo liegt die Zukunft der Kirche? Was bewahren wir, und was braucht Erneuerung? Welche Aufgaben sollten wir mit ganzer Kraft anpacken, und wo können wir Altes loslassen? Was ist dabei Tradition, und was Auftrag Gottes? Wie gestaltest du dein persönliches Engagement in der Gemeinde? Prüfet alles...</p>
<p>Konkret wird sich das hier in Gäufelden auch daran, dass wir seit heute eine Kirchengemeinde sind, statt wie bisher drei. Da haben wir in den letzten Jahren viel miteinander gerungen und geprüft, wie wir mit den aktuellen und zukünftigen Veränderungen am Besten fertig werden. Ich bin überzeugt, dass wir miteinander eine gute Lösung gefunden haben. Die wird sich jetzt in der Praxis bewähren müssen--und an ganz vielen Stellen überhaupt erst noch konkrete Form annehmen. Da sind wir mitten drin: &quot;Learning by doing&quot;, das ist eigentlich genau das, was das Wort δοκιμαζω, das Paulus hier für &quot;prüfen&quot; verwendet, bedeutet. Und genau das, was uns hier auch neue Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Mir macht das Hoffnung. Das ist es auch, was wir am kommenden Sonntag miteinander feiern wollen. Ich lade euch herzlich ein, uns dabei--und bei dem Prozess des Lernens, Prüfens und Gestaltens--zu begleiten, auch wenn ihr vielleicht manches noch kritisch seht.</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Bei dieser uns von Gott gestellten Aufgabe sollten wir nämlich aufpassen, nicht in eine der typischen Fallen zu tappen:</p>
<ul>
<li>Nicht alles, was neu ist, ist schlecht. Früher war nicht alles besser. Wenn Gottes Geist mit uns voran geht, dann können wir zuversichtlich auch neue Dinge anpacken und prüfen, ob die nicht genau richtig für uns sind. Wer alles Neue von vornherein verweigert, der verpasst vielleicht das Beste, was ihm passieren könnte.</li>
<li>Nicht alles, was alt ist, ist schlecht. &quot;Behaltet das Gute&quot; kann uns Paulus doch gerade deshalb sagen, weil es so viel Gutes gibt, das unbedingt erhalten bleiben sollte. Das nehmen wir dankbar mit und ergänzen es mit neuem Guten, mit dem Gott uns entgegen kommt.</li>
<li>Wir müssen nicht alles behalten. Wer schon einmal umgezogen ist oder ein Haus entrümpelt hat, weiß, dass das eine gute Nachricht ist! Nicht alles ist es wert, aufgehoben zu werden. Manches war noch nie gut und man hätte vielleicht von Anfang an mehr &quot;prüfen&quot; müssen. Anderes hat seine Zeit gehabt. Das soll die Dinge gar nicht abwerten. Vieles war gut und erfolgreich und segensreich zu seiner Zeit. Aber manchmal ist die eben auch vorbei und es ist Zeit für etwas Neues. Dann danken wir Gott für das was war und gehen mit Hoffnung in das Neue das kommt. Manche Dinge hätten vielleicht auch schon längere Zeit verändert gehört. An manchen Stellen stecken wir viel Energie in Dinge, die heute nicht mehr das Prädikat &quot;gut&quot; verdienen. Nicht von Paulus, sondern (zumindest angeblich, das wäre noch zu prüfen) von den Dakota-Indianern stammt dazu eine wichtige Weisheit: &quot;Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.&quot; &quot;Exnovation&quot; (statt &quot;Innovation&quot;) heißt das neue Schlagwort dafür. Wir müssen nicht alles behalten. Lassen ist mindestens genauso wichtig. Prüfet alles und behaltet das <em>Gute</em>.</li>
</ul>
<p>Das bringt uns zu der vielleicht wichtigsten Frage: Was ist denn &quot;das Gute&quot;? Dazu gibt es ja auch so viele unterschiedliche Meinungen, wie es Menschen gibt (oder noch mehr). Was als &quot;das Gute&quot; betrachtet wird, verändert sich ja auch mit der Zeit. Woran soll man das denn also messen? Gibt es den überhaupt einen guten Maßstab dafür?</p>
<p>Ich habe gute Nachricht: &quot;Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute, und in Ewigkeit.&quot;</p>
<p>Und natürlich ist er--und nur er allein!--unser Maßstab. &quot;Was Christum treibet&quot;, würde Martin Luther sagen. Was Gott umtreibt, sehen wir nämlich in dem Christus, wie in uns die Heilige Schrift bezeugt. Allein in den letzten Tagen haben wir davon ja eine ganze Menge entdeckt: Dass er sich den Menschen zuwendet--und ganz besonders den Menschen, die sonst am Rande stehen. Dass bei ihm Raum für alle ist. Dass bei ihm Gnade und Wahrheit zu finden sind. Dass sich in ihm die ganze Menschenfreundlichkeit Gottes zeigt.</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Wenn du dir nicht sicher bist, was das sein soll, dann schau auf Christus. Mehr &quot;Gutes&quot; geht gar nicht.</p>
<p>Wenn du dir nicht sicher bist, dann frage nach Christus. Schau auf das, was zu prüfen ist, und frage ganz konkret: Entspricht es dem Charakter Gottes, seiner Zuwendung, seinem Evangelium, seinem Handeln, wie wir es in Christus sehen? Führt es zu Liebe und zum Aufbau der Gemeinschaft? Fördert es Glaube, Liebe und Hoffnung? Ehrt es den Gott, der sich in Christus offenbart hat?</p>
<p>Mit diesen Fragen bist du auf jeden Fall auf der richtigen Fährte. Und: Du bist nicht allein. Nicht umsonst heißt es &quot;prüfet&quot; im Plural. Als Kirche, als Kinder Gottes, als die, die er mit Christi Leben und mit seinem Geist beschenkt, sind wir immer Auslegungsgemeinschaft. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, mit einander zu prüfen und das Gute zu suchen.</p>
<p>Prüfet alles und behaltet das Gute.</p>
<p>Orange. Nicht vergessen: Orange. Das ist die entscheidende Farbe für das Prüfen deines Autos.</p>
<p>Für all die Fragen, vor denen wir als Kirche, als Gesellschaft und als Einzelne in diesem neuen Jahr stehen, sind wahrscheinlich ganz andere Farben wichtig: Das Weiß des Christus, in dem uns Gottes Licht leuchtet. In ihm haben wir Gnade und Wahrheit, Gottes Zuspruch und Anspruch und vor allem Gott selbst an unserer Seite. Grün, für die Hoffnung die uns daraus wächst. Nie vergessen, das gilt auch 2025: &quot;Wir haben Hoffnung!&quot;. Wahrscheinlich brauchen wir für all das Prüfen, für das Behalten und auch für das Lassen auch 2025 die nachdenklichen violetten Zeiten, Passion und Advent, Buße und Besinnung, Pause vom Trubel und Zeit, auf das Wesentliche zu schauen. Und wir haben Rot bei uns, für den Heiligen Geist, dessen Wirken wir nicht unterdrücken, sondern entdecken und schätzen wollen.</p>
<p>Prüfen, Entdecken, Behalten und Lassen, Geist, Hoffnung und vor allem Christus selbst -- das ist das Gute, das wir auf jeden Fall behalten müssen.</p>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>&quot;Prüfet alles und behaltet das Gute&quot;--die Jahreslosung stellt uns mitten in den Herausforderungen unserer Zeit vor eine Aufgabe, die Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit vor uns selbst brauchen wird. Ein Programm für 2025, mit Entdecken, Behalten und Lassen. Alles in allem: Eine gute Nachricht.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Vom Prüfen, Entdecken, Behalten und Lassen</itunes:subtitle>
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        <title>Nunc dimittis</title>
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        <pubDate>Sun, 29 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Am 1. Sonntag nach dem Christfest war ich eingeladen, anlässlich des 60. Geburtstags eines Studienfreunds in der Freien Christengemeinde Bad Ischl (Österreich) ein paar Worte zu sagen. Hier ist das, was ich ihm und allen Zuhörer:innen mitgegeben habe.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Johannes, liebe Geschwister,</p>
<p>Gnade mit dir, mit euch, von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Lieber Johannes, du hast dir ein paar Worte über die Zeit, das Älterwerden (oder so ähnlich) gewünscht. Ich habe dann erst einmal nachgeschaut, was ich denn heute in meiner Gemeinde gepredigt hätte. In meiner Kirche gibt es ja die Perikopenordnung, einen festen Plan der Predigttexte. Und da bin ich prompt fündig geworden. Ich lese dir/euch einen Ausschnitt aus dem Evangelium zum heutigen ersten Sonntag nach dem Christfest, aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 25 bis 33:</p>
<blockquote>
<p>25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn. So wartete er auf den Trost, den Gott Israel schickt. Der Heilige Geist leitete ihn. 26 Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen: »Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.« 27 Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten auch die Eltern ihr Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für ihr Kind vorgesehen sind. 28 Simeon nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte: 29 »Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. 30 Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. 31 Alle Welt soll sie sehen – 32 ein Licht, das für die Völker leuchtet und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.« 33 Der Vater und die Mutter von Jesus staunten über das, was Simeon über das Kind sagte. (Lukas 2,25-33)</p>
</blockquote>
<p>Sechzig Jahre. Mensch, Johannes, sechzig Jahre schon!</p>
<p>Wie alt Simeon war, weiß ich nicht. Der Text legt ja nahe, dass er das Ende seines Lebens nahen sieht. Vielleicht sogar, dass er in einem Alter war, das viele andere gar nicht erst erreicht hatten. Eine Art Ausnahmeerscheinung, erklärt durch das Versprechen Gottes durch den Heiligen Geist: &quot;Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast!&quot; Auch die textliche Verbindung mit der greisen Hanna in den folgenden Versen könnte ein Hinweis darauf sein. Letztlich aber ist das Spekulation.</p>
<p>Ich behaupte aber einfach mal, Simeon war älter wie du. Das ist doch nicht das Gebet eines Sechzigjährigen -- zumindest nicht nach heutigen Maßstäben und heutiger Lebenserwartung: &quot;Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben.&quot; Ich gehe mal davon aus, dass du das auch so siehst, oder?</p>
<p>Mit 60 -- na ja, da fängt jetzt nicht das Leben an. Aber schon vor einigen Jahren ging der Satz durch die Medien, 60 sei das neue 40. &quot;Ist da was dran?&quot;, frage ich dich. Ich kann da noch nicht mitreden. Bei mir steht noch eine Vier vorne dran. (Und nach den turbulenten Weihnachtstagen mit ihren unzähligen Gottesdiensten fühlt es sich gerade eher ein wenig so an, als sei vielleicht 40 das neue 60. Aber das nur am Rande.). Irgendwann in den 60ern gehen die meisten arbeitenden Menschen in den Ruhestand (Pastoren auch gerne in den Un-Ruhestand.) Früher hieß das oft: Das Ende des Lebens ist schon absehbar. Das Arbeiten ist allein schon körperlich nicht mehr möglich. Ein paar ruhige Jahre noch, dann geht es zu Ende. Heute ist das meistens ganz anders: Es sind fitte Menschen, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben. Irgendwann in den 60ern beginnt eine ganz neue Lebensphase, so eine Art &quot;viertes Lebensalter&quot; neben Kindheit, Mitte des Lebens und hohem Alter. Eine Zeit, die es zu gestalten und zu er-leben gilt. Da kommt was auf dich zu, irgendwann in den nächsten Jahren! Etwas Spannendes, Neues, voller Chancen und Entdeckungen -- das wünsche ich dir zumindest.</p>
<p>Aber so weit bist du ja auch noch nicht. Trotzdem sind runde Geburtstage eben immer auch besonderer Moment, um einmal innezuhalten. Zu reflektieren. Zurück zu schauen und nach vorne. Was hat dich bis hierher gebracht? Und wie willst du älter werden?</p>
<p>Da, finde ich, drängt sich Simeon geradezu als Beispiel auf. Wenn ich selbst es mir irgendwie aussuchen kann, dann möchte ich gerne so altern wie er. Wie alt er auch immer ist, Simeon zählt nicht die Tage bis zum Ruhestand. Er sieht auch keinen Countdown bis zu seinem Ableben vor seinem inneren Auge. Schaut doch einmal mit mir, wie Simeon lebt. Von ihm können alle von uns, die älter werden, etwas lernen. Also jeder und jede.</p>
<p>Erstens: &quot;Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn&quot;. Aus der Sicht der Erzählung ist das die Gegenwart. Hier und jetzt. Simeon lebt. Gerecht. Als evangelischer Pfarrer höre ich da sofort das Evangelium von der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben. Gerecht werden wir, das ist zentrale Evangeliumsaussage, ja nicht aus uns selbst, sondern allein, (&quot;solo&quot; auf Lateinisch) aus Christus: <em>sola gratia</em>, <em>sola fide</em>. Simeon kennt diese paulinischen oder gar die reformatorischen Formulierungen dazu natürlich noch nicht. Aber ich entdecke bei ihm auch keinerlei Getrieben-sein, keinerlei Streben irgendeiner Art. Simeon lebt. Gerecht (Zustandsbeschreibung!). Und er vertraut. Das ist doch nämlich genau das, was Glaube im allergrundlegendsten Sinn ausmacht: Das Vertrauen auf Gott, der mich gerecht macht durch Jesus Christus. Aus diesem Vertrauen heraus kann ich gelassen, ungetrieben, vertrauend eben durchs Leben gehen. Ich weiß mein Alles, mein Sein, &quot;mein Leben und mein Sterben&quot;, wie es die Reformatoren immer wieder formulierten, in seiner Hand. Das wünsche ich dir, Johannes -- nicht nur für die Zukunft, sondern für die Gegenwart--hier und jetzt: Dass du mit dieser glaubenden Gelassenheit jeden Tag neu angehen kannst. Das wünsche ich euch allen auch.</p>
<p>Zweitens: &quot;Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen...&quot;. Das ist aus der Sicht der Erzählung der Blick in den Rückspiegel. Gott hat geredet. Persönlich und direkt. Gott hat versprochen. Verheißen. Wer weiß, wann das war. Vielleicht am Tag zuvor? Das könnte natürlich sein. Für mich hört sich die Erzählung eher schon an, als sei es schon länger her. Vielleicht schon als junger Mann? War das so eine Art Berufungserlebnis? &quot;Mit dir, Simeon, habe ich etwas ganz Besonderes vor: Du wirst meinen Christus sehen!&quot; Wie lange Simeon wohl schon mit diesem Versprechen lebt? Wie viele Tage er wohl morgens aufgestanden ist mit der Erwartung: Heute könnte es geschehen? Wie viele Tage er sich wohl schon abends schlafen gelegt hat mit dem Gedanken: &quot;Aber vielleicht morgen...&quot; Überhaupt, wie lange kann man das sich selbst immer wieder sagen? Kommen da nicht auch irgendwann die Zweifel? Habe ich mir das alles nur eingebildet? Wie komme ich überhaupt drauf, dass ausgerechnet ich so besonders sein sollte?</p>
<p>Was hat Simeon all die Jahre (nehme ich jetzt einfach mal an) bei der Stange gehalten? Ich behaupte, die Antwort darauf steht im Text: &quot;Der Heilige Geist leitete ihn.&quot; Gottes Ansprache an Simeon war also nicht nur etwas Einmaliges. Simeon wusste sich beständig in Verbindung mit dem Gott, der ihm etwas versprochen hat. Sicher war es das, was ihn auch durch die unumgänglichen menschlichen Zweifel getragen hat.</p>
<p>Was hat Gott dir gesagt, Johannes? Welche Verheißungen trägst du in deinem Herzen, liebe:r Zuhörer:in? Glaubst du noch daran? Wartest du noch darauf?</p>
<p>&quot;Das Beste kommt noch&quot;, höre ich immer wieder--ganz besonders in christlichen Kreisen. &quot;Das Beste kommt noch&quot;, klingt für mich ganz oft nach Vertröstung. Ich sehe Menschen, die mit dem Ist-Zustand ihres Lebens nicht ganz zufrieden sind. Die enttäuscht sind, von dem was ist, im Vergleich zu dem, was hätte sein können. &quot;Das Beste kommt noch&quot;, sagen sie, um sich selbst Hoffnung zu machen. Es kann ja alles noch besser werden. Das Blatt kann sich ja vielleicht noch wenden. Oft genug stehe ich irgendwann am Grab dieser Menschen. Nicht immer hat das Blatt sich gewendet. &quot;Das Beste kommt noch&quot; -- sind das nur leere Worte?</p>
<p>&quot;Das Beste kommt noch&quot; hat nur einen Inhalt, wenn es sich auf Gottes Verheißungen stützt. Menschlicherseits kann man höchstens informiert raten, was die Zukunft bringt. Gottes Versprechen dagegen sind &quot;Ja und Amen&quot;, wie Paulus sagen würde. Sicher, gewiss und Grund zur beständigen Hoffnung. Sie tragen durch die Wartezeit. Denn das ist das Dritte, was sich über Simeon sagen lässt: Er ist ein Wartender. &quot;Er wartete auf den Trost, den Gott Israel schickt.&quot; Sein Vertrauen auf Gott ist nicht nur der Modus der Gegenwart. Es ist auch das, was ihn in die Zukunft trägt. Jeden Tag neu. Jeden Morgen und jeden Abend. Bis...</p>
<p>&quot;Jetzt&quot;. Jetzt ist das Schlüsselwort in diesem Text. &quot;Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben.&quot; Jetzt hast du nämlich gehandelt, Gott, wie du es versprochen hast. Das wünsche ich dir, lieber Johannes, und dir, liebe:r Zuhörer:in, dass du dieses göttliche &quot;Jetzt&quot;, in dem Verheißung zum Heilshandeln wird, erleben und entdecken kannst. Immer wieder neu, an ganz unterschiedlichen Tagen und unterschiedlichen Orten, auf unterschiedliche Weise, so wie unser immer wieder überraschender Gott eben ist.</p>
<p>&quot;Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung.&quot; Ich wünsche dir, lieber Johannes, und mir und uns allen, dass das eines Tages unser Gebet sein darf. Dann, wenn die Stunde gekommen ist und wir im Vertrauen auf Gott für immer unsere Augen schließen. Aber auch vorher, immer wieder schon. Das mag jetzt vielleicht überraschend sein: Für viele Christ:innen rund um die Welt ist dieses Gebet des Simeon Teil ihres täglichen Abendgebets, der <em>Komplet</em>. &quot;Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben&quot; ist dabei kein sehnlicher Wunsch nach einem schnellen Lebensende, sondern einfach ein tiefer Ausdruck ihres Glaubens, dass Gottes &quot;Jetzt&quot; für uns durch Christus gestern, heute und alle Tage ein &quot;Jetzt&quot; geworden ist und dass jeder Atemzug unseres Lebens, jeder Augenblick des Lebens und des Sterbens, in seiner Hand liegt. Diese Glaubensgewissheit wünsche ich dir, Johannes, und euch, für jeden Tag -- mit 60,70,80 oder in jedem beliebigen anderen Moment eures Daseins.</p>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Am 1. Sonntag nach dem Christfest war ich eingeladen, anlässlich des 60. Geburtstags eines Studienfreunds in der Freien Christengemeinde Bad Ischl (Österreich) ein paar Worte zu sagen. Hier ist das, was ich ihm und allen Zuhörer:innen mitgegeben habe.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Pastor Johannes Stranz zum 60. Geburtstag</itunes:subtitle>
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        <title>Ans Licht gekommen</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/ans-licht-gekommen/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/ans-licht-gekommen/</guid>
        <pubDate>Wed, 25 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Im Licht von Weihnachten zeigt sich die Welt ohne Weichzeichner und Puderzucker. In Christus leuchtet das eine, wahre Licht alles aus. Wir alle, auch ich, kommen schonungslos ans Licht als die, die wir sind: Gottes geliebte Kinder.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Das alte Familienerbstück lag lange in einer Kiste im Keller. Ein paarmal schon hätte man den alten Krempel fast weggeworfen--bis es wieder jemand in die Finger bekam, der eigentlich etwas ganz anderes suchte. &quot;Was ist denn das hier?&quot; Unter dem Staub der Jahrzehnte war es kaum zu erkennen. Neugierig gereinigt, kamen Details ans Licht, die keiner vermutet hätte. Ein echter Schatz! Jetzt hat er seinen Platz in der Vitrine im Wohnzimmer. Im Licht der Lampe oder bei hellem Tageslicht strahlt hier Schönheit auf, die vorher im Dunkeln lag. Viele haben seither bestaunt, was da ans Licht gekommen ist.</p>
<p>Beim Bau von Museen, hat mir meine Tochter, die Architektur studiert, erklärt, ist direktes Tageslicht eher unerwünscht. Ein Kunstwerk -- ein Gemälde zum Beispiel -- kann dann erst durch die richtige Beleuchtung perfekt in Szene gesetzt werden. Das richtige Licht enthüllt die wahren Farben, die Details und die Tiefe des Bildes. Ganz anders wirkt das, was hier ins rechte Licht gerückt wird.</p>
<p>Es gibt Menschen, die das schon lange wissen. Die Dekorateur:innen, die die Schaufenster der Geschäfte in der Adventszeit gestalten, zum Beispiel. Geschickt präsentiert zieht so mancher Artikel die Blicke potentieller Käufer:innen auf sich, an dem sie sonst vielleicht achtlos vorbei gegangen wären. Politiker:innen wissen, dass man manchmal die Dinge einfach ins rechte Licht rücken muss. Da lässt sich dann auch Stillstand und Rückschritt gekonnt als Erfolg feiern. Alles nur eine Frage der Präsentation! Rockstars singen ihre Lieder nicht unter Halogenscheinwerfern wie im Fußballstadion: Die Lightshow, die richtige Beleuchtung, ist genauso wichtiger Teil des Konzerterlebnisses wie das, was gespielt und gesungen wird. Und die Natur um uns macht von ganz allein ähnliches Spiel, wenn eine triste Landschaft in Dunkelheit oder Nebel plötzlich von der aufgehenden Sonne in ein prächtiges Farbenspiel getaucht wird.</p>
<p>Wo die Dinge ins rechte Licht kommen, da sieht plötzlich alles ganz anders aus.</p>
<p>Vielleicht sollten wir das einfach mit der ganzen Welt tun: all das Triste und Trübe unseres großen und kleinen Weltschmerzes einmal in ein neues, besseres Licht hüllen. Dann würde vielleicht mit einem Schlag auch das, was uns jetzt Sorge bereitet; oder das, was wir befürchten; oder das, was uns hier einsam und traurig macht, ganz anders aussehen.</p>
<p>Die Farbenwelt von Advent und Weihnachten würde sich dafür anbieten. Ich denke, niemand will die Dunkelheiten der Welt mit einem grellen Schweinwerfer restlos ausleuchten. Zu grausam, zu überwältigend wäre doch das, was da zum Vorschein käme. Nein, stellt euch die Welt doch einfach im lauschigen Schein von ein paar Kerzen vor. In warmen, sanften Farbverläufen mit gnädigen Schatten an der richtigen Stelle. Vor dem glitzernden Hintergrund von vielen kleinen Lichtern, die sich dann noch spiegeln in den Glaskugeln des Weihnachtsbaums oder gar in den unzähligen kleinen Kristallen des Schnees, der &quot;weißen Weihnacht&quot;, von der zumindest im Radio alle träumen. Mit Puderzucker ist die Welt doch viel besser zu ertragen! Ja, stellt euch diese oft so raue Welt doch einmal als ein holzgeschnitztes Weihnachtsdorf in einer Glaskugel vor, mit leise rieselndem Schnee und Stille im Kerzenschein. Zimtduft liegt in der Luft und eine zarte Melodie ist im Hintergrund zu hören...</p>
<p>Süßer die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit...</p>
<p>Nein! Stellt euch das nicht vor! Es bringt doch nichts, wenn wir die Ungerechtigkeit, den Zank und den Neid, die Gier und die Missgunst, Krieg und Folter, und nur auf sich selbst schauenden Egoismus bei Kerzenlicht in Weihnachts-Zuckerwatte packen. Für alle, die am Fest einfach mal ein paar Tage die harsche Realität vergessen wollen -- welch ein Luxus übrigens, wenn man das kann! -- wird der Absturz ja nur um so härter, wenn der normale Alltag wieder Einzug hält. Dann droht der große Weihnachts-Kater, den schon jetzt die erleben, die von dem großen Fest aus irgendwelchen Gründen ausgeschlossen sind.</p>
<p>Nein, die Welt ist kein süßes Lebkuchenhaus! Und, ja, sie gehört dringend ins rechte Licht gesetzt!</p>
<p>Das wird dann aber ganz anders aussehen. Nämlich so:</p>
<blockquote>
<p>1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1-5.9-14)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums.</p>
<p>Die Welt im rechten Licht, das kann nur die Welt in <em>seinem</em> Licht sein:</p>
<p>Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch ihn ist alles geschaffen.</p>
<p>Das rechte Licht für die Welt kann nur von der Ewigkeit her leuchten.</p>
<p>Der Grundstein dafür wurde gelegt, bevor die Zeit begann. &quot;<em>Im</em>Anfang&quot;, im Ursprung alles dessen was war und was ist und was kommt. &quot;<em>Im Anfang</em> schuf Gott Himmel und Erde&quot;. So beginnt der Bericht der Bibel. Alles hat seinen Ursprung in ihm. Dass wir sind, dass es uns gibt, und dass wir einen Platz zum Sein haben, geht zurück auf sein Wort, mit dem alles begann. &quot;Und Gott sprach... und es wurde...&quot; Im Anfang war das Wort. Gott selbst war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.</p>
<p>In Gottes Wort ist Leben, alles Leben, dein Leben, mein Leben. Er selbst ist Ursprung und Ziel dessen, was ich bin. Von Gott kommt Leben, nicht nur als Absicht, als Anstoss zu etwas, was dann seinen freien Lauf nimmt. Leben, mein Leben, ist verankert in ihm. Nur in dieser Perspektive ist Leben überhaupt Leben, wirklich Leben, und nicht nur ein dahin-Existieren, dessen Sinn uns irgendwie entgeht. Dieses Leben, echtes Leben, ist das Licht der Menschen.</p>
<p>Die Welt im rechten Licht!</p>
<p>An Weihnachten hat dieses Licht einen Namen bekommen. Die, die vorher darauf hofften, nannten ihn &quot;Wunderrat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst&quot;, &quot;König der Könige&quot;, &quot;Herr der Herren&quot;, &quot;heller Morgenstern&quot;. Seine Mutter nannte ihn &quot;Jesus&quot;. In ihm bekommt das Licht Gestalt, bekommt ein Gesicht, einen Namen; bekommt Hände und Füße, einen Körper, eine Stimme, einen Ort. Der unfassbare Gott wird sichtbar und klein, ein Kind, in der Krippe von Bethlehem. Wer die im rechten Licht sieht, jenseits von Tiroler Holzschnitzereien und Tannenzweigen; wer hinter die beeindruckende Tailfinger Egli-Krippe oder den Nebringer Stall von Kurt Schittenhelm schaut, der entdeckt, was niemand beleuchten muss, weil es selbst alles beleuchtet: Gott selber ist hier.</p>
<p>&quot;Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.&quot;</p>
<p>Das Kind von Weihnachten, das Licht, das Leben, verbindet uns mit unserem Ursprung, mit Gottes Plan für alle Zeiten, mit seiner Schöpferweisheit und seinem Heilswillen für die Welt.</p>
<p>Nur im Licht dieses Kindes sehen wir, wer wir wirklich sind.</p>
<p>Nur im Glanz von Gottes fleischgewordenem Wort sehen wir die Welt im rechten Licht.</p>
<p>&quot;Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.&quot;</p>
<p>Die tiefste aller Menschenfragen -- &quot;Wer bin ich und warum bin ich hier?&quot; -- findet ihre Antwort nicht in mir, sondern in ihm.</p>
<p>Voller Gnade und Wahrheit.</p>
<p>Nicht alles, was da ans Licht kommt, ist angenehm. Wo sein Licht mein Leben beleuchtet, da fallen vielleicht auch die meiner Seiten ins Auge, die ich lieber verborgen hätte. Vor anderen. Vor mir selbst. Vor ihm sowieso. Was bisher dezent im Schatten lag, wird nun hell ausgeleuchtet. Voller Wahrheit. Die ganze Wahrheit.</p>
<p>Das ist wie der Moment, wenn ich in den Spiegel schaue und plötzlich sehe, was ich sonst ignoriere: Falten, Narben, vielleicht den Schatten von Sorgen oder Entscheidungen, die ich bereue. Oder wenn mir jemand die Wahrheit sagt – ehrlich, direkt, aber auch schmerzhaft. Vielleicht ein Freund, der mich darauf hinweist, dass ich zu oft andere Menschen verletze oder übersehe.</p>
<p>Wo er, Christus, zu mir kommt und bei mir steht, kann ich mich nicht mehr verstecken. Ich kann mich nicht glitzernd als ein anderer präsentieren, der ich gar nicht bin. Alle Augenwischerei, aller Schein, fällt weg im Leuchten seiner Wahrheit.</p>
<p>In seinem Licht erscheine ich, erscheinen wir alle, diese ganze Welt, schonungslos als die, die wir wirklich, im tiefsten Grunde unserer Existenz, ungeschminkt und unverbogen, sind:</p>
<p>Wir sind... von Gott geliebt!</p>
<p>Das ist es, was da sichtbar wird. Voller Wahrheit. Und voller Gnade. Da erscheinen wir nicht als die, als die wir dastehen wollten: Tolle Helden, leistungsstark und vollkommen. Das sind wir ja auch nicht. Niemand weiß das besser, als wir selbst. Gott weiß es auch. Im Licht des Kinds von Bethlehem, selbst klein und unscheinbar, erscheinen wir als die Menschen, die er liebt. Die er mag, so sehr sogar, dass er selbst in die Dunkelheit hineinkommt, um uns das Licht des Lebens zu geben. Es geht nicht um unsere Leistung. Wir können uns das Leben weder erarbeiten noch verdienen. Gott selbst ist das Leben, das uns leuchtet in Jesus Christus. Er schenkt sich uns, umsonst, in diesem Kind. Er macht uns selbst zu seinen Kindern.</p>
<p>Stellt euch Wahrheit und Gnade wie zwei Seiten einer Münze vor: Erst zusammen ergeben sie Wert. Oder wie Licht und Wärme: Wahrheit ist das Licht, das alles sichtbar macht, und Gnade ist die Wärme, die uns umhüllt, damit wir uns in diesem Licht nicht schämen müssen.</p>
<p>Gott sieht mich mit all meinen Schwächen und sagt trotzdem: &quot;Ich mag dich. Ich bin bei dir. Du bist mein Kind.&quot;</p>
<p>Nicht jedem wird gefallen, was da ans Licht kommt. Manche schauen schnell weg. Andere wünschen sich das weiche Licht der weißen Weihnacht im Kerzenschein zurück. Noch andere würden am liebsten das Licht ausknipsen, um nichts von alldem mehr sehen zu müssen. Man kann ganz unterschiedlich reagieren auf dieses Bild von der Welt im Licht von Bethlehem.</p>
<p>Am Besten aber geht das so:</p>
<p>Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben.</p>
<p>Wer ihn anschaut und die Welt und sich selbst in seinem Licht sieht, der kann sein Leben (<em>sein</em>Leben, in jedem Sinn des Wortes) Leben in der Zuversicht eines geliebten Gotteskinds leben. Der muss sich nicht mehr zweifelnd durch eine Welt voller Schatten tasten. Der muss sich nicht mehr fragen, wie alle anderen ihn sehen. Ob das auch gut aussieht und glänzt. Der muss sich nicht mehr selbst ins rechte Licht zu rücken versuchen.</p>
<p>Wer sich auf ihn verlässt, der kann ehrlich zu sich selbst zu sein: Ich gestehe mir ein, wo ich gescheitert bin, wo ich Angst habe oder wo ich andere enttäuscht habe. Aber ich verdamme mich nicht dafür – weil Gottes Gnade größer ist als unser Versagen.</p>
<p>Wer sich auf Christus verlässt, der kann anderen die Wahrheit sagen – nicht, um sie bloßzustellen, sondern um ihnen zu helfen. Selbst geliebt und begnadet, kann ich auch anderen Gnade schenken, wenn sie Fehler machen, weil alle von Gottes Gnade leben.</p>
<p>Wer sich auf Christus verlässt, der kann Streit beilegen--nicht nur auf dem eigenen Standpunkt bestehen, sondern zugeben, wo ich selbst falsch liege. Und dem anderen die Möglichkeit geben, einen neuen Anfang zu machen.</p>
<p>Wer sich auf Christus verlässt, der wird die Wahrheit über Ungerechtigkeit in der Welt nicht ignorieren – aber gleichzeitig aktiv werden, um mit Liebe und Barmherzigkeit zu handeln.</p>
<p>Wer sich auf ihn verlässt, dem leuchtet das wahre Licht. In diesem Licht verblasst alles Unwichtige und es scheint auf, wer du wirklich bist: Gottes geliebtes, begnadetes, mit Christus beschenktes Kind.</p>
<p>Da kommt nicht nur Weihnachten, sondern Leben ans Licht.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Im Licht von Weihnachten zeigt sich die Welt ohne Weichzeichner und Puderzucker. In Christus leuchtet das eine, wahre Licht alles aus. Wir alle, auch ich, kommen schonungslos ans Licht als die, die wir sind: Gottes geliebte Kinder.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Die Welt und ich -- ohne Puderzucker</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>He has come</title>
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        <pubDate>Tue, 24 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn Weihnachten wirklich das Fest von Liebe, Freude und Frieden ist, dann ist Weihnachten in Gefahr! Jetzt kann nur noch Gott uns retten.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade und Frieden mit euch von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn.</p>
<p>Zum heutigen Heiligen Abend lesen wir Worte des Propheten Jesaja:</p>
<blockquote>
<p>Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth. (Jesaja 9,1-6)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Weihnachten ist in Gefahr! So sagt man mir mir jedenfalls. Oder so ist zumindest der Eindruck, den man gewinnen kann, wenn man die amerikanisch geprägten Weihnachts-Familienfilme der letzten Jahre anschaut. Da geht es dann meistens um &quot;Santa Claus&quot;, den amerikanischen Weihnachtsmann, der langsam auch bei uns immer mehr Anhänger gewinnt. Santa, der ziemlich rundliche, rot-weiß gekleidete ältere Mann mit langem weißen Bart, so sagt man, wohnt am Nordpol, wo er mit seinen Elfen das ganze Jahr über fleißig Spielzeuge herstellt, um all die Kinderwünsche an Weihnachten zu erfüllen. In der Weihnachtsnacht fliegt er dann mit seinem Rentierschlitten rund um die Welt, dringt über die Kamine in die Häuser ein, verzehrt bereitgestellte Milch und Kekse und hinterlässt jedem artigen Kind das sehnlich erwünschte Geschenk. Am Morgen des ersten Weihnachtstags leuchten dann die Kinderaugen, wenn sie entdecken, was Santa ihnen diesmal beschert hat. Soweit die kitschig-romantische, heile Welt der Santa-Erzählung.</p>
<p>Natürlich kann man mit heiler Welt allein keine spannenden Filme machen. Deshalb gibt es in jedem der Weihnachtsfilme ein Problem: Weihnachten ist in Gefahr! Aus irgendeinem Grund kann die Bescherung voraussichtlich in diesem Jahr nicht stattfinden und Millionen von Kindern und Erwachsenen rund um die Welt werden leer ausgehen. Die Gründe sind ganz unterschiedlich: Der Schlitten hat eine Panne. In der Spielzeugfabrik der Elfen gibt es einen Streik. Santa hatte einen Unfall oder ist einfach über das Jahr zu dick für die vielen Kamine geworden. Oder er hat keine Lust mehr. Oder der Weihnachtsdiamant (was immer das sein soll) schmilzt, weil die Liebe auf der Welt abnimmt und damit ist Santas Magie am schwinden. Immer abstruser werden die Anlässe, die die Filmemacher sich einfallen lassen, um dann ihre jeweiligen Helden auf den Weg zu schicken, um &quot;Weihnachten zu retten.&quot; Denn, das haben alle Filme gemeinsam, ein Ausbleiben der Bescherung wäre nicht nur etwas Verzicht in dieser konsumorientierten Welt. Nein, hinter Weihnachten und den Geschenken -- das ahnt man zumindest noch, steht doch der &quot;Spirit of Christmas&quot;, die weihnachtliche Gesinnung. Irgendetwas mit Frieden, Freude und Liebe jedenfalls. Weihnachten, das ist dieser magische Moment, wenn zumindest für einen Tag Ruhe auf der Welt einkehrt, Friede in die Herzen einkehrt, Familien zusammenfinden und alle sich liebhaben. Und das kann nur stattfinden, wenn Santa brav seine Runden dreht. Weihnachten muss also um jeden Preis gerettet werden.</p>
<p>Nun haben wir, spätestens jetzt nach der Lesung des Weihnachtsevangeliums, ja den Verdacht, dass die Feier von Weihnachten nichts mit einem dicken Mann vom Nordpol zu tun hat, sondern mit dem, was sich vor fast 2.000 Jahren in Bethlehem in Judäa zugetragen hat. Gott selbst wird ein Kind und kommt in Jesus zur Welt. Er erniedrigt sich, liegt in einer Krippe und das Wunder von Weihnachten ist größer und erstaunlicher als es sich je jemand hätte ausmalen können. Die Engel besuchen die Hirten auf dem Feld und singen &quot;Gloria&quot; und verkündigen große Freude, die allem Volk widerfahren ist. Und Friede auf Erden. Und es wird Stille Nacht, wo sich Maria und Josef und Ochs und Esel und Hirten und Weise vor dem Kindlein auf Heu und auf Stroh beugen. Friede auf Erden. Da haben wir ihn wieder, den &quot;Spirit of Christmas&quot;, den &quot;Geist der Weihnacht&quot;, die weihnachtliche Gesinnung. Alles gut. Das können wir heute Abend doch feiern, besinnlich unter unseren Weihnachtsbäumen, bei Kerzenlicht und Weihnachtsessen und vielen schönen Geschenken. Gloria.</p>
<p>Willkommen in der Realität!</p>
<p>Ihr Lieben,</p>
<p>Wenn es das ist, worum es an Weihnachten geht, dann haben die amerikanischen Filmemacher recht: Weihnachten ist in Gefahr! In ganz ernster Gefahr! Möglicherweise muss es dieses Jahr dann sogar ausfallen, das Fest der Liebe und der großen Freude. Denn der &quot;Spirit of Christmas&quot; hat ganz offensichtlich versagt. Das merkt jeder, der das Risiko auf sich nimmt, aus all der Weihnachtsbesinnlichkeit einmal einen Blick nach draußen in die Realität zu werfen:</p>
<p>Wo ist denn der Friede auf Erden? Wo ist er, wenn es auf dieser Welt immer noch zahlreiche Kriege gibt? Wenn Bomben im Nahen Osten und in der Ukraine fallen? Wenn die Weltmächte und auch die Kleinen wieder aufrüsten, mit Doppel-Wums und Atomrakete, mit Worten und mit Waffen? Wenn Menschen in Europa Weihnachten im Schutzraum verbringen? Wenn ein paar Tage vor Weihnachten in Magdeburg ein Auto in fröhlich feiernde Menschen rast? Wo ist der Weihnachtsfriede, wenn rechte Parteien und braune Parolen in Deutschland zweistellige Umfrageergebnisse erzielen? Wo ist der Weihnachtsfriede, wenn sich Menschen auch im Kleinen streiten, wenn sich Familien entzweien, und Ehepartner sich prügeln und Kinder missbraucht werden? Wo ist der Weihnachtsfriede, wenn heute Abend und morgen und am zweiten Weihnachtstag gespannte Atmosphäre herrscht, wenn sich Verwandte begegnen, die den Rest des Jahres froh sind, sich nicht sehen zu müssen? Wo ist er denn, der Weihnachtsfriede? Jesaja meint, Soldatenstiefel und Uniformen würden abgeschafft und verbrannt, es würde abgerüstet auf dieser Welt, im Großen wie im Kleinen. Aber davon sehen wir sehr wenig.</p>
<p>Und der Prophet redet von Freude, vom Feiern und miteinander Teilen, vom Jubel, wenn jeder etwas abbekommt. Da frage ich, wo ist denn diese Freude? Wo ist die Freude, wenn die Armen der Welt immer ärmer und die Reichen immer reicher werden--rund um den Globus und auch bei uns hier im Land. Wenn es weltweit immer noch viel zu viele Sklaven gibt, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen, damit es anderen gut geht? Wenn Frauen und Männer und sogar Kinder sexuell ausgebeutet werden? Wenn es auch hierzulande heute, am 24. Dezember, wieder Menschen gibt, die schon seit ein paar Tagen nicht mehr wissen, wie sie den Rest des Monats überstehen sollen, weil das Geld schon wieder zu Ende ist? Wo ist dann diese Freude? Und wo ist die Freude, wenn heute Abend am Weihnachtsbaum Menschen sitzen, deren Herz blutet, weil sie einen lieben Menschen verloren haben und trotz all der Lichterketten und Kerzen nur die große Leere in ihrem Herzen und in ihrem Leben sehen? Wo ist dann die Freude? &quot;Du weckst lauten Jubel&quot;, sagt Jesaja. Nur können da eben viele nicht mitjubeln.</p>
<p>Vom Volk, das im Finstern sitzt, redet Jesaja. Und immer noch bedeckt so viel Finsternis diese Erde, unsere Welt, oft auch unser ganz persönliches Leben. Wird es da jemals licht werden? Wird es da jemals Weihnachten geben, mit Freude, und Liebe, und Frieden auf Erden?</p>
<p>Alles das sind Fragen des Advents. Fragen aus der Wartezeit, in der auch Jesaja lebte. Fragen, die geboren werden aus der unendlichen Sehnsucht aller Menschen nach eben diesem &quot;Spirit of Christmas&quot;, nach Liebe und Freude und Frieden, und sei es nur für einen Tag. Und je länger das Warten dauert, desto größer wird die Sehnsucht.</p>
<p>Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus, stecken wir am Ende fest im Advent? Wird das Warten gar kein Ende haben? Weihnachten ist in erheblicher Gefahr!</p>
<p>&quot;O come, o come Emmanuel&quot; -- &quot;O komm, o komm, Immanuel&quot; singt der Gospelchor in dem Adventsgottesdienst, in dem ich mit meiner Familie sitze. Uralte Worte der Sehnsucht, geboren aus den Texten eben dieses Propheten Jesaja. &quot;Komm, Immanuel&quot;, das heißt &quot;Gott mit uns.&quot; Ja, komm, Immanuel. Gott, sei mit uns! Dann würde endlich alles anders. Die Sehnsucht wird zu einem Ur-Seufzer der ganzen Menschheit:</p>
<blockquote>
<p>O komm, o komm, Immanuel,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Mach frei Dein armes Israel!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>In hartem Elend liegt es hier,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>In Tränen seufzt es auf zu Dir.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bald kommt dein Heil: Immanuel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Frohlock und jauchze Israel!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O komm, o komm, Du Licht der Welt,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das alle Finsternis erhellt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O komm und führ aus Trug und Wahn</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dein Israel auf rechte Bahn.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bald kommt dein Heil: Immanuel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Frohlock und jauchze Israel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O komm, o komm, Du Himmelskind,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Das aller Welt das Heil gewinnt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dein Israel seufzt tief in Schuld,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O bring ihm Deines Vaters Huld.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bald kommt dein Heil: Immanuel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Frohlock und jauchze Israel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O komm, o komm, Du Gottessohn,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Zur Erde steig vom Himmelsthron!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gott, Herr und Heiland, tritt hervor,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>O komm schließ auf des Himmels Tor.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Bald kommt dein Heil: Immanuel.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Frohlock und jauchze Israel.</p>
</blockquote>
<p>Advent. Sehnsucht. Wer kann uns jetzt noch helfen? Wer macht, dass es wirklich geschieht, was wir Menschen einfach nicht schaffen: dass es Liebe gibt, und Freude, und Friede auf Erden?</p>
<p>Und dann stockt mir plötzlich der Atem. Mitten in diesem typischen Adventsgottesdienst, mitten in einem bekannten Mitsinglied, da stimmt der Chor plötzlich einen Gegenvers an, den ich an dieser Stelle noch nie gehört habe:</p>
<p>He has come. -- Er ist gekommen.</p>
<p>He has come. -- Er ist gekommen.</p>
<p>He has come. -- Er ist gekommen.</p>
<p>He has come. Das ist Perfekt, vollendete Vergangenheit. Er ist schon gekommen. Keine Zukunftsmusik mehr. Vollendete Vergangenheit.</p>
<p>He has come. Gott hat unser Schreien gehört.</p>
<p>He has come. Gott hat eine Antwort.</p>
<p>He has come. Gott kommt selbst.</p>
<blockquote>
<p>Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.</p>
</blockquote>
<p>He has come. Er ist gekommen. Er selbst. Als Kind. Damit hat keiner gerechnet. Klein und arm, und nicht als ein weiterer Mächtiger, der in den Konflikten der Welt eben nochmal alle Mächtigen übertrumpft und sich selbst an die Spitze setzt. Auch nicht besser als alle anderen. Nur stärker halt. Nein, er schenkt sich &quot;elend, arm und bloß in einem Krippelein&quot;. Er stellt sich an die Seite der Schwachen, der Ohnmächtigen, der Leidenden, Verfolgten und Trauernden. An die Seite derer, die keinen Grund zur Freude haben. Die unter dem fehlenden Frieden leiden. Und die Liebe, die sie hier nicht erfahren, die erzeigt er selbst ihnen in Jesus Christus, seinem Sohn.</p>
<p>He has come. Er ist gekommen. So ganz anders, als wir es dachten. Und doch genau der Richtige: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.</p>
<p>Ein wundersamer Ratgeber für diese ratlose Menschheit, mit ihren Krisen und Kriegen und Kämpfen und so oft ohne Lösungen und Auswege. Ein Wunder-Rat weiß weiter. Und er ist gekommen.</p>
<p>Ein ewiger Vater für die verlassenen, verwundeten Menschen, deren inneres Kind einsam und verängstigt in der Ecke hockt und sich nicht weiterwagt. Ein Ewig-Vater nimmt sie in seinen Arm. Und er ist gekommen.</p>
<p>Ein Friedensbringer für all die Spaltungen und für jeden Streit und jede gespannte Beziehung, die großen und die kleinen. Ein Friede-Fürst baut Brücken über unsere Gräben und sprengt unsere Grenzzäune und -mauern. Und er ist gekommen.</p>
<p>Ein Gott-Held, der das macht, was alle unsere Möchtegernhelden nicht schaffen: Er rettet, was verloren ist. Uns. Und unser Weihnachten, auf dass es hell werde in der Dunkelheit und Friede auf Erden. Und wir uns endlich freuen können. Genau der <em>ist gekommen</em>.</p>
<p>Vollendete Vergangenheit. Die Antwort, die Lösung, die Rettung ist da. Ist. Kein Warten mehr nötig.</p>
<p>Kein Warten mehr nötig? Na ja, es hat ja niemand einen Schalter umgelegt, damals in Bethlehem, der auf einen Schlag alle Dunkelheit verschwinden lässt und alles in das helle Licht von Gottes Friede, Freude und Liebe taucht. Das Dunkel ist ja immer noch da, auch heute, 2024. Doch seine Ankunft zeigt uns: Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort. Sein Licht ist da, auch wenn es manchmal nur wie ein kleiner Stern am Horizont scheint. Dieses Licht ist der Anfang einer neuen Wirklichkeit, die Gott in unsere Welt gebracht hat – eine Hoffnung, die uns trägt.</p>
<p>Der, der gekommen ist, lässt uns nicht mit unseren Fragen allein. Seine Ankunft bedeutet, dass die Dunkelheit nicht das letzte Wort hat. Sein Licht scheint – und es ist stärker als jede Nacht. <strong>He has come</strong>, damit wir Hoffnung haben, eine Hoffnung, die trägt, gerade dann, wenn das Leben schwer wird.</p>
<p>Hoffnung heißt nicht, dass alles sofort gut ist. Aber sie heißt: Gott selbst ist mitten in unserer Dunkelheit. Wenn wir ihn einladen, kann er auch in unserem Leben etwas Neues anfangen. Seine Herrschaft, von der Jesaja spricht, ist kein ferner Traum. Sie beginnt in jedem Herzen, das ihn als &quot;Wunder-Rat&quot; und &quot;Friede-Fürst&quot; annimmt. Er schenkt uns nicht nur eine Zukunft, sondern er schenkt uns auch jetzt schon einen Grund, mutig und froh zu sein, weil sein Licht unseren Weg erhellt, auch wenn wir ihn noch nicht ganz sehen.</p>
<p>Weihnachten ist die Zusage: Gott geht mit uns durch jede Nacht, durch jeden Schmerz, durch jede Herausforderung. Und weil er bei uns ist, können wir die Hoffnung nicht verlieren. Denn diese Hoffnung macht stark. Sie gibt uns Kraft, weiterzugehen, die Hände auszustrecken, Brücken zu bauen, und daran zu glauben, dass der Friede, den er bringt, Wirklichkeit wird – Stück für Stück, durch uns und mit uns.</p>
<p>Niemand kann rückgängig machen, was damals begonnen hat. &quot;Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.&quot; Gott selbst ist gekommen, hinein in die Dunkelheit und er hat uns nie wieder verlassen. Und wer ihm heute, am 24. Dezember, und morgen, am Weihnachtsfest, und überhaupt an jedem anderen Tag, sein Herz öffnet, der erlebt, wie Weihnachten genau dort, bei uns, anfängt.</p>
<p>Unsere Hoffnung ist keine Vertröstung. Sie fordert uns auf, Teil von Gottes Werk zu sein. Wenn wir Brücken bauen, wo andere Mauern errichten wollen; wenn wir Liebe zeigen, wo Hass überwiegt; wenn wir teilen, was wir haben, dann wird das Licht heller – in uns und um uns herum. Weihnachten fängt dort an, wo wir dieser Hoffnung Raum geben, mitten in der Dunkelheit.</p>
<p>Jochen Klepper bringt es ganz gut auf den Punkt:</p>
<blockquote>
<p>Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.</p>
</blockquote>
<p>Er ist gekommen. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter. Oder, wie der Engel sagte: &quot;Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.&quot; Lasst uns diese Hoffnung und diese Freude, lasst uns ihn selbst mitnehmen in unser Fest, unsere Herzen und unsere Welt. Deshalb, und genau so: Frohe Weihnachten!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn Weihnachten wirklich das Fest von Liebe, Freude und Frieden ist, dann ist Weihnachten in Gefahr! Jetzt kann nur noch Gott uns retten.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Rettung aus dem Advent</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Wie soll das möglich sein?</title>
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        <pubDate>Sun, 22 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>&quot;Wie soll denn das möglich sein?&quot; Vielleicht sind wir alle ein wenig Maria, wenn das Leben uns vor überfordernde Herausforderungen stellt. Dann sollten wir dringend auf diesen Engel hören...</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>26 Elisabet war im sechsten Monat schwanger. Da schickte Gott den Engel Gabriel zu einer Jungfrau in die Stadt Nazaret in Galiläa. 27 Sie war mit einem Mann verlobt, der Josef hieß und ein Nachkomme Davids war. Die Jungfrau hieß Maria. 28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: »Sei gegrüßt! Gott hat dir seine Gnade geschenkt. Der Herr ist mit dir.« 29 Maria erschrak über diese Worte und fragte sich: »Was hat dieser Gruß zu bedeuten?« 30 Da sagte der Engel zu ihr: »Fürchte dich nicht, Maria. Gott schenkt dir seine Gnade: 31 Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Er ist zu Großem bestimmt und wird ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vorfahren David geben. 33 Er wird für immer als König herrschen über die Nachkommen Jakobs. Seine Herrschaft wird niemals aufhören.« 34 Da sagte Maria zu dem Engel: »Wie soll das möglich sein? Ich habe doch noch nie mit einem Mann geschlafen!« 35 Der Engel antwortete: »Der Heilige Geist wird auf dich kommen. Die Kraft des Höchsten wird dieses Wunder in dir bewirken. Deshalb wird das Kind, das du erwartest, heilig sein und ›Sohn Gottes‹ genannt werden. 36 Sieh doch: Auch Elisabet, deine Verwandte, erwartet einen Sohn trotz ihres hohen Alters. Sie ist jetzt im sechsten Monat schwanger, und dabei hieß es: Sie kann keine Kinder bekommen. 37 Für Gott ist nichts unmöglich.« 38 Da sagte Maria: »Ich diene dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.« Da verließ sie der Engel. (Lukas 1,26-38)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.&quot;</p>
<p>Maria hat nie eine Geburtstagskarte mit so einem Spruch bekommen. Stattdessen bekam sie Besuch von einem Engel. Der kommt nicht als Wunschfee, um ihr eine glückliche Zukunft zu bringen. Im Gegenteil: Dieses einmalige Erlebnis, um das viele andere viel geben würden, wirft ihr ganzes Leben durcheinander. Am Ende ist kein Stein mehr auf dem anderen.</p>
<p>»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er ist zu Großem bestimmt und wird ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. «</p>
<p>Irgendjemand dachte sicher, das sei eine gute Nachricht. Für Maria bricht gerade eine Welt zusammen. Ihr kleines, überschaubares Leben im kleinen Dörfchen Nazareth, gibt es nicht mehr. Gerade eben noch war das alles ziemlich vorhersagbar: Noch wenige Monate, dann würde die Teenagerin den Mann heiraten, den ihre Eltern schon lange für sie ausgewählt hatten. Ihre Mutter hat sie darauf vorbereitet: Eine eigene Familie. Kinder bekommen. An Josefs Seite sein. Arbeit gibt es ziemlich viel in der kleinlandwirtschaftlichen Dorfgesellschaft. Aber man hält zusammen und hilft sich gegenseitig. Maria sollte Teil einer neuen Familie werden--Teil von Josefs Familie. Im Haus seiner Eltern würde sie mit einziehen. Gemeinsam mit seinen Geschwistern und deren Partner:innen und Kindern dort wohnen. Die Familie kannte sie sicher schon gut. Auch die zukünftigen Schwiegereltern. Und natürlich Josef. Der war ja Teil von ihrem kleinen Dorf. Da kannte jeder jeden. Und jeder konnte sich ausmalen, was für ein Paar die beiden abgeben würden. Nur einen Steinwurf von Nazareth entfernt baute König Herodes eine nagelneue Stadt--mit Schulen, Schwimmbädern, Theatern und allen Annehmlichkeiten der damaligen Welt. Für Bauarbeiter wie Josef gab es dort viel Arbeit. Ein gesichertes Auskommen. Soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Eine hoffnungsvolle Zukunft.</p>
<p>Als der Engel fertig ist, gibt es das alles nicht mehr.</p>
<p>»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er ist zu Großem bestimmt ... Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vorfahren David geben. Er wird für immer als König herrschen...«</p>
<p>Gott greift in die Geschichte ein. Gott wird ein Teil des Ganzen. Einer von uns. Sein Reich trifft unsere Realität.</p>
<p>Wie Maria wohl all die steilen Sätze von Weihnachten gehört haben würde?</p>
<p>»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er ist zu Großem bestimmt...«</p>
<p>Was macht eine vielleicht Zwölf, Dreizehnjährige -- damals das heiratsfähige Alter für Mädchen -- mit so einem Anspruch? Mit so einer Zumutung?</p>
<p>»Wie soll das möglich sein?«</p>
<p>»Wie soll denn das gehen? Ich habe doch noch nie mit einem Mann geschlafen!«</p>
<p>Wie soll denn das gehen?</p>
<p>Die unendliche Überforderung spricht aus diesem jungen Mädchen. Wie soll denn das funktionieren? Wie soll denn ich das schaffen? Wie kann man den mir mit so einer Ansage kommen?</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Sind wir nicht alle ein wenig Maria?</p>
<p>Wenn du in der Schule oder im Studium mit Aufgaben überhäuft wirst, ständig Prüfungen schreibst und von dem neuen Stoff nur die Hälfte verstehst...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn das Kind zahnt und du die dritte Nacht in Folge kaum geschlafen hast...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn die To-Do-Liste viel länger ist, als der Tag Stunden hat...</p>
<p>Wenn dich der Spagat zwischen Familie, Karriere und gesellschaftlichen Verpflichtungen schier auseinanderreißt...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn die Mutter plötzlich zum Pflegefall wird und jetzt mit versorgt werden muss...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn das Konto überzogen und der Monat erst zur Hälfte um ist...</p>
<p>Wenn du mit 50 deinen Job verlierst und die Aussichten äußerst schlecht sind...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn du merkst, wie du selbst älter wirst, wenn nicht mehr alles so funktioniert, wie früher, aber die Erwartungen (auch an dich selbst) noch die gleichen sind...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn die Gesundheit nachlässt und du keine Ahnung hast, wie lange du das alles noch durchhalten kannst...</p>
<p>Wenn du bei all der Veränderung und all den neuen Dingen überhaupt nicht mehr durchblickst?</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn der Partner, die Partnerin stirbt und du plötzlich alleine bist...</p>
<p>Wenn die Besuche immer weniger werden und du das Gefühl hast, nicht mehr gebraucht zu werden...</p>
<p>Wenn dir die Einsamkeit schier das Herz zerreißt...</p>
<p>Wie soll das möglich sein?</p>
<p>Wenn du merkst, sie haben recht, die dir sagen, du kannst nicht mehr alleine zu Hause leben...</p>
<p>Wenn du das geliebte Heim gegen einen Platz im Seniorenzentrum tauschen sollst... Im Alter noch einmal völlig neu beginnen...</p>
<p>WIe soll das möglich sein?</p>
<p>Sind wir nicht alle ein wenig Maria?</p>
<p>Dann sollten wir dringend auch auf diesen Engel hören. Der bringt nämlich die Antworten gleich mit.</p>
<p>&quot;Fürchte dich nicht&quot;, sagt der Engel. Das ist nicht nur Engel-Slang für &quot;Hallo&quot;, auch wenn das die Engel irgendwie ständig sagen. Es ist einfach das, was wir hören müssen. &quot;Fürchte dich nicht.&quot; Hab keine Angst! Fasse Mut! Lass dich von dem, was vor dir liegt, nicht überwältigen. Es gibt keinen Grund, davor zu zittern. Gott ist ja bei dir. Das müssen wir regelmäßig neu hören.</p>
<p>Mir hat das noch kein Engel gesagt. Aber gehört haben wir es alle schon. Schon bei der Taufe, ganz am Anfang, war das Gottes Zuspruch. &quot;Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.&quot; Mit anderen Worten: Du kannst dein Leben zuversichtlich leben: Ich, Gott, habe alles Wichtige schon für dich getan. Ich vergesse dich nicht. Ich sehe dich. Ich kenne dich ganz genau. Ich spreche dich persönlich an: Du gehörst zu mir. Ich bin immer an deiner Seite. Es gibt keinen Grund zur Angst.</p>
<p>Und wenn dir dann doch die Knie weich werden, dann schau auf Gott. Schau auf Christus. &quot;In der Welt, da habt ihr Angst&quot;, sagt der. &quot;Aber: Seid getrost. Ich habe die Welt besiegt.&quot;</p>
<p>Fürchte dich nicht, Maria!</p>
<p>&quot;Gott schenkt dir seine Gnade&quot;, sagt der Engel. Das ist die beste Nachricht für die, die nicht immer alles auf die Reihe bekommen. Also für mich, zum Beispiel. Für dich vielleicht auch. &quot;Gott schenkt dir seine Gnade.&quot; Wenn wir in der Kirche über &quot;Gnade&quot; reden, solltest du da immer Gottes unverdiente Zuwendung heraushören. &quot;Unverdient&quot; ist hier das Schlüsselwort. Bei Gott musst du kein Superheld sein, um geliebt, begleitet und gehalten zu werden. Du musst nicht erst alles richtig machen, alles perfekt hinbekommen. Du musst nicht besonders heilig sein, oder besonders fromm oder besonders mutig. Was Gottes Bote einem Teenager-Mädchen aus Galiläa sagt, das sagt er durch Christus auch zu uns: Ich mag dich nicht erst, wenn du irgendeine Leistung bringst. Meine Liebe, meine Zuwendung, meine Begleitung in deinem Leben, die ist ein Geschenk. Bedingungslos. Erwartungslos. Gratis. Einfach so. Ich mag dich. Das kann dir keiner nehmen.</p>
<p>Wenn du das nächste mal am Boden zerstört bist, dann schau in den Spiegel. Richte dich auf. Brust raus, Bauch rein. Schultern gerade, Kopf hoch. &quot;Gott mag mich.&quot; Das ist doch was!</p>
<p>Gott schenkt dir seine Gnade, Maria!</p>
<p>&quot;Der Heilige Geist soll auf dich kommen&quot;, sagt der Engel. Davon hat Maria sicher schon gehört. Von den großen Helden der Geschichte Israels erzählt man sich das. Von Mose und Elia. Von Propheten und von Königen. Menschen, die Gott sich erwählte, um durch sie an allen zu handeln--denen gab er seinen Geist. Kraft und Zurüstung für das, was zu tun war. &quot;Der Heilige Geist soll auf dich kommen&quot;, sagt der Engel zu einem einfachen Mädchen. Gott lässt dich nicht allein in dieser Sache. Er ist selbst mit dabei. Um dich. In dir. Er gibt dir Kraft und Leitung. Er schenkt Weisheit und Mut zum nächsten Schritt. Du kannst das nicht alleine? Alleine musst du gar nichts tun! Vertrau auf ihn! Er ist dabei!</p>
<p>Wenige Jahre später gibt Gott seinen Geist allen, die auf ihn vertrauen. Die Gemeinschaft der Geist-begleiteten nennen wir seit diesem Pfingstfest &quot;Kirche&quot;. Wir selbst sind Teil davon. Gott lebt in uns durch seinen Geist. Er beschenkt uns mit Weisheit und Mut, mit Kraft und Fähigkeiten, er wirkt in, an und durch uns. Es ist doch nicht nur ein nettes Liedchen, wenn wir jetzt wieder singen: &quot;Sein heil'ger Geist uns führ und leit den Weg zur ew'gen Seligkeit...&quot; Wir sind nicht allein. Vertrau auf ihn! Er ist dabei!</p>
<p>Der Heilige Geist soll auf dich kommen, Maria.</p>
<p>&quot;Für Gott ist nichts unmöglich&quot;, sagt der Engel. Er lenkt den Blick weg von dem Spiegel, aus dem ein kleines, verängstigtes Mädchen schaut. &quot;Wie soll das möglich sein?&quot; Er lenkt den Blick hin zu dem, von dem das alles kommt. Hin zu dem, der hier am Wirken ist. Hin zu dem, der Gnade, Mut, Kraft und Be-geisterung versprochen hat. Kleines Mädchen--großer Gott. Kleine Fähigkeiten--großer Gott. Kleine Hoffnung--großer Gott. Egal, was du in deinem Spiegel siehst--Gott macht das kein Stückchen kleiner. &quot;Für Gott ist nichts unmöglich&quot;, sagt der Engel. Vertrau auf ihn, an deiner Seite!</p>
<p>Du hast einen großen Gott, Maria.</p>
<p>Sind wir nicht alle ein wenig Maria?</p>
<p>Dann hört doch mit ihr auf den Engel!</p>
<p>&quot;Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.&quot;, sagt der nicht. Und trotzdem bekomme ich ein wenig den Eindruck er könnte für Hallmark (oder besser für Kawohl) Karten schreiben. Sind das nicht genauso leere Sprüche? Seichte Durchhalteparolen, wenn es nichts Greifbares gibt, auf das man sich verlassen kann. Fürchte dich nicht? Gott schenkt dir seine Gnade? Der Heilige Geist soll auf dich kommen? Für Gott ist nichts unmöglich?</p>
<p>Echt jetzt?</p>
<p>Was besseres ist dir nicht eingefallen?</p>
<p>Sind wir nicht alle ein wenig Maria?</p>
<p>Nein, sind wir nicht!</p>
<p>Und genau in dem, was Maria von uns unterscheidet, liegt die Lösung des Ganzen. In ihrem Bauch wächst nämlich nach dem &quot;englischen&quot; Besuch ein Kind. Und was für eines!</p>
<p>»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er ist zu Großem bestimmt und wird ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vorfahren David geben. Er wird für immer als König herrschen über die Nachkommen Jakobs. Seine Herrschaft wird niemals aufhören.«</p>
<p>In diesem Kind bricht Gottes Herrschaft an auf dieser Welt--über all die Dinge, die uns fragen lassen: &quot;Wie soll das möglich sein?&quot;</p>
<p>In diesem Kind kommt Gott selbst ins Bild. Er tritt an unsere Seite.</p>
<p>Er selbst ist es, der uns sagt, &quot;Fürchte dich nicht.&quot; und er selbst ist der Grund, warum wir keine Angst mehr haben brauchen. Schau auf Jesus, schau auf dieses Kind, und du siehst, wie Gott selbst der Finsternis, dem Bösen und dem Tod die Stirn bietet--und sie besiegt!</p>
<p>Dieses Kind ist die Gnade, die Gott uns unverdient schenkt. Er gibt sich selbst. Komplett. Rückhaltlos. Er ist bereit, alles auf sich zu nehmen um unseretwillen. Wer Jesus, dieses Kind, sieht, weiß, dass Gottes Wille, zu mir zu halten, keine Grenzen kennt.</p>
<p>Dieses Kind ist der, der durch Gottes Geist in uns wohnt: &quot;Christus in uns, die Hoffnung der Herrlichkeit!&quot; (nach Kolosser 1,27-28). Er wurde nicht nur vor langer Zeit geboren, irgendwo weit weg in Bethlehem. Wenn heute noch einmal Advent ist, dann um dich daran zu erinnern: Gott kommt auch zu dir. Christus ist Teil deines Lebens. Und er hat längst zu dir gesagt: &quot;Du bist mein.&quot;</p>
<p>Dieses Kind ist das Zeichen, dass für Gott wirklich nichts unmöglich ist. Durch ihn, durch Jesus, macht Gott alles möglich: Leben, echtes Leben, sein ewiges Leben, für uns--und wir mit ihm, für immer.</p>
<p>Dieses Kind ändert alles.</p>
<p>Für Maria. Und für uns auch.</p>
<p>Vielleicht sind wir also doch ein wenig Maria.</p>
<p>Das wäre gut, denn die kann sich am Ende überschwänglich freuen. Ihr Gebet ist kein frommes Gelaber, kein seichter Wortfetzen wie &quot;lebe deinen Traum&quot;. Es zeugt davon, dass Gott echt und ehrlich unendliche Freude und Hoffnung schenkt. Vielleicht können wir ja heute mitbeten? Das wäre tatsächlich möglich!</p>
<blockquote>
<p>Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;... Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>&quot;Wie soll denn das möglich sein?&quot; Vielleicht sind wir alle ein wenig Maria, wenn das Leben uns vor überfordernde Herausforderungen stellt. Dann sollten wir dringend auf diesen Engel hören...</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Sind wir nicht alle ein wenig Maria?</itunes:subtitle>
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        <title>...kommt das Christuskind</title>
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        <pubDate>Sun, 15 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Alle Jahre wieder... kommt das Christuskind? Wirklich? Und wenn ja, wie sieht das aus? Könnte daraus dieses Jahr sogar ein ganz besonderes Weihnachtswunder werden?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, 6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. 8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; 9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« 10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« 11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!« 12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.« 13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,4-13)</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus. Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand.</p>
</blockquote>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Quatsch, habe ich früher immer gedacht. Wer singt denn so etwas? Schließlich ist es genau einmal gekommen, das Christuskind und das war ein ganz besonderer Moment, den wir bis heute feiern. Seit Wochen schon bereiten wir uns darauf vor, auf dieses große Fest. Mit dem Kind im Stall von Bethlehem begann das &quot;Christusereignis&quot;, so die Theolog:innen, dieser einmalige, alles verändernde Moment, in dem Gott selbst in die Geschichte der Welt nicht nur eingreift--nein, sondern: hineinsteigt. Selbst Teil davon wird. Auf ganz unerwartete Art, nämlich als Mensch. Als einer von uns.</p>
<p>&quot;Vor 2.000 Jahren kam das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.&quot; So müsste der Text ja eigentlich lauten. Und seither hat sich alles verändert. Seither leben wir Christ:innen aus Gottes neuer Realität, die Teil der unseren geworden ist. Sein Reich, &quot;nahe herbeigekommen&quot;, nennt Jesus selbst das und besiegelt den Anbruch dieses so anderen Gottesreichs durch seinen Tod und seine Auferstehung. Das, worauf sich unser Glaube gründet. Das, was uns Trost und Hoffnung gibt. Das, worauf wir uns im Leben und Sterben stützen können.</p>
<p>Aber so singen wir ja nicht...</p>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Martin Luther hat es groß gemacht, dieses Kind von Bethlehem, im Gegensatz zu dem übermächtig gefeierten Sankt Nikolaus seiner Zeit. &quot;Vom Himmel hoch, da komm ich her&quot;, ließ er den Engel die Weihnachtsgeschichte für seine Kinder singen. Und seither bringt das Christkind an Weihnachten die Geschenke, weil sich Gott in diesem Kind ja selbst schenkt und das alles übertrifft, was irgendwelche Heiligen zu bieten haben. Seither kommt alle Jahre das Christuskind, in ganz traditionell geprägten Familien sogar noch ins abgeschlossene Weihnachtszimmer, bis das Glöckchen klingelt und die Kinder zur Bescherung kommen dürfen--zur Bewunderung dessen, was es mitgebracht hat. Kein Wunder, dass das &quot;Christkindl&quot; vor Weihnachten ganz viel Post mit Wünschen bekommt.</p>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auch zu uns aufgeklärten Erwachsenen, die ja längst kapiert haben, dass die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum von ganz anderen Personen abgelegt werden. Alle Jahre wieder stehen Pfarrer:innen auf den Kanzeln landauf, landab und erklären allen, die es immer noch nicht gehört haben, dass Advent &quot;Ankunft&quot; bedeutet, seine Ankunft nämlich, des Jesuskinds von Bethlehem. Dass er nämlich nicht nur gekommen <em>ist</em>, damals, als kleines Windelkind im Stall, und kommen <em>wird</em>, an seinem Tag, in der Fülle des ewigen Gottesreichs, sondern, nein, dass er eben auch jetzt &quot;ankommt&quot;: Hier und heute, zu uns. Wo wir ihm unsere Herzen aufmachen. Querverweis: &quot;Mein Herze soll dir grünen&quot; vom ersten Advent, im Internet immer noch nachzuhören.</p>
<p>Wo wir das ernst nehmen, da kommt ja tatsächlich alle Jahre wieder -- vielleicht sogar: alle Tage wieder -- der Kind gewordene Christus genau dahin &quot;wo wir Menschen sind&quot;, steht uns zur Seite, leitet auf allen Wegen und kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus. Wo wir das ernst nehmen und &quot;Ankunft&quot; tatsächlich passiert, da passieren auch Geduld, Trost, Hoffnung, Freude und Frieden im Glauben, die Paulus in seinem Brieftext verspricht. Da passiert ja von neuem, an uns, was in diesem Christus geschehen ist, dass nämlich die Verheißungen Gottes sich an ihm bestätigen. Dass aus der &quot;Wurzel&quot; der alten Geschichten von Gottes Handeln an Israel etwas aufblüht, wofür ihn alle Völker loben können. Dass sich der ganze Reichtum der Hoffnung entfaltet.</p>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Wer das verstehen will, der muss zurückschauen auf den Christus, der damals gekommen ist. Unerwartet. Weltbewegend. Menschennah. Wer es dort sieht, das Kind, in der Krippe, zwischen Tieren, herbergslosen Eltern und seltsamen Hirtengestalten, umhüllt vom wunderbaren Duft von Stroh und frisch gefüllten Windeln, dem erst entfaltet sich nämlich das ganze Wunder. Dort an der Krippe erst lässt sich nämlich begreifen, dass dieser Christus--Gottes Gesalbter, Gesandter, &quot;Messias&quot;, &quot;Immanuel&quot;, &quot;Gott mit uns&quot;--tatsächlich bereit ist, in wirklich <em>jedes</em> Haus einzukehren mit seinem Segen.</p>
<p>Wer's immer noch nicht glaubt, der möge sich in wenigen Tagen bei der Christvesper einmal umsehen in der Kirche. Da wird er entdecken, dass der Christus zu denen kommt, die vor Aufregung beim Krippenspiel fast umkippen. Und zu denen, die in der vorletzten Reihe gelangweilt gähnen. Er kommt zu quengelnden Kindern und zu schwerhörigen Älteren. Er kommt zu den Konfis, die heimlich zwischen den Knien auf dem Handy zocken. Er kommt zu denen, die sonst nie kommen und keine Ahnung haben, wie man sich in der Kirche benimmt. Er kommt zu den hochkulturierten, die das alles viel zu banal finden. Er kommt zu den Orgelliebhabern und denen, die lieber Hip Hop hören. Er kommt zu denen, die mit glitzernden Augen das erste Mal die Weihnachtsgeschichte hören. Und zu denen, die jeden Vers schon auswendig kennen. Er kommt zu denen, die am liebsten bei jeder Strophe von ‚O du fröhliche‘ mitsingen würden. Und zu denen, die währenddessen schon heimlich ans Abendessen denken. Er kommt zu denen, die sich in der festlichen Stille eine Träne aus den Augen wischen. Und zu denen, die nur hier sind, weil sie überredet wurden. Er kommt zu denen, die sich in der letzten Bank drücken, weil sie Angst haben, jemand könnte sie ansprechen. Und zu denen, die strahlend durch die Reihen laufen und allen frohe Weihnachten wünschen.</p>
<p>Und wenn du die alle entdeckt hast, dann hast du noch immer nur einen Bruchteil gesehen. Denn der Gott-mit-uns kommt ja nicht nur in die Kirche. Er will doch gerade mit seinem Segen in jedes Haus einkehren. Deshalb ist er auch gerade bei denen, die du an Weihnachten nicht in der Kirche triffst. Bei denen, die mit dem Glauben längst nichts mehr anfangen können. Bei denen, die noch gar nie glauben konnten. Bei denen, die es körperlich nicht mehr schaffen, in die Kirche zu kommen. Bei denen, die an Weihnachten allein sind und am liebsten gar nicht dran denken wollen, damit ihnen das Herz nicht vollends bricht. Der Gott-mit-uns kommt doch auch für die die arbeiten müssen, während andere feiern. Für die, die in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder auf der Straße sind. Für die, die an ihren verlorenen Träumen festhalten und nicht wissen, wie sie weiterleben sollen. Für die, die gestritten haben und sich nicht trauen, den ersten Schritt zur Versöhnung zu machen. Für die, die weit weg von ihren Lieben sind, sei es wegen der Arbeit, eines Streits oder eines ganzen Ozeans dazwischen. Und für deine muslimischen Nachbarn. Der Gott-mit-uns kommt für die, die nicht glauben, dass es für sie noch Hoffnung gibt. Für die, die mehr Angst vor dem neuen Jahr haben als Freude. Er kommt auch für die, die ihn längst vergessen haben. Der Gott-mit-uns kennt keine Grenzen, keine Mauern, keinen Ausschluss. Er kommt. Für uns alle.</p>
<p>Wo er einzieht, mit seinem Segen, da finden sich Geduld, Trost, Hoffnung, Freude und Frieden im Glauben unterm Tannenbaum. Wäre das nicht ein wunderbares Weihnachten?</p>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Man erzählt, dass es 1914, in diesem furchtbaren ersten Winter des ersten Weltkriegs, auch in die Stellungen der festgefahrenen Westfront kam. Spontan bildete sich ein nicht genehmigter Waffenstillstand. Soldaten von allen Seiten kamen aus ihren Schützengräben. Briten und Deutsche umarmten sich, statt zu schießen. Geschenke wurden getauscht. Weihnachtslieder gesungen. Es gab sogar gemeinsame Fußballspiele. Man nimmt heute an, dass über 100.000 Soldaten daran teilnahmen.</p>
<p>Wenn ich das lese, muss ich seufzen. Diesen Weihnachtsfrieden--und nicht nur für eine Nacht--würde ich mir für heute wünschen. Für die Ukraine und Russland. Für Israel, Gaza und Libanon. Für Syrien. Für zerstrittene Familien. Für zerbrochene Freundschaften. Für politische Gegner. Für unversöhnliche Unterschiede. Für die in unserer Kirche, die um den Verlust dessen bangen, was sie beim Lesen der Bibel erkennen und für die, die seufzen, weil gleichgeschlechtliche Paare immer noch nicht getraut werden können.</p>
<p>Geduld, Trost, Hoffnung, Freude und Frieden im Glauben.</p>
<p>O, dass das mehr wäre als ein frommer Traum!</p>
<p>&quot;Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.&quot;, ist das Gebet des Paulus (und auch meines). O dass das Christuskind mit diesem Wunder bei uns einziehe!</p>
<p>Paulus wird gleich ganz konkret: &quot;Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.&quot;</p>
<p>Das Wunder soll bei uns beginnen. Wir könnten zum Zeichen des ankommenden Gott-mit-uns werden. An uns könnte man sehen, dass dieser Traum eine Wirklichkeit wird. Wir könnten auch hier die Hände und Füße, die offenen Arme und die offenen Herzen des kommenden Christuskinds sein.</p>
<p>Was, wenn wir damit heute begännen? Wenn wir uns annähmen, so wie er, ohne Grenzen oder Ausschlusskriterien? Wenn wir im anderen den Christus entdeckten, trotz aller Unterschiede. Könnten nicht genau da Geduld und Trost, Hoffnung, Freude und Frieden blühen?</p>
<p>Nach all den Jahren wieder könnte das Christuskind gerade dieses Jahr noch einmal ganz besonders zu uns kommen. Mit seinem Segen einkehren, nicht nur da, wo es unserer Vorstellung entspricht, sondern durch uns wirklich in jedes Haus. Und wer weiß, wie anders unsere Wege dann verliefen, wenn er uns mitnimmt auf seine Wege, gemeinsam, versöhnt in ihm und unterwegs in seine Richtung, &quot;mit uns ein und aus&quot;.</p>
<p>Wenn das kein Weihnachtswunder wäre...</p>
<p>Alle Jahre wieder kommt das Christuskind...</p>
<p>Ja, komm, der Heiden Heiland.</p>
<p>Komm, o komm, du Morgenstern.</p>
<p>Komm, o mein Heiland, Jesus Christ. Meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein. Dein Freundlichkeit auch uns erschein.</p>
<p>Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Alle Jahre wieder... kommt das Christuskind? Wirklich? Und wenn ja, wie sieht das aus? Könnte daraus dieses Jahr sogar ein ganz besonderes Weihnachtswunder werden?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Alle Jahre wieder Hoffnung (und ein Weihnachtswunder)</itunes:subtitle>
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        <title>Da ist euer Gott!</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/da-ist-euer-gott/</link>
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        <pubDate>Sun, 08 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wo die Hände müde werden und die Knie weich, wo das Herz schwer wird, da braucht es Zuspruch. Da zeigen wir auf Gott, der bei uns ist. Das macht uns Hoffnung, die wir ins Dunkle malen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 35. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen:</p>
</blockquote>
<p>Ja, was sagt man denen denn? Was sagt man Menschen, die sich von der Arbeit, von Familienpflichten, von den Erwartungen der anderen um sie herum völlig ausgelaugt fühlen? Was sagt man denen, die sich verausgaben, quasi Tag und Nacht, für die anderen und die selbst gleich nicht mehr können? Was sagt man den jungen Müttern, denen der Schlaf fehlt? Den Selbständigen, die die Nachtschichten nicht mehr zählen können und sich trotzdem Sorgen um die Zukunft machen müssen? Den Schüler:innen und Studierenden, auf die jede Woche neue Deadlines, neue Abgaben und Prüfungen zukommen? Was sagt man denen, die kranke Angehörige pflegen und sich selbst dabei aufreiben. Was sagt man denen, die ihr Leben lang geschafft haben und sich das Leben anders gar nicht vorstellen können? Was sagt man denen mit schmerzenden Gliedern, mit verspannten Muskeln, mit Sodbrennen und Magengeschwüren?</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Was sagt man denen, die nicht mehr standhaft sind? Die sich fühlen, als würde der Boden unter ihnen weggezogen? Was sagt man Menschen mit ungewissen Zukunftsperspektiven? Was sagt man Menschen mit finanziellen Sorgen? Oder denen, die nicht mehr gerne nach Hause gehen, weil es dort Spannungen und Probleme gibt? Was sagt man Menschen, die sich völlig überfordert fühlen von allem, was sich so rasant zu verändern scheint? Was sagt man denen, denen die politische Lage, die Kriege in der Ukraine und anderswo, der Klimawandel oder die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz den Schlaf rauben?</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Also denen, die von Schicksalschlägen entmutigt wurden. Die jemand verloren haben durch Tod, Trennung oder schwere Krankheit. Die ahnen, dass sie nicht mehr lange zu Hause wohnen können. Was sagt man denen, die die Last der Sorgen beinahe erdrückt? Denen, die keine Hoffnung mehr haben? Denen, die jeden Spruch schon gehört haben und nur noch bitter lachen können?</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Was denn?</p>
<p>Habt ihr einen guten Satz für mich?</p>
<p>...</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Seid getrost!</p>
<p>Gestern Vormittag war ich mit Pia zwei Stunden in der Tailfinger Kirche, um an der Technik dort zu arbeiten. Es war kalt. Sehr kalt. Am Ende war vor allem Pia durchgefroren. Zu Hause haben wir uns erst einmal aufs Sofa gesetzt. Es gab heißen Apfeltee und eine weiche Decke. Ich habe den Arm um Pia gelegt und sie hat sich ganz fest an mich gekuschelt. Da war es wohlig warm. Und ich wusste wieder, was &quot;getrost&quot; heißt: Ein sicherer Ort. Ein liebender Arm um mich. Geborgenheit. Wärme. Vertrauen. Geliebt sein. Getragen.</p>
<p>&quot;Getrost&quot; weiß ich auch in schweren Zeiten, dass Gott mich trägt, wie er es mir schon in der Taufe versprochen hat. &quot;Getrost&quot; kann ich auch in Herausforderungen auf Gott vertrauen. &quot;Getrost&quot; kann ich auch zweifelnd Entscheidungen treffen, weil ich weiß, Gott geht meine Schritte mit mir. &quot;Getrost&quot; verliere ich auch im Leid nicht die Hoffnung, weil Gottes Versprechen nie vergessen sind. &quot;Getrost&quot; kann ich auch neue, unbekannte Wege gehen.</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Seid getrost!</p>
<p>Fürchtet euch nicht!</p>
<p>Aber, aber, aber...</p>
<p>Meine Hände... meine Knie... Mein Herz...</p>
<p>Seid getrost! Fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Seht! Schaut hin! Macht die Augen auf und entdeckt: Es gibt Grund zur Hoffnung!</p>
<p>Er ist der Grund der Hoffnung: Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Im Advent zeigen wir auf ihn, der zu uns kommt.</p>
<p>Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>An Weihnachten zeigen wir auf ihn, der einer von uns geworden ist. Ganz nahe. Ganz nahbar. Ein Kind, in der Krippe. Einer von uns. Mit uns. &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wir zeigen auf ihn, der die Hoffnung sichtbar werden lässt, als er selbst eintritt in alles das, was uns die Hände müde macht und die Knie zittrig und das Herz verzagt. &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Am Karfreitag zeigen wir auf ihn, der dort am Kreuz hängt. Keine Not der ganzen Welt ist so groß, dass sie ihn von uns fernhalten könnte. Er schreckt vor nichts zurück. Seine Liebe geht in alles hinein. Restlos. Grenzenlos. Selbst in Sterben und Tod, in die große Dunkelheit, die am Ende lauert. Sie ist nie ohne ihn. Er ist auch da, gerade da. &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>An Ostern zeigen wir auf ihn, der das alles überwunden hat. Alles besiegt. Der selbst dem Tod den Stachel nimmt. Der Leben schenkt, neues, echtes Leben. An Ostern lachen wir der Dunkelheit ins Gesicht. Das Böse, das unsere Herzen quält, hat verloren. Aus! Vorbei! Ein neues Zeitalter ist angebrochen an diesem leeren Grab am Ostermorgen. An Ostern zeigen wir auf ihn, der uns entgegen kommt aus Gottes neuer Welt -- aus seinem Reich, das in ihm zu uns gekommen ist. Nach Ostern wird die Welt nie wieder dieselbe sein. Sein Licht leuchtet, das keiner ausblasen oder ausknipsen kann. &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wir, die wir Hoffnung haben, sehen sein Licht überall aufblitzen. Wir entdecken ihn nicht nur in den großen, alten Geschichten seines Handelns an uns durch Jesus Christus. Wir entdecken ihn auch immer wieder neu in ganz vielen kleinen Dingen, an allen Ecken unserer Welt. &quot;Ubi caritas, deus ibi est.&quot; Wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott. Da zeigen wir hin.</p>
<p>Wo ein alter Mensch liebevolle Pflege erfährt: Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wo ein Nachbar seiner Nachbarin den Rasen mäht: Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wo ganz viele zur Beerdigung kommen, um ihre Anteilnahme zu zeigen und es trotz Trauer ganz warm ums Herz wird: Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wo ein ehrliches Gespräch Spannungen zwischen Menschen ausräumt: Seht, da ist euer Gott!</p>
<p>Wo jemand ein offenes Ohr für all das Belastende findet, über das man mit sonst niemand reden konnte: Seht da ist unser Gott!</p>
<p>Wo dir jemand eine deiner vielen Aufgaben abnimmt: Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Wo man sich Vergangenes vergibt und wieder Raum für Freundschaft ist: Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Wenn an einem trüben Dezembermorgen die Sonne wieder aufgeht; wenn im Winterdunkel die Sterne über dir leuchten; wenn du an bei grauen Nieselwetter durch's Autofenster einen Regenbogen entdeckst, der dir plötzlich wie ein Lächeln des Himmels erscheint: Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Wenn du dich auf dem Sofa warm an jemand kuscheln kannst: Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Wenn dir morgens schon jemand die Kaffeemaschine eingeschaltet hat: Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Er ist ganz oft in den kleinen Dingen--in Gesten der Liebe und Güte. Er ist ganz oft in den Dingen, die uns zusammenbringen. Wenn wir singen--nicht nur, aber auch abends im Advent.</p>
<p>Er ist sogar (man höre und staune) in der Kirche. In den Liedern, den Gebeten, im Hören auf sein Wort, im gemeinsamen Abendmahl entdecken wir ihn und wir zeigen darauf.</p>
<p>Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Er ist nicht weg. Er ist nicht ferne. Er hat uns nicht vergessen. Wir sind ihm nicht egal. Er bleibt uns nicht verborgen. Er zieht sich nicht zurück.</p>
<p>Er ist ganz nahe. Mitten unter uns: &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, da ist unser Gott!</p>
<p>Also:</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Seid getrost!</p>
<p>Fürchtet euch nicht!</p>
<p>Und dann redet von der Hoffnung. Was wir hier im Kleinen sehen, ist ja nur eine Vorahnung, nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was Gott wirklich aus Kälte und Dunkelheit machen kann. Wie diese zwei Kerzen jetzt schon vom Lichterglanz der Weihnacht künden. Erzählt von dem, was auf uns zukommt. Sagt ihnen: Es gibt Grund zur Hoffnung. Es gibt Grund, getrost zu sein. Es gibt Grund sich nicht zu fürchten. Ihr glaubt nämlich gar nicht, was noch geschehen wird...</p>
<p>Redet davon, in bunten Bildern, wie Jesaja, der dick aufgetragene Hoffnung ins Dunkle malt.</p>
<blockquote>
<p>5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. 8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. 10 Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,5-10)</p>
</blockquote>
<p>Malt weiter an diesen Bildern. Tragt dick auf, denn die Hoffnung, die wir haben, vermag kein Pinselstrich der Welt zu fassen.</p>
<p>Dann werden die Einsamen Freunde finden, und die Verlassenen werden Geborgenheit spüren.</p>
<p>Dann werden die Kranken neue Kraft schöpfen, und die Pflegebedürftigen werden liebevoll umsorgt sein.</p>
<p>Dann werden hungrige Kinder satt werden, und die Durstigen werden an klaren Quellen trinken.</p>
<p>Dann werden Menschen in Konflikten einander die Hand reichen, und zerbrochene Beziehungen werden heilen.</p>
<p>Dann wird das Lachen der Kinder die Straßen erfüllen, und niemand wird mehr Angst haben müssen.</p>
<p>Dann werden die Vertriebenen Heimat finden, und die Heimatlosen ein Dach über dem Kopf haben.</p>
<p>Dann wird es genug für alle geben, und niemand wird mehr in Not leben.</p>
<p>Dann werden Wälder wieder wachsen, und die Luft wird frisch und rein sein.</p>
<p>Dann wird Frieden herrschen zwischen den Nationen, und Waffen werden zu Werkzeugen des Lebens umgeschmiedet.</p>
<p>Dann wird die Schöpfung aufatmen, und die Wüsten werden blühen.</p>
<p>Dann brauchen wir keine Frauenhäuser mehr, und niemand muss sich zu Hause mehr fürchten.</p>
<p>Dann werden die Schulen Orte des Lernens und Lachens sein, und kein Kind wird mehr Mobbing erleben.</p>
<p>Dann wird niemand mehr von Krieg oder Gewalt fliehen müssen, und alle werden in Sicherheit leben.</p>
<p>Dann werden die Alten nicht mehr einsam sterben, sondern von liebevollen Händen begleitet.</p>
<p>Dann wird kein Mensch mehr unter Armut leiden, und alle werden Zugang zu Bildung und Arbeit haben.</p>
<p>Dann werden keine Menschen mehr im Mittelmeer ertrinken, und niemand wird gezwungen sein, seine Heimat zu verlassen.</p>
<p>Dann wird die Erde frei sein von Plastik in den Ozeanen, und Tiere werden nicht mehr an unserem Müll sterben.</p>
<p>Dann werden keine Jugendlichen mehr an Drogen oder Gewalt zugrunde gehen, und alle werden eine Zukunft haben.</p>
<p>Dann wird niemand mehr hungern, und die Ernten werden allen genug bringen.</p>
<p>Dann werden Krankenhäuser heilende Orte sein, und keine Krankheit wird unheilbar bleiben.</p>
<p>Dann wird niemand mehr ohne Dach über dem Kopf leben, und alle werden ein Zuhause haben.</p>
<p>Dann wird es keinen Menschenhandel mehr geben, und jede Frau, jedes Kind und jeder Mann wird in Würde leben.</p>
<p>Dann werden die Straßen sicher sein, und niemand wird mehr Angst vor Überfällen oder Gewalt haben.</p>
<p>Dann werden Wälder und Tiere geschützt sein, und die Schöpfung wird sich erneuern.</p>
<p>Dann wird niemand mehr wegen seiner Hautfarbe, Religion, seiner Herkunft oder Sexualität benachteiligt, und alle werden gleichberechtigt sein.</p>
<p>Dann wird keine Familie mehr an Schulden zerbrechen, und niemand wird in Existenzängsten leben.</p>
<p>Dann wird die Welt frei von Atomwaffen sein, und keine Regierung wird mehr Krieg führen.</p>
<p>Dann wird jeder Mensch Zugang zu sauberem Wasser haben, und kein Kind wird mehr an verschmutztem Wasser sterben.</p>
<p>Dann wird die Angst vor der nächsten Pandemie verschwinden, und medizinische Versorgung wird überall gerecht verteilt sein.</p>
<p>Dann wird niemand mehr in einer Fabrik wie ein Sklave schuften müssen, und jede Arbeit wird gerecht entlohnt.</p>
<p>Dann wird man die Friedhöfe zu Parkanlagen machen und niemand wird je mehr weinend an einem Grab stehen.</p>
<p>Dann werden wir Grenzzäune niederreißen und an großen Tafeln gemeinsam zu Abend essen.</p>
<p>Dann...</p>
<p>Was ist deine Hoffnung? Was ist dein Traum vom Reich des Friedens Gottes?</p>
<p>Träum davon. Erzähl davon. Hoffe darauf. Lass die Farben dieser Bilder in die Dunkelheit hineinleuchten.</p>
<p>Denn: Auch wenn das Zukunft ist--sie kommt. Gewiss. Weil er kommt.</p>
<p>Er, auf den wir zeigen.</p>
<p>Stärkt die müden Hände.</p>
<p>Macht fest die wankenden Knie.</p>
<p>Sagt den verzagten Herzen...</p>
<p>Seid getrost!</p>
<p>Fürchtet euch nicht!</p>
<p>Habt Hoffnung, hier und jetzt.</p>
<p>Auf ihn: &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns.</p>
<p>Seht, hier ist euer Gott!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wo die Hände müde werden und die Knie weich, wo das Herz schwer wird, da braucht es Zuspruch. Da zeigen wir auf Gott, der bei uns ist. Das macht uns Hoffnung, die wir ins Dunkle malen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung ins Dunkle malen</itunes:subtitle>
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        <title>Mein Herze soll dir grünen</title>
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        <pubDate>Sun, 01 Dec 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Advent, sagen sie, heißt &quot;Ankunft&quot;. Der Friedenskönig kommt. Zu mir. Kommt er wirklich? Und wenn er kommt: Wie empfange ich ihn? Ob da ein paar grüne Zweige reichen...?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?</p>
</blockquote>
<p>Da brennt sie, die erste Adventskerze. Die anderen sind noch aus. Mein Herz sehnt sich nach ihrem Licht in dieser dunklen Jahreszeit. Ich kann es kaum noch erwarten. So geht es uns, glaube ich, allen. Deshalb duftet es ja überall auch schon nach Zimt und Plätzchen, deshalb feiern wir die ersten Weihnachtsmärkte schon vor dem ersten Advent und das Gebäck zum Fest kaufen wir heimlich schon seit September im Laden. Das Warten fällt uns schwer. Mir auch.</p>
<p>Nun hat sie wenigstens endlich begonnen, die Adventszeit. Wir können endlich wieder die vertrauten Lieder singen. (Ist ja einfach komisch, wenn man das im April tut.) Wir sitzen hier und zünden die erste Kerze an. Und die Spannung steigt. War es heute das 2.357 Mal, dass man mir sagte, Advent heiße &quot;Ankunft&quot;. Deine Ankunft ist nahe. Wie soll ich dich empfangen?</p>
<p>Kommst du denn überhaupt? Ist das nicht alles eine alte Geschichte? Vor 2.000 Jahren, ja, da haben sie gewartet. Sie kannten ja nur Gottes Verheißungen, dass irgendwann einer kommen solle. Lang war die Zeit geworden. Jahrhunderte vergingen, ohne dass die Versprechen der Prophet:innen irgendwann wahr wurden. Viele haben schon gezweifelt. Und dann bist du gekommen. Ganz unerwartet. Anders, als alle es dachten. Ein Engel kam zu einer Teenagerin in einem vergessenen Dorf in Galiläa. Eine Schwangerschaft unter fragwürdigen Umständen. Eine Geburt in einer prekären Lage, ohne Zuhause, ohne Bett, ohne Wärme und Geborgenheit. Nur stinkende Schafe und Fremde, die die Ruhe stören. Flucht, noch kurz darauf. Aber: Du bist gekommen. Die, die dich gesehen haben, haben Gottes Herrlichkeit gesehen. &quot;Große Freude&quot; und &quot;Friede auf Erden&quot;. Die, die dabei waren, hat das für immer verändert.</p>
<p>Und jetzt? Kommst du denn überhaupt? &quot;Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird wiederkommen – genauso wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.&quot;, hat ein anderer Engel damals gesagt (Apg. 1,11). Seither wartet deine Kirche. 2.000 Jahre schon. Und wir könnten den Friedenskönig wirklich gebrauchen. Die Zeit wird uns lang. Kommst du denn?</p>
<p>Und jetzt? Was, wenn es noch einmal 2.000 Jahre dauert, bis du kommst? Wie wird denn mir Advent, hier, 2024 in Gäufelden?</p>
<p>Die Kerze brennt und flackert im Luftzug. Ich werde leise. Ich denke nach. Wie begegn' ich dir, o aller Welt Verlangen?</p>
<p>Kommst du nicht heute, zu Henri, den wir getauft haben, ganz persönlich? Du sprichst doch zu ihm. Du gibst ihm dein Versprechen. Ihr gehört zusammen, du und er. Für immer. Du bist gekommen. Du hast dich an seine Seite gestellt. Da bleibst du, das ist sicher. Bis ans Ende der Welt.</p>
<p>Bist du nicht auch zu mir gekommen? In der Taufe? Im Abendmahl, immer wieder? Aber auch da, wo ich dich gar nicht vermutet habe--oft gar nicht wahrgenommen? Du bist da, an meiner Seite, in guten wie in schlechten Tagen. Du sprichst mich an, durch dein Wort, im Evangelium, dieser unendlich guten Nachricht, dass Gott mir freundlich gewogen ist durch dich. Du begegnest mir in anderen Menschen. Viele davon sitzen heute hier. In unserer Gemeinschaft bist du gegenwärtig. Ich sehe dich im Lächeln von süßen Kindern wie Henri. Und wenn ich bereit bin, dich zu sehen, dann treffe ich dich auch gerade in den Menschen, bei denen ich das am wenigsten vermutet hätte.</p>
<p>Wie soll ich dich empfangen...</p>
<p>Vielleicht liegt dein &quot;Kommen&quot; zu mir ja gerade in dem, dass ich dich wahrnehme, der du doch immer bei mir bist. Dass ich innehalte. Mein Herz aufmache. Meine Ohren öffne für dein Reden. Meine Augen öffne für deine Gegenwart. Meine Sinne öffne für den Frieden, den du bringst. Ob es gar mir gilt, was wir immer wieder beten, beim Abendmahl: &quot;... wo du einkehrst, da kehrt Friede ein?&quot;</p>
<blockquote>
<p>Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?</p>
</blockquote>
<p>Ich schaue mich um, was andere tun. Mein Blick fällt auf die, die dir damals begegnet sind. Die, die dich ganz real als den Friedenskönig in ihrer Mitte aufgenommen haben. Ihre Erwartungen waren groß. Ihre Freude über dein Kommen auch...</p>
<p>Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin...</p>
<p>Das war ein Fest, als du, groß gewordenes Kind von Betlehem, erwartet wurdest in Jerusalem. Matthäus erzählt das so:</p>
<blockquote>
<p>1 Kurz vor Jerusalem kamen Jesus und seine Jünger nach Betfage am Ölberg. Da schickte Jesus zwei seiner Jünger voraus 2 und sagte zu ihnen: »Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Dort findet ihr gleich eine Eselin angebunden, zusammen mit ihrem Jungen. Bindet sie los und bringt sie mir. 3 Und wenn euch jemand fragt: ›Was soll das?‹, dann sagt: ›Der Herr braucht sie.‹ Dann wird er sie euch sofort geben.« 4 So ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten gesagt hat: 5 »Sagt zu der Tochter Zion: ›Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.‹« 6 Die Jünger gingen los und machten alles genau so, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte. 7 Sie brachten die Eselin und ihr Junges herbei und legten ihre Mäntel über sie. Jesus setzte sich darauf. 8 Die große Volksmenge breitete ihre Mäntel auf der Straße aus. Andere schnitten Palmzweige von den Bäumen ab und legten sie ebenfalls auf die Straße. 9 Die Volksmenge, die vor Jesus herging und ihm folgte, rief unablässig: »Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt! Hosianna in himmlischer Höhe!« 10 So zog Jesus in Jerusalem ein. Die ganze Stadt geriet in Aufregung. Die Leute fragten sich: »Wer ist er nur?« 11 Die Volksmenge sagte: »Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.« (Matthäus 21,1-11)</p>
</blockquote>
<p>Das mit den Eseln, das ist ihm wichtig, dem Erzähler. Das merkt man. Klar: Er kannte ja die alte Prophezeiung. Lange war es her, da hatte der Prophet Sacharja einen neuen Davidskönig in Israel vorhergesagt. Einen, dessen Königreich anders sein würde, als alles, was man kannte. Einen, der Frieden bringen würde und Gerechtigkeit für alle. &quot;Freundlich&quot; würde er sein. Zugewandt. Da für die Menschen. &quot;Freundlich, und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel.&quot; Die anderen dort, an diesem Tag, die kannten diese Worte auch. Sie sahen sie vor ihren Augen in Erfüllung gehen. Jetzt! Jetzt war er endlich da.</p>
<p>Sie konnten ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken. Es brach geradezu aus ihnen heraus! &quot;Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt!&quot; Gott ist gut, der das heute tut! Welch ein Tag! ... Und: &quot;Hosianna!&quot; &quot;hōschī‘āh nā’&quot; ist ein Psalmzitat (Ps. 118,25). &quot;Hilf doch!&quot; riefen die Menschen dir zu. Wenn du der Daviskönig bist, der Frieden bringt--dann jetzt! &quot;Hilf doch!&quot; Die jüdischen Ohren hörten ja die Anklänge auch in deinem Namen. Jesus. Jeschua. &quot;Gott hilft&quot;, heißt das ganz wörtlich.</p>
<p>So haben sie dich empfangen. Mit Lob und mit Vertrauen. Und mit Zweigen von den Bäumen...</p>
<blockquote>
<p>Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin...</p>
</blockquote>
<p>Mir scheint, es ist ihnen aufgefallen in diesem Moment, dass sie ja gar nicht vorbereitet waren. Wäre wirklich &quot;offiziell&quot; ein König eingezogen, dann hätte es eine Parade gegeben. Mit Palmzweigen hätte man ihm gewinkt, dem neuen Herrscher. Sie stehen mit leeren Händen hier. Schnell wird Abhilfe geschaffen. Wo es keinen roten Teppich gibt, da müssen die Kleider der Wartenden herhalten. Manche klettern schon auf die Bäume, um deren Zweige abzuhauen. Man muss ihn doch angemessen begrüßen, den der da kommt. Den Einen! Den von Gott gesandten. Den Friedenskönig, der alles verändern wird.</p>
<blockquote>
<p>Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?</p>
</blockquote>
<p>Ich habe den Verdacht, dass grüne Zweige allein es nicht tun werden--auch wenn wir sie noch so schön zu Adventskränzen binden. Du kommst. Zu uns. Zu mir. Wohl kaum, dass wir dir mit Reisig winken.</p>
<blockquote>
<p>Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?</p>
</blockquote>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<blockquote>
<p>Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.</p>
</blockquote>
<p>Lass mein Herz, mein Innerstes, mein Alles -- lass mein Leben den grünen Zweig sein, der dich willkommen heißt bei mir. Bei uns. Das klingt gut, wenn Paul Gerhardt es dichtet. Es klingt noch besser, wenn es konkret wird, hier bei mir.</p>
<p>So soll dieser Advent mein Empfang für dich werden, König Jesus, Friedefürst:</p>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<p>Ich will dir mein Herz aufmachen. Möchte mir bewusst sein, dass du da bist. Nicht nur am Adventssonntag im Gottesdienst. Nicht nur da, wo Kerzen brennen. Sondern gerade da, wo es dunkel ist. Da will ich dich immer wieder neu bei mir wissen, bei mir empfangen, will Gedanken und Sinne ausrichten auf dich. Im Vertrauen auf dich will ich meine Schritte gehen. Will dich wieder ganz kindlich für selbstverständlich nehmen, da, bei mir, einfach weil du es versprochen hast. So, wie ich es Henri wünsche, für die nächsten Jahre. Aus diesem Vertrauen, an deiner Hand, will ich diese Tage leben. Getrost. In deinem Frieden.</p>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<p>Vielleicht heißt das auch, mich erst einmal frei zu machen, von manchem, was mich belastet oder ablenkt von dir. Nicht umsonst war Advent früher eine Fastenzeit. Das kann ich mir heute, zwischen Weihnachtsmarkt und Backorgien, kaum vorstellen. Vielleicht kann es für mich dieses Jahr eine Zeit werden, in der ich loslasse. In der ich alte Verletzungen dir bringe und mich von dir heilen lasse. In der ich neu beginne--in Beziehungen zu anderen und zu mir selbst.</p>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<p>Ich will dir den Mund aufmachen. &quot;Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt!&quot; So stimme ich neu und von Herzen mit ein in die alten Lieder (und in die neuen auch). Ich nehme mir Zeit in diesen Adventstagen, dich zu loben, zu singen und zu erzählen von dem Guten, das du tust. Nicht nur in der beschaulichen Stille eines kerzenerleuchteten Kirchraums. Nein, auch und gerade im rauen Alltag, in der Begegnung mit anderen. Überall, wo der Friedenskönig neu &quot;einziehen&quot; muss, will ich reden von dir, von dem, auf den ich vertraue. Ich will die Hoffnung, die ich habe, mit anderen teilen, damit auch sie getrost werden, in deinem Frieden.</p>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<p>Ich will meine Arme öffnen für die, die eine Umarmung brauchen. Vielleicht besuche ich einen einsamen Menschen. Vielleicht lasse ich mich überzeugen, für einen guten Zweck etwas zu tun oder zu spenden. Vielleicht nehme ich mir einfach Zeit, jemandem zuzuhören. Vielleicht schaffe ich bewusst Raum für bedeutungsvolle Momente in meiner Familie. Vielleicht wird es auch dadurch &quot;grün&quot;, dass ich mir überlege, wie das Schenken und das Feiern nicht auf Kosten deiner guten Schöpfung geht--mit weniger Konsum. Vielleicht mit mehr Selbstgemachtem.</p>
<p>Mein Herz soll dir grünen.</p>
<p>Da bin ich ja nicht allein. Ich bin Teil einer Gemeinschaft von Menschen, die dich erwarten, dich empfangen, die sich an dir freuen, mit mir. Wie die eine Kerze den Weg frei macht für viele, so leuchtet das Licht deines Evangeliums an ganz vielen Stellen auf in unserem Advent. Wir sind verbunden und stärken uns miteinander an dem, was wir bei dir finden: Frieden. Zuversicht. Mut zum Leben. Zukunft. Mein grünendes Herz erinnert mich: Ich bin Teil einer Hoffnungsgemeinschaft. Das soll in mir wachsen und grünen in diesem Advent.</p>
<p>Mit grünendem Herzen, im Vertrauen auf dich und gemeinsam mit denen, die mit mir auf dich hoffen, will ich Teil werden, von denen, die dich freudig und lautstark grüßen. Lass Herz und Mund und Hände meine Zweige sein, mit denen ich denen zuwinke, die noch ohne diese Zuversicht sind. Wo &quot;Hosianna&quot;, &quot;hilf uns&quot;, noch der Ruf der Zeit ist, da lass mich, lass uns antworten von dem, was unser Herz ergrünen lässt:</p>
<blockquote>
<p>Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer, bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr; seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Advent, sagen sie, heißt &quot;Ankunft&quot;. Der Friedenskönig kommt. Zu mir. Kommt er wirklich? Und wenn er kommt: Wie empfange ich ihn? Ob da ein paar grüne Zweige reichen...?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Mein Empfang für den Friedenskönig</itunes:subtitle>
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        <title>Wie die Träumenden</title>
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        <pubDate>Sun, 24 Nov 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn mit einem Schlag alles anders ist... Wenn ein geliebter Mensch fehlt und durch nichts zu ersetzen ist... Wenn sie sagen, man müsse das akzeptieren und darüber hinwegkommen und nicht wissen, wie unmöglich das ist... dann lassen wir uns das Träumen nicht nehmen. Wir haben nämlich Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Mit einem Schlag ist alles anders.</p>
<p>Er ist weg. Und er wird nie wieder kommen.</p>
<p>Nie wieder wird man sein fröhliches Lachen hören beim Fest. Nie wieder wird er voller Begeisterung von seinen Plänen erzählen. Nie wieder wird er sie ansehen, mit seinen schönen Augen, in die sich damals verliebt hat und dann immer wieder neu, wenn er sie ansah. Nie wieder wird sie seufzend seine schmutzige Wäsche vom Boden aufräumen und sich fragen, wie oft sie das noch sagen muss, bis er es endlich kapiert. Was hat sie sich da schon geärgert! Und jetzt, jetzt würde sie alle dreckigen Socken der Welt mit Begeisterung aufheben, wenn sie ihn dafür noch einen Tag länger bei sich hätte. Nie wieder wird er zu spät von der Arbeit heimkommen, weil er sich unterwegs wieder mit seinem Freund Simon verquatscht hat. Was hat sie sich da schon aufgeregt und ihm vorgeworfen, mit hochrotem Kopf, andere seien wohl immer wichtiger als sie. Heute würde sie die ganze Nacht aufbleiben und auf ihn warten, wenn es sein müsste, wenn das nur heißen würde, er würde einmal noch zur Haustür hereinkommen und sie zur Begrüßung in seinen starken Arm nehmen.</p>
<p>Aber er kommt nicht mehr. Die Haustür bleibt zu. Manchmal lauscht sie noch, ob sich doch Schritte nähern. Meistens bildet sie sich das nur ein. Oder die Schritte gehen weiter. Vorbei. Und sie sitzt allein zu Hause.</p>
<p>Am Anfang kamen viele. Sie brachten Karten, schrieben Worte der Anteilnahme, sagten, so gut es eben ging: „Es tut mir leid.“ Weil doch jeder wusste, dass es nichts gab, was die Situation besser machen konnte. Andere blieben länger, hörten zu, hielten sie, halfen ihr durch die ersten dunklen Tage. So viel echte Zuwendung, so viel wahre Freundschaft hat sie nie zuvor erfahren.</p>
<p>Jetzt ist es ruhig geworden. Es kommen keine Karten mehr. Die anderen haben ja auch ihr Leben. Man nimmt sie mit, man lässt sie teilnehmen, wo sie es kann und möchte. Aber oft, ganz oft, ist sie alleine. Alleine mit ihren Tränen. Alleine mit ihrem Schmerz. Mit der Wut, die auch immer wieder hochkommt. Dieser blöde... Ja, wen konnte man dafür eigentlich verantwortlich machen? Dieser blöde Krieg! Dieser blöde König, der ihn angefangen hat. Diese blöde Welt, die so etwas nicht verhinderte.</p>
<p>Womit hat sie das verdient? Warum ausgerechnet ihr Mann? Warum musste es ausgerechnet ihr Leben in Stücke reißen? Warum wurde ausgerechnet ihre Zukunft brutal vernichtet? Alle ihre Träume mit Füßen getreten?</p>
<p>Dabei haben sie doch Pläne gehabt. Und Träume. Alt werden wollten sie miteinander. Sich an den Kindern freuen, wie sie ihren Weg im Leben finden. Ihnen zur Seite stehen, für sie da sein. Für die Enkel. Vielleicht sogar für die Urenkel. Sich zur Ruhe setzen, eines Tages. Die Früchte der Arbeit genießen. In Frieden den Lebensabend miteinander verbringen. War das etwa zu viel verlangt?</p>
<p>Natürlich haben sie gewusst, dass der Tag kommen könnte. Das wusste ja jeder, der nicht in einer Traumwelt lebte. Sie hatten geahnt, dass das Leben nicht ewig so weitergehen würde. Die Anzeichen waren ja da. Dieser blöde Krieg! Von Anfang an aussichtslos! Die Feinde viel zu mächtig. Täglich neue Nachrichten, dass die Front immer näher an die Heimat rückte. Berichte von anderen, die jemand kannten, der jemand kannte, der jetzt nicht mehr da war. Nicht immer wusste man, ob man das alles glauben konnte. Glauben wollte. So kann doch gar niemand...</p>
<p>Und dann waren sie auf einmal da, die feindlichen Soldaten. Kein bisschen Mitleid in ihrem Blick. Sie kamen und schnappten sich unbarmherzig jeden, der nach Feind aussah. Jeden, den sie erwischen konnten. Sie nahmen sie mit. Alle. Ohne auf irgendwelche Argumente zu hören. Ohne das weinende Flehen der Beraubten zu beachten. Alle. Mit. Weg. Weit weg. Und man wusste, was das hieß. Keiner war je zurückgekommen von denen, die sie mitnahmen. Keiner--in all den Jahren nicht!</p>
<p>Mit einem Schlag ist alles anders.</p>
<p>Er ist weg. Und er wird nie wieder kommen.</p>
<p>&quot;Man muss sich damit abfinden&quot;, sagen sie. Das Leben muss ja weitergehen. Auch ohne ihn. Man muss seinen Weg finden. Erinnern, ja. Trauern, ja. Das braucht es auch, und das braucht seine Zeit. Aber immer mit dem Blick nach vorne! Wenn du noch da bist, dann finde deinen Tritt im Leben neu.</p>
<p>&quot;So ein Blödsinn!&quot;, denkt sie. Als ob man sich mit dem Fehlen eines Menschen &quot;abfinden&quot; könne. Als ob das Loch nicht da wäre, dass sie täglich in sich spürt! Mitten drin. Als ob man das irgendwie stopfen könnte.</p>
<p>Natürlich wird es leichter mit der Zeit. Man stumpft irgendwie auch ab gegenüber dem pochenden Schmerz. Man spürt ihn nicht mehr die ganze Zeit. Am Anfang war das so. Jeden Tag. Ständig. Das ist weniger geworden. Jetzt gibt es manchmal ganze Tage, an denen sie nichts davon merkt. Aber dann, dann reicht wieder ein einziger Moment--und alles ist sofort wieder da. Neulich zum Beispiel, da hatte sie die Tür nicht richtig hinter sich zugemacht, als sie hinaus in den Garten ging. Und als sie sich umdrehte, und die Haustür einen Spalt offen stand, da durchzuckte es sie, er könnte zurückgekommen sein. Und im nächsten Augenblick war er da, wie eine eiskalte Dusche, wie ein herabstürzender Felsbrocken, der sie unter sich zu begraben drohte, dieser unendliche Schmerz, als ihr klar wurde, dass er nie wieder kommen würde.</p>
<p>Am Schlimmsten...</p>
<p>Am Schlimmsten sind die Festtage. Wie hat sie die früher geliebt. Wie haben sie miteinander gefeiert, gesungen, getanzt bis tief in die Nacht. Einmal im Jahr, da zogen alle miteinander hinauf nach Jerusalem, zum Tempel, zum wichtigsten Fest des Jahres. Jeder, der irgendwie konnte, kam mit. Sie waren immer ganz vorne dabei. Das war ein Lachen, ein Tanzen, eine Freude. Für einen Tag verlor die ganze Welt jeden Schatten, der irgendwo existierte. Jede Sorge wurde klein, wenn man sang und Gott lobte und es war, als wäre Friede, überall, den nichts trüben könnte.</p>
<p>Das Lachen ist ihr vergangen.</p>
<p>Wenn sie sich heute mitschleppen lässt, dann nur, um am Fest nicht allein zu sein, weil das noch schlimmer wäre. Dann schlurft sie ganz hinten in der Reihe. Manchmal muss sie sogar lächeln, wenn fröhliche Kinder an ihr vorbeirennen. Ein kleines bisschen Freude will sich breit machen--bis die Erinnerung an so viele eigene freudige Erlebnisse sie wieder daran denken lässt, dass das jetzt alles ein Ende hat. Die Festtage sind die schlimmsten.</p>
<p>&quot;Man muss es akzeptieren&quot;, meinen Sie. Weil man doch sowieso nichts machen kann. Weil die Welt eben ihre Grausamkeiten mit sich bringt. &quot;Man muss den Dingen ins Auge schauen&quot;, sagen die anderen. &quot;Man darf sich nicht in eine Traumwelt flüchten&quot;, warnen sie. Und sie meinen damit auch die alten Lieder, die sie beim Laufen immer noch mitsingt: &quot;Die auf den Herrn hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion.&quot; (Psalm 125,1)</p>
<p>Denn das Träumen, das wird sie sich nicht auch noch nehmen lassen.</p>
<p>Trotzig hält sie daran wenigstens fest. Mag ja sein, dass man nichts machen kann. Mag sein, dass man völlig machtlos ist. Mag sein, dass niemand hier ihn je zurückholen kann. Siehst du? Die Realität wird sie sicher nicht aus den Augen verlieren. Dazu ist die viel zu groß und grausam da.</p>
<p>Aber sie hat etwas gefunden, dass sie ihr entgegen setzt. Sie hält sich an Gott fest. Ist der nicht stärker? Ist der nicht größer als alles, als Könige, als Armeen, ja als Leben und Tod selbst?</p>
<p>Wir haben es letzten Sonntag mit den Worten von Paulus gehört: &quot;Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.&quot; (Römer 8,37-39)</p>
<p>Und so singt sie. Trotzig singt sie das Lied. Erst leise, mit Tränen in den Augen. Dann immer lauter. Hanna, die Freundin an ihrer Seite, die auch ihren Mann verloren hat, stimmt mit ein. Dann andere auch. Sie singen es aus ganzer Kehle. Sie singen gegen die ganze furchtbare Welt an. Sie singen es sich ins Herz hinein, dass es widerhallt in dem großen, schwarzen Loch in der Seele und dass es die Dunkelheit verdrängt. Mit Hoffnung. Hoffnung auf das, was ihnen keiner nehmen kann. Was mit Gott geschehen könnte...</p>
<blockquote>
<p>Ein Wallfahrtslied. Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der Herr hat Großes an ihnen getan! Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. (Psalm 126,1-6)</p>
</blockquote>
<p>So singen sie und sie träumen an gegen die Verzweiflung, die dem Leben alle Freude rauben will.</p>
<p>Wenn...</p>
<p>Wenn der Herr...</p>
<p>Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird.</p>
<p>Dann werden wir sein wie die Träumenden.</p>
<p>Mit einem Schlag ist alles anders.</p>
<p>Er ist weg. Und er wird nie wieder kommen.</p>
<p>So trotten zwei andere trübselig vor sich hin. Auch sie haben jemand verloren. Nicht den Mann, aber einen guten Freund. Den besten, den es je gab. Wie viel Freude hatten sie bei ihm gefunden. Echten Frieden entdeckt. Täglich neu überrascht von der Güte Gottes waren sie, wenn sie mit ihm unterwegs waren. Das ganze Leben schien plötzlich Sinn zu ergeben. Bei ihm gewannen sie echte Hoffnung.</p>
<p>Und dann kamen die Soldaten und nagelten ihn an ein Kreuz. Von weitem sahen sie zu, wie er qualvoll sein Leben ließ. Und ihre Hoffnung starb mit ihm. Mit den anderen schlossen sie sich ein. Angst und Verzweiflung waren alles, was ihnen geblieben war. Und der traurige Ausflug an ein geliehenes Grab.</p>
<p>Kennt ihr den? Kommt Josef von Arimathäa nach Hause und erzählt seiner Frau, dass er das Familiengrab zur Verfügung gestellt hat, um Jesus zu begraben. Die Frau ist entsetzt: So ein Grab ist doch wahnsinnig teuer! Nur wenige können sich so etwas leisten. Und er gibt es einfach her? &quot;Jetzt bleib doch ganz ruhig&quot;, sagt Josef zu seiner Frau. &quot;Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Es ist doch nur für ein Wochende.&quot;</p>
<p>Als sie am Sonntag morgen zum Grab gehen, finden sie ihn nicht. Stattdessen wartet ein Engel dort. &quot;Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier! Er ist auferstanden!&quot;</p>
<p>Mit einem Schlag ist alles anders.</p>
<p>Die Dunkelheit ist weg. Kein Schatten mehr. Nur Licht. Und Leben. Und ungläubiges Lachen. Und überwältigtes Staunen. Und: Hoffnung.</p>
<p>Er ist auferstanden.</p>
<p>Der Tod ist besiegt.</p>
<p>Ha!</p>
<p>Tod, wo ist jetzt dein Stachel?</p>
<p>Tod, wo ist jetzt dein Sieg?</p>
<p>Mit einem Schlag ist alles anders.</p>
<p>Und es wird nie wieder dasselbe sein. Denn wir haben Hoffnung. Und wir leben aus der Hoffnung.</p>
<p>Auch wenn uns oft das Herz noch traurig wird, wenn das Fehlen von lieben Menschen uns manchmal fast zerreißen will, wir geben die Hoffnung nicht auf.</p>
<p>Wir lassen uns das Träumen nicht nehmen.</p>
<p>Das Träumen von dem, der den Tod überwunden hat.</p>
<p>Das Träumen von dem, der auch uns und den Unseren Leben verspricht.</p>
<p>Wo hier alles dunkel scheint, da träumen wir gegen die Trostlosigkeit an.</p>
<p>Wo hier alles sinnlos scheint, da singen wir trotzig mit den Worten von damals, und wir schwelgen schon heute in der Freude auf das, was noch sein wird.</p>
<p>Wenn...</p>
<p>Wenn der Herr...</p>
<blockquote>
<p>Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der Herr hat Großes an ihnen getan! Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. (Psalm 126,1-6)</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn mit einem Schlag alles anders ist... Wenn ein geliebter Mensch fehlt und durch nichts zu ersetzen ist... Wenn sie sagen, man müsse das akzeptieren und darüber hinwegkommen und nicht wissen, wie unmöglich das ist... dann lassen wir uns das Träumen nicht nehmen. Wir haben nämlich Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Trotziges Singen in der Dunkelheit</itunes:subtitle>
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        <title>Weltgericht</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/weltgericht/</link>
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        <pubDate>Sun, 17 Nov 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>&quot;Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten&quot;. Das Reden vom Weltgericht erfüllt mich mit Unbehagen. Dabei kann ich getrost vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Das Weltgericht ist eine gute Nachricht!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>1 Nehmt gerade den Menschen an, der im Glauben unsicher ist! Streitet nicht mit ihm über eure unterschiedlichen Auffassungen! 2 Der eine glaubt, alles essen zu dürfen. Aber wer unsicher ist, isst nur noch Gemüse. 3 Wer alles isst, soll den nicht verachten, der nicht alles isst. Und wer nicht alles isst, soll den nicht verurteilen, der alles isst. Gott hat ihn doch angenommen. 4 Wer bist du denn, dass du den Diener eines anderen verurteilst? Es liegt allein im Ermessen seines Herrn, ob er mit seinem Tun besteht oder nicht. Aber er wird gewiss bestehen. Denn der Herr sorgt dafür, dass er es tut. 5 Der eine unterscheidet bestimmte Tage. Der andere macht zwischen den Tagen keinen Unterschied. Jeder soll fest zu seiner eigenen Auffassung stehen! 6 Wer einen bestimmten Tag besonders beachtet, tut dies, um den Herrn zu ehren. Wer alles isst, tut dies ebenso, um den Herrn zu ehren. Und er dankt Gott bei seinem Mahl. Wer nicht alles isst, tut das, um den Herrn zu ehren. Und auch er dankt Gott bei seinem Mahl. 7 Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. 8 Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn! 9 Denn dafür ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden: Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden. 10 Du Mensch, was bringt dich nur dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du Mensch, was bringt dich dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen! 11 Denn in der Heiligen Schrift steht: »›Bei meinem Leben‹, spricht der Herr: ›Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen.‹« 12 So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. 13 Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Werdet auch nicht zum Stolperstein für sie. (Römer 14,1-13)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, aus dem 14. Kapitel.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Kennt ihr das auch? Du bist im Auto unterwegs, ganz gemächlich, innerorts und natürlich innerhalb der erlaubten Geschwindigkeit. Du fährst bedächtig, hast den Überblick. Du machst nichts falsch. Und dann fällt dein Blick in den Rückspiegel. Das Fahrzeug hinter dir ist ein Streifenwagen der Polizei. Unwillkürlich spannen deine Muskeln sich an. Du checkst noch einmal den Tacho, ob die Geschwindigkeit stimmt. Du überprüfst, ob du sauber in der Mitte der Spur fährst. An der nächsten Kreuzung blinkst du besonders früh und natürlich fährst du nicht bei Gelb noch über die Ampel. Mental gehst du die Liste von allem durch, woran du dich aus der Fahrschule noch erinnern kannst. Und du atmest schon ein wenig auf, als die Polizei ein paar hundert Meter später seitlich in eine andere Straße abbiegt.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Wenn wir miteinander unseren Glauben an Christus bekennen, der zur Rechten Gottes sitzt und kommt &quot;zu richten die Lebenden und die Toten&quot;, dann fallen mir Bilder aus dem Mittelalter ein, die ich gerade mit einer meiner Schulklassen angeschaut habe. Da stehen die Toten aus ihren Gräbern auf. Sie sind nackt, was bei meinen Grundschülern immer für Gemurmel sorgt. Sie haben nicht, womit sie sich irgendwie verstecken können. Übermächtig groß kommt ein Engel mit einer goldenen Waage und wiegt jedes einzelne Leben ab. Die einen werden durch ihre gute Lebensführung zum Himmel empor gehoben. Dort wartet schon das wolkige Tor zur Herrlichkeit der ewigen Stadt auf sie. Bei anderen sinkt die Waagschale tief hinab. Dorthin, wo sich bereits der feurige Schlund der Hölle auftut und teuflische Gestalten mit Dreizack und Fratze nur darauf warten, die Übeltäter in alle Ewigkeit zu quälen. Manchmal hat man den Eindruck, die mittelalterlichen Maler hätten besonderen Spaß daran gehabt, diesen Teil der Bilder zu malen. Dabei haben sie es vermutlich nur gut gemeint. Sie wollten mit ihren plastischen Darstellungen ihre Mitmenschen warnen: Ändere jetzt dein Leben, damit du nicht so enden wirst.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Für meine Viertklässler ist es nach dem Betrachten dieser Bilder absolut einsichtig, warum viele Menschen aus einer regelrechten Angst vor Gott heraus lebten. Über allem thront nämlich immer mit strengem Blick der Christus, der kommt &quot;zu richten die Lebenden und die Toten.&quot; Mit dem offenen Tor zum Himmel und einer Lilie zu seiner Rechten hat er zwar durchaus eine gute Seite. Aber zu seiner Linken hält er schon das Schwert für die bereit, die seinen Ansprüchen nicht genügen.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>In der vierten Klasse bilden diese Bilder die Schablone für die wunderbare Entdeckung der Reformation. Es gibt eine Antwort auf die Frage, &quot;Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?&quot;, die Menschen wie Martin Luther jahrelang umgetrieben hat. Mit Martin Luther haben wir sie diese Woche in der Grundschule so formuliert: &quot;Ich habe schon einen.&quot; Ich habe schon einen gnädigen Gott. Durch Christus wendet er sich mir freundlich zu. Auf seine Liebe zu mir kann ich mich verlassen. Seine Barmherzigkeit ist mir sicher, auch im Gericht. In Christus, durch Christus, gehöre ich zu ihm. Das ist es, was er mir schon in der Taufe zugesagt hat: Ich bin Teil einer--nein: seiner--neuen Wirklichkeit.</p>
<blockquote>
<p>Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn!</p>
</blockquote>
<p>Welch eine wunderbare Gewissheit!</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>&quot;Ich komme fast nie in den Neun-Uhr-Gottesdienst&quot;, hat mir eine ältere Dame aus der Gemeinde vor einiger Zeit gesagt. &quot;Mir fällt es einfach schwer, so früh schon fertig gerichtet für die Kirche zu sein.&quot; Seither fällt mir jedes Mal, wenn ich vom Weltgericht höre, diese nette Dame ein. Denn mit ihrer schwäbischen Redewendung hat sie es ungewollt, aber treffend auf den Punkt gebracht, dass wir beim &quot;Gericht&quot; oft völlig falsche Bilder im Kopf haben. Was heißt denn eigentlich &quot;richten&quot;?</p>
<p>Hast du dir heute Morgen &quot;die Haare gerichtet&quot;? Als du da vor dem Spiegel standst und diese eine, rebellische Strähne einfach nicht ihren Platz finden wollte, da hast du ihr sicher nicht mit Höllenqualen und ewigem Feuer gedroht. Nein! Mit Geduld und Können und Hilfsmitteln, die hier ungenannt bleiben, hast du die Frisur in die richtige Form gebracht. Und dann warst du &quot;gerichtet&quot;. Das Erscheinungsbild stimmt wieder. Alles in Ordnung.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Und das ist eine gute Nachricht! Es wäre ja schlimm, wenn Gott den Zustand dieser Welt mit all ihrer himmelschreienden Ungerechtigkeit, mit Leid, mit den entsetzlichen Kriegen, an die der Volkstrauertag heute erinnert und die immer noch kein Ende haben, mit Rassismus und Missbrauch, mit millionenfachem Tod, mit der tiefschwarzen Dunkelheit des Bösen -- und, ja, auch mit meinen Unzulänglichkeiten -- einfach mit einem Achselzucken abtun würde. Wenn Gott sagen würde &quot;Macht doch nichts!&quot; Macht nichts, dass Kinder sterben. Macht nichts, dass Frauen vergewaltigt werden. Macht nichts, dass Menschen dafür gehasst werden, wer und wie sie sind oder wo sie herkommen. Macht nichts, dass Hass und Hetze immer freier ausgesprochen werden. Alles halb so schlimm!</p>
<p>Zum Glück nicht: Gott kommt zum Weltgericht. In Christus nimmt er diese verbogene, verbeulte, befleckte Welt und er &quot;richtet&quot; sie wieder. Er richtet wieder auf, was zerdrückt wurde und am Boden liegt. Er macht wieder gerade, was auf eine schiefe Bahn geriet. Er poliert und beult aus, er schrubbt und bürstet, er biegt zurecht und hämmert gerade, bis alles wieder strahlt und glänzt in der Schönheit, wie nur Gott sie schaffen kann: eine gerechte, gute, unbefleckte Schöpfung. Ein Ort, wo jeder in Frieden leben kann. Eine Welt, die Platz für alle gibt--ohne Leid und Tränen und Tod.</p>
<p>Gott richtet die Welt. Das ist die beste Nachricht, die es geben kann.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>schaut, als Nachfolger:innen Jesu Christi können wir Gottes Gericht an der Welt doch nur durch die Brille dessen sehen, was wir in Christus über Gott gelernt haben. Wir können den richtenden Gott doch nur als den sehen, dessen Wesen durch und durch und uneingeschränkt und von Grund auf Liebe ist. Wir können in dem Richter doch nur den erkennen, der sich in Christus uns selbst schenkt, seine Gerechtigkeit, sein Leben, der nur das Beste für uns im Sinn hat. Wir können doch nur über das Weltgericht nachdenken und reden, wenn wir gleichzeitig vom Schöpfer reden, der gerne schafft, was rein und gut ist. Und dem wir gehören, vom Anfang bis zum Ende, im Leben wie im Sterben und auch--das dürft ihr niemals ausklammern!--im Weltgericht.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Das ist genau das, was Paulus nur wenige Seiten zuvor in einem der schönsten Texte des Neuen Testaments zu Wort gebracht hat:</p>
<blockquote>
<p>31 Was sollen wir noch mehr sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann sich dann noch gegen uns stellen? 32 Er hat ja seinen eigenen Sohn nicht verschont. Vielmehr hat er ihn für uns alle in den Tod gegeben. Wenn er uns aber seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns dann nicht auch alles andere schenken? 33 Wer kann also Anklage erheben gegen die Menschen, die Gott ausgewählt hat? Gott selbst erklärt sie doch für gerecht! 34 Wer kann uns da noch verurteilen? Schließlich tritt doch Christus Jesus für uns ein – der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt wurde und an der rechten Seite Gottes sitzt. 35 Was kann uns von Christus und seiner Liebe trennen? Etwa Leid, Angst oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder gar die Hinrichtung? 36 Schließlich heißt es ja in der Heiligen Schrift: »Weil wir uns zu dir bekennen, bedroht man uns täglich mit dem Tod. Wie Schlachtvieh werden wir behandelt.« 37 Doch aus alldem gehen wir als strahlende Sieger hervor. Das haben wir dem zu verdanken, der uns so sehr geliebt hat. 38 Ich bin zutiefst überzeugt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – nicht der Tod und auch nicht das Leben, keine Engel und keine weltlichen Mächte, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges und auch keine andere gottfeindliche Kraft. 39 Nichts Über- oder Unterirdisches und auch nicht irgendetwas anderes, das Gott geschaffen hat – nichts von alledem kann uns von der Liebe Gottes trennen. In Christus Jesus, unserem Herrn, hat Gott uns diese Liebe geschenkt. (Römer 8,31-39 [BB])</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Genauso gelassen, genauso getrost, wie ich im Vertrauen auf Gott leben darf und sterben kann, genauso gelassen und getrost darf ich seinem Gericht entgegen sehen.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Und das ist gut so. Gott richtet die Welt. Bis alles wieder recht und gerade ist.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Was macht das nun alles hier und jetzt mit mir, muss man mit Paulus fragen?</p>
<p>&quot;So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen.&quot;, schreibt der Apostel. Denn das Nachdenken über Gottes Gericht, auch über sein gnädiges Zurechtrücken der Welt, bringt mich zum Nachdenken über mich selbst. Betroffen stelle ich fest, dass ich ja selbst Teil dessen bin, was erst einmal wieder &quot;gerichtet&quot; werden muss. Dass ich selbst oft Tendenzen in mir trage, die der rebellischen Strähne in meiner Frisur nicht unähnlich sind. Solche unangenehmen Wahrheiten tun weh. Sie bringen mich zu dem Wunsch, dass das Zurechtbringen vielleicht nicht erst in Gottes Ewigkeit stattfinden möge. Ich möchte heute richtig leben. Ich möchte nicht eine Delle in Gottes schöner Schöpfung sein, sondern den Glanz seiner Gerechtigkeit widerspiegeln. &quot;Herr, ich bringe dir alles, was schief ist in meinem Leben. Ich bringe dir Schuld, die ich auf mich geladen habe. Vergib und verändere du, Gott!&quot;, rufe ich zu ihm. Und ich freue mich, wenn Gottes Heiliger Geist schon jetzt beginnt, Dinge in meinem Leben wieder geradezurücken. &quot;Herr, mit deiner Hilfe, will ich verändert leben.&quot;, bete ich.</p>
<p>Dieser Blick auf mein Leben tut mir gut.</p>
<p>Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.</p>
<p>Was mir dagegen gar nicht gut tut, ist der Blick zur Seite. Es ist so viel einfacher, die Fehler bei anderen zu finden. In der Vielzahl unterschiedlicher Lebensentwürfe den meinen als Maßstab zu nehmen und bei den anderen immer zu wissen, was da &quot;gerichtet&quot; werden müsste. Wie schnell nehme ich selbst in Gedanken auf dem Richterstuhl Platz. Dabei ist es doch nicht meine Aufgabe, das Leben der anderen zu &quot;richten&quot;.</p>
<p>&quot;Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Werdet auch nicht zum Stolperstein für sie.&quot;, schreibt Paulus.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Was wenn auch unser Blick auf die anderen von genau der Gelassenheit bestimmt würde, mit der wir selber leben und einst sterben werden?</p>
<p>Lasst es das sein, woran wir uns festhalten. Lasst es das sein, womit wir gemeinsam durch's Leben gehen--was wir uns zurufen, womit wir uns gegenseitig trösten und aufrichten. Lasst es das sein, womit wir getrost ins Sterben gehen. Lasst es das sein, was uns in freudiger Erwartung auf das Weltgericht zugehen lässt, dass wir dem Weltenrichter zurufen wie die Christ:innen vor uns: &quot;Komm, Herr Jesus! Komm bald!&quot; Lasst dies unsere Gewissheit sein in Leben und Sterben und im Gericht:</p>
<blockquote>
<p>7 Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. 8 Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn! 9 Denn dafür ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden: Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden. (Römer 14,7-9)</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>&quot;Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten&quot;. Das Reden vom Weltgericht erfüllt mich mit Unbehagen. Dabei kann ich getrost vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Das Weltgericht ist eine gute Nachricht!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ich vor Gottes Richterstuhl</itunes:subtitle>
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        <title>Wind of Change</title>
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        <pubDate>Sun, 10 Nov 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>&quot;Es kommt die Zeit...&quot;. Der Prophet verspricht ein universelles Friedensreich. Aber ist das nicht ein bloßer Traum, ein Seelentröster in einer kalten Welt? Nein, ist es nicht: Wir haben Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen,</p>
<p>Lieber Jonathan,</p>
<p>Ich war gar nicht so viel älter als du es heute bist, da waren wir in Österreich im Sommerurlaub. Viel interessanter als die Berge um uns herum war das, was es in den Nachrichten zu sehen gab: Auf der Grenzlinie zwischen Österreich und Ungarn, am Grenztor an der alten Pressburger Landstraße zwischen Sankt Margarethen im Burgenland und Sopronkőhida, wurde ein &quot;paneuropäisches Picknick&quot; gefeiert--mit Menschen von beiden Seiten der Grenze. Dass Europa damals geteilt war, mit Mauern und Stacheldrahtzäunen, mit Todesstreifen und waffenstarrenden Armeen auf beiden Seiten, daran kannst du dich ja gar nicht erinnern. An diesem Nachmittag an der Grenze sah alles friedlich aus. Österreich und Ungarn hatten sich gemeinsam für die Weltausstellung 1995 beworben und an diesem sonnigen Nachmittag wurde symbolisch ein Stück Stacheldraht durchtrennt. Dann überschlugen sich die Ereignisse: Kurz vor 15 Uhr kamen dann etwa 20 bis 30 Menschen, die aus Ostdeutschland, aus der DDR, extra angereist waren, an das immer noch bewachte Grenztor. Plötzlich wurde dieses aufgerissen. Die Grenzwachen wussten gar nicht, was sie tun sollten. Die Menschen rannten die kurze Strecke bis auf die österreichische Seite, wo Journalisten das alles live mit der Kamera aufzeichneten. Freiheit! Gegen 15 Uhr rannten erneut etwa 150 Menschen über die Grenze. Und dann noch einmal. Bis am Abend waren es fast 700. Es gab kein Halten mehr. Zehntausende von Bürgern der DDR reisten nach Ungarn. Hunderte schafften es jeden Tag über die Grenze. In der Hauptstadt des Nachbarlands kletterten ostdeutsche Bürger über die Mauer um die deutsche Botschaft in Prag. Wir waren kaum aus dem Urlaub zuhause, da öffnete Ungarn am 11. September endgültig die Grenzen. Am 30. September verkündete Hans-Dietrich Genscher die Ausreiseerlaubnis für die, die in Prag im Garten der Botschaft kampierten. Der &quot;eiserne Vorhang&quot; bekam immer mehr Risse. Und dann kam der 9. November. Gestern vor 35 Jahren. Günther Schabowski bekam vor einer Pressekonferenz noch schnell einen Zettel in die Hand gedrückt, setzte eine Falschmeldung in die Welt und Tausende versammelten sich an der Berliner Mauer. Völlig überfordertes Grenzpersonal klappte schließlich die Schlagbäume hoch, statt zu schießen. Menschen tanzten auf der Mauer, die uns getrennt hatte. Es lag etwas in der Luft. Freiheit. Zukunft. Neubeginn. Feinde, die sich die Hand reichen und Atomraketen, die verschrottet werden. Vom &quot;Wind of Change&quot;, dem &quot;Wind der Veränderung&quot;, sangen die Scorpions in dieser verrückten neuen Zeit. Alles schien plötzlich möglich.</p>
<blockquote>
<p>1 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des HERRN steht felsenfest. Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel. Dann werden die Völker zu ihm strömen. 2 Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen: »Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns seine Wege weisen. Dann können wir seinen Pfaden folgen.« Denn vom Berg Zion kommt Weisung. Das Wort des HERRN geht von Jerusalem aus. 3 Er schlichtet Streit zwischen vielen Völkern. Er sorgt für das Recht unter mächtigen Staaten, bis hin in die fernsten Länder. Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter. Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen. Dann wird es kein einziges Volk mehr geben, das sein Schwert gegen ein anderes richtet. Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet. 4 Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum. Niemand wird ihren Frieden stören. Denn der HERR Zebaot hat es so bestimmt. 5 Noch rufen viele Völker, jedes zu seinem eigenen Gott. Wir aber leben schon heute im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit. [...] 7 [...] Dann wird der HERR König über sie sein. Er wird auf dem Berg Zion regieren von heute an bis in alle Zukunft. (Micha 4,1-5.7b)</p>
</blockquote>
<p>So sagt es der Prophet Micha, im alten Israel, in Juda, schon mehr als 700 Jahre vor Christus.</p>
<p>Friede. Gerechtigkeit. Wohlergehen für alle. Wind of Change.</p>
<p>Das ist die Zukunft, die ich dir für dein Leben wünschen würde, lieber Jonathan. Das ist die Welt, die wir uns alle wünschen.</p>
<p>35 Jahre nach dem Fall des &quot;eisernen Vorhangs&quot; scheint der Wind viel zu oft in eine andere Richtung zu wehen. Da herrscht Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten und kein Ende scheint in Sicht. Da gewinnt man mit Hassparolen Wahlen und wird amerikanischer Präsident oder Abgeordnete in einem deutschen Parlament. Und am 9. November, an dem Tag, der nicht nur an den Fall der Berliner Mauer erinnert, sondern lange vorher schon an die nie zu wiederholenden Schrecken der Nazis und ihres Hasses auf die Juden, sehen wir erschüttert in den Nachrichten, wie jüdische Menschen in Amsterdam um ihr Leben rennen müssen. Bitterkalt, eiskalt bläst der Wind der Veränderung in Richtungen, die uns gar nichts Gutes ahnen lassen.</p>
<p>Vieles davon hat auch mit der Ernüchterung, der Enttäuschung von dem, was damals begonnen hat, zu tun. &quot;Blühende Landschaften im Osten&quot; hatte einst ein Bundeskanzler versprochen. Darüber können viele heute nur noch bitter lachen, wo ganze Landstriche wie ausgestorben scheinen. Die &quot;Wende&quot; hin zur Freiheit scheint vielen Menschen im Rückblick ein Verlust gewesen zu sein, überrumpelt von den Interessen anderer, die sich möglichst schnell daran bereichern wollten. Das Zusammenwachsen Deutschlands ist auch 35 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht abgeschlossen. Das Zusammenwachsen Europas auch nicht.</p>
<p>&quot;The world is closing in...&quot;, sangen die Scorpions damals. &quot;Die Welt rückt zusammen. Und hättest du je gedacht, dass wir uns so nahe sein könnten, wie Brüder? Die Zukunft liegt in der Luft. Ich kann es überall spüren. Sie weht mit dem Wind der Veränderung.&quot;</p>
<p>&quot;Nimm mich mit in die Magie des Moments, dieser herrlichen Nacht, in der die Kinder des Morgens im Wind der Veränderung träumen.&quot;</p>
<p>Ist der Traum geplatzt?</p>
<p>&quot;Es kommt die Zeit&quot;, sagt Jahrhunderte vorher Micha von Moreschet, der Prophet. &quot;Die Zeit kommt.&quot; &quot;Am Ende der Tage wird es geschehen.&quot; Es ist noch nicht da.</p>
<p>Das unbeschränkte Friedensreich mit Wohlergehen für alle, das kann man nicht mit menschlichen Mitteln herbeiführen. Weder mit Waffen noch ohne. Es gibt keine Strategie, die das erreicht. Es gibt keine Lehre, der man dorthin folgen kann. Keinen Plan, den man einfach umsetzen kann. Keinen &quot;Wind der Veränderung2, der es herbläst. Das unbeschränkte Friedensreich bleibt für uns unerreichbar. Es ist <em>sein</em>Reich: Gottes Reich. Nur er kann das schaffen. Der Friede, den Micha beschreibt, geht von ihm aus und davon, dass alle sich auf ihn ausrichten. Es ist vor ihm, dass sie entdecken, dass man hier keine Schwerter und keine Lanzen mehr braucht. Stattdessen Pflugscharen und Winzermesser, für eine Welt, in der alle auskömmlich leben können: Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum.</p>
<p>Ein Traum. Ein Traum?</p>
<p>&quot;Es kommt die Zeit&quot;, sagt Micha von Moreschet. &quot;Sie kommt.&quot;</p>
<p>Das Friedensreich Gottes ist nämlich kein Traum. Es ist nicht die Vorstellung einer herrlichen Nacht, in der man sich an dieser wunderbaren Zukunft freut und dann morgens zitternd im eiskalten Wind der Realität aufwacht. Das Friedensreich Gottes ist eine Hoffnung. Es kommt nämlich. Es kommt bestimmt. Es kommt, weil Gott es so will. Das ist gewiss.</p>
<p>Nein, es ist noch nicht da. Aber an der Gewissheit seines Kommens kann man sich festhalten. Man kann darauf vertrauen, auch wenn die Realität oft bitter anders ist. Christ:innen sind Menschen, die das tun. Wir leben aus der Hoffnung auf das kommende Gottesreich. &quot;Wir aber leben schon heute im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit.&quot;</p>
<p>Und das ist keine Ewigkeitsvertröstung. Kein Strohhalm, an den wir uns klammern, um in den Wellen des Jetzt nicht unterzugehen. Es ist kein Luftschloss, das wir uns bauen, weil wir die Welt, wie sie ist, nicht ertragen können. Unsere Hoffnung ist eine Gewissheit!</p>
<p>Woher wir das so genau wissen? Nun, ganz einfach: Weil die Zukunft bereits begonnen hat. Weil das Reich Gottes bereits angebrochen ist.</p>
<p>&quot;Es kommt die Zeit&quot;, sagt Micha von Moreschet. &quot;Sie kommt.&quot; &quot;Jetzt ist sie da.&quot;, sagt ein paar Jahrhunderte später Jesus von Nazaret. &quot;Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!&quot; (Markus 1,15 [BB]) Und dann lädt er ein, ein Teil dieses Reiches Gottes zu werden. Teil eines Reiches, das noch ganz anders ist, als wir uns das normalerweise vorstellen. Es konkurriert noch mit dem System dieser Welt. Noch herrscht kein universeller Gottesfriede. Aber Gottes Reich ist hereingebrochen in unsere Wirklichkeit und nichts kann es aufhalten. &quot;Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen;&quot;, sagt Jesus. &quot;[M]an wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.&quot; (Lukas 17,20-24 [BB])</p>
<p>&quot;Wir aber leben schon heute im Namen des HERRN, unseres Gottes&quot;, sagt Micha. Wir sind heute schon Teil dessen, was da kommt. Die Taufe, die du heute empfangen hast, Jonathan; die wir alle empfangen haben -- sie ist Gottes Versprechen: Du gehörst dazu. Du bist ein Teil davon. Da kommt deine Gewissheit her.</p>
<p>&quot;Es kommt die Zeit&quot;, sagt Micha von Moreschet. &quot;Sie kommt.&quot; Es kommt die Zeit, in der die Fülle dessen da sein wird, was nur Gott machen kann. Friede, Gerechtigkeit, Wohlergehen für alle. Kein Traum, sondern eine gewisse Hoffnung.</p>
<p>Nur Gott kann das vollenden. Aber wir, &quot;wir leben schon heute im Namen des Herrn&quot;, erinnert uns Micha. &quot;Das Reich Gottes ist mitten unter uns&quot;, erinnert uns Jesus und ruft uns auf, dann auch so zu leben. Das beschränkt sich nicht auf das Hoffen und Daran-Festhalten tief in mir drin. Als Teil des Reiches Gottes leben, das heißt, mich im Alltag meines Lebens so zu verhalten, als sei ich ein Teil des Kommenden. Das geschieht da, wo wir uns die Hände reichen und uns versöhnen. Am Esstisch, auf der Straße und bei Begegnungen am Gartenzaun. Selbst vor dem Supermarkt, wo mir gerade einer den Parkplatz weggeschnappt hat. Das geschieht da, wo wir teilen, was wir haben, als sei genug für alle da. Wo wir statt uns abzugrenzen Tische aufstellen und miteinander essen. Wo wir statt Schuldige zu suchen neue Freunde finden. Wo wir aufeinander zugehen, auch über Grenzen hinweg. Wo wir lernen, die Sprache des anderen zu sprechen und die Dinge auch mal mit den Augen des anderen zu sehen. Wo wir verantwortlich miteinander und mit der Welt, in der wir leben, umgehen. Wo wir das auch in Wahlentscheidungen fassen und in Kirchengemeinderatsbeschlüsse und in neue Arten, mit unseren Nachbarn zu reden. Wo wir Aufrüstung, im Kleinen und im Großen, nicht für alternativlos halten. Wo wir, die wir heute schon im Namen des Herrn leben, seine Stimme gerade da hören, wo wir anders denkenden, anders glaubenden und anders lebenden Menschen begegnen. Wo die Welt ein Stückchen mehr so wird, wie wir sie Jonathan wünschen. Und uns.</p>
<p>Da weht uns dann auf einmal ein sanftes Lüftchen um die Nase. Es ist kein großer Sturmwind, aber es riecht. Nach Verheißung. Nach Hoffnung. Nach Freiheit. Nach Gottes &quot;Wind of Change.&quot;</p>
<p>Und die Zeit kommt...</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>&quot;Es kommt die Zeit...&quot;. Der Prophet verspricht ein universelles Friedensreich. Aber ist das nicht ein bloßer Traum, ein Seelentröster in einer kalten Welt? Nein, ist es nicht: Wir haben Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Friede, Gerechtigkeit und Wohlergehen für alle</itunes:subtitle>
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        <title>Hört doch</title>
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        <pubDate>Sun, 27 Oct 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott ist nicht zufrieden, wenn Ungerechtigkeit und Not herrschen in unserer Welt. Er hat sich längst aufgemacht, das zu ändern. Wir sollen Teil seiner Geschichte mit den Menschen sein. Hört doch, wozu er uns ruft!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Israel. 8. Jahrhundert vor Christus. Das Land ist geteilt in zwei Reiche, im Norden und im Süden. Könige herrschen. Es gibt die Eliten, die Reichen. Und es gibt die Armen. Ganz viele davon. Sie alle verbindet eines--das Bewusstsein: &quot;Wir sind Gottes Volk&quot;. Gott hat versprochen, bei uns zu sein. Für uns zu sein. Das verbindet sie. Ganz viel anderes trennt. Vor allem die soziale Situation, in der die einen in Saus und Braus leben, während andere mit Müh und Not genug zum Leben zusammenkratzen. Propheten treten auf. Amos von Tekoa ist der erste von ihnen. Radikal kritisiert er die Ausbeutung durch die Mächtigen. Andere schließen sich an. &quot;Gott ist zornig über die Zustände im Land! Es muss sich etwas ändern!&quot; Zunächst beschränkt sich das alles auf das Nordreich. Im Süden kann man sich zurücklehnen. &quot;Die im Norden wieder. War ja klar! Gut, dass wir besser sind. Näher bei Gott. Bei uns wohnt er ja, in Jerusalem, in seinem Tempel.&quot; Dann kommt Micha von Moreschet. &quot;Hört&quot;, ruft er denn Menschen zu. &quot;Hört doch!&quot; Immer wieder. Auch hier liegt vieles im Argen: Reiche eignen sich Felder der Armen an und vertreiben sie aus ihren Häusern. Das Leben ist ungerecht, besonders für die, die keinen Fürsprecher haben. Macht führt zu Missbrauch. Das Recht wird gebeugt. Wer Einfluss und Geld hat, kann sich den Richterspruch kaufen. &quot;Hört!&quot;, ruft Micha. Gott selbst führt einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Gott kann man nicht kaufen. Gott steht auf der Seite der Armen und Rechtlosen. Hören wir also. Aus dem Michabuch, aus dem 6. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Hört, was der HERR sagt: Führe einen Rechtsstreit mit den Bergen und lass die Hügel auf deine Stimme hören! 2 Hört, ihr Berge, worum es dem HERRN geht! Gebt acht, ihr Fundamente der Erde! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Er tritt in eine Auseinandersetzung mit Israel: 3 Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt? Steh mir Rede und Antwort! 4 Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe Mose, Aaron und Mirjam dazu bestimmt, dass sie dir auf dem Weg vorausgehen. 5 Mein Volk, denk doch daran: Was führte Balak, der König von Moab, im Schilde? Und was hat ihm Bileam, der Sohn des Beor, geantwortet? Erinnere dich an die Ereignisse, als du von Schittim nach Gilgal gezogen bist! So erkennst du, dass der HERR gerecht gehandelt hat. 6 Womit soll ich vor den HERRN treten? Wie kann ich mich angemessen verhalten gegenüber dem Gott, der in der Höhe wohnt? Soll ich mit Brandopfern zu ihm kommen, mit einjährigen Rindern als Opfertieren? 7 Wird es dem HERRN gefallen, wenn ich ihm 1000 Widder bringe und 10.000 Krüge mit Olivenöl? Soll ich mein erstgeborenes Kind hergeben, damit er mir mein Verbrechen verzeiht? Soll ich die Frucht meines Leibes opfern, damit er mir meine Schuld vergibt? 8 Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen. (Micha 6,1-8)</p>
</blockquote>
<p>Deutschland. Baden-Württemberg. Gäufelden. 2024. All is well in &quot;the Länd&quot;? Brauchen wir auch einen Propheten, eine Prophetin, die uns zum Hören ruft? Mir scheint, dass vieles von dem, was die Propheten damals kritisieren, auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später noch sehr aktuell ist. Ungerechtigkeit. Reiche Eliten und eine Schere zwischen arm und reich, die immer wieder aufklafft. Das Recht scheint oft genauso auf der Seite des Stärkeren, des Einflussreicheren zu sein. Zumindest der Zugang zu Bildung und Chancen auch.</p>
<p>&quot;Hört doch!&quot;, ruft Micha. Das muss man uns wohl auch zu rufen. &quot;Hört doch!&quot; Merkt auf. Lasst euch mindestens einen Moment aus eurem Alltagstrott, vielleicht auch aus eurer Lethargie reißen und hört, auf das, was wesentlich ist. Hört auf Gott, auf seine Stimme, auf den, der hier durch den Propheten redet. Hört auf ihn, das würde sich jetzt lohnen, denn ein bisschen genervt klingt sie ehrlich gesagt schon, die Stimme Gottes, die man durch Micha hört. &quot;Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt?&quot; Hört auf ihn, hört neu auf seine Geschichte mit euch, auf seinen Herzschlag für euch. Hört hin und hört in seinem Reden, was ihm wichtig ist. Hört, dass es ihm um mehr geht als um religiöse Rituale, um mehr als um die Pflege einer christlich geprägten Kultur, um mehr als um denkmalgeschützte Kirchtürme und die Sanierung von Orgelpfeifen. Hört, wie sein Herz für seine Menschen schlägt! Hört, wie er wirbt und rechtet sogar um die, die er liebt. Für die er eine gute Welt geschaffen hat, ein gutes Land; die Erben seiner Verheißung sind. Hört doch! Hört!</p>
<p>Wer hören will, muss selbst erst einmal schweigen. Vielleicht reden wir ja auch einfach zu viel und verstehen deshalb nicht, was Gott uns sagen möchte. Wir werden also noch einmal still werden in diesem Gottesdienst, wenigstens für einige Augenblicke. Auch ich hier vorne am Rednerpult. Hört doch! Hört!</p>
<p>...</p>
<p>Habt ihr gehört? Habt ihr verstanden? Habt ihr mehr gehört als die Außengeräusche und das Rascheln der Kleidung des Nachbarn, der unruhig auf seiner Bank umherrutscht und das Hüsteln von irgendjemand, der versucht, den Reiz zu unterdrücken, um die Stille nicht zu stören? Habt ihr <em>ihn</em> gehört? Gott? Hat er zu euch gesprochen?</p>
<p>Nein?</p>
<p>Keine Sorge! Ihr seid nicht allein. Und die gute Nachricht ist: Es geht auch gar nicht darum, dass ihr irgendeine spezielle Offenbarung erlebt hättet, jetzt in ein paar Momenten der Stille. Da ist Micha von Moreschet ganz auf meiner Seite. &quot;Hört doch!&quot;, ruft er den Menschen zu und es gibt genug, auf das man hören müsste, denn alles Wesentliche ist bereits gesagt. Das kennen wir schon. Wir wissen es eigentlich. &quot;Hören&quot; heißt hier nichts mehr als, sich dessen neu bewusst zu werden und dann konsequent danach zu leben.</p>
<p>&quot;Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen.&quot; (Micha 6,8)</p>
<p>Hört doch!</p>
<p>Vielleicht habt ihr das in der Lutherübersetzung mehr im Ohr, diesen bekannten Vers: &quot;Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.&quot; Ich habe ihn heute ganz bewusst aus der Basisbibel gelesen. Zum einen, damit wir neu hinhören. Wenn es zu vertraut klingt, schalten wir zu oft ab und denken: Das weiß ich doch schon. Zum anderen auch, weil die neueren Übersetzungen hier zum Teil etwas präziser arbeiten als der ältere Text. Und wir wollen ja genau hinhören.</p>
<p>&quot;Es ist dir [bereits] gesagt&quot;, meint Micha. Und zwar Folgendes: &quot;das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen.&quot;</p>
<p>Hört doch! Hört genau hin!</p>
<p>&quot;Das Rechte tun&quot; übersetzt Luther mit &quot;Gottes Wort halten&quot;. Und natürlich ist es das, worauf sich Micha bezieht. Was &quot;recht&quot; ist, wird nicht einfach willkürlich oder am Stammtisch entschieden. Was &quot;recht&quot; ist, richtet sich nicht nach deinem aktuellen Bauchgefühl. Recht ist etwas ganz konkretes, auf das man sich beziehen kann. In Deutschland meist mit Paragraphen und Absatznummern. In Israel hatten sie die noch nicht, aber &quot;Recht&quot; war damals wie heute das, was im Gesetz stand. In Gottes Gesetz, der Torah, damals natürlich. Und die beginnt vor allen Ge- und Verboten mit der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Bevor Gott etwas fordert, tut er erst selbst ganz viel. &quot;Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.&quot; Am Anfang schafft Gott die Welt und den Menschen -- und das ist &quot;gut&quot;. &quot;Gut&quot; ist sein Handeln mit und an uns. &quot;Gut&quot; könnte der Titel seiner ganzen Story sein. &quot;Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit.&quot;, erinnert Gott die Menschen damals. Die sicher bekannteste Sammlung von Gottes Gesetzen, die &quot;10 Worte&quot;, die wir &quot;10 Gebote&quot; nennen, beginnt genau so: &quot;Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat.&quot; Willst du so einem Gott nicht Gehör schenken?</p>
<p>Hört doch!</p>
<p>Als Christ:innen übertragen wir die vielen Ge- und Verbote der hebräischen Bibel nicht eins zu eins auf unsere Zeit. Wenn Luther hier, bei Micha, von &quot;Gottes Wort&quot; redet, dann denken wir zuallererst an sein wichtigstes, zentralstes Wort: an das Fleisch gewordene Wort Gottes Jesus Christus. Und wieder sind wir mitten drin in Gottes Geschichte mit den Menschen. Nirgends spricht er so deutlich wie in dem, was Jesus Christus tut. Hier sehen wir seine Liebe konkret werden: Er ist den Menschen ganz nahe, die es am dringendsten brauchen. Ja, er ist wirklich der Helfer der Armen, der Verlassenen, der Rechtlosen und Ohnmächtigen! &quot;Gottes Wort&quot; hören und halten ist dann vor allem: Seine Geschichte wahrnehmen. Nein, selbst Teil seiner Geschichte werden. &quot;Das Rechte tun&quot; heißt, diesem Christus nachfolgen auf seinem Weg zu den Menschen hin, heißt, ihn nachahmen in dem, was er für die Schwachen tut.</p>
<p>Christus selbst fasst das Wichtige dabei so zusammen (Hört doch! Hört!):</p>
<blockquote>
<p>Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. « (Markus 12,30-31a)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Lieben&quot; also ist das Kennzeichen dieses Weges zu den Menschen. Genau wie bei Micha. &quot;Liebe üben&quot; übersetzt Luther das, was schon &quot;gesagt&quot; ist. Wenn &quot;Liebe&quot; nur kein so ausgelutschter Begriff wäre! Es geht hier eben nicht nur um ein inneres Gefühl der Ergriffenheit, ein Mit-Bewegt-Werden mit den Befindlichkeiten der Anderen, eine von sich selbst gerührte Sozialromantik. Die Liebe, die Micha meint und die Christus zeigt, ist konkret und handgreiflich. Sie wird tätig, damit sich für den Anderen etwas ändert. &quot;Güte lieben&quot; könnte man den Begriff hier übersetzen. Oder: &quot;Nachsicht haben&quot;; aus dem Verständnis für den anderen heraus handeln.</p>
<p>Dieses konkrete Handeln zu Gunsten des Anderen ist Auftrag der Kirche und unser aller Auftrag. Es ist der Grund, warum wir eine Diakonie haben, die an ganz vielen Stellen an der Seite der Menschen steht. Aber damit allein ist es nicht getan. Gottes Geschichte, sein Gang zu den Menschen, in den wir uns einreihen, geht genau bei dir zu Hause vorbei. Bei denen, die mit dir wohnen. Geht am Gartenzaun vorbei, auch zu den launischen Nachbarn. Geht die Straße runter, auch zu denen, denen du nicht so gerne begegnest. Geht durch Tailfingen durch, auch zu denen, für die du kein Verständnis hast. Geht durch Herrenberg und durchs Gäu, auch zu denen, die du bisher völlig übersehen hast: Not und Armut, Ausgegrenzt sein, Einsamkeit, direkt vor unserer Haustür. &quot;Liebe üben&quot; heißt, genau da persönlich ein Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen zu werden.</p>
<p>Hört doch!</p>
<p>Hört und seht! Hört hin! Schaut hin! Macht euch auf, auf den Spuren des Christus!</p>
<p>&quot;Hört doch!&quot;, ruft Micha also. Hört auf das, was schon gesagt ist. Und dann tut es: Haltet euch an Gottes Wort. Übt Liebe mit allem was ihr könnt. Und am Ende: Bleibt demütig vor eurem Gott. Auch das müssen wir wohl hören. Denn, egal wie sehr wir uns anstrengen, wir werden Fehler machen. Wir werden diesen Ansprüchen nicht immer gerecht werden. Und wir werden die Welt nicht aus eigener Kraft in ein Paradies verwandeln. Das ewige Friedensreich mit umfassendem Wohlergehen für alle bleibt Gottes Zukunft, sein Versprechen. Aber wir leben aus dieser Hoffnung heraus. Wir packen an. Wir machen uns auf den Weg. Schritt für Schritt...</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott ist nicht zufrieden, wenn Ungerechtigkeit und Not herrschen in unserer Welt. Er hat sich längst aufgemacht, das zu ändern. Wir sollen Teil seiner Geschichte mit den Menschen sein. Hört doch, wozu er uns ruft!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Prophetische Zwischenrufe</itunes:subtitle>
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        <title>Immer wieder Sonne</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/immer-wieder-sonne/</link>
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        <pubDate>Sun, 20 Oct 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott lässt die Sonne über Gute und Böse leuchten. Er zeigt seine Gnade genau darin, dass er das Spiel von Freund und Feind nicht mitmacht. Jesus fordert uns heraus, ebenfalls auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt--damit die Welt noch ein wenig sonniger wird.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem fünften Kapitel. Christus selbst ist der, der da redet. Der Text, den wir heute hören, ist Teil einer langen, zusammenhängenden Rede Jesu an seine Nachfolger, die wir heute meistens nach dem Ort, an dem sie gehalten wurde, &quot;Bergpredigt&quot; nennen. Hört also, was Christus da sagt:</p>
<blockquote>
<p>38 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Auge für Auge und Zahn für Zahn!‹ 39 Ich sage euch aber: Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin! 40 Wenn dich jemand verklagen will, um dein Hemd zu bekommen, dann gib ihm noch deinen Mantel dazu! 41 Wenn dich jemand dazu zwingt, seine Sachen eine Meile zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm! 42 Wenn dich jemand um etwas bittet, dann gib es ihm! Und wenn jemand etwas von dir leihen will, dann sag nicht ›Nein‹.« 43 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Liebe deinen Nächsten‹ und hasse deinen Feind! 44 Ich sage euch aber: Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! 45 So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen. 46 Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso? 47 Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt: Was tut ihr da Besonderes? Verhalten sich die Heiden nicht genauso? 48 Für euch aber gilt: Seid vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Matthäus 5,28-48)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Jeden Morgen geht die Sonne auf. Mal strahlend hell, mal verborgen hinter Wolken und Nebel, aber immer wieder neu. Licht und Wärme durchfluten die Welt. Es gäbe kein Leben hier ohne Sol, den Stern, der unserem Planeten Erde am nächsten ist. Jeden Morgen sorgt die Drehung der Erde um die eigene Achse dafür, dass uns die Sonne aufgeht und wir strukturieren unseren ganzen Alltag nach ihrem Takt. Tag und Nacht. Rhythmen des Lebens. Das immer gleiche Kommen und Gehen der Sonne ist uns vertraut und fällt oft gar nicht mehr bewusst auf--bis es dann einmal eine Zeitlang kalt und trübe war, die Tage nur kurz erleuchtet wurden im Winter und wir regelrecht hungern nach jedem Sonnenstrahl. Gibt es etwas Schöneres als die erste Frühlingssonne, die uns wärmend ins Gesicht fällt. Wir atmen auf. Da ist Leben!</p>
<p>Jeden Morgen geht die Sonne auf: Über Tailfingen, über Lenja und Nele, die hier heute getauft wurden. Sie lächeln die Welt an und Gott lächelt zurück. Wie könnte er auch nicht! Jeden Morgen geht die Sonne auf über allen seinen Kindern, auch den Großen, die Gott mit Liebe anschaut und mit seinem Segen überschüttet--auch in ganz praktischen Dingen wie den wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Morgen geht die Sonne auf über jedem Menschen. Nicht nur über denen, die lächeln, weil das Leben ihnen lacht wie die Sommersonne. Auch über den Einsamen. Den Traurigen. Den Kranken. Den Sterbenden. Auch über denen, die keine Hoffnung haben. Jeden Morgen geht die Sonne auf über denen, die keine guten Absichten haben. Die Übles im Schilde führen, die ihren Mitmenschen schaden und Gewalt antun. Der hellen Sonne entgegen steht soviel Finsternis des Bösen, im Großen und Kleinen, in Zank und Habgier, in Neid und Rache, in sinnloser Gewalt und rücksichtsloser Machtausübung. Und über allem geht die Sonne auf.</p>
<p>Jeden Morgen strahlt neu über der Welt diese Sonne Gottes, des Vaters allen Lebens, von dem Jesus hier sagt, dass er vollkommen ist. Und wer sich näher anschaut, worum es hier geht, der merkt, dass in Jesu Augen die Vollkommenheit Gottes genau darin besteht, dass er nicht anfängt, kleinlich auszusortieren. Dass sein Licht eben nicht nur dahin leuchtet, wo auch im Leben alles in Ordnung und vorzeigbar ist. Dass er das Geschenk des Lebens und seiner Erhaltung auch denen erweist, die nicht damit umgehen können. Dass er auch bei denen ist, die dumme Entscheidungen getroffen haben, deren Leben auf die schiefe Bahn geraten ist. Dass Gott eben &quot;gnädig&quot; ist, sich unverdient allen zuwendet, wie wir es gerade in der Taufe der zwei noch so kleinen gefeiert haben, das ist es, was ihn vollkommen macht. &quot;Macht es ihm nach&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Und während wir noch nachdenken, geht die Sonne unter und wieder auf. Ein neuer Tag beginnt und noch einer und noch einer und bevor wir uns versehen, gehen die Jahre ins Land. Irgendwann sind Lenja und Nele groß geworden, junge Frauen, mitten im Leben. Wie das wohl aussehen mag? Wir wissen es ja heute noch nicht! Wir bringen heute unsere guten Wünsche vor Gott. Wir haben Hoffnungen und Träume für das, was einmal aus diesen süßen Mädchen werden wird. Was davon wird in Erfüllung gehen? Wir wissen es nicht. Nicht alles können wir mit beeinflussen. Und, wie das Leben so spielt, werden wahrscheinlich auch diese beiden Süßen ihren Weg gehen und ihre Entscheidungen treffen. Nicht jede davon wird die klügste und weiseste sein. Sie wären die ersten, die nie einen Fehler machen, nie eine falsche Richtung einschlagen, nie etwas in den Sand setzen im Leben. Das wissen wir alle, wenn wir ehrlich sind.</p>
<p>Gottes Sonne geht trotzdem über ihnen auf. An seinem Versprechen, immer dabei zu sein, kann nichts, was sie oder andere tun (oder nicht tun), irgendetwas ändern. Das &quot;Ja&quot; Gottes, um das es gerade in der Taufe ging, bleibt bestehen. Das ist gut. Das zu wissen, gibt Halt. Sich daran festzuhalten ist genau das, was wir &quot;Glaube&quot; nennen.</p>
<p>Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und soviel geschieht in dieser Welt, im Leben von Nele und Lenja und allen anderen, die heute hier sind. Schönes. Erinnernswertes. Tolle Höhepunkte. Gottes Segen. Aber nicht nur Schönes und Gutes geschieht. Nicht in dieser Welt, das wissen wir leider auch. Nicht immer geht die Finsternis an uns vorbei. Nicht immer kommen wir ungeschoren davon. Was wenn auch Leid geschieht? Wenn böse Menschen uns in ihre Finger bekommen? Was, wenn wir Schaden davon tragen, oft für lange Zeit, gar für immer davon gezeichnet bleiben?</p>
<p>&quot;Macht's wie Gott&quot;, sagt Jesus. Der ist vollkommen. Der lässt sich nicht vom Bösen überwinden. Und noch wichtiger: Er steigt nicht auf dasselbe Niveau herab.</p>
<p>Die Beispiele, die Jesus anführt, sind mitten aus dem Leben gegriffen. Auch in unserer heute ganz anderen Kultur können wir sie problemlos wiederfinden. Da ist der, der dich vor allen erniedrigt. Ein Schlag ins Gesicht. Er nimmt dir alle Ehre, allen Stolz. Er macht dich zum Gespött.</p>
<p>&quot;Halt ihm auch noch die andere Backe hin&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Da ist der, der alle rechtlichen Mittel ausschöpft, um sich an dir zu bereichern. Er nimmt dir regelrecht noch das letzte Hemd. Den Mantel, den durfte man nicht pfänden nach jüdischem Recht. Der Mantel war die letzte Hülle, die letzte Schicht zwischen dir und der beschämenden, würdelosen Nacktheit, Kleidung und Bettdecke bei Nacht zugleich. Grundsicherung, würden wir heute sagen. Das eine, was dir keiner nehmen darf.</p>
<p>&quot;Gib ihm den Mantel auch noch mit&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Da ist der, der dir mit Macht aufzwingt, was ihm eigentlich gar nicht zusteht. &quot;Gib ihm mehr, als er verlangt.&quot;, sagt Jesus. Da ist der, der dich schamlos ausnutzt, der immer nur will und niemals gibt. &quot;Gib ihm trotzdem&quot;, sagt Jesus. Da ist der, der dir mit Hass begegnet, der Gräben zieht und Feindschaft begründet. &quot;Hab ihn lieb&quot;, sagt Jesus.</p>
<p>Mach's wie Gott. Der lässt auch dann noch die Sonne aufgehen.</p>
<p>Nein, Jesus will dich nicht zum Opfer machen. Im Gegenteil, er zeigt einen Weg heraus aus der aussichtslosen Gewaltspirale dieser Welt. Er setzt den Reaktionen, die uns völlig normal erscheinen, ein neues Handlungsmodell entgegen. Die &quot;Feinde&quot; nicht bekämpfen, sondern lieben--das ist radikal! Neue Gewohnheiten für neue Menschen -- schließlich sind wir doch gar nicht &quot;normal&quot;. Wir sind von Gott geliebt und bedingungslos angenommen. Wir sind Gottes Kinder, Erben der Herrlichkeit, Bürger einer neuen Welt, die mit Jesus begonnen hat. Was für andere &quot;normal&quot; scheint, muss es für uns nicht sein. Wir folgen Christus, der uns einen neuen Weg zeigt.</p>
<p>Gewaltlos setzt der, von dem Jesus redet, all den ungerechten und bösen Angriffen etwas entgegen. Er entwaffnet den, der ihn anfeindet, dadurch, dass er mehr tut, als das, was gefordert wird--und damit den anderen vor allen als den skrupellosen Egoisten enttarnt, der er ist. Wo der andere &quot;anfeindet&quot;, wird er durch diese Überraschungsantwort &quot;entfeindet&quot; (das Wort habe ich vom jüdischen Theologen Pichas Lapide geklaut). Entfeindet -- wir machen da nicht mit bei diesem Spiel. Und dadurch brechen wir den Kreis der Gewalt.</p>
<p>Und die Sonne geht wieder auf.</p>
<p>Liebe Lenja, liebe Nele,</p>
<p>Ich wünsche euch ganz viele sonnige Tage. Tage, an denen alles leuchtet, gesegnet und in bester Ordnung ist. Tage, an denen ihr über alles das, was ich gerade gesagt habe, gar nicht nachdenken braucht. Ich weiß aber auch, dass in dieser Welt auch die anderen Tage kommen werden. Für euch und für uns alle, immer wieder, so sicher wie der Aufgang der Sonne am Morgen. Dann wünsche ich euch den Glaubensmut, das standhafte Vertrauen auf Gott, das man braucht, um beim Spiel der Bösen nicht mitzumachen. Um zu &quot;entfeinden&quot;, statt anzufeinden.</p>
<p>Nicht immer gelingt das so einfach. Wo wir versagen, da ist uns Gottes Gnade zum Glück gewiss. Das hat er ja versprochen.</p>
<p>Manchmal--mit Gottes Hilfe immer öfter vielleicht--gelingt es aber doch. Und jedes Mal wenn das geschieht, verändert sich die Welt. Es ist, als ob die Sonne ein wenig heller leuchte. Die Dunkelheit weicht zurück. Die Hoffnung gewinnt Raum. Die Welt wird ein besserer Ort, für Lenja und Nele und für uns alle.</p>
<p>Und Gott freut sich über die, die er liebt.</p>
<p>Möge er uns also dabei helfen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott lässt die Sonne über Gute und Böse leuchten. Er zeigt seine Gnade genau darin, dass er das Spiel von Freund und Feind nicht mitmacht. Jesus fordert uns heraus, ebenfalls auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt--damit die Welt noch ein wenig sonniger wird.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Überraschende Antworten für die, die dir Böses wollen</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Laudato si</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/laudato-si/</link>
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        <pubDate>Sun, 06 Oct 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wir sind reich beschenkt--mehr als wir es oft wahrnehmen. Wie gehen wir mit Gottes Geschenken um? Wie sieht gelebte Dankbarkeit aus?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. (1. Timotheus 4,4-5)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem ersten Timotheusbrief im Neuen Testament, aus dem vierten Kapitel.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Ganz so reich wie bei uns heute war der Tisch nicht gedeckt, an diesem 9. März 1522 am Wyngarten in Zürich. Aber ärmlich ging es trotzdem nicht zu: Christoph Froschauer, ein respektabler Bürger, der es durch den Betrieb einer Druckerpresse zu einer wohlhabenden Position in der Stadt gebracht hatte, hatte einige seiner Freunde zum Vesper eingeladen. Züricher Fasnetsküchle gab es schon vor dem Essen. Und das eigentliche Vesper hatte besonders Leckeres zu bieten: Geräucherte Wurst, scharf gewürzt und ein Jahr abgehangen, in hauchdünne Scheiben geschnitten zum Brot. Ein Leckerbissen. Einer, der nicht ohne Folgen blieb. Durch die &quot;sozialen Medien&quot; seiner Zeit verbreitete sich die Neuigkeit von Froschauers Würsten wie ein Lauffeuer. Hatte er sie seinen Freunden doch am ersten Sonntag der Fastenzeit serviert. Was durchaus als Provokation geplant war, zog seine Kreise. Zwei Wochen später hielt der Stadtprediger Huldrych Zwingli seine Predigt &quot;Von Auswahl und Freiheit der Speisen&quot;. Die Schweizer Reformation hatte begonnen.</p>
<p>Alles, was Gott geschaffen hat ist gut.</p>
<p>Für Zwingli war es selbstverständlich, dass man sich Gottes Zuwendung nicht durch das Einhalten irgendwelcher Speisevorschriften verdienen musste--oder überhaupt konnte. Dass das nicht immer so gesehen wurde, davon zeugt schon der biblische Text. In den vorhergehenden Versen ist dort von Menschen die Rede, die davon ausgehen, dass &quot;richtiger&quot; Glaube, &quot;richtige&quot; Nachfolge Jesu Christi, &quot;richtiges&quot; Leben als Christ sich ganz praktisch an so Fragen ablesen lässt, wie das, was man isst, oder eben nicht. Schon der Timotheusbrief widerspricht dem. Zwingli und viele andere haben sich angeschlossen. Da geht es um Freiheit, und Gnade, und vor allem: Um das Beschenktsein von Gott. Wir dürfen uns nämlich wahrnehmen als Menschen, die umgeben sind von der Fülle dessen, was Gott uns in seiner Schöpfung gibt. Die Äpfel auf den Bäumen, die Ähren auf dem Feld, die Tomaten im Garten und alles, was ihr hier sonst heute sehen könnt, ist ja nur ein winziger Bruchteil davon. Wer pausiert, Luft holt, ruhig wird und sich bewusst macht, was uns umgibt, der kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Von der Kühle der Nacht und dem ersten Sonnenstrahl am Morgen, von den Tautropfen, die im Garten glitzern und dem Regen, der der Natur Wasser gibt. Die Sterne, die uns bei Nacht leuchten, die Bienen, die um uns herumsummen, Schmetterlinge, und leuchtende Blüten: Das alles hat Gott gemacht. Karotten und Zwiebeln, Möhren und Kraut, Zucchini, Kürbis, Paprika, Bohnen, Birnen, Bananen, Kirschen und Zwetschgen. Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Stachelbeeren, Heidelbeeren und was weiß ich noch was für Beeren alle. Weizen, Gerste, Roggen und Hafer. Pfirsiche, Mirabellen, Quitten. Und Honig. Ein extravaganter Luxus umgibt uns. Und wir sind Beschenkte: Wir dürfen zugreifen.</p>
<p>Alles, was Gott geschaffen hat ist gut.</p>
<p>Zugreifen. Sich beschenken lassen. Staunen. Grund zum Lob Gottes.</p>
<p>&quot;Gelobt seist du, Herr, mit allen deinen Geschöpfen&quot;, singt vor 800 Jahren schon Franz von Assisi. &quot;Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.&quot; &quot;Gelobt seist du&quot; -- &quot;laudato si&quot; auf Italienisch, beginnt sein Sonnengesang, der in einer Neuvertonung zu einem der Kirchen-Hits der letzten Jahrzehnte geworden ist. Heute erstirbt das schmissige Lied vielen auf den Lippen, seit gegen den Verfasser der neuen Melodie umfangreiche Missbrauchsvorwürfe bekannt wurden. Sie bringen einen Missklang in das fröhliche Schwelgen in Gottes guter Schöpfung.</p>
<p>Alles, was Gott geschaffen hat ist gut.</p>
<p>Nicht nur an dieser Stelle wird uns bewusst, dass der Satz so allein nicht stehen bleiben kann. Denn auch wenn das, womit Gott uns beschenkt, wunderbar und gut ist, kommt es wohl doch auf die richtige Haltung, den richtigen Umgang damit an. &quot;Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird&quot;, heißt es dazu im Timotheusbrief. Und leider ist die Menschheit Meister darin geworden, Gottes gute Geschenke an vielen Stellen mit den Füßen zu treten. Dabei muss man gar nicht erst an Mord und Missbrauch denken. Auch anderes wiegt da schwer. Die Frage nach Gerechtigkeit zum Beispiel: Nach der Tatsache, dass viele Menschen auf dieser Welt Hunger leiden, während andere im unbegrenzten Luxus leben (und damit meine ich nicht irgendwelche Milliardäre, sondern fast alle Menschen hier in unserem Land.) Wir werfen Essen weg in Hülle und Fülle. Wunderbare Früchte mit ein paar Runzeln kommen gar nicht erst in unsere Läden, weil sie niemand kaufen würde. Wir greifen zum billigsten Angebot und es ist uns egal, wie viel noch bei denen ankommt, die hier gepflanzt und geerntet haben. Wir fahren Gemüse außerhalb der Saison um die halbe Welt, ohne an die Folgen für die Umwelt zu denken. Wir stopfen billigsten Industriefraß aus Fruktose-Glukose-Sirup und Glutamaten in uns hinein, ohne daran zu denken, was das mit uns selbst macht.</p>
<p>Und da sind wir erst beim Essen. Wir reden noch gar nicht davon, was wir sonst mit der Erde, die Gott uns gegeben hat machen. Mit der Schöpfung. Mit unseren Mitgeschöpfen. Mit unseren Mitmenschen. Und letztlich mit dem Schöpfer selbst, den wir mit dem, was wir haben, selten einmal in Verbindung bringen. Wenn, dann meistens dann, wenn uns etwas fehlt.</p>
<p>Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.</p>
<p>Ich würde vorschlagen, einmal Pause zu machen in all dem Wahnsinn. Anzuhalten und sich neu bewusst zu werden, wie sehr wir alle Beschenkte sind. Wie viel Gutes Gott über uns ausschüttet, auch jetzt, in einer Zeit, wo wir so viel von Defizit und Mangel hören. Ich würde vorschlagen, in den nächsten Tagen und Wochen bewusster zu durchdenken, wie wir mit all dem und mit unseren Mit-Beschenkten umgehen. Denken ist da die Devise. In Bezug auf das Essen heißt das schon, über Mengen und Lieferketten, über faire Preise und Bioprodukte, über regionalen und saisonalen Einkauf, über tatsächliche Bedarfe und über meine Mitmenschen nachzudenken. Bewusster damit umzugehen. Mögliche Konsequenzen für mein eigenes Verhalten in Betracht zu ziehen. Wir tun das in dem Wissen, dass niemand von uns allein die Ungerechtigkeiten dieser Welt ändern kann. Aber auch, dass es niemals nichts gibt, das wir tun können. Wir tun das -- das sollte euch nicht überraschen -- mit Hoffnung. Die haben wir ja.</p>
<p>Ich würde euch gerne vorschlagen, hier heute dankbarer rauszugehen, als wir vielleicht reingekommen sind. Aber ich weiß, dass man Dankbarkeit nicht befehlen kann--weder anderen, noch sich selbst. Dankbarkeit ist eine Haltung, die man aber einüben kann. Zum Beispiel, indem man bewusster mit den Dingen umgeht. Zum Beispiel auch, indem man sucht, wo sich das eigene Verhalten ändern könnte. Kleine Schritte, auch mit der Bereitschaft, mal an den eigenen Vorsätzen zu scheitern.</p>
<p>Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.</p>
<p>&quot;Lasst uns den Weg der Gerechtigkeit gehn&quot;, heißt es in einem unserer Lieder. Jesus Christus selbst lädt uns immer wieder dazu ein. Auch diese Predigt heute soll eine Einladung sein, vielleicht den nächsten Schritt (und sei es ein kleiner) auf diesem Weg zu tun. Dabei müssen wir aufpassen, dass wir nicht stattdessen auf den &quot;Weg der Selbstgerechtigkeit&quot; geraten. Der biblische Text warnt uns ja gerade vor menschengemachten Gesetzen und Regeln, auch in Bezug auf Essen und Trinken. Er betont unsere Freiheit, Gottes großzügige Geschenke zu genießen. Aus diesem Text kann man eben gerade nicht ablesen, dass jede:r Christ:in Veganer:in sein müsste, dass Christ:innen nur noch bio einkaufen, auf dem Markt oder direkt beim Bauern, mit dem Lastenrad natürlich, und ihre Reste beim Foodsharing mit anderen teilen. Wenn du trotzdem zu dem Schluss kommst, dass eine dieser Verhaltensweisen für dich ein guter Schritt sein könnte, ist das eine tolle Sache. Tu das!</p>
<p>Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.</p>
<p>Es ist an uns, zu überlegen, wie unser Dank aussehen wird. Mit dem Ende des Erntedankgottesdienstes ist er hoffentlich nicht für dieses Jahr abgehakt. Ich habe diese kurzen Sätze aus dem Timotheusbrief heute ganz bewusst aus der Lutherübersetzung gelesen und nicht aus der Basisbibel, wie sonst in den letzten Monaten immer. Die Lutherübersetzung bringt nämlich gut die Doppeldeutigkeit eines der Worte im griechischen Original zum Ausdruck: Wo viele andere Übersetzungen nur von &quot;Dankbarkeit&quot; reden, ist hier von &quot;Danksagung&quot; die Rede. Ich finde das gut. Es geht nämlich am Ende tatsächlich um mehr als nur ein tief im Inneren verborgenes Gefühl der Ergriffenheit über den Reichtum von Gottes Geschenken an uns. Es geht um eine Haltung, die nach außen ihren Ausdruck findet. Dank-sagung. In Wort und Tat. Vielleicht in einem veränderten Verhalten. Ganz sicher aber mindestens in den Worten meines Lobs an Gott:</p>
<blockquote>
<p>Höchster, allmächtiger, guter Herr,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>dein ist das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Dir allein, Höchster, gebühren sie</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>besonders dem Herrn Bruder Sonne,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Und schön ist er und strahlend in großem Glanz:</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>von dir, Höchster, ein Sinnbild.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Mond und die Sterne.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Am Himmel hast du sie geformt, klar und kostbar und schön.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>durch den du die Nacht erhellst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde,</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>die uns erhält und lenkt</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>[...]</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Lobt und preist meinen Herrn</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und dankt und dient ihm mit großer Demut.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Amen.</p>
</blockquote>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wir sind reich beschenkt--mehr als wir es oft wahrnehmen. Wie gehen wir mit Gottes Geschenken um? Wie sieht gelebte Dankbarkeit aus?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wie ich Gott als reich Beschenkter preise</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Lebensglück</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/lebensglueck/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/lebensglueck/</guid>
        <pubDate>Sun, 15 Sep 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ob an den Glückstagen des Lebens, oder in Abschied, Trauer und Sterben: Gott hat versprochen, bei mir zu sein. Das ist mir Freude und Lebensglück.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p><sub>5</sub>Der Herr ist mein Erbteil</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und bestimmt mein Schicksal.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist es, der mein Los festgelegt hat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>6</sub>Mein Los fiel auf ein schönes Land.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ja, ein solches Erbteil gefällt mir gut.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>7</sub>Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Selbst in den Nächten denke ich darüber nach.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>8</sub>Der Herr steht mir immer vor Augen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>9</sub>Darum ist mein Herz so fröhlich</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und meine Seele jubelt vor Freude.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch für meinen Leib ist gesorgt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>10</sub>Denn du gibst mich nicht dem Totenreich preis.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du lässt mich das Grab noch nicht sehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich gehöre doch zu denen, die dir dienen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>11</sub>Du zeigst mir den Weg zum Leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Große Freude finde ich in deiner Gegenwart</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und Glück an deiner Seite für immer. (Psalm 16,5-11)</p>
</blockquote>
<p>Aus einem der Psalmen, der Gebete der Bibel. Dem Sechzehnten.</p>
<p>Was nehmen wir mit von diesem Tauffest?</p>
<p>Wir haben gesungen und gebetet. Zwei Kinder haben uns angelächelt. Wir haben miteinander unsere guten Wünsche und Hoffnungen für das Leben der beiden vor Gott getragen. Und wir haben von Gottes Versprechen gehört, von seiner Zusage--von seinem großen &quot;Ja&quot; zu unserem Leben. Liebe Laureen, lieber Benaja, damit lässt es sich gut leben. Liebe Eltern, liebe Pat:innen, ja, ihr alle: Nehmt das mit. Haltet es fest. Nehmt es als Gottes Versprechen, das euch gilt und lebt im Vertrauen darauf. Aber vor allem: Erzählt davon weiter, an Benaja und Laureen, die heute noch klein sind und noch nicht verstehen können, welches große Geschenk ihnen da zuteil wird. Erzählt davon, damit auch sie ihr Leben darauf gründen können: Gott hat zu dir &quot;ja&quot; gesagt. Komme was wolle, er hält zu dir. Erzählt von dem Gott, der uns bedingungslos liebt. Erzählt von Christus, seinem Sohn, der uns sein Leben schenkt. Erzählt von Gottes Geist, der in uns wohnt: Gott bei mir, ganz nahe! &quot;Evangelium&quot; nennen wir das. Gute Nachricht. Damit lässt es sich gut leben.</p>
<p>Es mag zweieinhalb tausend Jahre her sein, da hat das jemand aufgeschrieben. Die Gebete der Bibel, die Psalmen, packen menschliche Grunderfahrungen in Worte und richten sie an Gott, in dem Vertrauen, dass er hört und dass er uns begleitet. Vor so langer Zeit hat ein Mensch das gute Leben im Vertrauen auf ihn in Bilder gefasst, die damals geläufig waren. Die Worte reflektieren die Erfahrungen eines Volkes, das Gott erwählt und ein neues, gutes Land geführt hat. Vielleicht habt ihr die Geschichten noch im Ohr: Von Mose und dem Meer, das sich teilt, vom Pharao, von der Feuer- und Wolkensäule, von vielen Jahren in der Wüste. Wenn nicht, dann könnt ihr sie in den ersten Büchern der Bibel nachlesen: Im Exodusbuch, das wir auch &quot;2. Mose&quot; nennen, und in den Folgebänden Numeri, Deuteronomium und dem Josuabuch. Dort wird dann erzählt, wie man endlich ankam im erhofften, im verheißenen Land. Milch und Honig fließe hier, hieß es immer sprichwörtlich. Lange war das nur ein ferner Traum. Manche glaubten schon gar nicht mehr daran. Und dann waren sie da: Das Land gehörte ihnen. Nach der langen Reise wurde es jetzt verteilt. Jede Familie, jede Sippe und jeder Stamm in einer bestimmten Gegend. Dort wurde dann gelost, wer wo genau sein neues Heim finden würde. Und, stellt sie euch vor: die Freude, die Erleichterung: &quot;Mein Los fiel auf gutes Land.&quot; Hier kann ich wohnen. Hier kann ich ein Zuhause finden. Hier ist Raum für mich. Hier kann ich sein, wie ich bin. Hier gibt es Zukunft. Hier gibt es Hoffnung. Hier kann ich glücklich werden. Gut leben lässt es sich hier.</p>
<p>Es sind nicht die Bilder unserer Zeit. Aber sie fassen zusammen, worum wir vorher für Laureen und Benaja gebetet haben. Was wir für sie erhoffen. Und für uns doch auch. Das gute Leben.</p>
<p>&quot;Große Freude&quot; und &quot;Glück&quot; wird das am Ende des Psalms genannt. Das wünschen wir uns alle.</p>
<p>Wenn wir also nachher weggehen von diesem Festgottesdienst, beseelt von der Aussicht auf Freude und Hoffnung, dann nehmen wir das mit -- das Versprechen, dass es sich mit Gott gut leben lässt. Dann machen wir hier noch ein paar lächelnde Familienfotos zum Andenken und dann geht es auf den Weg, zum Weiterfeiern und zum Weiterleben. Schritt für Schritt auf die Zukunft mit Gott zu. Dann machen wir die Tür der Kirche auf...</p>
<p>... und ziehen fröstelnd unsere Jacke zu. Maximal vierzehn Grad soll es heute geben. So hattet ihr euch das vermutlich nicht vorgestellt, als ihr euch den Spätsommer für euer Fest ausgesucht habt. Wenigstens bleibt uns der ganz große Regen erspart und in den Alpen, da fällt schon Schnee!</p>
<p>Das ungewohnt kalte Wetter heute erinnert an das, was auch im Psalm zwischen den Zeilen zu lesen ist: Das Glück, von dem dort die Rede ist, ist eben kein happy-clappy-immer-scheint-die-Sonne-Glück mit rosaroten Wolken und Regenbogen und Glitzer. Wer auch immer diesen Psalm geschrieben hat, der weiß auch, dass es auch die Nächte gibt, in denen man nicht schlafen kann. Die traurigen Momente, die schweren Tage, die Sorgen und den Druck des Alltags kennt man vor zweieinhalb tausend Jahren genauso, wie sie heute jeder von uns kennt. Und wie, das wird uns bewusst, wenn wir ehrlich darüber nachdenken, auch Benaja und Laureen sie erleben werden. So sicher wie das Amen in der Kirche, das jetzt irgendwann kommt.</p>
<p>Das ist kein einfaches &quot;Glaub an Gott und dir geht's immer gut.&quot;</p>
<p>Das wird spätestens dann klar, wenn ich euch heute, an diesem freudigen Tauftag von Benaja und Laureen, auch von Laureens Uroma Ilse erzähle. Die wäre sicher gerne auch mit dabei gewesen, heute, bei diesem Fest. Alle haben auch gehofft, dass sie wenigstens heute Nachmittag zum Kaffee kommen kann, auch wenn es ihr in letzter Zeit gar nicht mehr gut ging. Es hat nicht sollen sein. Am frühen Mittwochmorgen hat Uroma Ilse das letzte Mal ihre Augen zugemacht. 94 Jahre alt ist sie geworden. Familie Schlecht werde ich schon in wenigen Tagen wiedersehen. Dann werden wir miteinander um ein Grab stehen. Ganz anders als heute.</p>
<p>Soll man darüber heute reden? Natürlich, denn man kann es ja nicht ignorieren, was da ist. Dass sich in die Freude heute auch die Trauer mischt. Und das ist gar nicht so außergewöhnlich, gar kein &quot;besonderes Pech&quot; oder irgendetwas in der Art. Es ist einfach die Realität des menschlichen Lebens mit seinem Auf und Ab, mit Freude und Schmerz, mit Kommen und Gehen. Wunderbare neue Menschen wie Benaja und Laureen kommen und bereichern unsere Welt und unser Leben. Wunderbare andere Menschen gehen von uns und fehlen uns schmerzlich. So war es immer. So wird es immer sein. Auch das Vertrauen auf Gott setzt diese Rhythmen des Lebens nicht außer Kraft.</p>
<p>Aber...!</p>
<p>&quot;Der Herr steht mir immer vor Augen&quot;, hat schon damals jemand geschrieben. &quot;Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.&quot;</p>
<p>Ich sage gerne: &quot;Wir haben Hoffnung!&quot;</p>
<p>Wenn wir nämlich am Mittwoch dann dort am Grab stehen, dann werde ich von demselben Jesus Christus reden wie heute. Von dem an meiner Seite. An unserer Seite. An Laureens und an Benajas Seite. An Ilses Seite. Immer. Überall. Alle Tage. Bis an der Welt Ende. Niemals ist er weiter von mir weg. Nie weicht er von mir. Nie vergisst er mich. Nie lässt er mich im Stich. &quot;Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.&quot;</p>
<p>Heute bei der Taufe und am Mittwoch am Grab und stellvertretend für alle Tage, die dazwischen liegen, erzähle ich von Jesus Christus, mit dem Gott das besiegelt. In ihm ist er Mensch geworden. Einer von uns. So nahe ist er uns gekommen. Er lebt unser menschliches Leben. Er geht unsere menschlichen Wege. Er zeigt uns: Schaut, überall da bin ich da. An den guten Tagen. In Sorgen. In Krankheit. In Einsamkeit. In Not. Selbst im Sterben. Schaut auf Jesus, dann seht ihr, wie Gott selbst den Tod für uns auf sich nimmt. Auch das kann uns nicht aus seiner Hand reißen!</p>
<p>Schaut auf Jesus, und dann seht ihr auch, dass Gott den Tod überwindet. Das was uns schwarz und dunkel und schwer erscheint, das verwandelt er in etwas Neues, Ewiges, Gutes. &quot;Du zeigst mir den Weg zum Leben.&quot; Die Taufe, die wir gerade gefeiert haben, zeigt darauf. Sie sagt uns: Genau dieses Leben des Christus, der den Tod überwunden hat--dieses Leben schenkt euch Gott. Euer Leben trägt hier und jetzt schon die Qualität des Ewigen. Es ist Gottes Leben, Christi Leben, das ihr lebt. Und er ist immer an eurer Seite.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>lieber Benaja, liebe Laureen, liebe Eltern, liebe Pat:innen, liebe Mitfeiernde, liebe Gemeinde,</p>
<p>Das ist das Glück und die Freude, wovon der Psalm redet: Dass im Auf und Ab des Lebens, in Höhen und Tiefen, in Licht und Dunkel--wie wir sagen würden: in guten und in schlechten Zeiten--Gott immer bei uns ist. Immer an meiner Seite. Dass, komme was wolle, ich niemals allein durch muss durch das, was das Leben mit sich bringt. Ich weiß immer: Gott ist da.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>das ist die Hoffnung, die alle, die Gott vertrauen, durchs Leben trägt -- echte Hoffnung. Toderprobte Hoffnung. Auferstandene Hoffnung: Du zeigst mir den Weg zum Leben. &quot;Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer.&quot;</p>
<p>In der jüdischen Tradition wird dieser 16. Psalm gebetet, wenn beim Abschied der Leib ins Grab versenkt wird. Genau dann erklingen die Worte dieser Hoffnung. Vielleicht hören wir sie da auch am Mittwoch wieder. Vielleicht auch schon vorher, oder nachher. Denn das ist die Gewissheit, die wir mitnehmen sollten, in einen kalten, windigen Tag, und ins ganze Leben:</p>
<blockquote>
<p><sub>5</sub>Der Herr ist mein Erbteil</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und bestimmt mein Schicksal.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist es, der mein Los festgelegt hat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>6</sub>Mein Los fiel auf ein schönes Land.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ja, ein solches Erbteil gefällt mir gut.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>7</sub>Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Selbst in den Nächten denke ich darüber nach.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>8</sub>Der Herr steht mir immer vor Augen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>9</sub>Darum ist mein Herz so fröhlich</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und meine Seele jubelt vor Freude.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Auch für meinen Leib ist gesorgt.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>10</sub>Denn du gibst mich nicht dem Totenreich preis.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du lässt mich das Grab noch nicht sehen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich gehöre doch zu denen, die dir dienen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>11</sub>Du zeigst mir den Weg zum Leben.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Große Freude finde ich in deiner Gegenwart</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>und Glück an deiner Seite für immer. (Psalm 16,5-11)</p>
</blockquote>
<p>Mögen Freude und Glück euch alle begleiten.</p>
<p>Denn damit lässt es sich gut leben.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ob an den Glückstagen des Lebens, oder in Abschied, Trauer und Sterben: Gott hat versprochen, bei mir zu sein. Das ist mir Freude und Lebensglück.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung und Freude in guten und in schlechten Zeiten</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>12:10</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Komet</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/komet/</link>
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        <pubDate>Sun, 18 Aug 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Udo Lindenberg und Apache 207 machen sich Gedanken über die eine, unausweichliche Frage &quot;Wenn ich geh...?&quot;. Ja, was denn dann? Im Rahmen der Sommerpredigtreihe denken wir über den Text von &quot;Komet&quot; (2023) nach -- und darüber, wie das dann ist, &quot;wenn ich geh.&quot;</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.youtube.com/embed/0nYDnTTJgFI?si=GZGZaYYe3tRS4VKG">Eingebetteter Inhalt</a>Nochmal aufdreh'n. Lass uns nochmal aufdreh'n. Ein Partylied? Ein Sommerhit um hemmungslos abzutanzen, alles rauszulassen? Aufdreh'n. Man lebt nur einmal, also hier und jetzt. Aufdreh'n, selbst wenn es weh tut. Ein Zeichen setzen. Eines, das bleibt. Aufdreh'n.</p>
<p>Nochmal aufdreh'n. Das war schon früher so. Da waren sie, die stolzen Zeiten. Wo der Applaus tobt. Wo der Bär steppt. Wo das Leben rauscht. Wo er zu Hause war. Leben. Aufdreh'n. Nochmal aufdrehn. Das gab's ja alles schon.</p>
<p>Nochmal aufdreh'n. Das gab's ja alles schon. Er hat gelebt. Er hat aufgedreht. Der Applaus tobte. Aufdrehn. Immer weiter drehn. Das Leben hat sich weitergedreht. Vieles war immer gleich. Die Bars kommen und gehen, der Schnaps schmeckt noch genauso. Drehn. Weiterdrehn. Lange. Schon sehr lange. Er zählt die Jahre schon nicht mehr. Alles kommt ihm vor, wie wenn es alles im Rauch liegt. Im Nebel. Man blickt schon gar nicht mehr durch.</p>
<p>Er sitzt in der Bar, am Hafen. Die Möwen kreischen über seinem Kopf. Wenn man die hören kann, ist die Musik verstummt. Die anderen Gäste sind längst weg. Nur die Reste der Party liegen noch auf dem Boden. Konfetti. Hier war mal richtig was los. Ein Taxifahrer sammelt die Letzten ein, die nicht mehr selbst laufen oder fahren können. Das Glas noch in der Hand. Den allerletzten Schluck.</p>
<p>Aufdreh'n. Nochmal aufdreh'n. Nein, das ist nicht &quot;Layla&quot;. Wer hier nur sorglos tanzen will, hat das melancholische &quot;Da-dei-da&quot; überhört. Es ist ein nachdenkliches Lied, das er da singt. Ein Lied vom Ende. &quot;Das letzte Lied zum Rausschmiss&quot;. Und dann? Was kommt nach dem letzten Schluck auf Ex? Nach dem Ausstieg aus dem Taxi. Rausschmiss?</p>
<p>Wenn ich geh...</p>
<p>Wer ist er eigentlich? Das &quot;ich&quot;, das da singt?</p>
<p>Wer in irgendwann in den letzten Jahrzehnten in Deutschland mal das Radio angemacht hat, der wird Udo Lindenbergs Stimme sofort erkannt haben. 54 Jahre machte er bereits Musik, bevor er im Januar 2023 dieses Lied veröffentlichte. Vielfach wurde er mit dem Echo ausgezeichnet, mit dem Bambi für sein Lebenswerk, dem deutschen Radiopreis, der goldenen Kamera, der goldenen Stimmgabel und dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ehrenbürger von Hamburg ist er sowieso. Vermutlich hat niemand so viel dafür getan, Rockmusik in deutscher Sprache populär zu machen, wie er. Ein Meister der Sprache ist er. Er beherrscht das Spiel mit den Metaphern. 2010 hat er den Jacob-Grimm-Preis als Kategorie des Kulturpreises Deutsche Sprache bekommen--das ist auch nicht alltäglich, dass den ein Musiker bekommt. Wer an Musik in Deutschland denkt, kommt an Udo Lindenberg nicht vorbei. Jeder kennt seine Stimme.</p>
<p>Na ja, fast jeder. Meine Tochter hat in dem Lied sofort Apache 207 erkannt. Lindenberg war ihr fremd. Neue Generationen hören neue Stimmen. Apache 207, der Mannheimer, den niemand unter seinem bürgerlichen Namen Volkan Yaman kennt, ist mit &quot;Roller&quot; berühmt geworden. Nummer-eins-Hit, meistgestreamter Song 2019, meistverkaufter Rapsong in Deutschland. Lindenberg hat ein Konzert von ihm besucht und war gleich begeistert. &quot;Apache fiel mir gleich auf, weil er sich doch sehr vom Normalo-Gangsta-Rap unterscheidet. Cooler, schlauer Junge, sehr geflashte Texte, Trademark-Stimme - und singt auch noch mega-geschmeidig.&quot; [NDR] Gegenseitige Besuche folgten. Der Song sei ihnen &quot;nur so zugeflogen&quot;, erinnert sich Lindenberg im NDR-Interview. Zwei Musikrichtungen kommen zusammen. Zwei Stimmen (&quot;passen tausendpro&quot;) kommen zusammen.</p>
<p>Meine Tochter Emma kannte nur eine davon. Neue Generationen hören neue Stimmen.</p>
<p>Ist es das, wovon Lindenberg singt? Da-dei-da -- die melancholischen Erinnerungen eines großen Musikers, der weiß, das seine Zeit vorüber ist? Der mit Stolz die Fahne vergangener Höhepunkte trägt, aber am Ende noch nur allein zu Hause sitzt -- im dichten Rauch der vorbeiziehenden Jahre?</p>
<p>Wer das meint, der kratzt höchtens an der Oberfläche des Werks, das nicht nur auf Lindenberg und Apache 207 zurückgeht, sondern in einer ganzen Gruppe erarbeitet wurde. Chris James, Jumpa, Sira und Takt32 zeichnen ebenfalls für den Song verantwortlich. Auch der Wechsel der Stimmen im Lied sollte Hinweis darauf sein, dass das &quot;ich&quot; nicht einfach mit einem alternden Lindenberg gleichzusetzen ist. Wie so oft hat das lyrische Ich eine Perspektive, die über eine Einzelperson hinausgeht. Das &quot;ich&quot; könnten wir alle sein.</p>
<p>&quot;Unser Komet ist ein Song über die Unvergänglichkeit, über den Fußabdruck, den wir hinterlassen&quot;, meint Lindenberg. Gemeinsam mit den fünf anderen hat er einen Text über die eine Frage verfasst, an der kein Mensch vorbeikommt. &quot;Und wenn ich geh...?&quot; Was dann, wenn ich geh? Wer sein Leben nicht ganz in undurchsichtigen Rauchschwaden verbringt, der merkt mindestens in besonderen Momenten der Klarheit, dass es nicht endlos so weitergeht. Das Leben ist begrenzt. Mit jedem Jahr auf dieser Welt wird einem das mehr bewusst. Und die Jahre scheinen immer kürzer zu werden. Das letzte Glas schon fast leer. Kommt dann der Rausschmiss?</p>
<p>&quot;Und wenn ich geh...&quot; Was dann, wenn ich geh?</p>
<p>Kometen sind relative kleine Himmelskörper aus Eis, Staub und lockerem Gestein, die sich in den äußeren, kalten Bereichen des Sonnensystems gebildet haben und von dort auf die Reise Richtung Sonne begeben. Mit der Annäherung an die Sonne lösen sich ins Eis eingebettete Staubteilchen und bilden eine schalenförmige, nebulöse Hülle um den Kern des Kometen. Durch Strahlungsdruck und Sonnenwind werden Teile dieser Hülle &quot;weggeblasen&quot;, so dass sich ein lang gestreckter Schweif bildet. Im Licht der Sonne werden Kometen daher besonders sichtbar, was sicher einer der Anknüpfungspunkte des Liedtextes ist. Die beobachtete Flugbahn eines Kometen um die Sonne ähnelt oft einer Parabel. Kometen kommen, umrunden die Sonne und gehen wieder -- ein weiterer Anknüpfungspunkt. Manche Kometen, die sogenannten &quot;periodischen&quot;, fliegen in Wirklichkeit auf einer sehr langgezogenen, elliptischen Bahn, so dass sie immer wiederkommen -- wenn auch zum Teil in großen Abständen von bis zu 100 Millionen Jahren.</p>
<p>&quot;Und wenn ich geh, dann so wie ich gekommen bin, wie ein Komet, der zweimal einschlägt.&quot;</p>
<p>In der Regel lösen sich Kometen irgendwann auf. Schließlich verlieren sie in ihrem Schweif bei jeder Umrundung der Sonne an Masse. Das eingeschlossene Eis verdampft und irgendwann gibt es einfach keinen Kometen mehr. Aus und vergessen. Nichts bleibt!</p>
<p>Einschlagen tun Kometen in der Regel nicht. Bruchteile von Kometen gehen manchmal als Meteore auf die Erde nieder. Ein Einschlag ist zwar nicht ausgeschlossen, es gibt aber in der bisher erforschten Erdgeschichte keinen einzigen gesicherten Hinweis auf den Einschlag eines Kometen. Zum Glück! Eine derartige Kollision wäre mit Sicherheit das Ende des Lebens auf diesem Planeten! Komplett auszuschließen ist deshalb auch die Möglichkeit, dass ein Komet gleich zweimal einschlägt. Mit dem ersten Einschlag wäre die Flugbahn nämlich definitiv beendet.</p>
<p>&quot;Und wenn ich geh, dann so wie ich gekommen bin, wie ein Komet, der zweimal einschlägt.&quot;</p>
<p>Und wenn doch?</p>
<p>Der, der hier singt, will nicht einfach in Vergessenheit geraten. Nun, da der allerletzte Schluck Leben sich nähert, sorgt er sich um das, was am Ende übrigbleibt. Er will mit einem großen &quot;Bang&quot; gehen, etwas hinterlassen, das bleibt. Auf keinen Fall will er sich in der einsamen Stille zu Hause einfach auflösen und vergessen werden. Nein: Ich &quot;will auf Nummer sicher geh'n, dass ich für immer leb.&quot; Deshalb: &quot;Lass uns nochmal aufdreh'n!&quot;</p>
<p>Das offizielle Musikvideo zum Lied legt noch einmal eine neue, spannende Folie darüber: Apache 207 spielt einen Kleinkriminellen, der an einer Kneipenschlägerei beteiligt war, in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde, Bier aus einem Laden klaut und auf der Flucht noch ein parkendes Auto beschädigt. Das alles sehen wir dort aber nur in Rückblenden. Völlig losgelöst von der bisherigen Bilderwelt des Songtexts nimmt uns das Video mit zur Gerichtsverhandung. Udo Lindenberg tritt als Verteidiger auf, nuschelt dort seine Hafenerinnerungen in das Mikrofon. Auch wenn er immer wieder Gründe zu finden scheint, die die Handlungen des Angeklagten rechtfertigen sollen, ist die Jury von dessen Schuld fest überzeugt. Am Ende erklingt, anders als in der Audioversion, die Stimme der Richterin: &quot;Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Geschworenen befinden den Angeklagten für schuldig des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tatmehrheit mit gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstahl. Der Angeklagte wird verurteilt zu Hausarrest. Es wird ihm überlassen, wo er diesen verbringt.&quot;</p>
<p>Dann fällt der Hammer. Schuldig. Auch ein &quot;Bang&quot;.</p>
<p>Aber der scheint es wert gewesen zu sein: Es ging ja schließlich darum, nicht unbemerkt zu gehen. Etwas zu hinterlassen. Große Fußstapfen. Die finalen Sekunden des Videos zeigen, zu nachdenklicher Musik, die Dachterasse des Hotel Atlantic, Lindenbergs langjährigem Domizil. Lindenberg und Apache 207 sitzen dort, vor den Lichtern des nächtlichen Hamburg und rauchen Zigarren. Sie sehen sehr zufrieden mit sich aus. Am Himmel über ihnen zieht ein Komet seine leuchtende Bahn. Sie nicken.</p>
<blockquote>
<p>Und wenn ich geh, dann so, wie ich gekommen bin, wie ein Komet, der zweimal einschlägt. Vielleicht tut es weh, doch will auf Nummer sicher geh'n, dass ich für immer leb. Lass uns nochmal aufdreh'n!</p>
</blockquote>
<p>Über den &quot;Big Bang&quot; muss sich Udo Lindenberg nun keine Gedanken mehr machen. Nach 54 Jahren Musikerkarriere hat er es im Januar 2023 gemeinsam mit Apache 207 geschafft, einen Nummer-Eins-Hit zu landen. Und was für einen: 21 Wochen lang war &quot;Komet&quot; ununterbrochen an der Spitze der deutschen Single-Charts, 30 Wochen auf den ersten beiden Plätzen. Der Song bricht alle Rekorde: Nach 18 Wochen überholte er &quot;Rivers of Babylon&quot; und &quot;Despacito&quot; als am häufigsten auf Platz 1 platziertes Lied. Schon eine Woche früher lief er &quot;Verdammt ich lieb dich&quot; den Rang als deutschsprachiges Lied mit den meisten Spitzenplätzen ab. Zweimal Platin gab es inzwischen schon. 1,5 Millionen Aufrufe des Videos auf Youtube allein in den ersten zwei Tagen. Lindenberg hat sich ein Denkmal gesetzt.</p>
<p>War's das jetzt? War das der große Bang -- &quot;sie sollen seh'n&quot;? Nach all den Erfolgen der Vergangenheit, war das jetzt der Fußabdruck &quot;stärker als die Zeit&quot;, in den kein andrer Fuß noch reinpasst? Reicht das jetzt, um nicht in Vergessenheit zu geraten -- &quot;wenn ich geh&quot;?</p>
<p>Als Pfarrer kann ich alle diese Fragen zunächst nur begrüßen. Es sei klug, heißt es im 90. Psalm, der Mose zugeschrieben wird, zu bedenken, dass man sterben muss. Es bringt ja nichts, vor sich hinzuleben, als würde alles ewig so weitergehen. Viele versuchen das ja. Auf Dauer kann man das gar nicht durchhalten. Das Leben ist endlich. Was machen wir damit? Was bleibt -- &quot;wenn ich geh&quot;?</p>
<p>Mein Beruf bringt es mit sich, dass man sich mit diesem Thema sehr intensiv beschäftigt. Meine Töchter können bestätigen, dass man im Pfarrhaus ganz normal am Mittagstisch sitzen kann und plötzlich mit größter Selbstverständlichkeit über Sterben, Tod und Beerdigung geredet wird. Das Thema ist präsent. Und ich erlebe an mir selbst, was Psalm 90 beschreibt, dass es gut ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das Nachdenken über das Sterben hilft tatsächlich bei der Gestaltung des Lebens. Ich bin froh darüber.</p>
<p>Was also, &quot;wenn ich geh&quot;?</p>
<p>Beim Hören von &quot;Komet&quot; fehlt mir (wenig überraschend für die, die mich kennen) die Hoffnung. Ich höre ganz viel Unsicherheit heraus. War's das jetzt? Reicht das jetzt? Ich höre ganz viel verzweifeltes Versuchen heraus, dem Sterben (und dem Vergessenwerden) ein Schnippchen zu schlagen, indem man das &quot;eine große Ding&quot; findet, das irgendwie Ewigkeitswert hat. &quot;Ich will sicher geh'n&quot; -- und dann findet man diese Sicherheit nicht. &quot;Lass uns nochmal aufdreh'n&quot; erscheint mir als eine wenig sinnvolle Lösungsstrategie angesichts eines begrenzten Lebens. Und irgendwann hat auch das größte Aufdreh'n, auch das letzte Aufbäumen ein Ende. Dann bleibt nur noch Konfetti auf der Straße. Der letzte Glitter von dem, was keiner festhalten kann.</p>
<p>Als Christ bin ich überzeugt davon, dass das anders gehen kann. Dass es bessere Antworten gibt auf diese Frage, der kein Mensch sich entziehen kann. &quot;Wenn ich geh&quot;, dann gehe ich mit Hoffnung. Nicht mit einer Fantasie, an die ich mich klammere. Nicht mit irgendeinem unerreichbaren Komet, der unendlich weit von mir unberührt seine Bahn zieht. Meine Hoffnung hat einen Namen. Sie heißt Jesus Christus. In ihm hat Gott mir gezeigt, dass mein Leben seinen Wert nicht erst in einem unvergesslichen &quot;Aufdreh'n&quot; finden muss. Den Wert meines Lebens hat Gott von Anfang an garantiert. In Christus zeigt er mir, dass ich ihm so viel wert bin, dass er für mich Mensch wird, mit mir meine Lebenswege geht, für mich bereit ist, alles auf sich zu nehmen -- sogar das Sterben, dem ich nicht entkomme. In Jesus Christus hat mir Gott einen Weg geöffnet, durch dieses Ende hindurch, zu dem, was sich alle ersehnen und doch keiner allein erreicht: &quot;Dass ich für immer leb.&quot; In Christus habe ich diese Gewissheit. In ihm weiß ich mich geborgen, auch über den Tod hinaus. Für mich verändert das alles. Es macht mich gelassener im Umgang mit meiner eigenen Endlichkeit. Es schafft Klarheit und Perspektive statt undurchdringlichem Rauch. Und mit Gottes Versprechen blüht mir eines Tages noch viel mehr Glitter, als man auf den Hafenstraßen Hamburgs jemals streuen kann.</p>
<p>Ich muss dem &quot;Kometen&quot; also wiedersprechen. In Christus ist mein Leben mehr als ein Kommen und wieder Gehen, sei es mit Applaus und Lichtschweif, sei es mit dem großen &quot;Bang&quot; oder ohne.</p>
<p>&quot;Wenn ich geh...&quot; Ich habe versucht, eine neue Formulierung zu finden, die passt. Ich habe sie bei Paulus gefunden, im 14. Kapitel des Römerbriefs. In meiner letzten Gemeinde kamen diese Worte jedesmal zu Gehör, wenn wieder jemand von uns gegangen war. Alle haben sie dann auswendig mitgesprochen. Hier sind sie -- mein &quot;Wenn ich geh...&quot;</p>
<blockquote>
<p>Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14,7-9)</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
<hr>
<p>Am Ende der Predigt habe ich als &quot;Widerspruch&quot; zum &quot;Kometen&quot; nicht noch einmal den Hit von Udo Lindenberg und Apache 207 eingespielt, sondern ganz bewusst ein anderes Lied:</p>
<p><a href="https://www.youtube.com/embed/BfZZoUt_g2g?si=eSUH1N07tacLVzLW">Eingebetteter Inhalt</a></p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Udo Lindenberg und Apache 207 machen sich Gedanken über die eine, unausweichliche Frage &quot;Wenn ich geh...?&quot;. Ja, was denn dann? Im Rahmen der Sommerpredigtreihe denken wir über den Text von &quot;Komet&quot; (2023) nach -- und darüber, wie das dann ist, &quot;wenn ich geh.&quot;</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wenn ich geh...</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Die Mannschaft</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/die-mannschaft/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/die-mannschaft/</guid>
        <pubDate>Sun, 14 Jul 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Statt Tipps zur idealen Mannschaftsaufstellung vom völlig unsportlichen Pfarrer gibt es zum 100. Jubiläum des TV Nebringen Gottes Idee von einer Mannschaftsaufstellung. Am Ende können wir alle nur gewinnen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Liebe Festgemeinde,</p>
<p>Ich finde es ja schon mutig vom TVN, für den Gottesdienst zum 100. Jubiläum ausgerechnet eine der unsportlichsten Personen in Gäufelden um ein Wort zu bitten. Was man sich dabei wohl gedacht hat? Nun stehe ich aber schon einmal hier vorne und vor der Herausforderung, in wenigen Minuten mindestens so viele Weisheiten von mir zu geben wie Béla Réthy in einem kompletten Länderspiel. Viel Spaß dabei! Zum Glück kommt dieser Termin nicht ganz zur Unzeit, denn es gibt ja so eine Zeitspanne von ein paar Wochen alle zwei Jahre oder so, da werden selbst vom Sport völlig unbeleckte Personen wie ich plötzlich zu Fanatikern, sitzen im Nationaltrikot auf dem Sofa und stopfen zwei Mal 45 Minuten Chips und Getränke in sich rein, um hinterher sagen zu können: &quot;Wir haben gewonnen.&quot; Ich stehe also heute hier nicht nur als Pfarrer, sondern als einer von ungefähr 83 Millionen deutschen Bundestrainer:innen und als solcher bin ich ja vielleicht dann doch qualifiziert, im TVN-Festzelt meine Meinung sagen zu dürfen. Was passiert, wenn die ungehört bleibt, hat man ja letzte Woche beim EM-Aus für die deutsche Mannschaft gesehen. Und damit das in zwei Jahren bei der WM dann nicht wieder so endet, hier also ein paar entscheidende Tipps von mir zur besten Mannschaftsaufstellung:</p>
<p>Erstens: Manuel Neuer.</p>
<p>Ihr schaut mich erwartungsvoll an. Das war's aber schon. Das Bild von der Aufstellung ging schon vor Jahren durch die sozialen Netzwerke: Manuel Neuer auf allen Positionen. Mir leuchtet das irgendwie ein. Ein guter Torwart wie Neuer ist ja schon super. Wir stellen einfach elf davon auf den Platz, dann passt gar kein gegnerischer Ball mehr in unser Tor rein. Starke Verteidigung, eine solide Mauer hinten -- dann sollen die mal schauen, wie die noch Tor schießen. Dem Erfolg unserer Mannschaft dagegen sollte das keinen Abbruch tun--schließlich würde es niemanden überraschen, wenn Neuer in Zukunft auch noch selber Tore schießt. Und wenn es vorne mal hektisch wird und der Ball dann neben dem Tor raus geht, wechseln wir einfach einen der 11 Neuer gegen Toni Kroos aus. Irgendjemand muss ja schließlich die Ecken schießen.</p>
<p>Natürlich könnte man das Ganze auch umgekehrt machen. Wir könnten ja statt rein defensiv auch komplett offensiv agieren. Dann wären Füllkrug, Havertz, Müller und Undav, Beier, Wirtz, Sané und Musiala auf jeden Fall auf dem Feld. Gündoğan und Kroos vermutlich auch, und vielleicht noch Robert Andrich. Weiter hinten bräuchten wir niemand, wenn der Ball gar nicht mehr aus dem gegnerischen Strafraum herauskommt, oder?</p>
<p>Ich muss sagen, dieses zweite Konzept kann man definitiv als erprobt bezeichnen. Das war nämlich schon früher zu meiner Schulzeit so. Alle wollten am liebsten in den Sturm und Tore schießen. Hauptsache, vorne mit dabei. Nur ich, meist als letzter in die Mannschaft gewählt, blieb auf jeden Fall hinten in der Abwehr. &quot;Im Weg stehen kannst du ja gut.&quot; Ob's funktioniert hat? An eine wirklich funktionierende Mannschaft kann ich mich aus dieser Zeit jedenfalls nicht erinnern. Ganz viele Einzelkämpfer, von denen jeder der Star der Show sein will, machen eben noch kein Team.</p>
<p>Aber was weiß ich schon. Ich bin ja Pfarrer, kein Bundestrainer. Und deshalb mach ich jetzt das, was ich gut kann. Ich lese euch einen Abschnitt aus der Bibel vor. Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 12. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p><sub>4</sub>Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. <sub>5</sub>Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist immer derselbe Herr. <sub>6</sub>Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist immer derselbe Gott. Er bewirkt das alles in allen Menschen. <sub>7</sub>Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle. <sub>8</sub>Der eine ist durch den Geist in der Lage, mit Weisheit zu reden. Ein anderer kann Einsicht vermitteln – durch denselben Geist! <sub>9</sub>Einem Dritten wird durch denselben Geist ein besonders starker Glauben gegeben. Wieder ein anderer hat durch den einen Geist die Gabe zu heilen. <sub>10</sub>Ein anderer hat die Fähigkeit, Wunder zu tun. Ein anderer kann als Prophet reden. Und wieder ein anderer kann die Geister unterscheiden. Der Nächste redet in verschiedenen unbekannten Sprachen, ein weiterer kann diese Sprachen deuten. <sub>11</sub>Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so, wie er es will. (1. Korinther 12,4-11)</p>
</blockquote>
<p>Soviel zur Halbzeitpause aus dem Studio des Apostels. Ich bin mir nämlich sicher, hätte der in unserer Zeit seinen Brief an den bunten Haufen von Christ:innen völlig unterschiedlicher Couleur in der trubeligen griechischen Hafenstadt Korinth geschrieben, hätte er über Fussball geredet. Weil es das damals aber noch nicht in dieser Form gab, setzt er seinen Text stattdessen mit der Analogie des menschlichen Körpers fort, der aus ganz unterschiedlichen Körperteilen besteht -- jedes mit seiner Aufgabe. Damit unterstreicht er die wesentlichen Punkte, die er den Korinther:innen klar machen will. Ich fasse die mal so zusammen:</p>
<p>Erstens: Wir sind alle unterschiedlich. Okay, da hätten wir keinen Apostel gebraucht, um das zu wissen. Ein Blick hier ins Festzelt hätte genügt. Lauter unterschiedliche Menschen. Wir sind alle unterschiedlich--und das ist gut so. Kaum auszudenken, wie es wäre, wenn wir alle genau gleich wären. Die Welt würde nicht besser, mit lauter Manuel Neuers oder Niclas Füllkrugs, sondern einfach nur langweiliger. Und sie würde nicht funktionieren. Ganz entscheidende Menschen würden an allen Stellen fehlen. Wir hätten zwar tolle Fußballspieler, aber nicht die Lieder von Paul Gerhardt, nicht die Gedichte von Mörike, die Formeln von Einstein, die Hits von Helene Fischer und die leckeren Schnitzel vom Gauri. Was wäre die Welt ohne Mozart und Ringelnatz und Herbert Grönemeyer und Paul Bocuse und Desmond Tutu, ohne meine Frau und meine Töchter und meine Eltern? Wie arm wären wir, hätte es nur CR7 gegeben und nicht Mutter Theresa und Erich Kästner und Barack Obama und Frank Huber?</p>
<p>Am Bild des Paulus mit den Körperteilen kann man das ganz einfach verstehen. Stellt euch einen Körper vor, der nur aus linken Ohrläppchen besteht. Oder aus Gallenblasen. Oder aus Zehennägeln. Nichts davon ist unwichtig. Aber keines dieser Körperteile allein reicht aus. Da wäre ganz schnell Schluss mit Fußballspielen.</p>
<p>Ich stelle mir das gerade für die Kirche vor. Nehmt einmal an, alle hier in der Evangelischen Kirchengemeinde in Nebringen wären genau wie ich. Wer würde sonntags die Orgel spielen? Wer hält die Kirche in Schuss? Wer leitet dann die Krabbelgruppe? Wer bäckt den Kuchen für den Seniorenkreis? Wer kümmert sich akkurat um alle Finanzen? Wer bringt den fachmännischen Blick des Handwerkers für unsere Gebäude mit? Wer macht die schönen Blumengestecke für den Altar? Wenn unsere Kirchengemeinde 1.272 Pfarrer Fischer hätte, wäre sie nicht spitzenmäßig aufgestellt, sondern bitter arm dran -- und, nebenbei gemerkt, vermutlich die unsportlichste Kirchengemeinde der Welt.</p>
<p>Ich stelle mir das gerade für den TVN vor. Stellt euch einmal vor, alle im Verein wären so wie Frank Huber. Wer würde dann das Kinderturnen leiten? Wer würde in der C-Jugend spielen? Wer trainiert die Handballer? (Die Frauenmannschaften gäbe es gar nicht erst!) Wer macht mit den Senior:innen Yoga? Müsste Frank dann auch ein Turnzwerg sein? Wer kümmert sich um das Sportheim? Wer mäht den Rasen auf dem Sportplatz? Wer hätte die lustigen Figuren angemalt, die überall in Nebringen stehen? Ich mag euren ersten Vorsitzenden sehr, aber wenn der TVN so um die 750 Frank Hubers hätte, würden wir euch ca. 749 anderen heute schmerzlich vermissen.</p>
<p>Wir sind alle unterschiedlich. Das macht's nicht immer einfach miteinander. Aber wie brauchen einander. So wie der Stürmer den Torwart braucht und den Mittelfeldspieler und den linken Innenverteidiger. Und den Trainer, den Mannschaftsarzt und den Busfahrer auf dem Weg zum Stadion. Gut, dass wir einander ergänzen.</p>
<p>Hinter all dieser Unterschiedlichkeit steckt Gott, sagt uns Paulus. Er hat sich das alles ausgedacht. Er schenkt ganz unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedliche Begabungen, damit es uns allen besser geht. Sein Geist steckt hinter all dem. HAbt ihr ihn dort schon entdeckt?</p>
<p>Gott stellt also selbst eine Mannschaft auf--mit deutlich mehr als 11 Feldspielern. Oder, genauer gesagt, ein Team. Denn Gottes Mannschaft ist nicht auf bestimmte Kategorien beschränkt. Man muss kein bestimmtes Geschlecht haben, um dabei zu sein. Keine bestimmte Trikot- oder Hautfarbe. Man muss keine bestimmte Sprache sprechen oder ein bestimmtes Gebet. Man muss seinem Glauben nicht auf eine ganz bestimmte Art Ausdruck verleihen. Gottes Team ist bunt. Es ist divers. Es ist schillernd verschieden, auf so viele verschiedene Arten, wie es Menschen gibt. Manchmal muss man richtig suchen, um zu finden, was sie überhaupt zusammenbringt. Was man am Ende zusammenfindet, ist ganz einfach: Gottes Geist steckt dahinter. Er bringt unterschiedliche Menschen zusammen und verbindet sie auf eine Art und Weise, von der alle nur gewinnen können.</p>
<p>Da stehen also ganz viele auf dem Feld. Ein wildes, trubeliges Durcheinander. Sind die denn alle überhaupt qualifiziert? Können die überhaupt genug? Sind die denn wer? Hat man die überprüft? Haben die eine Zulassung? Kennt irgendeiner die alle überhaupt? Wir wollen immer gleich unsere Schubladen aufmachen und erst einmal Ordnung in das Ganze hier bringen. Da kann doch nicht jeder einfach... Das hat man schon bei der EM gesehen. Manche stören sich an der Trikotfarbe. Oder an der Hautfarbe. Oder dem Geburtsort der Eltern. &quot;Das ist nicht mehr meine Mannschaft&quot;, sagen sie dann. &quot;Aber es ist mein Team&quot;, sagt Gott. Und er sieht ganz zufrieden aus.</p>
<p>Da stehen also ganz viele auf dem Feld. Hoffen wir zumindest. Denn wenn der Anpfiff ertönt, wäre es gut, die Mannschaft würde auch spielen. Vielleicht liegt darin die Herausforderung, die wir heute mitnehmen müssen: Wir sind unterschiedlich. Und das ist gut so. Wir brauchen einander. Jetzt sollten wir unsere unterschiedlichen Gaben auch füreinander einsetzen. Das wäre ganz im Sinne Gottes. Mit dem Wind seines Geistes in unserem Rücken tun wir unser Bestes, so wie wir sind und an dem Platz, an dem wir uns finden. Und am Ende, da bin ich mir sicher, können wir so alle nur gewinnen: in der Kirche, im TVN und im restlichen Leben.</p>
<p>In diesem Sinne: Olé.</p>
<p>Oder wie wir Pfarrer sagen:</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Statt Tipps zur idealen Mannschaftsaufstellung vom völlig unsportlichen Pfarrer gibt es zum 100. Jubiläum des TV Nebringen Gottes Idee von einer Mannschaftsaufstellung. Am Ende können wir alle nur gewinnen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wie wir in Gottes Team alle gewinnen</itunes:subtitle>
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        <title>Freudenbot:in</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/freudenbotin/</link>
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        <pubDate>Sun, 07 Jul 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>So viele Fragen! So viel, wo wir die Welt nicht verstehen! Wo finden wir Orientierung? Wer gibt uns antworten? Es gibt eine Botschaft, die das Leben in Freude verwandelt: die Gute Nachricht von Jesus. In der Taufe haben wir sie gehört. Immer wieder können wir sie uns als Mutmacher gegenseitig weitersagen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Buch der Apostelgeschichte, aus dem 8. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p><sub>26</sub>Philippus dagegen erhielt vom Engel des Herrn den Auftrag: »Steh auf! Geh nach Süden zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt und menschenleer ist.« <sub>27</sub>Philippus stand auf und ging zur Straße. Dort war ein Mann aus Äthiopien unterwegs. Er war Eunuch und ein hoher Beamter am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien. Er verwaltete ihr Vermögen und war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten. <sub>28</sub>Jetzt war er auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja. <sub>29</sub>Der Heilige Geist sagte zu Philippus: »Geh hin und bleib in der Nähe des Wagens!« <sub>30</sub>Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut im Buch des Propheten Jesaja las. Philippus fragte: »Verstehst du eigentlich, was du da liest?« <sub>31</sub>Der Eunuch sagte: »Wie soll ich es verstehen, wenn mir niemand hilft?« Und er bat Philippus: »Steig ein und setz dich zu mir!« <sub>32</sub>An der Stelle, die er gerade las, stand: »Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt. Wie ein Lamm stumm bleibt, wenn es geschoren wird, sagte er kein einziges Wort. <sub>33</sub>Er wurde zutiefst erniedrigt, doch das Urteil gegen ihn wurde aufgehoben. Wer wird seine Nachkommen zählen können? Denn sein Leben wurde von der Erde weg zum Himmel emporgehoben.« <sub>34</sub>Der Eunuch fragte Philippus: »Bitte sag mir, von wem spricht der Prophet hier – von sich selbst oder von einem anderen?« <sub>35</sub>Da ergriff Philippus die Gelegenheit: Ausgehend von dem Wort aus Jesaja, verkündete er ihm die Gute Nachricht von Jesus. <sub>36</sub>Als sie auf der Straße weiterfuhren, kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. Der Eunuch sagte: »Dort ist eine Wasserstelle. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?« <sub>37</sub>[...] <sub>38</sub>Er befahl, den Wagen anzuhalten. Beide, Philippus und der Eunuch, stiegen ins Wasser, und Philippus taufte ihn. <sub>39</sub>Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn fortgenommen. Der Eunuch sah ihn nicht mehr. Aber er setzte seinen Weg voller Freude fort. (Apg. 8,26-39)</p>
</blockquote>
<p>Mitten im Nichts. Eine menschenleere Straße. Ein einzelner Reisender auf der Heimreise. Wie sich das wohl anfühlt, dort, so ganz allein? Bist du verwirrt, von dieser großen, leeren Weite? Überwältigt vielleicht sogar? Verstehst du die Welt nicht mehr, durch die du reist, mit deinem ganzen Leben?</p>
<p>Ich glaube, wir können dich gut verstehen--auch wenn unsere Welt ganz anders ist als deine. Die menschenleere Gegend deiner Zeit heißt heute &quot;Gazastreifen&quot;. Sie ist nur einer der vielen Orte, wo wir die Welt nicht mehr verstehen. Wo du alleine bist und dir keiner die Welt erklärt, da haben wir eher ein zu viel an Welterklärern. Wir wissen schon gar nicht mehr, auf welche der unzähligen Stimmen wir hören sollen. Am Ende lässt uns das genau so allein zurück, wie du es warst. Wer hilft uns denn? Wer lässt uns verstehen? Wer zeigt uns den Weg?</p>
<p>Wir sind mit dir auf dem Weg in der Wüste. Wir sehen uns nicht. Wir sind genauso allein hier wie du. Mit unseren Fragen.</p>
<p>Du warst auf der Suche. Bis nach Jerusalem hat sie dich geführt--ein weiter Weg von deinem Land weit im Süden, in Afrika. Das war es dir wohl wert, um Antworten zu finden. Gebetet hast du dort, mit den vielen anderen, zu dem einen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Ob du bei ihm Klarheit finden würdest? Du, ein Fremder unter seinem Volk?</p>
<p>Noch bist du ratlos, bist auf der Suche. Jerusalem war nicht das Ende deiner Reise. Du kehrst zurück, mit Schriften im Gepäck. Vielleicht hilft das dir, zu verstehen.</p>
<p>Das Lesen allein bringt auch keine Antwort. Nur neue Fragen. Wer wird sie dir beantworten? Wirst du am Ende noch ratloser sein?</p>
<p>Ganz sicher nicht! Wir kennen ja das Ende schon. Am Ende setzt du deinen Weg voller Freude fort.</p>
<p>Das wollen wir auch tun. Freude, statt nur Leere, Einsamkeit und Fragen. Wo kann man sie finden, diese Freude? Bei dir, auf der menschenleeren Straße?</p>
<p>Du bist dort nicht mehr allein. Ein Mann ist dir begegnet. Philippus heißt er. Was er dort macht, in der weiten Einsamkeit? Gott hat ihn zu dir geschickt! Sein Geist hat ihn hierher getrieben. Er hat eine Botschaft dabei. Eine, die du hören musst. Am Ende wirst du dich dann freuen.</p>
<p>Mit dem, was Philippus dir erklärt, macht das, was du gelesen hast, plötzlich Sinn. Du verstehst das Eine, was man im Leben verstehn muss: &quot;die Gute Nachricht von Jesus&quot;. Wir bei uns in der Kirche haben ein Wort dafür: Evangelium. &quot;Gute Nachricht&quot; heißt das ganz einfach, übersetzt, oder: Freudenbotschaft. Kein Wunder, dass du dich am Ende freust.</p>
<p>Philippus erzählt dir von Gott, der dich liebhat. Dich und alle seine Menschen. Er will nicht, dass du ein verzweifeltes Leben in der Leere führst. Dazu hat er dich nicht geschaffen. Er will ein Teil sein deines Lebens. Er will dabei sein, bei allem, was du tust. Er will dich begleiten und unterstützen und bewahren und liebhaben. Dich aufrichten, wenn du am Boden bist. Dich stützen, wenn dir die Kraft fehlt. Dir den guten Weg zeigen, wenn du zweifelst und nicht weiterweist. &quot;Segen&quot; nennen wir das. Er will dich segnen--mehr als du dir das vorstellen kannst. Durch Jesus, von dem Philippus dir erzählt, gibt er dir nämlich das, was du selbst nicht finden kannst. Leben. Nicht nur Atmen. Nicht nur Existieren. Sondern: Echtes Leben. Von einer neuen Qualität. Leben von Gott. Von Ewigkeit her. &quot;Ewiges Leben&quot;. Selbst der Tod kann dem nichts mehr anhaben. Es ist das Leben Jesu, seines Sohnes, selbst, das Gott mit dir teilt. Und der ist -- &quot;für uns&quot;, das ist die Freudenbotschaft -- schon durch den Tod gegangen. Am Ende hat das Leben gesiegt. Er ist auferstanden. Wahrhaftig auferstanden! Unerschütterliches Leben von Gott selbst, zu ihm gehörig, mit ihm an deiner Seite. Das will dir Gott geben.</p>
<p>Das sieht ganz anders aus als das, was du selbst gefunden hast auf deiner leeren Straße.</p>
<p>Und dann wird es ganz persönlich: Gott selbst spricht dir das alles zu. Dir: &quot;Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!&quot; Kannst du ihn hören, tief in dir, wie er deinen Namen spricht. <em>Deinen</em>Namen! Weil du ihm so wichtig bist: &quot;Du bist mein!&quot; (nach Jesaja 43,1). Dir sagt er: &quot;Ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende!&quot; (nach Matthäus 28,20). Dir ganz persönlich!</p>
<p>Natürlich hörst du ihn nicht reden, mit deinen Ohren. Genausowenig, wie wir das tun. Philippus hat dir das gesagt--begleitet von einem Zeichen. Wasser, das steht für Reinigung, für neuen Anfang, für das Leben, das Gott dir schenkt. Dort, in der kargen Gegend, kann man das gut verstehen. Das wolltest du auch, unbedingt. Als du die Freudenbotschaft hörtest, konntest du an nichts mehr anderes denken. &quot;Dort ist eine Wasserstelle. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?&quot; Als du aus dem Wasser herauskommst, ist nichts mehr, wie es vorher war. Neues Leben! Freudig ziehst du jetzt deines Wegs! Gottes Zusage hat alles verändert.</p>
<p>Wir sind immernoch, wo wir vorher waren. Irgendwie kommt uns das alles bekannt vor. Wir haben das nämlich alles auch schon gehört. Nicht Philippus, aber andere, die nach ihm kamen, haben uns die gute Nachricht erzählt. Das haben Freudenbotschaften so an sich: Sie breiten sich aus. Man muss sie einfach weitersagen.</p>
<p>Uns hat man auch gesagt, dass Gott uns liebt. Dass wir zu ihm gehören. Dass er uns segnet, immer begleitet und mit uns das Leben seines Sohnes Jesus teilt. Mit dem Zeichen des Wassers haben wir in der Taufe sein Versprechen bekommen. Eine Freudenbotschaft!</p>
<p>Für die meisten von uns ist das lange her. Längst sind wir seither unsere Lebenswege weitergegangen--Gott immer an unserer Seite. Nur nehmen wir das ganz oft gar nicht wahr. Weil wir ihn nicht sehen können und die Umstände des Lebens dafür um so klarer, gerät sein Versprechen an uns oft in Vergessenheit. Dabei bräuchten wir das doch gerade in den langen, leeren Weiten des Lebens, mit ihren Fragen und Zweifeln, da wo uns Orientierung fehlt. Gerade da müssten wir uns doch an ihn anlehnen können. Auf ihn vertrauen, dass er den guten Weg mit uns geht. &quot;Glauben&quot; würde man das nennen, dieses vertrauensvolle Durchs-Leben-Gehen an seiner Seite.</p>
<p>Deshalb brauchen wir immer wieder neu Menschen, die uns daran erinnern. Menschen, die wie Philippus Freudenbot:innen für uns werden. Menschen, die uns ins Gedächtnis rufen, was wir sonst zu leicht vergessen: die gute Nachricht von Jesus. In der Kirche hören wir immer wieder davon--zuletzt vor ein paar Minuten, bei der Taufe von Max und Emil. Jedes Mal können wir diese Freudenbotschaft nicht nur für die anderen hören--für Max und Emil, und die, die sonst getauft werden. Die gute Nachricht wird für uns zur Tauf-Erinnerung: Das gilt ja auch mir! Das hat Gott ja auch mir versprochen. Er hat ja auch meinen Namen gerufen! Am Ende des Gottesdienstes können wir dann wieder gestärkt und freudig in unseren Alltag gehen.</p>
<p>Aber manchmal ist selbst die Zeit zwischen zwei Gottesdienstbesuchen viel zu lange. Das ist sogar bei Menschen so, die jede Woche zur Kirche gehen. Der Alltag zwischendurch kann ganz schön an dieser Freude zehren. Ein schlauer Mann namens Martin Luther--in Nebringen hängt sein Bild vorne in der Kirche--hat einmal gesagt, man müsse &quot;täglich in die Taufe zurückkriechen&quot;. Mit anderen Worten: Jeden Tag braucht es neu die Erinnerung an Gottes Versprechen. Damit ich mich darauf verlassen kann (&quot;Glaube&quot;--ihr erinnert euch?).</p>
<p>Da bleibt nur eins: Wir müssen einander gegenseitig erinnern. Das könnten wir noch tun! Das ist die Aufgabe, die für Max und Emil heute ihre Pat:innen übernehmen. Vielleicht müssen wir lernen, für einander &quot;Pat:innen&quot; zu sein. Einander Freudenbot:innen zu werden--eine stetige Erinnerung, in Wort und Tat (&quot;mit Herzen, Mund und Händen&quot;) an das, was Gott uns versprochen hat.</p>
<blockquote>
<p>Fürchte dich nicht!</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Siehe, ich habe dich erlöst.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Du bist mein.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Und ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende.</p>
</blockquote>
<p>Dann können wir uns miteinander freuen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>So viele Fragen! So viel, wo wir die Welt nicht verstehen! Wo finden wir Orientierung? Wer gibt uns antworten? Es gibt eine Botschaft, die das Leben in Freude verwandelt: die Gute Nachricht von Jesus. In der Taufe haben wir sie gehört. Immer wieder können wir sie uns als Mutmacher gegenseitig weitersagen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Was mich auf leeren, weiten Alltagsstrecken froh macht</itunes:subtitle>
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        <title>Erntebitte</title>
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        <pubDate>Sun, 30 Jun 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ein karges Stück Land blüht auf, wenn es bebaut und bepflanzt wird. Könnte ganz ähnliches auch in unserem Zusammenleben geschehen, so dass wir am Ende Gerechtigkeit und Friede ernten?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Buch des Propheten Hosea, aus dem 10. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)</p>
</blockquote>
<p>Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Nichts los hier. Dabei könnte es hier ganz anders aussehen. Goldene Ähren könnten sich in der Sommersonne wiegen--ihr Tanz ein Vorgeschmack auf die Freude bei der Ernte. Tomatenstauden könnten hier stehen, in Reih und Glied, oder banale Kartoffeln. Oder ein Olivenhain, mit silbrig glänzenden Blättern. Hier in Gäufelden vielleicht eine Streuobstwiese--die Bäume beladen mit Früchten, deren Süße man schon auf der Zunge spüren kann. Darunter wohliger Schatten für heiße Sommertage. Reiche Ernte, mehr als man braucht--zum Einkochen und Kuchen backen und Saft pressen und einfach zum Naschen, zum Verschenken, um anderen auch eine Freude zu machen mit der süßen Fülle.</p>
<p>Aber hier steht nichts. Hier wächst nichts. Das kleine Stück Erde ist leer.</p>
<p>Manchmal vergessen wir, dass alle die kostbaren Genüsse und auch das ganz &quot;Normale&quot;, was unsere Nahrungsgrundlage darstellt--dass nicht davon im Regal im Supermarkt wächst. Ein bisschen mehr davon haben wir geahnt, manchmal, in diesen letzten Jahren, als die Pandemie und ihre Ängste uns vor seltsame Mangelerscheinungen stellten: Klopapier und Nudeln, Tomatensoße und viele andere Produkte, die wir immer für selbstverständlich hielten, fehlten plötzlich in den Regalen. Uns ging plötzlich wieder neu auf, wie abhängig wir sind von so vielem, von so vielen. Aber, mir scheint, wir haben das auch schnell wieder vergessen, seit die Regale sich wieder gefüllt haben. Wir sind ja schon verwöhnt. Wir wollen ja das, von dem wir glauben, dass es uns zusteht.</p>
<p>Also muss jemand rausfahren--nicht nur ins Zentrallager von Edeka und Rewe, sondern jemand muss sich auf den Traktor schwingen und rausfahren zu all den kleinen Stückchen Erde wie diesem hier. Um zu ernten. Mähdrescher müssen die goldgelb wogenden Ährenmeere durchkreuzen. Tomaten müssen gepflückt werden, Kartoffeln gezogen und jemand muss das Obst auflesen. Damit es in unsere Regale kommt. Die meisten von uns sind inzwischen weit weg von diesen Beschäftigungen--ganz anders als zur Zeit des Propheten Hosea, im 8. Jahrhundert vor Christus. Da gab es noch keine berufliche Ausdifferenzierung wie bei uns heute. Wer überleben wollte, war immer selbst auch ein Stück Landwirt:in, war selbst mit dabei, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Für die, die gar nichts derartiges hatten, ließ man--so war zumindest die Idee in der Tora, in Gottes guten Lebensleitlinien--ein wenig stehen am Rande der Felder, damit sie auch noch etwas abbekamen. Man war also selbst beteiligt und verstand deshalb auch Sätze wie die des Propheten sofort. Heute müssen wir erst einmal ein wenig darüber nachdenken. Viele von uns--da gehöre ich auch dazu--sind ja eben nicht geübt im Ernten. Aber wir sind (zumindest wenn wir darüber nachdenken) dann doch froh, dass es Menschen gibt, die für uns hinausfahren zu jenem kleinen Stückchen Erde und uns mitbringen von dem, was da wächst. Dann feiern wir Erntedank. Nicht nur im Herbst, sondern auch dann, wenn wir genüsslich und dankbar in etwas hineinbeißen.</p>
<p>Wenn es denn etwas zu feiern gäbe.</p>
<p>Da wächst ja nichts, auf unserem Stückchen Erde. Was soll man denn dann ernten?</p>
<p>Haben wir da nicht etwas vergessen? Wir wären gerne gleich beim Ernten. Wir würde am liebsten schon fertig genießen und herzhaft reinbeißen in den Ertrag unseres Stückchens Erde. Nun sind wir enttäuscht. Wieso ist da nichts?</p>
<p>Man muss nicht erst die Bibel lesen, um eine ganz grundlegende Lebensweisheit zu lernen: Von nichts kommt nichts!</p>
<p>Die Ernte ist schließlich nur ein geringer Teil der Arbeit. Ganz viel Beschäftigung fällt schon lange vorher an. Da wird gepflügt und geeggt und gehackt und gedüngt und vor allem natürlich: Gesät. Aus den Samen wächst ja dann die reife Frucht, die wir so lieben! Wer ernten will, muss erst einmal säen. Und arbeiten.</p>
<p>Und ernten wollen wir ja: Nicht nur Weizen und Roggen und Gerste und Hafer, nicht nur Tomaten und Kartoffeln und Gurken und Zucchini, nicht nur Äpfel und Birnen und Zwetschgen und Mirabellen, und Erdbeeren und Spargel und so vieles mehr. Ernten wollen wir ja auch noch in ganz anderen Bereichen: Wir haben ganz konkrete Vorstellungen von der Frucht, die wir brauchen zu einem guten Leben auf dieser Erde. &quot;Gerechtigkeit soll wachsen&quot;, fasst Hosea das zusammen. Und ich glaube, dagegen hat nun wirklich niemand etwas. Gerechtigkeit soll wachsen. So stellen wir uns die Welt doch idealerweise vor: Dass alle die Chance auf ein gutes Leben in Frieden haben. Dass alle miteinander auskommen. Dass genug für alle da ist. Dass niemand sich Sorgen machen muss. Dass keiner ausgegrenzt wird. Dass niemand sich nachts schlaflos im Bett wälzen muss, weil er keine Hoffnung mehr hat für seine Zukunft und die seiner Kinder. Dass wir zuversichtlich nach vorne schauen dürfen. Dass wir uns sicher fühlen können. Wir und alle anderen auch, und voraussehbar auch die, die nach uns noch kommen. Das würden wir gerne ernten.</p>
<p>Das haben wir auch hineingeschrieben in unsere großen Dokumente, in die Erklärung der Menschenrechte und in das Grundgesetz: &quot;Die Würde des Menschen ist unantastbar&quot;. Die Würde jedes Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.</p>
<p>Davon haben wir gesungen: &quot;Alle Menschen werden Brüder&quot; -- und Schwestern natürlich auch. Alle Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.</p>
<p>Und jetzt stehen wir mitunter ganz bedröppelt da, weil wir merken, dass es da oft nichts zu ernten gibt. Dass der Friede, den wir uns wünschen für unser Zusammenleben, direkt vor Ort und auf der ganzen Welt, ganz oft bedroht ist. Dass trotz der schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit die Menschheit nicht gelernt hat, nicht mehr aufeinander loszugehen. Dass Teilhabe und gleiche Chancen für viele nur ein inhaltleeres Wunschbild sind, fern von jeder Lebensrealität. Dass schon wieder Parolen von Ausgrenzung und Menschenverachtung gerufen werden und plötzlich wahlfähig sind. Dass es ganz schnell egal ist, wie es um unsere Lebensgrundlagen auf dieser Erde bestellt ist, wenn deren Schutz uns am Ende um ein paar Euro aus der Urlaubskasse bringt. Dass Versöhnung und Friede und Zukunft gar nicht jedem für alle wichtig sind, sondern vielen ganz oft nur für sich selbst.</p>
<p>Gerechtigkeit?</p>
<p>&quot;Auf geht's&quot;, ruft der Prophet. &quot;Natürlich wollt ihr Gerechtigkeit ernten. Dann sät. Pflügt. Bebaut das Land, auf dem ihr lebt.&quot;</p>
<p>Was auf den Feldern von Israel und Gäufelden gilt, das ist auch im restlichen Leben so: Von nichts kommt nichts.</p>
<p>Es liegt also an uns, was wir ernten werden.</p>
<p>Da muss zuerst einmal gepflügt werden. Das unterste zuoberst gekehrt. Verkrustete Strukturen aufgebrochen. Verhärtetes weggerissen. Da muss erst einmal der Boden bereitet werden für das, was da wachsen soll. Das klingt nicht nur angenehm. Da wird es heißen, von manchem Abschied zu nehmen, was immer so war. Da wird es heißen, Kritik nicht nur auszusitzen, sondern auch anzunehmen. Sich auch selbst unangenehm hinterfragen zu lassen. Das wird die Bereitschaft brauchen, auch neue Strukturen zu akzeptieren, aus denen etwas wachsen kann.</p>
<p>Da muss gesät werden. Gerechtigkeit säen: In der Sprache der Propheten geht es da um ein aufrechtes Miteinander, um gemeinschaftsförderndes Handeln, das nicht nur auf den eigenen Vorteil schaut, sondern das Ganze, die Gemeinschaft, die Menschheit und die ganze Schöpfung Gottes, im Auge behält. Gerechtigkeit säen, das geschieht im ganz alltäglichen Miteinander, in vielen kleinen Begegnungen, in vielen kleinen Entscheidungen, in vielen einfachen Sätzen und in vielen anderen, die nicht gesagt werden. Gerechtigkeit säen ist eine Grundhaltung und es sollte die unsere sein, wenn wir am Ende ernten wollen. Als Christ:innen hat uns dabei Jesus Christus, DIE menschgewordene Gerechtigkeit Gottes selbst, Vorbild, Leitlinie und Maßstab zu sein.</p>
<p>Damit Gerechtigkeit und Liebe wachsen.</p>
<p>Das wird viel schweißtreibende Arbeit brauchen--gerade da, wo vieles trocken, steinig und verhärtet ist.</p>
<p>Am Besten, wir fangen gleich damit an!</p>
<blockquote>
<p>Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)</p>
</blockquote>
<p>Doch: Halt!</p>
<p>Ist das überhaupt realistisch? Können wir das schaffen? Kann überhaupt noch etwas wachsen auf unserem Boden, in unserer Welt?</p>
<p>Nun: &quot;Es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen&quot;, sagt der Prophet. &quot;Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über euer Land.&quot;</p>
<p>Wenn wir heute Erntebitte halten, dann denken wir zunächst an die ganz realen Felder und Wiesen und Obstbäume hier vor unserer Tür. Da wurde viel gepflügt und gesät und gedüngt und beschnitten und veredelt. Da steckt unendlich viel Arbeit drin. Zum Glück! Denn wir wollen ja ernten.</p>
<p>Und doch halten wir heute Erntebitte, weil uns auch bewusst ist, wie viel sich unseren Möglichkeiten entzieht. Sonne und Regen, Frost und Hitze, Wind und Wetter bleiben für uns unverfügbar. Am Ende sogar das Wachstum selbst. Auch im hochmodernen Wissenschaftszeitalter kann niemand an einem Hälmchen ziehen, damit es wächst. Wir kommen zu Gott und wir bringen unsere Bitte vor ihn: &quot;Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Gib du das Deine hinzu, damit wir am Ende ernten können.&quot;</p>
<p>Auch auf den Feldern unseres Zusammenlebens in dieser Welt gibt es ganz vieles, was nicht in unserer Hand liegt. Ganz vieles, was unsere Möglichkeiten übersteigt, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Sollten wir nicht auch hier Erntebitte halten? Das heißt nicht, wir legen die Hände in den Schoß und vertrauen alles einer übernatürlichen Macht an. &quot;Der wird's schon richten!&quot; Nein, wir pflügen, säen und arbeiten weiter. Wir leben Gerechtigkeit, wo wir es können. Wir jagen dem Frieden nach. Wir teilen Liebe aus. Und am Ende brauchen wir Gottes Segen dazu. Er kann handeln, sogar über unser Verständnis hinaus. Das Gebet ist genau dasselbe: &quot;Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Segne unser Miteinander, wo wir uns einbringen für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit. Gib du das Deine dazu, damit am Ende Gerechtigkeit werde und Friede auf dieser Welt.&quot; Ganz kurz könnte man das beten mit den Worten, die Jesus selbst uns gelehrt hat: &quot;Dein Reich komme, Herr. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.&quot;</p>
<p>Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Aber auf den zweiten Blick entdecke ich, dass sich da etwas verändert hat. Da hat jemand Furchen gezogen. Erde aufgelockert, Vertrocknetes und Verhärtetes aufgebrochen. Zwischen den Steinen strecken sich ein paar grüne Hälmchen der Sonne entgegen. Die Hoffnung keimt auf. Noch ist das alles klein. Es wird Zeit brauchen, um zu wachsen. Zeit. Und Arbeit. Und Gottes Segen. Aber mein Herz feiert schon einen Atemzug lang Erntedank. Ich kann es sehen: Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Da will ich gerne weiterackern. Und nach dem Herrn fragen. Ich weiß es ja: &quot;Er wird kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über [unser] Land.&quot;</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ein karges Stück Land blüht auf, wenn es bebaut und bepflanzt wird. Könnte ganz ähnliches auch in unserem Zusammenleben geschehen, so dass wir am Ende Gerechtigkeit und Friede ernten?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gerechtigkeit ernten auf trockenem Land</itunes:subtitle>
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        <title>Unser Leben sei ein Fest!</title>
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        <pubDate>Sun, 16 Jun 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wo Gott einem Menschen ganz nahe kommt, da gibt es Grund zur Freude--ein ganzes Leben wird zum Fest. Jeden Tag neu ein Anlass zum Feiern! Nur leider kann die Freude daran auch verlorengehen. Ob man sie wiederfinden kann?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Man muss sich doch freuen!</p>
<p>Man muss sich doch geradezu freuen, wenn man in die Augen eines frisch getauften Kindes schaut. Nicht nur, weil ich da vielleicht süß angelächelt werden. Nicht nur, weil jedes Kind, ganz gleich wer es ist und wo es herkommt, ein wunderbares Geschenk Gottes und damit immer Grund zur Freude ist. Das alles wäre ja schon genug, um deshalb ein Fest zu feiern. Aber dann legt dazu einmal das, was wir bei der Taufe gerade wieder gehört haben: Dass Gott selbst sich diesem Kind zuwendet. Dass er es anspricht, ganz persönlich, und ihm für den Rest seines Lebens Beistand verspricht; Schutz, Segen, Nähe, Liebe, ja das Leben selbst--kurz: alles, was die ständige Gegenwart Gottes in diesem Leben mit sich bringt. Da muss man sich doch freuen. Die Taufe wird zu dem einen Fest, das man nicht in einem Gottesdienst abhandeln kann, und auch nicht, wenn man am Nachmittag noch ein fröhliches Beisammensein mit Kaffee und Kuchen dranhängt. Die Taufe wird zu dem einen Fest, das sich eigentlich durch's ganze Leben zieht. Wenn Gottes Gegenwart bei mir kein Ende hat, dann hört auch der Grund zur Freude nicht auf!</p>
<p>So feiern wir heute eigentlich weiter. Ich sage ganz bewusst &quot;wir&quot;, weil wir uns ja immer wieder neu daran erinnern, wenn andere getauft werden, dass auch uns dieses Versprechen Gottes gilt. Auch wir haben es gehört: &quot;Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. [Du,] du bist mein!&quot; (nach Jesaja 43,1) Und: &quot;Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende.&quot; (nach Matthäus 28,20). So gilt, was eines der Lieder im Jugendliederbuch besingt: &quot;Unser Leben sei ein Fest.&quot; Ja, das ganze Leben. Der Grund zur Freude hat ja kein Ablaufdatum!</p>
<p>Und doch, das ist tragisch, aber immer wieder Wirklichkeit, kann diese Freude leider auch verlorengehen. Jesus selbst erzählt davon, in einer seiner ganz bekannten Gleichnisgeschichten--vielleicht der bekanntesten überhaupt. Die muss ich deshalb auch gleich mit einer Art &quot;Warnhinweis&quot; versehen: Gerade weil sie so bekannt ist, &quot;hört&quot; man da oft vieles &quot;hinein&quot;, was selbstverständlich drin zu sein scheint, aber in der Erzählung Jesu so gar nicht vorkommt. Ganz bewusst erwähne ich auch deshalb keine Überschrift, die uns vielleicht schon von Anfang an auf eine falsche Fährte bringt. Hört also genau zu, was Jesus erzählt, wenn er uns, wie seine damaligen Zuhörer, mitnimmt ins ländliche Galiläa, zu einer--sagen wir mal--mittelständischen Familie mit landwirtschaftlichem Betrieb und gutem Auskommen:</p>
<blockquote>
<p>»Ein Mann hatte zwei Söhne. <sub>12</sub>Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir meinen Anteil am Erbe!‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. <sub>13</sub>Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld. Dann zog er in ein fernes Land. Dort führte er ein verschwenderisches Leben und verschleuderte sein ganzes Vermögen. <sub>14</sub>Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. <sub>15</sub>Da bat er einen der Einwohner des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. <sub>16</sub>Er wollte seinen Hunger mit dem Schweinefutter stillen, das die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon. <sub>17</sub>Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater, und sie alle haben mehr als genug Brot. Aber ich komme hier vor Hunger um. <sub>18</sub>Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. <sub>19</sub>Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>20</sub>So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. <sub>21</sub>Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ <sub>22</sub>Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. <sub>23</sub>Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! <sub>24</sub>Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>25</sub>Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. <sub>26</sub>Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ <sub>27</sub>Der antwortete: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹ <sub>28</sub>Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. <sub>29</sub>Aber er sagte zu seinem Vater: ›So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. <sub>30</sub>Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>31</sub>Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. <sub>32</sub>Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹« (Lukas 15,11-32)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Man muss sich doch freuen&quot;, sagt der Vater am Ende der Geschichte, die das Lukasevangelium ganz bewusst in eine Reihe mit dem &quot;verlorenen Schaf&quot; und der &quot;verlorenen Münze&quot; stellt. Auch da war die Freude am Ende immer groß.</p>
<p>Man muss sich doch freuen--aber hier haben zwei ihre Freude verloren. Zwei, wohlgemerkt. Sie sind Brüder. Sie sind in vielem ganz unterschiedlich--und in manchem am Ende doch überraschend gleich. Sie haben die Freude verloren, die eigentlich da sein sollte, zu Hause, beim Vater. In einer Umgebung, wo es ihnen gut geht. Wo sie alles haben, was sie zum Leben brauchen. Wo sie angesehen und geehrt sind und profitieren vom relativen Wohlstand der Familie. Wo sie dazugehören und geliebt sind. Irgendwann haben sie wohl beide aufgehört, das wahrzunehmen.</p>
<p>Der eine, der jüngere, der bekanntere von beiden, hat die Freude anderswo gesucht. Lasst es mich kurz machen: Dass er auszieht mit einem Anteil am Besitz der Familie hat nichts moralisch verwerfliches an sich. Das war ein damals gar nicht so unüblicher Vorgang. Er geht, er findet Freude und Freunde in einem anderen Land--aber die Freude ist von kurzer Dauer. Ohne Rücksicht auf seine Wurzeln, ohne Verantwortungsgefühl oder weise Voraussicht bringt er seinen Teil des Vermögens in kürzester Zeit durch. Damit hat er jede Verbindung nach Hause verloren. Sein Absturz ist tief. Jesus, der Meister-Geschichtenerzähler, macht das in krassen Bildern klar: Vom Wohlstand bleibt nur Hunger. Sein Zuhause ist jetzt bei den Schweinen. Besonders aus jüdischer Sicht, wo Schweinefleisch tabu war, eine schlimme Vorstellung. Von Freude keine Spur.</p>
<p>Zur gleichen Zeit in Galiläa: Der andere Bruder wohnt noch beim Vater. Er ist noch geehrt und angesehen. Geliebt sowieso. Er hat immer noch alles, was er zum Leben braucht. Er profitiert vom Wohlstand der Familie. Jede Menge Grund zur Freude. Aber zufrieden ist er nicht. Er hat auch seine Vorstellungen von dem, was Freude machen würde. Ein Fest mit Freunden, ein schöner Ziegenbraten dazu... Er hat den Eindruck, ihm entgeht etwas vom Leben. So ganz anders wie das, was sein Bruder in der Fremde treibt, ist seine Vorstellung von Freude auch nicht.</p>
<p>In der Mitte der Geschichte, steht der Vater. Deshalb ist es auch so ungerecht, dass man dieser Erzählung ständig irgendwelche Titel gibt, die auf den jüngeren Sohn abheben. Der Vater ist die Hauptfigur in dieser Erzählung. Als nämlich der jüngere Sohn in der Ferne beschließt, nach Hause zurückzukehren... -- wohlgemerkt: Ohne große Hoffnung. Als Teil der Familie sieht er sich nicht mehr. Aber wäre nicht selbst ein Tagelöhner im Betrieb seiner Familie besser dran als er dort bei den Schweinen? Jedenfalls, als er sich nun aufmacht, mit einer ganzen Rede, die er sich schon zurechtgelegt hat, im Kopf, da sieht der Vater ihn von weitem kommen. Zu der Rede kommt es erst einmal gar nicht, so stürmisch ist die Begrüßung. Der Vater lässt die ganze würdevolle Haltung eines orientalischen Patriarchen sausen und rennt dem Heimkehrer von weitem entgegen. Er umarmt ihn und küsst ihn. Er ignoriert die vorbereitete Rede, als sie dann wenigstens teilweise kommt. Er erhebt den Sohn mit neuem Kleid in die Rolle eines angesehenen Familienmitglieds zurück, er steckt ihm einen Ring an als Zeichen von Stellung und Autorität, er organisiert blitzartig ein Fest und macht den Heimgekehrten zum Ehrengast. &quot;Man muss sich doch freuen!&quot;</p>
<p>&quot;Man muss sich doch freuen&quot; ist seine Erwiderung auf das Unverständnis des älteren Bruders. Der, der sich längst schon freuen könnte. Dessen ganzes Leben immer ein Fest hätte sein können. Jetzt gilt das auch für den Bruder wieder. Wie kann man sich da nicht mit freuen?</p>
<p>Am Ende der Erzählung wendet sich Jesus seinen Zuhörer:innen zu. Besonders fromme Leute sind das, die Anstoß daran nehmen, dass er sich so offensichtlich mit denen umgibt, bei denen vieles schiefgelaufen ist im Leben. &quot;Man muss sich doch freuen&quot; klingt der letzte Satz noch nach. Jesus schaut seine Zuhörer:innen an und sagt... nichts. Das ist auffällig. Beim &quot;verlorenen Schaf&quot; und bei der &quot;verlorenen Münze&quot; gab es jeweils noch so eine Art praktische Anwendung, einen Lebensbezug, eine &quot;Moral von der Geschicht'&quot;. Hier nicht. Wie so oft liefert Jesus keine fertigen Antworten. Er will die Zuhörenden selbst zum Nachdenken bringen.</p>
<p>Uns heute auch.</p>
<p>Man muss sich doch freuen.</p>
<p>Unser Leben sei ein Fest...</p>
<p>Wie sieht es bei dir mit der Freude aus? Wäre da nicht so viel Grund dazu, weil du doch -- so sein Versprechen -- in Gottes ständiger Nähe lebst? Ist sie noch da, diese Freude? Hast du sie, wie der jüngere Sohn in der Geschichte, vielleicht eher woanders gesucht? Hast du sie dort auch wirklich und dauerhaft gefunden? Oder bist du, wie der ältere Sohn in der Erzählung, zwar da, in Gottes Nähe, aber merkst gar nicht mehr, wie viel Grund zur Freude das ist?</p>
<p>Wenn dir die Freude verloren gegangen ist, diese Freude vom Anfang, aus Gottes Versprechen, dann höre heute in dieser Jesuserzählung, dass sie sich wieder finden lässt. Gott hat dich doch nicht aufgegeben! Stell dir vor, du kannst die Freude wiederfinden -- als ob es heute wäre, dass er dir dein Taufversprechen gibt. Gott lädt dich ein, ganz neu mit ihm zu feiern. Das könnte dein Fest werden, heute. Eins, das nie zu Ende geht. Unser Leben sei ein Fest!</p>
<p>Wenn du dich sowieso schon freuen kannst, heute, dann lass dich trotzdem noch einmal mit einladen. Lass dich anstecken von dem, was andere um dich herum erleben, wenn die Freude wieder neu entfacht wird. Seid fröhlich miteinander, weil Gott sich allen zugewandt hat.</p>
<p>Da muss man sich doch freuen, oder?</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wo Gott einem Menschen ganz nahe kommt, da gibt es Grund zur Freude--ein ganzes Leben wird zum Fest. Jeden Tag neu ein Anlass zum Feiern! Nur leider kann die Freude daran auch verlorengehen. Ob man sie wiederfinden kann?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Grund zur Freude für jeden Tag</itunes:subtitle>
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        <title>WG gesucht</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/wg-gesucht/</link>
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        <pubDate>Sun, 09 Jun 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott sucht Mitbewohner:innen. Die dürfen ihm ganz nahe sein--dem besten Mitbewohner ever! Nur, wer kommt da überhaupt in Frage? Die meisten scheiden wahrscheinlich schon von vornherein aus, oder?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p><sub>17</sub> Christus kam und verkündete Frieden: Frieden für euch in der Ferne und Frieden für die in der Nähe. <sub>18</sub>Denn durch ihn haben wir beide in ein und demselben Geist Zugang zum Vater. <sub>19</sub>Ihr seid also nicht mehr Fremde und ohne Rechte in Israel. Ihr seid vielmehr Mitbürger der Heiligen und Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft. <sub>20</sub>Ihr seid gegründet auf dem Fundament der Apostel und Propheten, dessen Grundstein Christus Jesus ist. <sub>21</sub>Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten. So wächst er zu einem heiligen Tempel empor, der dem Herrn gehört. <sub>22</sub>Weil ihr zum Herrn gehört, werdet auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt. Gott wohnt darin durch den Heiligen Geist.</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen/Nebringen,</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot; heißt es auf www.wg-gesucht.de in täglich mehr als 8.000 neuen Anzeigen--zumindest nach eigenen Angaben des Portals. Wer in eine neue Stadt zieht, vielleicht weil das Studium beginnt, eine Ausbildung oder einfach nur eine neue Lebensphase, der findet hier, auch ohne vorherige Kontakte, Möglichkeiten, sich mit anderen eine Wohnung zu teilen. Wenn man die richtigen findet, kann das richtig gut werden. Lustig. Bereichernd. Freundschaften fürs Leben entstehen. Türen öffnen sich an einem neuen Ort. Wer die richtigen Mitbewohner:innen findet, der hat den Hauptgewinn gezogen. Die falschen--vermutlich eine Niete. Deshalb werden die meisten auch mit gehörigem Respekt an die Sache herangehen. Man will ja nachher nicht über lange Zeit ausbaden müssen, was man am Anfang falsch eingeschätzt hat.</p>
<p>Schaut, ein Zimmer kann man anschauen. Man sieht schnell, ob das passt oder nicht. Zu groß, zu klein, zu dunkel, zu weit weg, zu teuer... Genau richtig! Hell, freundlich, groß, perfekt gelegen. Wenn alles passt und der Preis stimmt, weiß man, dass man beruhigt zuschlagen kann.</p>
<p>Mitbewohner:innen kann man nicht besichtigen. Natürlich beschnuppert man sich auch da irgendwie vorher. Die gröbsten Informationen stehen schon auf www.wg-gesucht.de. Aber der Rest? Manche treffen sich vorher. Virtuell auf WhatsApp, als Videoanruf über irgendein Netzwerk oder auch persönlich, im Café oder in der Wohnung selbst. Da bekommst du dann einen ersten Eindruck. Aber natürlich kommen die anderen da genauso an, wie du selbst: Frisch geduscht und gestylt, mit sauberen Klamotten und den besten Manieren, zuvorkommend und überhaupt so wunderbar, dass du am Ende keine Wohnung mit ihnen beziehen willst, sondern am besten gleich ein gemeinsames Haus kaufen, wo ihr glücklich und zufrieden lebt bis an das Ende eurer Tage. Sorry, Leute! Was soll den das bitte bringen?</p>
<p>Von den höflichen Worten, die da gewechselt werden, kannst du nicht darauf schließen, wie das dann läuft, wenn ihr euch morgens zwischen Bad und Küche über den Weg lauft, nach nur zwei Stunden unruhigem Schlaf und noch vor der ersten Tasse Kaffee. Du weißt nach dem Gespräch nicht, ob du um die heute so sauberen Klamotten in Zukunft im Wohnzimmer immer Slalom laufen musst und ob du die toll gestylten Haare jeden Morgen in der Dusche wiederentdeckst. Du siehst nicht auf den ersten Blick, ob jemand zu Hause auf dem Sofa furzt, so laut schnarcht, dass man es durch drei Wände hört und Deo nur an besonderen Feiertagen benutzt. So ist das eben mit Mitbewohner:innen. Das sind vielleicht die, die ganz ungeniert in der Unterhose herumlaufen, dreckiges Geschirr einfach im Spülbecken stapeln und dir deine Joghurts aus dem Kühlschrank wegfuttern, weil auf ihrem Pizzarest von vorgestern inzwischen grüne Haare wachsen. Wer ahnt denn schon vorher, dass dein linker Nachbar gerne nachts um vier Heavy Metal hört? Oder chinesische Opern? Woher hättest du wissen sollen, dass der von oben drüber täglich drei Stunden Tuba übt? Dass die aus Zimmer drei praktisch ununterbrochen telefoniert und zwar so, dass du jedes Wort verstehst? Wer weiß denn vorher, ob die alle rülpsen? Dreckige Socken überall verteilen? Mit seltsamen politischen Ansichten nicht hinterm Berg halten oder dich zu den Zeugen Jehovas bekehren wollen?</p>
<p>Manchmal, aber nur manchmal, hast du aber auch Glück. Du bemerkst vorher Dinge, die dich stutzig werden lassen. Du entdeckst--vielleicht auch zwischen den Zeilen--irgendetwas, was alle roten Warnlampen in deinem Kopf anknipst. Du hakst nach, du stellst konkrete Fragen, du erntest peinliches Schweigen oder seltsam gestammelte Bekenntnisse mit hochroten Köpfen und am Ende weißt du--rechtzeitig, zum Glück: Mit dieser Person will ich auf keinen Fall zusammenwohnen!</p>
<p>Mit wem wärst du bereit, die Privatsphäre deiner Wohnung, dein Allerheiligstes zu teilen? Wem würdest du dich ungeschminkt zeigen, verkatert und in deinem uralten, ausgeleierten Lieblingsschlafanzug?</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, heißt es auch bei Gott. Der bezieht nämlich ein neues Haus. Ein ganz besonderes. Es gibt Platz darin für Menschen, die mit ihm dort wohnen. Die dürfen Gott ganz nahe sein. Die werden sogar selbst zu einem Teil des Hauses, den Gottes Haus ist kein Bau aus Beton und Balken. Gott baut ein lebendiges Haus. Mitten im Leben. Einen dynamischen Platz, an dem es sich erst so richtig leben lässt. Denn er ist ja dabei.</p>
<p>Gott ist kein unangenehmer Mitbewohner:innen. Im Gegenteil: Besser könntest du es gar nicht erwischen. In seiner Nähe herrscht Friede. In seiner Nähe gibt es Hoffnung. In seiner Nähe bist du geborgen. In seiner Nähe begegnet dir so eine unglaublich starke Liebe, dass du glaubst, sie mit Händen greifen zu können. In seiner Nähe merkst du gar nicht, wie die Zeit vergeht. Aus seiner Nähe willst du nie wieder weg. Es gibt keinen besseren Ort als an Gottes Seite. Er ist der beste Mitbewohner:innen, den du je finden wirst.</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott und wer bei ihm einzieht, in diesen seltsamen Neubau -- man könnte ihn nennen &quot;dem Herrn gehörig&quot;, also &quot;kyriake&quot; im neutestamentlichen Griechisch oder, daraus abgeleitet &quot;Kirche&quot; in unserer Sprache -- der hat das große Los gezogen; den Jackpot aller Jackpots geknackt.</p>
<p>Gott ist kein unangenehmer Mitbewohner. Aber wie sieht das bei dir aus?</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott und er hat es gar nicht nötig, sich erst mit dir auf WhatApp auseinanderzusetzen oder im Café. Gott weiß schon alles, was er wissen muss. Er kannte dich schließlich schon, bevor du überhaupt geboren wurdest. Er war bei jedem Atemzug dabei. Er hat dich keine Sekunde deines Lebens aus den Augen verloren. Und Gott sieht alles, was dir im Gespräch mit den anderen entgeht. Er übersieht nichts. Er versteht nichts falsch. Er denkt nicht naiv, &quot;Das wird schon irgendwie klappen.&quot; Gott sieht weiter, als je ein anderer sehen könnte. Er sieht, was hinter der Fassade deiner Stirn abläuft. Er kennt deine Gedanken, auch die, die du niemals mit einem einzigen Menschen teilen würdest. Er kennt deine peinlichsten Momente, deine verborgenen Schwächen und deine dunkelsten Geheimnisse. Gott entgeht nichts! Er ist ja schließlich Gott. Er weiß vom ersten Moment an, wie das ablaufen wird--du und Gott in derselben Wohnung.</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott. Ob du dich da überhaupt bewerben brauchst?</p>
<p>Dass Götter nicht mit jedem können, ist eine altbekannte Weisheit. Für die Menschen in Ephesus, 70 Kilometer südlich vom heutigen Izmir an der türkischen Westküste, war das absolut nichts Neues. Schließlich war ihre Stadt ja Standort eines weltbekannten Tempels, in dem die Diana von Ephesus verehrt wurde. Und das war nur der größte von ganz vielen Orten, die man als Wohnplatz einer Gottheit betrachtete. Allen war eines gemeinsam: Kommen durfte jeder. Wirklich Zugang zu der Gottheit hatten nur die allerwenigsten. In der Regel waren das besondere Menschen. Einflussreiche. Mächtige. Die, die es sich leisten konnte. Klar, man konnte sich gut vorstellen, dass sich ein Gott am ehesten mit der &quot;crème de la crème&quot; der Gesellschaft umgeben will. Die große Mehrheit der Menschen hat noch nie dazu gehört.</p>
<p>Wenn der Apostel hier von dem einen Gott spricht, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, an den auch wir unseren Glauben bekennen, dann sah es mit der Erfahrung der Menschen in Ephesus gar nicht arg viel anders aus. Nachbar:innen jüdischen Glaubens, Anhänger:innen dieses einen Gottes, kannten sie auch schon zur Genüge. Die waren immer irgendwie anders. Für sich. Da konnte nicht jeder einfach dazu gehören. Da gab es Kennzeichen--&quot;Identitätsmarker&quot;, sagen wir heute--ob du Teil der Gruppe bist oder nicht. Die Beschneidung bei Männern gehörte zum Beispiel dazu. (Da läuft es manch einem heute eiskalt den Rücken runter.) Das Einhalten bestimmter Riten und Gebräuche. Klar erkennbare Zeichen eben. Man wusste sofort Bescheid, mit wem sich dieser Gott überhaupt abgeben würde. Es war ja &quot;ihr Gott&quot;. Viele der Menschen, an die der Epheserbrief sich richtet, gehören nicht dazu.</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott. Wahrscheinlich sucht er schon längst woanders weiter.</p>
<p>Zwei Jahrtausende später baut Gott immer noch an seinem lebendigen Gebäude. Nennen wir es doch einfach &quot;Kirche&quot;, das macht es einfacher. Es gibt Raum, die Möglichkeit, ganz dicht in Gottes Nähe zu wohnen. Wer darf da einziehen? Wer bekommt einen Platz?</p>
<p>Auch heute scheint für viele klar, dass da nicht jeder einfach kommen darf. Schließlich gibt es doch da Menschen, die so lange Gewänder tragen, schwarz oder weiß, mit Beffchen oder Stola. Die heben sich sofort von anderen ab. Anderen sieht man es nicht an der Kleidung an, aber vielleicht liegt es ja an anderen Lebensfragen. Manche sind besonders fromm. Manche sind bewundernswerte Vorbilder. Bei manchen fragt man sich, ob man da gerade den sonst unsichtbaren Heiligenschein doch hat aufblitzen sehen. Im Vergleich dazu siehst du selbst vielleicht ganz unauffällig aus. Wenn Gott nur bestimmte &quot;Mitbewohner:innen&quot; will, würde es doch keinen wundern!</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott und du bist sicher, dass er dich ja gar nicht meinen kann.</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott und er wendet sich dir zu. Und mir. &quot;Christoph&quot;, sagt er, _______, ________, _________ und ________. Setz ruhig deinen eigenen Namen ein. &quot;Komm her!&quot;, sagt Gott. &quot;Du sollst bei mir einziehen! Ich habe Platz für dich. Ich suche dich als Mitbewohner:in.&quot;</p>
<p>Du hast dich nämlich komplett getäuscht in ihm. Klar, er weiß alles über dich. Er weiß ob du rülpst oder furzst. Er weiß, was in deinem Leben nicht richtig aufgeräumt ist. Er weiß, was da im Kühlschrank verschimmelt und langsam schon stinkt. Gott kennt dich ja. Und lädt dich trotzdem ein!</p>
<p>&quot;Wie kann das sein?&quot;, fragst du. Und die Antwort ist ganz einfach. Jesus Christus ist die Antwort. Er ist die große Einladung Gottes an dich. In ihm hebt Gott alles, was sonst an Zugangsbedingungen da sein könnte, ein für alle mal auf. Christus stößt die Tür ganz weit auf. Und du darfst kommen. Ja, du! Bei Gott ist Raum für dich.</p>
<blockquote>
<p>Ihr seid eingeladen. Gott liebt alle gleich. Er trennt nicht nach Farben, nicht nach arm und reich. Er trennt nicht nach Rasse, Herkunft und Geschlecht. Jeder Mensch darf kommen. Gott spricht ihn gerecht.</p>
</blockquote>
<p>Hat Gott alle Standards aufgegeben? Ist Gott blind geworden für alle deine Unzulänglichkeiten? Nein, keinesfalls. Gott kennt dich so gut, wie er dich immer gekannt hat. Die Antwort, wie gesagt, heißt Jesus Christus. Gott hat aus freien Stücken beschlossen, nicht auf deine dreckigen Socken zu schauen. Er schaut nicht, ob du Nägel kaust oder nicht. Oder ob du den Klodeckel zu machst, wenn du fertig bist. Gott hat aus freien Stücken beschlossen, nicht auf deine Fehler zu schauen, sondern stattdessen, immer, wenn sie riskieren, aufzutauchen: auf Jesus Christus, seinen Sohn. Auf Paulus-Deutsch heißt das: &quot;Gott rechnet seine Gerechtigkeit als deine Gerechtigkeit.&quot; Mit einem einzigen Wort nennen wir das: Gnade.</p>
<p>&quot;Mitbewohner:innen gesucht&quot;, sagt Gott. Und zu dir sagt er: &quot;Mitbewohner:in gefunden.&quot; So darfst du fröhlich wohnen in seinem großen Haus. Du darfst Platz nehmen an seinem Tisch. Du darfst Frieden finden in seiner Nähe.</p>
<p>Warum? Die Antwort kennt ihr jetzt:</p>
<blockquote>
<p><sub>17</sub> Christus kam und verkündete Frieden: Frieden für euch in der Ferne und Frieden für die in der Nähe. <sub>18</sub>Denn durch ihn haben wir beide in ein und demselben Geist Zugang zum Vater. <sub>19</sub>Ihr seid also nicht mehr Fremde und ohne Rechte in Israel. Ihr seid vielmehr Mitbürger der Heiligen und Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft. <sub>20</sub>Ihr seid gegründet auf dem Fundament der Apostel und Propheten, dessen Grundstein Christus Jesus ist. <sub>21</sub>Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten. So wächst er zu einem heiligen Tempel empor, der dem Herrn gehört. <sub>22</sub>Weil ihr zum Herrn gehört, werdet auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt. Gott wohnt darin durch den Heiligen Geist.</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott sucht Mitbewohner:innen. Die dürfen ihm ganz nahe sein--dem besten Mitbewohner ever! Nur, wer kommt da überhaupt in Frage? Die meisten scheiden wahrscheinlich schon von vornherein aus, oder?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Mit wem Gott zusammenwohnen will</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Es rauscht</title>
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        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/es-rauscht/</guid>
        <pubDate>Mon, 20 May 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wo alle Hoffnung verloren scheint, schafft Gottes Geistkraft Neues: Mit derselben Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, belebt Gott seine Kirche und schenkt uns Hoffnung, Zukunft und Leben.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Buch des Propheten Ezechiel (bei Luther heißt er &quot;Hesekiel&quot;), aus dem 37. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p><sub>1</sub>Die Hand des Herrn ergriff mich und ich hatte eine Vision: Der Herr führte mich durch seinen Geist hinaus und brachte mich mitten in eine Ebene. Dort lagen überall Knochen. <sub>2</sub>Gott führte mich an den Knochen vorbei und in der Ebene umher. Die ganze Ebene lag voller Knochen, die völlig ausgetrocknet waren. <sub>3</sub>Gott sagte zu mir: »Du Mensch, können diese Knochen wieder lebendig werden?« Ich antwortete ihm: »Herr, mein Gott, du weißt es!« <sub>4</sub>Da sagte er zu mir: »Rede als Prophet zu diesen Knochen und sag zu ihnen: Ihr vertrockneten Knochen, hört das Wort des Herrn! <sub>5</sub>So spricht Gott, der Herr zu diesen Knochen: Ich selbst gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! <sub>6</sub>Ich verbinde euch mit Sehnen und lasse Fleisch darüber wachsen. Ich überziehe euch mit Haut und gebe euch Lebensgeist. So werdet ihr wieder lebendig. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.« <sub>7</sub>Ich redete als Prophet, wie er mir befohlen hatte. Noch während ich redete, wurde es laut und die Erde bebte. Die Knochen rückten zueinander, jeder Knochen an seinen Platz. <sub>8</sub>Ich sah, wie sie mit Sehnen verbunden wurden und wie Fleisch darüber wuchs. Dann wurden sie mit Haut überzogen, aber Lebensgeist war noch nicht in ihnen.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><sub>9</sub>Da sagte Gott zu mir: »Rede als Prophet zu diesem Lebensgeist! Ja, du Mensch, rede als Prophet zum Geist und sag: So spricht Gott, der Herr! Geist, komm herbei aus den vier Himmelsrichtungen! Hauch diese Toten an, damit sie wieder lebendig werden.« <sub>10</sub>Ich redete als Prophet, wie er mir befohlen hatte. Da kam Lebensgeist in sie und sie wurden wieder lebendig. Sie standen auf – es war eine sehr große Menschenmenge. <sub>11</sub>Gott sagte zu mir: Du Mensch, diese Knochen stehen für die Israeliten. Sie sagen: »Unsere Knochen sind vertrocknet. Unsere Hoffnung ist dahin, wir haben keine Zukunft mehr!« <sub>12</sub>Darum rede als Prophet und sag zu ihnen: »So spricht Gott, der Herr! Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. Dann bringe ich euch in das Land Israels. <sub>13</sub>So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. <sub>14</sub>Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig. Dann bringe ich euch in euer Land. So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich habe es angekündigt und werde es tun!« – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn. (Ezechiel 37,1-14)</p>
</blockquote>
<p>Sie sagen: &quot;Unsere Hoffnung ist verloren.&quot;</p>
<p>Du sagst: &quot;Die Hoffnung stirbt zuletzt&quot;. Irgendwo hast du das einmal gehört und es klingt richtig--weil man doch Hoffnung nicht einfach aufgeben darf, oder?</p>
<p>&quot;Die Hoffnung stirbt zuletzt&quot;, sagst du.</p>
<p>Und sie sagen: &quot;Jetzt ist sie gestorben. Und wir mit ihr.&quot;</p>
<p>So fühlt es sich zumindest an. Leer. Trocken. Tot.</p>
<p>Nur noch vertrocknete Knochen. Leblose Überreste in der einsamen Weite. Zerfallende Erinnerungen an eine andere Zeit, an Hoffnung, an Leben, an Gefühle und Sehnsüchte, an Freude und Lachen, an Zukunft.</p>
<p>Aus.</p>
<p>Alles aus.</p>
<p>Verdorrt.</p>
<p>Die Hoffnung ist in der Wüste gestorben und wir mit ihr.</p>
<p>Da liegen sie jetzt: Die, die einmal Hoffnung hatten. Die, die lange daran festgehalten haben. Die, die schon früher aufgaben auch. Da liegen die, die sich an irgendetwas geklammert hatten. Die, die nach Auswegen suchten, vielleicht nach neuen Wegen--die manchmal auch auf Abwege gerieten auf der Suche nach irgendetwas, was helfen könnte. Und die, die bis zum Schluss beim alten Trott geblieben sind. Da liegen die, die sich auf neue Lösungen einließen und die, die es immer schon besser wussten. Da liegen sie alle. Und alle sind tot.</p>
<p>Trostloser geht es nicht mehr. Hoffnungsloser gibt es nicht mehr.</p>
<p>Da gibt es kein Grab, gepflanzt mit schönen Blumen. Da stellt niemand Bilder auf oder kommt und sitzt da in der Sonne, und erzählt von seinem Tag, als wären sie noch da und man säße gemeinsam beim Mittagskaffee auf der Bank im Garten. Es gibt keine Grabsteine und keine Kreuze, kein Zeichen des Glaubens, des Hoffens, das es weitergehen könnte. Niemand hat sie betrauert und besungen, keiner von ihrem Leben erzählt. Niemand stand dort, der erinnert hat, dass wir alle in Gottes Hand sind, im Leben und im Sterben und dass nichts, auch der Tod nicht, uns trennen kann von seiner Liebe.</p>
<p>Es war ja niemand da. Sie liegen alle dort.</p>
<p>Niemand war da, der noch hoffen konnte.</p>
<p>Die Hoffnung ist verloren.</p>
<p>Ezechiel ist schon der Prophet mit den ganz krassen Bildern. Gott hat es ihm auch wahrlich nicht einfach gemacht. Eine Schriftrolle musste er essen. 390 Tage lang auf einer Seite liegen vor einem Modell der Stadt Jerusalem. &quot;Im Geist&quot; unternimmt er Reisen, sieht im Tempel befremdliche Bilder von seltsamen Gestalten und Rädern mit Augen. Manche Ausleger fragen sich, ob er einfach geisteskrank war. Aber das hier übertrifft alles--das Bild vom verlassenen Massengrab auf dem Feld. Es gibt nichts daran, was irgendwie schön wäre: nur Vergänglichkeit, nur menschliche Überreste, nur trockene Knochen im Staub.</p>
<p>So wird uns ein Bild gezeichnet vom Zustand eines ganzen Volkes. So nimmt die prophetische Stimme Israel wahr, nach Jahrhunderten von Götzendienst und eigenen Abwegen. Alle Prophetenworte haben sie ignoriert. Alle Warnungen in den Wind geschlagen. Selbst als das angekündigte Gericht begann, als feindliche Armeen das Land eroberten und anfingen, die Menschen aus ihrer Heimat zu verschleppen, gibt es keine Umkehr. Was bleibt dann noch? Aus der Ferne, aus dem Exil in Babylon, schreibt der Prophet Worte an die, die noch übrig sind. Er zeichnet ein düsteres Bild. Eines, in dem Gott selbst sich zurückzieht aus der Mitte seiner Leute. Da bleibt kein Raum mehr für irgendetwas Positives.</p>
<p>Unsere Hoffnung ist verloren.</p>
<p>Sie ist gestorben. Und wir mit ihr.</p>
<p>Der noch kleinen Schar der Jesusnachfolger:innen in Jerusalem hätte es durchaus ähnlich gehen können. Nicht, dass sie sich selbst in eine ähnliche Lage gebracht hätten. Eigentlich hatten sie doch alles richtig gemacht. Sie hatten in ihm, in dem Mann aus Nazareth, den Einen erkannt, auf den alle warteten: den Verheißenen Gottes, den versprochenen Retter, den Gesalbten. &quot;Maschiach&quot;, auf Hebräisch. Den Messias. Wir sagen heute &quot;Christus&quot; zu ihm. Das hatten sie schon kapiert. Sie hatten alle ihre Hoffnung auf ihn gesetzt: Mit ihm würde das Blatt sich wenden. Gott würde nun endlich sein Reich aufrichten--sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Für die Armen, die Unterdrückten, die Bedrängten und die Leidenden würde jetzt alles gut. Dann wurde er selbst arm, unterdrückt, bedrängt und leidend. Nur aus der Ferne konnten einige von Ihnen es mit ansehen, wie er dort geschlagen am Kreuz hing. &quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>&quot;Unsere Hoffnung ist gestorben&quot;, hätten sie vielleicht auch gesagt, da am Karsamstag, wenn du sie befragen können hättest, versteckt, verschreckt, kauernd hinter verschlossenen Türen. Falls sie da überhaupt ein Wort herausgebracht hätten.</p>
<p>Ein Ruck geht durch die verstreuten Überreste auf dem verlassenen Feld. Da bewegt sich etwas. Was denn, wenn da gar kein Leben ist? Bewegung kommt in tote Gebeine. Die Knochen beginnen sich zu verschieben. Elle und Speiche rücken parallel, der Femur klickt ins Hüftgelenk. Wirbel fügen sich zusammen. Rippen sortieren sich in ihre Bögen. Kleinste Fingerknöchelchen finden ihre Position. Kiefer baumeln wieder unter dem runden Schädel--auch beim Prophet, dem die Kinnlade runterfällt. Zehen reihen sich nebeneinander auf. Hammer und Amboss gehen im Innenohr auf Position. Formen werden erkennbar. Ein Skelett richtet sich auf. Nein, kein Skelett. Muskeln und Sehnen wachsen vor Ezechiels ungläubigen Augen. Haut überzieht das ganze Gebilde. Haare sprießen auf kahlen Schädeldecken, Fingernägel, ein Muttermal, niedliche Grübchen neben roten Lippen. Füße stehen auf kargem Feldboden. Rücken werden gerade. Niedergeschlagene Häupter richten sich auf. Augen gehen auf. Da stehen sie. Eine ganze Armee. Still und wartend.</p>
<p>Und dann rauscht es.</p>
<p>Es geschieht wie beim ersten Mal. Ganz am Anfang. Da bließ Gott auch seinen Lebensatem in die Menschen, seine Geschöpfe--&quot;und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.&quot; (Genesis 2,7)</p>
<p>Lebensatem. Wind. Luft. Atem. Geistkraft. Ruach--das hebräische Wort ist ein und dasselbe für alle diese Bedeutungen. Gott haucht seine Geistkraft hinein in die Menschen. Sein Geist schafft Leben. Sein Geist macht lebendig. Sein Geist ist es, der die Hoffnung wieder atmen lässt.</p>
<p>Ruach.</p>
<p>Es rauscht. Aus allen Richtungen.</p>
<p>Auch wenn es keiner gehört hat, an diesem Sonntagmorgen. In aller Frühe, noch bevor sich die Frauen auf den Weg machen. Die Wachen, die dabei waren, können es nachher auch nicht erklären. Ruach. Geistkraft. Lebensatem Gottes. Dort liegt er, ihre Hoffnung, die gestorben ist. Dort liegt er und Gott erweckt ihn zu neuem Leben. Und die, die sich zuvor noch versteckt und eingeschlossen haben, die werden sich bald fast überschlagen vor Freude: Er ist wahrhaftig auferstanden.</p>
<p>Das ist es, was passiert, wenn Gottes Lebensgeist auf die verlorene Hoffnung trifft!</p>
<p>&quot;Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat&quot;, wird Paulus später im Römerbrief schreiben (Röm. 8,11)</p>
<p>Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.</p>
<p>Es rauscht--auch an jenem Sonntagmorgen, als sie sich dort versammelt haben. Noch sind sie eine kleine Gruppe. Noch trauen sie sich nicht wirklich nach draußen mit dem, was sie gesehen haben. Noch sind sie unsicher und abwartend--zumal er plötzlich nicht mehr da ist. Da standen sie mit offenen Mündern und schauten ihm nach, als er zum Vater ging. &quot;Wartet und betet&quot;, hatte er sie geheißen. Das taten sie seither--auch wenn wohl keiner so recht wusste, auf was.</p>
<p>Ein Ruck geht durch den Raum. Ein Raunen. Ein Rauschen. Zungen wie von Feuer.</p>
<p>Ruach.</p>
<p>&quot;Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat&quot;</p>
<p>Und die Hoffnung lebt, wie kaum einmal zuvor. Sie lebt so unbändig, so überschäumend, dass nichts mehr die Hoffenden hinter verschlossenen Türen hält. &quot;Leute, ... hört: ... Gott hat [Jesus] auferweckt und aus der Gewalt des Todes befreit. Denn der Tod hatte keine Macht über ihn und konnte ihn nicht festhalten.&quot; (Apg. 2,22.24) Das ist es, was passiert, wenn Gottes Lebensatem weht. Die Hoffnung bricht heraus nach allen Seiten. Plötzlich ist sie überall. &quot;Diese Zusage gilt für euch und eure Kinder. Und sie gilt für alle in den fernen Ländern – so viele der Herr, unser Gott, noch zum Glauben an Jesus hinzurufen wird. ... Lasst euch retten!&quot; (Apg 2,38.40) 3.000 Menschen werden an diesem Tag von dieser Hoffnung gepackt. 3.000 Menschen werden von seinem Lebensgeist umweht.</p>
<p>Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.</p>
<p>Die Hoffnung lebt wieder.</p>
<p>Es rauscht.</p>
<p>Und es hat nie aufgehört zu rauschen. Was damals an Pfingsten begann, vor fast 2.000 Jahren, das ist es, was uns heute hier zusammengebracht hat. Wir sind Teil derer, die Gott mit Leben beschenkt hat durch seinen Heiligen Geist. Wir sind Teil derer, in denen der auferstandene Christus lebt und wirkt. Wir sind Teil der Kirche, die Gott--und nur Gott, wer könnte das sonst?--ins Leben rief durch seine Geistkraft und die er trägt und erhält und an der er vollenden wird, was er verheißen hat.</p>
<p>Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.</p>
<p>Es rauscht immer noch.</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Klar: Das fühlt sich nicht jeden Tag so an. Manchmal schauen wir uns um, und wir können es fast mit Händen greifen, das weite Feld des Propheten Ezechiel mit all den vertrockneten Knochen. Mit all der verlorenen Hoffnung. So viel Enttäuschung, so viel Verletzung erleben Menschen jeden Tag. Auch Menschen, die jetzt hier im Raum sitzen. So viel Ungerechtigkeit und Gewalt prägt die Welt in der wir Leben. So viele Krisen, mit denen wir nicht fertig zu werden scheinen. So viele Entwicklungen, die uns ratlos zurücklassen. So viele Sackgassen, aus denen wir keinen Ausweg entdecken können. O, die Tage sind so viele, an denen wir einstimmen könnten in das ungesungene Klagelied der vertrockneten Knochen. &quot;Unsere Hoffnung ist verloren.&quot;</p>
<p>Aber wir tun das nicht. Nein, wir werden die Flinte nicht ins Korn werfen.</p>
<p>Dort, auf dem weiten Feld der Hoffnungslosigkeit, da hören wir, Nachfolger:innen des Auferstandenen, Kirche von Pfingsten, immer wieder neu, das Wort des Lebens in der Hoffnungslosigkeit:</p>
<blockquote>
<p>So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. <sub>14</sub>Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig. ... So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich habe es angekündigt und werde es tun!« – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.</p>
</blockquote>
<p>Dann atmen wir tief ein. Sein erfrischender Lebensatem durchdringt unser ganzes Sein. Das Rauschen der Ruach umtost unsere Ohren. Es bläst die trostlose Niedergeschlagenheit weg.</p>
<p>Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.</p>
<p>Wir atmen sein Leben und wissen es wieder:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Christus ist unsere Hoffnung.</p>
<p>Sein Geist ist unser Leben.</p>
<p>&quot;Aber der Geist erfüllt euch mit Leben,&quot;, schreibt Paulus, &quot;weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt: Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken. Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.&quot;</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wo alle Hoffnung verloren scheint, schafft Gottes Geistkraft Neues: Mit derselben Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, belebt Gott seine Kirche und schenkt uns Hoffnung, Zukunft und Leben.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Was mich hoffnungsvoll aufatmen lässt</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Beistand</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/beistand/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/beistand/</guid>
        <pubDate>Sun, 12 May 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor. Gut, dass du uns einen Beistand geschickt hast--deinen Heiligen Geist. So haben wir Hoffnung.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<p>Aus dem Evangelium nach Johannes, aus dem 16. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat. Und keiner von euch fragt mich: ›Wohin gehst du?‹ Vielmehr seid ihr traurig, weil ich das zu euch gesagt habe. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht. Ihre Schuld besteht darin, dass sie nicht an mich glauben. Die Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass ich zum Vater gehe – dorthin, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt. Das Gericht bedeutet, dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist. Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das könnt ihr jetzt nicht ertragen. Wenn dann der Beistand kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Denn was er sagt, stammt nicht von ihm selbst. Vielmehr sagt er das weiter, was er hört. Und er wird euch verkünden, was dann geschehen wird. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen: Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.« (Johannes 16,5-15 BB)</p>
</blockquote>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<p>So saßen sie wohl da, an diesem Abend. Noch wusste keiner von ihnen, dass er später am Abend, nach dem gemeinsamen Mahl, verhaftet werden würde. Aber die Ahnung, dass das alles einmal übel enden könnte, die muss da gewesen sein. Die ganze Woche schon hatte sich die Situation immer mehr zugespitzt. Spätestens seit dem triumphalen Einzug in die Stadt am letzten Sonntag hatten es seine Feinde mit aller Macht auf ihn abgesehen. Sicher, irgendwo hatten sie alle bestimmt die Hoffnung, dass er am Ende ganz überraschend die Oberhand behalten würde. Für Überraschungen war er schließlich immer gut. Unmögliches war sein Gebiet. Aber alle Zeichen deuteten in eine andere Richtung. Und nun stieß er selbst auch noch in dasselbe Horn. Das Mahl, eigentlich eine Feier, ein fröhliches Fest der Befreiung, stand im Schatten seiner Worte: &quot;Ich gehe fort.&quot; Ich verlasse euch. Bald werdet ihr allein sein. Allein? Ohne seine Leitung? Ohne den, der immer wusste, was zu tun war? Ohne den, der auch aussichtslose Situationen verändern konnte? Wie sollte das gehen?</p>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Einer hat diese Worte aufgeschrieben. Viele Jahre später war das. Sie sollten nicht in Vergessenheit geraten, sondern zum Trost dienen für die Glaubenden in seiner Zeit. Die hätten denselben Satz nämlich sofort unterschrieben:</p>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<p>Die jüdische Gemeinschaft als Ganzes ist in Bedrängnis. Nach einer langen Belagerungszeit haben die mächtigen Feinde einmal mehr gesiegt. Der Tempel, Wohnung Gottes bei seinem Volk, ist zerstört. Wie soll es jetzt weitergehen? Unsicherheit macht sich breit. Orientierungslosigkeit. Wer sind wir denn noch, ohne Gott im Tempel? Die Gemeinde, an die Johannes schreibt, ist eine von vielen Gruppierungen innerhalb des Judentums. Sie sind die, die in Jesus von Nazaret den lang erwarteten Heilsbringer Gottes, den Messias, erkannt haben. Sie werden mit hineingerissen in die Wirren ihrer Zeit. Auf der Suche nach Orientierung und Identität bildet sich ein Mainstream, das rabbinische Judentum. Für Vielfalt und Verschiedenheit, gar für Randgruppen ist da kein Platz mehr. Immer mehr werden sie isoliert und zur Seite gedrängt. Wenn er doch jetzt nur da wäre, wie in den alten Geschichten! Wenn er doch jetzt Orientierung geben könnte. Jetzt bräuchten sie sein Worte. Jetzt bräuchten sie seine Klarheit. Und seine Wunder, Zeichen seiner göttlichen Sendung, sowieso.</p>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Viele haben diese Worte seither gelesen, so wie wir heute, hier im Gottesdienst. Immer wieder finden sich Menschen wieder in ganz ähnlichen Situationen: Verwirrt, orientierungslos, verzagt und allein. Passt das nicht heute auch zu uns--in dieser seltsamen Zeit? Die alten Gewissheiten gelten nicht mehr. Ganz grundlegende Dinge, auf die wir uns immer verlassen hatten, sind in den letzten Jahren einfach weggebrochen. Terroranschläge haben uns in Angst versetzt. Die Pandemie hat uns getrennt, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Der jahrzehntelange Friede, Grund unseres Wohlstands, ist in Gefahr. Rechte Parolen erklingen wieder auf den Straßen in Deutschland. Juden und andere Gruppen müssen wieder Angst um ihre Sicherheit haben. Das Klima verändert sich. Die Welt funktioniert nicht mehr so, wie wir das kennen. Sie gerät aus den Fugen.</p>
<p>Und Wahrheit? Da bleibt manchem nur noch ein bitteres Lachen. Was ist denn Wahrheit? Nie zuvor waren wir uns so unsicher wie heute. Nie waren wir dem Strom der Behauptungen von allen Seiten so ausgesetzt wie jetzt. Dabei fehlt es uns nicht an Wissen. Im Gegenteil--man muss sich das einmal klar machen: Von der Zeit Jesu bis zur Zeit Martin Luthers hat sich das menschliche Wissen in etwa verdoppelt. 1.500 Jahre hat das gedauert. Die nächste Verdoppelung ging dann schon sehr viel schneller. In einer Tageszeitung von heute kann man mehr lesen, als ein durchschnittlicher Mensch im 17. Jahrhundert wusste. In den 1960er-Jahren ging man davon aus, dass sich das menschliche Wissen inzwischen alle 10-12 Jahre verdoppelt. In den 1990er-Jahren hieß es dann, alle 2-3 Jahre. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich das gesammelte Wissen der Menschheit alle 12 Stunden verdoppelt. Wer soll da noch mitkommen? Noch nie haben wir so viel gewusst--alle gemeinsam. Für mich als Einzelnen heißt das aber auch: Noch nie war mein Anteil an dem, was es zu wissen gäbe, so klein.</p>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Ich gehe&quot;, sagt Jesus--damals schon. Und: &quot;Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.&quot;</p>
<p>Wie bitte, Jesus? Das sehe ich ganz und gar nicht so. Wenn wir dich je gebraucht haben, dann doch jetzt. Wenn du doch da geblieben wärst...</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Ich habe einmal versucht, mir auszumalen, wie das gewesen wäre. Also, wenn Jesus noch da wäre, so wie damals, als Person &quot;Jesus von Nazaret&quot;. Wenn er, der Auferstandene, heute noch unter uns wäre, mit seinem neuen Leben, das die Spuren des Leidens noch an sich trägt. Wenn er heute zu uns kommen könnte, so wie damals an Ostern, und zu uns spräche &quot;Friede mit euch&quot;, selbst dort, wo wir uns verstecken und wegschließen, aus Angst und aus Verwirrung. Stellt euch vor, er wäre noch da und wir könnten ihn aufsuchen und hören, was er zu sagen hat in unsere verworrene Welt hinein. Stellt euch vor &quot;Was würde Jesus tun?&quot; wäre nicht nur ein Aufdruck für billige Armbändchen, sondern eine Frage, die sich klar und deutlich beantworten ließe, indem du hingehst und ihn fragst oder schaust, was er tun würde, in deiner Situation hier, im Jahr 2024. Stellt euch vor, wir könnten heute noch bei ihm sitzen, wie die Jünger damals, oder zu ihm gehen mit unseren Fragen, mit unseren Nöten, mit unseren Kranken, die Heilung brauchen. Stellt euch vor, er würde heute hier endlich sein Reich aufrichten, nicht nur unsichtbar und wachsend, sondern hier und jetzt, in Fülle, so wie es die Jünger sich noch auf dem Weg zur Himmelfahrt ersehnt haben. Würde das nicht alles ändern? Wäre das nicht viel besser als hier allein zu sein?</p>
<p>Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass wir wahrscheinlich nicht viel davon hätten--8 Milliarden Menschen mit einem Jesus von Nazareth. Die Geschichte von dem Haus, in dem er lehrte und die Freunde des Gelähmten kamen gar nicht zu ihm durch, fällt mir ein. Der Moment, als er aufs Boot ausweichen musste, weil so viele sich um ihn drängten und all die Momente, in denen er sich--oft auch müde--zurückzog von der Menge, die ihn bedrängte. Ich darf mir ja nicht ausmalen, ich wäre dann einer der Privilegierten, einer von den Zwölf, oder lass es 20 sein, oder 100--jedenfalls einer von wenigen, für die er sich Zeit nähme und alle anderen wären weit weg. Wahrscheinlich hätte ich nicht mehr Chancen auf eine Begegnung mit ihm als auf ein Wochenende mit dem Papst oder dem Bundeskanzler, mit Cristiano Ronaldo oder mit Taylor Swift. Wahrscheinlich käme ich nie an ihn ran. Irgendwelche Elite-Christ:innen wären dauernd um ihn, würden den Zugang kontrollieren und seine Worte kämen immer nur über sie zu mir.</p>
<p>&quot;Ich gehe&quot;, sagt Jesus--damals schon. Und: &quot;Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.&quot;</p>
<p>Und als er geht, hinterlässt er ja sein Versprechen: &quot;...wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn dann der Beistand kommt...&quot;</p>
<p>Der Beistand. Die Hilfe. Der, der mir zur Seite steht. Den &quot;Tröster&quot;, nennt ihn Martin Luther in seiner Übersetzung. Der &quot;Advokat&quot;, ist er ganz wörtlich. Unterstützer der Seinen.</p>
<p>Er wird der Welt die Augen öffnen, sagt Jesus. Er wird euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Er sagt weiter, was er von Gott empfängt.Er verkündet, was geschehen wird. Er verherrlicht Christus.</p>
<p>Der Beistand. Auf ihn kann ich mich verlassen.</p>
<p>Wenn er doch nur...</p>
<p>Halt. Warte.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Er ist ja schon da. Wenn dieser Sonntag Exaudi uns einlädt, das Warten der Jünger:innen damals nachzuvollziehen, dann doch nur, damit wir umso mehr schätzen, was wir nächste Woche, an Pfingsten feiern werden. Gott <em>hat</em>seinen Geist in die Welt gesandt. Den Beistand. Den Tröster. Den Advocatus. Gott schenkt uns diesen, seinen Heiligen Geist und lebt durch ihn in uns. In ihm ist uns Christus ganz nahe. Näher, als uns Jesus von Nazaret als einzelner Mensch je kommen könnte. Näher, als ein Superstar, der mir eine Audienz gewährt. Näher als ein Gesprächspartner. Näher als einer, den ich innig umarme. Er lebt in mir. Näher dran kann man eigentlich nicht sein. Er ist da. Der Beistand. Der Tröster. Und Christus mit ihm, hier bei mir.</p>
<p>&quot;Veni, creator spiritus&quot;, &quot;Komm, Schöpfer-Geist&quot;, beten Christ:innen seit Beginn der Kirche. &quot;O komm, du Geist der Wahrheit&quot; singen wir heute. Damit wünschen wir uns nicht einen herbei, der uns ferne ist und der überhaupt nur vielleicht, hoffentlich, eines Tages, mal bei uns vorbeischaut. Damit öffnen wir uns für den, den Gott längst an unsere Seite gestellt hat.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Er ist nämlich da, der Beistand. Der Geist der Wahrheit. Mitten in unsere Verwirrung hinein platzt Gott mit seiner Geistkraft, die uns Verständnis schaffen möchte. Natürlich <em>hat</em> der, der ihn hat, nicht <em>die Wahrheit</em>. Wahrheit wird nicht plötzlich für den Einzelnen verfügbar. Niemand wird zur unantastbaren Autorität, die über die Wahrheit verfügt. Gott wirft nicht Wahrheit vom Himmel, zum freien Gebrauch. Er sendet seinen Geist. Das ist ein großer Unterschied. Dass Wahrheit nicht einfach eine Substanz, eine Sache, ist, die man haben und einstecken und behalten und gebrauchen kann, hätten wir auch schon bei Jesus lernen können. &quot;<em>Ich</em> bin die Wahrheit&quot;, hat er am gleichen Abend, nur zwei Kapitel weiter vorne im Johannesevangelium, zu seinen Nachfolger:innen gesagt (14,6). Wahrheit ist keine Sache. Wahrheit ist eine Person. Erkenntnis der Wahrheit, der &quot;ganzen Wahrheit&quot;, die Jesus hier verspricht, hat man nicht durch das Aufnehmen einer Information, sondern durch eine Beziehung zu dem, der selbst die Wahrheit ist. Wie gut, dass der in uns wohnt durch seine Geistkraft!</p>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
<p>Das ist dann auch das Rezept für verworrene Zeiten wie diese. Kein geheimes Superwissen, das alles aufklärt. Sondern das Festhalten an dem, der versprochen hat, für uns die Wahrheit zu sein. Mit ihm lösen sich die Wolken der komplexen Wirklichkeit nicht auf. Aber mit ihm, das bin ich gewiss, werde ich meinen Weg durch ungewisse Zeiten finden.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor. Gut, dass du da bist. Du hast uns nie verlassen. Du lebst in uns, bei uns, durch deinen Heiligen Geist. Auf den wollen wir hören. Von dem wollen wir uns leiten lassen. Mit der Hilfe deiner Geistkraft wollen wir ganz eng bei dir bleiben. Wir brauchen dich ja.</p>
<p>Das soll unser Leitwort sein.</p>
<blockquote>
<p>Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)</p>
</blockquote>
<p>Diese Hoffnung haben wir.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor. Gut, dass du uns einen Beistand geschickt hast--deinen Heiligen Geist. So haben wir Hoffnung.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gott bei mir in verwirrenden Zeiten</itunes:subtitle>
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        <title>Der mein Gebet nicht verwirft</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/der-mein-gebet-nicht-verwirft/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/der-mein-gebet-nicht-verwirft/</guid>
        <pubDate>Sun, 05 May 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wie gut es doch wäre, in der andauernden Krise jemand zu haben, mit dem man reden kann! Gott bietet sich als Gesprächspartner an--ein echtes Gegenüber, das mir zuhört und mich versteht. Gebet kann ganz Vieles verändern!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unsrem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>7 Der Herr sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 9 Und der Herr sprach zu Mose: Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 11 Mose wollte den Herrn, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. 14 Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte. (Exodus 32,7-14)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem Exodusbuch, dem zweiten Mosebuch, aus dem 32. Kapitel.</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft.</p>
<p>Gelobt sei Gott...</p>
<p>Außer, wenn er nicht da ist.</p>
<p>Wenn er gar nicht empfangsbereit ist für meine Gebete.</p>
<p>Wenn er mich allein lässt.</p>
<p>In der Wüste.</p>
<p>So haben sie sich nämlich wohl gefühlt--das große Volk, dass dort zu am Fuß des Sinai in der Wüste lagert. Ihr erinnert euch sicher: Gott hat sie aus Ägypten geführt. Eine lange Geschichte: Sklaverei, die Unterdrückung durch den Pharao, die Verzweiflung, dem allem ausgeliefert zu sein. Dann kam Gott ins Spiel. Völlig untypisch für alles, was man in der Antike über Götter zu wissen glaubt, gibt sich da einer dem Mose in der Wüste zu erkennen: Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Ich bin für euch da. Mit der Kraft dieses Gottes an seiner Seite tritt Mose dem mächtigen Pharao entgegen--so lange, bis er endlich überzeugt ist: Lass mein Volk ziehen! Es geht los, hinaus aus Ägypten, dann--das große Wunder!--durchs Rote Meer. Gott führt sein Volk hinaus. Gott geht selbst voran, in der Wolken- und Feuersäule, und Mose, der Mann Gottes hinterher. Gott teilt selbst das Meer, dass alle trocken durchziehen können (alle, außer die Feinde, die ihnen hart auf den Fersen waren). Gott sorgt selbst für sie, schenkt Wasser in der Wüste, Manna vom Himmel. Er führt sein Volk. Hierher, zum Sinai. Er begegnet ihnen auf diesem Berg. Er schließt einen Bund mit ihnen für alle Zeiten. Er schenkt Verheißung und Segen. Er ruft Mose, stellvertretend für das ganze Volk, auf den Berg zu sich herauf, ganz in seine Nähe.</p>
<p>Und das war's dann.</p>
<p>Seither ist Funkstille.</p>
<p>Seither hat man von Gott nichts mehr gehört.</p>
<p>Und von Mose auch nicht.</p>
<p>Vierzig Tage lang schon.</p>
<p>Mitten in der Wüste.</p>
<p>Da sitzen sie jetzt. Was sollen sie tun? Wo sollen sie hin? Wie soll es weitergehen? Die Wüste ist ein unheimlicher Ort, wenn man orientierungslos ist. Die Wüste wird zur Krise. Manche wünschen sich schon nach Ägypten zurück. Andere sehen schon ihr Ende gekommen. Und keiner löst das alles auf.</p>
<p>Wüste. Krise. 40 Tage lang.</p>
<p>Die Zahl 40 taucht immer wieder in solchen Momenten in den Erzählungen der Bibel auf. 40 Tage hat Noahs Familie in der Arche ausgeharrt, während draußen der Regen fiel und die Fluten tobten. Ob das jemals noch einmal anders werden würde? 40 Tage sind eine lange Zeit. 40 Tage fastet Jesus in der Wüste. Am Ende wird er vom Bösen versucht. Die ganze Bandbreite. Dem ist man ausgeliefert in dieser 40er-Zeit. 40 Tage sind lang. Nervenzehrend. Zermürbend. Fragt meine Schüler: Selbst vierzig Minuten können wie eine Ewigkeit scheinen. 40 Tage in der Wüste--in Israel ahnt man ja noch gar nicht, dass es am Ende 40 Jahre sein werden.</p>
<p>40 Tage allein. Keiner zum Reden. Keiner da, der klare Antworten gibt. Keiner, der die Krise auflöst. Keiner, der sagt: &quot;Wir haben Hoffnung.&quot;</p>
<p>40 Tage Funkstille.</p>
<p>Kann man es ihnen wirklich verdenken, dass sie irgendwann selbst nach einer Lösung gesucht haben? Sie haben sich schlicht und einfach bei dem bedient, was sie kannten. Sie hatten es in Ägypten gelernt und eigentlich bei allen Völkern in ihrem Umfeld: Wenn man keinen Gott findet, mit dem man reden kann, dann schafft man sich eben einen. Ein Symbol zumindest. Das tun sie, mitten in der Wüste. Man lernt ihre Not verstehen, wenn man sieht, wie viel ihnen das wert ist. Sie sind bereit, ganz schön viel herzugeben, um wieder einen Ansprechpartner zu haben. Ihr Besitz, das Gold, das sie schmückte, wird zum Rohstoff ihres neuen Gottes. Was uns heute seltsam erscheint, ergibt in ihrem Umfeld durchaus Sinn: Das goldene Kalb, ein junger Stier eigentlich, ist Zeichen für Schönheit und Wert und Stärke. Ein Gott, genau wie sie ihn zu brauchen glauben. Endlich ist da eine Lösung. Grund, zu feiern. Das Ende der Krise?</p>
<p>Hören wir doch auf, über die, die da ums goldene Standbild tanzen, die Nase zu rümpfen. Schließlich kennen wir ihre Situation doch selbst zur Genüge! Sind wir nicht auch mitten in der Wüste? Zumindest fühlt es sich manchmal so an. Krisen kennen wir zur Genüge. Corona, Krieg, Klima, Ukraine, Israel und Gaza. Es scheint gar kein Ende zu nehmen. Und längst sind es viel, viel mehr als nur 40 Tage. Wir sind doch quasi im Dauerkrisenmodus. Und ohne einen, der da spricht. Der klare Lösungen hat. Der uns den Weg heraus zeigt aus dieser Wüste. Den Weg nach vorn, ins gelobte Land, das wir uns erhoffen. Längst basteln viele von uns doch auch an den einfachen Lösungen. Wir fallen auf einfache Parolen herein. Wir glauben Gerüchten aus dem Internet, die vorgeben, uns die Welt zu erklären. Wir machen Schuldige aus, an denen angeblich alles hängt. Wir setzen unsere Hoffnung auf selbstgebaute Werte. An jeder Ecke findet man goldene Kälber!</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.</p>
<p>Wenn man doch einen zum Reden hätte!</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.</p>
<p>Szenenwechsel.</p>
<p>Oben auf dem Berg ist Mose. Der hat 40 Tage in Gottes Gegenwart verbracht. Die Zeit verging wie im Flug. Hier könnte man ewig bleiben. Er hat einen Ansprechpartner. Den besten, den es überhaupt geben kann.</p>
<p>Obwohl...</p>
<p>Als Gott Mose aus seinen erbaulichen Gedanken reißt, als wir endlich beim heutigen Predigttext angekommen sind, da kann man sich genauso an dem Gottesbild reiben, wie unten, bei den tanzenden Israeliten. Ich bin da ganz ehrlich: Der Text stößt mir sauer auf! Der Gott, der sich aus Zorn zur Vernichtung hinreißen lässt, der jenseits all seiner Bünde und Verheißungen nicht mehr &quot;sein Volk&quot;, sondern nur noch &quot;dieses Volk&quot; kennt, der ist mir fremd. Der hat so wenig mit dem zu tun, was ich an Jesus Christus gesehen habe. Ich zucke zusammen bei dieser Vorstellung. Ich kann sie nicht verteidigen, auch wenn sie in der Bibel steht. Ich kann sie nur wahrnehmen und zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen damals Gott so erlebt haben. Und, so vermute ich, nicht wenige heute auch noch.</p>
<p>Mose geht es wohl genau so. Und der traut sich was. Der redet ganz unverblümt mit Gott: So geht das nicht! Das kannst du doch nicht machen! Du kannst doch nicht einfach alles ignorieren, was du versprochen hast! Du machst dich doch zum Gespött der Völker! Du hast doch versprochen, bei uns zu sein und uns zu segnen. Nicht nur uns selbst. Auch denen, die vor uns waren. Abraham hast du Segen für seine Nachkommen verheißen. Bist du nicht mehr der Gott Abrahams?</p>
<p>Mose betet.</p>
<p>Ganz anders, als wir uns das vorstellen. Kein auswendig gelernter Text. Keine wohlformulierte, salbungsvolle Liturgie. Da singt niemand &quot;Kyrie&quot; und keiner antwortet: &quot;Herr, erhöre uns!&quot; nach jeder Bitte. Das ist kein Fürbittgebet in fünf Abschnitten, das dann unter Glockenklang ins &quot;Vater unser&quot; mündet.</p>
<p>Mose knallt Gott seinen ganzen Frust hin. Er schüttet sein Herz aus. Er argumentiert. Er schimpft. Er klagt. Er erinnert.</p>
<p>Gott hält das aus.</p>
<p>Beten darf das.</p>
<p>&quot;Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott&quot;, meint unser Reformator Johannes Brenz -- und wir sollten vielleicht einen Augenblick lang einmal die Kategorien vergessen, die er dann gleich mit anfügt (&quot;Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung&quot;), weil wir dann gleich wieder an die kirchlichen Formen denken, die uns so vertraut geworden sind. (Schon vor Jahren haben die Konfis übrigens festgestellt, dass mindestens die Klage in dieser Aufzählung völlig fehlt.)</p>
<p>Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott. Beten heißt, mit Gott ins Gespräch kommen. Beten heißt, ihm alles sagen zu dürfen. Alles. Nicht nur das wohlformulierte, kirchentaugliche. Alles.</p>
<p>Bringt's das überhaupt? &quot;Funktioniert&quot; beten denn, werde ich immer wieder gefragt.</p>
<p>Vielleicht muss man da erst einmal drüber nachdenken, was mit &quot;funktionieren&quot; denn gemeint ist.</p>
<p>Meistens geht es da um &quot;Gebetserhörung&quot;. Ich bringe meine Wünsche vor Gott und dann soll er gefälligst tätig werden. Er weiß ja jetzt, was ich brauche. Wenn er alles kann und es gut mit mit mir meint--dann mal los! So müsste Gebet doch &quot;funktionieren&quot; wird da oft unterstellt. Und die, die meinen, Gott verteidigen zu müssen, finden dann oft einfache Erklärungen für alle die Momente, in denen es nicht &quot;funktioniert&quot;. Vielleicht hast du irgendwas falsch gemacht. Vielleicht war nicht genügend Glaube da. Vielleicht läuft irgendwas in deinem Leben schief und du müsstest das erst mal in Ordnung bringen. Jedenfalls muss es irgendwie an dir liegen, wenn Gebet nicht &quot;funktioniert&quot;. Ich frage mich manchmal, was solche Menschen zu Jesus gesagt hätten, der im Garten Getsemane betet, kurz bevor er verhaftet wird: &quot;Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.&quot;</p>
<p>Im Gespräch mit meiner Frau oder mit meinen Kindern fällt mir immer wieder auf, dass ich Dinge sage und mein Gegenüber am Ende dann trotzdem macht, was es will. Nicht immer scheint das, was ich sage, zu &quot;wirken&quot;. In anderen Gesprächen ist das anders: Wenn ich beim Bäcker nach fünf Brezeln und einem Laib Bauernbrot verlange, bekomme ich in der Regel genau das: Fünf Brezeln und einen Laib Bauernbrot. Da &quot;funktioniert&quot; mein Reden ganz anders. Man könnte daraus schließen, dass es mehr &quot;bringt&quot;, mit dem Bäcker zu reden, als mit meiner Frau. Ich rede immer noch gerne mit ihr. Weil Reden doch viel mehr ist als bestellen und bekommen.</p>
<p>Reden setzt mich in Beziehung. Reden macht etwas mit unserem Miteinander -- in den meisten Fällen gäbe es gar kein Miteinander, wo wir nicht miteinander reden. Reden hilft mir, zu verstehen. Zuallererst mich selbst. Ich lerne ganz viel, indem ich es ausspreche, mit einer anderen Person darüber rede. Es hilft ganz viel, Dinge aussprechen zu können. Wie oft sitzen bei mir im Pfarrbüro Menschen, die einfach froh sind, dass ihnen jemand zuhört--selbst wenn ich gar nicht auf wundersame Weise mit der Auflösung aller ihrer Probleme antworten kann. Das Gespräch mit anderen verändert mich. Es macht etwas mit mir.</p>
<p>Mit anderen Reden zu können, macht Freude. Es erleichtert mich. Es verändert mich. Es tut mir gut, Dinge sagen zu können. Es hilft mir, mich selbst und andere besser zu verstehen. Ich lerne, im Reden. Ich entlaste mein Herz, wenn ich unangenehmes loswerden kann. Uns Schwaben sagt man dafür ja ein besonderes Faible nach: Im &quot;Brudla&quot; sind wir Weltmeister. Aber selbst da hilft es mir mehr, das aussprechen zu können, als es in mich hineinzufressen.</p>
<p>Bringt's das überhaupt? &quot;Funktioniert&quot; beten denn?</p>
<p>Mit Gott kann ich über alles reden. Nein, er ist kein Wunsch-Automat, in den man oben ein Gebet hineinwirft und unten eine Wunscherfüllung herauszieht. Aber er ist da. Er bietet sich immer als Gesprächspartner an. Er interessiert sich für das, was ich ihm sage. Er hört zu, wenn ich ihm mein Herz ausschütte. Es wird ihm nicht zu viel, wenn ich klage. Im Reden mit ihm wird in mir wieder groß, was mich die Wüste schon fast vergessen ließ: Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.</p>
<p>Gott lässt mit sich reden. Dass es ein echtes Gespräch ist, kann ich hier bei Mose entdecken. Am Ende &quot;gereute den Herrn das Urteil, das er seinem Volk angedroht hatte&quot;. Gott hört nicht nur stumm zu und tut dann, was er schon immer wollte. Er ist kein unbewegtes Gegenüber, das mir halt erlaubt, einmal alles zu sagen, damit es gesagt ist. Dann könnte ich auch zu einer Wand reden. Oder mit ChatGPT. Gott geht ganz echt mit uns ins Gespräch. Das finde ich großartig. Grund genug, dieses Gespräch immer wieder zu suchen. Nicht nur hier im Gottesdienst. Sondern überall im Leben. In allen Situationen.</p>
<p>Ganz besonders in der Wüste. Und nicht erst nach 40 Tagen.</p>
<p>Es lohnt sich immer.</p>
<p>Die Wüstenzeit ist dadurch nicht automatisch zu Ende. Die Wünsche sind nicht alle erfüllt. Einfache Lösungen sind oft weiterhin nicht aufzufinden. 40 Tage sind immernoch eine lange Zeit--und vierzig Jahre sowieso. Aber es hat sich etwas verändert: Ich bin nicht mehr allein mit meiner Krise. Ich habe Gott an meiner Seite. Ich kann mit ihm reden. Und mit ihm zu reden verändert zuallererst mich. Manchmal dann auch die anderen Dinge.</p>
<p>Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wie gut es doch wäre, in der andauernden Krise jemand zu haben, mit dem man reden kann! Gott bietet sich als Gesprächspartner an--ein echtes Gegenüber, das mir zuhört und mich versteht. Gebet kann ganz Vieles verändern!</itunes:summary>
        
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        <title>Herzensangelegenheit</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/herzensangelegenheit/</link>
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        <pubDate>Sun, 28 Apr 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott schaut das Herz an -- nicht die Äußerlichkeiten. Das ist eine gute Nachricht für&#39;s ganze Leben. Und nicht die einzige: Wir haben nämlich alle einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Diese Predigt habe ich anlässlich der Gäufeldener Konfirmationen am 21.04.2024 und am 28.04.2024 gemeinsam mit meinen Kollegen, Pfr. Rainer Holweger und Vikar Samuel Raiser, gehalten.</p>
</blockquote>
<p>Liebe Konfis,</p>
<p>Da kommt einer mit Segen im Gepäck. Der ganze Ort ist auf den Beinen. Alle wollen dabei sein. Alle wollen es miterleben. Er steht da. Er weiß sich von Gott selbst beauftragt. Vor ihm steht ein junger Mann. Der wird gleich den Segen empfangen. Das kann man sich auch gut vorstellen. Er macht nämlich Eindruck, dieser Junge. Stark, stattlich und schön. Er macht was her, dieser Typ. Aus dem wird einmal etwas werden. Und nun, mit Gottes Versprechen, mit Gottes Zusagen -- mit Gott selbst an seiner Seite -- da stehen ihm im Leben wirklich alle Türen offen. Bessere Voraussetzungen kann es eigentlich gar nicht geben. Aus dem wird einmal etwas ganz Großes. Man kann es sich schon richtig ausmalen. Der bleibt nicht in diesem kleinen Ort. Mit Gottes Beistand wird der es sicher bis nach ganz oben schaffen. Und mancher, der zuschaut denkt: Das hätte ich auch brauchen können. Was gäbe ich drum, wenn Gott sich mir so zuwenden würde!</p>
<p>Wir schreiben so ungefähr das Jahr 1000 vor Christus. Die Geschichte spielt in Israel, in der kleinen Stadt Bethlehem, die später einmal in der Weihnachtsgeschichte berühmt werden wird. Daran ist noch lange nicht zu denken. Israel, das ist ein kleines Ländchen, ein kleines Völkchen, bedrängt von allen Seiten von den Feinden. Keiner weiß noch so recht, ob das überhaupt gut gehen kann. Nach langem Hin und Her hat Israel seit einiger Zeit zum ersten Mal einen König. Auch der wurde von Gott gesegnet. Auch der bekam ganz viele Versprechen. Leider war ihm das nicht besonders wichtig. An entscheidenden Stellen machte er sein eigenes Ding. Und seine eigenen Fehler. Vieles geht schief in seiner Regierung -- und seiner Beziehung zu Gott. Man munkelt, Gott habe ihn aufgegeben. Gott suche sich einen anderen. Ob deshalb der Mann Gottes in Bethlehem aufgetaucht ist?</p>
<p>Da steht er nun, mit Segen im Gepäck. Wo wir heute die Hände zum Segen auflegen, gab es damals nämlich ein deutlich sichtbares Zeichen. Duftendes Öl aus einer Flasche aus Horn wurde dem, der gesegnet werden sollte, auf die Haare gegossen. Das floss dann überall über Kopf und Kleidung. So, das konnte man sich gut vorstellen, sollte dann auch Gottes Segen über den ganzen Menschen fließen. Das ganze Leben erfassen, sozusagen. Sichtbar und unsichtbar. Aber Samuel -- so heißt der Mann Gottes -- hat seine Ölflasche wieder weggepackt. Ohne einen einzigen Tropfen zu vergießen. War der junge Mann vor ihm denn nicht gut genug? Hatte der denn nicht alles, was man sich wünschen konnte? Der wirkte doch schon von weitem irgendwie königlich. Eine gute Wahl, hat sich jeder der Zuschauenden gedacht. Der Vater, neben dem jungen Mann, war stolz wie Oskar. Und Samuel selbst war auch sofort überzeugt. Der hatte schon die Hand an der Flasche. Bis Gott zu ihm redete. Der sah das anders. &quot;Der Mensch sieht, was vor Augen ist&quot;, erklärte er Samuel. &quot;Der Herr aber sieht das Herz an.&quot;</p>
<p>Da steht ihr nun, liebe Konfis, und wir haben Segen im Gepäck. Lange habt ihr euch vorbereitet auf diesen Tag. Ihr habt gemeinsam mit uns über das Leben und den Glauben nachgedacht. Habt manches ganz praktisch ausprobiert. Habt mitgefeiert, wenn wir hier im Gottesdienst Begegnungen mit Gott hatten. Miteinander haben wir dieses Fest vorbereitet. Sichtbar und unsichtbar. Dass ihr vorbereitet seid, das kann man heute gut sehen. Schick habt ihr euch gemacht! Beeindruckende Kleidung. Tolle Frisuren. Wunderbare junge Menschen sitzen hier vorne in der ersten Reihe und leuchten, quasi von innen heraus. Konfirmation ist ja immer auch so ein Übergangsmoment. Früher war man da mit der Schule fertig und das Berufsleben begann. Das ist bei euch nicht so. Trotzdem steht auch ihr an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Ihr seid keine Kinder mehr. Ihr seid gewachsen, habt euch verändert, habt eigenständige Persönlichkeiten angenommen. Allein in diesem letzten Jahr ist viel passiert. Eure Eltern sind zurecht stolz auf das, was bis heute aus euch geworden ist. Und wir ja auch! Wenn man euch heute hier so sitzen sieht, kann man sich gut vorstellen, dass euch -- mit Gottes Segen und Beistand allzumal -- die Zukunft zu Füßen liegt. Wir freuen uns darauf, zu sehen und mitzuerleben, wie diese Zukunft für euch persönlich aussehen wird.</p>
<p>&quot;Der Mensch sieht, was vor Augen ist&quot;, erklärte Gott Samuel. &quot;Der Herr aber sieht das Herz an.&quot; Das Thema &quot;Herz&quot; habt ihr euch ja selbst ausgesucht für diesen Tag. Es steht, das muss man jetzt nicht noch einmal im Einzelnen erklären, für das ganze Leben. Besonders: Für das Zentrum des Lebens. Für Gedanken, Gefühle, Impulse -- für das, was das Leben steuert. Für Werte und das, was euch wichtig ist im Leben. Es steht für das, was euch als Person im Eigentlichen ausmacht -- weit über das hinaus, was man von außen sehen kann. Was wir sehen können, zumindest. Gott sieht da ja weiter, als wir das tun. Er sieht hinter die schicken Kleider. Er sieht, was unter den tollen Frisuren in eurem Kopf vorgeht. Er kennt die Regungen eures Herzens. Gott hält sich nicht mit Äußerlichkeiten auf. Er kennt uns alle durch und durch. Er lässt sich von einer schicken Fassade nicht blenden. Er weiß, wer ich wirklich bin. Er weiß, wer ihr seid -- im wahrsten Sinne des Wortes. Der Herr sieht das Herz an. Was sieht er da?</p>
<p>Das klingt jetzt irgendwie ungemütlich. Vor Gott kann man sich nicht verstecken! Das klingt doch sofort wieder so nach Kontrolle--nach dem Gott mit dem erhobenen Zeigefinger, der alles sieht und alles weiß und vor allem: alles bewertet. Der immerzu auf unsere Fehler schaut und vermutlich oben im Himmel (oder wo auch immer) Strichliste führt und der dir am Ende deines Lebens (oder vielleicht auch immer wieder zwischendurch) alles unter die Nase reibt, was schief gelaufen ist. Auch das, was die anderen gar nicht bemerkt haben, weil sie es nicht sehen konnten. Der Herr sieht ja das Herz an! Ich zucke innerlich zusammen, wenn ich das höre. Denn neben Gott bin ich der andere, der noch weiß, was da in meinem Herzen zu finden ist. Manches ist schön und wertvoll. Anderes ist definitiv nicht vorzeigbar. Was Gott wohl dazu sagt?</p>
<p>In Israel wird man Jahre nach der Geschichte von heute dem übernächsten König ein Buch zuschreiben: Das &quot;Sprüchebuch&quot; in unserer Bibel, eine Sammlung von Lebensweisheiten. &quot;Bewahre dein Herz mit allem Fleiß&quot;, heißt es dort. Und noch einmal Jahrhunderte später ist dann Jesus unterwegs in Israel. Der hat viel zu sagen, über das Herz. Dass es wohl einen Unterschied macht, woran ich &quot;mein Herz hänge&quot;. Was mir wichtig ist. Wovon ich mich beeinflussen lasse. Wem oder was ich Gewicht einräume und Platz gebe in meinem Leben. &quot;Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz&quot;, sagt Jesus. Und er lädt uns ein, Gott zum Wichtigsten in unserem Leben zu machen. Unser Herz, das ganze Leben, an ihn &quot;zu hängen&quot; und auf seine Worte, seine Begleitung, seinen Beistand zu gründen. Das ist es, wozu auch wir euch heute, in Jesu Namen sozusagen, noch einmal einladen. Wenn ihr weitergeht, nehmt das, was ihr heute bekennt, mit. Macht es zur Lebensgrundlage. Setzt euer Vertrauen auf Gottes Zusage in der Taufe. Hört auf seine Worte in der Bibel. Lasst euch durch seine guten Gebote leiten. Bleibt im Kontakt mit ihm im Gebet. Stärkt euch an der Gemeinschaft mit anderen Christen und Christinnen und an Christus selbst im Abendmahl. Lasst das euren Schatz sein--das, was euer Herz ausfüllt.</p>
<p>Da steht er nun, der Samuel, mit Segen im Gepäck. Den ersten Kandidaten hat er abgelehnt. Sechs weitere auch. Schon wollte er wieder gehen, ohne auch nur ein Tröpfchen Segen verteilt zu haben. Jetzt steht er da und ein junger Mann steht vor ihm. Der lässt die Umstehenden ehrlich gesagt erst mal zweifeln. Ist der nicht zu jung? Kann der überhaupt was? Wer ist das eigentlich? Er stellt nichts besonderes dar. Er hat nichts vorzuweisen, was andere zum Staunen bringt. Ehrlich gesagt ist man gar nicht davon ausgegangen, dass er hierher passt. Als alle anderen sich beeilten, herzukommen, um den Mann Gottes segnen zu sehen, hat man ihm überlassen, sich um die Schafe und Ziegen zu kümmern. Selbst sein eigener Vater hätte nie gedacht, dass Gott mit ihm etwas anfangen könnte. &quot;Hast du noch weitere Söhne?&quot; muss er sich von Samuel fragen lassen. Welch eine Frage für einen Vater! Da steht er nun, jung und unscheinbar. Nach außen stellt er nichts dar. Aber Gott sieht ja das Herz an. Der kann mit ihm sehr wohl etwas anfangen. Was nach außen noch fehlt, das kann ja Gottes Segen füllen. Samuel zückt noch einmal sein Horn. Er gießt Segen aus. Sichtbar und unsichtbar. Der junge Gesegnete heißt David. Der Rest ist Geschichte. Die könnt ihr ausführlich in den Samuel- und Chronikbüchern eurer Bibel nachlesen.</p>
<p>Da stehen wir nun, liebe Konfis. Wir haben Segen im Gepäck. Kein Öl, aber Segen. Gottes Versprechen für euer Leben. Das erfinden wir heute nicht einfach. Es sind auch nicht nur unsere guten Wünsche. Was wir euch heute zusprechen werden, das hat Gott euch längst gesagt: in der Taufe. Auf das, was Gott sagt, kann man sich verlassen. Liebe Konfis, wenn wir eines aus der Geschichte vom jungen David gelernt haben, dann das: Gott schaut das Herz an. Und das ist gar nicht bedrohlich. Im Gegenteil: Das ist das, was wir &quot;Gnade&quot; nennen. Gott sind die Äußerlichkeiten nämlich egal. Ob ihr einmal ganz groß rauskommt oder aus der Sicht der anderen im Leben total versagt -- das ist nicht das, was Gott anschaut. Gott schaut viel weiter. Er sieht immer euch als Person. Wenn er euch anschaut, dann sieht man sofort die Liebe in seinem Blick. Er sieht nämlich seine geliebten Kinder. Er sieht die, denen er von Anfang an seinen Beistand, seine Begleitung, seinen Segen versprochen hat. Gott lässt sich von dem, was andere sehen, nicht zurückhalten. Er wird euch nie anders sehen als mit dieser väterlichen Liebe. Er wird euch nie vergessen oder aus den Augen verlieren, denn ihr habt einen ganz wichtigen Platz in seinem Herzen. Das ist es, was er euch heute zusagt. Nehmt das mit in eurem Gepäck, für's ganze Leben. Behaltet das in eurem Herzen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott schaut das Herz an -- nicht die Äußerlichkeiten. Das ist eine gute Nachricht für&#39;s ganze Leben. Und nicht die einzige: Wir haben nämlich alle einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Gottes Segen für die Zukunft</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>El Roi (II)</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/el-roi-ii/</link>
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        <pubDate>Sun, 14 Apr 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Mitten in der österlichen Jahreszeit begegnet uns noch einmal die Jahreslosung von 2023: &quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot; Mich. Echt. Weil Gott keinen übersieht. Vielleicht müssen wir das gerade jetzt noch einmal hören.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Bei dieser Predigt handelt es sich um eine an den neuen Kontext angepasste Version meiner Predigt &quot;El Roi&quot; vom 05.01.2023 (Augustenhilfe Albstadt-Tailfingen).</p>
</blockquote>
<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Genesisbuch, das wir auch &quot;1. Mose&quot; nennen, aus dem 16. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. 2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der Herr hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. 3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte. 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering. 5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir. 6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir's gefällt. Da demütigte Sarai sie, sodass sie vor ihr floh. 7 Aber der Engel des Herrn fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. 8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. 9 Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. 10 Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. 11 Weiter sprach der Engel des Herrn zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der Herr hat dein Elend erhört. 12 Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen Brüdern vor die Nase setzen. 13 Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. 14 Darum nannte man den Brunnen: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Er liegt zwischen Kadesch und Bered. 15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael. 16 Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar. (Genesis 16,1-16)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in der Gäufelden,</p>
<p>&quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot; So lautete die Jahreslosung 2023. Der Bibelvers also, auf den wir Christ:innen uns geeinigt hatten, sozusagen als Überschrift über das ganze Jahr. Entsprechend oft haben wir letztes Jahr darüber geredet. Zumindest am Anfang. Da hat es uns Mut gemacht. Ist zum Trost geworden.</p>
<p>Lange ist das her. Längst haben wir eine andere Jahreslosung. Wisst ihr die noch?</p>
<p>Der alte Text ist dadurch ja aber nicht verschwunden. Oder &quot;ungültig&quot; geworden. Heute, mitten in der österlichen Freudenzeit, begegnet er uns wieder. Vielleicht, weil der Hirte seiner Schafe nur zu gut weiß, das wir das immer wieder hören müssen. Hören wir also noch einmal hin: &quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot;</p>
<p>Manches kann man sich nicht oft genug sagen lassen. Schon gar nicht an einem Wochenende, an dem drei Gemeindeversammlungen in Gäufelden hinter uns liegen. Die waren alle gut. Sie haben uns, den Gemeindeleitenden, Mut gemacht für den weiteren Weg. Und trotzdem waren sie ja auch voller Zahlen und Fakten, die es einem ganz anders werden lassen. Vielleicht müssen wir es ja auch deshalb heute noch einmal hören:</p>
<p>&quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot; Nicht für jede:n hört sich das sofort nach einer guten Überschrift über ein Jahr, einen Tag, für die Zukunft an. Für viele schwingt da erst einmal ein kritischer Unterton mit. Erinnerungen an ein Gottesbild, das vielleicht in der Kindheit so vermittelt wurde und nicht selten das ganze Leben geprägt hat. Der erhobene Zeigefinger: Pass auf, was du tust! Gott sieht alles. Pass auf, was du sagst: Gott sieht alles! Pass auf, was du denkst! Gott sieht alles. Die Idee vom alles überwachenden Gott, der selbst in die verborgensten Regungen des Herzens hineinsieht und dem man es irgendwie nie recht machen kann. Immer fühle ich mich schuldig. Immer werde ich an mein eigenes Versagen erinnert. Immer erscheint Gott als der mindestens kritisch Dreinblickende, wahrscheinlich aber sogar als der hart Richtende.</p>
<p>Du bist ein Gott, der mich sieht.</p>
<p>Bevor wir jetzt diesen Text gleich wieder weglegen, sollten wir ihn zumindest einmal in seinem Zusammenhang verstanden haben. Da klingt das nämlich gleich ganz anders.</p>
<p>Du bist ein Gott, der mich sieht.</p>
<p>Es sind Worte aus der Wüste, die wir da gehört haben. Dort sitzt sie nämlich, die Frau, die sie ausspricht. Erschöpft und niedergeschlagen sitzt sie an einem Brunnen in der Wüste. Um sie herum: Nur weite Leere. Nichts, was Hoffnung geben könnte. Kein Ziel vor Augen. Kein Platz, der Geborgenheit bietet. Keine Heimat. Keine Perspektive. Keine Zukunft. Sie sitzt dort, am Ende ihrer Kräfte, weil sie abgehauen ist. Sie hat es nicht mehr ausgehalten, wie man sie behandelt hat. Die Frau, die dort sitzt, ist keine Heilige. Sie ist keine sanftmütige Pietistin, die in der Stille des Morgens mit einer Tasse Kaffee über Gott nachsinnt und ihn als den wahrnimmt, der sie sieht.</p>
<p>Die Frau ist ein Nichts. Eine Ausländerin aus Ägypten. Eine Sklavin, Eigentum der Frau eines Patriarchen. Ausgebeutet: Sie ist nur da, um ihre Arbeitskraft für andere zu geben. Und manchmal auch mehr als ihre Arbeitskraft. Für uns heute kaum vorstellbar -- und doch auch noch schreckliche Realität an anderen Orten in unserer heutigen Welt: Manchmal ist sie auch einfach nur eine Gebärmutter. Denn als die Besitzerin dem Patriarchen keine Kinder gebären kann, da muss sie herhalten. Zum Sex gezwungen mit einem Mann, ohne Liebe, ohne ihre Zustimmung, ohne überhaupt ein Interesse für ihre Person -- und das so oft, bis sie schließlich schwanger wird. Mir graust vor dieser Geschichte und vor Abram und Sarai (später werden sie Abraham und Sara heißen), die wir oft so verklären in unseren Bibelgeschichten.</p>
<p>Man hätte ja annehmen können, dass alles mindestens besser würde, jetzt, wo sie das Kind des Patriarchen austrägt -- den erhofften Erben, seit so vielen Jahren sehnsüchtig erwartet. Den, der einmal das erwählte Volk Gottes leiten soll. Man hätte annehmen können, dass wenigstens das ihren Status irgendwie verbessert hätte. Nein. Im Gegenteil. Was jetzt stattfindet, macht alles noch schlimmer. Wir nennen das heute Täter-Opfer-Umkehr. Die Täter, die, die sie ausgenutzt haben, stilisieren sich selbst zu den Opfern: &quot;Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben;&quot;, sagt Sarai zu Abram, &quot;nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir.&quot; Den Patriarchen interessiert sie gar nicht: Mach doch, was du willst. Es ist deine Sklavin. Für sie kommt zu Ausbeutung und Missbrauch nun auch noch die ständige Demütigung durch die Besitzerin. Kein Wunder, dass sie wegrennt.</p>
<p>Und nun sitzt sie in der Wüste. Wertlos. Gedemütigt. Ausgenutzt. Hilflos. Hoffnungslos. Am Ende.</p>
<p>Was bleibt ihr denn noch im Leben, der entlaufenen Sklavin, ohne Wert, ohne Heimat, ohne einen Vater für ihr Kind? Ohne Zukunft?</p>
<p>Gott. Gott bleibt ihr.</p>
<p>&quot;Gott?&quot; hätte sie wahrscheinlich jetzt bitter gefragt. &quot;Was soll der schon für mich tun?&quot; Für sie ist der Gott, an den wir glauben, der Gott von Abram und Sarai. Der Gott der Ausbeuter und der Täter. Natürlich kennt sie die Geschichte. Man wird sie ja oft genug erzählt haben, abends am Feuer. Sie ist die Antwort auf alle Fragen, warum die Sippe des Patriarchen nicht irgendwo sesshaft wird, sondern immer weiterzieht durch fremde Lande -- mit Zelten und Vieh und Sklavinnen wie Hagar. Gott steckt dahinter. Gott -- mit seinem Versprechen an Abram: ein Land, ein Kind und ganz viel Segen für die ganze Welt. Gott hat ihn auserwählt. Gott selbst hat zu ihm geredet. Gott ist auf seiner Seite -- und das war Grund genug, damals die gesicherte Existenz zu verlassen und seither wartend durch die Welt zu ziehen. Gott hinterher! Irgendwann wird er sagen: Wir sind am Ziel. Irgendwann wird sein Versprechen erfüllt sein. Irgendwann wird Abram zu &quot;Abraham&quot;, dem &quot;Vater der Vielen&quot;. Und die, die ihn langsam für verrückt erklären, werden erkennen, wen Gott freundlich ansieht.</p>
<p>Hagar ist nicht überrascht. Die vielen Götter des antiken Orient stehen immer auf der Seite der Mächtigen. Für Menschen wie Hagar gibt es keine Götter.</p>
<p>Für sie gibt es nur Wüste. Und Leere. Und Hoffnungslosigkeit.</p>
<p>Bis der Engel des Herrn sie dort findet.</p>
<p>&quot;Der Herr hat dein Elend erhört.&quot;</p>
<p>Bis Hagar, die Ausländerin, die Sklavin, die Wertlose, sich herausnimmt, Gott einen Namen zu geben: El Roi. &quot;Der Gott, der mich sieht.&quot;</p>
<p>Der Gott, der <em>mich</em> sieht.</p>
<p>Nicht nur die Starken.</p>
<p>Nicht nur die Heiligen.</p>
<p>Nicht nur die, die ohne Fehler sind.</p>
<p>Nicht nur die, die sich mit seinem Namen schmücken.</p>
<p>Nicht nur die, die sich seines Segens gewiss sind.</p>
<p>Nicht nur die, die einen Titel tragen.</p>
<p>Nicht nur die, die oft genug in die Kirche gehen.</p>
<p>Auch nicht nur die Kirchengemeinden, die stark und wachsend sind, wo es Mitarbeitende und Programme ohne Ende gibt. Die von einem Erfolg zum anderen eilen.</p>
<p>El Roi. Der Gott, der <em>mich</em>sieht.</p>
<p>Mich. Und uns, hier in Gäufelden.</p>
<p>Denn so ist er wirklich, unser Gott.</p>
<p>Er schaut hinein in die letzten Winkel der Wüste und sieht die verzweifelte Hagar.</p>
<p>Er schaut hinein in die Flüchtlingslager und sieht die Menschen ohne Heimat und Hoffnung.</p>
<p>Er schaut hinein in die Fabriken in Bangladesch und sieht die Kinder, die dort arbeiten müssen und keine Perspektive auf Verbesserung im Leben haben.</p>
<p>Er schaut hin, wo Frauen ihre Körper verkaufen müssen, um genug zum Leben zu haben.</p>
<p>Er sieht die junge Frau, die schwanger ist und nicht weiß, wie sie das schaffen soll.</p>
<p>Er sieht das Kind, das zuhause leiden muss und keiner nimmt es wahr.</p>
<p>Er sieht die, die abgelehnt werden von anderen: Sei es wegen ihres Aussehens, wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer Sexualität, oder warum auch immer. Wo andere betreten wegschauen, da schaut er hin.</p>
<p>Er sieht hinter die heruntergelassen Rolläden, wo ein alter Mensch einsam sitzt und keiner kommt.</p>
<p>Er sieht Menschen, die auch in Gemeinschaft mit anderen letztlich einsam bleiben.</p>
<p>El Roi. Der Gott, der mich sieht. Er übersieht keinen.</p>
<p>Er sieht auch nach Gäufelden. Er schaut hinein in unsere Kirche, in unsere Gemeinde.</p>
<p>Er schaut hinein in dein Zuhause. In dein Zimmer. Auch in dein Herz. Er sieht dich. Er kennt dich. Er weiß, was dich umtreibt.</p>
<p>El Roi. Der Gott, der dich sieht. Er hat dich nicht vergessen.</p>
<p>Er hat uns in Gäufelden nicht vergessen. Nebringen nicht. Tailfingen nicht.</p>
<p>Und sein Blick, wie dort bei Hagar, ist keiner, der anklagt. Keiner, der richtet. Keiner, der teilnahmslos weiterschaut.</p>
<p>Sein Blick ist voller Liebe. Sein Blick ist voller Erbarmen. Sein Blick ist voller Hoffnung für dich.</p>
<p>El Roi. Der Gott, der dich sieht.</p>
<p>Voller Hoffnung. Er ist der Grund, warum ich nicht aufhöre, zu sagen: &quot;Wir haben Hoffnung&quot;. Nicht Zahlen. Nicht Strukturen und Modelle. Nicht Erfolge. Er. Weil er uns sieht.</p>
<p>Er ist der Gott, der neben dir steht. Der bei dir ist. Der dich nie alleine lässt. Der zu dir kommt und mit dir geht, auch wenn es durch Wüstenstrecken geht. Er ist der Gott, der sich immer und überall und bedingungslos seinen Menschen zuwendet. Der mit uns durch Leben und Sterben geht. &quot;Immanuel&quot; haben wir ihn genannt. &quot;Gott mit uns.&quot;</p>
<p>In Christus haben auch wir <em>ihn</em> gesehen. Das haben wir Hagar voraus. In Christus bekam er ein menschliches Angesicht. Wir konnten entdecken, wahrnehmen, dass er überall dort ist, wo wir Menschen unterwegs sind. Dass er das alles nicht nur sieht, sondern selbst mitgeht. Selbst in die schwierigsten Momente. Ins Sterben hinein. Und dass er daraus aufersteht. Er ist wahrhaftig auferstanden! Wir sind die, die an ihm gesehen haben, dass er selbst die aussichtslosesten Situationen verwandeln kann. Von dem, der das kann, lassen wir uns gerne sehen. Das ist es, was uns Hoffnung gibt.</p>
<p>Er betritt auch jeden Moment der Zukunft mit uns. Nie wird er dich aus seinen Augen lassen. Was auch geschehen wird -- wer weiß das schon? -- er bleibt immer in Sichtweite.</p>
<p>El Roi. Der Gott, der mich sieht.</p>
<p>Mit ihm kann ich erhobenen Hauptes in alles gehen, was kommt. Ich bin gesehen. Von Gott, der mich sieht. Und dich auch.</p>
<p>Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben (aus Johannes 10)</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Mitten in der österlichen Jahreszeit begegnet uns noch einmal die Jahreslosung von 2023: &quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot; Mich. Echt. Weil Gott keinen übersieht. Vielleicht müssen wir das gerade jetzt noch einmal hören.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Von einem, der niemand übersieht</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Nach Hause tanzen</title>
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        <pubDate>Sun, 31 Mar 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Der Weg war schwer. Kein Schritt fiel leicht. Bis Gott eingriff. Nun hat sich alles verändert. Die Zehen wippen. Das Herz hüpft. Der Mund singt. Christus ist auferstanden. &quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot; So können wir fröhlich nach Hause tanzen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Auf dem Heimweg beginnt sie zu tanzen. Sie kann sich nicht mehr halten. So unbändig ist ihre Freude. Ihre Zehen beginnen zu wippen. Ihre Füße verlassen den gewohnten Trott. Ihr Herz beginnt zu hüpfen. Ihr Mund beginnt zu singen. Jubel bricht aus ihr heraus. Sie kann gar nicht mehr anders.</p>
<p>Aus dem Samuelbuch, dem ersten, aus dem zweiten Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Horn ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. 2 Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. 3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der Herr ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. 4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. 5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. 6 Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. 7 Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. 8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des Herrn, und er hat die Erde darauf gesetzt. (1. Samuel 2,1-8a)</p>
</blockquote>
<p>Auf dem Heimweg beginnt sie zu tanzen. Die Füße bewegen sich im Rhythmus des ihres Lieds. Oft sind diese Füße diesen Weg schon gegangen. Meist waren sie nicht so beschwingt. Hanna erinnert sich genau, wie schwer der Weg ihr oft gefallen ist. Einmal im Jahr hinauf zum Heiligtum. Ein fröhliches Ereignis eigentlich. Zeit für Feiern und für die Begegnung mit Gott, der ja, wie er es immer versprochen hatte, mitten unter seinen Leuten wohnte. Alle freuten sich immer schon lange auf dieses Fest. Nur Hanna nicht. Wo alle sich glücklich versammelten, war sie immer die Außenseiterin. Sie merkte genau, wie die Blicke der anderen sie streiften. Wie sie schnell wegschauten. Wie sie tuschelten, hinter vorgehaltener Hand.</p>
<p>Das letzte Mal getanzt hatte sie damals, bei ihrer Hochzeit. Da war sie jung und glücklich mit Elkana, ihrem Mann. Sie freute sich auf die Zukunft. Auf eine Familie. Auf lachende Kinderstimmen. Gehört hat sie die nie. Hanna bekam keine Kinder. Ob das einen Grund hatte? Ob Gott sie nicht mochte, aus irgendeinem Grund? Waren Kinder nicht Zeichen seines Segens, so fragten sich andere hinter vorgehaltener Hand. Warum wohl die Hanna keine Kinder bekommt?</p>
<p>Elkana hat zweimal geheiratet. Das war damals nichts Außergewöhnliches. Ob es klug war, das kann man hinterfragen. Oft genug führten diese Familienkonstellationen zu Zank und Rivalitäten. Elkanas Haushalt war da keine Ausnahme. Peninna, die zweite Frau, bekam nämlich Kinder. Sie war sichtbar gesegnet. Bei jeder Gelegenheit ließ sie Hanna spüren, dass sie etwas Besseres war. Jedes Jahr auf dem Weg zum Fest waren mehr fröhliche Kinderstimmen rund um Peninna. Um Hanna war es still. Zu still. Grausam still.</p>
<p>Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Im Heiligtum schüttet sie Gott ihr verzweifeltes Herz aus. &quot;Herr Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken...&quot;. Und Gott hört. Gott hört! Er hat Hanna doch nicht vergessen! &quot;Der Herr gedachte an sie&quot;, erzählt der Bericht des Samuelbuchs, &quot;und Hanna ward schwanger.&quot; Gott hört! Gott hört! In Hannas Sprache, auf Hebräisch heißt das &quot;Sch'mu El&quot;. Samuel. So nennt sie den Jungen, den Gott ihr schenkt. Dass er sogar einmal einer der ganz Großen in Israel sein wird, das ahnt sie noch nicht. Aber dankbar ist sie. So dankbar, dass sie ihren Jungen schon als Kind wieder in Gottes Heiligtum bringt. Dort soll er bleiben. Er soll Gott gehören. Gott hat ja Hanna nicht vergessen. Gott hört! Hanna ist glücklich.</p>
<p>Auf dem Heimweg beginnt sie zu tanzen. Gott hat Großes an ihr getan. An ihr, der Außenseiterin, über die sich andere den Mund zerrissen. Gott steht nämlich immer auf der Seite der Opfer.</p>
<p>&quot;Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.&quot;</p>
<p>&quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot; Hanna ist nicht die einzige, die singt in den Erzählungen der Bibel. Viele andere haben den Gott erlebt, der sich auf die Seite der Schwachen, der Armen, der Außenseiter stellt. Viele andere haben ihn besungen. Miriam. Deborah. Maria. Meist waren es Frauen -- da sollten wir Männer uns schon unsere Fragen stellen. Meist waren es Frauen, sicher auch, weil die damalige Gesellschaft sie von vornherein in die Reihe derer stellte, die benachteiligt waren. Machtlos. Oft auch schutzlos. &quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot; konnten sie singen, weil sie erlebten, dass Gott das nicht einfach stehen ließ. Sie fanden ihn auf ihrer Seite. Nicht nur mit-leidend, sondern lebensverändernd. In ihm fanden sie Hoffnung und Zukunft.</p>
<p>Auch ihr Heimweg war ganz anders, als sie gekommen waren. Wieder sind es Frauen, die unterwegs sind. Vorher, in den frühen Stunden des Tages, war ihnen der Weg noch unendlich weit erschienen. Ihre Füße waren schwer. Ihre Augen voller Tränen. Ihre Herzen voller Dunkelheit und Verzweiflung. Den ganzen Sabbat, den Samstag, hatten sie so verbracht. Da konnten sie nur warten, durften ja nichts tun. Jetzt wollten sie endlich ihrem Freund noch die letzte Ehre erweisen. Am Freitag, vor zwei Tagen, hatten seine Feinde ihn umgebracht. Schnell hatte man ihn vor Beginn der Sabbatruhe noch in ein Felsengrab gelegt. Zurück blieben seine schockierten Anhänger:innen. Sie konnten es noch gar nicht wahrhaben. Was ist hier passiert? Nie hat sich die Dunkelheit so greifbar angefühlt. Nie schien Gott so fern, so wenig existent. Jesus ist tot! Alle Hoffnung vorbei. Mit diesen schweren Gedanken waren sie an sein Grab gekommen.</p>
<p>Sie haben ihn nicht gefunden.</p>
<p>Der schwere Stein war weggewälzt.</p>
<p>&quot;Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?&quot; fragten die Engel sie dort. &quot;Er ist nicht hier, er ist auferstanden.&quot;</p>
<p>Er ist wahrhaftig auferstanden!</p>
<p>Ihr Heimweg war ganz anders, als sie gekommen waren. Ob sie auch gesungen haben? Auch getanzt?</p>
<p>Wir stehen im Morgen. Aus Gott ein Schein durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein. Erstanden ist Christus. Ein Tanz setzt ein.</p>
<p>Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist: der Reigen des Christus, voll Kraft und Geist. Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt.</p>
<p>Halleluja, Halleluja, Halleluja, es bricht ein Stein. Halleluja, Halleluja, Halleluja, ein Tanz setzt ein.</p>
<p>Ich bin ein schlechter Tänzer. Meine Töchter könnten da viel drüber erzählen. Körperkoordination ist nicht meine Form von Intelligenz. Ich hab sogar eine Tasse bekommen, auf der &quot;terrible dancer&quot; steht. &quot;Furchtbarer Tänzer&quot;.</p>
<p>Macht nichts. Ich tanze trotzdem. Manchmal ganz allein, wo es keiner sieht. Oder gerade vor meinen Töchtern, die das dann lustig finden.</p>
<p>Besonders juckt es mich in den Tagen vor Ostern in den Beinen. Der Pfarrer ist allen anderen da ja ein Stück voraus: Während wir noch in der Passion die Leiden Christi bedenken, muss ich schon die Ostergottesdienste vorbereiten. Allein wenn ich die Liedtitel lese, kann ich mich kaum noch zurückhalten: &quot;Auf, auf mein Herz, mit Freuden, entdeck, was heut geschieht!&quot; &quot;Gelobt sei Gott im höchsten Thron, samt seinem eingebor'nen Sohn, der für uns hat genug getan.&quot; Und schon bekomme ich es gar nicht mehr aus dem Kopf: &quot;Halleluja, Halleluja, Halleluja!&quot; Meine Zehen beginnen zu wippen. Mein ganzer Körper bewegt sich im Takt. Ich tanze an meinem Schreibtisch.</p>
<p>Halleluja, Halleluja, Halleluja, es bricht ein Stein. Halleluja, Halleluja, Halleluja, ein Tanz setzt ein.</p>
<p>Wie sollte ich mich nicht freuen? Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!</p>
<p>Am Freitag noch habe ich über Gottverlassenheit gepredigt. Über Dunkelheit. Über hoffnungslose Opfer. Die Frauen am Grab spüren das noch in den Knochen. Hanna auf dem Heimweg kann sich noch gut an die schweren Jahre erinnern. Ostern macht das ja alles nicht ungeschehen. Auferstehung wischt das Leid ja nicht einfach weg. Auch heute ist das noch überall auf der Welt sichtbar. Und es ist ja auch gut, dass all das Schwere auch bei Gott nicht einfach in Vergessenheit gerät. Die Botschaft vom Karfreitag bleibt: Gott wertet das Opfer, wertet die Opfer, die Leidtragenden dieser Welt, auf, indem er sich nicht nur an ihre Seite stellt, sondern selbst ihren Platz einnimmt. Gott ist bei den Opfern. Gott ist bei den Hoffnungslosen. Gott ist bei den Gottverlassenen. Gott ist sogar bei den Sterbenden. Er ist einer von ihnen. Er ist &quot;sie alle&quot;, so wenig Sinn das grammatisch machen mag.</p>
<p>Aber heute ist Ostern. Heute sehen wir, dass Gott nicht nur mitleidet. Er verwandelt auch. Er erweckt seinen Christus zu neuem Leben. Er überwindet den Tod. Er besiegt das Dunkel. Er macht ein Ende mit der Herrschaft des Bösen. Er ist Hoffnung. Unsere Hoffnung. Wir haben Hoffnung! Was mit Christus begonnen hat, wird die ganze Schöpfung verwandeln. Das ist uns nun gewiss. Denn: Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!</p>
<p>Wenn das kein Grund zum Tanzen ist...</p>
<p>Ob der Luca wohl nachher auf dem Heimweg tanzt? Schließlich hat er heute, am Ostermorgen, am schönsten aller Tauftage, die Heilige Taufe empfangen. Gott hat ihm sein &quot;Ja&quot; zugesagt. Gott hat ihm seine Gegenwart zugesagt -- die Gegenwart des auferstandenen Christus selbst, lebendig durch seine Geistkraft in Lucas Leben. Wenn das kein Grund zum Tanzen ist! Gott hat ihm Leben versprochen -- nicht nur einfache, biologische, zeitlich begrenzte und dem Verfall preisgegebene Existenz auf dieser Welt, sondern: Echtes Leben. Das Leben des Christus selbst. Schon hier und jetzt und dann in Fülle über den Tod hinaus. Wenn das kein Grund zum Tanzen ist!</p>
<p>Wir werden keine Zeit haben, zu schauen, ob Luca tanzt, nachher auf dem Heimweg. Wir werden zu beschäftigt sein, auf unsere eigenen Füße zu achten. Schließlich sind wir doch alle mit derselben freudigen Gewissheit unterwegs: &quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot; Wir haben doch alle teil an dem, was er versprochen hat. Wir sind doch die Gemeinde des auferstandenen Christus. Wir sind doch die, die durch seine Auferstehung Hoffnung haben. Wenn das kein Grund zum Tanzen ist!</p>
<p>Nach Hause tanzen...</p>
<p>Damit meine ich nicht nur die paar Meter bis ins heimische Wohnzimmer. An Ostern machen wir uns neu bewusst, dass unser ganzes Leben ein Heimweg ist. Schließlich hat der Christus vom leeren Grab uns doch eine große Zukunft versprochen: Ein neues Zuhause. Für immer. Bei ihm. Wir haben Hoffnung:</p>
<blockquote>
<p>Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin. (Johannes 14,1-3)</p>
</blockquote>
<p>Bis wir dort sind, werden unsere Füße noch manche Wegstrecke zu gehen haben. Nicht jeder Schritt wird uns leichtfallen. Wenn wir auf ihn schauen, den Auferstandenen an unserer Seite, dann gehen wir wieder beschwingter. Vielleicht beginnen die Zehen zu wippen. Die Füße verlassen den gewohnten Trott. Das Herz beginnt zu hüpfen. Der Mund beginnt zu singen. Jubel bricht aus mir heraus. Ich kann gar nicht mehr anders.</p>
<p>&quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot;</p>
<p>So will ich nach Hause tanzen.</p>
<p>Wenn ihr wollt, dann tanzt doch mit...</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Der Weg war schwer. Kein Schritt fiel leicht. Bis Gott eingriff. Nun hat sich alles verändert. Die Zehen wippen. Das Herz hüpft. Der Mund singt. Christus ist auferstanden. &quot;Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!&quot; So können wir fröhlich nach Hause tanzen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn</itunes:subtitle>
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        <title>Gottverlassen</title>
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        <pubDate>Fri, 29 Mar 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wo die Qual am größten ist, wo die Not am heftigsten ist, wo keiner mehr helfen kann -- wo Gott selbst nicht mehr da ist: Dahin begibt er sich doch. Am Kreuz. In seinem Sohn. Nie war er uns näher. Nie hat er uns heftiger geliebt. Nie hat er uns fester umarmt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Matthäusevangelium, aus dem 26. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er's schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn. 37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. 38 Da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. 39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! 41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: 42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben. 43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. 44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. 45 Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! 50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. 51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, 52 und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!</p>
</blockquote>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum? Ja, warum hast du ihn denn verlassen?</p>
<p>Ist er denn nicht dein Christus, dein Messias, Gesalbter des Herrn? Ist er denn nicht der, auf den alle gewartet haben? Der, mit dem sich alles wenden sollte?</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum hast du ihn verlassen?</p>
<p>Ist er denn nicht der, von dem der Engel &quot;große Freude&quot; verkündigte: Der Heiland, Retter der Welt, Christus der Herr?</p>
<p>Ist er denn nicht der, von dem du selbst sagtest, &quot;Das ist mein geliebter Sohn&quot;, während dein Geist auf ihn herabkam in Gestalt einer Taube?</p>
<p>Ist er denn nicht der, der von sich selbst zeugen konnte mit den Worten deiner Propheten: &quot;Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.&quot; (Lukas 4,18b-19)</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum lässt du ihn hier am Kreuz hängen?</p>
<p>Warum hast du ihn verlassen?</p>
<p>Ist er denn nicht dein Ebenbild, der Erstgeborene vor aller Schöpfung?</p>
<p>Ist denn nicht in ihm alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten?</p>
<p>Ist er denn nicht vor allem, und alles besteht in ihm?</p>
<p>Wohnt denn in ihm nicht alle Fülle deiner selbst?</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum lässt du ihn hier am Kreuz hängen?</p>
<p>Warum hast du ihn verlassen?</p>
<p>Warum verreckt er jetzt hier an diesem elenden Folterinstrument?</p>
<p>Die um ihn herumstehen, machen sich lustig.</p>
<p>Soldaten treiben ihre grausamen Spielchen mit ihm.</p>
<p>Er hängt dort, ein Bild des Grauens, des absoluten Elends und über ihm ihr Schild: &quot;Dies ist Jesus, der Juden König.&quot;</p>
<p>Schöner König.</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum lässt du ihn hier am Kreuz hängen?</p>
<p>Warum hast du ihn verlassen?</p>
<p>Die, die vorübergehen, sehen gleich, dass sein Anspruch gescheitert ist: &quot;Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!&quot;</p>
<p>Die, die es schon immer besser wussten, zerreißen sich ihre Lästermäuler: &quot;Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben.&quot;</p>
<p>Selbst die, die zurecht bestraft werden, halten sich für etwas Besseres.</p>
<p>Wo bist du, mein Gott?</p>
<p>Warum lässt du ihn hier am Kreuz hängen?</p>
<p>Warum hast du ihn verlassen?</p>
<p>Warum hast du auch noch dein Gesicht abgewandt?</p>
<p>Vom Sterben berühmter Rabbinen kennt man ähnliche Geschichten: Von Dingen die fallen oder zerbrechen. Von seltsamen Erscheinungen. Von Dunkelheit. Gott verhüllt sein Gesicht. Er zeigt sich nicht mehr.</p>
<p>Dem, der dort am Kreuz hängt, bleibt nur der verzweifelte Schrei:</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Es will mir das Herz zerreißen.</p>
<p>Es will meine Welt zerreißen.</p>
<p>Es ist der Schrei der zerrissenen Herzen, der zerrissenen Welt, der Schrei, der schon so oft gehört wurde -- und immer wieder neu:</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Er schreit ihn, als er vom Arzt heimkommt. Er ist noch ganz benommen. Eigentlich war es nur eine Routineuntersuchung, als der Arzt plötzlich &quot;Hm.&quot; sagte. Es ist nie gut, wenn der Arzt &quot;Hm.&quot; sagt, das wusste er gleich. Dann kam eine ganze Batterie von Tests. Das ernste Gesicht des Arztes, als sie die Ergebnisse besprechen sollten, sagte schon alles. Nach den ersten Worten blieb ihm erst einmal die Luft weg. &quot;Krebs&quot; hörte er noch, und &quot;fortgeschrittenes Stadium&quot;. &quot;Inoperabel&quot;. &quot;Sechs Monate noch vielleicht.&quot; Jetzt ist er allein. Er hat das Auto am Waldrand geparkt auf dem Weg nach Hause. Er muss jetzt erst einmal laufen. Atmen. Schreien. Ganz laut, wo ihn keiner hört.</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Sie schreit es, als sie die Nachricht verstanden hat. Ganz benommen schon war sie, als sie die Haustür öffnete, mitten am Vormittag, wo sonst nie jemand kam. Sie sah die Polizeiuniformen und dachte schon an das Schlimmste. Ob man bitte hereinkommen dürfe und sich einen Augenblick setzen... Es war wie im Fernsehen, nur in echt und furchtbar beklemmend. Und dann noch viel schlimmer, als in ihren schlimmsten Vorstellungen. Ihre Tochter. Heute morgen. Ein anderes Auto überholte bei Gegenverkehr. Frontaler Zusammenstoß. Hubschrauber. Mehr bekommt sie nicht mehr mit. Ihr Blick verengt sich. Ihre Ohren rauschen. Die ganze Welt scheint auf sie zusammenzustürzen. Sie bringt keinen Ton mehr heraus, obwohl alles in ihr schreit, laut, lauter, lauter als je irgendetwas gewesen ist:</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Er schreit es, als ihm ganz plötzlich die Arbeitsstelle gekündigt wird. Wie soll es denn jetzt weitergehen?</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Sie schreit es, als er betrunken nach Hause kommt. Dabei hatte er doch versprochen, aufzuhören -- hoch und heilig! Hat das denn nie ein Ende?</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Dieser Schrei durchdringt den Raum und die Zeit. Schrill, immer lauter werdend erfüllt er die ganze Welt.</p>
<p>Es ist der Schrei der missbrauchten Kinder.</p>
<p>Es ist der Schrei derer, die Gewalt erleben hinter verschlossenen Türen.</p>
<p>Es ist der Schrei der Opfer von Krieg und Terror.</p>
<p>Es ist der Schrei von Auschwitz, von Buchenwald und Majdanek, und, ja, das wissen wir hier, auch von einem Außenlager in Tailfingen.</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Man schreit es in Kiew und Dnipro.</p>
<p>Man schreit es in Israel und in Gaza.</p>
<p>Man schreit es in Russland nach dem Anschlag auf die &quot;Crocus City Hall&quot;.</p>
<p>Man schreit es in den Minen im Kongo, in den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste, in den Sweat Shops in Bangladesh.</p>
<p>Man schreit es dort, wo einem die Gewalt den Atem gefrieren lässt.</p>
<p>Wo die Dunkelheit sich mit Händen greifen lässt.</p>
<p>Wo Hoffnung so unendlich weit weg ist, als habe es sie nie gegeben.</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Er schreit es.</p>
<p>Gequält presst er die Worte durch die trockenen, blutverkrusteten Lippen.</p>
<p>&quot;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&quot;</p>
<p>Warum? Ja, warum mein Gott?</p>
<p>Wo bist du?</p>
<p>Wo bist du?</p>
<p>Ich schaue mich um.</p>
<p>Lachende Soldaten, höhnische Passanten. Triumphierende Gegner. Zynische Verbrecher.</p>
<p>Ich schaue mich um in diesem bunten Tableau, das der Evangelist uns zeichnet und plötzlich entdecke ich ihn.</p>
<p>Gerade noch, bevor es dunkel wird.</p>
<p>Mein Blick streift das gequälte Gesicht des Gekreuzigten.</p>
<p>Ich höre den Schrei der Gottverlassenheit.</p>
<p>Ich schaue ihm in die weit geöffneten Augen.</p>
<p>Ein Universum an Schmerz und Qual und Leiden.</p>
<p>Und da schaut Gott mich an.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, da bist du?</p>
<p>Er ist doch Immanuel. Gott mit uns. Als er zur Welt kam, sprachen wir von Gott, der sich klein macht. Der einer von uns wird. Der in unsere menschlichen Wege hineintritt. Der zeigt, dass wir ihm nicht egal sind. Der zeigt, wie sehr er uns liebt.</p>
<p>Wir ahnten ja nicht, dass er so weit gehen würde. Dass er bis dorthin mitkommen würde. Dorthin, wo man schreit.</p>
<p>Wo man leidet. Wo man stirbt. Verreckt, sogar.</p>
<p>Dort, wo man nicht in der Lage ist, Gott zu sehen.</p>
<p>Wo man sich ganz allein dem grausamen Schicksal ausgesetzt sieht.</p>
<p>Wohin es kein, aber auch gar kein Lichtstrahl der Hoffnung schafft.</p>
<p>Ins Dunkel.</p>
<p>In die Gottverlassenheit.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Dort hängt er. Am Kreuz. In Jesus, seinem Sohn.</p>
<p>Das kann man gar nicht begreifen. Wieder einmal sprengt Gottes Handeln die Begrenztheit meines kleinen menschlichen Verstands. Gott selbst setzt sich der Gottverlassenheit aus. Er zerreißt sich quasi selbst.</p>
<p>So weit, so unendlich, grenzenlos weit geht seine Liebe zu uns, dass er das auf sich nimmt. Dass er sich dem aussetzt.</p>
<p>Dass er dort hingeht.</p>
<p>Für uns.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Der ohrenbetäubende Schrei der Verzweifelten, der Hoffnungslosen, der Gequälten -- es ist seiner.</p>
<p>Ihr schmerzverzerrtes Gesicht ist seines.</p>
<p>Er sitzt mit in den Schutzbunkern unserer Kriege.</p>
<p>Er schuftet mit in den Fabriken und den Plantagen und den Minen.</p>
<p>Er kauert mit in den Trümmern von Gaza.</p>
<p>Er hockt mit auf dem einsamen Sofa, wo die stillen Tränen geweint werden.</p>
<p>Er versteckt sich mit unter der Bettdecke, die doch keinen Schutz vor der grausamen Welt bietet.</p>
<p>Überall, wo sich seine Menschen von allem verlassen wissen, entdeckt man ihn an ihrer Seite.</p>
<p>Er macht sich eins mit den Opfern dieser Welt.</p>
<p>Er wird selbst das Opfer.</p>
<p>Unweit des Kreuzes, aber ungesehen von dort, zerreißt im Tempel der Vorhang von oben bis unten. Gott macht die Tür auf. Es braucht keinen stillen, heiligen Ort mehr, um ihn zu finden. Er geht selbst dorthin, wo die Not am größten ist. Näher kann er uns nicht mehr kommen. Ferner kann er sich selbst und unseren überholten Gottesvorstellungen nicht mehr sein.</p>
<p>Dort hängt er.</p>
<p>Er schreit.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Der Evangelist, der das schreibt, kennt diese Worte. Für ihn sind sie sofort ein vertrauter Teil des alten Gebets der Verzweifelten. Wir nennen es heute den 22. Psalm. Wir haben heute auch schon Verse daraus gebetet.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Für den Matthäusevangelisten, der schon immer zeigen wollte, dass Jesus die Erfüllung aller Verheißungen, aller heiligen Schrift ist, klingt das völlig logisch. Das Verteilen der Kleider, die Verspottung durch die Umstehenden -- selbst das Bekenntnis des römischen Hauptmanns kann er dort schon entdecken. Wieder einmal geht in Jesus alles in Erfüllung. Der Evangelist würde sagen: Es musste so kommen. Es sollte so sein. Es war schon immer Gottes Plan, sich selbst hier hin zu begeben. Sich selbst zum Opfer zu machen.</p>
<p>Der gottverlassene Gott:</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>In seinem Schrei umarmt er das ganze, leidende Universum.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>In diesem Schrei ist er im vollsten Sinne &quot;Immanuel&quot; -- Gott mit uns.</p>
<p>Nie war er uns näher.</p>
<p>Nie hat er uns mehr geliebt.</p>
<p>Nie hat er uns fester umarmt.</p>
<p>Für uns -- das ist die Botschaft der Apostel -- für uns lässt er sich dort hinhängen.</p>
<p>Er schreit unseren Schrei.</p>
<p>Für uns.</p>
<p>&quot;Nur der leidende Gott kann helfen&quot;, wird fast 2.000 Jahre später Dietrich Bonhoeffer schreiben.</p>
<p>Gott steht immer, bis zum bittern Ende, bis zu letzten Konsequenz, auf der Seite der Opfer, der Gequälten, der Leidenden.</p>
<p>Immer.</p>
<p>Auch dann, wenn man ihn gar nicht mehr sieht.</p>
<p>Elie Wiesel, ein Ausschwitzüberlebender, erzählte einmal von einem Schreckenstag im Konzentrationslager. Drei Häftlinge waren zum Tod verurteilt worden. Drei Häftlinge wurden vor allen anderen gehängt. Zwei Erwachsene. Ein Kind. &quot;Es lebe dire Freiheit&quot;, riefen trotzig die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg. &quot;Wo ist Gott, wo ist er?&quot; hört Wiesel hinter sich jemand fragen. Dann kippten vorne die Stühle unter den Gehenkten um. Schweigen im ganzen Lager. Ein langer Todeskampf. &quot;Wo ist Gott?&quot;, fragt noch einmal der unsichtbare Mann in der Menge. &quot;Und ich hörte eine Stimme in mir antworten&quot;, erzählt Elie Wiesel. &quot;Wo ist er? Dort -- dort hängt er, am Galgen...&quot;</p>
<p>Das ist Immanuel. Gott mit uns.</p>
<p>Im tiefsten Dunkel.</p>
<p>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</p>
<p>Er betet den Psalm der Verzweifelten. Ob er ihn ganz spricht, das wissen wir nicht. Zum Zuhörer dringt nur sein Schrei durch -- herausgerissen aus dem langen Gebet. Für jüdische Ohren klingt trotzdem immer das Ganze mit. Die ganze lange Klage derer, die keinen Gott mehr entdecken in ihrer Not.</p>
<p>Und die Hoffnung am Ende des Psalms. Am Kreuz ist sie nirgends zu sehen. In ganz vielen anderen Situationen auch nicht.</p>
<p>Aber sie dämmert uns schon entgegen vom Ostermorgen her.</p>
<p>In der Gottverlassenheit des Kreuzes und überall, wo Menschen sich von Gott verlassen sehen, hast du, mein Gott, an ihrer -- an unserer Seite -- dich zur Hoffnung gemacht:</p>
<blockquote>
<p>Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs, und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er's. (Psalm 22,24-25)</p>
</blockquote>
<p>Er war ja schließlich ganz nahe. Immanuel. Gott mit uns. Du warst da.</p>
<p>Für uns.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wo die Qual am größten ist, wo die Not am heftigsten ist, wo keiner mehr helfen kann -- wo Gott selbst nicht mehr da ist: Dahin begibt er sich doch. Am Kreuz. In seinem Sohn. Nie war er uns näher. Nie hat er uns heftiger geliebt. Nie hat er uns fester umarmt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Oder gerade: Gott mit uns?</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>18:09</itunes:duration>
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      </item>
      
    
      
      
      
      <item>
        <title>Stocksauer. Stinkwütend.</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/stocksauer-stinkwuetend/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/stocksauer-stinkwuetend/</guid>
        <pubDate>Sun, 17 Mar 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Man hätte es sich ja denken können: All das Gerede über Gott, über Güte und Gnade, über Vergebung und Nachfolge und am Ende ist es doch nur das Gleiche wie überall sonst. Am Ende bist du das Opfer! Ein stinkwütender &quot;Rant&quot; über Gott und die Welt und eine überraschende Entdeckung, die alles ändert...</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>&quot;Schaffe mir Recht, Gott!&quot; Erbarme dich meiner, Gott der Gerechtigkeit und Gnade!</p>
<p>Aus dem Genesisbuch, das wir auch 1. Mose nennen, aus dem 22. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. 3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. 6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11 Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. 14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt. (Genesis 22,1-14)</p>
</blockquote>
<p>Noch einmal: Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Das werden wir nämlich brauchen -- Gnade und vor allem: Friede -- wenn wir das durchstehen wollen, heute, mit diesem furchtbaren Predigttext.</p>
<p>&quot;Schaffe mir Recht Gott!&quot; -- und dann das! Ich muss gestehen: Ich bin stocksauer.</p>
<p>Schockiert. Stocksauer und stinkwütend.</p>
<p>Und deshalb muss das wohl heute ein &quot;Rant&quot;, eine Wutrede, werden, denn etwas anderes habe ich nicht auf Lager.</p>
<p>Schockiert. Stocksauer und stinkwütend.</p>
<p>Sauer auf Gott und wie er sich hier aufführt. Sauer auf das, was er hier von seinem Abraham verlangt. Nicht nur, dass er es überhaupt für nötig hält, einen Glaubens- oder Liebesbeweis von diesem Mann einzufordern. Hat es denn nicht gereicht, dass Abraham alles hinter sich ließ nur auf das Wort seines Gottes hin, dass er aufbrach ins Ungewisse, ohne irgendwelche Sicherheiten? Hat es denn nicht gereicht, dass er alles auf eine Karte setzte und den Versprechen Gottes vertraute: Ein Land. Ein Volk. Segen für die ganze Welt? Hat es denn nicht gereicht, dass er jahrelang von einem Ort zum anderen zog, stets auf der Suche, stets im Hoffen, stets im Warten -- und das immer lauter werdende Ticken der biologischen Uhr im Ohr, denn weder Abraham noch Sarah wurden ja jünger bei der ganzen Reise? Hat es denn nicht gereicht, dass er so lange aushielt, bis endlich der verheißene Nachkomme da war -- immer noch nicht zahlreich wie die Sterne und die Sandkörner am Meer, aber immerhin mal einer? Ein Anfang. Eine Chance zumindest, dass das alles doch noch wahr werden könnte.</p>
<p>Nein.</p>
<p>Gott will einen Glaubensbeweis. Und was für einen. Das schlägt dem Fass den Boden aus! Gott will ein Leben! Gott will ein Kind. Vergiss einmal für einen Augenblick die Tatsache, dass an diesem Kind die ganze lange Verheißungsgeschichte Gottes hängt. Vergiss einmal den Umstand, dass mit dem Sterben dieses Kinds all die Jahre des Glaubens, des Hoffens, des gehorsamen Nachfolgens, des Aushaltens, auf einen Schlag zunichte sein werden. Ja, dass alles macht die Geschichte noch schlimmer, aber das braucht es alles gar nicht um schockiert, entsetzt und zutiefst angewidert zu sein von dem, was Gott hier verlangt: Ein Kind! Ein Kind soll sterben für Gott.</p>
<p>&quot;Schaffe mir Recht, Gott!&quot; ???</p>
<p>Man hätte es ja wissen können. Man hätte ja ahnen können, dass am Ende doch wieder alles nur auf so etwas hinausläuft. Dass es am Ende doch wieder nur um Macht und Eigennutz geht. Kein Haar besser als das, was man der menschlichen Geschichte kennt! Kein Haar besser als das, was man von anderen Gottheiten so erzählt bekommt. Am Ende scheren sich alle die Mächtigen doch keinen Deut um das Wohl irgendeines kleinen Menschen. Am Ende ist es ihnen allen doch egal, wie es einem da geht, und wer da jetzt wie leben kann oder überhaupt leben darf--solange sie bekommen, was sie gerade wollen. Man kennt das doch. Man sieht das tausendfach in der Geschichte. Ach was, das reicht gar nicht aus. Millionenfach sieht man es. Und nicht nur damals, in vergangenen Zeiten, in irgendwelchen unaufgeklärten Gesellschaften. Hier und jetzt: Du brauchst nur die Nachrichten einschalten, dann siehst du es rund um die Welt. Und wenn du Nachrichten bekommen könntest von dem, was hinter manchen verschlossenen Haustüren geschieht, dann würdest du die gleichen Muster auch hier vor unserer Haustür entdecken. Auch hier in Nebringen. Ich bin mir ziemlich sicher, hier im Raum sitzen heute Menschen, die haben das selbst schon erlebt: dass andere, mächtigere sich mit Gewalt nehmen, was sie gerne hätten, ohne sich um dich und dein Wohlergehen zu scheren.</p>
<p>Das macht mich wütend. Rasend wütend. Stocksauer und stinkwütend.</p>
<p>Wütend, dass es so etwas gibt in dieser Welt. Wütend, dass Menschen hier und anderswo so etwas erleben müssen.</p>
<p>Wütend, dass Gott jetzt hier auch noch in diese Kerbe schlägt. Kein Haar besser als die anderen! Wie soll ich denn da noch von Liebe reden? Von Heil? Von: &quot;Wir haben Hoffnung.&quot;? Was soll ich denn heute denen erzählen, die hier sitzen und denen man Gewalt angetan hat? Dass Gott auch nicht besser ist? Was soll ich Ellas Eltern erzählen, die heute ihre Tochter hier zu Gott bringen, zur Taufe? Was meinen eigenen Kindern? Was soll ich Ella erzählen, die heute hier getauft wurde? Verlass dich auf Gott und vertrau ihm dein Leben an--kann halt sein, er ist ein (verzeiht mir den Ausdruck, zumal in der Kirche, aber mir fällt gerade kein besserer ein) Arschloch?</p>
<p>Ich bin entsetzt. Schockiert. Stocksauer und stinkwütend.</p>
<p>Auf Gott. Wer das jetzt nicht ist, hat wohl vorher nicht richtig zugehört. Hat den Text nicht verstanden oder was da passiert. Hat vielleicht reflexartig diesem Gottesbild einen heiligen Schutzanstrich verpasst, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Und Gott ist doch immer gut, oder? Hier geht es doch nur um Treue und gehorsame Nachfolge, um Glauben und Vertrauen, oder? Sind wir schon so abgestumpft von unserer kaputten Welt, dass uns das nichts mehr ausmacht, wenn ein Kind hier sterben soll?</p>
<p>Ihr Lieben, den Gott, von dem hier erzählt wird, erkenne ich nicht wieder. Er passt nicht zu dem, was ich über Gott zu wissen glaube. Er passt nicht in mein Koordinatensystem von Liebe und Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit. Er passt nicht zu dem, was ich in Jesus Christus zu erkennen glaubte. Da passt rein gar nichts mehr zusammen, wenn er hier kommt und das Leben eines Kindes verlangt.</p>
<p>Ihr Lieben, dieser Text passt sehr gut zu dem, was die Menschen seiner Zeit erwarteten. Der alles fordernde Gott, dem selbst ein Kinderleben zu opfern ist, er passt ins Bild all dessen, was man in der damaligen Welt von Gottheiten erzählt bekommt und glaubt. Und leider, leider, leider passt der Text auch sehr gut zu dem Gottesbild, das heute noch viele Menschen mit sich herumtragen. Der allmächtige, grausam fordernde, unbarmherzig uninteressierte Gott, dem es nur um sich selbst geht. Für die Menschen seines zeitlichen Umfelds ist der Beginn dieses Texts nicht schockierend, nicht aufwühlend und unangenehm, sondern ganz einfach das, was man von einer Gottheit von vorn herein erwarten müsste.</p>
<p>Für die Menschen seines zeitlichen Umfelds ist das Ende des Texts eine aufwühlende Überraschung. &quot;Der Herr sieht&quot;, nennt Abraham am Ende die Stätte und dann reden alle von dem &quot;Berg, da der Herr sich sehen lässt.&quot; In dieser Geschichte haben sie damals etwas ganz Neues an Gott entdeckt. Unerwartet. Nie dagewesen. Herzergreifend anders, als alles, was man erwartete. Gott will nämlich gar kein Menschenopfer. Gott will nämlich gar nicht das Leben eines Kindes. In die gewohnten Gewaltsysteme dieser Welt schaltet Gott sich ein -- nicht als ein noch Stärkerer, noch Mächtiger, sondern als einer, der das ganze erwartbare Gefüge durcheinanderbringt. Gott schaft Ersatz. Er zeigt einen Ausweg. Er setzt sich ein für einen ganz anderen Ausgang der Geschichte. Den hatte keiner auf dem Radar. Ich vermute, auch Abraham nicht. Der scheint ja am Anfang gar nicht überrascht, als er loszieht, um Isaak zu opfern. &quot;So ist das eben mit den Göttern&quot;, denkt er sich vielleicht seufzend noch. Die Überraschung für ihn kommt am Ende. Der große Aha-Moment: Gott lässt sich sehen. Und er ist anders. Anders als die anderen. Anders als das, was man kennt. Anders als die Mächte und Machtstrukturen dieser Welt. Anders als die Götter, von denen man sich erzählt. Anders als alles, was man erwartet.</p>
<p>Ihr Lieben, ich kann das Gottesbild des Textanfangs nicht verteidigen. Ich weiß nicht, ob Gott wirklich jemals von Abraham verlangte, sein Kind umzubringen. Es passt nicht zu dem, was ich von ihm kenne; worauf ich vertraue. Vielleicht war es auch einfach nur Abraham, der Gott so zu kennen glaubte, wie seine Zeit es ihn lehrte und der hörte, was er glaubte, hören zu müssen. Ich weiß es nicht.</p>
<p>Was ich kann, ist gemeinsam mit euch dahin schauen, wo man entdecken kann, wie Gott wirklich ist. Das Ende des Texts bietet Ansätze dazu--&quot;da der Herr sich sehen lässt.&quot; Da finde ich nicht den, der umbarmherzig Menschenleben verlangt, sondern den, der sich selbst für seine Menschen einsetzt.</p>
<p>Ihr Lieben, als einer, der Jesus Christus nachfolgen möchte, schaue ich auch darüber hinaus. Dorthin wo sich Gott am allerbesten sehen lässt. Zu eben diesem Jesus, seinem Christus, seinem Sohn, in dem er selbst zu uns kommt. Immanuel. Gott mit uns. Wenn ich ihn anschaue, dann sehe ich keinen unbarmherzigen Machthaber. Wenn ich ihn anschaue, blickt mir die ganze Menschenfreundlichkeit Gottes ins Gesicht. Wenn ich ihn anschaue, sehe ich Liebe und Güte, Gnade, unverdiente Barmherzigkeit. Wenn ich ihn anschaue, dann sehe ich: Gott ist bereit, alles zu geben für uns. Wenn ich ihn anschaue, dann habe ich Hoffnung.</p>
<p>Wenn ich ihn anschaue, dann höre ich Paulus' Worte aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs: Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Römer 8,32)</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen,</p>
<p>Wenn ich ihn anschaue, dann werde ich wütend. Nein, nicht um seinetwillen. Im Angesicht seiner Zuwendung zu mir, zu uns, zu seinen Menschen, da begegnet mir nichts, was mich ärgern könnte.</p>
<p>Wenn ich ihn anschaue, dann werde ich wütend, entsetzt und traurig über alle die Menschen, denen immer noch ein falsches Bild von Gott vermittelt wird. Ich werde wütend über alle Ungerechtigkeit, die Menschen gewaltsam aufgedrückt wird und die jede Hoffnung in ihnen ausgelöscht hat. Ich werde wütend über alle Erfahrungen von Gewalt, die Menschen lehren, dass alle nur gegen sie sind und dass sie selbst Gott im besten Fall einfach egal sind. Ich werde wütend über die schändliche Gewalt, die Menschen auch in unserer Kirche erlebt haben und über die, die ihnen vermittelt haben, dass sie in Gottes Nähe nicht Schutz und Sicherheit finden, sondern dass sie da auch noch ausgenutzt und ausgebeutet werden, während Gott anscheinend wegschaut. Ich werde wütend über alle, die heute diese Gottesbilder weitertragen und die bei diesem Text ganz unberührt und salbungsvoll über &quot;gehorsame Nachfolge&quot; reden können. Ihr wisst schon: Nachfolge kann auch Opfer bedeuten. Man muss vielleicht Sonntagmorgens früh aufstehen. Man muss vielleicht mal runterschlucken, was man dem Anderen gerne ins Gesicht sagen würde. Oder sein eigenes Kind töten, damit Gott einen liebhat.</p>
<p><em>What?</em></p>
<p>Ich bin wütend über jeden Ort, wo man so über Gott redet. Und wütend auf mich selbst, wo ich vielleicht auch schon zu solchen Gottesbildern beigetragen habe.</p>
<p>Am Ende, wenn ich mich ausgetobt habe mit meinem &quot;Rant&quot;, meiner Wutrede, da bleibt mir nur die Hoffnung, das Gebet, dass ich auch heute auf Ihn zeigen kann, auf Christus, dahin &quot;da der Herr sich zeigt&quot;. Dass ihr Gott entdeckt, wie er wirklich ist. Überraschend, wohltuend anders. Liebevoll. Zugewandt. Menschenfreundlich. Nett. Das ist es, was ich Ella heute mitgeben möchte. Auf den kann man sich nämlich wirklich verlassen und seine Gegenwart, die er für jeden Tag versprochen hat, tut unendlich gut. Das ist es, was ich euch allen mitgeben möchte. Und was ich mitnehme, für mich selbst.</p>
<p>So ist er wirklich, der Gott, an den ich glaube. Der sich in Jesus Christus zeigt. Der in mir lebt durch seinen Heiligen Geist.</p>
<p>Davon erzähle ich gerne. Dem vertraue ich mich gerne an. Das ist der Grund meiner Hoffnung.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Man hätte es sich ja denken können: All das Gerede über Gott, über Güte und Gnade, über Vergebung und Nachfolge und am Ende ist es doch nur das Gleiche wie überall sonst. Am Ende bist du das Opfer! Ein stinkwütender &quot;Rant&quot; über Gott und die Welt und eine überraschende Entdeckung, die alles ändert...</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ein &quot;Rant&quot; über Gott und eine überraschende Entdeckung</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Hahnenschrei</title>
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        <pubDate>Sun, 10 Mar 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gut gemeint und völlig versagt. Zu oft erkenne ich mich wieder in Petrus, der bitterlich über sich selbst weinen muss. Aber: Es gibt Hoffnung! Christus ist unsere Hoffnung!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>54 Sie ergriffen [Jesus] aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin's nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22,54-62)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem Lukasevangelium, aus dem 22. Kapitel.</p>
<p>Ging hinaus.</p>
<p>Und weinte.</p>
<p>Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung jetzt?</p>
<p>Wir haben Hoffnung. So bin ich angetreten, vor 119 Tagen.</p>
<p>Wir haben Hoffnung. Das habt ihr immer wieder gehört. Ich habe es -- das hatte ich ursprünglich gar nicht geplant -- in jede einzelne Predigt hier eingebaut. Immer wieder. (Na ja, bis auf eine. Da hieß es: &quot;Bei Gott ist Hoffnung&quot;).</p>
<p>Wir haben Hoffnung. Das habe ich euch versprochen. Besonders für heute, für Laetare, für dieses &quot;Klein-Ostern&quot; mitten in der so ernsten Passionszeit.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung jetzt?</p>
<p>Siehst du sie irgendwo?</p>
<p>Draußen weint einer. Bitterlich.</p>
<p>Als höhnisch der Hahn schreit.</p>
<p>Dabei hat alles so verheißungsvoll angefangen. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war er Fischer, am See Genetsaret. Wie seine ganze Familie -- sein Vater und dessen Vater vor ihm. Sein Bruder auch. Ein Fischer, ein Arbeiter, ein Kleinunternehmer, der oft von der Hand in den Mund lebte. Nicht immer ein besonders erfolgreicher dazu. Besonders an jenem Tag -- an jenem Morgen, als sie sich eine ganze Nacht lang abgemüht hatten. Vergeblich. All ihr Können, alle ihre Erfahrung, alle Tricks, die sie irgendwo noch auf Lager hatten -- nichts hatte genützt. Die Netze blieben leer. Die ganze Nacht lang. Es stand zu befürchten, dass die Mägen auch leer bleiben würden. Und als sie so da saßen, frustriert und fertig, als sie verbittert den Dreck einer ergebnislosen Nacht aus ihren Netzen puhlten, da betrat er das Ufer. Er, der alles verändert hat. Sie kannten ihn noch nicht, damals. Vielleicht hatten sie schon von ihm reden gehört. Schon dort drängte eine Menge sich um ihn, weil er so anders, so fesselnd von Gott sprach, wie keiner, den sie sonst kannten. Und nachdem er ihre Boote als Plattform gebraucht hatte, schickte er sie hinaus, auf eine noch sinnlosere Fahrt -- bei Tag, ins Tiefe: Nur der Sohn eines Zimmermanns konnte so eine Idee haben! Am Ende begannen die Netze zu reißen und zwei Boote drohten zu sinken unter der Last des phänomenalen Fischfangs. Und als er Simon, den Fischer aus Kapernaum, dann beruft, da ändert sich das ganze Leben: &quot;Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen!&quot; Die Netze voller Hoffnung, so hatte alles angefangen. Simon, der Menschenfischer.</p>
<p>Der ist bei ihm gewesen. Ganz nah dran an Jesus. An der Hoffnung.</p>
<p>Der ist bei ihm gewesen. Einer von denen.</p>
<p>&quot;Mensch, ich bin's nicht.&quot;</p>
<p>Jetzt weint er. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung geblieben?</p>
<p>Damals, nach dem Fischzug, war er immer ganz vorne mit dabei. Von allen Fischern, die sich rufen ließen an diesem Tag, ist er der, den Jesus persönlich anspricht. Als dann die Zahl der Nachfolger im engsten Zirkel -- Ihr wisst schon: Die, die wir &quot;Jünger&quot; nennen. -- komplett war, da zählt der Evangelist sie auf und er beginnt ganz selbstverständlich so: &quot;Simon, den er auch Petrus nannte, ...&quot;. Wenn Jesus die Menge fortschickt und selbst einige aus dem Zwölferkreis, wenn er hineingeht in den Raum, wo die tote Tochter des Jairus liegt, da nimmt er Petrus selbstverständlich mit. Wenn er auf den Berg geht um zu beten (und keiner ahnt noch etwas von Mose und Elia und dem offenen Himmel, den sie dort sehen werden), da ist Petrus einer der wenigen an seiner Seite. Oft genug sind die Begleiter Jesu im Evangelium einfach &quot;Petrus und die, die bei ihm waren.&quot; Wenn Jesus in Gleichnissen über seine Nachfolger redet, fühlt sich Petrus als erster angesprochen. Wenn sich um Jesus etwas ereignet, ist Petrus der erste, der es kommentiert. Wenn Jesus Hilfe braucht bei der Vorbereitung des Passahmahls, da schickt er natürlich Petrus. Er ist immer in der ersten Reihe. Er ist die Identifikationsfigur für alle, die Jesus folgen. Wenn man an die Jünger denkt, denkt man an Petrus. Keiner ist näher dran am Geschehen. Keiner ist näher dran am Messias.</p>
<p>&quot;Frau, ich kenne ihn nicht.&quot;</p>
<p>Jetzt weint er. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung geblieben?</p>
<p>Wenn es einen Höhepunkt gab in seiner Karriere, dann hängt der gar nicht mit einer der spektakulären Wundergeschichten zusammen. Dass der Höhepunkt eher unauffällig in einem der vielen Gespräche passiert, das zeugt davon, wie gut er seinen Jesus kannte. Er sah nicht nur, was so plakativ für die Massen wirkte. Er ließ sich nicht nur begeistern, wenn Jesus einen seiner ganz großen Auftritte hinlegte. Nach all der intensiven Zeit mit Jesus hatte er den Durchblick. Er wusste, worum es hier wirklich ging. Während andere noch rätselten, wie sie diesen Prediger aus Galiläa einsortieren sollten, hatte er es begriffen. &quot;Du bist der Messias Gottes.&quot; Nach der Erzählung des Lukasevangeliums geschah das vor der großen Offenbarung Christi auf dem Taborberg. Vor Mose und Elia und dem offenen Himmel. Lange bevor jeder es hätte wissen können. Er hat es schon kapiert: &quot;Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes&quot;, heißt es im Matthäusevangelium. Dort wird auch berichtet, dass Jesus ihn von da an &quot;Petrus&quot; nannte. Den &quot;Fels&quot;. &quot;Darauf&quot;, so Jesus, &quot;will ich meine Gemeinde bauen.&quot;</p>
<p>Petrus. Der Fels. Aussicht auf eine Gemeinde, die nun schon 2.000 Jahre gehalten hat. Hoffnung.</p>
<p>Petrus. Der Fels. Der Jesus-Checker. Der, mit dem großen Glaubensbekenntnis. Mit der Christus-Erkenntnis.</p>
<p>&quot;Frau, ich kenne ihn nicht.&quot;</p>
<p>Petrus. Der Fels.</p>
<p>&quot;Mensch, ich bin's nicht.&quot;</p>
<p>Jetzt weint er. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung geblieben?</p>
<p>Es gibt gewiss keine biblische Figur (außer Jesus natürlich) über die ich so oft gepredigt habe, wie über Petrus. Es gibt keinen, der mich in gleicher Weise immer wieder anspricht und fasziniert. Wahrscheinlich, weil ich mich ganz oft wiederzuerkennen glaube in diesem Fischer vom See Genetsaret. In seiner Begeisterungsfähigkeit. Seiner Faszination mit Jesus. In seiner großen Klappe auch. Selbstsicher tritt er auf. Zielstrebig ist er mit Jesus unterwegs. Ergebnisorientiert. Das zeichnet ihn aus. Er lebt seine Berufung. Er geht voran. Er wird zum Vorbild, zum Beispiel für andere. Die Tiefe seiner Christuserkenntnis sucht ihresgleichen. Ich lese seine biografischen Spuren und denke mir immer wieder: Ich will mehr sein wie dieser Mann, mit dem ich manche Charaktereigenschaften teile.</p>
<p>Deutlich weniger rede ich davon, wie sehr ich mich auch in seinen Schwächen wiederfinde. Steiler Start, hoffnungsvoller Aufbruch, große Worte -- und am Ende fehlt die Kraft zum Durchhalten. Am Ende hat es nicht gereicht. Am Ende hat er alles versiebt. Es tut weh, das zu sagen, aber oft hätte ich mit ihm hinausgehen können in die Nacht.</p>
<p>Und weinen. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Wo ist die Hoffnung geblieben?</p>
<p>Die Hoffnung, von der wir so gerne reden -- er und ich.</p>
<p>Wo ist sie jetzt?</p>
<p>Ich bin so froh, dass es Menschen wie Petrus gibt. Dass die Evangelien nicht nur voll sind mit geistlichen Überfliegern, mit Menschen, die's immer drauf haben. Die alles schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Die sicheren Schrittes mutig im Glauben vorwärts gehen, ohne je zu straucheln. Ohne sich je Fragen zu stellen. Ohne je zu zweifeln. Ohne je nachzulassen, oder müde zu werden. Ich bin so froh, dass es Raum gibt im Evangelium für Menschen wie Petrus. Und mich. Die nicht nur straucheln, sondern so richtig voll auf die Schnauze fallen.</p>
<p>Die weinen. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Den höhnischen Hahnenschrei in den Ohren.</p>
<p>Ich bin so froh, dass Platz ist für diese Menschen. Für mich. In der Geschichte von Jesus. Ganz nah bei ihm. Berufen, sogar.</p>
<p>Hat Jesus das nicht gewusst? Hat er sich verschätzt bei Petrus? Oder bei mir?</p>
<p>Damals, am See: Schon damals hatte Petrus bemerkenswert viel Einsicht. Als er ankommt am Ufer, schwitzend, nass, außer sich vor Staunen, als er keuchend das zum Bersten gefüllte Netz aus dem Boot hievt, da sieht er Jesus, den Grund seines unerwarteten Fischfangs. Und er sieht sich, nass und dreckig und weit weg von irgendeiner Art von perfektem Glaubenshelden. &quot;Herr, geh weit weg von mir!&quot;, so fällt er Jesus zu Füßen. &quot;Ich bin ein sündiger Mensch.&quot;</p>
<p>Und er hat recht. Wie gar nicht selten.</p>
<p>Ich bin ein sündiger Mensch.</p>
<p>So unvollkommen.</p>
<p>Keine Hoffnung.</p>
<p>Nur Grund zum Weinen. Draußen. Bitterlich.</p>
<p>Als höhnisch der Hahn schreit.</p>
<p>Schon damals, hat ihn Jesus wieder aufgerichtet. Er schaut ihn an und er sieht etwas ganz anderes. Die ganze unendliche Gnade Gottes liegt in seinem Blick. Nein, er hat nichts übersehen. Er hat bestimmt gar nichts falsch eingeschätzt. Sein Blick ist einfach nur weiter. Anders. Voll Liebe und Güte und Barmherzigkeit. &quot;Fürchte dich nicht.&quot;, sagt er zum pudelnassen Petrus. &quot;Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen.&quot;</p>
<p>Ich bin so froh, dass es Petrus gibt. Von Anfang an ist er ein leuchtendes Beispiel für Gottes Gnade mit unvollkommenen Menschen. Wie mir.</p>
<p>Von Anfang an ist er ein Zeichen der Hoffnung.</p>
<p>Jetzt ist er draußen. Weinend. Bitterlich.</p>
<p>Hat er die Gnade Gottes verschenkt? Die riesengroße zweite Chance, die Jesus ihm gegeben hat? War alles umsonst, was Gott in ihn investiert hat?</p>
<p>Wo ist die Hoffnung jetzt.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen,</p>
<p>Die Hoffnung ist da, wo sie immer war.</p>
<p>Christus ist unsere Hoffnung.</p>
<p>Eine andere haben wir nicht.</p>
<p>Eine andere brauchen wir auch nicht.</p>
<p>Christus ist unsere Hoffnung.</p>
<p>Man kann jetzt über diesen Text hinausschauen. Laetare, &quot;Klein-Ostern&quot;, legt es nahe, das zu tun.</p>
<p>Man kann ein kleines Stück zurückblättern. Wenige Verse nur. Da hat Jesus angekündigt, was hier am Feuer passieren würde. Zu Petrus, der einmal mehr ein Mann der großen Worte war -- &quot;Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.&quot; -- spricht er ernste Worte. &quot;Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie Weizen&quot;, sagt er. &quot;Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.&quot; Und dann fallen sie schon, die Worte der Hoffnung. Worte, die Petrus da nicht verstanden hat. Worte, an die er sich auch jetzt gerade nicht erinnern kann, als er verzweifelt draußen weint, bitterlich. Worte, die später zurückkehren werden. Dann wird es klar werden, dass bei Jesus immer Hoffnung war: &quot;Und wenn du dereinst dich bekehrst,...&quot;, sagt Jesus. Nicht: &quot;Falls...&quot;. Nicht &quot;Vielleicht&quot;. &quot;Wenn du dereinst dich bekehrst,&quot;, sagt Jesus, &quot;so stärke deine Brüder.&quot;</p>
<p>Da ist die Hoffnung.</p>
<p>Da wo sie immer war.</p>
<p>Christus ist unsere Hoffnung.</p>
<p>Man könnte ein Stück vorwärtsblättern. Bei Lukas kommt dann irgendwann der zweite Teil seines Evangeliums. Die Apostelgeschichte. Mit Pfingsten ganz am Anfang. Da staunt man dann, wen Gott am allerdeutlichsten gebraucht, als er seinen Geist sendet. Als &quot;Gemeinde&quot; geboren wird. 3.000 Menschen bekehren sich an diesem Tag in Jerusalem, berichtet Lukas. Nachdem Petrus gepredigt hat--von Christus, der Hoffnung.</p>
<p>Er weiß nämlich, wieder ganz neu, wo die Hoffnung zu finden ist.</p>
<p>Es gibt nur einen Ort. &quot;Nur einen Namen&quot;, sagt er in seiner Pfingstpredigt. Wer den anruft, der wird gerettet.</p>
<p>Christus. Er ist die Hoffnung.</p>
<p>Das könnte man jetzt alles nachlesen. Aber vielleicht muss man das gar nicht. So dunkel nämlich der heutige Predigttext scheint, die Hoffnung verlöscht auch darin nicht.</p>
<p>Ich bin's nicht.</p>
<p>Ich kenne ihn nicht.</p>
<p>Ich bin's nicht.</p>
<p>Während Petrus noch redet, kräht der Hahn. So hat es Jesus vorausgesagt.</p>
<p>Petrus geht hinaus und weint bitterlich.</p>
<p>Der Hahn, der da krähte, sitzt seither oben auf unserer Kirchturmspitze. Seit Jahrhunderten verewigen Christ:innen dort diesen Hahn. Nicht als Hohn, der unseren Schmerz noch schlimmer macht. Nicht als Zeichen der Schande, des Versagens. Nicht das Zeichen, das unsere Fehlerhaftigkeit überführt.</p>
<p>Der Hahn ist kein zufälliges Element in der Geschichte. Der Hahn kündigt immer den Morgen an. Das Ende der Nacht. Das Licht, nach der Dunkelheit. Für Christ:innen aller Jahrhunderte ist der anbrechende Morgen das Zeichen für den einen Morgen geworden, der alles verändert hat: den Ostermorgen nämlich. In wenigen Wochen feiern wir deshalb auch in das Licht des anbrechendes Tages hinein: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Finsternis, Sünde, Hölle und Tod sind besiegt. Überwunden. Sie haben keine Macht mehr, wo Gott triumphiert. Alles wird neu! Alles verändert sich! Gnade und Barmherzigkeit erleuchten die Nacht auch des dunkelsten Versagens.</p>
<p>Das kräht der Hahn in unsere Nacht hinein. In unsere Schwachheit. In unseren Unglauben. In unser stolperndes, stammelndes, überhaupt nicht perfektes Christsein hinein.</p>
<p>Das kräht der Hahn:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Christus ist unsere Hoffnung.</p>
<p>Es gibt keine Nacht, keine Schwäche, keine Sünde, kein Versagen, das diese Hoffnung auslöschen kann.</p>
<p>Das ist der Hahnenschrei:</p>
<p>Wir haben Hoffnung!</p>
<p>Und Gott selbst wischt alle unsere Tränen ab. Auch die bitterlichsten.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gut gemeint und völlig versagt. Zu oft erkenne ich mich wieder in Petrus, der bitterlich über sich selbst weinen muss. Aber: Es gibt Hoffnung! Christus ist unsere Hoffnung!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung im tiefsten Versagen</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Alle Augen auf dich</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/alle-augen-auf-dich/</link>
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        <pubDate>Sun, 03 Mar 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn das nur so einfach wäre mit der Nachfolge! Wenn das Leben krumme Linien schreibt und ich das Ziel aus den Augen verliere, brauche ich nue die Erinnerung: Schau auf Jesus! Alle Augen auf ihn!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.</p>
<p>&quot;Wer die Hand an den Pflug legt&quot;, sagt Jesus &quot;und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.&quot; (Lukas 9,62)</p>
<p>Ich kann mir das bildhaft vorstellen: Der Bauer, der da seine Reihen zieht auf dem Feld. Den Blick hat er fest nach vorne gerichtet. Dorthin, wo diese nächste Reihe führt. Schritt für Schritt geht er vorwärts, er führt sein Zugtier (wir sind ja gedanklich in Jesu Zeit) stets parallel zur letzten Reihe. Doch plötzlich wird er abgelenkt. Keine Ahnung wovon. Vielleicht geht ein schönes Mädchen am Feld vorbei. Vielleicht hat er Schritte gehört, oder sonst ein unerwartetes Geräusch. Vielleicht ziehen hinter ihm dunkle Wolken auf und werfen auf einmal Schatten über ihn, auf das bisher so sonnige Feld. Ich weiß es wirklich nicht, woran man da denken muss. Jedenfalls dreht er sich um. Er schaut nach hinten, während seine Füße beständig im Takt bleiben. Das Ergebnis kann man hinterher deutlich sehen: Mitten unter den geraden Reihen auf dem Feld ist eine, die ist furchtbar krumm und schief. Verschenkte Fläche, verschenktes Ackerland. Er hat das Wichtigste aus dem Blick verloren. So wird das nichts!</p>
<p>&quot;Folge mir nach&quot;, sagt Jesus. Zu Petrus, zu dessen Freunden, zu ganz vielen Menschen nach ihnen. &quot;Folge mir nach!&quot; Zu uns sagt er das ja auch.</p>
<p>Man hätte sich gewünscht, die Wege in seiner Nachfolge ergäben geradere Linien. Ohne Umwege und Probleme, ohne Nöte und Zweifel, ohne Herausforderungen und Gegenwind. &quot;Folge mir nach&quot;, hatten wir gedacht: &quot;Das geht bestimmt geradewegs aufs Ziel zu.&quot; Viele vor uns haben auf die harte Tour gelernt, dass es auch in der Nachfolge Jesu ganz anders kommen kann.</p>
<p>&quot;Wer die Hand an den Pflug legt&quot;, sagt Jesus -- nicht ohne Grund: &quot;Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.&quot; (Lukas 9,62)</p>
<p>Die Christen des ersten Jahrhunderts konnten ein Lied davon singen. Ein Lied von begeisterten Aufbrüchen -- ganz wörtlich meine ich das: Man denke an das Pfingstereignis! Ein Lied von begeisterten Aufbrüchen und von einer Umwelt, die deutlich weniger Begeisterung für den von Gott gesandten Christus zeigte. Viele seiner Nachfolger haben es am eigenen Leib erfahren. Schon früh mussten die ersten ihr Leben lassen um des Glaubens willen. Andere wurden verfolgt, landeten im Gefängnis, wurden vertrieben und ausgegrenzt. Ausgelacht zu werden, weil man an einen Gekreuzigten, einen hingerichteten Verbrecher, glaubte, war bei weitem noch das Harmloseste, was einem passieren konnte.</p>
<p>&quot;Wer die Hand an den Pflug legt&quot;, sagt Jesus &quot;und sieht zurück,...&quot;</p>
<p>Wer will es ihnen denn verdenken, denen, die das getan haben. Zumal die Nachfolge Jesus eben doch ein ganz anderes Umfeld ist als das vertraute Ackerfeld. Hier gibt es keine vorgezogenen Linien, denen man folgen könnte. Wie oft sind wir außerhalb der bisherigen Linien unterwegs. Wie leicht kann man da ins Grübeln kommen, ins Nachdenken. Ins Fragen: Ist das überhaupt der richtige Weg? Lohnt es sich, weiter in diese Richtung zu gehen? Wie oft verdrehen uns die Fragen fast von selbst den Kopf. Wir verlieren aus den Augen, was wirklich wichtig ist. So wird das nix!</p>
<p>Es mag ein halbes Jahrhundert nach dem Kreuz gewesen sein. Vielleicht waren es auch ein paar Jahre mehr. Lange her, die Begeisterung der ersten Zeit. Die Apostel, treue Zeugen von Christus, waren nicht mehr da. Keine vorgezogenenen Linien.</p>
<p>Einer aus dem Umfeld des Petrus schreibt: Ermutigung, Ermahnung. Worte zum Festhalten, wenn die Linien verschwimmen. Wenn die Fragen beginnen. Wenn die Probleme einer neuen Zeit sich aufdrängen mit macht. Er schreibt an die anderen unter Petrus' Namen. Das hat man damals oft so gemacht. Er erinnert an das, was wichtig ist. Aus dem ersten Petrusbrief, aus dem ersten Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>13 Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. 14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; 15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« 17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt; 18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. 20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, 21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. (1. Petrus 1,13-21)</p>
</blockquote>
<p>Fast zwei Jahrtausende sind vergangen. Wir lesen diese Worte in einer anderen Zeit. In einer veränderten Welt. In unserem Land müssen wir nicht um unser Leben fürchten, weil wir an Jesus glauben. Uns droht weder Gefängnis noch Verfolgung. Im Gegenteil: Wir sind verwöhnt. Lange Zeit waren wir hier eine Mehrheitskirche. Wir können uns an Zeiten erinnern, an denen die Kirchenbänke viel voller waren als heute. Als es selbstverständlich war, dass man als Jugendliche:r konfirmiert wurde. Als man für die Gemeindearbeit neue Gebäude baute, statt Immobilienkonzepte zu schreiben, welche man hergeben kann. Als man Kirchengemeinden gründete und Pfarrstellen schuf, statt Pfarrpläne zu verabschieden. Als man aus voller Kehle miteinander die alt-vertrauten Choräle sang -- Lieder, mit denen man sich verbunden wusste mit Generationen vor uns, die auch schon hier gesungen und gebetet hatten. Die auch schon hier getauft wurden. Die auch glaubten und Jesus nachfolgten und die ihre Furchen vor uns zogen. Vertraute Linien, denen wir folgen konnten.</p>
<p>Heute ist alles anders. Oder ganz vieles zumindest. Manchmal können wir noch gar nicht beschreiben, wie es jetzt ist, weil noch alles im Fluss scheint. Weil sich vieles noch verändert. Wohin wissen wir oft noch nicht. Unsere Welt ist anders geworden. Unsere Gesellschaft, unser Land verändert sich. Rasend schnell entwickelt sich vieles weiter. Man hält kaum noch Schritt. Man kommt kaum noch nach. Viele machen sich Sorgen. Wo soll das alles hingehen? Unsere Kirche verändert sich auch. Wir kommen vor Pfarrplänen und Reformen kaum noch zu Atem. Wir werden eine Minderheitskirche. Wie lange unser aktuelles System noch tragfähig sein wird, wissen wir nicht. Wie soll man sich das vorstellen? Ganz konkret: Gäufelden, mit einer Kirchengemeinde, mit einem Pfarrer für über 3.000 Menschen? Wie soll denn Kirche da noch gelebt werden? Wie soll den Nachfolge noch weitergehen?</p>
<p>Wo sind die geraden, sicheren Linien, denen wir folgen könnten? Sie sind verblasst, scheint es. Man erkennt sie kaum noch. So wird das nichts!</p>
<p>Stop!</p>
<p>Merkt ihr denn, was gerade passiert ist? Manche von euch haben zustimmend genickt. Ihr habt euch wiedergefunden in dem, was ich beschrieben habe. Das alles kam euch nur zu bekannt vor. Ich habe euch ein Bild vor Augen gemalt. Eigentlich hattet ihr es doch längst selbst vor Augen. Und irgendwie haben wir uns darin verloren.</p>
<p>Wir haben auf die Umstände geschaut. Auf das, was uns Angst macht. Oder Sorge. Auf das, was uns verwirrt und fragend zurücklässt. Wir haben auf die Probleme und Herausforderungen geschaut -- statt nach vorne, auf Jesus.</p>
<p>&quot;Wer die Hand an den Pflug legt&quot;, sagt Jesus &quot;und sieht zurück,...&quot;</p>
<p>Wir haben nach hinten geschaut. Auf eine Vergangenheit, die wir so gerne verklären. Wer schonungslos ehrlich ist, weiß: Früher war auch nicht alles besser. Wir hätten schon vor vielen Jahren ganz ähnliche Klagen hören können. Vielleicht schon immer. Wir haben zurückgeschaut, wo wir doch auch nicht finden, was wir suchen -- statt nach vorne, auf Jesus.</p>
<p>&quot;Wer die Hand an den Pflug legt&quot;, sagt Jesus &quot;und sieht zurück,...&quot;</p>
<p>Und der Petrusjünger würde uns auch zurufen: Schaut auf Jesus! Schaut auf ihn!</p>
<p>Lasst uns das doch einfach mal ausprobieren. Auf Jesus schauen, statt nach hinten. Auf Jesus schauen, statt auf die Umstände.</p>
<p>Was seht ihr denn da?</p>
<p>Ich sehe den Gekreuzigten. Die krummen Linien sind ihm geradezu ins Gesicht geschrieben. Schmerzverzerrte Linien sehe ich.</p>
<p>Wer auf Jesus schaut, der sieht nicht Glanz und Gloria. Kein Silber und kein Gold.</p>
<p>Schon will ich wegschauen, da höre ich die Worte des Petrustexts: &quot;Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber und Gold erlöst seid.&quot; Nicht mit Silber und Gold -- nein, mit viel größeren Werten. Gott gibt sich selber in seinem Sohn um unsere Erlösung zu erwerben. Silber und Gold? Nein, bitte! &quot;...sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen Lamms.&quot;</p>
<p>Schau auf Jesus. Da siehst du, wie viel du Gott wert bist.</p>
<p>Sollte er dich wirklich nun hier zwischen den Ackerfurchen des Alltags hängenlassen.</p>
<p>Schaut auf Jesus. Was seht ihr noch?</p>
<p>Ich sehe Gott selbst. Dafür ist er ja Mensch geworden, Jesus, sein Sohn, damit Gottes Wesen sichtbar wird für uns Menschen. Ich sehe Gott, am Werk für seine geliebten Geschäpfe, schon von Anbeginn der Zeit. &quot;... ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war&quot;. &quot;Ancient history&quot;, uralte Gott-Geschichte, aber nun &quot;offenbart&quot;, offen gelegt, sichtbar gemacht &quot;am Ende der Zeiten, um euretwillen&quot;, schreibt der Petrusjünger. Und, merkt ihr, der glaubte sich damals auch schon &quot;am Ende der Zeiten.&quot; Das ist es, was ihm damals Halt gab: Gott ist am Werk.</p>
<p>Schaut auf Jesus. Da seht ihr ihn handeln -- &quot;um euretwillen&quot;!</p>
<p>Glaubt ihr wirklich, er hat seinen Plan 2024 plötzlich vergessen?</p>
<p>Schaut auf Jesus. Was seht ihr noch?</p>
<p>Ich sehe den Auferstandenen. Ich sehe den, der nicht nur irgendein Problem gelöst hat. Er hat den Tod überwunden. In ihm hat das Leben triumphiert. In ihm leuchtet die Herrlichkeit von dem was Gott tun kann. Der dunkelste Abgrund des menschlichen Daseins ist in ihm keine Sackgasse mehr, sondern ein helles Tor zu Gottes neuem Leben. &quot;Durch ihn&quot;, schreibt der Petrusjünger, &quot;glaubt ihr an Gott der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.&quot;</p>
<p>Glaube. Und Hoffnung. Das ist es, was man sieht, wenn man auf Jesus schaut.</p>
<p>Glaube. Das heißt, sich vertrauensvoll festhalten zu können, an dem, was Gott in ihm getan hat und tut. Das kann ich nur, wenn ich ihn im Blick behalte. Also: Schaut auf Jesus. Alle Augen auf ihn!</p>
<p>Hoffnung. Davon rede ich ja ganz viel: &quot;Wir haben Hoffnung!&quot; So bin ich angetreten. Das werde ich euch immer wieder zurufen (sogar als Hashtag): Wir haben Hoffnung. Hoffnung nimmt die erwartete Zukunft schon vorweg. Ich sehe noch nicht, was kommen wird. Die Zukunft ist noch nicht geschehen. Wenn ich auf Jesus schaue, dann bin ich -- wie dieser alte Spruch sagt -- vielleicht noch nicht gewiss, was einmal kommen wird. Aber ganz sicher, wer kommt. Das nimmt mir die Angst. Das lichtet die Sorgen. Das gibt mir Zuversicht und Auftrieb. Hoffnung, eben.</p>
<p>Das ist es, was man sieht, wenn man auf Jesus schaut.</p>
<p>Also schaut auf ihn. Dann geht das wieder ganz neu, mit der Nachfolge. Das ist nämlich dann die Herausforderung, die daraus wächst.</p>
<p>&quot;Umgürtet euch&quot;, schreibt der Petrusjünger. Damals, mit traditionellem langen Gewand, hieß das, den Saum in den Gürtel zu stecken, damit man besser laufen kann. Bereit zum Aufbruch, also. Umgürtet euch, seid nüchtern und &quot;setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.&quot;</p>
<p>Selbst wenn ihr nämlich sonst keine Hoffnung seht, ist das eine Gewissheit, die bleibt.</p>
<p>Wisst ihr das nicht?</p>
<p>Schaut auf Jesus, dann seht ihr's.</p>
<p>Alle Augen auf ihn!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn das nur so einfach wäre mit der Nachfolge! Wenn das Leben krumme Linien schreibt und ich das Ziel aus den Augen verliere, brauche ich nue die Erinnerung: Schau auf Jesus! Alle Augen auf ihn!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Blickrichtung für Nachfolger</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Wüstentage</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/wuestentage/</link>
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        <pubDate>Sun, 18 Feb 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>In den Wüstenzeiten des Lebens sind die gewohnten Gewissheiten fern und einfache Antworten scheinen so verlockend. Aber Gott ist da! Wer auf ihn schaut, entdeckt auch in der Wüste den einzigen Trost im Leben und im Sterben.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm. (Matthäus 4,1-11)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem Matthäusevangelium, aus dem vierten Kapitel.</p>
<p>Wüste. Da wurde Jesus in die Wüste geführt.</p>
<p>Ich könnte mir schönere Plätze vorstellen, um vierzig Tage zu verbringen. Und die Nächte noch dazu! Da wird die Wüste unwirtlich kalt. Das würde man gar nicht erwarten, nach der Hitze des Tages. Wüste ist harte Kost. Wüste geht an die Substanz. Nur Sand und Steine und Steine und Sand. Nichts von dem, was das Leben schön macht. Nichts von dem, was den Aufenthalt angenehmer machen würde. Nicht einmal das mindeste, was wir im Allgemeinen für notwendig erachten: Ein Dach über dem Kopf? Sowieso nicht. Aber auch keine Nahrung, keine Kraftquelle für jeden neuen, harten Tag. Nur Sand und Steine und Steine und Sand. Die Wüste hat's in sich. Sie treibt dich ans Äußerste. Sie zwingt dich, auf alle deine kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten zu verzichten. Die Wüste reduziert dich auf den absoluten, den innersten Kern deiner Existenz. Sie fragt dich, die Wüste: Wer bist du? Wer bist du, wenn du nichts hast? Wer bist du, wenn du nichts leistest? Wer bist du, wenn du nichts tust, Tag und Nacht, Nacht und Tag, wenn deine Welt, die dich einrahmt, in der du dich auskennst, die dir Halt gibt, plötzlich weg ist -- nur noch Sand und Steine und Steine und Sand?</p>
<p>40 Tage. 40 Tage und Nächte. Das ist kein Power-Nap. Keine kurze Auszeit von einem trubeligen Tag. Ein paar Minuten Stille. Eine Tasse Tee. Ein weiches Sofakissen. 40 Tage und Nächte. Du dachtest, die Stille wäre lang, wenn der Pfarrer beim Gebet vorne am Altar steht. Beim Abendgebet an den Freitagen. In den Taizégottesdiensten. Nichts ist das. Nur flüchtige Augenblicke. 40 Tage. 40 Tage und Nächte! Das ist extrem. Das verlangt dir alles ab. Du verlierst die zeitliche Orientierung. Du kannst gar nicht mehr einordnen, wie lange du schon hier bist. Wie lange es noch dauern wird. Tage und Nächte, Nächte und Tage verschwimmen in einander. War da je etwas anderes? Warst du je woanders? Wirst du je herauskommen aus dieser endlosen, zeitlosen Einöde: Sand und Steine und Steine und Sand?</p>
<p>War es nur ein Traum, dass du glaubtest, sie gehört zu haben--diese Stimme vom Himmel: &quot;Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe&quot;? So weit weg. Nur ein leises Ahnen noch, irgendwo, in der Ferne, wo der Horizont den Sand trifft. Und die Steine. War es nur Einbildung, dass Gott zu dir redete? Dass er versprach, bei dir zu sein, alle Tage? Dass er dich angenommen hat, als sein Kind, als Teil seiner Familie. Dass er dir Leben versprochen hat. Sein Leben. Ewiges Leben. Ist das echt passiert?</p>
<p>Wasser. Taufe. Da war was. Du glaubst dich zu erinnern. Oder nicht?</p>
<p>In der Wüste gibt es nichts, woran du das festmachen kannst. Du bist allein mit dir selbst. Allein mit deinen Gedanken. Mit den Fragen.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand. Tage und Nächte und Nächte und Tage. Vierzig. Es könnten auch unendlich viele sein. Du weißt es nicht. Was weißt du überhaupt noch?</p>
<p>Die Wüste stellt dich auf die Probe mit ihren 40 Tagen. Sie entreißt dir jede Tarnung. Sie zerbröselt alle Masken. Alle Schutzmechanismen verfliegen im rauen Wüstenwind.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand.</p>
<p>Charakter. So nennen wir das, wenn nur noch du übrig bleibst. Wer du wirklich bist. Unverstellt. Unversteckt. Schutzlos zwischen Steinen und Sand.</p>
<p>Vierzig Tage lang.</p>
<p>Andere waren vor dir hier. Die Wüste hat sie geprüft, wie dich auch. Elia ist hier 40 Tage lang gelaufen. Hat seine Frustration und seine Erschöpfung in den Wüstenwind geschrien. Bis er nicht mehr laufen konnte. Nicht mehr laufen wollte. 40 Tage. Das hält doch keiner aus!</p>
<p>Bei Mose und später noch einmal bei Israel mit Mose, da waren es jeweils 40 Jahre. 40 Jahre, Tage und Nächte, hier, bei Sand und Steinen! Das schleift alles ab, was unecht ist.</p>
<p>Noah könnte man noch nennen. Nein, er war nicht hier, wo du jetzt stehst. Aber die endlosen Tage und Nächte unter den noch endloseren, dunkelgrauen Regenwolken--das muss sich angefühlt haben, wie die Wüste hier.</p>
<p>Gedanken. Fragen. Charakter.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand.</p>
<p>Und der Diabolos.</p>
<p>So heißt die Figur, aus deren griechischer Bezeichnung wir das Wort &quot;Teufel&quot; gemacht haben. Diabolos. Durcheinanderwerfer.</p>
<p>Dem begegnet man in der Wüste. In den Zeiten, wo alle Gewissheiten hinter Sand und Steinen verschwunden sind. Wo alle Schutzmechanismen versagen. Wo alles, was nicht Wesentlich ist, wegradiert wurde. Wo nur noch die Gedanken bleiben. Und die Fragen.</p>
<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?</p>
<p>Vielleicht gab es das einmal, in der Zeit vor der Wüste... Falls es die gab. So genau weißt du das nicht mehr. Vielleicht gab es mal eine Zeit, in der du das einfach beantworten konntest. Sicher und mit fester Stimme. Gemeinsam mit anderen, in der Kirche, als Bekenntnis, und allein, wenn es jemand wissen wollte, auch.</p>
<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?</p>
<p>Die Wüste hat dir diese Gewissheit genommen. Dein Hals ist rau, deine Zunge trocken. Deine Stimme, wie ein Reibeeisen, verstummt schon nach dem ersten Wort.</p>
<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?</p>
<p>Die Sicherheiten gibt es nicht mehr. Die Gewissheiten sind verblasst. Alles ist wild durcheinander, das Unterste zuoberst und das Oberste zuunterst -- oder andersherum? Was gehört überhaupt wo hin? Du weißt es nicht mehr.</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer. Hier, in der Wüste.</p>
<p>Jesus.</p>
<p>Um den ging es doch! Der war doch der, der in die Wüste ging!</p>
<p>Hast du gedacht, du seist hier, zwischen all dem Sand und den Steinen?</p>
<p>Wahrscheinlich hast du diesen Ort wiedererkannt. Diese Wüstenzeiten gibt es fast in jedem Leben. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Oder länger. Oder kürzer, aber nie fühlt es sich kurz an. Sand und Steine. Steine und Sand.</p>
<p>Jesus geht in die Wüste. Er geht ja oft unsere Wege. Er ist Gott, Mensch geworden. Einer von uns. Immanuel, Gott mit uns. Er setzt sich unseren Wüsten aus--mit ihrer ganzen unendlichen Einsamkeit, weit weg von Gott und Menschen. Nur Sand und Steine. Steine und Sand.</p>
<p>Und der Diabolos. Der kommt mit verlockenden Angeboten. Er bietet die einfachen Auswege. Die schnellen Abkürzungen, raus aus der Wüste. Endlich Leben, Fülle, ein Fest!</p>
<p>Wir wählen ja gerne die Abkürzungen, wenn es ungemütlich wird. Dann bejubeln wir simple Parolen. Dann folgen wir Rattenfängern, die uns die Welt in einfachen Bildern erklären. In wenigen Zeichen auf X, früher Twitter, oder in der Telegramgruppe, mit markanten Bildern, rasend schnell geteilt. Dann wählen wir Parteien, die sofort sagen können, welche Gruppe von Menschen die Schuldigen sind an unserer Misere. Auf wen wir schimpfen können. Wer weg muss.</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer.</p>
<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?</p>
<p>Für Jesus hat der Diabolos das Passende im Angebot. Und wer genau hinschaut, der merkt gleich, dass er nicht nur unsere Wege in die Wüste geht. Es sind unsere Wünsche, die ihm hier vorgehalten werden. So einen Jesus, den könnten wir nämlich ganz gut gebrauchen. Einen, der aus Steinen Brot macht. Versorgung, Fülle, Segen -- alles so unendlich abrufbar wie hier Sand und Geröll. Gesundheit und Wohlstand, perfekte Umstände und vor dem Supermarkt immer ein freier Parkplatz in der ersten Reihe: Es lebe der Wunscherfüller-Christus. Ein strahlender Held, der sich im Glanz unseres Beifalls sonnt, der vom sich vom Tempel in Engelshände stürzt wie einer unserer Stars beim &quot;stage diving&quot; von der Bühne. Einer, der sich tragen lässt von unserer Begeisterung, während er gleichzeitig alle unsere Wünsche mit einem Wimpernschlag wahr werden lässt. Einer, der alle an Ruhm und Superlativen übertrifft, der uns mit aufwertet, uns, die wir zu ihm gehören. Wir sonnen uns im Glanz seiner Größe und erleben begeisternd sein wunderbares Reich -- ja, stimmt, das hätte ich fast vergessen: Nicht dieses unsichtbare Reich, von dem wir immer gehört haben, das klein beginnt wie ein Senfkorn und irgendwie wächst und irgendwie doch nie wirklich greifbar ist, das mehr in der Hoffnung besteht als in dem, was wir konkret in unserem Alltag wahrnehmen. Nein, nicht dieses armselige Reich eines Wüstenchristus! Alle Reiche der Welt auf einmal, sie lägen zu seinen Füßen und stünden ihm offen, und uns, die wir mit ihm einzögen in all diese Herrlichkeit. Das wäre doch ein Christus!</p>
<p>Ich komme fast ins Schwärmen, wenn ich mir das ausmale. Ich vergesse schon fast den Sand und die Steine vor Verzückung.</p>
<p>Das, das wäre doch eine Sache! Und mit der kleiner werdenden Kirche wäre es auch vorbei, das kann ich euch sagen. Wir müssten uns nicht verstecken, mit diesem Christus, der für alle attraktiv wäre, für alle unwiderstehlich. Jeder würde kommen wollen zu dieser Kirche, zu diesem Herrn!</p>
<p>Diabolos. Der Durcheinanderbringer. Das unterste zuoberst und das oberste nach unten und du weißt nicht mehr, was wo hingehört. Was wirklich wichtig ist. Was am Ende zählt.</p>
<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im...</p>
<p>Ach bleib mir mit deinen morbiden Gedanken weg! Wer will denn ständig ans Sterben denken. Ich will leben! Ich will das auskosten, was ich hier haben kann! YOLO -- man lebt nur einmal. Jetzt oder nie. Nach mir die Sintflut. Hinein ins Vergnügen. Und raus, nur raus aus der Wüste!</p>
<p>Dies.</p>
<p>Dies ist mein geliebter Sohn...</p>
<p>Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!</p>
<p>Ob er diese Worte noch im Ohr hatte? Ob er sich erinnerte, nach all dem Sand und den Steinen, nach endlos ineinander verschwimmenden Tagen und Nächten?</p>
<p>Jedenfalls bleibt er klar. Er schafft das, was Tausende vor ihm und Abertausende nach ihm, was ich... so oft nicht auf die Reihe kriege. Er behält den Durchblick. Er weiß, was das Wesentliche ist. Seine Stimme ist fest. Seine Botschaft ist klar.</p>
<p>Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.</p>
<p>Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.</p>
<p>Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.</p>
<p>Und der Diabolos verschwindet. Die wirren, schwirrenden Gedanken, das wilde Durcheinander, die entsetzliche Leere der Gedanken.</p>
<p>Weg.</p>
<p>Stattdessen: Engel.</p>
<p>Taufe.</p>
<p>Da war doch was. Vor der Wüste.</p>
<p>Fünfzig Prozent meines letzten Konfijahrgangs hatten als Taufspruch Psalm 91,11-12. &quot;Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.&quot; Fünfzig Prozent. Kein anderer Vers wird auch nur annähernd so oft gewählt wie dieser. Und ich kann die Eltern verstehen, die das für ihr Kind auswählen.</p>
<p>Der Diabolos kannte ihn auch, diesen Psalmvers. Gerade noch war er es, der ihn im Munde führte. Als könnte er das anbieten.</p>
<p>Jetzt ist er weg. Und die Engel sind da.</p>
<p>Gott hält sein Versprechen doch. Auch wenn es in den Wüstenzeiten des Lebens oft so unwirklich erscheint. Wie ein ferner Traum. War es überhaupt jemals wahr?</p>
<p>Ja. War es. Ist es.</p>
<p>Gott hält sein Versprechen.</p>
<p>Jesus ist in der Wüste. Engel dienen ihm. Und der Durcheinanderbringer ist verschwunden.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand. Endlose Tage und Nächte. Alle Bequemlichkeiten und Sicherheiten unendlich weit weg. Ich werde da oft ungeduldig. Wenn nur die Wüste schon voller Engel wäre! Dann wäre die Durststrecke endlich vorbei. In meiner Ungeduld falle ich immer wieder auf den Durcheinanderbringer herein. Auf seine schnellen, einfachen Lösungen. Die Abkürzungen, die angeblich aus der Wüste führen. Bis die Engel kommen, bin ich oft schon weg.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand. Wenn ich das nächste Mal in der Wüste stehe, will ich versuchen, im rauen Wüstenwind diese Stimme zu hören. Weit weg, ganz leise, aber doch da: Das Versprechen, das Gott mir gegeben hat. &quot;Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.&quot; Bei euch. Immanuel. Gott mit uns. Auch in der Wüste. Lange bevor ich überhaupt nur einen Fuß in die endlose Weite von Sand und Steinen gesetzt habe, war er schon da.</p>
<p>Sand und Steine. Steine und Sand. Vierzig Tage und Nächte sind mir immernoch unfassbar lang.</p>
<p>Aber mir ist etwas eingefallen. Mitten in der Leere der Wüste:</p>
<p>&quot;Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.&quot;</p>
<p>Das. Das ist mein Trost im Leben und im Sterben.</p>
<p>Und an jedem Wüstentag.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>In den Wüstenzeiten des Lebens sind die gewohnten Gewissheiten fern und einfache Antworten scheinen so verlockend. Aber Gott ist da! Wer auf ihn schaut, entdeckt auch in der Wüste den einzigen Trost im Leben und im Sterben.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Trost in Leere und Durcheinander</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Wenn das so ist, dann gehe ich!</title>
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        <pubDate>Sun, 11 Feb 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was macht eigentlich Gottesdienst aus? Die Stimmung der Orgel, die Liedauswahl, die Form und die Länge? Gott scheint ganz andere Kriterien zu haben. Und wenn Jesus uns in seine Nachfolge ruft, dann stellt uns das nicht selten in Frage. Wenn das so ist, dann gehe ich!</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Wie gut es tut, wieder Gottesdienst miteinander zu feiern: als Gemeinschaft miteinander vor Gott zu stehen; in neuen und alten Liedern miteinander Gott zu loben; zu wissen, wir sind in seiner Gegenwart. Wir kommen zu Gott und wir bringen vor ihn, was uns beschäftigt. Wir dürfen ihm alles sagen--nicht nur das Gute und Schöne. Gott hört auch unsere Klage. Er hört selbst in der Stille in das hinein, was wir nie laut vor den anderen sagen würden. Bei ihm wissen wir uns gut aufgehoben: &quot;Meine Hoffnung und meine Freude! Meine Stärke, mein Licht! Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.&quot; Und dann antwortet er ja auch: Gott redet zu uns durch sein Wort. Er gibt uns Zuspruch, Kraft und Mut. Er richtet uns wieder auf, wenn wir am Boden sind. Gesegnet gehen wir am Ende nach Hause. Möge Gottes Wort auch heute zum Licht auf unserem Wege werden. Aus dem Buch des Propheten Amos, aus den ältesten schriftlich festgehaltenen Passagen unserer Bibel, aus dem 5. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>21 Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – 22 es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,21-24)</p>
</blockquote>
<p>Ups.</p>
<p>Wartet mal. Hab ich aus Versehen den falschen Text mitgebracht?</p>
<p>Mal nachschauen. Nein! Amos, 5,21-24. Stimmt.</p>
<p>Hm.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Das kommt jetzt unerwartet. Ein richtiger Stimmungskiller: &quot;Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen...&quot;</p>
<p>Ich. Gott redet da persönlich--in der Stimme eines Propheten, wohlgemerkt. Die waren ja immer so eine Art &quot;Sprachrohr&quot; für Gott, damit sein Wort für uns Menschen hörbar wird.</p>
<p>&quot;Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen...&quot;</p>
<p>Way to crash a party.</p>
<p>So bringt man jede Party zum Stocken: Eine schäumende Wutrede. Ein &quot;Rant&quot;, würden meine Töchter sagen. Eine Totenklage sogar, wenn man den Zusammenhang liest, gleich über ein ganzes Volk!</p>
<p>Boah!</p>
<p>Muss das jetzt echt sein?</p>
<p>Wenn das so ist, dann gehe ich!</p>
<p>Gerade noch war es ein fröhliches Fest. Zu Gottes Ehre, wohlgemerkt. Von weit her sind sie gekommen. Sie haben sich Zeit genommen für Gott. Er war wichtiger als das, was sie sonst hätten tun können. Sie haben den Weg auf sich genommen und sie haben etwas Kostbares mitgebracht: Speisen. Getränke. Tiere zur Schlachtung. Alles nicht zum Eigengebrauch, wohlgemerkt. Für Gott. Nur für Ihn. Mit ihren Opfern wollen Sie ihm ihre Dankbarkeit zeigen. Sie wollen ihn gnädig stimmen, damit er ihre Bitten hört. Sie wollen ihm zeigen, wie wichtig er ihnen ist. Ein Lob Gottes, nicht nur in ihren fröhlichen Liedern, sondern auch in ihren Gaben. Es fühlt sich ganz besonders an--&quot;heilig&quot; könnte man sagen--dieser Moment, wenn der Priester mit dem mitgebrachten Opfer an den Altar tritt. Er bringt Gott das Opfer dar. Und dann kehrt er zurück zu denen, die gekommen sind. Er bringt einen Segen mit. Ein Versprechen Gottes. Ein Wort der Hoffnung, dass Gott sie nicht vergessen hat. Dass er ihre Gebete erhören wird.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Mittenrein platzt einer, der überhaupt nicht zu der fröhlichen Feier passt. Keiner hat ihn eingeladen. Keiner hat ihn nach seiner Meinung gefragt. Da steht er jetzt, verschwitzt und &quot;verstrubbelt&quot;. Wild sieht er aus, wie er daher kommt, viele Kilometer zu Fuß, aus einem anderen Land sogar, damals, aus dem Nachbarland Juda. Den ganzen Weg ist er gegangen, nur um hier die Stimmung zu kippen. Gott ist sauer!</p>
<p>Was denkt der eigentlich, wer er ist! So eine Anmaßung!</p>
<p>Sein Ruf eilt ihm ja voraus. Es ist nicht das erste Mal, dass er so auftritt. Dabei ist er eigentlich nicht einmal &quot;offiziell&quot; ein Prophet--die gibt es nämlich damals auch, die &quot;offiziellen Propheten&quot;. Schafe züchtet er sonst. Und Maulbeerbäume. Vieh und Obstbäume. Der könnte glatt aus Gäufelden kommen! Wäre er doch dort geblieben (nicht in Gäufelden, sondern in Tekoa, wo er herkam.) So etwas will doch keiner hören. Aber ihn hat das Wort Gottes im wahrsten Sinn des Wortes gepackt. Er ist getrieben von Gottes heiligem Zorn. Er hat sich senden lassen, Schafen und Maulbeerbäumen zum Trotz. &quot;Wenn das so ist, dann gehe ich!&quot;, hat er gesagt. &quot;Egal, was es mich kostet. Sollen sie doch von mir denken, was sie wollen.&quot;</p>
<p>Bam!</p>
<p>Stellt euch vor, er wäre heute gekommen.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Die Tür fliegt auf. Alle drehen sich erschrocken um. Der Mesner springt auf, will ihn noch aufhalten. Das geht doch nicht! Mitten im Gottesdienst! Das Lied der Gemeinde verstummt jäh. Die Orgel spielt noch einen Moment weiter, dann stirbt die Musik mit einem kläglichen Ton. Der wilde Fremde hat den Mittelgang schon hinter sich. Den Pfarrer schiebt er unsanft zur Seite, dann keucht er atemlos seinen Spruch heraus. Ein Mikrofon bräuchte er gar nicht, so aufgebracht wie er schreit.</p>
<p>&quot;Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen...&quot;</p>
<p>So geht Gottesdienst nicht!</p>
<p>Manche nicken fast unmerklich ein kleines bisschen. &quot;Das hatte ich auch schon gedacht.&quot; Der Pfarrer hat wieder nur neue Lieder rausgesucht (oder: zu wenige neue). Die Predigt war viel zu lang. Die Kirche viel zu kalt. Die Bank viel zu unbequem. Die Orgel gehört dringend mal grundgereinigt (in Tailfingen arbeiten wir daran). Der Chor sang heute ziemlich schief. Neulich, im Weihnachtsgottesdienst, haben wir keines von meinen Lieblingsliedern gesungen. 9 Uhr ist viel zu früh am Sonntagmorgen. 10:15 Uhr ist viel zu spät--da ist ja der halbe Tag im Eimer und wir essen sonntags immer um 12 Uhr zu Mittag. Zum Gottesdienst im Grünen gehe ich nicht. Ich brauche schon eine richtige Kirche! Beim Abendmahl gibts immer nur noch Saft! Hast du gesehen, was die eine anhatte? Früher war mehr Lametta!</p>
<p>Bam!</p>
<p>Andere sind völlig entsetzt: Es hat doch niemand das Recht, so über uns zu reden. Das ist unsere Kirche hier und unser Gottesdienst. Der tut uns gut, so wie er ist! Wer maßt sich hier an, es besser zu wissen? Wem steht es zu, zu urteilen über unsere Frömmigkeit? Wer kann denn messen, was &quot;richtiger Gottesdienst&quot; ist--oder gar &quot;richtiger Glaube&quot;? Ob der lauter oder leiser, länger oder kürzer, früher oder später, stiller, liturgischer, fröhlicher, nachdenklicher, traditioneller, progressiver, biblischer, ... oder sonst was zu sein hat? Wer schwingt sich auf zum Richter über alle anderen? Wessen Idee von Gottesdienst ist denn die &quot;richtigere&quot;, an der sich andere messen lassen müssen.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Du hast ja recht, wenn du das denkst. Aber weißt du, so einfach kommen wir aus der Nummer nicht raus: Klar, bewerten und messen kann man Glauben sowieso nicht. Keiner hat das Recht, über den Glauben des anderen zu urteilen. Oder über dessen Form der Frömmigkeit.</p>
<p>Doch.</p>
<p>Er kann das. Gott darf das. Keiner sonst, aber er schon.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Wenn das so ist, dann gehe ich!</p>
<p>Der Satz stammt nicht von aufgebrachten Gottesdienstbesucher:innen.</p>
<p>Wenn das so ist, dann gehe ich!</p>
<p>Der Satz stammt von Gott.</p>
<p>Wenn das so ist, dann könnt ihr eure Gottesdienste alleine feiern. Ohne mich.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Man kann sich fürchterlich aufregen über diese Worte. Man kann sie von sich weisen und empört weglegen. Man kann sich zu rechtfertigen versuchen und erklären, warum uns das alles nicht betrifft. Man kann darauf verweisen, dass es doch nicht unser Problem ist, wenn die damals Gott nicht in der richtigen Weise anbeteten. Schließlich hat sich ja seither auch viel verändert. Unser Gottesdienst sieht ja längst ganz anders aus als ein Opferfest auf den Höhen des Nordreichs Israel im achten Jahrhundert vor Christus.</p>
<p>Man kann aber auch versuchen, einmal wirklich hinzuhören. Nicht nur die wild hervorgestoßene Kritik zu hören, sondern nach dem Anliegen Gottes zu suchen. Es könnte ja auch sein Anliegen an uns sein. So ist zumindest die bisherige, fast dreitausendjährige Wirkungsgeschichte des Texts. Andere Propheten haben sich dem angeschlossen. Menschen im Neuen Testament, allen voran Jesus von Nazaret, greifen die Gedanken des Amos auf--wenn er im Tempel die Tische der Händler umstößt und feststellt, man habe aus dem &quot;Bethaus&quot; eine &quot;Räuberhöhle&quot; gemacht (Markus 13,10).</p>
<p>Gottes Idee von &quot;Gottesdienst&quot; ist offensichtlich eine andere, als in der Praxis oft angenommen wird.</p>
<p>Gottes Idee von Gottesdienst hängt nicht an Äußerlichkeiten. Nicht an der korrekten Art, irgendwelche Opfer zu bringen. An Längen und Uhrzeiten, an Liedwahl, Instrumenten und Lautstärke--auch nicht. Sie hängt nicht an Formen und Riten, nicht an Veranstaltungsformaten und Gebäuden. Gott sucht etwas ganz anderes. Was denn?</p>
<p>Beim aufgebrachten Amos werden werden wir fündig:</p>
<p>&quot;Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.&quot;</p>
<p>Recht und Gerechtigkeit. Das sind die Kategorien, die bei Gott wichtig sind. Übrigens Kategorien, die Jesus und die Apostel verwenden, wenn es um das &quot;Reich Gottes&quot; geht.</p>
<p>Und plötzlich findet der richtige Gottesdienst gar nicht mehr unbedingt in der Kirche statt.</p>
<p>Recht und Gerechtigkeit. Das ist eine Frage, die sich meist erst außerhalb der Kirchentüren zeigt.</p>
<p>In der Kirche die schönsten Lieder singen und dann nach Hause gehen und über die Geflüchteten schimpfen--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>Ganz bewegt sein von der tollen Predigt, aber im Umgang miteinander im Alltag nur an sich selber denken--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>Miteinander Worte aus der Bergpredigt bedenken, aber im Alltag &quot;Auge um Auge, Zahn um Zahn&quot; fordern--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>In den Fürbitten für die Armen der Welt &quot;Herr, erbarme dich&quot; sprechen, aber dann außer sich sein, wenn Sozialkosten und Klimaschutz dich ein paar Cent mehr kosten--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>Für die Diakonie spenden, und dann nur Billigware von Kindersklaven aus Bangladesh kaufen--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>&quot;Dein Reich komme&quot; beten und dann Parteien wählen, die von einem &quot;Reich&quot; träumen, das alle, die irgendwie anders sind, ausgrenzt--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>Von der Kanzel herunter große Reden schwingen, aber an dem Bettler in der Fußgängerzone wortlos vorbei laufen--das ist kein Gottesdienst.</p>
<p>Ups.</p>
<p>Bam.</p>
<p>Jetzt hab ich mich selbst erwischt.</p>
<p>Ich bin nämlich gar kein Amos, den Gott hierher geschickt hat, aus Tekoa, oder aus Nebringen, oder sonstwo her, um euch die Leviten zu lesen und euch zu sagen, was ihr alles falsch macht. Ich bin ja einer von euch. Einer von denen, denen Kirche hier am Ort wichtig ist und am Herzen liegt, die ganz viel darüber nachdenken und dafür tun und oft doch das aus den Augen verlieren, was Gott hier am allerwichtigsten ist: Ströme von Recht und Gerechtigkeit.</p>
<p>Davon reden wir viel. Dafür beten wir in eigentlich jedem Gottesdienst. Davon singen wir Lieder--auch jetzt gleich, in wenigen Augenblicken. Aber, Geliebte Gottes, es stimmt am Ende schon, was Erich Kästner so eindrücklich von der &quot;Moral&quot; geschrieben hat: &quot;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.&quot;</p>
<p>Und das geht leider viel zu oft in der Fülle der oberflächlich dringenden Dinge unter. Auch bei mir. Da muss ich mich an der eigenen Nase packen. Muss die Widersprüche in meinem Leben entdecken und ernst nehmen.</p>
<p>Bam!</p>
<p>Boah!</p>
<p>Wenn das so ist, dann gehe ich!</p>
<p>An diesem Sonntag Estomihi geht es um die Nachfolge, in die uns unser Herr Jesus Christus ruft. Die Menschen, die im damals nachgefolgt sind, haben schnell gemerkt, dass das kein geringer Anspruch ist. &quot;Jesu, geh voran auf der Lebensbahn&quot;, heißt ihm dorthin zu folgen, wohin er geht. Sein Weg damals führte nach Jerusalem, hinein in Leiden und Tod. Kein einfacher Pfad, um seinen Schritten zu folgen! Man sollte damit rechnen, dass sein Anspruch heute kein geringerer ist. Die Nachfolge Jesu stellt unangenehme Fragen an mich und meinen Lebensstil. Sie stellt unangenehme Anfragen an vieles, was mir lieb und wertvoll ist. Sie hinterfragt, ob ich wirklich konsequent die richtigen Werte lebe. Und sie deckt schonungslos auf, wie oft ich diesem Anspruch nicht genüge. Manchmal auch durch einen aufgebrachten Amos aus Tekoa.</p>
<p>Nachfolge ist herausfordernd. Nachfolge stellt bohrende Fragen an mich. Wie konsequent lebe ich denn, was ich über meinen Glauben erzähle?</p>
<p>Ich will mich diesem Anspruch Jesu nicht entziehen. Ich weiß, sein Weg ist der beste Weg für mich. Es ist der Weg zum Frieden, zum Leben. Es ist der Weg zu Recht und Gerechtigkeit. Vielleicht braucht es gelegentlich auch einen Fußtritt von Amos, um mich daran zu erinnern. An den, dem ich nachfolge: Dessen Weg selbst zu denen führt, die unter Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit leiden. Er geht dorthin--und will mich mitnehmen, auf dem Weg seiner Gerechtigkeit. Das mehr davon fließt und strömt.</p>
<p>Am Ende führt sein Weg ihn ans Kreuz.</p>
<p>Bam.</p>
<p>Knallhart geht er diesen Weg. Die ganze Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit, das Elend und die Unzulänglichkeiten -- das Versagen der Welt, auch meines: Er setzt sich dem allen aus. Er nimmt das alles auf sich. Am Kreuz begegne ich dem, der selbst aus meiner Ungerechtigkeit Recht und Gerechtigkeit schafft. Ich sehe das Spiegelbild dessen, was ich verfehlt habe, sehe meiner Heuchelei ungeschminkt ins Gesicht und zum ersten Mal sehe ich: Gnade und Barmherzigkeit. &quot;Gott, sei mir Sünder gnädig!&quot; Zum ersten Mal sehe ich das, was ich in Amos' wütendem Rand zu bedrückend vermisse: Evangelium. Gute Nachricht. Wir haben Hoffnung, auch wenn wir's ganz oft vermasselt haben. Zum ersten Mal höre ich diesen Amossatz nicht nur als Kritik unseres ungenügenden Handelns, sondern als Hoffnungswort, als Versprechen, als etwas was Gott auch trotz uns--und, stellt euch vor, sogar mit uns!--noch bewirken kann:</p>
<p>&quot;Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.&quot;</p>
<p>Bam!</p>
<p>Und da will ich mich neu wieder rufen lassen: &quot;Nimm mich mit, Jesus, auf deinen Weg, in deine Nachfolge, mit allem, was sie an Veränderung von mir fordern wird. Mit allem, was es mich kosten wird. Nimm mich mit,&quot; bete ich--gemeinsam mit euch jetzt auch gleich: &quot;Nimm uns mit, Herr, hin zu unserem ganz neuem Gottesdienst, dort außerhalb der Kirchentüren, wo du die Welt verändern willst. Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn! Dein Reich komme, Herr! Und es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.&quot;</p>
<p>Wenn das so ist, dann gehe ich! Mit dir. Dir nach!</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was macht eigentlich Gottesdienst aus? Die Stimmung der Orgel, die Liedauswahl, die Form und die Länge? Gott scheint ganz andere Kriterien zu haben. Und wenn Jesus uns in seine Nachfolge ruft, dann stellt uns das nicht selten in Frage. Wenn das so ist, dann gehe ich!</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Schritte zum (r)echten Gottesdienst</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Samenbombe</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/samenbombe/</link>
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        <pubDate>Sun, 04 Feb 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wo wir sein Wort ausstreuen, baut Gott sein Reich. Ganz von selbst wächst es. Das klingt super! Oder viel zu einfach? Vom Säen und Warten, von Samenbomben und Verkehrsinseln, und von der Welt und der Kirche, die wir nicht retten müssen.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Plopp. Ein kleiner, erdbrauner Ball rollt über die karge Fläche und bleibt liegen. Nicht in besonders schöner Umgebung. Das kleine Dreieck auf der Verkehrsinsel, eingerahmt von dicken Betonkanten, ist nur von ein paar Grashalmen bewachsen. Die sind eher bräunlich-grau. Der kleine Ball passt farblich gut dazu. Es war kein Hund, der ihn dort abgesetzt hat. Ein Fahrradfahrer hat ihn weggeworfen. In hohem Bogen, im Vorbeifahren. Plopp. Da liegt er jetzt. Müll ist es nicht. Nur ein kleiner, brauner, erdiger Ball. Keiner, der vorübergeht, bemerkt ihn überhaupt.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf. Wolken ziehen über den Himmel. Regen fällt. Die Sonne geht unter. Und wieder auf. Nach ein paar Tagen würde man den Ball nicht einmal mehr finden, wenn man wüsste, wo man ihn suchen soll. Die Witterung hat ihn zerfallen lassen. Seit dem letzten Regen sieht ringsum alles wieder gleich aus. Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf. Auf der kleinen Fläche in der Verkehrsinsel gibt es nichts zu sehen. Die Sonne geht unter.</p>
<p>Sie geht wieder auf. Verborgen von jedem menschlichen Blick tut sich etwas auf der Verkehrsinsel. Die kleinen, kaum erkennbaren Körnchen aus dem Erdball entwickeln sich. Winzige Arme brechen durch die Samenschale. Sie werden länger, breiten sich aus. Pilze im Erdreich strecken ihre Fäden aus, gehen Verbindungen ein. Da schlägt etwas Wurzeln. Feuchtigkeit gelangt in den kleinen Keim und Nährstoffe. Die verweigten Wurzeläste verankern ihn im Boden. Das kleine Körnchen beginnt, seine Form zu ändern. Es wird länglich. Bald bricht es oben aus. Heraus kommt erst ein weisslicher Spross. Unter der Erde, wohlgemerkt. Oben ist immer noch nichts zu sehen. Das ändert sich erst, als die ersten grünen Keimblätter beginnen, sich zu entrollen. Winziges Grün könnte man jetzt auf der Verkehrsinsel finden. Im Vorbeigehen fällt das niemandem auf.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf. Wo ist eigentlich der Fahrradfahrer hin? Den hat man hier lange nicht mehr gesehen. Er fährt jetzt auf einer anderen Strecke. Den kleinen Erdball hat er längst vergessen.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf. Viele Male in dieser ganzen Zeit. Wolken ziehen über die Verkehrsinsel. Regen durchweicht das kleine Dreieck. Der kleine grüne Keimling wird länger. Erste Blätter beginnen sich zu zeigen. Und dann, am Ende, eine Verdickung. Ein Art Knoten. Eine Knospe.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf. Wunderschönes Frühlingswetter. Die Autos zischen vorbei. Ein LKW röhrt. Und dann, ganz leise, ein Radfahrer. Der traut seinen Augen kaum. Das kleine Dreieck auf der Verkehrsinsel ist mit Blumen übersäht. Jedesmal, wenn ein Auto vorbeirauscht, zittern sie im Luftwirbel. Die Sonne leuchtet auf bunte Blütenblätter. Ein paar Hummeln summen zwischen den Stängeln. Sie freuen sich ganz besonders: Ein kleines Fleckchen Schönheit, mitten in der grauen Asphaltwüste.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie geht wieder auf.</p>
<p>Jesus kommt. Nicht auf die Verkehrsinsel. Er kommt und erzählt von Gott, in einer anderen Zeit. Seine Welt ist nicht zubetoniert. Da rauschen keine Autos vorbei. Keine Traktoren tuckern über das Feld. Still ist es dort, verglichen mit unserer hektischen Umgebung. Man kann ihn viel besser reden hören.</p>
<p>Er kommt und erzählt von Gott. Die Menschen drängen sich um ihn. Er redet von Gott, wie kein anderer sonst. Jeder will ihn hören. &quot;Kehrt um&quot;, sagt er. &quot;Ändert euer Leben. Das Königreich Gottes ist nahe herbeigekommen.&quot; Die Menschen schauen sich ratlos an. Mit Königreichen kennen sie sich aus. Die Herrscher, die sie kennen, sind nicht besonders nett. Sie nutzen ihre Macht, um die kleinen Leute auszubeuten. Ob das bei Gott dann anders ist? &quot;Was ist dieses Königreich Gottes&quot;, fragen sie.</p>
<p>Jesus nimmt sich Zeit für ihre Fragen. Er erklärt es ihnen, in Bildern die sie verstehen. Er spricht von Bauern und Feldern, von Fischen und Netzen, vom Schatz im Acker und vom Samen in der Erde. Die Leute nicken. Das kennen sie alles. Und trotzdem scheint es jetzt faszinierend neu.</p>
<p>&quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.&quot;, sagt Jesus &quot;Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.&quot; (Markus 4,26-29)</p>
<p>&quot;Seed bombs&quot; heißen die kleinen braunen Erdbälle. &quot;Samenbomben.&quot; Man kann sie selbst herstellen oder im Internet bestellen. Die Anleitung dazu ist ganz einfach: &quot;Erstens: Stelle, die es zu beblumen gilt, aussuchen. Zweitens: Subversive Miene aufsetzen.&quot; Für alle, die solche großen Worte nicht verstehen, heißt das: &quot;Verschwörerisch dreinschauen&quot;. Du bist ja auf geheimer Mission, sozusagen. &quot;Drittens: Werfen, rollen oder direkt platzieren.&quot; Manche werfen die Seedbombs in den eigenen Garten. Manche heimlich auch über den Zaun, mitten auf den englischen Rasen des Nachbarn. Oder auf eine hässliche Verkehrsinsel. &quot;Aktion Bienenwohl&quot; steht auf dem Jutesäckchen, das man mit drei solchen Bällchen kaufen kann. &quot;3 Seedbombs, um Bienen per Wurfsendung glücklich zu machen.&quot; Es geht um eine insektenfreundlichere Welt. Weil ohne die Bienen ja auch vieles andere in unserer Umgebung nicht mehr wachsen könnte. Und dass es hinterher noch schön blüht, ist ein zusätzlicher Bonus für alle. Nicht nur für den Bällchenwerfer.</p>
<p>Als Jesus von Gott erzählte, gab es noch keine &quot;seed bombs.&quot; Dafür aber ganz viele Menschen in einer kleinbäuerlichen Umgebung, wo so gut wie jeder ein Äckerchen anpflanzte, um davon leben zu könnte. Oder zumindest jemanden kannte, der das tat. Wenn Jesus spricht, haben alle das sofort vor Augen. Heute ist das anders. Viele hier waren noch gar nie selbst auf dem Acker. Und haben schon gar nicht von Hand gesät. Heute würde Jesus vielleicht von Seedbombs reden. Das Prinzip ist schließlich ganz ähnlich. Hier, in unserer Zeit. Wer auf diestadtgaertner.de Seedbombs bestellt, kann es noch einmal nachlesen: &quot;Dein Part: ... Einfach auswerfen, ... warten ... und freuen.&quot; So simpel!</p>
<p>Die Sonne geht unter. Er sitzt im Wohnzimmer und ruht sich nach einem anstrengenden Tag aus. Acht Stunden war er heute in der Schule. Im Reliunterricht hat er sein Bestes gegeben. Ob es wirklich jemanden interessiert hat, weiß er nicht. Die Jesusgeschichte, um die es ging, war eigentlich spannend und berührend zugleich. Fand er, zumindest. Die Schüler:innen hat sie wenig interessiert. Ein paar verwechselten ständig Jesus mit Josef. Zwei Mädels schwätzten ununterbrochen und machten sich gegenseitig die Haare. In Reihe drei versuchte einer, heimlich noch schnell die Mathe-Hausaufgaben zu machen und warum die zwei ganz hinten heute so ruhig waren, das fand er heraus, als er sie beim Kartenspielen erwischte. &quot;Warum mache ich das eigentlich?&quot;, fragt er sich nicht zum ersten Mal.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Sie ist gerade von der Mädchenjungschar nach Hause gekommen. Ein wilder Haufen! Wie im Hühnerstall gackert es wild durcheinander. Beim den Spielen sind dann alle dabei. Anschließend geht es um die Goldene Regel. &quot;Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.&quot; Die Mädels nicken. Das verstehen sie alle. Das Leben wird viel besser, wenn wir uns daran halten. Die Jungschar ist zu Ende. Draußen auf dem Hof gibt es plötzlich Zoff. Worum es genau geht, hat sie nicht mitbekommen. Nur, dass die eine die andere plötzlich heftig an den Haaren zieht. Die Goldene Regel hat sich anders angehört!</p>
<p>Die Sonne geht unter. Im Gemeindehaus probt der Posaunenchor. Zumindest die drei, die heute gekommen sind. Der Manne, der seit seiner Jugendzeit die Tuba bläst, ist jetzt auch nicht mehr dabei. Er spielt jetzt lieber beim Musikverein. Die machen wenigstens ab und zu noch ein richtiges Konzert und die Musik ist sowieso viel fetziger.</p>
<p>Die Sonne geht unter. Die KGR-Sitzung ist noch lange nicht zu Ende. Wieder hat jemand angekündigt, die bisher übernommene Aufgabe nicht mehr ausführen zu können. Strukturveränderungen stehen wieder auf der Tagesordnung. Die Pfarrstelle wird sowieso wegfallen. Sie seufzt. Seit siebzehn Jahren ist sie jetzt im Gremium. Damals gab es noch einen großen Kirchenchor. Eine Jungschar und eine Kinderkirche. Gemeindeausflüge im voll besetzten Bus. Seither ist alles irgendwie immer nur kleiner geworden. Ein ums andere Mal haben sie neue Anläufe gestartet, haben Hoffnung gehegt: Wenn wir jetzt das machen, so machen, anders machen... dann wendet sich das Blatt. Viel passiert ist nie. &quot;Fröhlich schrumpfen&quot; hat sie neulich in einer kirchlichen Zeitschrift gelesen. Und sich gefragt, wer sich diesen Mist ausgedacht hat.</p>
<p>Wir rackern uns ab. Wir haben Mühe mit einer Welt die sich verändert, einer Gesellschaft, die sich verändert und einer Kirche, die auch ganz anders aussieht. Wir tun unser Bestes. Wir stemmen uns gegen die Strömung. Wir sind kreativ. Wir probieren Dinge aus. Wir bringen uns ein, mit aller Kraft, mit Zeit und Geld und Energie--mit allem was wir haben. Bringt's das überhaupt? Manche haben längst aufgegeben. Andere sind gleich ganz gegangen. Sie haben keine Hoffnung mehr.</p>
<p>&quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.&quot;, sagt Jesus &quot;Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.&quot;</p>
<p>Bei Jesus klingt das alles ganz einfach. Da läuft das &quot;von selbst&quot;. Im griechisch verfassten Markusevangelium &quot;αὐτομάτη&quot; -- &quot;automatisch&quot;.</p>
<p>Ach so?</p>
<p>Wir sind empört. Es ist ja nicht so, als ob die Landwirt:innen Däumchen drehen, wenn die Saat einmal ausgebracht ist. Schlafen und aufstehen. Warum redet Jesus nicht vom Pflügen und Eggen, vom Düngen und Wässern, vom Unkraut, das sich breit macht und das es zu bekämpfen gibt? Wer anschaut, was er in anderen Geschichten erzählt, der sieht, dass Jesus diese Aufgaben kennt. Warum tut er dann so, als gäbe es das alles nicht? Schlafen und aufstehen... wenn Jesus heute hier reden würde, müsste er dann nicht auch etwas erzählen über die Wartung der schweren Maschinen, über Bürokratie und Vorschriften, über Agrardiesel und die ständige Frage, wie lange man sich gegen die großen Konzerne und gegen den dauernden Preisdruck überhaupt noch behaupten kann?</p>
<p>&quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.&quot;, sagt Jesus &quot;Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.&quot;</p>
<p>Ja, Jesus weiß um unser Rackern. Er sieht darin eine Einladung, Teil zu sein von Gottes Handeln in der Welt. &quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft&quot;, sagt Jesus. Von selbst bringt sich der Same nicht auf den Acker. Oder auf die Verkehrsinsel oder den Rasen des Nachbarn. Gott lädt uns ein, seine Partner:innen zu sein. Seine Hände und Füße in dieser Welt. Er hat uns die &quot;beste Nachricht ever&quot; anvertraut. Es ist ein Vorrecht, Teil dieser großen Sache sein zu dürfen.</p>
<p>Aber Jesus lädt uns auch ein, zu sehen, dass wir nicht alles in der Hand haben. Dass nicht alles in unserer Macht steht. Dass wir nicht für alles veranwortlich sind. Wir müssen nicht die Welt retten. Wir können es auch nicht. Gott, zum Glück, der kann das schon. Er tut es auch. Das ist gut. Wir müssen nicht die Kirche retten. Wir können es auch nicht. Es ist seine Kirche. Die lässt er auch nicht fallen.</p>
<p>Jesus weiß, wie gut es uns tut, das zu hören. Vielleicht kommen wir so heraus aus dem rasend schnell drehenden Hamsterrad des Alles-Retten-Wollens.</p>
<p>Jesus erinnert uns daran, was unser Part ist. Und was seiner. Unseren könnte man auch bei diestadtgaertner.de nachlesen: Auswerfen. Warten. Und freuen.</p>
<p>Niemand von uns wartet gerne. Ich stelle mir den Bauer vor, der täglich zum Feld rennt, um nachzusehen, ob sich schon etwas tut. Den Fahrradfahrer, der täglich an diesem graubraunen Stück harter Erde auf der Verkehrsinsel vorbeiradelt. Das kann frustrierend sein. Je länger es dauert, desto mehr.</p>
<p>&quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.&quot;, sagt Jesus &quot;Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst...&quot;</p>
<p>Unser Warten heißt Hoffnung: Dass Gott nämlich seinen Teil, den viel größeren Teil, gewiss tun wird. Dass er das nicht vergisst. Dass er nicht anderswo beschäftigt ist. Nein: Das hat Priorität bei Gott. Das ist definitiv Chefsache. Es ist ja sein Reich, das hier aufwächst. Sein großes Projekt für diese Welt. Wir haben Hoffnung. Das ist nicht einfach ein Hashtag, eine Durchhalteparole. Wir haben Hoffnung--das geht von Gott selbst aus und von dem, was er uns in Jesus Christus zusagt.</p>
<p>Unser Warten heißt Vertrauen: Wir verlassen uns darauf, dass Gott sein Versprechen hält. Wir verlassen uns darauf, dass er vollendet, was er begonnen hat. Wir verlassen uns darauf, weil er uns allen Grund dazu gegeben hat durch Jesus Christus. In ihm hat er gezeigt, wie ernst ihm die Sache ist. Ganz wörtlich: Todernst. Und er hat gezeigt, dass seine Absicht sich durch nichts aufhalten lässt: Auch nicht durch die Macht des Todes.</p>
<p>Vertrauen--wir sagen meistens &quot;Glaube&quot; dazu--ist so eine Sache: Man braucht ganz viel davon, um das Warten auszuhalten. Vertrauen kann man leider nicht selbst machen. Glauben kann man nicht im Internet bestellen. Aber man kann ihn sich schenken lassen. Von Gott. Er kommt zu uns durch das Hören der guten Nachricht. Durch das Hören auf Jesus Christus und durch die Beschäftigung mit dem, was Gott uns verspricht.</p>
<p>Unser Warten heißt Zuversicht: Wir sehen jetzt noch nicht, was am Ende stehen wird. Manchmal sehen wir vielleicht ein kleines grünes Hälmchen. Wir zucken freudig zusammen, denn wir sehen: Es tut sich was. Manchmal sehen wir auch einfach noch gar nichts. Nur trockene braune Erde. Aber wir ahnen schon. Wir sehen die Blütenpracht schon vor uns. Wir hören die Hummeln schon summen.</p>
<p>Unser Warten heißt Vorfreude. War nicht &quot;Freuen&quot; der letzte Teil dessen, was wir zu tun haben? Die wahre Freude kommt erst noch, aber je mehr wir uns mit Gottes Versprechen und seinem Handeln, je mehr wir uns mit Jesus Christus beschäftigen, desto mehr nehmen wir sie schon vorweg.</p>
<p>Unser Warten heißt Entspannung. Denn wir warten in dem Wissen, dass es nicht an uns hängt, sondern an Gott. Wie gut das tut!</p>
<p>Wir warten aber nicht untätig. Das wäre ja auch furchtbar langweilig! Nein, wir nutzen die Zeit und machen uns hoffend, vertrauend, zuversichtlich, freudig und entspannt neu auf den Weg. Wir nehmen ein paar Seedbombs mit. Die lassen wir fallen, da wo uns Menschen begegnen. Wir werfen Sie mit Schwung dahin, wo Trostlosigkeit herrscht. Wir lassen sie heimlich, still und leise in Situationen hineinrollen, wo Friede und Gerechtigkeit fehlen. Wir verteilen sie großzügig, denn Gottes Vorrat geht so schnell nicht aus. Und die Orte, wo noch so ein braunes Bällchen fehlt, auch nicht.</p>
<p>Um den Rest kümmert Gott sich:</p>
<p>&quot;Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.&quot;, sagt Jesus &quot;Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.&quot;</p>
<p>Dann wiegen sich goldene Kornfelder im Wind. Leuchtende Gärten duften nach Schönheit. Sogar die Verkehrsinseln blühen.</p>
<p>Und ich? Darf Teil davon sein.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wo wir sein Wort ausstreuen, baut Gott sein Reich. Ganz von selbst wächst es. Das klingt super! Oder viel zu einfach? Vom Säen und Warten, von Samenbomben und Verkehrsinseln, und von der Welt und der Kirche, die wir nicht retten müssen.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Von blühenden Verkehrsinseln und der Hoffnung auf Gott, der sein Reich baut</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Irdene Gefäße</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/irdene-gefaesse/</link>
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        <pubDate>Sun, 28 Jan 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott lässt sein Licht leuchten, wo es am Dunkelsten ist. Angesichts des Leids, das uns begegnet, reicht es nicht, nur vom Licht zu reden. Zu real, zu ernst ist das Leid, dass es--auch in der Kirche--gegeben hat und gibt. Und trotzdem bleibt uns diese Hoffnung, an der wir uns festhalten.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<blockquote>
<p>6 Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. 7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. 8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. (2. Korinther 4,6-10)</p>
</blockquote>
<p>Aus dem zweiten Korintherbrief, aus dem vierten Kapitel.</p>
<p>Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten.</p>
<p>So gerne würde ich heute über dieses Licht reden. Über das, was leuchtet und glänzt. Über den, der erschienen ist (Epiphaniaszeit, ihr erinnert euch?) und der die ganze Herrlichkeit Gottes aufleuchten lässt. Hier bei uns. Das Evangelium heute morgen erzählt von seiner Verklärung. Die Hüllen fallen. Einen Moment lang sehen die Jünger, die ihn begleiten, wer er in Wahrheit ist. Der Mund bleibt ihnen offen stehen. Sie können es gar nicht fassen. Einen Moment lang leuchtet ungefiltert die ganze blendende Herrlichkeit Gottes auf, der selbst zu uns Menschen gekommen ist und dieses Leuchten in unsere Dunkelheit bringt. Darüber würde ich gerne reden.</p>
<p>Aber so einfach ist das nicht.</p>
<p>Ich spüre noch den Stein in meiner Hand. Den Stein, den ich gestern auf dem Friedhof in Tailfingen abgelegt habe. Gestern, am Holocaust-Gedenktag. Beim Gedenkgottesdienst, am Grab der 75 KZ-Häftlinge. Miteinander standen wir da, schweigend. Wir haben uns erinnert, dass das Dunkle, das Böse, nicht in abstrakter Ferne ist. Ganz nahe ist es immer wieder, auch hier bei uns, auch in einem kleinen Dorf im Gäu. Die 75, die dort begraben liegen, sind nur ein Teil derer, deren Leben hier zerbrochen ist.</p>
<p>Wir sind von allen Seiten bedrängt. Uns ist bange. Wir leiden Verfolgung. Wir werden unterdrückt. Und, ja, noch mehr als bei Paulus, wir kommen auch um.</p>
<p>Es könnten ihre Stimmen sein, die wir hier hören.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>&quot;Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen&quot;, schreibt Paulus und ich würde so gerne heute über diesen Schatz reden. Über die &quot;überschwängliche Kraft von Gott&quot; und alles, was sie bewirken kann. Über Furchtlosigkeit und Unverzagtheit, über Beistand und Schutz.</p>
<p>Über das Licht in der Finsternis.</p>
<p>Aber so einfach ist das nicht.</p>
<p>Nicht in der Woche, in der die große Studie aufgedeckt hat, wie vielen Menschen auch in unserer Kirche Gewalt angetan wurde. Wie viele Grenzen überschritten wurden. Wie viele darunter zu leiden hatten und haben. Wie viele Brüche und Verletzungen da entstanden sind. Und wie oft sich keiner um sie kümmerte, sondern alles schnell unter eine Decke gekehrt wurde, und oft ganz schnell mit dem frommen Mantel des Vergeben-müssens verbrämt. Erstickt, ohne Rücksicht auf die Schmerzen. Drei Tage haben wir sie nun, die Studie, und wir stehen da und wissen erst einmal gar nicht, was wir sagen sollen. Was wir sagen können und dürfen angesichts der Scherben. Die Zahlen auf einem Papier, auf einer Internetseite, auf meinem Bildschirm--sie lassen uns nur beginnen zu ahnen, wie viel da zerbrochen wurde. Wie viel da in Trümmern liegt.</p>
<p>Wir sind von allen Seiten bedrängt. Uns ist bange. Wir leiden Verfolgung. Wir werden unterdrückt.</p>
<p>Es könnten ihre Stimmen sein, die wir hier hören.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>Ich würde gerne noch einmal das Epiphaniaslicht auf sie leuchten lassen und den loben, der da kommt mit hellem Schein. &quot;Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden. Komme, wen dürstet und trinke, wer will. Holet für euren so giftigen Schaden, Gnade aus dieser unendlichen Füll.&quot;</p>
<p>Und vom Morgenstern würde ich reden, der aus der Nacht aufgeht.</p>
<p>Aber so einfach ist das nicht.</p>
<p>Die Predigthilfen zu diesem Text erscheinen mir seltsam wenig hilfreich in diesem Moment. Viele davon reden irgendwann von &quot;Kintsugi&quot;. Vielleicht habt ihr davon schon einmal gehört: Von dieser japanischen Tradition, die Scherben eines Keramikgefäßes zu nehmen und wieder zusammenzusetzen. Nicht einfach mit Kleber. Die Meister des Kintsugi füllen die Brüche und Ritzen mit Gold. Aus dem, was zerbrochen ist, entsteht ein Kunstwerk--schöner, als je zuvor. Berührende Bilder von dem, was Gott mit den Zerbrüchen unseres Daseins machen kann.</p>
<p>Aber so einfach ist das nicht.</p>
<p>Diese schnellen Bilder reichen nicht in dieser Woche. Sie nehmen nicht ernst, woran wir uns erinnern. Sie nehmen die Stimmen derer nicht ernst, deren Leben zu einem Scherbenhaufen gemacht wurde. Sie nehmen auch die nicht ernst, die heute hier sitzen und die mit einstimmen könnten in das, was die anderen sagen. Was sie klagen:</p>
<p>Wir sind von allen Seiten bedrängt. Uns ist bange. Wir leiden Verfolgung. Wir werden unterdrückt.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>Zerbrechlich. Fragil. Mit Sprüngen und Rissen, mit Abbrüchen. Mit Scherben.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>Wer hier nur vom Licht redet, der nimmt sie nicht ernst. Wer die Zerbrüche ausklammert, um schneller bei der guten Nachricht zu landen, der tut den Zerbrochenen noch einmal aufs neue Gewalt an.</p>
<p>Wir sind von allen Seiten bedrängt. Uns ist bange. Wir leiden Verfolgung. Wir werden unterdrückt.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>Wir. Wir.</p>
<p>Paulus reiht sich mit ein in die, die das klagen müssen. Er darf das, im Gegensatz zu manchen anderen, die die wahren Opfer auch noch klein machen, in dem sie sich selbst als die Opfer darstellen. Paulus hat das alles tatsächlich am eigenen Leib erfahren. Er weiß um die Zerbrüche und Scherben.</p>
<p>In einem Brief, der darauf abzielt, Fragen an sein Apostelamt, an seine Berufung gar, zu beantworten, zählt er sie auf. Er sieht eine gewisse Logik darin, dass ihm, dem Apostel, solches Leid begegnet. Er sieht sich selbst mit hineingenommen in das Sterben Jesu Christi, in seine Leiden. Für Paulus ist dieses Leid in gewisser Weise sogar eine Bestätigung seiner eigenen Berufung.</p>
<p>Es wäre mehr als zynisch, das, was Paulus hier für sich selbst sieht, als Übertragung jetzt anderen Menschen aufzudrücken, die Leid erfahren haben. Die zerbrochen wurden. Gar noch zu suggerieren, das Leiden könnte etwas Gutes sein. Noch einmal neue Gewalt an den Opfern wäre das.</p>
<p>Trotzdem lässt mich Paulus' Reden vom Leiden des Christus heute einen trostvollen Gedanken finden. Auch im Blick auf Christus hätte ich ja heute viel lieber vom Erscheinen des Gottessohns gepredigt. &quot;Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude!&quot; Ich hätte gerne seine Herrlichkeit aus dem Evangeliumstext von seiner Verklärung aufleuchten lassen. Oder, noch besser, gar von seiner herrlichen Auferstehung berichtet, die selbst das tiefste Todesdunkel ein für alle Mal überwindet.</p>
<p>Aber so einfach ist das ja nicht.</p>
<p>Wenn ich nun heute hier zur Seite blicke, zum Kreuz hin, in das schmerzverzerrte Gesicht des leidenden Christus, dann entdecke ich--wie Paulus--eine Gemeinschaft der Leidenden. Dann begegnet uns dort am Kreuz der eine, der in Schmerz und Leid und Tod nicht ferne ist und nie ferne war. Dann sehe ich dort den einen, der immer auf der Seite der Opfer stand. Der keinen mit seinem Scherbenhaufen alleine lässt. Der sich selbst den Zerbrüchen des menschlichen Daseins in aller ihrer Grausamkeit aussetzt, der sich den Täter:innen ausliefert und der in keinem Augenblick der Geschichte jemals auch nur einen Ort des Grauens unbesetzt ließ. Es könnte seine Stimme sein, die wir hier hören:</p>
<p>Wir sind von allen Seiten bedrängt. Uns ist bange. Wir leiden Verfolgung. Wir werden unterdrückt.</p>
<p>Irdene Gefäße.</p>
<p>Einer von den vielen. Einer von denen, die leiden. Einer von denen, die zerbrochen wurden.</p>
<p>Christus. Immanuel. Gott an der Seite der Opfer.</p>
<p>Nur wer ihn leiden sieht, kann ihn verstehen.</p>
<p>Gott steht immer auf der Seite der Schwachen.</p>
<p>Das ist es, worüber wir heute reden müssen.</p>
<p>Ich werde immer von der Hoffnung reden. Das habt ihr sicher schon begriffen. Ich bin unendlich dankbar, dass es Licht in diesem Text gibt. Ganz behutsam will ich versuchen, es leuchten lassen. Das Reden von der Hoffnung darf das Leid der Zerbrochenen nicht kleinreden, nicht überdecken. Und doch muss es leuchten.</p>
<p>In dem Bewusstsein, dass es leicht ist, zu reden, wenn man selbst kein Opfer ist, wage ich es, von diesem Licht zu reden und bete, ja, hoffe eben, dass etwas davon genau da ankommt, wo so viel Zerbruch schon stattgefunden hat. Es ist gewagt, das heute als Pfarrer einer Kirche zu tun, in der so viele Menschen gerade nicht den sicheren Raum gefunden haben, den es hier für jeden geben sollte. Mein Gebet, meine Hoffnung, im Vertrauen auf Gottes heiligen Geist, ist, dass das heute jemand hört und zu unterscheiden vermag zwischen einer beschädigten Kirche und dem Christus, dem wir zu folgen trachten. Ich kann meine Kirche hier nicht verteidigen. Ich kann nur demütig für Christus sprechen, dem die Leidenden immer am Herzen lagen. Mit ihm bitte ich euch heute:</p>
<p>Schaut auf das Licht in diesem Text: Ein heller Schein, der aus der Finsternis leuchtet. Gott ist es, der ihn leuchten lässt. Er ist der Einzige, der das kann.</p>
<p>Das Licht, das Hoffnung spendet, leuchtet &quot;in unseren Herzen&quot;, schreibt Paulus. Wir, uns--er spricht als einer von denen, die zu leiden haben. Irdene Gefäße, zerbrechlich, beschädigt, unansehlich geworden. Gottes Licht leuchtet mitten darin auf. Im Zentrum gerade auch des Leidens, da ist dieser Schatz zu finden. Gott ist da. Licht, wo sonst alles dunkel wäre. Wo so viel gesprungen ist, geborsten, wo es Scherben gibt, wo Leben zerstört wurde, wo Verletzung und Enttäuschung alle Freude erstickt haben, wo andere sich erdreistet haben, alles Schöne zu rauben--da leuchtet es auf:</p>
<p>Bei Gott ist Hoffnung.</p>
<p>Da findet Paulus &quot;Gottes überschwängliche Kraft&quot;. Da begegnet ihm der, der nicht nur sein Leiden teilt, sondern auch sein Leben teilen will. Gott ist da, wo sonst nichts mehr bleibt. Er kann trösten. Er will aufrichten. Er vermag es, da Leben zu schaffen, wo andere alles zertrampelt haben.</p>
<p>Das ist der Gott, an den ich glaube. Das ist der Gott, von dem eine herzzerreißend unzulängliche Kirche trotz allem Zeugnis zu geben hat--Evangelium--, mit einem gewissen Trotz daran festhaltend, um seiner Gnade willen.</p>
<p>Mehr kann ich nicht sagen. Nur hoffen. Und beten.</p>
<p>Dass du das Lebenslicht leuchten siehst. Dass du die Hoffnung findest. Geborgenheit. Und Liebe.</p>
<p>Dass du eines Tages, durch Gottes Barmherzigkeit, den ganzen Text mit Paulus sprechen kannst:</p>
<blockquote>
<p>6 Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. 7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. 8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. (2. Korinther 4,6-10)</p>
</blockquote>
<p>Das kann ich hoffen.</p>
<p>Und, dass sein Geist uns alle nicht verlässt, sondern Veränderung bringt unter uns.</p>
<p>Die brauchen wir.</p>
<p>Erbarm dich, Herr.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott lässt sein Licht leuchten, wo es am Dunkelsten ist. Angesichts des Leids, das uns begegnet, reicht es nicht, nur vom Licht zu reden. Zu real, zu ernst ist das Leid, dass es--auch in der Kirche--gegeben hat und gibt. Und trotzdem bleibt uns diese Hoffnung, an der wir uns festhalten.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Sprünge, Scherben und ein helles Licht</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
        <itunes:duration>14:33</itunes:duration>
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      <item>
        <title>Noch ein Schritt</title>
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        <pubDate>Sun, 14 Jan 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Der Weg ist lang und schwer. Nicht immer fällt das mit dem Glauben leicht. Wie lange noch? Lohnt es sich überhaupt? Ein alter Brief bringt Stärkung für ein müdes, wanderndes Gottesvolk.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Mir tun die Füße weh.</p>
<p>Jeder Schritt ist eine Qual. Ich hebe das Bein und die Muskeln schmerzen. Ich setze den Fuß auf und die Knie zittern. Sicher habe ich schon Blasen in meinen Wanderschuhen.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich schwitze. Die Sonne sticht herab, selbst in der kühlen Luft hier oben. Der Schweiß läuft mir in die Augen und irritiert mich.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Mir bleibt die Luft weg. Ich keuche wie eine Dampflokomotive und bekomme doch nicht den Sauerstoff, den ich brauche. Es sticht in meiner Seite.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich habe Durst. Meine Kehle ist ganz ausgetrocknet. Mir ist flau im Magen. Ich brauche Wasser. Brauche Zucker.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich schaue nach oben. Die Sonne blendet vom strahlend blauen Himmel. Der Weg ist steil und will kein Ende nehmen. Da oben, eine Kuppe, da sieht man nicht mehr, wie er weitergeht, aber man ahnt schon, seit den letzten solchen Erhebungen, dass dahinter nicht gleich das ersehnte Ziel liegt, sondern wahrscheinlich nur ein Absatz und dann ein neuer Hang. Vielleicht noch steiler wie dieser hier.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich strauchle. Der Bergpfad ist hart. Keine weiche Wiese, sondern Steine. Große, die meine Schritte aus dem Takt bringen, wenn ich drüber steigen muss. Kleine, die unter meinem Gewicht am Rand des schmalen Pfades wegrutschen.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich brauche eine Pause. Schon wieder.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich will nicht mehr. Was machen wir hier eigentlich? Warum tue ich mir das eigentlich an?</p>
<p>Mein Vater war immer ein begeisterter Bergwanderer. Alle Familienurlaube meiner Kindheit haben wir in den Alpen verbracht. Ich habe seine Begeisterung nicht geteilt--ganz sicher nicht als Teenager. &quot;Die Berge sehen auch von unten schön aus.&quot;, habe ich damals schon gesagt. Und: &quot;Wozu mühsam aufsteigen, wenn man hinterher nur wieder hinunter geht?&quot;</p>
<p>Alles, was ich heute hier schon beschrieben habe, kenne ich aus eigener Erfahrung. Ich habe es oft genug zum Ausdruck gebracht, wenn ich missmutig hinterhertrottete.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich will nicht mehr.</p>
<p>Zeitreise.</p>
<p>Irgendwo im Mittelmeerraum. Das genaue Jahr weiß ich nicht. Es könnte so um 80 nach Christus gewesen sein.</p>
<p>Sie stellen sich dieselben Fragen.</p>
<p>Sie fühlen sich so, wie ich auf der Bergtour.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich will nicht mehr.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>80 Jahre vielleicht. Da stand plötzlich ein Engel auf einem Feld, irgendwo in Judäa, in einsamer Nacht. Nur ein paar Hirten und Schafe waren da, aber was die Hirten hinterher berichteten, hat Kreise gezogen. &quot;Fürchtet euch nicht!&quot;, so sagte die Lichtgestalt. &quot;Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr!&quot; Und nachdem die Menge der himmlischen Heerscharen um sie herum das Lob Gottes erklingen lassen hatte, zogen sie los und fanden alles so, wie sie es gehört hatten: Maria, Josef, die Krippe, das Stroh. Und das Kind. Jesus. Christus, der Herr. &quot;Fürchtet euch nicht!&quot; Alle wunderten sich und die Begeisterung war noch lange zu spüren.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>50 Jahre vielleicht. Das Kind ist längst groß geworden. Ein Mann. Einer wie viele, und doch ganz besonders. Er fühlt sich von Gott berufen. Er wandert durchs Land und er hat eine Botschaft für alle: &quot;Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!&quot; So wie er redet keiner von Gott. Er redet überhaupt nicht nur. Er handelt, so dass jeder sehen kann, dass hier Gott am Werk ist. Blinde sehen, Lahme gehen. Von auferstandenen Toten hat man gehört und der Sturm auf dem aufgepeitschten See gehorcht ihm aufs Wort. &quot;Wer ist dieser Mann?&quot;, fragen sich viele erstaunt, weil er sie begeistert, mitreißt. Und manche haben es längst kapiert: &quot;Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!&quot;</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Die Begeisterung ist dem Entsetzen gewichen, als sie ihn schnappten und ans Kreuz nagelten, und dann: dem Staunen, ungläubig zuerst, dem Jubel aus tiefstem Herzen, als sie begriffen, was sie den Frauen zuerst nicht geglaubt hatten. Die waren völlig aufgelöst vom Grab zurück gekommen, hatten wirres Zeug erzählt vom weggerollten Stein, von der leeren Grabhöhle und wieder einer Lichtgestalt. Wer sollte daraus schlau werden? Dann stand er plötzlich selbst mitten unter ihnen: &quot;Friede mit euch!&quot; und die Freude kannte keine Grenzen mehr. Die Freude hat den ganzen Erdball erschüttert. Sie waren wie ausgewechselt. Nichts konnte sie aufhalten. Ungläubiges Gelächter nicht. Verfolgung nicht. Gefängnis nicht. Selbst die Todesstrafe nicht. Sein Geist trieb sie vorwärts. Sie mussten es allen erzählen, was sie gesehen hatten: &quot;Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!&quot;</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Keiner weiß mehr so genau, wo der weggerollte Stein liegt. Wo Jesus ist, weiß man auch nicht so genau. Sie kennen die alten Geschichten. Sie wissen vom Engel auf dem Feld, vom gestillten Sturm und vom leeren Grab. Man hat es ihnen von klein auf erzählt, wie er zum Himmel fuhr, zu seinem Vater. Wie er den Geist sandte an seiner Statt und die Bewegung den ganzen Erdkreis erfasste. Und: Wie er sein Versprechen gab, dass er wiederkommen würde. Wieder bestätigt von leuchtenden Gestalten: &quot;Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.&quot; (Apostelgeschichte 1,11). Wann das sein würde, haben die Engel nicht gesagt. Jesus selbst hat nur in Rätseln darüber geredet. Keiner kenne den Tag, noch die Stunde, meinte er. Nur eines war immer klar: Bald.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Wie bald ist bald?</p>
<p>Sind 50 Jahre nicht genug? 50 lange, anstrengende Jahre? Längst ist die Begeisterung des Anfangs den Durchhalteparolen gewichen. Die Zeit ist lang. Die Zwischenzeit ist schwer. Die Umwelt reagiert keineswegs enthusiastisch auf die Botschaft vom auferstandenen Christus. Seine Nachfolger sind Häme ausgesetzt. Ausgegrenzt werden sie. Bei vielem dürfen sie nicht mitmachen. Angefeindet hat man viele, verfolgt, manche gar getötet. 50 Jahre lang. Bald? Wie bald ist bald?</p>
<p>Noch ein Tag.</p>
<p>Ich kann nicht mehr.</p>
<p>Zeitreise zurück.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Wie bald ist bald nun eigentlich wirklich? Reichen zwei Jahrtausende immer noch nicht?</p>
<p>Lange ist nämlich auch vieles andere her.</p>
<p>Die mitreißenden Jesusgeschichten aus Jungschar und Religionsunterricht. Wie wunderbar er doch ist, dieser Jesus.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Die Nächte am Lagerfeuer auf den Freizeiten. Gitarre und Lieder, die unter die Haut gingen. Du fühltest dich Gott ganz nahe.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>&quot;Ich glaube an Gott, den Vater, ... und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn.&quot;, hast du damals gesagt, bei deiner Konfirmation. Und du hast es gemeint. Das Vertrauen auf ihn, in der Gemeinschaft der Glaubenden, sollte dich tragen, ein Leben lang.</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Von denen, die damals mit dir vor dem Altar standen und das bekannt haben, sind viele nicht mehr da. Manche leben nicht mehr. Sehr viel mehr davon tauchen einfach nicht mehr auf. Sie sehen keine Notwendigkeit, diesem Glauben in ihrem Leben noch sichtbar Ausdruck zu verleihen. Keiner weiß, ob sie ihm überhaupt noch Raum einräumen. Anderes ist wichtig geworden im Leben. Vieles davon verständlich, und auch attraktiv. Vielleicht würde es dich auch mal reizen. Manche belächeln dich, weil du immer noch zur Kirche gehst. Weil du das noch nicht aufgegeben hast, wie so viele vor dir.</p>
<p>Es ist nicht einfach, da immer konsequent deinen Weg zu gehen. Du hast ja auch deine Fragen. Und deine Interessen. Der Weg ist lang und die Schritte werden schwerer...</p>
<p>Lange ist es her.</p>
<p>Du hast dich wählen lassen, zum Kirchengemeinderat. Du warst bereit, deine Energie mit einzubringen. Dinge zu verändern. Neues zu starten. Jetzt würde es wieder aufwärts gehen, in der Kirche, auch hier am Ort.</p>
<p>Aber die Mühlen mahlen langsam. Viele, viele Stunden hast du in Sitzungen verbracht. Hast über Themen geredet, die bei keinem für Begeisterung sorgen: Über Haushalt und Datenschutz, über Corona und Abstände und wie viele Kubikmeter Luft ein Sänger verbraucht, über bauliche Details und Bezirkssynoden, über Läuteordnungen und den Wirkungsgrad der Kirchenheizung, und immer wieder darüber, was alles nicht mehr geht, was alles anders wird, was alles reduziert werden muss in der Zukunft. So lange liegt er zurück, der hoffnungsvolle Anfang.</p>
<p>Noch ein Schritt. Noch ein Tag.</p>
<p>Wie lange kann das noch weitergehen?</p>
<p>Zeitreise.</p>
<p>Ein Brief ist gekommen. Auch das ist lange her, aus heutiger Sicht und wir wissen gar nicht so genau, wer in damals geschrieben hat. Den Text, den haben wir. Aus dem 12. Kapitel des sogenannten &quot;Hebräerbriefs&quot;:</p>
<blockquote>
<p>12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. 14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, 15 und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie verunreinigt werden; 16 dass nicht jemand sei ein Hurer oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen sein Erstgeburtsrecht verkaufte. 17 Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte. 18 Denn ihr seid nicht zu etwas gekommen, das man anrühren konnte und das mit Feuer brannte, nicht zu Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter.22 Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zur Festversammlung 23 und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten 24 und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut. 25 Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet. (Hebräer 12,12-18.22-25a)</p>
</blockquote>
<p>Der hat leicht reden.</p>
<p>Stärkt die müden Hände. Stärkt die wankenden Knie. Tut sichere Schritte mit euren Füßen.</p>
<p>Der kennt ja unsere Blasen nicht, unser Zittern und Keuchen. Der kennt unseren flauen Magen nicht, das Herz, das rast und die Sonne, die blendet.</p>
<p>Der hat leicht reden.</p>
<p>Soll der doch mal unseren Weg gehen -- die ganze lange Strecke.</p>
<p>Stärkt die müden Hände. Stärkt die wankenden Knie. Tut sichere Schritte mit euren Füßen.</p>
<p>Ha!</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich will nicht mehr.</p>
<p>Der, der da schreibt, der sieht den Weg von hinten her. Der schaut nicht, wo wir herkommen. Der schaut nicht auf den ganzen, steilen, steinigen Pfad, der noch vor uns liegt.</p>
<p>Der, der da schreibt, der schreibt vom Ende des Wegs. Vom Ziel, zu dem wir unterwegs sind. Von dem, was wir immer wieder aus den Augen verlieren, wenn die nächste steile Kuppe uns den Blick versperrt.</p>
<p>Er malt uns das Ziel neu vor Augen, damit wir es da sehen. Und weil es DAS Ziel ist, das eine, das sich menschlichem Begreifen nie völlig erschließt, gebraucht er Bilder. Vertraute Bilder für die damals, aus den Geschichten des Ersten Testaments. Von Esau erzählt er, den der Duft eines Linsengerichts so sehr verlockte, dass er vom Weg abkam. Und vom Volk Israel, das mit Mose auch lange unterwegs war, steinige und heiße Wüstenwege, und dann dieser Berg im Sinai, der vor ihnen aufragt, mit Gottes Gegenwart um ihn her. Das sind die Bilder, die hier unser Ziel beschreiben.</p>
<p>Ihr seid zum Zionsberg gekommen.</p>
<p>Zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem.</p>
<p>Viele tausend Engel.</p>
<p>Eine Festversammlung.</p>
<p>Wie unser Mitarbeitendenfest am 26. Januar, nur unendlich viel schöner und größer.</p>
<p>Gott selbst ist da und alle, die uns vorangegangen sind auf dem steilen, steinigen Weg.</p>
<p>Jesus erwartet uns, voll Liebe und Leben und voller Versöhnung.</p>
<p>Stärkt die müden Hände. Stärkt die wankenden Knie. Tut sichere Schritte mit euren Füßen.</p>
<p>Er lohnt sich nämlich, dieser anstrengende Weg--jeder einzelne Schritt, der dich fragen lässt, ob du nicht besser aufhören solltest. Er lohnt sich, dieser Weg, weil das Ziel alles mehr als wettmacht. Es lohnt sich, dieses Ziel vor Augen zu haben, wenn die Muskeln schmerzen und die Lunge brennt.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Es lohnt sich, das Bein zu heben.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Am Ziel wartet Gott auf dich.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>&quot;Wir haben Hoffnung&quot;, so würde ich überschreiben, was der Briefschreiber uns hier vorträgt.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Siehst du, wie weit wir schon gekommen sind?</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Du bist nicht alleine unterwegs. Wir sind ja auch da. Wir sind gemeinsam auf diesem steilen Pfad. Wir helfen uns auf. Wir helfen uns weiter. Wir stützen und tragen uns, wo es nötig ist. Wir sind, das habe ich von meinen katholischen Geschwistern gelernt, &quot;das wandernde Gottesvolk.&quot;</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Er ist ja auch dabei. Hat er das nicht versprochen? Von Anfang an? Bei uns zu sein, bis ans Ende der Welt? (Das haben wir noch nicht erreicht auf diesem Weg.) Er ist da. Und sein Geist auch. So kann er uns doch Kraftquelle sein.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Immer wieder lädt er uns zur Stärkung ein. In seinem Wort. An seinem Tisch. In allem, wo wir ihn entdecken, wenn wir die Augen nicht nur auf den schwierigen Pfad richten.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. Was lahm wird, kommt nicht ab vom Weg, sondern wird heil!</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Seht drauf, dass niemand die Gnade versäume.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Schaut, dass da keine Bitterkeit Wurzeln schlägt.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Und ein Blick nach vorne: Wir haben Hoffnung. Gott selbst ist unser Ziel.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Und ein Blick zur Seite: Immanuel. Gott mit uns. Gott selbst ist unser Begleiter.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Und noch einer. Und noch einer. Und noch einer.</p>
<p>So geht's. Wer hätte das gedacht?</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Stärkt die müden Hände. Stärkt die wankenden Knie. Tut sichere Schritte mit euren Füßen.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Der, der das gute Werk in uns begonnen hat, wird es auch vollenden.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Das geht ja schon viel leichter. Fast beschwingt schon.</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>So macht sogar mir das Wandern Spaß!</p>
<p>Noch ein Schritt.</p>
<p>Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes bleibt mit uns allen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Der Weg ist lang und schwer. Nicht immer fällt das mit dem Glauben leicht. Wie lange noch? Lohnt es sich überhaupt? Ein alter Brief bringt Stärkung für ein müdes, wanderndes Gottesvolk.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Stärkung für das wandernde Gottesvolk</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Gottes Kinder</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2024/gottes-kinder/</link>
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        <pubDate>Sun, 07 Jan 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wie immer ist viel los. Viele Aufreger treiben uns um. Was wäre, wenn uns stattdessen der Geist Gottes treiben würde? Was ist denn sein Anliegen für Gäufelden 2024?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>&quot;Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.&quot; (Römer 8,14) Dieser Wochenspruch nach dem evangelischen Kalender, aus dem 8. Kapitel von Paulus' Brief an die Gemeinde in Rom, soll uns heute beschäftigen. Ein Brief, oder zumindest ein Briefausschnitt, nach Gäufelden, sozusagen -- und jetzt, am Anfang eines neuen Jahres und direkt vor dem Neujahrsempfang der bürgerlichen Gemeinde, vielleicht auch ein Hinweis darauf, wie wir dieses neue Jahr in Gäufelden möglicherweise miteinander gestalten könnten.</p>
<p>Römer 8, Vers 14 also: &quot;Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.&quot;</p>
<p>Ich muss zugeben, in der Lutherübersetzung schmeckt mir der Vers auf den ersten Blick gar nicht. &quot;Getrieben&quot; fühle ich mich sowieso schon oft genug. Man kommt ja gar nicht mehr zur Ruhe. Ständig neue Aufreger. Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflation, Heizungsgesetz, Klimawandel, Agrarsubventionen, und so weiter. Wir kommen aus dem Aufregungsmodus ja gar nicht mehr heraus. &quot;Ständig treibt jemand eine neue Sau durchs Dorf&quot;, sagt man umgangssprachlich und während wir in Dauerschnappatmung leben, fragt man sich schon immer wieder leise, ob es wirklich nur sprichwörtliche Schweine sind, die hier getrieben sind oder ob am Ende nicht gar einfach wir die Getriebenen sind. Und die Antreiber? Da könnte man jetzt natürlich verschwörungsmythisch irgendwelche &quot;Anderen&quot;, irgendwelche Kräfte von außen oder &quot;die da oben&quot; vermuten--wo auch immer &quot;da oben&quot; ist. Hoffentlich nicht im Gäufeldener Rathaus? Doch wenn man stattdessen nüchtern und ehrlich hinschaut, dann wird man wohl eingestehen wissen, dass wir da alle munter mitmischen bei diesem Treiben. Dass sich die Aufregung oft gegenseitig hochschaukelt. Und dass niemand von uns ganz selbstlos ohne eigene Interessen unterwegs ist.</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.</p>
<p>Nun also auch Gott? Kommt zu allem dem, was uns eh schon umtreibt, jetzt auch noch Gott als interessierte Partei dazu? Sollen wir uns jetzt auch noch vor seinen Karren spannen lassen? Oder zumindest vor einen kirchlichen, der von sich behauptet, in Gottes Namen unterwegs zu sein? Ist Gott am Ende gar auch nur ein unbarmherziger Treiber, dem es um nichts anderes geht, als seine eigenen Anliegen durchzusetzen?</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt...</p>
<p>Bevor mein eh schon erhöhter Blutdruck nun in ganz ungemütliche Regionen steigt, tue ich sicher gut daran, wenigstens erst einmal nachzufragen, was der Geist Gottes denn genau so treibt. Und dazu reicht es schlicht und ergreifend aus, weiterzulesen. Eine Taktik, die ich übrigens für alle Ein-Satz-Aufreger empfehlen kann: Einfach mal versuchen, den Zusammenhang zu erfassen. Der hört sich an dieser Stelle so an:</p>
<p>Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.</p>
<p>Aha! Das ist also das Anliegen Gottes: Dass wir seine Kinder sind. Dass wir einfach zu ihm kommen können, wie ein Kind zu einem liebenden Elternteil. Dass wir bei ihm angenommen sind. Geliebt.</p>
<p>Mein Atem entspannt sich. Der Blutdruck sinkt. Der Puls wird normaler. Das klingt ja gar nicht so schlimm.</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.</p>
<p>Gottes Kinder.</p>
<p>Da ist einer, der wird sich in Kürze ganz besonders der Sache Gottes widmen. Sein ganzes Leben wird er Gott zur Verfügung stellen. Ganz, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zum Tod. Großartiges wird er tun für Gott. Einzigartiges.</p>
<p>Noch hat er nichts davon getan. Er war Kind, war Jugendlicher, ist zum Mann gereift. Noch hat er keine Leistung vorzuweisen. Noch gibt es keine großen Heldentaten zu erzählen. Genau da kommt der Geist Gottes zu ihm. Genau da hört er diese Worte: &quot;Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.&quot;</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>schaut, Gottes Kinder zu sein ist nicht das Ende, nicht die Belohnung für die, die sich von Gottes Geist zu irgendwelchen Leistungen antreiben lassen haben. Gottes Kind zu sein, das ist der Anfang. Die Grundlage. Und ein Herzensanliegen Gottes.</p>
<p>Heute, hier, in dieser Halle, zu diesem Anlass am Anfang eines neuen Jahres, scheint es mir angemessen, ein paar ganz besondere Menschen zu würdigen, die heute hier sind. Hier bei uns sitzen nämlich Menschen, die Gott, als seine Kinder bezeichnet. Kennt ihr die? Leider habe ich keinen Spiegel dabei, sonst würde ich den durch die Reihen geben und ihr könntet mal reinschauen. Ihr seid das! Ihr seid Gottes Kinder! Ihr seid seine geliebten Menschen. Ihr seid die, denen er in der Taufe schon -- vor aller Leistung -- zugesagt hat: Du gehörst zu mir. Du bist Teil meiner Familie. Ich werde immer bei dir sein. Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an der ich Wohlgefallen habe.</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.</p>
<p>Wir. Gottes Kinder.</p>
<p>Und jetzt, liebe Gotteskinder, stellt euch mit mir einmal vor, was das für 2024 bedeuten könnte--für Gäufelden. Stellt euch vor, wir gehen an die Herausforderungen, die das Jahr mit sich bringen könnte, so heran: als Gottes geliebte Kinder. Stellt euch vor, wir nicht erst etwas leisten: Wir sind Gottes Kinder. Stellt euch vor, wir müssen nicht erst irgendetwas beweisen: Wir sind Gottes Kinder. Stellt euch vor, wir müssen uns nicht erst einen Namen machen, ein Standing erarbeiten, eine Meinung vertreten, einen wie auch immer gearteten Sieg erringen: Wir sind Gottes Kinder.</p>
<p>Ich könnte mir vorstellen, dass uns das gelassen macht, mitten in all den Aufregern. Dass uns das genau die Ruhe verschafft, die wir brauchen, um besonnen und offen und liebevoll an die Dinge heranzugehen--ganz im Sinn der Jahreslosung: &quot;Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.&quot; (1. Korinther 16,14).</p>
<p>Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.</p>
<p>Was treibt er denn dann, in Gäufelden, 2024, dieser Geist Gottes? Wohin will er uns, Gottes Kinder, denn mitnehmen? Wofür will er uns, ganz wörtlich, &quot;begeistern&quot;? (Ich mag ja das Reden vom &quot;treiben&quot; immer noch nicht und deshalb scheint es mir, gerade im ökumenischen Gottesdienst, angemessen, auf die Einheitsübersetzung zu hören: &quot;Denn die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.&quot;)</p>
<p>Die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.</p>
<p>Jetzt stellt euch vor eurem inneren Auge mit mir einmal vor, wie das aussehen könnte: Wenn wir alle, angefangen vom Bürgermeister, 2024 hier in Gäufelden, auch in allen Aufregern, zuerst auf Gottes Geist und seine Richtung achten. Wo wird uns das wohl hinführen?</p>
<p>Die Antwort auf diese Frage kann kein Pfarrer am 7. Januar geben. Das wäre wohl auch verdächtig. Nein, es gibt keine vorgefertigte Antwort. &quot;Sich leiten lassen&quot; heißt ja gerade, mit offenen Augen und im Vertrauen auf seine Richtung vorwärts zu gehen. Als Gottes geliebte Kinder wissen wir nämlich: Sein Weg ist gut. Den können wir gelassen gehen. Vertrauend. Glaubend. Und mit der Gewissheit -- für uns, für Gäufelden, und für die Welt: Wir haben Hoffnung. (Die Evangelischen dachten sich schon, dass das jetzt irgendwann noch kommt.)</p>
<blockquote>
<p>Die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. (Römer 8,14-17 EIN)</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wie immer ist viel los. Viele Aufreger treiben uns um. Was wäre, wenn uns stattdessen der Geist Gottes treiben würde? Was ist denn sein Anliegen für Gäufelden 2024?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Was uns in Gäufelden umtreibt</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Nicht nur Poster und Herzchen</title>
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        <pubDate>Mon, 01 Jan 2024 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>&quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.&quot; Die Jahreslosung 2024 lässt keine Fragen offen--oder doch? Was heißt es denn, sich ernsthaft darauf einzulassen? Was heißt es denn, zu lieben? Erste Schritte mit dieser Losung zeigen die Risiken, die das mit sich bringt--und laden ein ins Abenteuer, das &quot;Liebe&quot; heißt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden,</p>
<p>Ich will heute ganz offen und ehrlich mit euch reden:</p>
<p>Wenn der Apostel Paulus in der neuen Jahreslosung schreibt, &quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!&quot; (1. Korinther 16,14), dann denkt er nicht an einen romantischen Abend mit der Liebe deines Lebens. Das Bild, das er uns vor Augen malen will, gehört nicht ans Ende eines kitschigen Liebesfilms, wenn sie sich umarmen, als die Sonne untergeht und dort ausgeblendet wird, wo wir uns denken können, wie es weitergeht. Paulus malt auch keine Herzchen an den Rand des Briefs, den er an schreibt -- an die Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth, Mitte des ersten Jahrhunderts nach unserer Zählung. Mit dieser Vorstellung möchte ich gleich als allererstes aufräumen. Denn, ob wir wollen, oder nicht, sie wird uns begleiten in diesem Jahr, diese Jahreslosung mit diesem einen, eigentlich ganz simplen Satz: &quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!&quot; Man könnte davon ausgehen, dass Gott da vielleicht seine Hand im Spiel hatte bei der Auswahl dieser Losung -- und selbst wenn man das nicht will, ist das ein Bibelwort, das uns sicher gut tut in dieser Zeit. Ich muss die Losung gar nicht als christliche Version eines Jahreshoroskops lesen. Ich kann mich ja einfach selbst entscheiden, gemeinsam mit ganz vielen Christ:innen dieses Jahr 2024 unter diese Überschrift zu stellen.</p>
<p>Wenn wir das tun, Geliebte Gottes, dann schlage ich vor, dass wir hier und heute entscheiden, wie wir mit diesem Satz umgehen. Ich sehe da nämlich mehrere Möglichkeiten: Wir können ihn auf seicht-romantische Poster drucken, mit Sonnenuntergang und Umarmung und ganz vielen Herzchen. Mit anderen Worten, wir können uns selbst in einer schönen Zweierbeziehung da hineinschreiben, mit einer romantischen Liebesvorstellung, die erst vor ungefähr 250 Jahren in Mode kam und dem Apostel zu seiner Zeit völlig unbekannt war. Oder, wir können die Jahreslosung ernst nehmen. Das wäre mein Vorschlag. Aber ich muss euch warnen: Das wird harte Arbeit. Wir werden nicht nur einmal daran scheitern, dieses Jahr. Poster und Herzchen sind deutlich einfacher. Überlegt es euch gut.</p>
<p>Seid ihr dabei?</p>
<p>Dann also los: Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!</p>
<p>Eigentlich ist damit doch alles gesagt. Wir müssen nur noch loslegen, oder?</p>
<p>Ein einziges Substantiv steht im Zentrum des Satzes: Liebe. Und schon hat jeder so seine Vorstellung, was darunter zu verstehen ist.</p>
<p>Geliebte Gottes, &quot;ernst nehmen&quot; beginnt damit, dass wir merken: Dieser Satz steht nicht auf einem Plakat. Dieser Satz ist Teil eines Briefs, eines längeren Texts. Er hat einen Zusammenhang und die Kapitelnummer 16 deutet darauf hin, dass da schon einiges gesagt ist. Auch zum Thema Liebe.</p>
<p>&quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen&quot; steht nicht zufällig in diesem 16. Kapitel. Dieser Satz ist zentraler Teil des Briefschlusses. Hier bindet der Apostel den Sack zu. In wenigen Worten bringt er noch einmal auf den Punkt, was er zuvor 16 Kapitel lang an vielen konkreten Lebenssituationen durchexerziert hat. Man könnte behaupten, der ganze Brief laufe auf diesen Satz hinaus:</p>
<p>Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.</p>
<p>Das fordert uns heraus, das Hauptwort &quot;Liebe&quot; nicht einfach mit unseren eigenen Ideen zu füllen, sondern erst einmal ernsthaft nachzuschauen, was denn zu diesem Thema bereits gesagt ist. Das ist der erste Schritt, dem dieses Jahr noch viele weitere folgen müssen: Ein Schnelldurchgang durch den restlichen Brief, gewissermaßen. Also: Let's go!</p>
<p>Die Menschen, an die Paulus schreibt, sind ihm persönlich gut bekannt. Korinth, die Hafenstadt, liegt im Süden Griechenlands. Wer die Karte so ungefähr vor sich sieht, kann sich die Peloponnes, diese große Halbinsel ganz im Süden des Landes, wie eine Art überdimensionierte Hand mit vielen Fingers vorstellen. Wenn man dieses Bild nimmt, dann liegt Korinth auf dem Handgelenk: an der engsten Stelle, die die Halbinsel mit dem Balkan verbindet. Der Isthmus von Korinth, diese Landenge, ist an der schmalsten Stelle nur 6,4 Kilometer breit. Auf beiden Seiten, im Osten und im Westen: ein Hafen. Und dazwischen: Korinth. Weil es damals viel einfacher war, die Waren, die man auf dem Mittelmeer transportierte, nicht um die ganze Peloponnes herumzufahren, lud man sie auf einer Seite Korinths aus den Schiffen aus und auf der anderen wieder ein. Da war richtig was los, in Korinth.</p>
<p>Paulus ist dort gewesen. Auf seiner zweiten Missionsreise machte er Station in Korinth und gründete--wie konnte es anders sein--eine Gemeinde. Seither ist er weiter gereist. Er wohnt jetzt gerade in Ephesus, auf der anderen Seite des ägäischen Meers, dort, wo sich heute die Türkei befindet. Der Kontakt zu seinen Freund:innen in Korinth ist nie abgebrochen. Aus gutem Grund: das Gemeindeleben ging ja weiter. Andere hatten die Stelle des Paulus eingenommen. Nicht immer stimmte das, was sie erzählten, mit dem überein, was Paulus gesagt hatte. Nicht immer waren sie sich untereinander einig. Lager bildeten sich. Manche hielten es mit Paulus--zumindest mit dem, an was man sich von ihm erinnerte. Andere waren eher Fans von Apollos, oder von Petrus, dessen Meinung man aus der Ferne gehört hatte. Wer besonders fromm war, grenzte sich von allen diesen Lagern ab. &quot;Ich halte es mit Christus.&quot; Da ist man auf der sicheren Seite. Glücklicherweise hat Christus ja immer eine Meinung, die meiner eigenen verblüffend ähnlich ist. Da hat sich in zwei Jahrtausenden wenig geändert, glaube ich manchmal zu beobachten.</p>
<p>Wie dem auch sei, es ist Zeit für eine Klärung. Zeit einen Brief an den Gründer. Was wir heute lesen, ist die Antwort des Apostels. Und der kommt mit dem Thema &quot;Liebe&quot;. Zumindest bietet er das an. Er könnte nämlich auch anders: &quot;Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liebe und sanftmütigem Geist?&quot;, schreibt er im 4. Kapitel. Es kann einen schon aufregen, was hier passiert. Man könnte gleich dreinschlagen. Was der Apostel hier anbietet, ist etwas anderes: Er sieht sich als Vater der Gemeinde -- das Bild der Mutter verwendet er übrigens auch. Er fühlt sich mit den Korinthern aufs engste und unauflöslich verbunden, wie Eltern mit ihrem Kind. Die Vaterbeziehung, die Jesus selbst vorlebt, wird hier zum Maßstab für die Beziehung des Apostels zur Gemeinde.</p>
<p>Wenn das Liebe ist, Geliebte Gottes in Gäufelden, dann wird das herausfordernd 2024: Über alles trennende, über alles, was uns stört, nervt, aufregt und von anderen Menschen abstößt, in unserem Umgang miteinander immer zuerst den Christus zu sehen, der uns unauflöslich als Kinder Gottes, als Geschwister im Glauben, miteinander verbunden hat.</p>
<p>Zum Mitnehmen: Liebe ist Verbundenheit.</p>
<p>Das zweite Mal kommt Paulus auf die Liebe zu sprechen, als er sich im 8. Kapitel mit einer komplizierten Frage aus dem damaligen Kulturkreis beschäftigt. Für uns ist die heute gar nicht so einfach nachvollziehen: Es geht um den Verzehr von Fleisch, das im Zusammenhang mit rituellen Handlungen der dortigen Religionen zur Schlachtung kam. Das war eine gängige Sache und für viele Menschen das einzige Fleisch, das sie sich überhaupt leisten konnten. Die Frage war nur: Darf man das als Christ:in bedenkenlos? Macht man sich damit nicht eins mit denen, die an irgendwelche Götzen glauben? In Korinth gab es verschiedene Meinungen zu dem Thema. Auch für Paulus ist es nicht leicht, aufzulösen. Drei ganze Kapitel widmet er dieser Frage. Und mittendrin dann die Feststellung: &quot;Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.&quot; (1.Ko 8,2-3)</p>
<p>Paulus spielt hier nicht Liebe gegen Wahrheit aus. Liebe und Wahrheit sind untrennbar miteinander verbunden. Aber einfach nur das Richtige zu wissen, reicht nicht aus. Die Frage ist vielmehr, wie gehe ich mit diesem Wissen um? Oder noch besser: Wie gehe ich mit anderen um, die das anders sehen? Nur der hat die Wahrheit wirklich voll begriffen, der sich zuallererst selbst von Gott geliebt weiß. So geliebt, dass er diese Liebe auch an andere weitergibt. Wer liebt, gibt Gottes Liebe Raum. Auch, und gerade dann, wenn es um die Wahrheit geht. Wenn die nämlich durchgeboxt wird, ohne Rücksicht auf Verluste und Verletzungen, da bleibt die Liebe auf der Strecke. Und die Wahrheit deshalb auch.</p>
<p>Liebe tritt da einen Schritt zurück. Liebe entscheidet, nicht auf Kosten anderer durchzusetzen, was man selbst für richtig hält. Liebe beschränkt sich, um des anderen willen.</p>
<p>Zum Mitnehmen: Liebe ist rücksichtsvolle Weisheit im Umgang miteinander.</p>
<p>Schließlich kann man den Korintherbrief nicht lesen, ohne irgendwann -- im 13. Kapitel, genauer gesagt -- bei einem der bekanntesten Texte der Bibel zu landen. Wir (nicht Paulus) haben ihm seit langem den Titel &quot;Das hohe Lied der Liebe&quot; verpasst. Ich lese ihn euch vor:</p>
<blockquote>
<p>Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1.Ko 13,4-7)</p>
</blockquote>
<p>Das, Geliebte Gottes, ist der Maßstab, an dem wir unseren Umgang mit der Jahreslosung messen lassen müssen.</p>
<p>Allein mit diesem Text könnte man sich ein ganzes Jahr beschäftigen. Das würde heute hier den Rahmen sprengen. Vielleicht reicht es auch, heute zusammenfassend zu sagen: die Liebe ist vollkommen. Allein die vierfache Wiederholung des Wortes &quot;alles&quot; im letzten Vers lässt daran keinen Zweifel: Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles.</p>
<p>Geliebte Gottes, wie viel &quot;alles&quot; seid ihr bereit, 2024 zu ertragen?</p>
<p>Zum Mitnehmen: Liebe ist vollkommen.</p>
<p>Das ist der Sack, den Paulus am Ende seines Briefes zu macht. Er fasst noch einmal zusammen, was er vorher einzeln durchbuchstabiert hat: &quot;Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!&quot; (1.Ko 16,13). Seid wachsam. Seid glaubensfest. Seid mutig. Seid stark. Vier Imperative. Vier Anweisungen die es in sich haben. Und dann kommt die fünfte, die ist ganz anders formuliert:</p>
<p>&quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.&quot;</p>
<p>Geliebte Gottes, Liebe kann man nicht befehlen. Liebe kann man auch nicht machen. Schon gar nicht, wenn hier schon wieder das Wort &quot;alles&quot; auftaucht. &quot;Alle eure Dinge&quot; -- das ist von einer Absolutheit, von so einer universellen Größe, an der wir nur eines können: Scheitern. Die Liebe in ihrer Vollkommenheit, in ihrem alles umfassenden Anspruch an unserer Leben, ist mehr, als wir Menschen fähig sind zu geben. Und doch werden wir ihr nur gerecht, wenn wir bereit sind, uns auf den Weg zu machen. Liebe ist ein Weg, nicht das Ziel, an den wir uns angekommen wissen. Lieben kann man nur, wenn man bereit ist, daran auch zu scheitern. Wer meint, die Liebe im Griff zu haben, das alles irgendwie zu meistern, der hat es bereits vermasselt.</p>
<p>&quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.&quot;</p>
<p>Geliebte Gottes, 2024 werden wir alle an dieser Aufgabe scheitern--das muss uns von Tag 1 klar sein. Aber nur wer sich auf den Weg macht, nur wer bereit ist, zu fallen und wieder aufzustehen, der kann beginnen, zu lieben.</p>
<p>Liebe kann man nicht meistern und nicht machen. Aber man kann ihr begegnen. Gott selbst ist die Liebe und nirgends begegnet sie uns klarer, größer und reiner als in Jesus Christus, seinem Sohn. Wer sich von als von ihm geliebt erfährt, der kann beginnen, diese Liebe weiterzugeben. Liebe ist ein Geschenk Gottes. Liebe kann man sich nur schenken lassen. Wer sich von als von ihm geliebt erfährt, der kann in seiner Liebe wachsen.</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Diese Jahreslosung ist riskant und herausfordernd. Wer sie ernst nehmen will, der muss sich darauf einstellen, am Ende des Jahres Buße zu tun über die vielen Momente, wo wir dem &quot;alles&quot; nicht gerecht geworden sind. (Und auch da wird uns wieder neu die vollkommene, vergebende Liebe Gottes in Christus begegnen und uns aufrichten).</p>
<p>Geliebte Gottes,</p>
<p>Diese Jahreslosung ist eine Einladung zum Abenteuer. Wer sie ernst nimmt und sich auf den Weg macht, der kann am Ende staunen über das, was die Liebe ist und was sie macht: viel mehr, als wir uns heute schon ausmalen können. Das passt auf kein Poster der Welt.</p>
<p>Deshalb:</p>
<p>Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>&quot;Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.&quot; Die Jahreslosung 2024 lässt keine Fragen offen--oder doch? Was heißt es denn, sich ernsthaft darauf einzulassen? Was heißt es denn, zu lieben? Erste Schritte mit dieser Losung zeigen die Risiken, die das mit sich bringt--und laden ein ins Abenteuer, das &quot;Liebe&quot; heißt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Risiken und Nebenwirkungen der Jahreslosung 2024</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Alles hat seine Zeit</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/alles-hat-seine-zeit/</link>
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        <pubDate>Sun, 31 Dec 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Das Jahr geht zu Ende. Wir schauen zurück: Dunkles, Helles. Manches nehmen wir mit. Manches wollen wir anders machen. Wo ist der Sinn in alledem? Was lohnt sich festzuhalten? Geführter Rundgang durch ein altes, beschenktes Jahr mit einem hoffnungsvollen Aufbruch zu dem, was kommt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Predigerbuch des Ersten Testaments, aus dem dritten Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.</p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. 14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. 15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist. (Prediger 3,1-15)</p>
</blockquote>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Zeit.</p>
<p>Tick. Tack.</p>
<p>Die Uhr läuft.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Die Uhr läuft und läuft.</p>
<p>Die Zeit vergeht.</p>
<p>Vielleicht gibt es keinen anderen Moment, in dem uns das so bewusst wird, wie heute. Hier. Wenige Stunden vor Ende des Jahres.</p>
<p>Tick. Tack.</p>
<p>Fast abgelaufen.</p>
<p>Wieder ein Jahr zu Ende.</p>
<p>Wie doch die Zeit vergeht!</p>
<p>Manchmal scheint es, als flöge sie dahin. Ein andermal, als würde sie gar nicht vorwärtsgehen.</p>
<p>Tick. Tack.</p>
<p>Wieder ein Jahr zu Ende.</p>
<p>Und was für Eines!</p>
<p>Zeit für einen Rückblick.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Was war denn 2023?</p>
<p>Am Eingang hast du ein dunkelblaues Blatt bekommen. Nimm es zur Hand. Wir wollen uns erinnern. Nicht nur an die Höhepunkte. Wir wollen ehrlich zurückschauen. Da war auch Dunkel, in diesem Jahr. Nimm dein Blatt und wenn dir etwas einfällt, dann reiße ein Stückchen ab. Vielleicht so fingernagelgroß. Behalte die Stückchen. Wir sammeln. Wir erinnern uns an unser Jahr.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Was war denn 2023?</p>
<p>Sterben hat seine Zeit. Wir denken an die, die von uns gegangen sind. Wer fehlt jetzt? Wo ist ein Platz leer? Wen werden wir 2024 vermissen?</p>
<p>Nicht nur an Menschen denken wir. Wir denken an das, was früher lebte und blühte. Manches davon ist gestorben in diesem Jahr. Was wird uns fehlen?</p>
<p>Sterben hat seine Zeit.</p>
<p>Und ausreißen, was gepflanzt ist. Was keine Frucht mehr bringt. Was nur noch Energie braucht, aber zu nichts mehr taugt. Reiß ein Stück ab, wenn dir etwas einfällt. Manches war früher gut und wunderbar. Es hatte seine Blütezeit. Es brachte Frucht und Freude. Dann ist es eingegangen. Verdorrt. Nicht immer ist es ein Verlust, etwas auszureißen. Manchmal macht es auch einfach Platz für Neues.</p>
<p>Töten hat seine Zeit. Abbrechen. Und weinen.</p>
<p>Was hat mich 2023 zum Weinen gebracht? Worüber klage ich, am Ende dieses Jahres? Nein, niemand, auch kein glaubender Mensch, muss einfach nur stoisch, unberührt von allem, durch's Leben gehen. Die Klage hat ihren Platz. Auch vor Gott. Ich lege ihm hin, was mich traurig macht. Was mich empört. Was mich wütend macht. Was mich stört. Und jedesmal: Reiß ein kleines Stück ab von deinem dunkelblauen Papier. Wir sammeln.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Auch das Ende der Umarmungen. Manchmal muss man loslassen. Manchmal darf man loslassen. Oft ist das schmerzlich. Manchmal auch schön. Wenn die Kinder groß werden und ihre eigenen Wege gehen, zum Beispiel. Wo habe ich 2023 losgelassen? Loslassen müssen? Loslassen dürfen?</p>
<p>Zerreißen hat seine Zeit. Und schweigen.</p>
<p>Wo habe ich 2023 geschwiegen? Hätte ich besser den Mund aufmachen sollen? Was hat mir die Sprache verschlagen? Was hat mich still gemacht, nachdenklich vielleicht auch. Was hat mich zur Ruhe gebracht, heraus aus den lauten Diskussionen, aus dem hektischen Reden?</p>
<p>Streit hat seine Zeit.</p>
<p>Streiten ist eine Kunst. Niemand muss alles nur still herunterschlucken. Es gibt Dinge, für die lohnt es sich, aufzustehen. Und andere, die sind es nicht wert. Habe ich das 2023 zu unterscheiden gewusst? Habe ich 2023 die Kunst des Streitens gemeistert? Was war die Aufregung wert? Und was nicht?</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Natürlich war nicht nur Dunkles in diesem Jahr: Wer sucht, der findet auch vieles, was leuchtet und glänzt. Wie das goldene Papier, das du bekommen hast. Nimm es doch jetzt zur Hand. Auch hier sammeln wir wieder. Leg das dunkelblaue Papier zur Seite, aber nicht zu weit weg. Vielleicht fällt dir ja nachher noch etwas ein. Du kannst jederzeit noch zu dem dazulegen, was wir sammeln.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Was war denn 2023?</p>
<p>Geboren werden hat seine Zeit. Wer ist denn 2023 geboren? Wer ist neu in dein Leben getreten? Wer hat dich bereichert in diesem Jahr? Wen hättest du nicht missen wollen? Ohne wen hättest du es vielleicht gar nicht ausgehalten?</p>
<p>Pflanzen hat seine Zeit. Und bauen. Was ist neu gewachsen in diesem Jahr? Was hast du, auch ganz bewusst, neu angefangen? Worin hast du Zeit und Energie, Geld und Gaben investiert?</p>
<p>Heilen hat seine Zeit. Was ist 2023 heil geworden? Wo sind Dinge besser geworden? Wo hast du dich mit anderen versöhnt? Wo hast du zur Versöhnung, zur Heilung beigetragen? Wem hast du gut getan?</p>
<p>Lachen hat seine Zeit. Und tanzen. Was hat dich froh gemacht, 2023? Woran wirst du dich mit einem Lächeln erinnern? Was würdest du gerne behalten? Und: Hast du genug getanzt? War da Raum für die ungetrübte Freude in deinem Leben? Was hat dich begeistert? Was hat dich motiviert? Was hat dich aus dem &quot;grauen Alltagstrott&quot; herausgerissen?</p>
<p>Umarmen hat seine Zeit. Und lieben. Welche Beziehungen haben dir gut getan? Wo hast du dich geliebt gewusst? Wo hast du geliebt? Wo hast du, vielleicht auch statt zu reden, jemanden einfach mal ganz fest gedrückt. Wo hast du gehalten, getröstet, Geborgenheit geschenkt?</p>
<p>Friede hat seine Zeit. Hast du 2023 Frieden gestiftet?</p>
<p>Ich hoffe, du hast ganz viel Gold gefunden. Vielleicht ging es dir aber auch wie mir: Da fällt mir manches ein, was ich 2024 anders machen möchte. Besser vielleicht auch. Dafür ist das hellblaue Papier. Auch da darfst du Stückchen abreißen für alles, was dir einfällt.</p>
<p>Mir fällt da einiges ein: Was ich anfangen möchte im neuen Jahr. Oder aufhören. Was mir wichtig sein soll. Und was nicht. Wo ich mehr lieben möchte, mich versöhnen. Wo ich mehr da sein möchte. Und mehr tanzen -- auch wenn meine Töchter meinen, das sieht komisch aus, bei mir. Wo ich Steine aus der Hand legen möchte: Unaufgeregter sein. Den Frieden suchen. Reden, wo ich reden muss. Und schweigen. Mehr schweigen. Stattdessen vielleicht umarmen. Wo ich den Streit in aller Kunst auch im neuen Jahr führen möchte. Und wo ich ihn bleiben lassen will. Frieden stiften. Das sowieso. Das braucht unsere Welt doch so dringend.</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Was hast du gefunden? Woran hast du dich erinnert? Was nimmst du mit ins neue Jahr?</p>
<p>Alles hat seine Zeit.</p>
<p>Wie geht es dir bei alledem?</p>
<p>Der Prediger -- Kohelet heißt er auch Hebräisch, wörtlich so etwas wie ein &quot;Versammlungsleiter&quot; -- ist ein Weisheitslehrer. Einer, der nachdenkend auf das Leben schaut. Einer, der sich nicht mit einfachen Lebensschlauheiten abspeisen lässt. Einer, der ehrlich sein will mit sich selber -- auch wenn das heißt, schonungslos und unbarmherzig auf die Realität zu schauen. Er hat sich aufgemacht, das Leben noch einmal neu von allen Seiten zu betrachten und daraus seine Schlüsse zu ziehen. Das ist es, was er entdeckt hat:</p>
<blockquote>
<p>1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. (Prediger 3,1-8)</p>
</blockquote>
<p>Ein wunderschönes Gedicht--auch in der hebräischen Ursprache. Der Inhalt ist für den Prediger vor allem eines -- frustrierend. Wer nämlich über die schöne Sprache hinwegschaut, der merkt bei nüchterner Betrachtung: Diese Gegensatzpaare heben sich ja irgendwie gegenseitig auf. Was geboren wird stirbt wieder. Gerade noch Gepflanztes, mühsam Gehegtes, wird ausgerissen. Gebautes wird abgebrochen. Lachen wechselt sich mit Weinen ab. Tanz mit Klage. Umarmungen lösen sich auf. Krieg und Friede geben sich immer wieder die Klinke in die Hand.</p>
<p>&quot;Was soll das alles? Wo ist denn darin der Sinn?&quot;, fragt sich der Prediger. Der Mensch scheint wie eingesperrt in diese Abläufe. Nicht Herr seines Lebens. Eher ein Sklave der Zeit. &quot;Es gibt nichts Neues unter der Sonne&quot;, stellt der Prediger immer wieder fest. Die Welt geht ihren Lauf. Wir tauchen darin auf und verschwinden. Da ist nichts, was irgendwie herausragt aus dem Lauf der Dinge. Nichts, was dem Ganzen einen Sinn geben würde.</p>
<p>Was soll das überhaupt noch? &quot;Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.&quot; Letztlich wird diese frustrierende Einsicht fast zu einer Art Anklage, die sich gegen Gott selbst richtet: &quot;Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.&quot; Ist das alles? Arbeit und Plage? Alles, was am Ende übrig bleibt?</p>
<p>Nein. Auch aus dem frustrierenden Lebensrundgang des Kohelet blitzt es zwischendurch golden hervor. Wie bei unserer Jahreserinnerung gibt es nicht nur Dunkel, sondern auch ganz viel Schönes, Helles. Dinge, die es festzuhalten gibt. Dinge, die ich mitnehmen möchte, hinein in ein neues Jahr, das vor uns liegt. Vier davon habe ich entdeckt:</p>
<p>Erstens: Die Freude der kleinen Dinge.</p>
<p>&quot;Da merkte ich&quot;, erzählt der Kohelet, &quot;dass es nichts Besseres gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.&quot; Wer nur nach Höherem, Wichtigerem, Bleibenden sucht, wer immer auf das Herausragende abzielt, der verpasst dabei oft, wie viel Schönheit Gott in das Vergängliche hineingelegt hat. Die kleinen Freuden: Ein Sonnenaufgang. Eine Rose, die blüht. Ein Kinderlachen. Ein gutes Essen mit Freunden. Ein schöner Nachmittag. Ein entspannter Abend. Eine gute Nacht mit erholsamem Schlaf. Ein gutes Buch. Eine Berührung. Eine Umarmung. Eine unerwartete Begegnung. Ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Versöhnung. Ein Erfolgserlebnis. Sex. Ein Lied, das mir im Kopf bleibt. Linsen und Spätzle. Lachen. Tanzen. Etwas Verrücktes tun.</p>
<p>Alle diese Dinge sind vergänglich. Zu allen könnte man auch sozusagen das &quot;Gegenstück&quot; finden. Aber zunächst einmal sind sie da. Sie sind schön. Sie sind ein Genuss. Ein Geschenk. &quot;Jeder Mensch, der isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.&quot;</p>
<p>Das will ich vom Kohelet lernen. Das will ich mitnehmen ins neue Jahr: Die kleinen Freuden genießen.</p>
<p>Zweitens: Beschenkt leben.</p>
<p>Was aus allem dem schon heraussticht, ist, dass ich darin der Beschenkte bin. Dass Gott mir eben nicht nur &quot;Arbeit und Plage&quot; in den Weg legt, sondern auch ganz viele solcher kleinen Freuden. &quot;Das ist eine Gabe Gottes.&quot; Das will ich mehr entdecken in der Zukunft. Vor allem auch, weil mir darin ganz viel Evangelium begegnet: Von dem Gott, der nicht darauf aus ist, dass ich Herausragendes leiste. Von dem Gott, bei dem nicht erst das Positive auf meinem Lebenskonto überwiegen muss, bevor er mir etwas gibt. Nein, ich erlebe mich als unverdient Beschenkter. So will ich ins neue Jahr gehen. Viel bewusster als bisher beschenkt leben.</p>
<p>Drittens: Gott vertrauen.</p>
<p>Hinter allem, was geschieht, sieht der Kohelet Gott am Werk. Sein Handeln ist das, was wirklich zählt. Sein Handeln ist das, was Bestand hat und bleibt. Was Gott tut, das ist größer und bedeutender als das Auf und Ab unseres menschlichen Alltagslebens. Die Frustration darüber, dass ich selbst die Dinge nicht in der Hand habe, weicht dem Vertrauen: &quot;Meine Zeit steht in deinen Händen.&quot; In all meiner Begrenztheit, Ohnmacht und Vergänglichkeit weiß ich mich gehalten, getragen von dem, der alles hält. Das gibt eine ganz andere Lebensperspektive: Es macht gelassener. Ich kann zuversichtlich nach vorne blicken, egal, was meine begrenzte Wirklichkeit gerade widerspiegelt. Ich weiß mich bei Gott geborgen. So sieht mein Ausblick auf 2024 aus: &quot;Wir haben Hoffnung!&quot; (Das überrascht euch jetzt, gell?) Manche würden diese Haltung einfach &quot;Glaube&quot; nennen. Und Dietrich Bonhoeffer beschreibt sie so: &quot;Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.&quot;</p>
<p>Viertens: Wissen, dass bei Gott nichts verloren ist.</p>
<p>Das brauche ich unbedingt. Denn bei dem, was Dunkel war im vergangenen Jahr, was aufgehört hat oder nicht so war, wie ich es mir gewünscht hätte, ist Vieles, was mir weh tut. Enttäuschungen. Verletzungen. Verpasste Chancen. Verlorene Tage. Verlorene Liebe. Verlorenes Glück. Alles hat seine Zeit -- Die Zeit geht weiter und keiner kann mir zurückbringen, was mir so schmerzhaft fehlt. Doch. Gott kann. Bei ihm ist das Verlorene nicht verloren. Bei ihm sind meine vergebenen Chancen nicht für immer verpatzt. Bei ihm ist das, was hätte sein können, nicht für immer vorüber. Bei Gott ist auch mein vergebliches Mühen, auch mein Versagen, aufgehoben. Das gibt mir Trost. Das weitet den Blick. Auch hier wieder: Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Letztlich, und das wäre dann fünftens, ist es aber auch das, was mir ein Stück weit bei den Gedankengängen des Predigers fehlt. Für mich als Nachfolger des auferstandenen Christus bleiben sie unvollständig, weil ihnen entgeht, wie der Gott der Hoffnung in Christus eingreift in das &quot;immer gleiche&quot; Weltgeschehen. Alles hat seine Zeit, das gilt nur, bis Christus mit seinem Kommen, mit seinem Leben und Auferstehen die Geschichte unterbricht. Und für immer verändert. In ihm gibt es etwas ganz Neues unter der Sonne--und weil er sich uns ganz schenkt, dringt auch in mein Leben, dieses Neue ein.</p>
<p>Aber das ist--zugegeben--eine andere Geschichte. Eine, die wir jetzt gleich im Abendmahl als Eingeladene mit feiern. Und eine, die wir auch 2024 jeden Tag erleben werden.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Das Jahr geht zu Ende. Wir schauen zurück: Dunkles, Helles. Manches nehmen wir mit. Manches wollen wir anders machen. Wo ist der Sinn in alledem? Was lohnt sich festzuhalten? Geführter Rundgang durch ein altes, beschenktes Jahr mit einem hoffnungsvollen Aufbruch zu dem, was kommt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Geführter Rundgang durch ein altes und in ein neues Jahr</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Hoffnungskind</title>
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        <pubDate>Mon, 25 Dec 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Zwei ganz andere Rettergeschichten: Die Held:innen sind nicht die, von denen man es denken würde. Die Macht ist anders verteilt als es scheint. Und der Blick ins Gesicht eines Kindes zeigt: Wir haben Hoffnung! Gott kommt und verändert die Welt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Die junge Frau aus der Weihnachtsgeschichte hat so etwas von einer Revoluzzerin an sich. Lange schon, bevor das Kind geboren wird und in der Krippe liegt, da bringt sie im Gebet vor Gott, was sie ahnt von diesem Kind, das der Engel ihr angekündigt hat. Was sie ahnt und was sie sich wünscht, wenn nun schon ein Kind von Gott unter so besonderen Umständen zur Welt kommt. Sie betet, was wir heute schon gebetet haben. Sie preist den Charakter des Gottes, der in ihrem Kind Mensch wird. &quot;Magnificat&quot; nennen wir das, nach der lateinischen Anfangszeile &quot;Magnificat anima mea dominum&quot;:</p>
<blockquote>
<p>Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lukas 1,46-55)</p>
</blockquote>
<p>&quot;Wir haben Hoffnung!&quot;, hätte sie gesagt, wäre sie Pfarrerin in Gäufelden gewesen. In diesem Kind, das Gott schenkt, liegt unsere Hoffnung, dass sich alles ändern kann. Dass die Unterdrückten befreit, die Hungrigen gesättigt und die Schwachen gestärkt werden. Dass Gott den Trend der Welt umkehrt. Eine Revolution, wenn auch eine ganz anders geartete--in einem Kind. Wir haben Hoffnung.</p>
<p>&quot;Gott gedenkt der Barmherzigkeit&quot;, rühmt sie und mit ihrem Gebet schreibt sie ihr noch werdendes Kind ein in die Geschichte Israels, angefangen von den Vätern, Abraham, Isaak und Jakob; in die Geschichte des Bundes Gottes mit seinem Volk; in sein Heilshandeln an seiner ganzen Schöpfung. &quot;Er hat große Dinge an mir getan&quot;, weiß sie jetzt schon. &quot;Von nun an werden mich selig preisen alle Kinderkinder.&quot; Ob sie geahnt hat, wie recht sie damit behalten würde?</p>
<p>Vielleicht schon, denn sie kannte ja die ganzen Geschichten, in denen Gottes Handeln durch Menschen geschah. Menschen wie Abraham, Isaak und Jakob. Die Vätergeschichten. Gründungsgeschichte eines ganzen Volkes. Immer wieder hat Gott darin Einzelne mächtig gebraucht. Einzelne, die nicht immer unbedingt das waren, was man von einem Helden, einer Heldin, erwartete. &quot;Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen&quot;, weiß sie. Und sie weiß auch: Das ist für Gott kein Hindernis. Der Gott, der Feiglinge wie Gideon gebrauchen kann, einfache Hirtenjungen wie David und selbst Menschen von zweifelhaftem Ruf, wie Rahab -- der Gott unserer Geschichten -- warum soll er nicht auch mich gebrauchen können? Und mein Kind?</p>
<p>Das ist es, was sie von klein auf gehört hat. Schließlich trägt sie ja selbst einen Namen, der an genau solche Geschichten erinnert. Wir nennen sie meist mit der lateinisierten Version ihres Namens, Maria. Natürlich haben sie ihre Eltern nicht so gerufen. Die hatten einen hebräischen Namen ausgewählt, einen großen Namen. Mirjam haben sie ihre Tochter genannt. Wie die Schwester des Mose. Und deren Geschichte geht so--aus dem Exodusbuch (2. Mose), aus dem 2. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Und es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm eine Tochter Levis zur Frau. 2 Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass es ein feines Kind war, verbarg sie ihn drei Monate. 3 Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästlein von Rohr für ihn und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils. 4 Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde. 5 Und die Tochter des Pharao ging hinab und wollte baden im Nil, und ihre Dienerinnen gingen am Ufer hin und her. Und als sie das Kästlein im Schilf sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. 6 Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie, und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. 7 Da sprach seine Schwester [Mirjam] zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und eine der hebräischen Frauen rufen, die da stillt, dass sie dir das Kindlein stille? 8 Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. 9 Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen. Die Frau nahm das Kind und stillte es. 10 Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn, und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. (Exodus 2,1-10)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Sicher habt ihr nicht damit gerechnet, am 1. Weihnachtstag im Gottesdienst die Mose-Geschichte zu hören. Sie ist an dieser Stelle ganz neu in unserem Leseplan. Ihr hättet heute erwartet, von einem ganz anderen Neugeborenen zu hören. Aber haltet noch aus, ihr werdet sehen, die beiden haben viel gemeinsam. Tatsächlich wäre das, was für uns heute die Weihnachtsgeschichte ist, nicht nur für Mirjam/Maria damals in Israel, sondern für jeden frommen Juden die Mosegeschichte gewesen: Die große Erzählung von der Geburt des Retters. Mose ist schließlich die zentrale, identitätsstiftende Figur des Volkes Israel. Alle Geschichten führen irgendwann zu ihm. Durch ihn hat Gott sein Volk aus Ägypten geführt--aus der Sklaverei in die Freiheit. Er war es, vor dem sich das Rote Meer teilte. Er war der, der auf dem Sinai die entscheidenden Worte des Bundesschlusses hörte: &quot;[...] ihr [sollt] mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.&quot; (Exodus 19,5-6). Mose war es, der mit den Tafeln mit den 10 Geboten vom Berg herunter gab. Mose war es, der das Volk durch die Wüste führte, 40 Jahre, bis sie endlich dort ankamen, wo Gott ihnen neue Heimat schenken wollte. Freiheit. Zusammenhalt. Identität. Alles nicht vorstellbar ohne Mose.</p>
<p>Doch, ähnlich wie das Baby von Bethlehem, ist Mose heute nicht der Held seiner eigenen Geschichte. Er liegt ganz ähnlich machtlos in seinem Schilfkörbchen wie der kleine Jesus auf dem Stroh in der Krippe. Keiner von beiden ist da ein strahlender Held. Keiner überbietet alle anderen an Stärke. Im Gegenteil: Die Starken und Mächtigen sind jeweils ganz andere in der Geschichte. Und das sind nicht die Guten! Am Ende der Weihnachtsgeschichte setzt der machtgeile König Herodes seine Soldaten in Bewegung und es geht allen kleinen Kindern in Bethlehem an den Kragen. In der Mosegeschichte sind die Schergen des Pharao schon längst unterwegs, um alle hebräischen Kinder zu töten. Es ist ein Wunder, dass der kleine Junge ihnen bisher entgangen ist.</p>
<p>Die Heldenrolle in beiden Geschichten füllen andere aus. Heldinnen, müsste man sagen. In der Mosegeschichte ist das ein kleines Sklavenmädchen. Sie traut sich im entscheidenden Moment aus ihrem Versteck und stellt durch ihr beherztes Reden die Weichen für die weitere Geschichte des Retters. Und, noch seltsamer, die andere Heldin ist eine ägyptische Prinzessin. Die Tochter des Pharao, die das Kind in seinem Körbchen findet und sofort begreift, was hier gespielt wird. Sie hat den Mut, Menschlichkeit über die Loyalität zu ihrem Vater, zu ihrem Herrscher zu stellen. Auch sie, die Ägypterin, widersetzt sich den unmenschlichen Befehlen des Machthabers. Von Menschen gezogene Grenzen verschwimmen plötzlich: Die ägyptische Prinzessin im Bunde mit den Hebräern, mit den Sklaven. Die Linien überkreuzen sich: Die Ägypterin nimmt das hebräische Kind an. Die hebräische Mutter kümmert sich um den Adoptivsohn der Pharaostochter. Welch eine Ironie in dieser alten Geschichte, dass der Retter Israels im Haus des größten Feindes Sicherheit findet. Dass im Hause des Pharao der aufwächst, der ihn einmal zu Fall bringen wird.</p>
<p>Das ist es, was die beiden Geschichten verbindet: Gott stellt die üblichen Verhältnisse auf den Kopf. Die unwahrscheinlichsten Figuren werden zu Helden. Die Schwächsten werden stark und bringen die Mächtigen zu Fall. Gott sendet einen Retter und das Blatt wendet sich auf völlig unerwartete Weise. Genau wie Miriam/Maria es gebetet hat: &quot;Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.&quot; Und gleichzeitig: &quot;Seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.&quot;</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Wir haben es einfach, wenn wir heute über diese Dinge reden. Ob Ägypten oder Bethlehem -- wir kennen jeweils schon das Ende der Geschichte. Die Frauen, von denen ich heute erzähle, waren mittendrin. Sie wussten noch nicht im Detail, was alles geschehen würde. Was sie vereint, ist der Blick ins Gesicht eines kleinen Kindes, der sie gewiss werden lässt: &quot;Wir haben Hoffnung!&quot; -- auch, wenn ein Happy End noch denkbar unwahrscheinlich ist. Das Vertrauen auf den Gott, den sie hinten diesen Kindern wissen, gibt ihnen Mut, den Mund zu öffnen. Mut, gegen den Trend der Mehrheit zu handeln. Mut, sich auf schwierige Rollen einzulassen. Mut, sich vorzuwagen, ohne das Ergebnis absehen zu können. Und dadurch wird der Weg frei für die Freiheit, für die Rettung der Welt.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Ich wünschte, wir würden es Ihnen nachtun. Viel mehr als bisher und nicht nur an Weihnachten. Wir sind viel zu oft konzentriert auf die Probleme. Auf die mächtigen Widerstände. Auf das, was uns den Atem raubt. Und, ja, das gibt es, und viel zu viel davon. Wir sehen die Probleme im Großen, Weltweiten; im Lokalen; im Institutionellen; und bis hinunter auf die ganz persönliche Ebene: der unerwartet verstorbene Ehepartner; die demente Mutter; das Enkelkind, das im Krankenhaus liegt. Die Probleme, die wir sehen, sind real und zum Fürchten und sie rauben uns den Atem und den Mut. Wir können sie nicht einfach wegreden. Aber wir können wegsehen: Hin zu dem Gesicht eines Kindes, in dem wir sehen: Es gibt Hoffnung. Das Kind von Weihnachten bietet sich an: &quot;Euch ist heute der Heiland geboren&quot;, sagt der Engel von ihm. Der Heiland. Der Heilmacher, der Retter der Welt -- welcher ist Christus der Herr. Sicher, im Vergleich zu dem, was wir sonst sehen, sieht er vielleicht nicht nach viel aus: Auf Stroh mit seinen Windeln. Hoffnung ist das, was über das Sichtbare hinausschaut und sein Vertrauen auf Gott setzt.</p>
<p>Wie Miriam/Maria ihr Kind, so schreiben wir uns selbst ein in die große Geschichte von Gottes Heilshandeln an seiner Welt. Da gehören wir dazu. In Christus hat er uns da mit hineingenommen. Das Kind von der Krippe ist <em>unser</em>Retter*, unser* Befreier, <em>unser</em> Heiland und Herr, <em>unsere</em>Zukunft, <em>unsere</em>Hoffnung. Und da, wo wir noch nicht sehen, noch nicht greifen können, was sein befreiendes Handeln an uns tun könnte, da beten wir voll Vertrauen mit der jungen Frau aus der Weihnachtsgeschichte:</p>
<blockquote>
<p>Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.</p>
</blockquote>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Zwei ganz andere Rettergeschichten: Die Held:innen sind nicht die, von denen man es denken würde. Die Macht ist anders verteilt als es scheint. Und der Blick ins Gesicht eines Kindes zeigt: Wir haben Hoffnung! Gott kommt und verändert die Welt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Die unwahrscheinliche Geschichte des von Gott gesandten Retters (2x)</itunes:subtitle>
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        <title>Krippenspiel</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/krippenspiel/</link>
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        <pubDate>Sun, 24 Dec 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Das Kind in der Krippe ist Gottes Antwort auf eine Welt im Dauerkrisenmodus. Mit diesem Kind ändert sich alles--vor allem die Anzahl der Kinder: Durch dieses Kind werde ich, werden ganz viele zu Kindern Gottes. Er macht uns frei.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Ah, der Heilige Abend. Endlich kommen wir zur Ruhe. Die Weihnachtsgeschenke sind gepackt, die letzten Besorgungen erledigt, der Braten ist im Ofen und wir sitzen bei Kerzenschein in der Kirche und singen die altvertrauten Lieder. Das haben wir jetzt auch gebraucht--diesen Schritt zurück vom Alltag, hinein in die Besinnlichkeit und Ruhe, warm eingepackt in die beruhigenden Traditionen, die schon Generationen vor uns durchgetragen haben. Ein Abend, einer wenigstens, an dem wir uns nicht mit den Problemen der Welt auseinandersetzen müssen. An dem es einfach Weihnachten sein darf, warm und hell und gemütlich, mit Freude in den Gesichtern und Lachen, mit einem guten Essen und Kerzen und Musik und mit Friede im Kreis der Familie. Das haben wir gebraucht. Das haben wir uns gewünscht. Das muss jetzt sein. Auch wenn es nur ein Abend ist.</p>
<p>Denn wenn wir dann hinausgehen, irgendwann, hier aus der Kirche oder nachher vom gemütlichen Familienfest, dann ist ja schnell genug wieder dunkel um uns her. Da bläst uns nicht nur der winterliche Sturmwind um die Ohren, sondern die ganze unsägliche Welt in ihrem Dauerkrisenmodus gleich mit. Da flattert der ganze, kitschige Traum von weißer Weihnacht sofort davon, angesichts der ungelösten Klimakrise. Da herrscht der Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten, da steigen die Preise schneller als unser Konto sich nachfüllt, da ist Corona schon wieder präsent. Selbst die Kirche, dieses &quot;Schiff, das sich Gemeinde nennt&quot;, in dem Christ:innen seit zwei Jahrtausenden schon ganz viele Höhen und Tiefen durchsegelt haben--selbst die Kirche scheint der Sturm ganz schön ins Schlingern zu bringen: Wieder haben im letzten Jahr viele Menschen die Kirche verlassen. Die Ressourcen werden weniger (die Pfarrer auch), die gesellschaftliche Bedeutung schwindet. Da weht uns ganz schön was um die Nase! Und doch sind wir das alles ja auch schon wieder gewohnt und zucken bei vielem nur noch mit den Schultern--resigniert vielleicht. Abgestumpft gegenüber dem, was der Sturm der Welt da so heranbläst: Die Pandemie haben wir überstanden. Der Kältewinter des letzten Jahres war letztlich doch nicht so schlimm, wie erwartet. Die Nachrichten von Krieg kennen wir alle schon. Das reißt uns alles schon gar nicht mehr vom Hocker und doch lässt es auch nie zu, dass unser Puls in normale Regionen sinkt. Wir sind gefangen, in diesem Weltensturm. Wir fühlen uns ohnmächtig gegenüber all den Krisen. Wir können doch soweiso nichts tun. Wir sind--so die Diagnose des Apostels Paulus in seinem Brief an die Galater vor bald 2.000 Jahren schon--Sklaven der Mächte der Welt. Ausgeliefert. Ohnmächtig. Hilflos.</p>
<p>Halt!</p>
<p>Bevor uns jetzt der Krisensturm auch noch den Weihnachtsabend wegpustet, muss doch nun endlich die Hoffnungsbotschaft kommen. Und da ist sie, mitten heraus aus dem, was hier geschieht. Mitten heraus aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus, der gerade noch diese deprimierende Diagnose gestellt hatte. Aus dem 4. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Sklave, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott. (Galater 4,4-7)</p>
</blockquote>
<p>Da ist sie, die Botschaft, die wir heute genauso brauchen wie die Menschen damals. Egal wie ausgeliefert wir uns fühlen, wir sind nicht hilflos. &quot;Wir haben Hoffnung&quot;, sagt ein Pfarrer hier aus der Nähe immer wieder. Wir haben Hilfe:</p>
<p>Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.</p>
<p>Er ist die Hilfe. Er ist die Hoffnung.</p>
<p>Die Zeit ist erfüllt. Das Maß ist voll. Gott steigt hinein in den tosenden Sturm der Weltkrisen, hinein in die hilflos ausgelieferte Menschheit und er setzt dem allem das entgegen, was kein Sturm, keine Macht der Welt, kein Imperium, kein Virus, keine Hyperinflation, kein Krisenjahr--was nichts und niemand überwinden kann: Weil niemand damit gerechnet hat, dass Gott so handeln würde. Weil niemand damit rechnen konnte, dass Gott so handeln würde. Gott steigt ein in das große Spiel, in das Gezerre der Mächte und der Krisen, aber er macht das Spiel nicht mit. Seine Antwort ist nicht die, die man vermutete hätte. Er kommt nicht mit einem Donnerschlag. Er haut nicht mit eiserner Faust all das Chaos kurz und klein. Im Spiel der Mächte und Gewalten ist er nicht einfach der Noch-Mächtigere, Noch-Gewaltigere, der mit denselben Waffen kämpft, nur halt besser und stärker. Er ist nicht der, der alle übertrumpft. Nein, das was jetzt kommt, hatte keiner auf dem Radar.</p>
<p>Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.</p>
<p>Er ist die Hilfe. Er ist die Hoffnung.</p>
<p>Ein Kind.</p>
<p>Geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.</p>
<p>Da taucht am Heiligen Abend gleich die Krippenszene vor unserem inneren Auge auf. Maria, über das Kind gebeugt. Der treue Josef hält nebendran die Wacht. Nur Paulus, der hat nicht daran gedacht. Der kannte sie ja auch noch nicht, die romantischen, handgeschnitzten Tiroler Krippenfiguren, die uns so vertraut sind. Als Lukas irgendwann seine Weihnachtsgeschichte mit Hirten und Engeln auf dem Feld aufschreibt, ist der Galaterbrief schon seit Jahren verschickt. Geboren von einer Frau, hebräisch <em>j</em><sup><em>e</em></sup><em>lûd</em> <em>’iššah</em>, der &quot;Weibgeborene&quot;, ist in den jüdischen Schriften ein gebräuchlicher Ausdruck. Immer wenn er auftaucht, geht es um den Menschen in seiner ganzen begrenzten Wesensart, den sterblichen, vergänglichen Menschen.</p>
<p>Geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan--das ist der Clou an dem, wie Gott sich in das Getümmel stürzt: Er haut nicht drauf. Er macht sich klein. Er begrenzt sich. Er setzt sich dem allen aus. Er nimmt alles auf sich, was uns hier um die Ohren fliegt. Er macht es mit. Er nimmt es an sich. An *sich.*Er macht uns frei. Er &quot;kauft uns los&quot;, sagt Paulus. Die Sklaven der Mächte der Welt. Er macht uns frei.</p>
<p>Er ist die Hilfe. Er ist die Hoffnung.</p>
<p>Ein Kind.</p>
<p>Er macht uns frei.</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Wenn das hier, wie viele meinen, die &quot;Weihnachtsgeschichte nach Paulus&quot; ist, dann gibt es keine Hirten darin. Keine Engel. Keine Krippe. Nicht einmal Josef und Maria. Nur: Ein Kind.</p>
<p>Und wir tun gut daran, beim Lesen dieses Textes aufzuräumen im Stall, der sich vor unsere inneren Augen drängt, wenn wir am Heiligen Abend von diesem Kind hören, denn die Figuren, die hier zu Paulus nicht hergehören, verstellen uns sonst am Ende noch die Sicht auf das Wesentliche, um das es hier geht. Dann stehen wir da wie der Ochs und der Esel und begreifen gar nicht, was vor unseren Augen geschieht. Also, weg einmal mit allem, was dem im Weg steht:</p>
<p>Ein Kind. Nur ein Kind.</p>
<p>Wenn Paulus vom Kind redet, denkt er nicht an ein hilfloses Neugeborenes. Er hat kein süßes Windelbaby mit großen Augen vor sich, das irgendwann dann nicht mehr so süß riecht und dann darauf angewiesen ist, dass es jemand frisch wickelt. Das irgendwann Hunger bekommt oder müde wird und dann nicht mehr goldig lächelt, sondern &quot;grätig&quot; wird und schreit. Wenn Paulus vom Sohn redet, dann nicht von einem unmündigen Kind, das auf die Hilfe der Erwachsenen angewiesen ist. Davon hat Paulus auch schon geredet. Gerade in den Versen vorher, da hat er uns als unmündige Kinder bezeichnet. Als die, die nicht selbst für sich sorgen können. Als die, die nicht selbstbestimmt leben können. Und das mündete dann in seiner Weltdiagnose: &quot;Sklaven der Mächte dieser Welt.&quot;</p>
<p>Wenn Paulus hier vom Sohn Gottes redet, dann ist das der krasse Gegensatz zu diesen unmündigen Kindern. Den der Sohn, der hier kommt, ist der Erbe. Der, der nun frei entscheidet über das, was er von seinem Vater empfangen hat. Das Kind ist der Mündigste in der ganzen Geschichte überhaupt. Nur er ist wirklich frei.</p>
<p>Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.</p>
<p>Wer den Text aufmerksam liest, wird viel mehr entdecken, als die &quot;Weihnachtsgeschichte nach Paulus.&quot; Der Apostel fasst hier Weihnachten, Kreuz und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten alles in einem zusammen. Er rollt das ganze &quot;Christus-Ereignis&quot;, wenn man so will, in Einem auf. Er schaut von hinten her auf die ganze Jesus-Geschichte, von seiner Gegenwart aus und von der seiner Leser. Er schaut sich die Sache vom Ergebnis her an und kommt zu einer absolut verblüffenden Feststellung: Durch dieses Kind, durch den Sohn, den Gott hier sendet, hat sich an uns etwas verändert:</p>
<p>Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.</p>
<p>Die Kindschaft empfangen...</p>
<p>Wir nennen das heute, in unserer Alltagssprache: Adoption. Und damit kenne ich mich gut aus. Zehn Jahre ist es her: Am 11. Dezember 2013 hielten meine Frau und ich den endgültigen, unwiderruflichen Adoptionsbeschluss für unsere jüngste Tochter Pia in der Hand. Und kurze Zeit darauf--das hat mich fast am meisten beeindruckt: Eine neue Geburtsurkunde. Da standen dann wir als Eltern drin. Für mich war das damals eine Predigt, für mich ganz persönlich. Ich habe ganz viel über Gott gelernt in diesem Moment und in der langen Zeit davor, bis zu diesem Tag hin. Darüber, was es heißt, dass Gott mich zu seinem Kind macht. Das ist es doch, was Paulus hier berichtet. In seiner &quot;Weihnachtsgeschichte&quot; gibt es am Ende nicht nur ein Gotteskind, sondern ganz viele:</p>
<blockquote>
<p>Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Sklave, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.</p>
</blockquote>
<p>Wenn nachher nach dem Gottesdienst Familie Fischer gemütlich im Pfarrhaus miteinander Weihnachten feiert, sagt die elfjährige Pia genauso selbstverständlich &quot;Papa&quot; zu mir, wie meine beiden leiblichen Töchter auch. Da gibt es keinen Unterschied. Das geht bis in die feinsten rechtlichen Details hin: Auf meiner Steuererklärung steht Pia ganz selbstverständlich in der gleichen Liste wie meine leiblichen Töchter. Und wenn es eines Tages ans Erben geht, bekommt sie ganz selbstverständlich gleich viel ab wie die anderen beiden.</p>
<p>Das ist es, was Adoption bedeutet: Die Pia, die in eine andere Familie geboren wurde, ist jetzt mein Kind.</p>
<p>Das ist es, was passiert, wenn Gottes Sohn kommt: Ich bin jetzt Gottes Kind.</p>
<p>Das ist die Hilfe. Das ist die Hoffnung.</p>
<p>Nicht nur ein Kind. Sondern ganz viele, die sagen dürfen: &quot;Abba. Papa. Mein lieber Vater.&quot;</p>
<p>Das macht uns frei.</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Wenn wir jetzt irgendwann diesen Paulusbrief zuschlagen und es dann Weihnachten wird bei uns, dann räumen wir unsere vertraute Krippe wieder ein. Wir stellen Ochs und Esel dazu--nein, das sind nicht wir. Maria und Josef, die Hirten, die Weisen, die Engel. Und in der Mitte von allen: Das Kind. Die Hilfe. Die Hoffnung.</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Wenn wir das tun--zumindest vor unserem inneren Auge--, oder wenn ihr nachher hier in der Kirche oder zu Hause im Wohnzimmer die Krippe mit dem Kind betrachtet, dann lasst uns daran denken, dass nicht nur in der Krippe ein Gotteskind liegt, sondern ganz viele andere darum herumstehen.</p>
<p>Nicht Sklaven, sondern Kinder.</p>
<p>Dazu ist er gekommen.</p>
<p>Die Hoffnung. Die Hilfe.</p>
<p>Er macht uns frei.</p>
<p>Das ist das wahre Krippenspiel.</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Wenn dann irgendwann das Weihnachtsessen gegessen und die Geschenke ausgepackt sind, wenn das Fest gefeiert ist und wir weitergehen in die nächste Zeit--wenn wir die Tür zum Alltag aufmachen und uns der Sturm um die Ohren heult, dann lasst uns hinausgehen nicht mit hochgezogenen Schultern und eingezogenenem Genick, nicht gebeugt und gebeutelt, sondern mit erhobenem Kopf und mutigem Blick, als die, die wir sind: Befreite. Kinder Gottes. Das kann uns keiner nehmen.</p>
<p>&quot;Zur Freiheit hat Christus uns befreit!&quot;, ruft Paulus uns zu (Galater 5,1). &quot;So steht nun fest, und lasst euch nicht wieder zu Sklaven machen.&quot;</p>
<p>Ich glaube: Wenn wir das hören, und danach leben, dann ist es wirklich Weihnachten geworden.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Das Kind in der Krippe ist Gottes Antwort auf eine Welt im Dauerkrisenmodus. Mit diesem Kind ändert sich alles--vor allem die Anzahl der Kinder: Durch dieses Kind werde ich, werden ganz viele zu Kindern Gottes. Er macht uns frei.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Die Geschichte von Gott, der ein Kind wird und viele zu seinen Kindern macht</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Post vom Himmel</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/post-vom-himmel/</link>
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        <pubDate>Sun, 10 Dec 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Ich glaub, ich muss ans Christkind schreiben--weil es so schön, so mutmachend, so nötig wäre, dass wir eine Antwort bekommen vom Christus, an dem wir glauben. Was er wohl schreiben würde, an uns, im Advent 2023, in Gäufelden?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Die Adresse des Christkinds ist denkbar einfach: An das Christkind, 51777 Engelskirchen. Wer jetzt noch Weihnachtspost hinschicken möchte, muss sich allerdings beeilen. Aufgrund der Postlaufzeiten muss das Schreiben nämlich spätestens 3 Tage vor Heiligabend dort eintreffen, damit zu Weihnachten noch eine Antwort kommen kann. Und die kommt bestimmt, vom Christkindpostamt in Engelskirchen. Das gibt es bereits seit 1985, als bei der Deutschen Post erstmals Briefe auftauchten, die an das &quot;Christkind bei den Engeln&quot; adressiert war. Weil die Mitarbeitenden der Post die kleinen Absender nicht enttäuschen wollten, fanden sie in der oberbergischen Gemeinde Engelskirchen eine Lösung. Dort öffnete eine Mitarbeiterin nämlich die Weihnachtsbriefe und beantwortete sie. Die Christkindpostfiliale war geboren. Längst ist dort die eine Mitarbeiterin nicht mehr alleine --und das ist gut so. Im vergangenen Jahr gingen um die 140.000 Briefe aus 50 verschiedenen Ländern in Engelskirchen ein -- China, Japan, Taiwan, Chile, Brasilien und Togo. In Spitzenzeiten sind das mehr als 12.000 Briefe pro Tag.</p>
<p>Vielleicht sollte ich auch mal einen schreiben. Schließlich könnte es sich durchaus lohnen, den, der da vom Himmel zur Erde kommt, in den Stand der Dinge einzuweihen. Ich würde ihm gerne einmal sagen, mit was wir uns hier alles herumschlagen müssen. Würde ihn um Rat bitten, für das, was mich umtreibt. Und um Hilfe für das, was ich alleine nicht regeln kann -- angefangen von den ganz großen Dingen, wie Krieg in der Ukraine, in Israel und Gaza, im Sudan und anderswo, bis zu den ganz persönlichen, die die Leute um mich her hier beschäftigen. Wenn es von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen gibt, zum Beispiel. Oder wenn wir um Lösungen ringen für die Zukunft der Kirchengemeinden hier in Gäufelden. Beim Christus, der als Kind kam, wären diese Fragen doch sicher gut aufgehoben. Ob die Mitarbeitenden der Deutschen Post da helfen können, da habe ich eher so meine Zweifel.</p>
<p>Nun ist es aber doch so, in den Tagen des Advent und anderswo, das Menschen Post bekommen vom Christus--selbst wenn sie selbst gar nicht nach Engelskirchen geschrieben haben. So berichten jedenfalls die ersten Kapitel der Johannesoffenbarung, dieses rätselhaften Buchs ganz am Ende der Bibel. Sieben Briefe werden dort zitiert, die auf den auferstandenen Herrn selbst zurückzuführen sind. Ganz jenseits von Fragen nach dem Postgeheimnis bekommen wir hier Einblick in das, was er selbst seinen Christ:innen in ihren Gemeinden vor Ort sagen möchte. Solche &quot;Sendschreiben&quot; wurden damals dann in der Gemeinde öffentlich verlesen. So machen wir es heute auch. Hört also den Brief an die Gemeinde in Philadelphia aus dem 3. Kapitel der Johannesoffenbarung:</p>
<blockquote>
<p>Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,7-13)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Wir sind nicht die Adressat:innen dieses Briefs. Das muss uns bewusst sein, wenn wir hier einen Blick in fremde Post werfen dürfen. Dass unser Christus selbst der Absender ist, macht diesen Text auch für uns faszinierend. Gerichtet ist er zunächst an Menschen an einem anderen Ort, in einer anderen, uns fremden Zeit. Das muss man wissen, um ihn zu verstehen. Kommt also mit mir, nach Alaşehir in der Türkei, nahe am ägäischen Meer, damals bekannt unter dem Namen Philadelphia. Kommt mit in eine Stadt in der reichen römischen Provinz Asia, in eine Stadt, in der Christ:innen, unsere Brüder und Schwestern zu damaliger Zeit, sich unter Druck gesetzt sehen. Es ist gar nicht einfach, alle Umstände nachzuvollziehen, die ihnen das Leben so schwer machen: Gesellschaftliche Zwänge, sich der quasi-religiösen Verehrung des amtierenden römischen Kaisers anzuschließen. Religiöse Spannungen zwischen Gruppen mit verschiedenen Meinungen, die Kompromisse im Glauben an Jesus Christus fordern. Daraus resultierend wohl auch ganz materielle Nachteile für die, die standhaft bleiben. Wir können es gar nicht so leicht alles im Detail begreifen, und vielleicht müssen wir das auch gar nicht, denn es gelingt uns auch so ganz gut, nachzuvollziehen, wie der Absender des Briefs die Gemeinde beschreibt: &quot;Du hast eine kleine Kraft.&quot;, schreibt er. Das habe ich wohl wahrgenommen. Ich weiß um euch, in euren Umständen. Ich habe euch nicht vergessen. Ich sehe euch wohl. Ihr habt nur wenig Kraft und doch haltet ihr durch. Ihr bleibt treu. Ihr haltet euch an meine Wort. Ihr seid geduldig, auch wenn es schwer fällt. Das ist mir nicht entgangen und ich habe gute Nachrichten für euch. Ich komme bald. Ich komme zu euch, und zwar bald! Ist das nicht toll? Und wenn ich komme, dann ist das eine gute Nachricht: &quot;Wer überwindet,&quot; -- wer durchhält -- für den habe ich reichen Lohn. Wer durchhält, den werde ich selber ehren und ihr werdet sehen, wie das Blatt sich wendet und zwar zum Guten für alle die, die sich zu mir bekennen. Deshalb: Haltet durch! Ich komme bald.</p>
<p>Ich höre so viel Liebe in diesen Worten. So viel Zuwendung, so viel Verständnis. Da schreibt einer, dem es am Herzen liegt, wie es seinen Menschen geht. Da schreibt einer, der hinhört und hinschaut, der nicht nur die wahrnimmt, die stark und furchtlos und laut auftreten, sondern gerade auch die Kleinen, die am Boden liegen, die fast keine Kraft mehr haben. Da schreibt einer, dem das Herz blutet, wenn er sie sieht und der mitleidet in allem dem, was ihnen zu schaffen macht. So viel wohltuender Zuspruch. Die Jahreslosung fällt mir wieder ein, auch wenn das schon so lange her ist: &quot;Du bist ein Gott, der mich sieht.&quot; Hier kann man ihn entdecken. Sein gütiger Blick auf seine Leute spricht aus jedem seiner Worte. Und welch eine Zusage, welch eine Hoffnung--wieder Hoffnung, merkt ihr was?: &quot;Ich komme bald.&quot;</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Wenn doch dieser Christus auch einmal einen Brief nach Gäufelden schicken würde--wie gut würde mir das tun. Uns allen. Wie könnten wir das brauchen, gerade jetzt, in dieser Zeit. Das wäre Grund zur Hoffnung, ja!</p>
<p>Und vielleicht tut er das ja auch, in diesem Advent. Vielleicht gerade heute!</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Wir sind nicht in Alaşehir, nicht in Philadelphia und haben fremde Post gelesen, die nicht an uns gerichtet war. Doch weil es unser Christus ist der schreibt, weil sein Wort mehr ist als nur situationsgebundenes Menschenwort, und weil wir in den Zeilen seinen Charakter entdecken können, glaube ich, wir dürfen es wagen, in allem dem, was da in uns Resonanz findet, auch einen Brief an uns zu entdecken, hier, im Jahr 2023, im Advent, im oberen Gäu, in Gäufelden--in Nebringen und Tailfingen und Öschelbronn. Ganz unaufgefordert und ohne vorheriges Schreiben von unserer Seite nach 51777 Engelskirchen. Der könnte dann so klingen, dieser Brief, vom selben Christus, nach dem Muster seiner Worte von damals, denn er ist ja derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit:</p>
<p>Und an den Engel der Christ:innen in Gäufelden schreibe:</p>
<p>Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu. Das sagt der Christus, dessen gekreuzigtes Abbild in euren Kirchen hängt; der, an den zu glauben ihr gemeinsam bekennt. Das sagt der dreieinige Gott, der euch geschaffen hat, der in Christus zu euch kam, der durch den Heiligen Geist in euch wohnt. Das sagt der, dem ihr das &quot;Ehr sei dem Vater&quot; singt und zu dem ihr das &quot;Vater unser&quot; betet. Das sagt der Auferstandene, der mehr ist, als eine historische Figur und mehr als ein liturgisches Bekenntnis, der Lebendige, in Ewigkeit, und deshalb auch 2023 in Gäufelden.</p>
<p>Ich kenne deine Werke. Ich weiß, wie es euch geht. Ich weiß um eure kleine Kraft in einer kleiner werdenden Kirche. Ich kenne die Prognosen, die euch Angst einflößen. Ich weiß um eure Kirche, die kleiner wird und immer älter, um die vielen Menschen in eurem Land, die mit religösem Denken gar nichts mehr anfangen können. Ich sehe die leeren Kirchenbänke und den Schmerz, den euch das bereitet. Ich weiß um die schönen Zeiten, denen ihr nachtrauert. Ich kenne die Programme, die es spätestens seit Corona nicht mehr gibt. Ich weiß, wo ihr nach Mitarbeitenden sucht und keine findet. Ich weiß um geliebte Traditionen, die ihr schmerzlich vermisst. Ich weiß, dass in Nebringen nur 5 beim Abendgebet waren und dass für das Krippenspiel noch eine ganze Reihe von Rollen unbesetzt sind. Ich weiß, dass ihr gerne wieder Bibelentdeckerclub machen würdet, wenn doch nur jemand da wäre, der sich da noch engagieren will. Ich weiß, dass in Tailfingen der Besuchsdienst brachliegt und keine Kinderkirche stattfindet und dass der Posaunenchor dringend wieder eine Chorleitung bräuchte. Und ich weiß, wie euch das frustriert. Ich kenne die Diskussionen und die Befürchtungen, die sich mit dem Strukturwandel der Kirche verknüpfen und mit einer Zusammenlegung der drei Kirchengemeinden in Gäufelden, damit überhaupt noch Kirche stattfinden kann hier in euren Dörfern. Ich habe das alles gesehen. Ihr habt eine kleine Kraft.</p>
<p>Und trotzdem, das sehe ich auch, ihr haltet fest. Ihr macht weiter. Ihr lasst euch nicht unterkriegen. Ihr sagt &quot;Wir haben Hoffnung&quot; und ihr lebt das, trotzig ins Gesicht der Umstände hinein. Ich sehe euch: Ich sehe die Kirchengemeinderät:innen, die sich die Nächte mit SPI-Sitzungen um die Ohren schlagen. Ich sehe die Standhaften, die auch für 5 Leute Abendgebet machen, und André, der die Krippenspielkinder anlächelt, wenn die Hälfte der Stühle im Kreis leer sind. Ich sehe die Treuen, die Woche für Woche Senior:innen aus der Gemeinde zu Hause besuchen. Ich sehe die Bläser, die proben, auch wenn sie nicht wissen, ob und wann sie wieder öffentlich spielen werden. Ich sehe die Mamas, die weiter mit ihren Kindern zum Spielkreis kommen und die Mesner:innen, die auch für ein paar Leute die Kirche schön herrichten und die Organist:innen, die vor 10 Leuten so hingegeben spielen, als wären es 500. Ich sehe die Relilehrer:innen, die sich nicht entmutigen lassen, wenn sich keiner für Gott zu interessieren scheint. Ich kenne die Treuen, die immer kommen, auch wenn keiner mehr neben ihnen in der Reihe sitzt. Und ich weiß um die, die immer dabei sind, in der vordersten Reihe und jetzt, so kurz vor Weihnachten, beinahe umfallen vor Müdigkeit, weil so viel los ist--und die es trotzdem tun.</p>
<p>Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.</p>
<p>Und deshalb schreibe ich euch heute, was ich damals nach Philadelphia schrieb: Ich komme bald. Ich komme zu euch. Verliert den Mut nicht und lasst den Kopf nicht hängen sondern, ja, heute, am 2. Advent &quot;erhebt eure Häupter und seht, dass eure Erlösung nach.&quot; Geht zuversichtlich in diese herausfordende Zeit, in der Gewissheit, dass ihr mich auch in eurer ungewissen Zukunft immer finden werdet. Hört nicht auf zu sagen, &quot;Wir haben Hoffnung&quot;, sondern haltet fest, was ihr habt, denn es krönt euch, glänzend und strahlend hell, auch wenn ihr das nicht sehen könnt.</p>
<p>Haltet durch! Lasst euch nicht darin beirren, meine Kirche zu sein, denn es lohnt sich, am Ende, immer, wenn ich komme und alles wird gut. Das ist doch die Hoffnung, die ihr in mir habt: Am Ende wird alles gut, wird Gott alles verwandeln. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende und dann gilt ja, was ich euch versprochen habe--allen gemeinsam, und jedem persönlich, in der Taufe: &quot;Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.&quot;</p>
<p>Nein, Geliebte Gottes, diese Zeilen habe ich nirgends aus der Bibel abgelesen. Da steht nur der alte Brief nach Philadelphia. Und doch gilt genau das, was er darin schon geschrieben hat: &quot;Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.&quot; Und so höre, so lese ich in den alten Worten ganz neue Zeilen, an uns geschrieben, an mich. Und mit jedem Wort, mit jedem Satz spüre ich die Liebe und die Zuwendung des auferstandenen Christus, die auch mir gilt. Mit jedem Satz fühle ich mich umarmt. Mit jedem Satz wächst meine Hoffnung und steigt meine Freude. Mein gebeugter Rücken wird gerade. Meine durchhängenden Schultern fassen Mut. Ich richte mich auf. Ich fühle mich wie neugeboren. Ich weiß es wieder: Wir haben Hoffnung! Mein gesenkter Blick hebt sich und ich beginne vor mir zu sehen, was ich in seinen Worten höre: Ich komme bald! Erhebt eure Häupter und seht, dass ich euch nicht vergessen habe. Erhebt eure Häupter und seht, dass ich mit euch vorwärts gehe. Erhebt eure Häupter und seht, dass eure Erlösung naht!</p>
<p>Wenn ich die Ohren spitze, um seinen Geist auch heute reden zu hören, dann weiß ich gewiss--und ich hoffe, dass es euch auch so geht: Es ist Christus, der zu mir spricht. Zu uns. 2023, im Advent in Gäufelden. Seine Worte sind Balsam für unsere Seelen. Genau das was wir brauchten.</p>
<p>Auch wenn die Unterschrift am Ende unleserlich bleibt, haben wir genau erkannt, woher diese Worte kommen. Ganz bestimmt nicht aus 51777 Engelskirchen.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Ich glaub, ich muss ans Christkind schreiben--weil es so schön, so mutmachend, so nötig wäre, dass wir eine Antwort bekommen vom Christus, an dem wir glauben. Was er wohl schreiben würde, an uns, im Advent 2023, in Gäufelden?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Was Christus wohl nach Gäufelden schreibt?</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Die Tor macht weit</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/die-tor-macht-weit/</link>
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        <pubDate>Sun, 03 Dec 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Advent lädt ein, dem großen Gott näherzukommen. Aber steht da nicht manches im Weg? Was, wenn die Tür zu bleibt? Wer ist drin und wer ist draußen? Und dann, stell dir vor, die Tür geht auf...</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen/Nebringen,</p>
<p>Noch einmal der Psalm, dieser Psalm, der Vierundzwanzigste, den wir wie jedes Jahr am 1. Advent miteinander beten. Heute ist er auch der Predigttext -- der ganze Psalm, nicht nur der Ausschnitt, den wir als Gebet gesprochen haben. Hört also noch einmal, und während ihr hört, schließt vielleicht die Augen und lasst die Bilder des Psalms auf euch wirken. Schließt die Augen und hört und betet mit, im Stillen.</p>
<blockquote>
<p><em>Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,</em>
<em>der Erdkreis und die darauf wohnen.</em>
<em>Denn er hat ihn über den Meeren gegründet</em>
<em>und über den Wassern bereitet.</em></p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><em>Wer darf auf des Herrn Berg gehen,</em>
<em>und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?</em>
<em>Wer unschuldige Hände hat</em>
<em>und reinen Herzens ist,</em>
<em>wer nicht bedacht ist auf Lüge</em>
<em>und nicht schwört zum Trug:</em>
<em>der wird den Segen vom Herrn empfangen</em>
<em>und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.</em>
<em>Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,</em>
<em>das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.</em></p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em>
<em>Wer ist der König der Ehre?</em>
<em>Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.</em></p>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em>
<em>Wer ist der König der Ehre?</em>
<em>Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.</em></p>
</blockquote>
<p>Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Macht hoch die Tür...</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Die Tür bleibt zu, denn es ist kein Moment für offene Türen. Nicht jetzt, und eigentlich niemals. Wer seid ihr eigentlich, dass ihr denkt, die Tür würde einfach so offenstehen? Da könnte ja jeder kommen und einfach hereinspazieren. Wer weiß, wer da alles meint, herein zu dürfen, und sich dann auf dem Sofa breitmacht, ohne vorher die Schuhe abzustreifen, und den Kühlschrank leerfuttert, und alle restlichen Lieblingskekse auf den Kissen verkrümelt, während er Netflix monopolisiert. Als wäre er hier zuhause! Als wäre das hier alles seines und als hätte er Anspruch auf das alles. Wo sind wir denn hier?</p>
<p>Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Überhaupt wäre das nochmal schöner, wenn jeder hier reinkönnte, als sei er dem Hausherrn mindestens ebenbürtig. Als wäre man auf Du und Du, auf Augenhöhe miteinander. Als habe man Brüderschaft getrunken und eine fortbestehende Sandkastenfreundschaft, auf Dauer angelegt. Was bildet ihr euch eigentlich ein?</p>
<p>Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Lasst mich das noch einmal klarstellen, unmissverständlich, damit hier jeder seinen Platz kennt und weiß, auf welche Seite der Tür er gehört:</p>
<blockquote>
<p><em>Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,</em>
<em>der Erdkreis und die darauf wohnen,</em>
<em>denn er hat ihn über den Meeren gegründet</em>
<em>und über den Wassern bereitet.</em></p>
</blockquote>
<p>Die Erde ist des Herrn. Was denkt ihr eigentlich, wer bei ihm einfach reinspazieren darf?</p>
<p>Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Sicher, gelegentlich mag sie sich ja öffnen, wenn einer oder eine kommt, die würdig sind, die heiligen Hallen zu betreten. Einer oder eine, ihm sicher nicht ebenbürtig, aber zumindest so, dass es noch akzeptabel ist, dass so jemand eintritt. Die werfen sich dann drin auch nicht rüpelhaft aufs Sofa und machen erstmal ein kühles Helles auf. Die treten respektvoll ein. Sie streifen die Schuhe ab und schleichen auf sauberen Socken weiter. Sie klopfen höflich an der Wohnzimmertüre und setzen sich nur, wenn sie dazu aufgefordert wäre. Die wissen, wie man sich hier zu benehmen hat. Für die mag die Tür ja aufgehen.</p>
<p>Macht hoch die Tür, die Tor macht...</p>
<p>Stopp! Täuscht euch nicht: Die Tür bleibt zu.</p>
<blockquote>
<p><em>Wer darf auf des Herrn Berg gehen,</em>
<em>und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?</em>
<em>Wer unschuldige Hände hat</em>
<em>und reinen Herzens ist,</em>
<em>wer nicht bedacht ist auf Lüge</em>
<em>und nicht schwört zum Trug:</em>
<em>der wird den Segen vom Herrn empfangen</em>
<em>und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.</em></p>
</blockquote>
<blockquote>
<p>Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
Sein Königskron ist Heiligkeit,
Sein Zepter ist Barmherzigkeit;
All unsre Not zum End er bringt,
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Heiland groß von Tat.</p>
</blockquote>
<p>Macht hoch die Tür...</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Wir stehen draußen und schauen uns an, bedröppelt und stumm. Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Wir stehen da wie abgelehnte Asylbewerber, wie vergessen und nicht abgeholt. Wir stehen da, wie die, die im Sport immer als letztes in die Mannschaft gewählt wurden -- und nicht einmal das. Die Tür bleibt zu. Und wir sind draußen. Wir stehen da wie Ausgeschlossene, wie Aussätzige, wie die Allerletzten, Abschaum der Gesellschaft. Wir stehen da wie Bettler, denen man die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Wir stehen da wie Rollstuhlfahrer vor der Schlossbergtreppe. Wir wissen nicht weiter. Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Die Tür bleibt zu und wir sind draußen.</p>
<p>Wir stehen da und schauen uns an und die Ratlosigkeit steht auf unseren Gesichtern.</p>
<blockquote>
<p><em>Wer darf auf des Herrn Berg gehen,</em>
<em>und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?</em></p>
</blockquote>
<p>Wir haben gesucht. Wir haben lange gesucht. Wir haben gesucht bei den Starken und Schönen, bei den Mächtigen und bei den Einfachen auch. Wir haben beim Pfarrer gesucht und beim Bürgermeister und beim Bundeskanzler und beim Papst. Wir haben gesucht, nach bestem Wissen und Gewissen und jeden Stein umgedreht auf unserer Suche. Und wir haben keinen gefunden. Keinen mit unschuldigen Händen und reinen Herzens. Keinen mit einer weißen Weste. Keiner, der keinen Dreck am Stecken hat. Wer uns sagt, er habe noch nie gelogen, der log uns in diesem Moment direkt ins Gesicht. Wir haben keinen gefunden. Nicht einen.</p>
<blockquote>
<p><em>Wer darf auf des Herrn Berg gehen,</em>
<em>und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?</em></p>
</blockquote>
<p>Die Antwort ist auf unseren ratlosen Gesichtern eingebrannt. Niemand. Niemand darf kommen, wenn das die Bedingungen sind.</p>
<p>Keinem von uns wird geöffnet werden.</p>
<p>Wir stehen da wie der Hund, den man vor der Metzgerei angeleint hat. &quot;Wir müssen draußen bleiben&quot;, steht dort auf dem Schild und daneben eine Strichzeichnung mit unserem Gesicht.</p>
<p>Die Tür bleibt zu.</p>
<p>Macht hoch die Tür...</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<blockquote>
<p>O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
Da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
Bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
Mein Tröster früh und spat.</p>
</blockquote>
<p>Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.</p>
<p>Eine Tür hat zwei Seiten: Drinnen und draußen.</p>
<p>Wer ist draußen? Wer ist drin?</p>
<p>Macht hoch die Tür...</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em>
<em>Wer ist der König der Ehre?</em>
<em>Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.</em>
<em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em>
<em>Wer ist der König der Ehre?</em>
<em>Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.</em></p>
</blockquote>
<p>Plötzlich sind wir die auf der Innenseite der Tür. Der Schlüssel steckt auf unserer Seite. Wir haben die Klinke, wo draußen nur ein Knauf ist.</p>
<p>Die Tür ist zu.</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Plötzlich sind wir die Besuchten. Wir, die wir niemals kommen dürften. Wir, die wir gerade noch verzweifeln wollten, weil der Weg verbarikadiert und verrammelt war.</p>
<p>Er kommt. Er kommt zu uns.</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><em>Wer ist der König der Ehre?</em></p>
</blockquote>
<p>Täuscht euch nicht! Er ist es selbst. Du traust deinen Augen nicht. Er hat sich aufgemacht -- zu uns! Er, zu dem keiner kommen kann. Er, der weit über allem steht. Er, der alles gemacht hat, dem alles gehört. Er der Allmächtige selbt, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er, der Unfassbare, unendlich und weit über alles, was ich verstehen und begreifen kann. Unfassbar groß. Unbegreiflich erhaben. Unerreichbar heilig. Unendlich weit weg von uns, die wir bedröppelt draußen bleiben müssen aus der Gegenwart dessen, der Himmel und Erde regiert.</p>
<blockquote>
<p><em>Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,</em>
<em>der Erdkreis und die darauf wohnen.</em></p>
</blockquote>
<blockquote>
<p><em>Wer ist der König der Ehre?</em>
<em>Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.</em>
<em>Es ist der Herr Zebaoth -- mächtiger Kommandeur der Himmelsheere --; er ist der König der Ehre.</em></p>
</blockquote>
<p>Er ist es wirklich der kommt. Wo wir nicht kommen können, hat er sich aufgemacht.</p>
<p>Er kommt. Er eilt.</p>
<p>Er durchblitzt die unendliche Weite, die uns von ihm trennt.</p>
<p>Er durchschreitet das Sternenmeer.</p>
<p>Er durchbricht die Wolken.</p>
<p>Er setzt seinen Fuß auf die Erde.</p>
<p>Er kommt. Er eilt. Er rennt auf uns zu wie der Christus der Moritzkirche (wer bei meiner Investitur da war, weiß wovon ich rede).</p>
<p>Wo wir nichts haben, was die Trennung überwindet, da hält ihn nichts von uns fern.</p>
<p>Er kommt. Er eilt.</p>
<p>Advent heißt &quot;Ankunft&quot;, hab ich mal gehört -- hat man mir in der Kirche erzählt, jedes Jahr sogar, als ob es eine spannende, neue Information sei.</p>
<p>Er kommt.</p>
<p>Er ist schon ganz nahe.</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Im Bild des Psalms zieht er als siegreicher Held auf dem Zionsberg ein, in den Tempel dort, wo seine Gegenwart sich niederlässt und von wo er die Welt regiert. &quot;Jerusalemer Tempeltheologie&quot; nennen wir das und fragen uns, ob es nicht sogar ein Ritual gab, indem die Priester mit der Bundeslade diesen Einzug des Allerhöchsten nachvollzogen haben. Solche Götterprozessionen sind aus der Antike reichlich bekannt. Ob es die auch in Jerusalem gab, wissen wir am Ende gar nicht so sicher. Vorstellbar wäre es schon.</p>
<p>Er kommt...</p>
<p>Wo er, der mächtige Herr kommt, da gibt es kein Halten mehr. Türen und Tore, selbst die mächtigsten Portale mit den dicksten Flügeln -- sie werden nicht geöffnet, sie heben sich nach oben weg. Sie machen den Weg frei, als sei da nichts gewesen. Freie Bahn für den König! Freie Bahn für den Herrn der Herren!</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Macht hoch die Tür, die Tor macht...</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Wie jetzt, denkst du, aber ich muss dich noch einmal stoppen in deinem Überschwang. Denn das Bild aus dem Psalm mit der &quot;Jerusalemer Tempeltheologie&quot; passt nur begrenzt auf das, was uns hier im Advent begegnet. Schließlich ist es nicht so, als käme hier der Herr mit seinen Heerscharen und alles, was sich ihm in den Weg stellt, Tür und Tor und Riegel und Balken würde nur so wegfliegen vor ihm. So kommt er ja nicht zu uns, gewaltig und mächtig, sondern ganz im Gegenteil: Gott lässt sich so ein auf unsere Welt und unser Leben, dass er klein wird. Ein Kind. Einer von uns. &quot;Sanftmütigkeit ist sein Gefährt&quot;, haben wir doch gerade gesungen.</p>
<p>&quot;Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an&quot;, sagt der Christus, in dem er zu uns kommt, in einem der Texte aus der Offenbarung.</p>
<p>Er reißt nicht einfach alles nieder. Er drängt sich nicht mit Macht in dein Leben.</p>
<p>Er kommt ganz sanft und klopft. Du hast die Klinke in der Hand. Du hast die Macht, zu sagen, was undenkbar scheint:</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Die Gründe dafür könnten ganz vielfältig sein. Vielleicht hast du zu viel anderes um die Ohren. Vielleicht ist dir das Religiöse schon lange verdächtig oder es sagt die überhaupt nichts mehr. Vielleicht hast du keine Lust, irgendwelche Gestaltungsräume in deiner Lebensführung mit anderen zu teilen. Vielleicht gibt es ganz andere Gründe als die, die mir eingefallen sind, warum du sagen könntest:</p>
<p>Die Tür bleibt zu!</p>
<p>Aber, was, wenn du sie aufmachen würdest?</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Was wenn du seine Einladung hören würdest in diesem Advent? Sein Klopfen, bei dir an deiner Tür?</p>
<p>Er ist herbeigeeilt, um bei dir zu sein, um dir zuzuhören, für dich da zu sein, dich zu begleiten. Er will dir seine Liebe schenken -- ja, sich selbst.</p>
<p>Was wenn du ihm aufmachen würdest?</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Dann würde er einziehen, der Schöpfer, der Heiland, der Tröster. Dann würde er hereintragen, was er mitgebracht hat von so weit, hierher zu dir:</p>
<p>Heil und Leben.</p>
<p>Freude und Wonne.</p>
<p>Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.</p>
<p>Sanftmut und Geduld.</p>
<p>All unsere Not zum End er bringt.</p>
<p>Dann wärst du drinnen. Und er auch.</p>
<blockquote>
<p><em>Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,</em>
<em>dass der König der Ehre einziehe!</em></p>
</blockquote>
<p>Das ist nicht nur ein Psalm. Das ist eine Einladung. An dich.</p>
<p>Du hast die Klinke in der Hand.</p>
<p>Wirst du ihm aufmachen?</p>
<p>Wirst du dich freuen können?</p>
<p>Wirst du mit singen?</p>
<blockquote>
<p>So kommt der König auch zu euch,
Ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
Voll Rat, voll Tat, voll Gnad.</p>
</blockquote>
<p>Ich wünsche es dir. Und er wünscht es dir auch.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Advent lädt ein, dem großen Gott näherzukommen. Aber steht da nicht manches im Weg? Was, wenn die Tür zu bleibt? Wer ist drin und wer ist draußen? Und dann, stell dir vor, die Tür geht auf...</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Von den zwei Seiten einer Tür, die sich öffnen könnte</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Leuchten von Wolke 97</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/leuchten-von-wolke-97/</link>
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        <pubDate>Sun, 26 Nov 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Was Menschen hier Gutes tun, was sie an uns getan haben, hinterlässt Spuren. Die vergehen nicht angesichts des Todes, sondern bleiben. Bei uns, bei Gott. In seiner Zukunft sind sie aufgehoben. Da ist viel Hoffnung drin, für uns alle.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Danielbuch der Hebräischen Bibel, aus dem letzten, dem 12. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. 2 Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. 3 Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. (Daniel 12,1b-3)</p>
</blockquote>
<p>Ein Buch. Gott schreibt ein Buch. Als bekennender Bücherwurm horche ich auf. Was da wohl drinsteht?</p>
<p>Ein Buch. Gott schreibt ein Buch und kein Beststeller dieser Welt wird da mithalten können. Wir alle dürfen auf den Inhalt gespannt sein.</p>
<p>Ich will euch heute einen kleinen &quot;Teaser&quot; daraus geben. Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da zu lesen sein könnte. Ich will euch von einem erzählen, der da drin steht. Nicht in aller Ausführlichkeit -- die kennt nur Gott. Aber zumindest von dem, was ich ahne, was da vorkommen könnte.</p>
<p>Ich will euch von Herrn Kramer erzählen. Wolfgang Michael hieß er, aber so habe ich ihn nie genannt. Für mich war er immer nur Herr Kramer. Herr Kramer, der sich im Unterricht nie hinter das Lehrerpult setzte, sondern am liebsten drauf -- so halb zumindest, mit einem Bein stehend, das andere im Sitzen baumelnd. Herr Kramer, der beim Reden gerne seinen großen Schlüsselbund vom Pult nahm und damit spielte, so dass ich noch heute bei manchem glaube, seine Stimme zu hören, begleitet von dem ständigen Klappern der vielen Schlüsseln. Herr Kramer, der sich, wenn er von Gott redete, immer betont und dezidiert abgrenzte von der Gottesvorstellung eines &quot;alten Mannes mit weißem Bart, der auf Wolke 97 sitzt und von oben herabschaut.&quot; &quot;Wolke 97&quot;. Das ist, glaube ich, das erste, was mir einfällt, wenn ich an Herrn Kramer denke.</p>
<p>Von Gott, eben nicht vom alten Mann auf dieser Wolke, hat er viel geredet: Herr Kramer war über viele Jahre mein Religionslehrer im Andreae-Gymnasium in Herrenberg. Ich habe die Jahre mit ihm geliebt. Und ich frage mich, wie viele graue Haare Herr Kramer wegen mir bekommen hat. Ich kam ja aus meiner eigenen, kleinen freikirchlichen Welt. Ich brachte ganz viele Gewissheiten ja schon mit. Wir waren ja die &quot;entschiedenen Christen&quot;. Wir waren ja die, die die Bibel lasen und ernst nahmen und verstanden hatten. Nicht selten schauten wir auch herab auf die, die anders vom Glauben redeten wie wir--die es eben (noch?) nicht richtig verstanden hatten. Oder: Nicht richtig verstehen wollten. Was habe ich diskutiert mit Herrn Kramer! Was habe ich mich oft kolossal geärgert über manche seiner falschen Ansichten.</p>
<p>Es gibt Dinge, die kann man wohl als junger Schüler noch nicht wirklich schätzen. Erst in späteren Jahren ist mir bewusst geworden, mit wie viel Geduld Herr Kramer meinen theologischen Engstellen immer wieder liebevoll die Weite des Glaubens und die Freiheit der Christenmenschen entgegengehalten hat. Damals habe ich das nicht so wahrgenommen. Aber der Same, den er in vielen Gesprächen und Diskussionen immer wieder gesät hat, ist aufgegangen.</p>
<p>Nach der Schule habe ich im Rahmen meiner Freikirche Theologie studiert. Dort, wo immer alles klar zu sein schien und Fragen keinen Platz hatten, hat in mir gearbeitet, was ich bei Herrn Kramer gelernt habe. Ich wurde zu einem Suchenden, einem, der sich nach Weite sehnte. Das ist auch in den Jahren, in denen ich als Pastor meiner Freikirche gearbeitet habe, weiter in mir gewachsen – so lange, bis es am Ende am angestammten Ort nicht mehr passte. Was in den Begegnungen mit Menschen wie Herrn Kramer in meiner Jugend begonnen hatte, setze sich fort, bis ich schließlich eine neue geistliche Heimat in der Evangelischen Landeskirche fand. Seit vielen Jahren muss ich immer wieder an Herrn Kramer denken freue mich, heute ein Stück von der Freiheit und Weite, die er damals schon kannte, entdeckt zu haben.</p>
<p>Als in den vergangenen Monaten klar wurde, dass mein Weg mich wieder hier in die Gegend führen würde, hatte ich insgeheim die Hoffnung, Herrn Kramer vielleicht irgendwann einmal wieder zu begegnen. Leider sollte es dazu nicht mehr kommen. Ich wusste nicht, dass er seit Jahren krank war. Mitte September ist er verstorben.</p>
<p>Ob er jetzt wohl auf Wolke 97 sitzt? Ich weiß es nicht, aber irgendwie würde ich es ihm wünschen. Ich bin mir fast sicher: Wenn Gottes Zukunft irgendwelche nummerierten Wolkenplätze enthält, dann ist die 97 bestimmt für Herrn Kramer reserviert.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Ein Grund, warum ich heute so viel Zeit damit verbringe, euch von einem einzelnen Menschen zu erzählen, kommt tatsächlich aus dem alten Prophetentext aus dem Danielbuch. Der ist ungewöhnlich an seinem Ort. Wenn im ersten Teil der Bibel über das menschliche Leben geredet wird, dann eigentlich so gut wie immer in seiner Begrenztheit und Vergänglichkeit. Das gute, &quot;gerechte&quot; (oder noch besser: &quot;aufrechte&quot;) Leben vor Gott hier und jetzt, das ist es, was da wichtig ist und worüber geredet wird. Das Menschenbild der Hebräischen Bibel kennt zwar außer dem körperlichen schon einen Bereich des Menschseins, den es &quot;Seele&quot; (auf Hebräisch: näfäsch) nennt, aber die gängige Vorstellung, die sich hier findet, ist, dass diese &quot;näfäsch&quot; nach dem Tod in das &quot;Totenreich&quot; gelangt. Und dann passiert einfach gar nichts mehr. &quot;Totenreich&quot;, das ist ein Bereich ohne Leben. Ohne Ereignisse. Ohne Inhalte. Und ohne Zugang zu Gott, der Quelle des Lebens. Weiter nichts.</p>
<p>Über die Zeit entwickelte sich das Denken über Leben und Tod dann aber weiter. Der heutige Text aus dem Danielbuch ist einer der spätesten im Ersten Testament. Er lässt, wie kaum ein anderer Text der Hebräischen Bibel, die Hoffnung durchscheinen, dass mit dem Tod eben doch nicht alles Leben endet. Er spricht von Auferstehung. Er spricht von Zukunft. Er schlägt eine Brücke zwischen dem hier und jetzt und dem was kommt: Gott schreibt ein Buch. Was hier ist, was hier war, ist darin aufbewahrt. Was hier an Gutem geschah, was hier an Liebe verschenkt wurde, das bleibt auch über den Tod hinaus. &quot;Die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.&quot; Ich ahne: Es leuchet hell von Wolke 97.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Ein Grund, warum ich heute so viel von einem Menschen erzähle, ist, dass ich euch in wenigen Minuten eine Liste von Namen vorlesen werde: Menschen, die in diesem letzten Jahr von uns gegangen sind. Menschen, um die wir immer noch trauern. Menschen, an die wir uns heute erinnern. Auch da leuchtet viel Gutes und Schönes, das bleibt, das seine Spuren hinterlassen hat -- an uns und bei Gott.</p>
<p>Für mich, der ich ganz neu hier bin, sind das einfach Namen. Ich kannte diese Menschen nicht. Ich weiß nicht mehr als Alter und Sterbedatum. Aber heute sitzen andere hier, die auch Geschichten erzählen könnten wie ich euch von Herrn Kramer erzählt habe. Heute sitzen Menschen hier, die ganz viel sagen könnten von dem Guten, das bleibt vom Leben derer, die jetzt nicht mehr da sind. Andere, die noch weiter erzählen könnten, sind heute vielleicht nicht hier. Ich glaube, wir können ganz oft gar nicht einschätzen, wo und wie ein einzelnes Leben überall Spuren hinterlässt.</p>
<p>Geliebte Gottes in Nebringen/Tailfingen,</p>
<p>Für uns, die wir auf Christus schauen, wird die Hoffnung aus dem alten Prophetenbuch zur Gewissheit. In Christus sehen wir, dass Gott den Tod überwindet. Dass Christus auferstanden ist, gibt uns Zuversicht und einen neuen Blick auf Leben und Sterben. Gerade heute, in oft auch trauriger Erinnerung, halten wir uns an seinen eigenen Worten fest: &quot;Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.&quot; (Johannes 11,25) Wir richten uns auf an der Zusage, die wir beim Apostel Paulus finden, dass Christus nur der Erste ist, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dass er das auch bei uns tun wird und bei denen, an die wir uns jetzt nur noch erinnern können.</p>
<p>Jesus -- meine Zuversicht!</p>
<p>Der Blick auf ihn richtet uns auf und tröstet uns. Der Blick auf ihn schafft Raum für eine Zukunft auch über den Tod hinaus. Der Blick auf ihn lässt Leben ahnen, neues Leben, in dem es auch ein Wiedersehen geben wird. Ein neues Leben, in dem nicht verlorengeht, was hier war. Ein Leben, in dem für immer aufgehoben ist, was hier an Gutem war.</p>
<p>&quot;Die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.&quot;</p>
<p>Mich lässt das hoffnungsvoll werden -- und wer in den wenigen Wochen, in denen ich jetzt hier bin, ein bisschen zugehört hat, ahnt vielleicht, dass &quot;Hoffnung&quot; für mich ein ganz wichtiges Thema ist.</p>
<p>Zurück lässt mich der Text und die Erinnerung aber auch mit zwei Fragen.</p>
<p>Die erste: Was ist denn dann dort, wo in der Erinnerung nichts aufleuchtet? Was, wenn ein Leben keine positiven Spuren hinterlässt? Ein ehrlicher Blick auf das menschliche Leben zeigt doch schnell, dass selbst da, wo viel Licht ist, auch Schatten sind. Und dass es an manchen Stellen ganz dunkel aussieht. Sicher, ein differenzierter Beobachter weiß, dass man die Menschen in kein schwarz-weiß Schema stecken kann. Einfache Sortierungen, die nur &quot;Gute&quot; und &quot;Böse&quot;, nur &quot;ewiges Leben&quot; oder &quot;ewiges Gericht&quot; kennen, werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Wir leben alle mit unseren Grauzonen. Was, wenn am Ende gar alles nur Grau ist?</p>
<p>Da fehlt mir in dem alten Text noch der Blick auf den gnädigen Gott, den mir Christus eröffnet. Da muss ich heute mit dem, was ich bei ihm sehe, noch Evangelium dazulegen -- &quot;was Christum treibet&quot;. Dann bin ich froh, dass er meine Gerechtigkeit ist, wo es bei mir an Gerechtigkeit noch zu oft fehlt. Wenn wir, mit Luther gesprochen &quot;alle Bettler&quot; sind, dann ist der Christus der, der uns angesichts des Todes doch durchbringt zum Leben, auch wenn nicht alles leuchtet und alles glänzt. Und andere auch, die vielleicht nur Schatten geworfen haben auf unser Leben.</p>
<p>Die zweite Frage, die mir bleibt, ist eine ganz persönliche. Sie lässt mich nachdenklich werden darüber, was denn von meinem Leben am Ende bleibt. Was von dem, was ich tue, aufgeschrieben sein könnte in Gottes großem Buch. Ob mein Leben auch gute Spuren hinterlässt -- Saat, die aufgeht und anderen zum Segen wird -- und ob da dann auch etwas glänzt und leuchtet, am Ende. Das will ich mitnehmen, in meinen Alltag hinein. Auch das heißt, &quot;lehre uns bedenken, das wir sterben müssen&quot; und darüber nachzudenken, hilft sicher beim &quot;klug werden.&quot;</p>
<p>Am Ende trägt mich die Hoffnung auf Gott, die ewige Quelle des Lebens und auf seinen Christus, der den Tod überwunden hat. Er zeichnet mich ein in das Bild einer Zukunft, die Leben und Leuchten mit sich bringt. Und, so hoffe ich persönlich, Zeit für einen Plausch mit einer Tasse Kaffee auf Wolke 97.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Was Menschen hier Gutes tun, was sie an uns getan haben, hinterlässt Spuren. Die vergehen nicht angesichts des Todes, sondern bleiben. Bei uns, bei Gott. In seiner Zukunft sind sie aufgehoben. Da ist viel Hoffnung drin, für uns alle.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Erinnerungen und Ausblicke angesichts des Todes</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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      <item>
        <title>Kinder des Lichts</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/kinder-des-lichts/</link>
        <guid>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/kinder-des-lichts/</guid>
        <pubDate>Sun, 19 Nov 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Wenn die Finsternis ihre Schatten wirft, haben wir dem etwas entgegenzusetzen: Wir haben Hoffnung. Wir haben Christus. Wir sind geliebt und gehalten. Wir sind Kinder des Lichts.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Die folgende Andacht habe ich anlässlich der offiziellen Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2023 auf dem Friedhof in Nebringen gehalten.</p>
</blockquote>
<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Ich lese aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki, aus dem 5. Kapitel. Dieser Abschnitt kommt aus der Textauswahl zur diesjährigen Friedensdekade und ich glaube, er passt ganz gut hierher heute. Hören wir also auf die Worte des Apostels:</p>
<blockquote>
<p>3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut. (1. Thessalonicher 5,3-11)</p>
</blockquote>
<p>Es ist dunkel geworden in der Welt. Dunkel und düster, nicht nur weil hier auf der Nordhalbkugel der Winter naht und die Tage kürzer werden. Die Nachrichten lassen uns jeden Tag aufhorchen und verdüstern den Horizont, der uns so hell schien mit der Hoffnung, dass das Zeitalter der Kriege überwunden werden könnte und Frieden dauerhaft einkehren, in Europa, aber auch auf der ganzen Welt. Haben wir uns nicht Jahr für Jahr mahnen lassen von den vielen Toten der vergangenen Kriege? Haben wir nicht immer wieder das &quot;nie wieder&quot; betont? Haben wir nicht geschworen, dass wir alles dafür tun würden, dass Friede bleibt und dass wir aufeinander zugehen wollten und Frieden schaffen? Und jetzt sind es doch wieder die Waffen, die reden, zwar nicht hier im Land, aber gar nicht so weit weg von uns und Mütter trauern um ihre Ehemänner, ihre Söhne und vor allem um ihre unschuldigen Kinder, vor denen die Gewalt nicht Halt gemacht hat. Und jetzt? Was jetzt?</p>
<p>&quot;Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben&quot;, schreibt der Apostel und wir können das nachvollziehen, wenn wir nur ein wenig das aktuelle Weltgeschehen mitverfolgen. Der Apostel schreibt das nicht im 21. Jahrhundert, sondern im ersten, an eine kleine christliche Gemeinde in einer quirligen griechischen Hafenstadt, und doch tun wir vielleicht gut daran, uns selbst heute einmal zu den Adressaten seiner Worte zu machen. &quot;Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«...&quot; &quot;Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg zur Sicherheit&quot;, schrieb der große Bonhoeffer zeitlich sehr viel näher bei uns und das Zeitgeschehen scheint ihm Recht zu geben und in Frage zu stellen ob Sicherheit und Frieden -- zwei so selbstverständliche Grundbedürfnisse -- wirklich gleichzeitig zu haben sind. Oder am Ende gar keines von beiden.</p>
<p>Angesichts des Grauens der Kriege und der unzähligen Toten, die die Generationen vor uns zu beklagen hatten, hatten wir doch immer gemeint, wir würden mit diesen Fragen anders umgehen, wenn es darauf ankäme. Und jetzt -- sieht es ganz düster aus.</p>
<p>Von Dunkelheit und Nacht, von den schweren Gedanken der Finsternis, redet auch der Apostel. Er greift damit ein Thema auf, das sehr präsent ist in allen biblischen Schriften. Die Finsternis wird nicht ausgeklammert, weil sie eine Realität ist, der wir nicht zu entkommen scheinen in dieser Welt und man sie nicht weg- oder schönreden kann und darf. &quot;Ob ich schon wanderte im finsteren Tal...&quot; beten wir im 23. Psalm. Wörtlich: &quot;im Tal der Todesschatten&quot;. Doch während heute dieser Schatten immer noch über unserer Welt liegt, zeichnet der Apostel einen Kontrast in sein Bild ein, den man nicht übersehen darf: &quot;Wir aber&quot;, sagt er. &quot;Wir aber, die wir Kinder des Tages sind.&quot; Wir, so meint er, wir haben eine Möglichkeit, anders mit der drohenden Finsternis umzugehen. Wir haben ja Hoffnung. Wir haben ja Christus.</p>
<p>Vom Zorn redet der Apostel. Vom Zorn, von diesem absolut nachvollziehbaren Gefühl, das einen überfällt, wenn man die schrecklichen Bilder sieht von den toten Kindern des Krieges. Wenn man die Trümmer der Häuser sieht, die einmal Heimat waren für Menschen. Wenn man die Menschen sieht, denen der Krieg das Zuhause geraubt hat und die sich jetzt aufmachen, mühsam, mit ganz wenigen Habseligkeiten aufmachen -- wohin? Die keine Zukunft kennen und keine Hoffnung. Wenn man die herzlosen Machthabenden beobachtet, die Menschen zu Spielsteinen eines strategischen Machtspiels degradieren, ohne Rücksicht auf den Einzelnen, auf das Leben, auf die unantastbare Würde oder gar auf das Glück, das jeder sucht. Wenn Menschen zu weggeworfenen Kollateralschäden perfider Prioritäten werden, da packt einen schon der Zorn. Zurecht. Zorn ist da legitim und normal, wo die Gerechtigkeit versagt bleibt. Es darf nur nicht beim Zorn bleiben, mahnt der Apostel.</p>
<p>Nur ist Zorn keine Lösung. Die Toten vergangener Kriege, deren wir heute gedenken, führen uns das ganz drastisch vor Augen.</p>
<p>Stattdessen: &quot;Wir, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein&quot;. Die Krisen unserer Zeit lösen wir nicht im erregten Dauerzustand, sondern mit besonnenem Handeln. Diese Weisheit des Apostels zeigt den Weg des Lebens auch in unserer Zeit. Dem legitimen Zorn muss konstruktive, gewaltfreie Konfliktbearbeitung folgen. Das Ziel am Ende muss Versöhnung heißen. Dass das möglich ist, dafür steht schon bei Paulus als Vorbild Jesus Christus. In seinem Weg ans Kreuz sehen wir die Bereitschaft, den Zorn zu überwinden, Gewalt nicht mit Gewalt, Macht nicht mit noch stärkerer Macht zu beantworten. In ihm finden wir Gottes Angebot von Versöhnung und Leben. Wir, die wir auf ihn schauen, sind Kinder des Lichts, meint der Apostel.</p>
<p>In unserem Arsenal finden sich ganz andere Instrumente für Umgang mit der Finsternis. Wir sind nicht mit Leoparden und Panzerhaubitzen unterwegs sondern mit dem &quot;Panzer des Glaubens und der Liebe&quot; und dem &quot;Helm der Hoffnung auf das Heil&quot;. Wie anders würde diese Welt aussehen, wenn alle so aufeinander zugingen: Mit der Gelassenheit und Sicherheit, die aus der Gewissheit kommt: Ich bin von Gott gehalten, getragen und geliebt. Mit dem Selbstwertgefühl dessen, der sich von Gott permanent geschätzt und umarmt weiß. Mit den Zukunftsplänen und dem Streben dessen, der die Zukunft in Gottes Licht liegen sieht und dessen Ziel nicht in Macht, Einfluss, Gebiet, ethnischer Überlegenheit, oder was auch immer, sondern allein in dem Heil, das Christus bringt, liegt. Wie anders würde diese Welt aussehen! Hell und froh, friedlich und sicher.</p>
<p>Wir können das nicht machen. Nicht für die ganze Welt. Aber wir können damit beginnen, da wo wir stehen, wo wir anderen begegnen. Als Kinder des Lichts.</p>
<p>Frieden und Sicherheit. Kann es das geben? Überhaupt und auch noch gleichzeitig? Die universelle Lösung, die das schnell und überall und dauerhaft durchsetzt, bleibt uns verborgen. Aber wo die Finsternis groß ist, hilft jedes kleine Licht, dass es heller wird. Das große Licht, die große Erleuchtung, die Sonne, die die Finsternis für immer vertreibt, kann nur Gott sein. &quot;Verleih uns Frieden gnädiglich&quot;, singen wir und verlassen uns auf ihn, wo unser Vermögen bruchstückhaft bleibt. &quot;Gib uns Frieden jeden Tag. Lass uns nicht allein&quot;, singen wir hier jetzt gleich und erinnern uns daran, dass er ja fest versprochen hat, stets bei uns zu sein. Wir singen es uns gegenseitig zu und erinnern uns gegenseitig immer wieder daran, wenn die Schatten der Finsternis uns die Hoffnung rauben wollen. Wir &quot;trösten uns&quot;, würde Paulus das nennen.</p>
<p>Das ist es, was Kinder des Lichts tun. Bis es für immer hell wird.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Wenn die Finsternis ihre Schatten wirft, haben wir dem etwas entgegenzusetzen: Wir haben Hoffnung. Wir haben Christus. Wir sind geliebt und gehalten. Wir sind Kinder des Lichts.</itunes:summary>
        
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        <title>Die Zukunft ist sein Land</title>
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        <pubDate>Sun, 12 Nov 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Auch wenn das Seufzen unüberhörbar laut ist; auch wenn wir selbst mit einstimmen wollen: Wir haben Hoffnung. Diese Hoffnung hat einen Namen: Jesus Christus. Wo der Auferstandene uns entgegenkommt, öffnet sich uns sein weites Land.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Wenn ihr alle einen Augenblick still seid, dann kann man es vermutlich von hier hören -- das Seufzen der ganzen Schöpfung, von dem Paulus an die Christ:innen in Rom schreibt. Sie seufzt nämlich tief und laut und überall. Auch 2023 noch, fast 2.000 Jahre nach des Apostels Brief. Oder vielleicht sogar noch mehr. An manchen Tagen ist es geradezu ohrenbetäubend laut, ihr Seufzen, und ich höre es schon morgens, wenn ich die Bettdecke zurückschlage und mich die ersten Nachrichten auf dem Handy erreichen. Sie seufzt in den ausgebombten Kellern von Kiew. Sie seufzt in den Familien in Israel, die durch den Terror der Hamas ihrer liebsten beraubt wurden und in den Lagern im Gazastreifen, wo das eigene Volk zu Geiseln eben dieser Terroristen wird. Sie seufzt in den Minen im Kongo und seufzt in den Slums in Bangladesch und seufzt in den Gefängnissen unzähliger Diktaturen rund um den Erdball. Sie seufzt hier in Deutschland, wenn ein neuer Tag in der Arbeitslosigkeit und Hoffnungs- und Sinnlosigkeit beginnt. Sie seufzt mit geschlagenen Ehefrauen und frustrierten Ehemänner und seufzt mit den Kindern, denen die Chance aufs Leben geraubt wird. Sie seufzt mit den Geflüchteten, die hier auch nicht ankommen dürfen und seufzt mit den jüdischen Mitbürgern, die sich schon wieder überlegen müssen, wo sie sich noch zu erkennen geben dürfen. Sie seufzt in der Schule in Offenburg, wo das Leben eines Fünfzehnjährigen so sinnlos geraubt wurde. Sie seufzt und seufzt und seufzt. Ein Seufzer auf den anderen. Eine ohrenbetäubende Kakophonie von Stöhnen und Seufzen, die doch nur übertönt, was wir schon gar nicht mehr hören, weil es im Verborgenen geschieht, da wo nicht einmal zum Seufzen mehr Kraft ist. Wo die Tränen ungesehen und leise fließen, nachts im Bett, oder einfach schnell abgewandt von anderen, damit es keiner mitbekommt.</p>
<p>Die ganze Schöpfung seufzt und mit uns Menschen sind das auch alle unsere Mitgeschöpfe, denen wir die Hölle heiß gemacht haben mit dem Klimawandel durch alles, was wir in die Luft pusten, denen wir die Meere vergiftet haben mit unserem Müll und Mikroplastik, dem wir den Lebensraum überschwemmen oder das Wasser ganz rauben mit allem, was sich verändert auf dieser Welt, weil wir in all unserem Seufzen keine Zeit finden, uns um die Zukunft zu kümmern.</p>
<p>Seufzen und stöhnen und weinen und klagen.</p>
<p>Ich bekomme es gar nicht mehr aus dem Kopf, wenn ich mich dann am Abend wieder ins Bett lege, und an vielen Tagen möchte ich einfach nur mit einstimmen in das lärmende Seufzen--weil ja auch die Kirche mitseufzt und stöhnt und klagt. Wenn die Menschen weniger werden, die es noch darin aushalten. Wenn man immer nur von Rückgang und Reduzierung redet. Wenn es in Gäufelden-Tailfingen nach Sonja Kuttler nun keine Pfarrerin mehr gibt und in Albstadt-Tailfingen das Dienstsiegel meines bisherigen Pfarramts Erlöserkirche zerschnitten im Mülleimer liegt, weil auch dort nie wieder ein Pfarrer seinen Stempel führen wird. Wie lange in Herrenberg noch ein Dekan sitzen wird, wissen wir ja auch nicht, Herr Feucht. Welche Bilder der im Frühjahr zu beschließende Pfarrplan 2030 in uns auslöst, darüber denken wir am liebsten gar nicht nach an so einem Festtag heute -- sonst sind wir alle nur noch beim Seufzen und Stöhnen und lassen den Kopf in die Hände sinken.</p>
<p>Es sind ja nicht nur die anderen. Es ist ja nicht nur unsere Mitmenschen, die &quot;draußen&quot;, die Schöpfung um uns her. Auch wir gehören zu denen, die seufzen und uns sehnen. Wo soll das alles enden? Wie lange noch, Herr?</p>
<p>Erbarme dich.</p>
<p>War's das also? Sind wir bereit aufzugeben? Ist der Neuanfang dieser Investitur heute am Ende einer ohne Zauber, nur ein letztes Aufbäumen, nur noch ein wenig länger die Illusion aufrechterhalten, dass noch nicht alles verloren ist. Bleibt uns denn noch irgendetwas außer Seufzen und Leiden, als ängstliches Harren und Vergänglichkeit und Wehen?</p>
<p>Ja, liebe Nebringer! Ja, liebe Tailfinger! Ja, liebe Gäufeldener!</p>
<p>Wenn es irgendeine Sache gibt, die ich euch gleich zu Beginn meiner Zeit mit euch unüberhörbar zurufen möchte, dann das: Ja, es bleibt uns noch etwas anderes.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>&quot;Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.&quot;, schreibt der Apostel schon vor zwei Jahrtausenden nach Rom. Für die, die gerade am Seufzen sind, ist das erst einmal frustrierend zuhören. Werden denn meine berechtigten Sorgen gar nicht wahrgenommen? Werden meine authentischen Gefühle hier abgewertet? &quot;Gar nicht ins Gewicht fallen&quot;?</p>
<p>Wie bitte? Schnell fühlt sich jeder hier bestätigt, der sowieso befürchtet, in Zukunft unter die Räder all der Veränderungen zu kommen. Auch beim Pfarrplan und bei veränderten Strukturen in Gäufelden.</p>
<p>Lass mich dich ganz schnell beruhigen: Bei Gott wiegen deine Sorgen und Lasten ganz schwer. Bei Gott wird keine Träne übersehen und kein Seufzer durch Wichtigeres übertönt. Wie gut tut es auch mir immer wieder, dass ich bei ihm echt und ehrlich sein darf und auch meine Klage vor ihm ausbreiten kann. Gott war schon immer der Gott der Seufzenden und der Belasteten, der Tröster der Weinenden und der Begleiter der Hilflosen. Auch du bist ihm unendlich wichtig mit deinen Anliegen.</p>
<p>Und doch will und muss ich es geradezu dir noch einmal gemeinsam mit Paulus zurufen:</p>
<p>Uns bleibt etwas anderes, was größer ist und schwerer wiegt und weiter trägt.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>&quot;Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.&quot;</p>
<p>Liebe Tailfinger, liebe Nebringer, liebe Gäufeldener,</p>
<p>die Welt -- diese so unüberhörbar und ununterbrochen seufzende Welt um uns her -- sie wartet, sagt Paulus. Sie wartet...</p>
<p>...auf uns, wollte ich jetzt gerade sagen, aber das würde dem, was der Apostel sagt, ja nicht gerecht.</p>
<p>Die Welt -- diese so unüberhörbar und ununterbrochen seufzende Welt um uns her -- sie wartet auf das, was an uns offenbart werden soll. Auf das, was wir mitbringen und was so dringend fehlt, in dieser seufzenden Welt und was wir mitbringen, was wir zu geben haben:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Und dann kommt er ins Schwärmen, der Paulus, von der Herrlichkeit und der Freiheit, und der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, von Kindschaft und Erlösung und von Errettung. In bunten Farben malt er ein Bild, das dem tristen Grau der Seufzerwelt diametral entgegensteht. Vor unseren Augen wird sie plastisch, greifbar, die Hoffnung, die wir haben und nach der wir uns sehnen und die die Welt doch auch so dringend braucht.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Liebe Tailfinger, liebe Nebringer, liebe Gäufeldener, das ist es, wie ich gerne beginnen möchte, hier mit euch Kirche in den Orten zu leben und wie ich gerne mit euch hineingehen möchte in Veränderungen und in neue Formen, in Strukturdebatten und Pfarrplandiskussionen, in Abschiede von manchen liebgewordenen Traditionen, die wir uns in einer neuen Situation nicht mehr leisten können, und in vielleicht unsichere Schritte ins Neue, das wir erst noch ertasten und erkunden müssen:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Und deshalb kann ich nicht anders, als euch heute schon ein Bild von dieser Hoffnung, die uns eint und trägt, vor Augen zu malen, so wie Paulus in seinem Brief. Ein Bild, weil das mehr sagt als tausend Worte. Und weil ich kein so begnadeter Zeichner bin wie mein Kollege Rainer in Öschelbronn, haben wir euch einfach ein Bild in euer Liedblatt gedruckt. Vielleicht habt ihr es schon entdeckt.</p>
<p>Wenig überraschend ist es eine Christusfigur. Was sollte es denn sonst sein? Unsere Hoffnung, liebe Christ:innen in Gäufelden, besteht doch nicht in irgendwelchen großen Worten und philosophischen Konzepten, nicht in Strukturmodellen und Pfarrplänen, nicht in großartigen Theorien von Gemeindebau. Unsere Hoffnung ist eine Person. Unsere Hoffnung heißt Jesus Christus. Wer zeigen will, worauf wir hoffen und wonach wir uns sehnen, der muss auf ihn zeigen, auf Christus. Wer sich wecken lassen will aus der Depression des Seufzens, wer sich erinnern lassen will an das, was uns bis hierher brachte und was in Ewigkeit trägt, der muss auf ihn schauen, auf Christus. Und wer das tut -- auf ihn Schauen -- der kann nur ins Schwärmen kommen. Der kann nur Staunen. Mein lieber Freund Siggi, der heute mit hier sitzt, sagt es immer wieder so: &quot;Jesus Christus ist das Attraktivste, was der christliche Glaube zu bieten hat.&quot;</p>
<p>Wer auf ihn schaut, auf Christus, der sieht die Mensch gewordene Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Wer auf ihn schaut, entdeckt die unendliche Menschenfreundlichkeit Gottes. Wer auf ihn schaut, der staunt über Gott, der all die menschlichen Wege mitgeht und all die menschlichen Leiden mitträgt und all die menschlichen Seufzer mitseufzt -- bis hin zum letzten tiefen Atemzug. Bis hinein in Sterben und Tod. Wer auf Christus schaut, weiß: Gott lässt uns nie alleine seufzen. Immer ist er schon dabei, der menschenfreundliche Gott. Immanuel. Gott mit uns. Und immer ist er uns auch schon vorausgegangen. Denn es blieb ja nicht beim Sterben. Der Christus, auf den sich unsere Hoffnung gründet, ist der auferstandene Christus. Wo alle nur noch Vergänglichkeit sahen und Leid, wo nur noch Seufzen und Weinen und ängstliches Harren war, da hat Gott Christus zu neuem Leben erweckt. Weil er wahrhaftig auferstanden ist, können wir heute gegen alles Seufzen sagen:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Der Christus, den ich euch heute vor Augen malen möchte, kommt in Gestalt einer Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert. Der frühbarocke Künstler Georg Petel hat sie geschaffen. Sie steht in der -- bitte entschuldigt, wenn ich das so sage, liebe Nebringer, liebe Tailfinger -- schönsten Kirche, die ich kenne: Die Moritzkirche in Augsburg ist eigentlich eine unscheinbare Pfarrkirche abseits der großen Kathedralen der Stadt. Seit dem 11. Jahrhundert wurde sie immer wieder umgebaut. 1944 brannte sie in einer Bombennacht aus. Fast die komplette barocke Innenausstattung ging verloren. Was übrig blieb, war recht einfach. Ab 2010 wurde die Moritzkirche noch einmal saniert. Der Londoner Stararchitekt John Pawson hat hier ein absolutes Meisterwerk geschaffen. Die barocken Schnörkel wichen klaren Linien, minimalistischem Weiß und einem genialen Lichtkonzept. &quot;Kirchenraum der Zukunft&quot;, hieß das Ziel.</p>
<p>Wer heute die Moritzkirche betritt, wird nicht von Schnörkeln erschlagen, sondern vom Licht umhüllt. Der klare, weiße Innenraum lenkt den Blick des Betrachters unweigerlich nach vorne. Dort steht in der Spitze des Chorraums die Holzfigur von Georg Petel. Sie steht dort, aber für den Betrachter steht sie nicht: Der Christus der Moritzkirche ist kein statischer. Er ist auch kein Leidender, kein Crucifixus. Die Christusfigur der Moritzkirche ist der auferstandene Christus, der durch Gottes überwindende Liebe durch Leid und Seufzen vorausgegangen ist in Freiheit und Leben. Der Christus der Moritzkirche ist der Christus der Zukunft, unserer Zukunft. Dort steht er nicht, oder sitzt oder liegt in einer Hängematte und freut sich, dass er es geschafft hat. Nein. Er geht. Er geht nicht, er eilt. Er rennt dem Betrachter förmlich entgegen, mit wallendem Mantel, den Wind im Gesicht. Er eilt uns entgegen, die Arme ausgebreitet zur Umarmung, bereit zum Segen. Er rennt uns entgegen, mit offenen Augen und sein Blick ist Liebe und Güte und Gottes ganze, unbegreifliche Menschenfreundlichkeit. Er, der überwunden hat, den Gott aus Tod und Seufzen herausgezogen hat ins Leben, er kommt uns entgegen mit seiner Kraft, seiner Freiheit, seinem Leben.</p>
<p>Wer ihn sieht, der möchte selbst anfangen, zu laufen, zu eilen. Wer ihn sieht, der möchte ihm entgegenrennen und, der möchte sich in seine Arme werfen und singen: Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht. Christus, meine Zuversicht! Auf dich vertrau ich und fürcht‘ mich nicht.</p>
<p>Und weiter singen: Die Zukunft ist sein Land.</p>
<p>Das werden wir jetzt gleich miteinander singen. Denn, liebe Tailfinger, liebe Nebringer, liebe Gäufeldener, das ist es, was unsere Zukunft ist. Unsere Zukunft ist kein Pfarrplan. Unsere Zukunft ist keine Strukturreform. Unsere Zukunft ist nicht Abbau und nicht Reduktion, unsere Zukunft ist nicht Mitgliederschwund, unsere Zukunft sind nicht knappere Finanzen. Unsere Zukunft ist Christus, der Auferstandene. Unsere Zukunft ist sein Land.</p>
<p>Liebe Nebringer, liebe Tailfinger, liebe Gäufeldener, die Zukunft einer Kirche, die sich an Christus hält, kann gar nicht kleiner und enger und knapper sein. Egal, was auf uns zukommt: Die Zukunft ist sein Land. Die Zukunft ist sein Reich, das zu uns zu bringen er gekommen ist und das wächst, in und und um uns und das er eines Tages vollenden wird mit seiner ganzen Schöpfung. Sein Reich ist Gerechtigkeit. Sein Reich ist Friede. Sein Reich ist Freude im Heiligen Geist. Sein Reich ist die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, die schon Paulus ins Schwärmen brachte.</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Die Zukunft ist sein Land.</p>
<p>Das wird vermutlich nicht immer sofort so aussehen. Paulus bleibt da ganz realistisch: Wir sind gerettet, aber auf Hoffnung hin. &quot;Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?&quot;, fragt er. &quot;Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.&quot;</p>
<p>Ich will ganz ehrlich sein: Das fällt mir nicht immer leicht. Nicht immer bringe ich die Geduld auf, die das erfordert. Dann fange ich an zu seufzen. Ich seufze und sehne mich. Da bin ich nicht allein.</p>
<p>Geliebte Gottes in Gäufelden, einmal habe ich die Moritzkirche in der Passionszeit betreten. Ich hatte mich sehr auf den auf mich zu eilenden Christus gefreut. Umso größer war der Schock, ihn nicht zu sehen. In der Passionszeit stellt die Moritzgemeinde einen Wandschirm vor die Figur des Auferstandenen und davor ein Bild des Gekreuzigten auf den Altar. Passend, klar. Aber nicht das, was ich erwartet hatte.</p>
<p>So wird sich mancher Tag anfühlen. Manche Veränderung, manche Tagesordnung, mancher Beschluss, der zu fassen ist, wird uns zum Seufzen bringen. Wir werden weiter vieles in der Sehnsucht leben.</p>
<p>Geliebte Gottes, lasst uns nicht vergessen, was hinter dem Wandschirm liegt. Die Realität des Auferstandenen wird kein Umstand und kein Leiden und kein Pfarrplan je wieder wegnehmen. Nie werden wir einen Ort betreten, der ihm nicht schon gehört. Mit ihm an unserer Seite uns seinem Geist als &quot;Erstlingsgabe&quot; in unseren Herzen, gehen wir erhobenenHauptes vorwärts. Denn, auch wenn wir es nicht immer gleich sehen und gleich erfassen, gilt an jedem Tag, was wir in wenigen Augenblicken miteinander singen werden:</p>
<p>&quot;Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.&quot;</p>
<p>Und deshalb:</p>
<p>Wir haben Hoffnung.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Auch wenn das Seufzen unüberhörbar laut ist; auch wenn wir selbst mit einstimmen wollen: Wir haben Hoffnung. Diese Hoffnung hat einen Namen: Jesus Christus. Wo der Auferstandene uns entgegenkommt, öffnet sich uns sein weites Land.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Hoffnung für Gäufelden</itunes:subtitle>
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      <item>
        <title>Herzenssache</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/herzenssache/</link>
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        <pubDate>Sun, 22 Oct 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>In Jesus zeigt Gott seine ganze Menschenfreundlichkeit. In Jesus umarmt und segnet er die, die sonst ausgegrenzt werden. Jesus selbst ist auch Gottes Anspruch an uns. Sind wir die Hände des umarmenden Gottes?</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Geliebte Gottes in Tailfingen,</p>
<p>Ein letztes Mal stehe ich heute auf dieser Kanzel und ich wollte ein so schöne Abschiedsrede halten -- mit Pathos und Empathie, mit Lob und mit den besten Segenswünschen. Dass dann ausgerechnet auch noch eine Jesuserzählung als Bibeltext drankommen sollte, kam mir sehr entgegen. Schließlich gibt es nichts Faszinierenderes, nichts Schöneres und nichts Zentrales für unseren Glauben als Gottes Selbstoffenbarung in diesem einen, fleisch gewordenen Wort namens Jesus Christus. Wer ihn anschaut, der sieht Gott. Wer ihm begegnet, der erkennt die Liebe Gottes zu uns, &quot;Immanuel&quot;, Gott mit uns. Wer sich von ihm berühren lässt, der wird für immer verändert -- nicht nur damals, in den Erzählungen aus seiner Zeit in Galiläa und Judäa, sondern heute immer noch, überall wo er auftaucht, der Christus. Wenn es heute, am 20. Sonntag nach Trinitatis, um die guten Ordnungen Gottes geht, dann steht auch darüber an oberster Stelle sein Name, wie es die Barmer Theologische Erklärung vor fast 90 Jahren so trefflich festgehalten hat:</p>
<blockquote>
<p>&quot;Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.&quot; (BTE, These 1)</p>
</blockquote>
<p>Jesus Christus also, und es hätte alles so schön werden können, hätten sie nicht dazwischengefunkt: Die Pharisäer. Und die Jünger.</p>
<p>Von ersteren ist man das ja gewohnt, wenn man die Evangelientexte liest. Mit keiner Gruppe hat Jesus so viele Auseinandersetzungen wie mit ihnen. Und zwar keineswegs, weil die Gegensätze so groß wären--im Gegenteil: Theologisch stehen sie sich in vielem ganz nahe. Und gerade deshalb reiben sich die Pharisäer an diesem Jesus, der so gut einer von ihnen sein könnte und doch immer wieder Dinge sagt, die den Verdacht auslösen, er ist es nicht. Also drängen sie an ihn heran und testen ihn, immer wieder. Auch an diesem Tag. &quot;Ist es einem Mann erlaubt, sich von seiner Frau zu scheiden?&quot; Eine spannende Frage, Teil zeitgenössischer Kontroversen zwischen den Rabbis und zwischen verschiedenen religiösen Gruppen. Ein sehr komplexes Thema, mit vielen detaillierten Regelungen in der jüdischen Mischna, der Auslegung des Gesetzes. Eine gute Prüfungsfrage also -- die könnte glatt vom Oberkirchenrat stammen, als teil des Kirchenrechtsexamens bei der zweiten theologischen Dienstprüfung. Aber wirklich kein Thema für eine Abschiedpredigt!</p>
<p>Die Jünger diskutieren nicht über Trennung. Sie vollziehen sie gleich ganz praktisch. Nicht zwischen Ehepartnern natürlich. Aber sie sind ganz gut im Aussortieren von Menschen. Sie entscheiden, wer zu Jesus darf, und wer nicht. Schließlich ist der gekommen, um das Reich Gottes nahe zu den Menschen zu bringen. Auf diesen Auftrag soll er sich konzentrieren. Da hat er nicht für jeden Zeit, der gerade zu ihm will. Da gilt es Bündnisse mit den Einflussreichen zu schmieden. Vielleicht hatten sie da Hoffnung, als sie die Pharisäer vorgelassen haben. Vielleicht waren sie auch einfach machtlos gegen deren Auftreten. Wie dem auch sei: Bei Kindern ziehen sie die Grenze: Jesus ist doch kein Partyclown für den Kindergeburtstag! Kinder haben keine Macht und keinen Einfluss. Deshalb gilt für sie: Wir müssen draußen bleiben.</p>
<p>Und schon ist es passiert: Die letzten Minuten haben wir nur über Pharisäer und Jünger nachgedacht. Dabei wollten wir doch auf Jesus schauen. Gut evangelisch, wie wir es von Martin Luther gelernt haben -- in einem Bibeltext immer das zu suchen, was &quot;Christum treibet.&quot; Nicht das, was die anderen so treiben. Oder, noch einmal mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung:</p>
<blockquote>
<p>Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben... (BTE, These 2)</p>
</blockquote>
<p>Er. Jesus. Der Christus selbst ist Gottes Anspruch auf unser Leben. Mit anderen Worten: Wenn uns aus diesem Evangelientext irgendein Anspruch Gottes auf unser Leben und Handeln begegnet, dann liegt er nicht in den theologischen Spitzfindigkeiten der Scheidungsdebatte und nicht in den strategisch-pragmatischen Handlungsentwürfen der Jünger. Sondern in ihn. Nur in ihm. Jesus ist der, auf den wir unser Augenmerk zu richten haben.</p>
<p>Jesus. Der ist mit beiden Gruppen recht schnell fertig:</p>
<p>Die theologischen Diskutanten verweist er auf Mose. Auf die Tora also, die Gebote Gottes. Die sind ihnen wohlbekannt. Das weiß Jesus auch und entlarvt ganz schnell die ganze Diskussion als das, was sie ist--ein billiger Versuch, theologische Spitzfindigkeiten und die Suche nach Fehlern beim anderen als ernst gemeinte Frage zu tarnen. Jesus lässt sich gar nicht darauf ein. Er zitiert im wesentlichen die wohlbekannten Texte. Und: Er entlarvt nicht nur die Motivation hinter der Diskussion, sondern auch die Herzenshärte derer, die das Thema überhaupt erst zum Thema machen.</p>
<p>Noch viel strenger geht Jesus mit den eigenen Jüngern ins Gericht. Er fährt sie an, ist verärgert und empört über ihr Verhalten. Schroff weist er sie zurecht und stellt zugleich wieder einmal ihr ganzes Verständnis vom erhofften Gottesreich in Frage: Nicht den Mächtigen, sondern gerade den Kindern, den Machtlosen und Ungewollten, gehört das kommende Reich des Himmels.</p>
<p>Und dann ändert sich auf einmal der Ton und vor allem das Bild. Ganz weich wird er und sanft, der gerade noch verärgerte Jesus, als er jetzt auf die Kinder zutritt. &quot;Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.&quot;</p>
<p>Das ist das Zentrum der Geschichte. Das ist das Bild, das ich euch, ihr Geliebten Gottes, zum Abschied hinterlassen möchte: Das Bild von dem sanften Jesus, der die Arme ausbreitet und die Kinder an sich zieht.</p>
<p>&quot;Er herzte sie&quot;, schreibt die Lutherübersetzung. Eigentlich steht da im griechischen Text nur: &quot;Er nahm sie in seine Arme&quot;, aber ich finde, Luther bringt es hier auf den Punkt, was ganz wesentlich ist: Dass sie, die Machtlosen, die Unvertretenen und Einflusslosen, die, die andere ausgeschlossen hätten, ganz nahe an Jesu Herzen sind.</p>
<p>&quot;Er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.&quot; Was im deutschen wie drei einzelne Handlungen klingt, ist im Markusevangelium ein einziger Vorgang. Es braucht eine ganz besondere Haltung, um andere gleichzeitig umarmen und ihnen die Hände auf den Kopf legen zu können. Ganz eng umschlossen. Ganz nahe. Ganz herz-lich.</p>
<p>Der umarmende Jesus. Da ist er: Immanuel. Gott mit uns. Da zeigt sich Gott der ganzen Welt: von Herzen. Da wird es sichtbar, wie er ist und wie es einer der Weihnachtstexte aus dem sonst recht wenig gelesenen Titusbrief so wunderbar in einen einzigen Satz packt: Da erscheint die ganze Menschenfreundlichkeit Gottes.</p>
<p>Der umarmende Jesus.</p>
<p>Wenn nun der Abschied kommt, kann ich beruhigt gehen. Ich weiß euch ja in guten Händen: Ganz nahe an Gottes Herzen. Umarmt von seiner Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus.</p>
<p>Wenn nun der Abschied kommt, kann ich getrost gehen. Ich bin ja selbst in guten Händen. Auch mich lässt er nicht los aus seiner Herzensnähe.</p>
<p>Der umarmende Jesus.</p>
<p>Das ist die Mitte, von der wir die Schrift zu lesen haben. Da zeigt sich Gott ganz ungeschützt in seiner ganzen Liebe.</p>
<p>Der umarmende Jesus.</p>
<p>Das ist dann auch der Anspruch, den er an uns richtet. Und wenn es eines gibt, was ich euch, liebe Tailfinger, zum Abschied wünschen möchte, dann ist es, dass ihr auch in Zukunft die Hände dieses umarmenden Jesus hier am Ort seid. Die Segenshände. Dass an euch Gottes Menschenfreundlichkeit sichtbar wird.</p>
<p>Ich sage: &quot;Auch in Zukunft&quot;, weil das keine Neuentwicklung wäre. So habe ich euch erlebt, vom ersten Tag an, schon als ihr mich und meine Familie ganz herzlich in eurer Mitte aufgenommen habt. Ihr sagt über euch selbst, die &quot;Älbler&quot; seien eher verschlossen und ein &quot;ganz eigenes Völkchen&quot;. Ich kann euch versichern, dass das ein Gerücht ist. Ich habe mich bei euch immer umarmt gefühlt. Und das nicht nur, weil man als Pfarrer ja irgendwie eine prominente Position hat. Ich habe die umarmende Kirche hier in Tailfingen an ganz vielen Stellen erlebt--an viel zu vielen eigentlich, als dass ich die alle vollständig aufzählen könnte. Beispiele müssen deshalb genügen:</p>
<p>Da denke ich als erstes an unser Waldheim, das nicht nur seit Jahrzehnten ein Segen für große Zahlen von Kindern aus Albstadt ist, sondern sich ganz bewusst gerade auch für die öffnet, mit denen es nicht immer einfach ist: &quot;Schwierige&quot; Kinder aus komplizierten Familiensituationen und mit komplexen Bedürfnissen. Kinder mit Behinderung und großem Betreuungsbedarf. Ich bin ja selbst Vater eines solchen Kinds und kann das ganz besonders schätzen, was da geleistet wird--und was das für die Kinder selbst und ihre Familien bedeutet. Eine Umarmung Gottes!</p>
<p>Ich denke an die Coronazeit, die so unerwartet über uns hereinbrach und an die große Welle an Hilfsangeboten, die wir damals für &quot;Wir helfen Nachbarn&quot; bekommen haben--viel mehr, als dann überhaupt je abgerufen wurde. Aber die Bereitschaft war da, Gottes Umarmung auch mit Abstand und Maske auszuteilen.</p>
<p>Ich denke an unseren Besuchsdienst und die Menschen, die ihre Zeit dafür einsetzen, andere zu Hause aufzusuchen und ihnen die Umarmung Gottes ins eigene Wohnzimmer zu bringen. Und natürlich geschieht das auch durch unsere Sozialstation, die mit ihren kleinen Autos Gottes offene Arme durch den Ort fahren und durch die Tagespflege, und in der Augustenhilfe, und an so vielen anderen Orten.</p>
<p>Ich denke an die vielen Gruppen unserer Kindertagesstätte, wo es ganz praktisch gelebt wird, dass auch die Kleinsten bei Gott umarmt werden dürfen. Ich denke an unser Familienzentrum und an alles, was dort entstanden ist, um noch einmal auf ganz neue Weise Menschen mit der Liebe Gottes zu umarmen. Ich denke an die Kinderkirche, die so oft ganz klein ist und an die Mitarbeitenden, die trotzdem bereit sind, auch mit einem Kind ein Programm zu machen, das das eine Kind ganz nah an Gottes Herz zieht.</p>
<p>Und wie könnte ich nicht an das Zeltfestival denken, an die vielen, vielen von euch, die sich da an ganz unterschiedlichen Stellen so genial mit eingebracht haben.</p>
<p>Ihr seid die Hände des umarmenden Gottes!</p>
<p>Haltet daran fest, liebe Tailfinger! Macht damit weiter. Lasst da nicht anderes dazwischenfunken. Lasst euch nicht abbringen von dem, was an erster Stelle steht, von dem, der das Zentrum ist: Jesus Christus, der Umarmende, die fleischgewordene Menschenliebe Gottes.</p>
<p>Denn das werdet ihr brauchen. Das wird Tailfingen brauchen und ganz Albstadt, und die Welt, in die euch Gott gestellt hat.</p>
<p>Haltet daran fest, wenn sich unsere Kirche verändert, mit Pfarrplänen und Verwaltungsreformen und abnehmenden Mitgliederzahlen. Der Abschied heute ist ein deutliches Zeichen für den Umbruch, der da gerade stattfindet. Lasst euch nicht vom Klein-Klein von Strukturfragen gefangennehmen! Gebt der Versuchung nicht nach, euch zuerst mit euch selbst zu beschäftigen. Kirche hat viele Herausforderungen, gerade in der heutigen Zeit, aber der Anspruch Gottes ist immer noch derselbe--der, den er in Jesus Christus an uns richtet, der umarmende Gott. Lasst nie zu, dass anderes das überdeckt -- auch wenn die Baustellen noch so vielfältig und kompliziert sind, wenn die Pläne sich ändern und die Finanzierung noch nicht steht und immer neue Fragen auftauchen. Baut, ja baut, aber baut nicht um des Bauens willen, sondern nehmt es ernst, was wir uns von Anfang an über unsere Bauprojekte geschrieben haben: &quot;Raum für Dich.&quot; Baut am Raum für andere Menschen. Baut an der Umarmung Gottes für Tailfingen. Baut Platz für die, die noch keinen Platz gefunden haben. Baut. Umarmt. Segnet. Liebt.</p>
<p>Lasst euch nicht aufhalten von Traditionen und von der Debatte um Gottesdienstformen. Es gibt so viel Gutes, das bewahrt werden muss. Aber nicht alles ist es wert, bewahrt zu werden, wenn es Menschen von der Umarmung Gottes fernhält. Gottes Anspruch an die Kirche Jesu Christi ist nicht, Bewahrerin irgendeiner Kulturform zu sein, sondern das, was Christus selbst vorlebt, ohne jede Agende, Liturgie oder liebgewordenen Tradition. Liebgeworden sind ihm die Menschen. Macht es ihm nach. Umarmt. Segnet. Liebt.</p>
<p>Lasst euch nicht beeindrucken von denen, die laut anderes schreien--und auch nicht von denen, die anfangen, es ihnen leiser und scheinbar überlegter nachzuplappern. Gerade jetzt ist das Thema Migration wieder ganz groß und auch hier in Albstadt mit der Hallendebatte wieder neu angekommen. Denkt drüber nach, was es in diesen Fragen ganz konkret heißt, Hände des umarmenden Gottes zu sein. Ich bin froh und glücklich, dass wir als Tailfinger Kirchengemeinde Teil von United4Rescue und damit Teil der Seenotrettung im Mittelmeer geworden sind. Gottes Umarmung packt so ganz praktisch auch die, die dort um ihr Leben kämpfen. Ich bin froh und glücklich, dass sich schon vor ein paar Jahren nicht nur alle Pfarrer, sondern auch der Kirchengemeinderat geschlossen und deutlich hinter den Text unseres &quot;Heimat&quot;-Plakats gestellt hat. Es ist in diesen Tagen wieder ganz aktuell geworden. Ein paar Sätze daraus lese ich euch hier vor:</p>
<blockquote>
<p>Gott stellt Fremde und Benachteiligte unter besonderen Schutz. Deshalb wiedersprechen wir Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus in jeder Form und sprechen uns für die Menschenrechte aus, die für alle Menschen gleichermaßen gelten. Wir stellen uns an die Seite derer, die angefeindet werden, weil sie als &quot;fremd&quot; angesehen werden, und an die Seite derer, die sich für Geflüchtete und Benachteiligte engagieren.</p>
</blockquote>
<p>Lebt das. Stellt euch an die Seite der Menschen, die Gott liebt. Stellt euch denen entgegen, die anderes behaupten. Werdet deutlich und laut. Erhebt eure Stimme für Gottes geliebte Menschen. Zeigt der Welt seine Menschenfreundlichkeit. Umarmt. Segnet. Liebt.</p>
<p>Froh und glücklich war ich auch, als wir im letzten Jahr von den Mitarbeitenden der zweiten Waldheimfreizeit überrascht wurden. Niemand von uns hatte vorher gewusst, dass sie am Ende des Abschlussgottesdienstes eine Erklärung abgeben würden, in der sie ihre Solidarität mit und Gottes umarmende Liebe zu queeren Menschen zum Ausdruck brachten. Diese jungen Menschen aus unserer Mitte haben damals die dringende Bitte an die Kirchengemeinde gerichtet, sich zu öffnen und zum Kreis der sogenannten &quot;Regenbogengemeinden&quot; in der Landeskirche zu stoßen, in denen auch die, die bisher Kirche als ausgrenzend erfahren haben, den Segen Gottes erfahren können. Ich mache kein Hehl daraus, dass mir das am Herzen liegt. Nicht das Thema, sondern die Menschen. Ich wünsche euch, liebe Tailfinger, dass ihr auch diesen Weg mit allen seinen Schritten gehen so gehen könnt, dass der umarmende Christus im Vordergrund steht und nicht spitzfindige Debatten und trennende Meinungen.</p>
<p>In allen kommenden Herausforderungen: Schaut auf Christus. Ahmt ihn nach. Umarmt. Segnet. Liebt. Lasst den menschenfreundlichen Gott in Albstadt groß rauskommen. Macht Gottes Herzenssache zu eurer Herzenssache, dass Jesus sichtbar wird vor allen Menschen: Er herzt sie und legt die Hände auf sie und segnet sie.&quot;</p>
<p>Das wünsche ich euch, liebe Tailfinger.</p>
<p>Fühlt euch umarmt. Von mir.</p>
<p>Und von Christus sowieso.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>In Jesus zeigt Gott seine ganze Menschenfreundlichkeit. In Jesus umarmt und segnet er die, die sonst ausgegrenzt werden. Jesus selbst ist auch Gottes Anspruch an uns. Sind wir die Hände des umarmenden Gottes?</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Eine Umarmung für Tailfingen</itunes:subtitle>
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        <title>Das Großgedruckte</title>
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        <pubDate>Sun, 08 Oct 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Gott meint es gut mit mir. Wenn ich auf ihn vertraue, der mich befreit hat, dann wird ein gutes Leben in Freiheit möglich. Seine Leitlinien dazu sind nicht Zwang und Druck, sondern Geschenke, mit denen das Leben gelingt</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Eine Predigt zu einem zweifachen Taufgottesdienst am 18. Sonntag nach Trinitatis -- und auch einen Tag nach Simchat Tora und den furchtbaren Angriffen auf Israel. Selbstverständlich habe ich sowohl in der Predigt als auch im restlichen Gottesdienst auch dazu etwas gesagt. Und dann, vielleicht gerade zum Trotz, ist das hier ganz viel &quot;Simchat Tora&quot;, Freude über Gottes gute Worte.</p>
</blockquote>
<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Exodusbuch, dem 2. Buch Mose, aus dem 20. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>1 Und Gott redete alle diese Worte: 2 Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. 3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. 4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. 7 Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. 8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn. 12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird. 13 Du sollst nicht töten. 14 Du sollst nicht ehebrechen. 15 Du sollst nicht stehlen. 16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. 17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2. Mose 20,1-17)</p>
</blockquote>
<p>&quot;So&quot;, denkt jetzt wahrscheinlich der eine oder andere. &quot;Ich habe es mir doch gedacht. War ja auch zu schön, als das Reden von Gottes Beistand und seinen Versprechen, von Leben und Fülle, von Geschenk und unendlicher Liebe. Irgendwo musste doch der Haken sein. Und siehe da: Kaum ist die Taufe vorbei, da kommt schon das Kleingedruckte.&quot; So kennen wir das schließlich. &quot;Gesundes Misstrauen&quot; nennt unsere Welt das. Man bekommt schließlich selten etwas ganz uneigennützig geschenkt. Was auf den ersten Blick großartig aussieht, hat oft einen Haken. Manchmal kommt der erst viel später heraus, wenn man dann plötzlich doch gezwungen wird, das seitenlange Kleingedruckte zu studieren, das sonst keiner liest. Viele sind da schon ganz schön auf die Nase gefallen.</p>
<p>Ist das nicht, was auch hier passiert? Mit großen Versprechen wird man geködert. Am Ende ist dann Gott wohl doch einer, der vor allem fordert: Du sollst. Du sollst. Du sollst nicht. Bedingungen. Paragraphen. Kleingedrucktes.</p>
<p>Lässt sich das heute schon so viel gepriesene Leben als Geschenk von Gott am Ende nur mit ganz viel Arbeit und Mühe, mit Hingabe und Aufgabe, vor allem all dessen, was schön ist und Spaß macht, erkaufen? Haben wir uns am Ende über den Tisch ziehen lassen? Sind wir gar einem Knebelvertrag auf den Leim gegangen oder in so eine Abofalle getappt, aus der man dann nie wieder herauskommt?</p>
<p>&quot;Natürlich nicht.&quot;, sage ich euch, und, klar, als Pfarrer muss ich das ja auch sagen, denn im Bild von der Abofalle bin ich dann wohl der zwielichtige Haustürverkäufer, der gerade noch das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat und dich dann nach der Unterschrift gnadenlos abzockt. Ich hoffe eben, dass ihr mir alle zumindest soweit vertraut, dass ihr noch ein paar Minuten dableibt und mir erlaubt, euch zu zeigen, dass mein &quot;Natürlich nicht!&quot; keine faules Herauswinden eines Schwindlers ist, sondern seinen Grund genau in dem Text findet, aus dem der ganze Verdacht überhaupt erst kam. Weil wir das Wichtigste nämlich gerne überlesen.</p>
<p>Das Großgedruckte.</p>
<p>Hier ist es noch einmal, langsam, zum Mitdenken, und ohne viele lange Paragraphen:</p>
<p>Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.</p>
<p>Ohne diesen Satz kann man das, was folgt, gar nicht verstehen. Er nimmt uns mit hinein in den Zusammenhang der Worte, die Gott hier spricht. Wir begegnen in Gedanken einem Volk auf der Wanderung, in der Wüste. Unterwegs von Ägypten, wo sie Sklav:innen waren, rechtlos und hilflos, in ein Land, das Gott ihnen versprochen hat. Zwischenstation am Berg Sinai. Begegnung mit Gott, der redet. Mit Gott, der ihnen zusichert, sie für immer als sein Volk zu sehen, immer zu ihnen zu halten, an ihrer Seite zu stehen. Die Zukunft liegt vor ihnen: Segen, Freiheit, unbegrenzte Möglichkeiten.</p>
<p>Alleine haben sie es dorthin nicht geschafft. Im Gegenteil: Auf sich selbst gestellt wären sie immer noch in Ägypten. Sie müssten immer noch als Sklav:innen schuften. Alleine kommt man da nicht raus. Kein Sklavenaufstand, den die mächtige ägyptische Staatsmacht nicht schnell unterdrückt hätte. Bis... Gott sich an ihre Seite stellte. &quot;Ich bin...&quot; hat er schon einmal gesagt--damals, zu Mose, am brennenden Busch in der Wüste, als er ihn beauftragte, Israel aus Ägypten zu führen. &quot;Go down, Moses&quot;, singen die Schüler:innen und Konfis heute noch, &quot;way down in Egyptland. Tell old Pharaoh: Let my people go!&quot; &quot;Ich bin...&quot;, so hat Gott sich damals vorgestellt: &quot;Ich bin, der ich bin. Ich bin für euch da.&quot; Ein Gott, der für die Rechtlosen, die Unterdrückten da ist -- unvorstellbar damals! &quot;Ich bin für euch da&quot;, sagt Gott und macht seinem Namen alle Ehre. Er tut alles, um Israel aus Ägypten zu befreien. Am Ende teilt er sogar das Meer, um ihren Ausgang zu sichern. Wenn sie jetzt unterwegs sind in eine gesegnete Zukunft, hat ihre Freiheit nur einen einzigen Grund: Gott.</p>
<p>Der Gott der Freiheit.</p>
<p>Das ist das Großgedruckte, das über allen weiteren Worten steht. Sollte Gott diese Freiheit, in die er sich selbst so sehr investiert hat, jetzt wieder einschränken wollen?</p>
<p>Wer in der Überschrift, sozusagen, Gott als den Gott der Freiheit wiedererkennt, der hört alles, was folgt, mit anderen Ohren. Dem, der hier redet, liegt Freiheit am Herzen. Was folgt, ist dann nicht mehr und nicht weniger als ein Rahmen, in dem Freiheit gelingen kann. Was folgt, sind die Leitlinien des Gottes der Freiheit für ein gelingendes Leben in dem Land, in das er seine Leute führt. Dort, wo sie sich in Zukunft frei entfalten können. Dass es dafür Raum gibt, das garantieren diese Leitlinien als Lebensgrundlage. Leben in Freiheit soll sich nur an dem Gott der Freiheit festmachen -- das ist das erste Gebot. Sein Anliegen, Leben, Freiheit und Freude, soll nicht von Dritten für eigene Zwecke missbraucht werden -- das zweite. Jeder darf leben, sich entfalten--nicht nur arbeiten und existieren. Das dritte Gebot (das Feiertagsgebot) garantiert, was wir &quot;Work-Life-Balance&quot; nennen: Zeiten der Ruhe und der Erholung. Keiner wird nur ausgebeutet. Das Vierte, &quot;die Eltern ehren&quot; (an erwachsene Kinder gerichtet, wohlgemerkt!) sorgt dafür, dass auch die Alten, die keine große Leistung mehr beitragen können, nicht unversorgt bleiben. Niemand muss um sein Leben fürchten (fünf), um die Integrität seiner Familie (sechs), oder um seinen Besitz (sieben, neun, zehn). Keiner muss befürchten, verleumdet zu werden und dadurch zum Opfer zu werden (acht). Wo man ohne alle diese Befürchtungen leben kann, da wird Freiheit möglich. Warum?</p>
<p>Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.</p>
<p>Ich war nie in Ägypten. Ich war nie ein Sklave -- Gott sei Dank! Aber weil ich einer seiner Menschen bin, liegt Gott auch meine Freiheit am Herzen. Wer in seinen Geboten nur Gängelung und Bevormundung sieht, der verkennt seine guten Absichten mit uns. Wer meint, hier über den Tisch gezogen zu werden, der übersieht, dass Gott von Anfang an nur das Beste für uns will. Dafür hat er sich längst schon mit ganzer Kraft eingesetzt, bevor wir überhaupt nur einen einzigen Schritt tun. Für Israel begann die Geschichte mit der Befreiung aus Ägypten. Für uns, für Rosie und Lia, für dich und für mich mich, beginnt die Geschichte mit seinem Versprechen, seiner Zusage an uns, schon ganz am Anfang in der Taufe: &quot;Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.&quot; Und: &quot;Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende.&quot;</p>
<p>Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.</p>
<p>Der Gott der Freiheit. Meiner Freiheit.</p>
<p>Das ist das Großgedruckte.</p>
<p>Wo wir das groß schreiben und groß machen, da entdecken wir Gottes Gebote als das was sie sind: Geschenke, für unsere Freiheit, für ein Leben, für Zukunft.</p>
<p>&quot;Simchat Tora&quot; heißt das Fest, das in Israel bis heute einmal im Jahr gefeiert wird. &quot;Die Freude über die Weisungen Gottes&quot;. Feierlich werden die reich verzierten Schriftrollen mit dem Text der Mosebücher, mit den Geboten Gottes, aus ihrem Schrein genommen und in einer großen Prozession mitten durch die Gemeinde getragen. Alle sind schick angezogen. Die Räume sind geschmückt. Die Kinder bekommen Süßigkeiten. Es wird gelacht und gegessen, gesungen und getanzt. Ein großes Freudenfest, das den Gott der Freiheit und seine lebensfördernden Leitlinien feiert.</p>
<p>Da wird das Großgedruckte ganz groß.</p>
<p>Leider ist &quot;Simchat Tora&quot; nicht immer nur ein ungetrübtes Freudenfest. Gestern, als man es wieder feierte, wurde die Feierlaune überall im Land durch Alarmsirenen gestört. Innerhalb weniger Stunden wurden tausende von Raketen auf das kleine Land abgefeiert. Bewaffnete Kämpfer drangen in Städte ein, verübten Gräueltaten und entführten viele Menschen. Die Welt hält den Atem an und wir beten heute auch für das kleine Land Israel.</p>
<p>Freiheit ist kein Automatismus. Freiheit ist kein dauernd anhaltender Zustand. Freiheit ist immer wieder hart umkämpft, weil Menschen immer wieder Gottes gute Leitlinien links liegen lassen und die eigenen Interessen zum alleinigen Maßstab machen.</p>
<p>Wohl dem Menschen -- um mit dem heutigen Psalm zu sprechen -- der stattdessen die Worte des Gottes der Freiheit als Geschenk annimmt und sein Leben danach ausrichtet. Wohl dem, der das Großgedruckte liest und über alles stellt.</p>
<p>Wo wir das tun, da winken Freiheit und Zukunft.</p>
<p>Auch uns.</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Gott meint es gut mit mir. Wenn ich auf ihn vertraue, der mich befreit hat, dann wird ein gutes Leben in Freiheit möglich. Seine Leitlinien dazu sind nicht Zwang und Druck, sondern Geschenke, mit denen das Leben gelingt</itunes:summary>
        
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        <title>Endstation</title>
        <link>https://christoph-fischer.de/predigten/2023/endstation/</link>
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        <pubDate>Sun, 01 Oct 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Hagar hat nichts mehr, hat alles verloren. Endstation. Reden vom Glaube, der die Welt überwunden hat, klingt wie Hohn in ihren Ohren. Aber Gott hat Hagar nicht aufgegeben.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<p>Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!</p>
<p>Aus dem Buch der Genesis (1. Mose), aus dem 21. Kapitel:</p>
<blockquote>
<p>Und das Kind wuchs heran und wurde entwöhnt. Und Abraham machte ein großes Mahl am Tage, da Isaak entwöhnt wurde. Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, dass er lachte. Da sprach sie zu Abraham: Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak. Das Wort missfiel Abraham sehr um seines Sohnes willen. Aber Gott sprach zu ihm: Lass es dir nicht missfallen wegen des Knaben und der Magd. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche; denn nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba. Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben. Der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein Bogenschütze. Und er wohnte in der Wüste Paran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägyptenland. (Genesis 21, 8-21)</p>
</blockquote>
<p>Geliebte des Herrn in Bitz/Burladingen,</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)</p>
<p>Sie hätte das wahrscheinlich nicht unterschrieben, dort in der Wüste bei Beerscheba. Unter der stechenden Sonne. Ringsherum nur Staub und Steine und Steine und Staub und Sand und Staub und Steine. Und nichts. Ganz viel nichts. Kein Schatten. Kein Wasser. Kein Schutz. Keine Perspektive. Kein Zuhause. Keine Hoffnung. Keine Kraft mehr. Keine Zukunft. Nur nichts, und davon ganz, ganz viel unter der unbarmherzigen, sengenden Sonne.</p>
<p>Die Hoffnung, die sie einmal hatte, liegt im Sterben, einen Bogenschuss weit von der Stelle, an der sie kauert. Hoffnung gibt es nicht für Leute wie sie. Hoffnung ist immer nur für die anderen. Die Gesegneten. Die mit all den Verheißungen. Land, Zukunft, Nachkommen, Segen für die Völker. Die einen haben Gottes Versprechen von Zukunft, reich wie die Zahl der Sandkörner am Meer. Sie hat nur die Sandkörner. Kein Versprechen. Keine Zukunft. Kein Meer. Nur die Sandkörner.</p>
<p>Wahrscheinlich hat sie das schon immer gewusst. Sie hat ja nie dazugehört. Sie war immer die Fremde. Hagar, die Ägypterin. Aus dem Ausland. Kein Teil der Familie. Eine Sklavin. Besitz, nur da um zu dienen. Ein Gebrauchsgegenstand, eigentlich. Den Launen ihrer Herrin ausgesetzt. Und wer zwischen den Zeilen lesen kann, der kann sich vorstellen, was das hieß. Wie viel Frust und angestaute Enttäuschung und verletzte Gefühle da waren und sich immer wieder einen Ort, suchten, wo sie sich entladen konnten.</p>
<p>Sara hatte ja selbst ihre unglückliche Geschichte: Von dem Ehemann, der sich plötzlich in den Kopf gesetzt hatte, alles zu verlassen -- Familie, Heimat, Geborgenheit -- nur, weil angeblich Gott ihm das gesagt hatte. Unterwegs zu einem verheißenen Land, von dem er nicht einmal selbst wusste, wo es liegen sollte. Gott würde es ihm schon zeigen. Angekommen waren sie nach vielen Gefahren und Strapazen dann erst einmal in Ägypten, wo ihr Mann sie als ihre Schwester ausgab, weil der Herrscher ein Auge auf sie geworfen hatte und Abram um sein Leben fürchtete. Welch ein Schlag ins Gesicht einer Frau! Und dann die ewige Geschichte mit den Nachkommen, zahlreiche wie die Sterne und die Sandkörner, einem Volk, durch das die ganze Welt gesegnet werden sollte. Langjähriger Zwischenstand: Null. Und die biologische Uhr hatte längst aufgehört zu ticken. Nur ein bitteres Lachen hat Sara noch übrig für diese &quot;Verheißung&quot;, die doch so offensichtlich nie wahr werden kann.</p>
<p>Nur ein bitteres Lachen. Und Hagar.</p>
<p>Die ist ja nur Besitz. Was dann geschieht, mag in den Gepflogenheiten der damaligen Kultur nicht unüblich gewesen sein. Einen männlichen Nachkommen zu sichern war wichtiger als alles andere. Aber man darf nicht darüber hinweglesen und übersehen, was hier geschieht: Eine Frau wird zum Sex gezwungen. Ohne Liebe, ohne Ehe, ohne irgendeine Art von Beziehung oder Wertschätzung. Sie ist nur Objekt, nur Werkzeug, nur Mittel zum Zweck. Eine Frau wird zum Sex gezwungen -- wie oft? Bis sie ein Kind empfängt, das sie austragen muss für einen anderen, für eine andere. Sie selbst hat keine Rechte, ein nichts, ein bloßes Hilfsmittel. Furchtbar! Abscheulich! Lasst euch von den ach so verklärten Vätergeschichten nicht darüber hinwegtäuschen, was hier geschieht.</p>
<p>Hagar ist ein Opfer.</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)</p>
<p>Was soll man da anderes tun, als bitter zu lachen? Nach ihrem Glauben hat niemand gefragt. Sie ist die, die überwunden wurde, der man alles genommen hat, auch mit Gewalt. Sie ist die, die hier am Ende angekommen ist. In der Wüste, im Sterben. Endstation. Und ihre Hoffnung stirbt einen Bogenschuss entfernt. Sie kann gar nicht hinschauen.</p>
<p>Hoffnung. Ja, einen kurzen Moment hatte sie ja einmal Hoffnung. Als der Sohn tatsächlich geboren wurde. Als das Gesicht des alten Patriarchen zu leuchten begann, weil er endlich die Erfüllung der Verheißung greifbar vor sich sah. Ismael. &quot;Gott hat gehört.&quot; Plötzlich keimte da der Gedanke, dass es doch eine Zukunft geben könnte, auch für Sie. Dass er diese Zukunft war, Ismael, ihr Sohn. Ein kleines, grünes Hoffnungspflänzchen, nur ein winziges Hälmchen.</p>
<p>Und dann wurde Sara schwanger. Was keiner geglaubt hatte. Was biologisch unmöglich schien. Was nur noch für bitteres Lachen sorgte. Der Sohn wurde geboren. Isaak. &quot;Lachen&quot;. Der verheißene Sohn, ein fröhliches Lachen jetzt. Ein Jauchzen, Freude, Begeisterung. Glaube. Bei Sara.</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)</p>
<p>Für Hagar war da kein Platz mehr. Und schon gar nicht für das helle Kinderlachen Ismaels. Sie waren plötzlich nur noch Bedrohung, nur noch das fünfte Rad am Wagen, nur noch Erinnerung an die Zeit als der Glaube nicht stark genug war. Sie mussten weg! Und möglichst schnell!</p>
<p>Jetzt sind sie hier. Endstation. Sengende Sonne. Unendliche Wüste. Und nichts. Ganz, ganz viel nichts.</p>
<p>Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,</p>
<p>Das hätte so eine schöne Triumphpredigt werden können heute: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Ich hätte den Römerbrief aufschlagen können und wunderschöne Worte lesen, vom Glauben den Gott schenkt aus dem Hören des Evangeliums.</p>
<blockquote>
<p>Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Römer 10,9)</p>
</blockquote>
<p>Und wir, die Gesegneten, Erben der Verheißung, säßen glückselig lächelnd hier in der Kirche und freuten uns an dem Reichtum des Guten, mit dem uns Gott aus Gnade durch Christus beschenkt.</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).</p>
<p>Stattdessen: Hitze. Wüste. Nichts. Endstation.</p>
<p>Was soll das?</p>
<p>Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,</p>
<p>Wir sind gesegnet. So viele von uns. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Es tut gut, daran zu denken, sich daran zu freuen.</p>
<p>Wir sind gesegnet, geliebt, gerettet.</p>
<p>Und dann gibt es Hagar in der Wüste. Und unsere Welt ist voll von Hagars. Voll von denen, die keine Hoffnung mehr haben. Die alles verloren haben. Die keine Zukunft mehr haben. Nur noch Endstation und ganz, ganz viel nichts.</p>
<p>Sie schwitzen in den stickigen Textilfabriken von Bangaladesh. Sie schufften in den Minen des Kongo. Sie bluten als Kindersoldaten in Myanmar und Somalia. Sie waten durch die ungeklärten Abwasser der Slums in Kolkata. Sie stochern in unseren Konsumabfällen auf den riesigen Müllkippen in Afrika. Sie brechen aus aus aussichtsloser Armut und wandern durch die erbarmungslose Sahara, werden unterwegs ausgeraubt, entführt, vergewaltigt, werden in lybischen Lagern gefoltert, in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer ausgesetzt und ertrinken unter den Augen des reichen Europas im Mittelmeer. Unter unseren Augen. Oder sie schaffen es an Land, wo wir sie in menschenunwürdige Lager sperren, hier, auf unserem Kontinent.</p>
<p>Die Welt ist voll von Hagars und voll von Hitze, Staub, Steinen, Endstation und ganz viel Nichts.</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).</p>
<p>Das klingt wie Hohn in ihren Ohren!</p>
<p>Und, schaut, das soll jetzt keine politische Predigt werden, auch wenn heute Wahltag ist und tatsächlich jeder von uns heute die Chance hat, mal über den eigenen Gartenzaun hinauszuschauen und die Hagars der Welt mit in den Blick zu nehmen, für die es keine Hoffnung gibt, nur Nichts.</p>
<p>Im Gegenteil. Die Hagars dieser Welt gibt es ja nicht nur in den Slums und Müllkippen, in den Flüchtlingslagern und Minen und auf pazifischen Inseln, die der Klimawandel im Meer versinken lässt. Die Hagars der Welt gibt es hier in Bitz/Burladingen und man sieht es ihnen oft gar nicht an, dass da nur noch Leere ist, nur noch Steine und Staub und Nichts; dass da keine Zukunft mehr ist, weil sie zerstört wurde, oft grausam und kalt; dass sie angekommen sind an der Endstation und ihre Hoffnung endgültig im Sterben liegt. Vielleicht sitzen manche sogar in diesem Raum, heute Morgen, für die es wie Hohn klingt, wenn wir triumphieren:</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).</p>
<p>Und deshalb muss diese Hagargeschichte gehört werden, auch wenn sie uns aufstößt und reibt und wir uns viel lieber einfach gefreut hätten, dass wir geliebt, gesegnet und gerettet sind. Weil Geschichte sich wiederholt und Hagar heute wieder in der Wüste hockt, an der Endstation, und nur noch bitter weinen kann.</p>
<p>Und weil die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist an dieser Stelle.</p>
<blockquote>
<p>Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben.</p>
</blockquote>
<p>Gehört. Gott hat gehört.</p>
<p>Gesehen. Gott hat gesehen.</p>
<p>Und Gott war mit dem Knaben (und seiner Mutter natürlich auch).</p>
<p>Sollte Gott nicht ganz woanders sein? Ist Gott nicht bei Abraham und Sara, bei den Gesegneten, bei den Lachenden. Ist Gott nicht dort, wo Verheißung erfüllt wird und Segen fließt, wo Hoffnung blüht und Zukunft leuchtet? Ist Gott nicht dort, wo man begeistert triumphiert: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).</p>
<p>Ja, da ist Gott sicher auch. Zum Glück.</p>
<p>Aber entscheidend ist, dass er hier ist. In der Wüste. Dass er hört. Dass er sieht. Dass er die im Auge behält, für die sich keiner interessiert. Dass Hagar ihm wichtig ist und Ismael etwas zählt in seinen Augen.</p>
<p>Dass er Hoffnung gibt und Zukunft, wo es Nichts mehr gibt, aber auch wirklich gar nichts mehr außer ganz, ganz viel Nichts. AN der Endstation.</p>
<p>Da ist Gott.</p>
<p>Gott ist kein Gott der Triumphierenden, der Sieger, der Starken. Dass er da auch ist, ist ein Glück, ein Trost, aber wie Gottes Herz wirklich schlägt, sieht man genau woanders: in der Wüste. Bei den Schwachen. Bei den Sklaven, bei den Opfern, bei den Hoffnungslosen. Da leuchtet seine Herrlichkeit. Jahwe. Ich bin der ich bin. Ich bin für euch da. Der Gott, der Sklaven aus Ägypten holt. Der Gott, der ein unbedeutendes Volk erwählt. Der Gott, der für die Armen sorgt, für die Witwen und Waisen. Der Gott, der sich selbst klein macht, schwach und arm und Mensch wird, in Jesus Christus. Nicht um hier zu triumphieren. Nein, er geht die niedrigen Wege des menschlichen Lebens. Er wendet sich denen zu, die keine Kraft haben, keine Hoffnung und keinen Fürsprecher. Den Aussätzigen. Den Ausgestoßenen. Den Frauen und Kindern, den Kranken, den stadtbekannten Sündern. &quot;Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.&quot; (Matth. 9,12). Er kennt die Niedrigen und macht sich eins mit den Schwachen, selbst bis zur Endstation. Er stirbt mit den sterbenden Hoffnungen der Hagars dieser Welt am Kreuz.</p>
<p>Er schenkt sich uns selbst. Sich, und sein Leben. Und er ist Auferstanden und mit ihm die Hoffnung für die an der Endstation.</p>
<p>Gott sieht die Hagars dieser Welt.</p>
<p>Gott sieht dich, Hagar. Gott hört dich, Hagar.</p>
<p>Gott liebt dich, Hagar.</p>
<p>Er weiß, wie es aussieht. Er kennt die sterbenden Hoffnungen und die, die schon gestorben sind. Er weiß um das ganze, große weite Nichts.</p>
<p>Was ist mit dir, Hagar?</p>
<p>Fürchte dich nicht, denn Gott hat gehört.</p>
<p>Steh auf!</p>
<p>Wo du das hörst; wo du ihn kommen siehst; wo du das begreifst und dich auf ihn verlässt in deiner Hoffnungslosigkeit -- denn sich auf ihn verlassen, genau dass ist es, &quot;Glaube&quot; -- wo das geschieht und du an seiner Hand aufstehst, da kann es auch bei dir geschehen -- Hagar:</p>
<p>Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).</p>
<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Hagar hat nichts mehr, hat alles verloren. Endstation. Reden vom Glaube, der die Welt überwunden hat, klingt wie Hohn in ihren Ohren. Aber Gott hat Hagar nicht aufgegeben.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Ganz, ganz viel Nichts und Gottes Stimme</itunes:subtitle>
        <itunes:explicit>no</itunes:explicit>
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        <title>Weißt du, wie viel Sternlein stehen?</title>
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        <pubDate>Sun, 17 Sep 2023 00:00:00 GMT</pubDate>
        <description>Nicht immer leuchtet das Vertrauen auf Gottes Verheißungen hell in meinem Leben. Wenn es dunkel wird, brauche ich Erinnerungen an ihn, die mich wieder glauben lassen. Dann knipst Gott seinen Sternenhimmel über mir an und ich weiß es wieder, dass er auch mich kennt und mich liebt.</description>
        <content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p>Diese Predigt zum Vorstellungsgottesdienst der Konfis habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Gottfried Engele gehalten. Der Predigttext (Genesis 15,1-6) wurde bereits früher im Gottesdienst von den Konfis gelesen. Vor der Predigt haben wir &quot;Weißt du, wie viel Sternlein stehen?&quot; (EG 511) gesungen.</p>
</blockquote>
<p>[Fischer] &quot;Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?&quot;</p>
<p>[] Das Lied weckt Kindheitserinnerungen. Wir haben das gesungen, als wir klein waren, abends, vor dem Schlafengehen. Die ruhige Melodie, die Bilder von Sternen und Wolken, von Mücken und Fischen, haben uns eingelullt. Wir haben uns hineingelegt in die Bögen der Melodie, hineingekuschelt in die vertrauten Bilder. Das Lied besingt, dass alles, was existiert, fest in Gottes Hand ist. Er hält seine Hand darüber--und wer in seiner Hand ist, bleibt sicher und geborgen, egal was kommt. &quot;Weißt du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf&quot;, haben wir gesungen und dann waren wir selbst ein Teil der Bilder. Wir waren selbst Teil derer, die sich in seiner Hand geborgen wissen, &quot;dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?&quot; In dieser Gewissheit sind wir ruhig eingeschlafen: &quot;Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen; kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.&quot;</p>
<p>[Engele] Der alte Abram zählt keine Sterne mehr. Der Sternenhimmel hat seinen Reiz verloren. Überhaupt lässt er sich nur noch schwer von irgendetwas begeistern. Zu frustrierend ist das Leben geworden. Er ist alt. Lang ist es her, seit er mit seiner Frau und seinen Dienern, mit Kamelen, Schafen und Ziegen -- seinem gesamten Besitz -- die Heimat verließ. Andere mögen damals den Kopf geschüttelt haben, aber für Abram war klar: Gott hat mich gerufen. Gott hat mich erwählt. Ich bin mit Gott unterwegs. Ich weiß zwar auch noch nicht wohin, aber Gott wird es schon wissen. Er wird seine Versprechen erfüllen. Seinen Segen. Ein Land. Und vor allem: Ganz viele Nachkommen! Ein ganzes Volk, durch das die Erde gesegnet werden soll. Vor Abrams innerem Auge müssen diese Verheißungen damals aufgeleuchtet haben wie der schönste Sternenhimmel. Begeistert von Gott war er unterwegs ins Unbekannte. Aber das machte ihm nichts aus. Solange Gott mit ihm war, wollte er gerne vertrauen.</p>
<p>[Fischer] Das ist lange her. Jahre sind vergangen. Viele Jahre. Abram und seine Frau sind alt geworden. Grau. Vielleicht auch etwas gebeugt von der Last der Jahre. Viele Abenteuer haben sie erlebt. Mit Gottes Hilfe haben sie vieles überstanden. Ein Land, eine neue Heimat hat er ihnen geschenkt -- schöner, als sie es sich hätten erträumen lassen. Die Geschichte könnte so ein wunderbares Happy End haben -- wäre da nicht die Sache mit den Nachkommen. Denn nach all den Jahren haben Abram und Sarai immernoch keine Kinder.</p>
<p>[Engele] &quot;Macht nichts&quot;, haben sie oft gesagt. Gott weiß schon was er tut. Er handelt, wenn Zeitpunkt gekommen ist. Dann trifft ein, was er zugesagt hat: Ein Kind. Ein Erbe. Der erste von vielen. Gott weiß das schon. Sicher haben viele gelächelt über den kauzigen Abram und seine Marotten. &quot;Lass sie doch&quot;, hat Abram lange gemeint. Ganz lange. Aber mit der Zeit haben sich die Fragen auch in sein Herz gebort. Was, wenn Gott doch nicht handelt? Was, wenn das alles nur leere Hoffnung auf nichts war? Was, wenn ich mich damals einfach getäuscht habe. Mit jedem Tag wird Abram älter und Sarai auch. Längst sind sie aus dem Alter heraus, in dem man Kinder bekommt. Ihr Glaube ist zäh und trotzig. Aber die Fragen sind es auch.</p>
<p>[Engele] &quot;Fürchte dich nicht, Abram!&quot;, sagt Gott. Nach langer Zeit endlich wieder ein Lebenszeichen von ihm. Abrams Antwort ist bitter. Die Fragen, die so lange unter der Oberfläche brodelten, brechen aus ihm heraus: &quot;Herr, Herr, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder!&quot; In Abrahams Nacht leuchten keine Sterne. Da ist das letzte Fünkchen Hoffnung gerade verglommen. Der Glaube, der so lange gehalten hat -- er trotzt nicht mehr. Von Gott kann er nichts mehr erwarten. &quot;Was willst du mir geben, Herr?&quot; So viele verpasste Gelegenheiten. So viele enttäuschte Erwartungen. So viele Hoffnungen, die nicht war wurden. Jede davon hat das leuchtende Licht der Versprechen, auf die Abraham sich verlassen hat, ein bisschen mehr verdeckt. Und jetzt ist es finster.</p>
<p>[Fischer] &quot;Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?&quot;, singe ich selten, seit ich groß geworden bin. &quot;Weißt du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf?&quot;, habe ich früher gesungen, aber nun, viele Lebensjahre später, da gibt es auch die Tage, an denen ich am liebsten gar nicht aufstehen würde. Zu groß und drückend ist da manchmal das, was mir tagsüber begegnet. Die Sorgen drücken auf das Leben. Das helle Leuchten der Freude über Gottes Verheißungen schimmert oft nur noch dämmrig durch den dunklen Nebel. Längst habe ich lernen müssen, dass wir nicht immer &quot;ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf&quot;. Und manchmal verliere ich dann das Leuchten komplett aus den Augen. Dann ist es finster.</p>
<p>[Engele] &quot;Fürchte dich nicht, Abram!&quot;, sagt Gott. Und er schickt ihn vors Zelt. Da steht er nun und legt den Kopf in den Nacken. Die Wüstennacht ist still und dunkel. Kein Licht der Zivilisation überlagert das, was sich über Abrahams Kopf abspielt: So viele Sterne. Wie viele das wohl sind? &quot;Weißt du, wie viel Sternlein stehen?&quot;</p>
<p>[Fischer] Abram steht und staunt. Hätte er damals ernsthaft begonnen zu zählen, dann wäre er bis heute noch nicht fertig geworden. Auf 70 Trilliarden schätzen Wissenschaftler die Zahl der Sterne im Universum. Mit so großen Zahlen kann keiner von uns umgehen. &quot;Trilliarden&quot; sind Angaben, die uns schon gar nichts mehr sagen, weil sie viel zu groß sind für unser kleines Hirn. Um die Zahl zu schreiben, braucht man 22 Nullen nach der Sieben. Weißt du, wie viel Sternlein stehen? 70 Trilliarden.</p>
<p>[] Abram steht und staunt. Dass die Sterne nichts mit dem Fortgang seines Lebens zu tun haben, weiß er auch. Er steht und staunt vor dem unendlichen Sternenhimmel. Jedes Pünktchen, das da leuchtet, wird für ihn zu einer Erinnerung an das, was er vergessen hatte: Dass Gott unendlich über das hinaus handeln kann, was wir uns vorstellen können. Gott hat keine Grenzen. Für das, was er tun will, gibt es kein &quot;zu alt&quot; oder &quot;zu lange&quot; oder &quot;zu schwierig&quot; oder &quot;zu viel&quot;. Abraham steht da und staunt und wird beleuchtet von der Erinnerung an die Güte und Treue Gottes. Aus der Dunkelheit seines Herzens ist der schönste Sternenhimmel geworden.</p>
<p>[Engele] &quot;Fürchte dich nicht, Abram!&quot;, sagt Gott. &quot;Geh hinaus. Sieh gen Himmel und zähle die Sterne.&quot;</p>
<p>[] Und Abram glaubt. Mehr braucht es gar nicht. Keine Diskussion. Keine theologische Abhandlung. Keine langen Erklärungen.</p>
<p>[] Gott hat genau gewusst, was Abram brauchte. Er hat für Abram seinen Sternenhimmel angeknipst.</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Fischer] Weißt du, wie viel Sternlein stehen?</p>
<p>[] &quot;In mir ist es finster&quot;, betete Dietrich Bonhoeffer in einem seiner ganz bekannten Gebete. Oft genug habe ich es mitgegebetet. Ich verstehe, was er meint. &quot;In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.&quot;</p>
<p>[] Wer Dietrich Bonhoeffers Lebensgeschichte kennt -- seinen Widerstand gegen die Nazis, seine lange Haftzeit im Konzentrationslager Flossenbürg und dann am Ende diesen völlig sinnlosen Tod ganz kurz vor Ende des Krieges -- wer diese Lebensgeschichte kennt, der bekommt beim Lesen dieser Worte eine Ahnung davon, dass Gott auch damals, in der großen Dunkelheit, in der Eiseskälte des Hasses und der Zerstörung, seine Himmelslichter angeknipst hat.</p>
<p>[] Weißt du, wie viel Sternlein stehen?</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Engele] Ich glaube nicht, dass Gott seine Zeit damit verbringt, Sterne zu zählen. Ich bin mir sicher, er schaut vielmehr auf uns, auf seine Menschen und auf alle seine Geschöpfe. Auf die, die er liebt. Kleine Punkte, so weit das Auge reicht. Aber der, der um jeden Stern weiß, verliert keinen je aus seinen Augen. Er ist nicht überfordert von der großen Zahl. Jede:r Einzelne ist ihm wichtig. Er kennt dich. Er sieht dich. Er weiß, was du brauchst. Du bist ein Teil derer, die in seiner Hand geborgen sind. Und niemals lässt er dich los.</p>
<p>[] Weißt du, wie viel Sternlein stehen? Er weiß es. Er vergisst es nicht.</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Fischer] Nie habe ich so viele Sterne gesehen wie damals, in jener Nacht bei Bad Rippoldsau im Schwarzwald. Ich war mit den Pfadis dort. Nach einem langen, lauen Sommerabend kam die Dämmerung und wir legten uns, weil es so schön war, nicht ins von der Tageshitze stickig gewordene Zelt, sondern blieben einfach draußen liegen, im weichen Gras. Gut eingepackt in meinen Schlafsack lag ich dort bequem auf der Wiese und schaute nach oben. Im tiefsten Schwarzwald war unser Zeltplatz weit weg von jeder Art von künstlichem Licht, das sonst oft das Bild des Sternenhimmels überdeckt. Ich lag und schaute nach oben und die Nacht hätte nie ausgereicht, um alles zu zählen, was da über mir funkelte.</p>
<p>[] In jener Nacht lag ich da und hatte eine Ahnung, dass ein Abenteuer vor mir liegen würde. Am Tag zuvor hatte auf einer Wanderung hoch oben in den Schwarzwaldhöhen mein Handy geklingelt und durch alles Rauschen und alle Abbrüche in der äußerst schlechten Verbindung hatte jemand das erste Mal einen Namen in mein Ohr geflüstert, der bald schon Teil meines Lebens sein sollte: Pia war geboren. Zwei Monate später haben meine Frau und ich unsere dritte Tochter dann adoptiert. An diesem Abend auf der Wiese war es noch längst nicht soweit und ich konnte nur ahnen und träumen und hoffen, von dem, was uns da erwarten würde. Vorfreude. Fragen. Vielleicht auch manche Sorgen. Und über dem allen hat Gott seinen Sternenhimmel angeknipst.</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Fischer] Jetzt stehen wir als Familie wieder vor einem Abenteuer. Nach fünf wunderbaren Jahren hier in Tailfingen heißt es, das wissen viele von euch schon, aufbrechen. Ein neuer Ort, eine neue Stelle. Dass einer der Teilorte meiner nächsten Pfarrstelle auch Tailfingen heißt, ist da vielleicht ein Augenzwinkern Gottes, der ja weiter mit uns geht. Was dort alles auf uns zukommt, das können wir nur ahnen. Vorfreude. Fragen. Und mindestens ein weinendes Auge, wenn wir Albstadt hinter uns lassen. Wir schauen zurück und schwelgen in schönen Erinnerungen. Wir schauen noch vorne und sehen noch nicht viel. Wenn wir nach oben schauen, dann leuchtet da immer noch der Reigen von Gottes funkelnden Sternen. Eine Erinnerung: &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Engele] Ich weiß nicht, wie du gerade ins Leben schaust. Viele von uns hier sind schon eine ganze Weile auf dieser Erde unterwegs. Wir kennen die Kurven, die das Leben manchmal überraschend mit sich bringt. Wir wissen um die Sorgen, um die schweren Tage, die es immer wieder gibt. Vielleicht hast du auch deinen Anteil von Enttäuschungen erlebt. Was früher hell und fröhlich und unbeschwert war, ist trüber und dunkler geworden.</p>
<p>[] Andere, wie die Konfis, die sich heute vorstellen, starten ja gerade eigentlich erst so richtig durch: Hinein ins Erwachsenwerden. Die Zukunft liegt vor euch. Entscheidungen, Gestaltungsräume. So viel zu entdecken! So viel zu erreichen! Vielleicht geht ihr beschwingt da hinein. Vielleicht auch voller Fragen und Sorgen.</p>
<p>[] Egal wo ihr heute steht: Nehmt euch Zeit für den Blick nach oben. Dort knipst Gott noch immer in jeder dunklen Nacht seinen Sternenhimmel für uns an. Und wenn da über uns mehr funkelt, als wir jemals zählen könnten, dann ist jeder kleine Lichtpunkt am dunklen Firmament eine Erinnerung daran, dass er keinen von uns jemals vergisst.</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[Fischer] Und dann gibt es da noch dieses andere Lied. Ein Schlager. Auch dort kommen Sterne vor: &quot;Ein Stern, der deinen Namen trägt&quot;. (Ich kenne so was ja nur, weil meine Mädels dazu Let's Dance auf der Wii gespielt haben.) Vielleicht ist das ja heute viel eher der Song für dich. Vielleicht ist ja nämlich gerade gar nicht so ein Tag, an dem alles trüb und dunkel ist bei dir. Vielleicht ist es sonnig und hell und dein Glaube ist stark und tatenlustig. Wenn oft ein kleines Leuchten ausreicht, um in der dunklen Nacht der Hoffnungslosigkeit wieder Glauben zu wecken -- wie bei Abram -- dann stell dir vor, wie toll es wäre, wenn du heute einer anderen Person ein solches Licht werden könntest. Vielleicht ist gerade die Hoffnung, die dich trägt, die Lichtquelle, die andere brauchen, um die Freude wieder zu finden. Leb deinen Glauben nicht nur für dich! Lass deine Hoffnung leuchten!</p>
<p>[Engele] Weißt du, wie viel Sternlein stehen?</p>
<p>[] Vielleicht bist am Ende du genau der eine davon, den es braucht, damit andere es in der Dunkelheit hören:</p>
<p>[] &quot;...kennt auch dich und hat dich lieb!&quot;</p>
<p>[] Dann wäre das Funkeln am Himmel über Tailfingen noch ein kleines Stückchen schöner.</p>
<p>[] Amen.</p>
]]></content:encoded>
        <itunes:author>Christoph Fischer</itunes:author>
        <itunes:summary>Nicht immer leuchtet das Vertrauen auf Gottes Verheißungen hell in meinem Leben. Wenn es dunkel wird, brauche ich Erinnerungen an ihn, die mich wieder glauben lassen. Dann knipst Gott seinen Sternenhimmel über mir an und ich weiß es wieder, dass er auch mich kennt und mich liebt.</itunes:summary>
        <itunes:subtitle>Wenn Gott für mich den Himmel anknipst</itunes:subtitle>
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